Ausgabe 
10.5.1938
 
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Aus der Stadt Gießen.

den Hals, die sengend und rauhenb in die Mark ein- fielen. Da rückte der Kurfürst in Eilmärschen aus dem Elsaß heran, schlug die Schweden am 25. Juni 1675 bei Rathenow und am 28. Juni bei Fehr­bellin. Dieser Sieg, über die gefürchtetste damalige Militärmacht daoongetragen, erweckte den Jubel aller Deutschgesinnten. Im gleichen Sommer erschien in Straßburg ein Volkslied, das ihm zum ersten Male den Beinamen des Großen verlieh. Der Schwe- denzerschmetterer erfüllte zugleich eine nationaldeutsche Aufgabe, und der Fall der schwedischen Festungen Vorpommerns, sein Winterfeldzug nach Kurland machten chn zum größten Kriegshelden seiner Zeit. Der Preis dieser Anstrengungen aber blieb aus. Die Holländer wurden eifersüchtig, der habsburgische Hof hielt es lieber mit den Schweden, und im Frieden von St. Germain mußte der Kurfürst das den Schweden abgenommene Vorpommern heraus­geben. Bekannt ist fein zornerfüllter Spruch: Möge aus meiner Asche dereinst der Rächer entstehen! Immerhin: Der Brandenburger herrschte von Jülich und Kleve bis Tilsit und Memel Über ein Gebiet," das alle Keime seiner zukünftigen Größe in sich trug und das einheitlich verwaltet wurde. Die WestOstachse durch Rorddeutschland war. teilweise gelegt und befestigt worden.

Aber nicht minder groß war die Bedeutung des Kurfürsten für eine neue Politik im Innern. Er suchte die verödeten Aecker wieder durch die Her­anziehung von Ansiedlern fruchtbar zu machen, be­freite den Handel und das Gewerbe von mittel­alterlichen Schranken und baute Kanäle, so den Müllrosekanal, gleichzeitig schuf er eine Post, und durch die Erhebung einer für alle Provinzen gleich­mäßigen Mahl-, Schlacht- und Brausteuer gewann er die Mittel, um das stehende Heer zu erhallen. Als er starb, hatte das Land bei kaum einer Mil­lion Einwohnern eine glänzende Truppe vonLO 000 Mann. Reben der Infanterie schuf der Kurfittst die Dragoner, die gleich gut im Kampf zu Fuß wie zu Pferde ausgebildet' waren und von denen der kaiserliche General von Dünewald zum Kurfürsten sagt?:Mit Ihren Dragonern jage ich den Teufel aiis der Hölle." Daß der Kurfürst eineafrika­nisch-brandenburgische Handelskom- pagnie" gründete, eine kurbrandenburgische Flotte schuf und an der afrikanischen Goldküste durch den Major Otto Friedrich von der Gröben nicht nur die Forts Groß-Friedrichsburg, Accade, Arguin und Taccarary anlegte, daß er also in der Flotten- und Kolonialbetättgung eine künftige Notwendigkeit Deutschlands sah, ift im damaligen Deutschland ge- radezu unerhört. Die Niederländer haben nach seinem Tode diese Schöpfung zu Fall gebracht. Für die nächste Zukunft seiner Lande war besonders seine Toleranzpolitik bedeutsam. Als die Jesuiten Ludwig XIV. von Frankreich zur Aufhebung des Ediktes von Nantes bewogen und eine grausame Verfolgung der Reformierten einsetzte, lud der Große Kurfürst durch das Potsdamer Edikt vom 8. November 1685 die flüchtenden Hugenotten ein, und rund 15 000 folgten der Aufforderung und wurden ein sehr betriebsamer Teil der Bevölkerung seiner Staaten. Die Gefahr eines neuen katholischen Ausrottungskrieges bewog ihn ferner dazu, im glei­chen Jahre einen Vertrag mit den Niederländern abzuschließen, denn ttotz aller politischen Rivalität waren Holland und Brandenburg durch die Katholi- sierungsbestrebungen von Versailles und durch die Thronbesteigung des katholischen Königs Jakob IL in England in die äußerste Gefahr gebracht worden.

