Besprechungen bei Chamberlain
Halifax bleibt vorerst in London. — Die „Times" steht zu
ßo n b q n, 8. Sept. (Europapreß.) Ministerpräsident Chamberlain, ist nach London zurückgekehrt und empfing in der Downingstreet Außenminister Lord Halifax, der vom Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Sir Alexander C a d o g a n , begleitet war. Nach einem Frühstück, an dem Schatzkanzler Sir John Simon und der diplomatische Berater der Regierung, Sir Robert B a n s i t t a r t, teilnahmen, kam es zu einer neuen Zusammenkunft zwischen Chamberlain und Lord Halifax, zu der später auch Sir John Simon hinzugezogen wurde. Es wurde bekanntgeaeben, daß der Außenminister seine für Freitag festgesetzte Abreise nach Genf bis auf weiteres verschoben hat. Lord Halifax erachte es im gegenwärtigen Stadium der Verhandlungen in der tschecho-flowakischen Frage für nötig, in engster Verbindung mit dem Ministerpräsidenten zu bleiben. Er habe sich daher genötigt gesehen, die Abreise hinauszuschieben. Nachmittags wurden noch mehrere Kabinettsmitglieder zu den Beratungen hinzugezogen, so der Luftfahrtminister Sir Kingsley Wood, der Kolonialminister Mac- Donald und der Verteidigungsminister Sir Thomas Jnskip. Kriegsminister Hore-Belisha hat seine Teilnahme an den Manövern im Aldershot- Bezirk abgesagt. Wie von gut unterrichteter Seite angedeutet wird, drehten sich die Besprechungen um die Frage, ob die englische Regierung ihre Haltung zu den letzten Prager Vorschlägen in irgendeiner Form öffentlich festlegen solle. Chamberlain soll den Standpunkt vertreten, eine öffentliche Erklärung sei im gegenwärtigen Augenblick nicht angebracht. Man hält es daher auch für wahrscheinlich, daß die Regierung von allen solchen Plänen Abstand nehmen wird.
Nach einem Bericht des „Daily Telegraph" ist der „Times"-Artikel über den Plan einer Freigabe der Sudetendeutschen durch die Tschechen auf Veranlassung des tschechischen Gesandten in LorMn „dementiert" worden. Das Blatt schreibt, Der „bedauerliche Eindruck", den der „Times"«Artikel
ihrem Vorschlag.
bei den Tschechen in Prag hervorgerufen habe, sei schnell London mitgeteilt worden mit einem Ersuchen, daß der tschechisch-slowakische Gesandte Ma- saryk an das Foreign Office formal herantrete, um für ein Dementi dieser Meldung zu sorgen, was daraufhin geschehen sei. Die Haltung der „Times dagegen geht dahin, daß sie ihren Vorschlag weiter aufrecht erhält. Zum Beweise dafür, daß der Vorschlag nicht neu sei, wiederholt sie nicht nur alle Zitate, die bisher in diesem Sinne geschrieben wurden, sondern sie schreibt auch in ihrem heutigen Leitartikel noch einmal ausdrücklich: Heute sei die Maschinerie der Versöhnung und Aushandlung an der Arbeit. Falls sie aber in ihrem geaen- wärtigen Ziele fehlschlagen sollte, so besteht kein Grund, warum nicht nach den Beobachtungen unabhängiger Augenzeugen ein ganz anderer Weg versucht werden sollte. Eine Grenzrevision sei durchaus nicht völlig von der Liste der möglichen Lösungsergebnisse auszuschließen. Es sei das zwar keine Lösung, für die sich irgend jemand wirklich begeistern könnte. Aber die Aussicht auf endlose künftige Unruhen sei ein starkes Argument für eine an sich nicht populäre Lösung. Auf jeden Fall lohne keine Lösung, wenn sie nur darauf berechnet sei, für einige Monate zu halten. Die Hoffnung auf einen dauernden Frieden müsse ein Ziel nicht nur für die Tschechen und die Volksgruppen in der Tschecho-Slowäkei, sondern für jede andere Nation sein, die davon berührt werden könnte. Wenn man zu einem Abkommen gelangen könnte, unter dem die Tschecho-Slowäkei ein souveräner Staat in seiner gegenwärtigen Form bleibe, und das den Sudetendeutschen die Selbstregierung zubilligen würde, auf die sie innerhalb eines solchen Staates Anspruch hätten, dann sei das ohne Zweifel der unvergleichlich bessere Weg. Aber man dürfe keinen anderen Weg völlig ausstreichen, wenn er einen Ausweg aus einem ständigen Streit böte, in den die Welt früher oder später zwangsläufig verwickelt werden könnte.
