Ausgabe 
10.3.1938
 
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Nr. 58 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag.lv. März IYZ8

Aus der Stadt Gießen.

Schrebergärtners Start!

Vater Schulte zieht sich die Joppe an, setzt be­dächtig die Pfeife in Brand und meint dann be­deutungsvoll zur Mutter, die gerade Kartoffeln schält:Dann kann es also wieder mal losgehen" Mutter nickt eifrig"Na, mach's gut. Und sieh auch nach den Stöcken in den Beerensträuchern, und ver­giß nicht, die Laube ordentlich zu lüften." Nein, Vater Schulte wird nichts vergessen, darauf kann sie sich verlassen. Er geht vergnügt seines Weges und sinnt darüber nach, was sich in diesem Jahre mit dem Garten anstellen lassen wird.

Der Schrebergarten ist für Schultes eine hoch­bedeutsame Sache. Es ist gar nicht auszudenken, wie es fein würde ohne diesen Garten. Er gehört zum Lebensbereich der Familie wie die Wohnung und wie das tägliche Schaffen im Betriebe. Und deshalb ist es ein frohes Ereignis, wenn das Früh­jahr endlich wieder Gelegenheit gibt, den Garten aufzusuchen. Freilich, heute wird es noch nicht viel werden mit der Arbeit da draußen. Es ist auch mehr ein Jnspektionsgang, den Vater, Schulte unternimmt. Doch siehe da: von den Gartennach­barn sind auch schon einige lebhaft am Werke,'die Vater Schulte frohgemut begrüßen.

Der Riegel des Gartentores ist vom Rost stark angefressen. Man wird ihn erneuern müssen. Und die Beete sehen mit ihren letzten-herbstlichen lieber« resten auch nicht gerade ordentlich aus. Da wird allerdings die Harke bald Wandel schaffen, und Vater Schulte geht zunächst einmal zur Laube, um die Harke zu holen. Es riecht muffig da drinnen, aber der frische Wind fegt durch Tür und Fenster hinein und vertreibt unnachsichtlich die Erinnerung an den Winter. Vater Schulte harkt unterdessen eifrig drauflos, und bald flackert ein lustiges Feuer- chen, das alle Restbestände qualmend verzehrt.

Nach zwei Stunden sieht es schon akkurater in dem Garten aus, und Vater Schulte läßt seine Blicke befriedigt umherschweifen. Aber dann gleiten sie prüfend an der, Fahnenstange hoch. Die Stange könnte neue Farbe erhalten, und eigentlich wäre zu überlegen, ob man nicht auch die Laube wieder mal anstreichen sollte. Richtig, die Stöcke in den Beerensträuchern könnten auch Ersatz vertragen, Mutters Hinweis war wirklich angebracht.

Aber für heute macht Vater Schulte Schluß. Für den Anfang war es genug. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und denkt an Den Augen­blick, wenn hier draußen zum ersten Mals wieder Kaffee getrunken wird. Ein festlicher Tag wird es fein, und alle in der Familie werden Das Glück empfinden. Denn der Garten ist ein wichtiges Stück ihres Lebensinhaltes, sie hängen an ihm mit der gleichen Liebe wie der IBauer an feiner er­erbten Scholle. Er ist ja i h r Fleckchen Erde, ihr kleines Stückchen Paradies, das ihnen inmitten der Stadt Erlösung gibt für jenes schöne Naturgefühl, das in uns allen tief versteckt schlummert.

H. W. Sch.

Wetterbericht

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Ich möcht so gern mit dir allein sein". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Zwischen den Eltern". L. B. Volkstum und Hei­mat: 20 Uhr im Museum, Brandplatz 2, Führung durch die Töpferwarenschau. Kriegerkameradschaft 1874: 20.30 Uhr: Jahreshauptappell.

Keine unaufgeforderten Bewerbungen

an dieReichswerke Hermann Göring".

DNB. Die Zahl der Bewerbungen von Ange­stellten bei denReichswerken Hermann Göring" hat sich derartig vergrößert, daß eine Einzelbeant­wortung unmöglich ist. Unaufgefordert eingesandte Bewerbungen können daher in Zukunft nicht be­rücksichtigt werden.

Mpapimrsaffimg der SA.-Gruppe Hessen.

Aufruf des Gauleiters.