Ohne das Werk des Kurfürsten hätte Preußen und das neue Deutsche Reich nicht enstehen können. Das ist feine Größe, das seine geschichtliche Sen- düng. Als er am 9. Mai 168^ an der Wassersucht starb, konnte er das Bewußtsein mit hinüber neh­men, aus einem ausgebrannten und verfallenen Hause Brandenburg einen starken und ordentlichen Bau gemacht zu haben.

Der Reichslriegerführer spricht am Mittwoch im Hundfunk.

Der Kreisführer des NS. Deutschen Reichskrieger- bundes, Kreisverband Gießen, gibt heute bekannt, daß der Reichskriegerführer ^-Gruppenführer Ge­neralmajor a. D. Reinhard am 11. Mai, abends, im Rundfunk zu allen ehemaligen Soldaten sprechen wird.

Waffe Kochlöffel. '

Man hat früher gern den Kochlöffel, die Kelle, mit einem Zepter verglichen, unter dessen Zeichen die Hausfrau in ihrem Reich der Küche wallet, schallet und regiert. Uns erscheint der Kochlöffel nicht niehr so sehr als Symbol der unbeschränkten Herrschaft und Macht, sondern als eine Waffe, allerdings gleichfalls in übertragener Bedeutung. Nämlich als eine Waffe, mit der die deutsche Frau sich in den friedlichen Kampf der Er.^ugungsschlacht innerhalb des Vierjahresplans einreiht, um Deutsch­land die Nahrungsfreihell zu erringen. Jede Haus­frau weiß, welchen Sinn die deutsche Nahrungs­freiheit hat, daß sie ein für allemal eine Einengung unserer Handlungsfreihell durch Heraufbeschwörung von Nahrungssorgen infolge äußerer Einwirkungen verhindern soll.

Die Ernährung Deutschlands ist durchaus ge­sichert. Es handell sich lediglich darum, die Er- zeuaniffe, die der deutsche Boden genügend und in reichlichem Maße hervorbringt, zu bevorzugen und mehr zu verbrauchen, und die Nahrungsmittel, die uns nicht in solchen Mengen zuwachsen, die wir vom Auslande einführen und mit Bardevisen be­zahlen müssen, weniger zu verbrauchen. Am Bei­spiel der eigenen Vorratskammer soll das klarer gemacht werden: Nehmen wir einmal an, mir haben große Mengen an Kartoffeln, Zucker, Graupen, Haferflocken, Sago, Quark ujm. im Hause, dann wird doch jede vernünftige Hausfrau, ganz beson­ders, wenn ihr Wirtschaftsgeld im Falle Deutsch­lands die Devisen knapp bemessen ist, die vor­rätigen Dinge verwenden und nicht andere Lebens- mlltel wahllos einkaufen. Das vernünftige Haus­hallen der tüchtigen Hausftau hat der deutsche Staat ganz einfach zum Vorbild für die gesamte Ernährungswirtschaft gemacht.

Den Kochlöffel als Waffe für Deutschlands Nah- rungsfreiheit verwenden, heißt nichts anderes, als eine tüchtige, vernünftige und sparsame Hausfrau sein. Dazu gehört auch, daß sie in Zukunft in ver- tärttem Maße Erzieherin ihrer Famllie wird und dafür sorgt, daß gegeffen wird,was die Helle gibt", nämlich das, was der vom deutschen Baden und nicht der am Schreibtisch geschriebene Küchen- zettel verlangt. Es liegt an der Tüchtigkeit der Hausfrau, daß die Umstellung auf die zu bevor­zugenden, reichlich vorhandenen Lebensmittel durch­aus zu keiner Revolution in der Küche und zu keiner völligen Abkehr von den bisherigen gebens* gewohnhellen zu werden braucht. In der Beschrän­kung zeigt sich erst der Meister. Manche Hausfrau wird es aus eigener Erfahrung wissen, daß gerade dann von ihr die schönsten Gerichte und Zusammen- stellungen erfunden wurden, wenn man mit dem vorlieb nehmen mußte, was gerade vorhanden mar. Nicht Schmalhans soll in Deutschland Küchenmeister sein, sondern Frau Tüchtig und Frau Finding; nicht Hunger ist der beste Koch, sondern Verant- mortung!