Mr Zurückhaltung in Paris.
Paris, 9.'Sept. (DNB. Funkspruch.) Die Entwicklung der internationalen Lage wird in bet französischen Morgenpresse mit größerer Zurückhaltung betrachtet, wenn auch vor allem die linksgerichteten Blätter die sudetendeutsche Frage weiterhin in tschechenfreundlichem Sinne behandeln und dabei einen unangebrachten Optimismus entwickeln. Daneben fehlt es am Freitag auch nicht an Pressestimmen, welche der Wahrheit näher zu kommen suchen. Das „Petit Journal" meint, daß die neuen sudetendeutschen Forderungen als ein Zeichen des guten Willens und des Wunsches einer Verständiaung aufzufassen feien. Der rechtsstehende „ 3 o u r 'y tritt für eine radikale Lösung der sudetendeutschen Frage ein. Der gesunde Menschenverstand müsse jedem sagen, daß die Sudetendeutschen sich in einem mit Frankreich verbündeten demokratischen Staat nicht ruhig verhalten würden, da sie dazu neigten, das nationalsozialistische Regime zu bewundern und ihm zu folgen. Selbst wenn man den augenblicklichen Forderungen weitestgehend Genugtuung gebe, so werde ifian in sechs Monaten doch wieder von vorn anfangen müssen. Unter diesen Umständen müsse man sich fragen, warum nicht gleich jetzt 3 u m Ziel gegangen und die Neu- tralisierung dieses Konglomerates verschiedener Volksgruppen in der Tschecho-Slowäkei verkündet werde. Eine solche Lösung habe Aussichten, den Frieden'zumindest für eine gewisse Zeit sicher- zu stellen.
Die radikalsoziale Republiqe meint, bei den Ausführungen der Times dürfte es sich um einen Versuchsballon gehandelt haben, um die öffentliche Meinung in England auf einen Rückzug der englischen Regierung für den Fall vorzuberei- ten, daß die Bemühungen Lord Runcimans einen Mißerfolg erleiden und daß es sich als unmöglich erweisen sollte, in demselben Staat Tschechen und Deutsche unter demselben Gesetz, das dieselben militärischen Verpflichtungen enthalte, zusammenleben
zu lassen. Man könne in einer für Europa so ernsten Stunde nicht verstehen, wie eine große Zeitung, oie der Regierung ihres Landes nahestehe, es sich erlaubt hätte, ohne vorher Fühlung mit dieser Regierung genommen zu (jaben und ohne sich vorher darüber vorgewissert zu haben, daß von ihr verbreitete Gedankengänge den englischen Interessen nicht schädlich seien, die Pläne und die Diplomatie des Londoner Kabinetts zu durchkreuzen. Man dürfe deshalb der amtlichen Verlautbarung des Foreign Office nicht blindes Vertrauen schenken. Im Grunde handele es sich bei der sudetendeutschen Frage darum, ob es möglich sei, daß Deutsche und Tschechen sich im Rahmen des tschechisch-slowakischen Staates verständigen und denselben Verpflichtungen — einschließlich der militärischen — gehorchen können. Wenn dies verneint werden müsse, wie dies die Times voraussetze, so würde die von der englischen Zeitung vorgeschlagene Regelung das Verdienst haben, die Weltöffentlichkeit über das Mißverhältnis und die Meinungsverschiedenheiten zwischen Sudetendeutschen und Tschechen zum Nachdenken zu veranlassen.
Eine üble Provokation.