NSG. Die am 12. und 13. März 1938 zur Durch­führung kommende Altpapiererfassung der SA.- Gruppe Hessen findet meine vollste Unterstützung. Im Gau Hessen-Nassau kommen bei dieser Sammelaktion die Kreise Groß-Frankfurt, Main-Taunus, Ober-Tau­nus, Unter-Taunus, Limburg, Unterlahn, Oberlahn, Usingen, Wetzlar, Biedenkopf-Dillenburg, Hanau, Gelnhausen, Schlüchtern, Alsfeld-Lauterbach, Bü­dingen Schotten und Wetterau in Frage.

Ich erwarte, daß jeder Partei- und Volks­genosse in diesen Kreisen den örtlichen Forma­tionen der SA.-Gruppe Hessen die entsprechende Unterstützung bei dieser Aktion zuteil werden läßt.

Jährlich gehen unzählige Werte durch Nichterfas­sung des Altpapiers der deutschen Wirtschaft ver­loren. Der zweite Vierjahresplan erfordert aber einen erhöhten Einsatz überall dort, wo Einsparun­gen an Rohstoffen möglich sind und dadurch wie­derum Devisen der deutschen Wirtschaft erhalten bleiben können.

Der Einsatz der SA. am 12. und 13. März trägt diesen Forderungen Rechnung und wird deshalb von jedem einsichtigen Volksgenossen begrüßt werden.

Das Ergebnis dieser Gemeinschaftsarbeit wird gleichzeitig auch der schönste Dank dem SA.-Mann sein, der überall dort, wo er gerufen wird, zur Stelle ist, um der Volksgemeinschaft zu dienen.

Gez.: Sprenger.

Jeher muß dabei mithelfen!

NSG. In Düsseldorf, unmittelbar am Rhein, liegt die größte Papierfabrik des Kontinents. Dort kann man erleben, wie aus zerlesenen Zeitungen und vergilbten Akten in wenigen Stunden Bogen von Packpapier in allen Farben entstehen. Dieses Werk erzeugt im Jahre 33 000 Tonnen Packpapier, d. h. täglich verlassen 11 Güterwagen voll Papier den Betrieb. 630 Gefolgschaftsmitglieder sorgen- für, daß diese Papiermassen hergestellt werden, 630 Menschen von rund 100 000, die in der gleichen Industrie in Deutschland, das mit 3,2 Millionen Tonnen jährlicher Papier- und Pappeerzeugung nach Amerika der größte Papiererzeuger der Welt ist, beschäftigt werden. Die wichtigsten Rohstoffe, die den 100 000 Volksgenossen Arbeit und Brot geben, sind Lumpen, Stroh, Holz und Altpapier. Wenn das erwähnte Werk in Düsseldorf 80 v. H. Altpapier als Rohstoff verwendet, so beweist das schlagend, welchen Wert Altpapier darstellt. Nun ist aber das bedauerliche, daß die Gesamtstatistik ein anderes Bild ergibt. Es zeigt nämlich, daß der Anteil des Altpapiers, der Lumpen und des Strohs als Roh­stoffe für die Papiererzeugung vom Jahre 1880

bis 1927 auf ein Viertel' gesunken ist, während sich der Anteil des Hohes verachtfacht hat.

Während imreichen Amerika" 60 v. H. des er­zeugten Papiers als Altpapier an die erzeugende Industrie zurückfließen, sind es in Deutschland nur rund 20 v. H. Ein Beispiel: Bei einer Papier- und Pappeerzeugung von etwa 2,9 Millionen Tonnen im Jahre 1936 betrug die Altpapieroerwertung nur 720 000 Tonnen; es sind demnach über 2 Millionen Tonnen oerlorengegangen. So bleibt als bedauert liche Tatsache, daß im Jahre 1936 für rund zwei Millionen Devisen aufgebracht werden mußten, um 40 000 Tonnen fehlendes Altpapier einzuführen. Deshalb geht die Mindestforderung zunächst dahin, die Altpapiererfassung zu verdoppeln. Was würde das bedeuten? Mr die Papierherstellung ist das Verhältnis einer Tonne Altpapier zu einem Raum­meter Holz wie 1:3. Die zusätzlichen 700 000 Tonnen Altpapier würden demnach einer Einsparung von 2 100 000 Raummeter Holz entsprechen. Da dieses Holz aber eingeführt werden muß, würden hier etwa 20 Millionen Mark Devisen für andere Zwecke frei.