Welches sind nun die Lebensmittel, die von uns im verstärkten Maße verbraucht werden sollen? Es sind Zucker, Graupen, Grütze, Haferflocken, ent­rahmte Mllch, eiweißreicher Käse, Halbfettkäse, Speisequark, ferner Kartoffeln und Sago aus Kar­toffelmehl, Fische, Wintergemüse und schließlich Marmelade und Marmeladeerzeugnisse. Diese Nah- rungsmittel sind nicht nur zur Zell im Ueberfluh vorhanden, sondern sie werden uns auch künftig dank der Erzeugungsschlacht noch reichlicher zur Verfügung stehen. Was die erwähnten pflanzlichen Nahrungsmittel betrifft, so sind es gerade solche, die je Hektar der Anbaufläche die meisten Nähr- werte-Einhellen erzielen, deren Anbau also bei kleinster Fläche den größten Nahrungsnutzen bringt Bei Fett und Fleisch, deren Verbrauch bei uns er­heblich über dem Vorkriegsstand liegt, ist es gerade umgekehrt; denn hierfür müssen erst Futtermittel angebaut werden, der Erzeugungsweg ist also länger und der Nutzen an Kalorien geringer. Dar­über, daß eine fett- und fleffchärmere Nahrung nicht nur billiger, sondern auch gesünder ist, sind sich wohl alle Ernährungswissenschaftler einig.

Die deutsche. Hausftau handhabt den Kochlöffel als Waffe für Deutschlands Nahrungsfreiheit, wenn

sie das Wort beherzigt, das Hermann Goring, der Beauftragte des Führers für den Vierjahresplan, im Sportpalast sagte:Es ist eine Sünde, wenn man immer gerade das kaufen und das haben will, was tm Augenblick eben nicht durch die Natur her­vorgebracht wird!" O. E. O.

Dornotiren.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 22.15 UhrCandida". Gloria-Palast, Seltersweg: .Kleiner Mann ganz groß". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Signal in der Nacht". Wettbewerb HJ.-Heirn, Gießen: Aus­stellung der Entwürfe in der Dolkshalle (Empore) von 16 bis 18 Uhr. Oberhefsischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung Landschaften feiner Heimat" von Richard Walter, Darmstadt.

ReueinstudierungCandida" im Stabfttjeater.

Heute abend NeueinstudierungCandida", ein Mysterium in drei Akten von Bernard Shaw. Spiel­leitung Wolfgang Kühne. Bühnenbild: Karl Löffler. Für die Rolle des Marchbanks wurde Wolfgang Büttner von den Städtischen Bühnen, Frankfurt am Main verpflichtet. Die Vorstellung findet gleich­zeitig ass 30. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr.

Einmaliges GastspielBallett Üahnonba.

Das Stadttheater Gießen hat für Donnerstag, 12. Mai, dasBallett Rairnonda" vom PHnce of Wales und Empire Theatre London für ein ein­maliges Gastspiel verpflichtet. Das einmalige Gast­spiel findet außer Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.

Dom Gleichstrom zum Wechselstrom.

Das städtische Elektrizitätswerk hat jetzt die Um- fteüungsarbeiten von Gleichstrom auf Wechselstrom im-Zuge der Licher Straße und der Kaiserallee mit Einschluß der Nebenstraßen eingeleitet Die Straßen- arbeiten sind ziemlich schnell vorgeschritten. In dem Straßenstück von derStadt Lich" bis zur Georg- Philipp-Gail-Straße wird der Bürgersteig schon wieder gepflastert. In der Georg-PHilipp-Gail- Straße stehen die Arbeiten vor dem Abschluß, und jetzt sind bereits die Ausschachtungsarbeiten in der Landmannstraße vorgenommen worden. Die Aus­führungen dieser Umstellungsarbellen nimmt viel

Am 18. bis 20. Juni begeht das Infanterie- Re gimemt 116 die Feier feines 125jähri- gen Bestehens. Diese Feier ist ein Ehrentag des Regiments im schönsten Sinne des Wories.