Tschechische Sträflingskleidung
nach Muster der sudetendeutschen Tracht.
Eger, 8. Sept. (DNB.) Die „Egerer Zeitung" bringt eine Mitteilung, laut der das tschechische Justizministerium die Absicht hegt, die Strafgefangenen der Tschecho-Slowäkei künftig nach der Art der sudetendeutschen Tracht zu bekleiden. Diese Tatsache bedeutet eine gehässige und niederträchtige Verunglimpfung des Sudetendeutschtums durch den tschechischen Staat. Die „Egerer Zeitung" schreibt: Das Justizministerium hat bei den einzelnen Strafanstalten eine Umfrageaktion veranstaltet, die auf eine Aenderung der Sträflingskleidung ab-
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Bei den Verhandlungen in Prag über die endgültige Regelung der sudetendeutschen Dolks- tumsrechte spielt der von England entsandte Berater Lord Runciman eine bedeutsame Rolle. Unser Bild zeigt ihn zusammen mit seinen Mitarbeitern F. Ashton-Gwatkin (rechts) und Geoffrey P e t o während einer Besprechung in seinem Prager Büro.
zielt. Die Verwaltung der Strafanstalten soÜte sich über die Zweckmäßigkeit einer derartigen Aenderung sowohl vom finanziellen wie auch vom hygienischen Standpunkt äußern, denn beantragt wurde eine grundsätzliche Aenderung des Hosenschnitts, und zwar in der Weise, daß für die Sträflinge kurze Kniehosen und weiße Baumwoll- strümpfe eingeführt werden sollen, die in der Strafanstalt Repy bei Prag gestrickt werden.
Korpsführer Hühnlein zum Heichsleiter ernannt.
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Nürnberg, 8. Sept. (DNB.) Die Reichspressestelle teilt mit: Der Führer hat den Korpsführer des NSKK., Hühnlein, zum Reichsleiter der NSDAP, ernannt.
Korpsführer Adolf Hühnlein, der Führer des NSKK. und des .deutschen Kraftfahrsports wurde 1881 in Neustädtlein (Oberfranken) geboren. Er besuchte das Gymnasium in Bayreuth und schlug bann vbie Offizierslaufbahn (Pionierwaffe) ein. In Mün
chen besuchte er die Bayerische Kriegsschule und die Bayerische Kriegsakademie. Hühnlein nahm von 1914 bis 1918 als Kompanieführer, Bataillonskom- manbeur und Generalstabsoffizier am Weltkrieg teil. Er war ferner im Verband des Freikorps Epp an der Einnahme Münchens und an der Niederwerfung des Kommunistenaufstandes im Ruhrgebiet beteiligt. Bis 1923 blieb Hühnlein in der Reichswehr, zuletzt als Erster Generalstabsoffizier beim Jnfanteriefuhrer VII. Dann schied er freiwillig aus der Reichswehr aus. Wegen der Teilnahme an der Erhebung am 9. November bekam er eine halbjährige Haft in Stadelheim und Landsberg zudik- tiert. Hühnlein ist Träger des Blutordens und des Goldenen Ehrenzeichens der Partei. 1930 trat er in die Oberste SA.-Führung ein und wurde hier bet Chef des Kraftfahrwesens der SA. und der Organisator der Motor-SA. und des NSKK. 1933 wurde Hühnlein SA.-Odergruppenführer und 1934 vom Führer an die Spitze des aus Motor-SA. und NSKK. gebildeten und zur selbständigen Parteigliederung erhobenen heutigen Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps gestellt und zum Korpsführer befördert. Hühnlein ist ferner Ehrenführer der Motor-HI.
Gememschaff und Persönlichkeit.
Sondertagung des Hauptorganisations-, Hauptschulungs- und Hauptpersonalamts.