Ein anderes Beispiel: Unsere Zigarettenindustrie verwendet jährlich etwa sechs Milliarden Zigaretten­schachteln. Selbst wenn von diesen nur 50 v. H., also dxei Milliarden, gesammelt und der Wieder­verwertung zugeführt würden, bedeutete dies eine Rohstoffersparnis im Werte von 700 000 Mark.

Warum ist dies nun alles nicht der Fall? Weil viele Volksgenossen nachlässig sind. Es wird noch nicht das rechte Verständnis zum gebrauchten Pa­pier aufgebracht. Die meisten sprechenWas liegt schon daran"! Wenn jemand einen Garten hat, in dem er Erbsen, Möhren und Bohnen zieht, wird er diese Gemüse sicher nicht von einem Dritten kaufen. Deutschland aber soll Jahr um Jahr Millionenbe­träge für Holzschliff und Zellulose ausgeben, nur weil die 17 Millionen deutsche Haushalte zu be­quem sind, das von ihnen gebrauchte Altpapier sorgfältig aufzuheben?

Das muß anders werden und wird anders! Die Millionenwerte, die verloren gehen, fetzen sich aus kleinen und kleinsten Mengen zusammen. Jeder ein­zelne muß hier mithelfen und kleine Mengen Zu­sammentragen. Er muß zu diesen Dingen innerlich eine andere Einstellung bekommen. Hier kann er auf einem ganz kleinen Gebiet seinen Willen zum Nationalsozialismus in dje Tat umsetzen.

Ihn an seine Pflichten zu erinnern, ihm Auf­klärer und Helfer zu sein, das ist auch der Zweck, der von der SA. am Samstag, 12., und Sonntag, 13. März, durchzuführenden Prop'agandaaktion, bei der unsere SA.-Männer durch persönlichen Einsatz im Rahmen einer Altpapiersammlung gleichzeitig ihren Willen als Helfer und Diener der Idee des Führers in vorderster Linie zu stehen, wieder ein­mal beweisen werden. Jeder muß mithelfen!

ZM.-Untergau 116, Gießen.

Betr.: 6. Dinter-Wochenendschulung am 13.3.

Die letzte Winter-Wochenendschulung findet am 13.3. statt, und es erscheinen zum letztenmal alle IM.-Gruppen-, Schar- und Schaftsführerinnen, die Anwärterinnen, Geldverwalterinnen und Sport- wartinnen. Den Auftakt der Schulung gibt eine kurze Feierstunde anläßlich des Heldengedenktages.

Schulungsort: Beginn: Gruppen:

Gießen (DHI.) Heuchelheim Allendorf (Lda.) Großen-Buseck Grünberg Hungen Lich Holzheim

8% Uhr 1,2,3,4/116

8Vi Uhr 17, 18, 19/116

8% Uhr 5, 7, 8 (halb) /116

8% Uhr 6, 10/116

8% Uhr 8 (halb), 9/116

8% Uhr 11 (halb), 13/116

8% Uhr 11 (halb), 12/116 8% Uhr 14, 15, 16/116

Für die Werkarbeit ist mitzubringen: Schere, Lineal, Pelikanol, Schreibzeug, Farbkasten, Pinsel, Wasserfarben. Weiterhin: Liederbuch, Brotbeutelver­pflegung, Becher, Turnzeug.

Ende der Schulung zwischen 17 und 18 Uhr.

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ASG.Kraft durch Freude", Kreis Gießen. Thealervorflellung.

Samstag, den 12. März 1938, 20 Uhr, KdF.-Miete

Gruppe II (11. Vorstellung) zum letztenmal: Die Boheme" Oper von Puccini.

Karten sind erhältlich in der Kartenverkaufsstelle Seltersweg 60. 1523D

General Oollmann in Gießen.

Heute vormittag traf der Kommandierende Ge- neral des IX. Armeekorps, General der Artillerie D o l l m a n n , in Gießen ein, um hier bei einer Kompanie des Infanterie-Regiments 116 eine Be­sichtigung der Rekruten vorzunehmen. Die Besichti­gung fand auf dem Exerzierplatz statt. Um die Mittagszeit wird General D o l l m a n n den Stand­ort Gießen wieder verlassen.

Ein lieber Gast nimmlvon uns Abschied.

NSG. Mit dem Einzug des Frühlings geht nun bald das Winterhilfswerk 1937/38, das das deut­sche Volk sechs Monate lang in fester Schicksals­gemeinschaft zusammenstehen sah, seinem Ende zu. In dieser Zeit bewies das deutsche Volk wieder vor aller Welt, daß es geschlossen hinter dem Füh­rer steht, wenn er zum Opfer für die bedürftigen Volksgenossen, zum Sozialismus der Tat aufruft.