Große Taten haben das Regiment und ferne Stammtruppen vollbracht. An fast allen kriegeri­schen Ereignissen der letzten 125 Jahre hat das 116er Regiment mit Auszeichnung teilgenommen. Treue und Hingebung haben das Regiment über die Schlachtfelder geführt und der ernsten Friedens- arbeit sicheren Rückhalt gegeben.

Zu großen Taten gehören tapfere und tüchtige Männer, und die hat das Regiment allezeit ge­habt. Siegreiche Führer auf dem Schlachtfelde und hervorragende Erzieher in stiller Friedensarbeit. Erst vor wenigen Tagen fanden die Leistungen des E Batl. des Regiments besondere Aner- kennungdurch d e n K o m m a n d i e r e n d e n General.

Die großen Kriegstaten haben auch große Opfer gefordert. Viele haben die ruhmreichen Blätter der Geschichte des Regiments mit chrem Blute besiegelt und sich damit für alle Zeiten ein unauslöschliches Gedenken gesichert. Der treuem und tapferen Söhne des Vaterlandes wird an dem Jubelfeste aufs neue in Liebe und Dankbarkeit gedacht. Der reiche Inhalt der verflossenen 125 Jahre des Regiments ist ein wertvolles Vermächtnis.

Was auch die Zukunft bringen wird, eins ift ge° I miß: die 116er werden sich stets der Geschichte

Zeit in Anspruch, so daß die Vollendung noch ge­raume Zett dauern dürfte.

Als nächster Bezirk wird die llmstelluna des Stromes in der Steinstraße und in der Marburger Straße erfolgen. Die Umstellung von Gleichstrom auf Wechselstrom in der ganzen Stadt dürfte noch geraume Zeit in Anspruch nehmen.

Feuerwehren besuchen das Gießener Wasserwerk. Es gehört nun schon mit zu den schönsten Ge- pslogerchetten der Gießener Freiwilligen Feuerwehr, daß sie in ihrem Uebungsplan außer der notwendigen straffen Ausbildung der Feuerwehrleute auch kameradschastllche Ausflüge, verbunden mit einem nützlichen Zweck, vorsieht, um dadurch bei den Kameraden die Freude am Dienst immer mehr zu stärken.

So führte am Sonntag früh der Weg der Feuer­wehrmänner mit Autos zum Gießener Hochbehälter, der unter fachlicher Leitung des Betriebsinspektors Steckenmesser besichtigt wurde, dann weiter nach Queckborn zu den Quellen und Pumpanlagen der Gießener Wasserleitung. Dort hatten sich die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr W i e s e ck bereits eingefunden. Betriebsinspektor Steckenmesser machte sehr interessmtte Aus­führungen über die gesamten Anlagen, ihre Lei­stungen, den täalichen Wasserbedarf, die geplanten Erweiterungen der Quellenanlagen usw. Die Ka­meraden waren alle von dem Gehörten und Ge­sehenen sehr erfreut, denn es ist ihnen allen wert­voll, auch einmal an der Quelle des Elements zu fein, das ihnen bei ihrem Dienst und besonders im Augenblick der Gefahr das wichtigste Hilfsmittel zur Bekämpfung eines Brandes ist.

Die Rückfahrt ging über Grünberg nach Anne­rod, wo sich Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Annerod im Saale von Engel­hardt eingefunden hatten. Nach einer kurzen Be­grüßungsansprache von Hauptbrandmeister Koch ergriff Branüinspektor Lenz das Wort zu länge­ren Ausführungen. Er betonte u. a., nicht allein der Dienst solle die Feuerwehrleute zusammenfüh- ren, sondern darüber hinaus solle die Pflege der echten Kameradschaft mit die Hauptsache sein. Diese Kameradschaft zu erweitern und zu vertiefen fei mit der Zweck dieser Fahrt. Mit dem Sieg-Heil auf den Führer schloß Brandinspektor Lenz seine Ausführungen, die allenthalben beifällig ausgenom­men wurden. In ftoher kameradschaftlicher Unter­haltung verblieb man dann noch einige Zeit bei­sammen.

ihres Regiments würdig zeigen; sie werden chren alten, guten Rus auch in der Zukunft bewähren.

