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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
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Nr. 158 Drittes Blatt
Diamantene Hochzeit in Gießen
Hitler-Zungen des Vannes 116 aus Heffen-Aassau-Iahrt.
Früchte des emsigen und hingebenden Schaffens brachte. Herr Nauheimer und Frau erfreuen sich in weiten Kreisen der Bevölkerung von Gießen und Umgegend großer Beliebtheit. Das Ehepaar Nauheimer zählt zu den langjährigen, treuen Beziehern des Gießener Anzeigers. Dem Jubelpaar bringen auch wir unsere herzlichsten Glückwünsche zu der diamantenen Hochzeitsfeier bar. Jlnfer Bild (Aufn. Neuner) zeigt das Jubelpaar.
ihnen müsse der „depperte Sohn" sein.
„Der braucht ka Fahrkarte net", sagte das Mütterchen stolz. „Der fahrt sie und mich. Uns allezsanim
Der Wagnermeister Johann Philipp von Watzenborn-Steinberg konnte am gestrigen Tage auf eine 50jährige Tätigkeit als Wagnermeister zurückblicken. Noch geht er seinem Berufe nach und erfreut sich dank seiner sachgemäßen Arbeit in weitem Umkreis aller Werschätzung. Am gleichen Tage konnten er und seine Frau das Fest der goldenen Hochzeit feiern. (Wir berichteten gesterri bereits kurz darüber.) Unser Bild zeigt den Jubilar mit einem Schnitzmesser bei seiner Arbeit. — (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.) -
Zusammenarbeit zwischen dem DRL., den Forma« tionen der Partei heraus und richtete an die Kreissportwarte den Appell, sich für den Bau von Uebungsstätten einzusetzen, den die DAF. fördert und unterstützt.
Eine die zu teuer wird.
ZdR. Kostspielige Blumen zur schönen Sommerszeit? Man denkt an eine Orchidee oder an eine Ueberraschung der Rosenzüchter. Tatsächlich jedoch steht die Blume, die uns zu teuer wird, auf dem Felde. Sie ist überhaupt durchaus keine Seltenheit, die blaue Kornblume, die das Entzücken aller Menschen bildet, die als Bewohner der Stadt jetzt einmal geruhsam auf Feldwegen spazieren gehen. Jeder möchte einen Strauß von Kornblumen haben und ihn mit der nicht minder kostspieligen, leuchtenden Mohnblüte verzieren. Darum werden einfach die Halme mit den reifenden Aehren niedergetreten und richtige Gänge in die Kornfelder gebahnt. Daß damit dem bäuerlichen Besitzer ein Schaden zugefügt wird — wer denkt schon daran? Und daß zugleich
suchte.
Jener Ball aber, den ich auf meinem Streifzug um die Kirche greifbar nahe vor mir erblickte, war in die Weißdornhecke gesprungen und hielt sich in ihrem dichten Rücken verborgen. Noch drang von Zeit zu Zeit auch zu chm ein Sonnenstrahl, und so richte er in der grünen Höhle der Blätter und der Dornen wie eine feste kugelrunde Frucht, der die schönste und reifste Röte zuteil geworden war. So sah ich ihn schweben; nicht viel höher als meine Augen hatte er sich jenem anderen Jungen verborgen gehalten und sich von mir entdecken lassen.
Nun wäre, da man von einem Zehnjährigen Taten erwartet, zweierlei möglich gewesen.: den Ball nehmen und ihn auf den Schulplatz hinüberwerfen oder aber ihn nchmen und in die Tasche stecken, also ihn mitgehen heißen. Darüber aber entspann sich, zu meiner eigenen großen Verwunderung, bei mir kein Kampf. Ich war zu jener Stunde, soweit es Tennisbälle betraf, weder ehrlich noch unehrlich. Soweit es diesen roten Ball in seiner grünen Hecke anging, blieb die Moral unbeteiligt, sie wurde nicht benötigt und nicht vermißt, sie mochte für diesmal an einer anderen Stelle unserer kampferprobten Stadt chre Möglichkeiten entfalten.
Was sich hier wie auf einer Insel ereignete, war dies: daß eine so schöne Wölbung, eine vollendete Kugel in makellosem Rot, fremdartig genug,in Dorn und grünem Laub auftauchte und nun, je mehr und je wechselvoller der Sonnenstrahl sie suchte und fand, sich überhauchen ließ von mehr als nur Licht, von mehr als nur Feuer, nämlich von dem, was ich mit meinen jungen Jahren nicht verstand aber sehr wohl und ganz ungeteilt fühlte und genoß. In diesem Glimmen und Leuchten einer Ampel trieb der ganze unschuldige Jugendtag sein Spiel, samt seiner Nimmerwiederkehr; in ihm wärmte die Sonne des Sommers und schattete das Grün der Kastanien, klangen der Stundenschlag vom Turm und die englischen Ausrufe der jungen Damen, Schritte im Kies, Vogelfang und der eigene Herzschlag mit. So vieles andere hat sich damals und seither ereignet. Aber der rote Ball? Ich habe in meinem Leben nie mehr etwas so Schönes gesehen wie ihn.
Bornoiizen
Tageskalender für Samslag.
3. Hessisches Gausängerfest, Gießen: 12 Uhr Ban- nerübergabe auf dem Brandplatz; 16 dis 19 Uhr Chorkonzerte; 20.30 Uhr Gaufeierstunde in der Dolkshalle. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Die kleine und die große Liebe." — Universitätssportplatz: 18 Uhr 2. Handball-Blitzturnier.