Am Sonntag will nup ein uns besonders be­kannter und beliebter Bote des Winterhilfswerkes Abschied von uns nehmen. Der Eintopf meldet sich zum letzten Mal in allen deutschen Familien. An diesem Tag muß er uns in noch festerer Gemein-

ßegen wüte Haut

Allabendlich mit Nivea-Creme die Haut geschmeidig machen. Dann trotzt sie Wind und Wet­ter, ohne spröde zu werden.

sckaft um die dampfende Schüssel versammelt sehen, als früher. Wir wollen ihm damit bekunden, daß er uns ein lieber Gast war. Und da es heißt, für lange Monate von ihm Abschied zu nehmen, wol­len wir ihm einen.Beitrag geben, der größer ist, als der aller vergangenen Monate. Dem Ergebnis des Sonntags muß ein Erfolg beschieden fein, in dem sich die Einigkeit und enge Verbundenheit des deutschen Volkes klar und deutlich widerspiegelt.

Wenn nun Herr Eintopf, der durch feine An­wesenheit zur , Stärkung ' der Einheit der Nation wesentlich beigetragen hat, von uns geht, so kann er gewiß sein, daß wir in den kommenden Mo­naten niemals die durch ihn erlebte Kameradschaft vergessen werden. Wir werden ihm treu bleiben, bis er im Winterhilfswerk 1938/39 wieder erscheint.

jRuf ott alle Hausfrauen.

NSG. Die Verordnung des Ministerpräsidenten Göring vom 15. Februar über das weibliche Pflicht­jahr bedeutet für die deutschen Hausfrauen Hilfe und Unterstützung, zugleich aber auch Aufgabe und Pflicht. Es wird'der Hausfrau mit der öffentlichen Anerkennung ihrer hausfraulichen Leistung die Mit­verantwortung für die gesamte weibliche Volks­erziehung übertragen. Jetzt gilt es, dieses Ver­trauen zu rechtfertigen? ,

Es ist Aufgabe der Hausfrauen, die jungen Mäd­chen, die jetzt für die haus- und landwirtschaftlick)e Arbeit bereit sind, aufzunehmen. Es ist Pflicht der Hausfrauen, diese jungenHaushaltsrekruten" müt­terlich zu erziehen und richtig anzuleiten, um in ihnen die Liebe und die Achtung für die Haus­frauenarbeit in Stadt und Land zu wecken. Es wird die Freude jeder einzelnen Hausfrau sein, diese eigens für sie geschaffene Möglichkeit nicht ungenutzt zu lassen, denn in ihrer Macht liegt es, jetzt wieder mehr Mädchen für öert* hauswirtschaft­lichen Beruf zu gewinnen und sich selbst die fehlen­den Hilfskräfte heranzubilden. Verstehendes Zusam­menarbeiten der Hausfrau mit der Lernenden und der unbedingte Wille, einander zu helfen, werden die Grundlage für den Erfolg sein.

Hausfrauen! Die Öffentlichkeit, die weibliche Jugend, unsere zukünftigen Hausfrauen und Mütter warten auf Euren geschlossenen Einsatz und Eure Bereitwilligkeit! Meldungen zur Aufnahme eines Mädchens nehmen die örtliche Abteilung Volkswirt-

Eichendorfs und die Romantik.

Zum 150. Geburtstage des Dichters am 10. März.

Alles wird romantisch, wenn es in die Ferne rückt; so wird alles in der Entfernung Poesie. Mit diesem Satz versucht Novalis jene Bewegung der zwanziger Jahre des 18. Jahrhunderts zu er­klären, die er mit heraufgeführt und für die er selbst zuerst den BegriffRomantik" geprägt hatte. Dieses Geistesrichtung fand aber in -ihrer Früh­zeit keineswegs allgemeine Zustimmung, das Wort Romantik" wurde bald im Gegensatz zurKlassik" gebraucht, und ähnlich wie man damalsgotisch" häufig als eine mildere Form von barbarisch an­wandte, so galtromantisch" für unklar, schwärme­risch, verschwommen, krankhaft. Bis es Herder von der historischen Sicht her gelang, den Eigen­wert der Romantik als einen bestimmten Zusam­menhang nordisch-germanischer und südlich-romani­scher Kultur demAntikischen" gegenüberzustellen.