Gießen und die 116er.

Seit dem Jahre 1868 steht Gießen in engen Peziehungen zum Infanterie - Regiment 116. In dieser Zeit sind zwischen Bürgerschaft und dem Regiment so vielfache enge Beziehungen ent­standen, daß der Ehrentag des Regi­ments auch ein Jubel tag der Stadt ist.

In treuer Anhänglichkeit kommen am 18. bis 2 0. Juni die alten und jungen 116er zu chrem stolzen Regiment; die Erinnerungen an vergangene Tage werden wieder lebendig, manche Wieder- sehensfreude wird erfüllt, manch stilles Gedenken an brave Kameraden gefeiert.

Herzliche Willkommensgrüße aus freudig beweg­tem Herzen wird die Bürgerschaft der alten Gar­nison- und Universitätsstadt Gießen den zahl­reichen Gästen entgegenbringen. Sei es durch Be­reitstellung von Freiquartieren, durch Ausschmückung der Stadt und der Häuser oder durch Massenbeteiligung an den Großoeranstaltungen des Regiments. Gießen und Regiment 116 gehören zusam­men! Wie es in der Vergangenheit und Gegen­wart war, so möge es auch in der Zukunft sein!

Freiquartier - Anmeldungen bittet das Regiment direkt an das E Satt IR. 116 zu senden.

12S Lahre Lnsanterie-Hegimeni 116.

Fäden hin und her.

Vornan von Hedda Westenberger.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35

18 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Ach nein, wenn man's richtig nimmt, kann's so­gar ganz lustig fein, diese unglaubliche Durchsichtig­keit aller Menschen und Dinge, diese Wichtigkeit aüch der kleinsten Geschehnisie.

Und bann, wenn man selber unter die Menschen hier tritt! Jeder grüßt, jeder hat ein freundliches Wort im Vorbeigehen. Der Buchhändler weiß, welche Art Bücher man am liebsten lieft, und beim Bäcker bekommt man nur ganz blonde Brötchen, weil bekannt ist, daß man die anderen nicht mag. Der Briefträger schwenkt schon von weitem den Brief, auf den man wartet.

Und diese Gemeinschaft:Man" geht ins Thea­ter,man" hat Premiere,man" ist zum Kaffee­kränzchen,man" hört sich den Warschauer Pia­nisten an,man" hat seine armen Leute, die man kennt und pflegt und betreut alle find an allem beteiligt, alle wissen alles, alle fühlen sich verpflich­tet und verantworilich für alles.

Was hat gestern abend der Doktor gesagt? Man ist sogar vielleicht ganz glücklich hier, aber es ist ein dünnes und flaches Glück...

Ob nicht dem Doktor nur eine Frau fehlte, um fein dünnes und flaches Glück tief und voll zu machen?

Ich selber, wenn ich hier leben mühte, denkt Marga Montwill, ich wäre wahrscheinlich unerhört glücklich.

Vorausgesetzt natürlich, man hätte Mann und Kinder!

Sie will sich gerade vom Fenster abwenden, um sich endlich anzuziehen, da kommen unten auf der Straße drei Menschen in blauem Trainingsanzug gelaufen: zwei Männer und ein Mädchen.

Sie laufen vorschriftsmäßig mit angelegten Ellen- bogen, mit kleinen, gut abgerollten Schritten.

Sie laufen bis an die Hammerbachsche Haustür, und wie sie nun die Gesichter heben, erkennt Marga die beiden Doktoren und Monika. Sieh an, Wald­lauf treibt man hier in Eigelstein!

Und der alte Onkel Hammerbacher...

Unsinn, er ist nicht alt Er ist wirklich nicht alt. Man muß ihn nur anschauen. Famos sieht er aus, in dem sportlichen Aufzug. Und bitte, jetzt packt er

doch wahrhaftig das Mädchen Monika und schuttert sie. wie ein Kohlenmann einen Sack Kohlen, und trägt sie ins Haus. Unglaublich. Ach, Breda, guter alter Jupp, dir verginge ja das Herz vor Wehmut, könntest du das mit ansehen! Siehst du, so ist ein Mann, der ein gesundes und ausgefülltes uni) ver­nünftiges Leben geführt hat. Aber du? Dreißig Zigaretten am Tag und unzählige Taffen Kaffee und nie vor ein Uhr ins Bett und morgens blaß wie eine Wasserleiche und zurechnungsfähig immer erst ab vier Uhr am Nachmittag. Aber dieser da!