Nürnberg, 8. Sept. (DNB.) Auf der Sondertagung des Hauptorganisations-, Hauptschulungs- und Hauptpersonalamtes zog Alfred Rosenberg die Grenze, die für die NSDAP, zwischen Großzügigkeit und Duldsamkeit einerseits und der Schwäche einer allzugroßen Nachgiebigkeit andererseits liegen könne. Ausgehend von der Großmut, die die NSDAP, allen Gegnern gegenüber xeigt, die zuletzt gerade bei der Angliederung der deutschen Ostmark bewiesen' wurde und die als Zeichen eines inneren Kraftbewußtseins anzusehen sei, wies Rosenberg darauf hin, daß mit der Verlegung des Kampfes von außen nach innen eine voraussichtlich längere Zeit der Auseinandersetzungen begonnen habe. Unter Anerkennung des Verdienstes des 19. Jahrhunderts, das uns in Forschung und Wissenschaft die Schätze der arischen Völker erschloß, habe nunmehr die Zeit der W e rt u n g dieser Erkenntnis unter dem völkischen G e - sichtspunkt begonnen. Nicht die Anklamme- rung der nationalsozialistischen Weltanschauung an
3m Lönskrug zu Winkel.
Von August ZeddieS.
Wenn man von Gifhorn aus die weite Landstraße nach Isenbüttel einschlägt, so findet man bald zur Rechten einen einsamen Birkenweg mitten durch die Eyselheide, der mündet zum Lönskrug ein, einem Gasthof inmitten hoher Bäume, still und abgelegen in verträumter Heideeinsamkeit. Von 1904 bis 1914 hat Hermann Löns in jedem Jahre hier etliche Wochen zugebracht. Das kündet auch ein Stein, der aus schlichten Findlingen zusammengetragen wurde.
„Ich denke immer gern an die Zeit zurück", beginnt der Wirt Karl W a l e tz k y, in seiner vergnüglich-besinnlichen Art, um Stunden der Vergangenheit noch einmal lebendig werden zu lassen. „Wenn Hermann Löns hier ankam, war jedesmal Leben im Hause. Manche Nacht wurde hier gezecht, dort drüben am Tische, Hermann Tn der Mitte, die Gäste um ihn herum, wobei oft mehr leere Flaschen un- term Tische als volle auf dem Tische standen.
Meine Großmutter war damals schon dlt und ftümperig, aber sie ließ es sich nicht nehmen. Her- mann Löns zu betreuen. Kaum war er eingetragen, so war sie auch schon bei ihm: „Na, Hermann, Junge — bist du wieder da! Dann will ich dir doch gleich erstmal Kaffee bringen, hast sicher Durst, was? Warte man, ich koche dir ’n ordentlich strammen!" Kam sie dann damit auf sein Zimmer so sagte er meistens: „Sieh, das freut mich, Großmutter! Aber nun mußt du mir noch einmal das schöne Lied Vorsingen, du weißt doch, welches ich so gern von dir höre!" Meine Großmutter erwiderte' dann voll Stolz: „Na ja, Junge, wenn du es denn so gerne hören willst!", stellte sich ein paar Schritte zurück, wie ein kleines Schulmädchen, das etwas aufsagen will, lächelte vor sich hin, stemmte die Arme in die Hüften und wippte im Takt der Melodie zur einen und zur anderen Seite, wobei sie jedesmal den Kopf hin- uyd herschwenkte: „Es war mal ein reicher Kaufmannssohn, der diente dem König von Preußen schon ..." Hermann war dann ganz in Freude aufgelöst, und meine Großmutter war selig, daß er so viel Gefallen an dem Liede fand. Sie' müssen sich vorstellen: meine Großmutter war schon über 80 Jahre alt!
Ein andermal waren Hermann Löns und ich in Gifhorn, beide ein paar Flaschen Wein in der Tasche, die wir uns langsam zu Gemüte zogen. Na. wir waren dann auch schon ziemlich in Stimmung und sangen aus Leibeskräften durch die Straften, obwohl
es nach Mitternacht war. Plötzlich tauchte eine Gestalt aus dem Dunkel auf und schlug die Hand auf Hermann Löns' Schulter: „Im Namen des Gesetzes, Sie sind Löns ruft verhnügt: „Was ist das? Menschenskind, mach' keine Geschichten! Hier, nun trink erst mal, trinf dreimal über den Daumen weg!" Nun, er tat es und trank sogar fünfmal über den Daumen weg, bedankte sich und tippelte stadtwärts, während wir lustig singend nach Winkel marschierten.