Tatsächlich war es für die Zeitgenossen schwie­rig, eine Entwicklung innerhalb der Literatur (die zudem auch bald in der Philosophie und in der Musik ihren Charakter bemerkbar machte) zu be­stimmen, deren einzelne Vertreter untereinander wieder so unterschiedliche Regungen zeigten, daß mehr das Abweichen von den bisherigen Kunstge­setzen als ein klar erkennbarer Stil das Gemein­same war. Erst als derletzte Romantiker", der schlesische Freiherr Joseph Karl -Benedikt von Eichendorff (geboren auf Schloß Lubkowitz bei Ratibor) seine Lieder und Novellen den Deut­schen^ geschenkt hatte, begriff man, daß dieseRich­tung" eigentlich eine Gesinnung war, daß nicht ein äußeres formalistisches Programm, sondern die im­manenten Wesens-Bindungen der Dichter die Substanz der Romantiker sichtbar machten. Denn tatsächlich stellen Eichendorffs Werke, wie Adolf Bavtels sagte,sozusagen eine romantische Rein­kultur dar, sie sind Quintessenz alles dessen/ was in der Romantik im engeren Sinne poetisch war". Und da dies alles bei ihm aus unbewußten Quel­len strömt, ist er auch wirklichletzter Romantiker"; insofern man im Gegensatz zur späteren bewuß­ten Manier der Neuromantiker das Ahnende, Naive, unmittelbar aus der Harmonie von Natur- und Seelenstimmungen Wachsende als romantisch ansprechen will, das, was sich dem Intellekt zu ent­ziehen sucht,in die Feme rückt".

Es ist wenn man an Eichendorffs Leben denkt wie ein natürliches Gesetz, daß gerade bei

ihm unter den deutschen Dichtern seiner Zeit diese Zusammenfassung aller Elemente der Romantik mög­lich und ihr Charakter offensichtlich wurde. Eichen­dorffs Herkunft aus einem alten schlesischen Adels­geschlecht bestimmte ihm schon jene verwilderten Parks mit alten Schlössern, die er später gern schil­derte, zur kindheitlichen, heimatlichen Umwelt. Seine

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(Scherl-Bilderdienst°M.)

Studienzeit, vor allem die Jahre in Heidelberg, lie­ßen den für Naturstimmungen von früh auf emp­fänglichen Sinn im Zauber des Neckartales reiche Erlebnisse finden. Zugleich bestimmte die Lektüre Arnims, besonders dessen RomanGräfin Do­lores" die Tendenz seines jetzt entstehenden Erst­lingswerkesAhnung und Gegenwart" nicht nur, sondern auch weiterhin seine ganze Le­benseinstellung mit. Als freiwilliger Jäger im Lützowschen Korps an den Freiheitskriegen teil­nehmend, gewann er ein noch unmittelbareres Ver­hältnis zu den inneren Kräften und dem Eigen­leben seines Volkstums, das damals mit der politi­schen Befreiung zugleich seine sittliche Regeneration erkämpfte. Schließlich im Staatsdienst in der Hauptstadt Preußens beamtet, kam Eichendorff auch noch äußerlich mit dem Kreis der Berliner Roman­tiker in Fühlung. Lernte er so jenes Lebensgefühl kennen, für das Natur- und Geisteswelt ineinander verwoben sind, so wurde ihm, der im Volkslied und

der Märchenerzählung seine eigentlichen Vorbilder gefunden hatte, die im deutschen Wesen so eigen­artig ausgeprägte Verknüpfung der nordischen und der christlichen Idee gewissermaßen zum Leitmotiv feines Schaffens. Bald in Hinneigung, bald in Abwehr belauscht er die dunklen Mächte der Erde, des Wassers, geisterhafter Nachtstunden wie im M a r m o r b i l d", beseelt er die ganze Natur mit dämmernden, lockenden Gestalten: Nixen, Zauberin­nen, Loreleyen um sich am Ende immer davon loszureißen:Du sollst mich doch nicht fangen, dust- schwüle Zaubernacht". Nun folgt er der Frische des Morgens, der Heiterkeit und Lebenskraft des Ta­ges und zeichnet Bilder eines frommen, Gott in der lichten Schönheit derweiten Welt" erkennen­den Wachbewußtseins. So find in Eichendorff beide Sphären der Romantik in gegenseitiger Wechsel­wirkung, jene dunkle, die Justinus Kerner, spä­ter Hauff und E. T. A. Hoffmann bevorzug­ten und ebenso die helle, tagesstwhe, die bei U h - land oder Müller stets im Vordergrund steht. Das gibt Eichendorff für die ihm besondere Eigen­art immer neue Möglichkeiten und Kontrastwirkun­gen.