Das Mädel sieht übrigens entzückend aus. Merk­würdig, daß wir uns so spinnefeind gegenüberstehen. Ist sie vielleicht eifersüchtig? Denkt sie vielleicht, daß ich den Vater betören will?

Während oben Marga Montwill noch die Nase gegen das Fenster drückt, fällt unten die Haustür so kräftig ins Schloß, daß der Boden im Zimmer sanft erzittert.

Holla, das galt mir, lächelt Marga, das war des Doktors Pranke, so weckt erdiskret" die faulen Leute. Also Tempo!

Sie stürzt zum Waschtisch und gießt Wasser in die dickbauchige Waschschüssel. Brr, ift das kalt! Nee, da klingelt man besser nach einem bißchen Warmwaffer. Oder vielleicht kann man ein Bad kriegen, so ein recht heißes Bad?

Sie steht einen Augenblick unschlüssig, den Zeige­finger in dem eiskalten Wasser. Aber dann fallen ihr die drei Gesichter wieder ein, diese drei frischen, Eältegeröteten, glänzenden Gesichter über den Trai­ningsanzügen. Nein, in Eigelstein wäscht man sich nicht warm, da sitzt man aud) nicht plätschernd in der Badewanne. Da nimmt man einen großen, möglichst rauhen Lappen und schrubbt sich damtt ab, als wäre man sein eigener Kochtopf, und je röter die Haut, um so bester.

Los also, 351)ne zusammen und los!

Brrrrrr. Saukalt!

Pfui Teufel!

Und am gemeinsten sind die kleinen Ninnsale den Rücken hinunter. Ach, schon als Kind hat man laut gejammert, wenn der kalte Schwamm aufs Bäuchlein traf. Aber trotzdem.

Alles für dich, lieber Doktor Hammerbacher. Ich will euch an Forsche nicht nachstehen, euch in Eigel­stein ..

Und ich will auch so ein frisches, ausgeschlafenes und ... und ... ganz junges Gesicht haben!

Indessen ist Waller Lenzsch zusammen mtt Monika Hammerbacher die Treppe hinaufgestiegen.

In einer Viertelstunde beim Frühstück!^ yat der Vater ihnen nachgerufen und ist dann im Bade-

zimjner verschwunden, wo man ihn heftig brausen hört?

Die zwei steigen stumm nebeneinander. Sie pusten noch ein bißchen, und Waller Lenzsch trocknet sich mit dem Taschentuch die Stirn.

,Ln einer Viertelstunde", sagt er bann und fügt zögernd hinzu:Sollte man nicht Fräulein Mont­will Bescheid sagen? Ich meine, es wird ihr lieb sein, zu wissen, wann hier Kaffee getrunken wird."

Na, wenn sie das noch nichk weiß", gibt Monika achselzuckend zurück.Schließlich: mehr nach Kaffee kann's ja hier im Haus nicht gut riechen. Außer- dem läuten schon die Glocken, und Vater hat die Tür ja wohl laut genug zug^umst."

Waller Lenzsch lächelt ein bißchen und lehnt sich, oben angekommen, gegen den geschnitzten Geländer­pfosten. Sein Lächeln Monika spürt es genau ist ein bißchen anders als sonst, nicht so höflich und auch nicht so liebevoll, soydern eher etwas von oben herab, und auch seine Stimme hat eine andere Färbung.

Gott, wissen Sie", sagt Doktor Lenzsch und dreht seinen Schal zwischen den Händen,in Berlin pflegt man sich nicht gerade nach Türenschlagen und Kir­chenglocken zu orientieren. Und vor zwölf Uhr steht ein Junggeselle in Berlin überhaupt nicht auf. Sie glauben ja nicht, wie ganz anders man in Berlin lebt. Ach, so ganz anders. In jeder Hinsicht. Und wenn ich daran denke ..."