Unterwegs fanden wir einen schlafenden Orgelspieler im Straßengraben. „Karl!" ruft Löns mich an. „Ich habe eine Idee!" Er weckte den Mann und fragte ihn, was er dafür haben wolle, wenn er uns bis nach Winkel hinspielen würde. „Einen Taler!"
antwortete der Orgeldreher und rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Gut!" gab Löns zurück. „Was hast du denn auf deinem Kasten? Einen Lustigen wollen wir hören." Dann tarn das Lied: „Nur einmal blüht
im Jahr der Mai!" „Halt, den nehmen wir!" rief Löns. „Los! Nun geht voran und orgele!" Es ging los, immer mit der gleichen Melodie, immer im gleichen Walzertakt, ununterbrochen, bei stockfinsterer Nacht, kaum, daß man den weißen Heideweg erkennen konnte, und aus voller Kehle mitgefungen, daß uns die Tränen vor lauter Lachen kamen. Auf halbem Wege machte der Mann schlapp und konnte den Leierkasten nicht mehr schleppen, kurzentschlossen hängte sich Löns die Orgel um, und dann mußte der Mann weiterdrehen, ohne, Pause, einen Vers
nach dem anderen, und dazu gesungen, daß wirklich die Heide wackelte und sämtliche Fuchse und Hasen Reißaus nahmen. Mit Hallo und Geschmetter in Winkel angekommen, haben wir die Gäste geweckt und Licht im Saal angezündet, und dann alle Mann, es waren 18 Personen, in den Saal, den Orgelspieler auf den Stuhl gesetzt, und nun getanzt, was das Zeug halten wollte, immer dieselbe Melodie: Ta humtata, ta humtata ... Bis der Mann glasige Augen bekam. Längelang lag er auf dem Fußboden ausgestreckt und schnarchte. Nun, da wird bann einfach von den Anwesenden abwechselnd die Orgel weitergedreht. „Nur einmal blüht im Jahr der Mai.'" Bis es gegen sechs Uhr morgens sich dann ausgeblüht hatte und alles in die Betten ging. Hermann Löns legte ein Fünfmarkstück auf die Orgel und wir ein ordentliches Schinkenfrühstück. Damit überließen wir den Orgelmann sich selbst, der immer noch schnarchte, daft die Wände dröhnten. Als wir dann vormittags den Saal aufräumen wollten, hatte der Mann längst sang- und klanglos das Weite gesucht l" •
Geheimnisvolles Afrika.
Erlebnisse eines englischen Polizcimannes.
Man weiß, daß in Afrika noch überall bei den Negern Aberglauben und Zauberriten ihr unheimliches Wesen treiben und oft zu Ausbrüchen führen, von denen die Welt erfährt; aber man macht sich kaum eine Vorstellung, wie tief Geheimnisvolles in den Alltag hineingreift und wie der im schwarzen Erdteil lebende Europäer fortwährend bei den Eingeborenen auf Dinge stößt, für die er keine Erklärung findet. Einen Einblick in diese Erfahrung eröffnet die schlichte Schilderung des Engländers P. H. C o m b e, der lange Jahre als berittener Polizist in Rhodesia Dienst getan hat.
„Mein Beruf brachte es mit sich", erzählt er, „daß ich weite Inspektionsreisen unternehmen mußte, zur näheren Untersuchung der Eingeborenen-Krals ober Um einfach in ihrer Nähe zu lagern unb mich zu vergewissern, baß in meinem „Bezirk" kein Frauenraub, kein Morb ober Diebstahl seit meinem letzten Besuch vorgekommen war. Obwohl ich diese weiten Ritte immer ohne jedes Aufsehen antrat und in aller Stille ins Werk setzte, um einmal unerwartet und überraschend zu kommen, so gelang mir das doch niemals. Ganz gleich, wie gewunden mein Weg, wie spät in der Nacht ich auch ankam, immer erwartete mich schon die Dorfgemeinde, alles war verdächtig gut in Ordnung, und alles, was geeignet war, mein Auge abzulenken und zu erfreuen, war hübsch auffällig in voller Sicht ausgelegt.