Auch in dem frischen, abenteuer- und wander­lustigen Zuge, mit dem er denTaugenichts" oder in verschiedenen Erzählungen eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von Edelfräulein, Komödianten, Studenten der alten nordischen Sehnsucht nach dem Süden folgen läßt, bestätigt Eichendorff sozusagen summarisch die Romantik eben als jenen bestimmten Zusammenklang nordisch-ger­manischer und südlich-romanischer Elemente, die Herder als das Kennzeichen der Romantik an­sah. Die Motive kehren häufig wieder, es ist eine begrenzte Reihe solcher Motive, durch die man Eichendorff ohne weiteres erkennt wie etwa Mozart nach einigen Takten. Doch die Lockerheit der Darstellungsweise, die Auflösung von geheim­nisvollen Schicksalsverknüpfungen, das Wechselspiel von Hell und Dunkel, macht auch diese Motive im­mer wieder lebendig, sie sehen uns jedesmal anders an. Im Grunde sind es die alten deutschen Mär­chenmotive: der Wald, die Quelle, seltsame Wasser­wesen in Mondnächten. Nur daß Eichendorff sie etwas unmittelbarer in seine eigene Gegenwart rückt und daß er weiterhin diese ganze Märchenwelt vom Klang des Jagdhorns begleitet auf Wan­derschaft schickt. Sieziehen" ein ausgesprochen romantisches" Wort gleich Wolken und Strö­men dahin.

Das Kunstmittel, wenn man von einem solchen sprechen will, ist ein assoziativerMittelglieder aus­lassender, darum vorzüglich ftimmungshafter" Stil.

Kunst der Assoziationen", der klangreichen Aus- einanderreihung von Bildern, ist es 'ja, was man der Romantik nachrühmt. In diesem Stil, der von der Lyrik kommt, ist Eichendorfs auch in seiner Prosa Meister. Durch ihn ermöglicht er jene Locker­heit, die auch häufig wiederholte Motive nie ein­tönig wirken läßt.

Diese lyrischeKunst der Assoziationen" blüht in feinen Liedern. Es ist kein Wunder, daß gerade Eichendorffs Gedichte fast ebenso Volksgut wurden, wie es bis dahin jene alten Volkslieder gewesen, die Achim von Arnim inDes Knaben Wunderhorn" gesammelt hat. Eichendorffs Gedichte sind nicht nur motivisch ähnlich im Volkstum ver­wurzelt, sie haben auch durch eine stärkere Beto­nung des Assoziativen als in der Romantik bisher, ihren nordischen Bestandteil verdeutlicht, jenes Ru­nenhafte, Zeichen- und. Bildschaffende, das Rätsel aufgibt, dem Menschen, feiner sittlichen und see­lischen Kraft, aber die Aufgabe stellt, sie zu löfen. Die Lieder Eichendorffs, die die Naturbeseelung, den Geheimnisreichtum der Natur verherrlichen, sie hatten aber auch gleich jenen Volksliedern eine be­glückende .Sangbarkeit und wurden damit volkstüm­lich, Allgemeingut der Nation.

Rudolf Adrian Dietrich.

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Zeitschriften.

Die neue Nummer derI11 u st r i r t e n Zeitung Leipzig" steht im Zeichen der deut­schen Fastnacht; das farbige Titelbild sowie die er­sten Seiten sind diesem Thema gewidmet. Eine Doppelseite betitelt sichChinesischer Bilderbogen" und ist besonders aktuell. Der folgende Beitrag führt uns zu den Eskimos Ostkanadas und West­grönlands. Von den Bildberichten nennen wir Degenfechten der ff",Englands militärischer Schutz in Ueberfee",Plattenbichel, ein Dorf wächst auf der Alm" und den völkerkundlichen Beitrag Das Witwenheim von Poona".

Hochschulnachrichten.

In Berlin ist der bekannte Religionsphilosoph Professor D. Dr. Georg Runze, em. Ordinarius der Theologie an der Universität Berlin, im Al­ter von 87 Jahren gestorben. Runze hat über ein halbes Jahrhundert auf dem Berliner Lehrstuhl gewirkt und ein umfangreiches Schrifttum aus der theologischen Forschung und über religiöse Zeitsra­gen hinterlassen.