Er legt, immer noch gegen den Pfosten gelehnt, die Beine übereinander und dreht den Schal zwi­schen seinen Händen zum feschen Knoten: .. wenn ich daran denke es war doch eigentlich meine schönste Zeit, damals das Studium in Beriin und diese Großzügigkeit und diese Freiheit und dies Leben. Als Marga ... Verzeihung, Fräulein Mont­will, gestern bei Tisch davon sprach, da ging mir das alles wieder so richtig auf. Herrgott, was für ein Kerl war man doch, damals! Und was hat man alles mitgemacht und durchgemacht unb an- gestellt! Und wie die Frauen so ganz anders sind! Wissen Sie. das ift ein Typ, diese Marga Mont­will. Solche gibt's haufenweise in Berlin. Ein fabelhafter Typ. Gescheit unb selbständig und euer« gisch und fair und die blendendsten Kameraden von der Well dabei doch so elegant und damenhaft und mit so viel Charme... Und was für einen Kreis so eine Frau hat, mit was für ungeheuer interessanten Menschen sie zusammenkommt, und was für einen ungeheuren Einfluß sie haben kann! Wissen Sie, wenn ein Mann in Berlin oder überhaupt Karriere machen will, so braucht er bloß so eine Frau zu heiraten. Ich sage Ihnen

nicht, daß sie es mtt dem Sex-Appeal schafften, ach nein, gar nicht. Sondern... ja, ich weiß nicht... aber auf jeden Fall schaffen sie es. Sie bauen dem Mann die Karriere und bauen für sich selbst den einzig möglichen Rahmen, und wenn's mal schief geht, verinenen sie selber irgendwie Geld, und wenn's wieder gut geht, tun sie, als hätten sie chr Leben lang nur so im (Selbe gewühlt großartig. Aber warum lachen Sie denn, Fräulein Monika?"

Monika hat die Arme über der Brust verschränkt. Ihre blauen Augen haben jetzt große Aehnlichkell mit denen des Vaters.Ich lache? Aber i wo. Ich freue mich höchstens, daß Sie in unserem Hause Gelegenheit haben, sich so einer fabelhaften Frau zu nähern."

Waller Lenzsch zieht erstaunt die Brauen in die Höhe:Wieso? Ich..."

Da legt Monika Hammerbacher ihm plötzlich ihre schmale, kühle Mädchenhand auf den Arm, und ihre Stimme klingt merkwürdig tief und ganz fremd. Lieber Freund", sagt sie langsam, und in Waller Lenzsch steht ein merkwürdig trauriges und hilfloses Gefühl auf, denn noch nie hat MonikaLieber Freund" zu chm gesagt, und noch nie ist ihm überhaupt so tyiflar gewesen, was das eigentlich bedeutet, wenn eine junge Damelieber Freund" sagt.

Lieber Freund", sagt Monika also langsam, 'jeder Mann möchte dorh gern Karriere machen und hat darum gern eine Frau zur Sette, die ihm dabei hilft, nicht wahr? Außerdem glauben Sie, ich hätte nicht längst gespürt, daß Sie mehr mit Fräulein Montwill verbindet als nur ein paar Tanzsturchentage? Nun also. Und jetzt wollen wir uns anziehen gehen."

Aber Waller Lenzsch hat blitzschnell ihre Hand in die seine genommen.Monika , sagt er flüsternd, ,was reden Sie denn da! Wissen Sie denn nicht, wie sehr ich... ?"

Lassen Sie mich los", verlangt Monika,unb bemühen &e sich, bitte, nicht, mir Dinge zu er­klären, die für jeden Menschen mtt offenen Augen auch ohne jede Erttärung verständlich find. Und ich sagte, Sie sollen mich loslassen!"

Aber, Monika! Ich bitte Sie!"

trS)err Doktor

Mir ist es bitter ernst, Monika, ich muß Ihnen jetzt sagen, wie ich ..."

Mir aud), Herr Doktor. Und es braucht gar nichts weiter gesagt zu werden. Die ganze Sache ist auch viel zu belanglos."

Monika!"

LFottjetzung folgt.)