Meine schwarze Leibwache, aus Eingeborenen bestehend, wußte gewöhnlich nichts von meinen Plänen, unb hätte sie selbst Kenntnis von meinen Absichten gehabt, so war sie mir hoch viel zu ergeben, um mich zu verraten. Doch wußten die Dorfoberhäupter nicht nur meine genaue Ankunftszeit, fonbern sie wußten auch um bas, was ich gerabe bei ihnen zu erfahren ober zu erlangen wünschte!
Ein runzliger alter Jnbuna überreichte mir freundlich ein Paket des dort gewachsenen Tabaks, indem er sagte, er, wisse wohl, daß ich seit drei Tagen ein bißchen knapp mit meinen Zigaretten daran gewesen wäre, was auch stimmte; aber niemand, nicht einmal mein schwarzer Diener Mafuta, wußte, daft ich heimlich mein Zigarettenquantum hatte kürzen müssen, damit sie länger reichten.
Trommeln: der Rundfunk Afrikas wird uns Weiften ja auch ewig ein Geheimnis bleiben. Mit
diesen ausaehöhlten Baumstämmen, die etwa einen Meter hoch und an einem Ende mit stramm bespannten Tierhäuten bezogen sind, erzeugen die Eingeborenen so verschiedenartige Geräusche, daft sie alles mögliche von Dorf zu Dorf weitergeben können. In wenigen Stunden kann so eine Nachricht ganz Afrika durcheilen. Ich hatte hier ein besonders eindrucksvolles Erlebnis, als der Waffenstillstand im Jahre 1918 geschlossen war. Das Wort .Friede^ tönte schon, von Eingeborenenfäusten getrommelt über ganz Afrika hinweg, ehe noch der Telegraphist im Hauptquartier von Salisburg irgendeine Kunde davon empfangen hatte! Ich war mit.Matufa auf der Jagd, als er plötzlich den Kopf hob und ,Hor nur, die Trommelns murmelte, während ich trotz angestrengten Lauschens auch nicht den leisesten Ton zu vernehmen vermochte. Er konnte mir jedoch nicht sagen, was die Laute bedeuten sdllten. Die Botschaften können t^ur von Geübten .entziffert werden. Niemals wird ein Weißer den Schlüssel zu dieser Geheimsprache der Trommeln entdecken.
Nicht nur im Gehör ist der Eingeborene den Weißen überlegen, er ist auch ein Läufer von unglaublicher Ausdauer. Ich habe eingeborene Boten gekannt, die nach vollbrachtem Tageslauf von 130 Kilometer noch frisch bei Kräften waren. Dabei erscheint dem Boten eine geschwinde Botschaft als etwas Heiliges; er trägt sie in einem gespaltenen Stock eingeklemmt, den er nicht aus den Augen läßt. Seine einzige Waffe ist ein großes Messer, bas er über ber Schulter trägt unb mit dem er sich den Weg bahnt, wenn er durch hohes Gras kommt. Das Merkwürdige ist, daß er mit dieser Waffe sicher an Löwen und Leoparden vorüberlaufen kann; sie werden ihn niemals angreifen, sondern den Läufer mit dem Messer übersetzen, während sie einen Mann mit Feuerwaffen überfallen.
Die Verkörperung alles Aberglaubens unb aller Zauberei bebeutet aber der Zauoerdoktor unb feine schwarze Magie, von der ich immer wieder die unglaublichsten Beispiele erlebt habe. Den stärksten Eindruck machte mir der Fall eines Jungen, dem ber Zauberdoktor im Dorf eines Tages erklärte, er würde bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen sterben. Der junge Mensch war vollkommen gesund. Er wird so sicher sterben bei Sonnenaufgang wie es regnen wird, erklärte der Zauberdoktor. Und fo unglaublich das klingt, der junge Bursche starb genau zu der Zeit, die der Zauberdoktor angegeben hatte..." C, K*