Tageskalender für Sonntag.
3. Hessisches Gausängerfest, Gießen: 8 Uhr zwei Kirchenkonzerte (Johanneskirche und Stadtkirche); 8.30 Uhr Singen auf Straßen und Plätzen; 9.30 Uhr „Die Jahreszeiten" von Haydn in der Dolkshalle; ’ 13 Uhr Sternmarsch; 13.30 Uhr. Gaukundgebung auf dem Oswaldsgarten; 14.30 Uhr Festzug nach dem Festplatz (Trieb); 15 Uhr Heimatspiel von Georg Heß in der Dolkshalle, Volksfest mit Tanz. — Gloria-Palast ,(Seltersweg): „Die kleine und die große Liede."
Betriebssportappelle im Gau Heffen-Iiaffau.
NSG. Zur Vorbereitung der Betriebsfportappelle fand am Freitag in der Gauhauptstadt eine Tagung aller Kreisfportwarte des Gaues Hessen-Nassau statt. Außerdem waren die Betriebssportwarte einiger Großbetriebe aus Frankfurt erschienen.
Der Gausportwart der NS.-Gemeinschast „Kraft durch Freude", Jung, gab Richtlinien für die Durchführung der Betriebssportappelle bekannt. In seinen Ausführungen betonte er, daß von den Kreis- und Betriebssportwarten in der nächsten Zeit große Aufgaben zu erfüllen seien. Für die glatte Durchführung der Wettkämpfe müßten sich alle Pr- beitskameraden, vor allem aber die Betriebssport- und Uebungswarte einsetzen, die von den Kreissportwarten dementsprechend geschult werden müßten.
Im Verlauf der Tagung wurde weiter die Schulung der Lehrkräfte und Uebungswarte behandelt. Ferner stellte Gausportwart Jung die vorbildliche
Am kommenden Montag, 11. Juli, können der Rentner und frühere Weißbindermeister Gott- llebNauheimer und Frau Luise, geb. Hoch, Ludwigstraße 5 wohnhaft, in bester Frische das seltene Fest der diamantenen Hochzeit im Kreise ihrer vier Kinder und sechs Enkelkinder begehen. Der Jubilar ist 84 Jahre, seine Ehefrau 82 Jahre alt.
Das Jubelpaar entstammt alteingesessenen, angesehenen Gießener Familien. Der Vater des Jubilars war Bauunternehmer, der Vater der Jubilarin betrieb ein für die damaligen Verhältnisse bedeutendes Malerund Weißbindergeschäft, das Gottlieb Nauheimer nach dem Tode seiner Schwiegereltern - in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts übernahm. Neben diesem Geschäft wirkte Herr Nauheimer auch als Bauunternehmer, durch dessen Arbeit manches stattliche Haus in Gießen entstand. Herr Nauheimer ist alter 116er, der auch noch beim kürzlichen Regimentsfest unserer 116er mit Begeisterung dabei war. Die Ehegatten können auf ein arbeitsreiches, gesegnetes Gemeinschaftsleben zurückblicken, das ihrem Wirken sowohl in der Familie, als auch in ihrem Geschäft die
unsere Getreideernte, also unser tägliches Brot, an Ertrag verliert — wer wird gleich so weitgehende Folgerungen daraus ziehen! Gedankenlosigkeit und Kurzsichtigkeit beeinträchtigen so die Erfolge der Erzeugungsschlacht. Darum kommen die im Kornfeld gepflückten Feldblumen der Gemeinschaft zu teuer. Wir dürfen unser Brot nicht im wahrsten Sinne des Wortes „mit den Füßen treten". Man könnte zur Abhilfe an die bestehenden Strafgesetze erinnern. Das Landvolk appelliert aber vor allem an die Einsicht der Volksgenossen, um der kostspieligen Unsitte ein Ende zu bereiten.
50 Zabre Waqnermeister.
Hochschulnachrichten.
An der Universität Kiel vollendete der ordentliche Professor der Botanik Dr. Georg Fischler fein 60. Lebensjahr.
Am gestrigen Freitag hat die Hessen-Nas- sau-Fahrt der HI. begonnen. Daran nehmen auch viele Hitlerjungen aus Gießen und den umliegenden Orten teil, lieber den ersten Tag der Fahrt der Hitlerjungen des Bannes 116 erhalten wir folgenden Bericht:
Flacht bei Limburg, 8. Juli.
Strahlender Sonnenschein lag über Gießen, als die Fahrtengruppen unseres Bannes am heutigen Mittag kurz nach 12 Uhr mit dem Sonderzug Gießen verließen. Mit froher Fahrtenstimmung fuhren unsere „116er" die Lahn abwärts, den Aussteigebahnhäfen Limburg und Nassau entgegen. Schon vom Zuge aus lernten unsere Junggenossen die Schönheit des romantischen Lahntales mit seinen vielen Flußwindungen, steilen Waldhängen und Felsen kennen.
Um 13.30 Uhr traf der Sonderzug in Limburg ein. Hier verließ der größte Teil unserer Fahrtteil- nehmer den Zug, während weitere.Fahrtengruppen aus der Umgegend von Gießen, darunter die Wie- secker, nach Nassau weiterfuhren. Nachdem noch einige Verhaltungsmaßregeln für die Fahrt erteilt waren, konnten die Tageswanderungen nach den vorqeschriebenen Zielen beginnen.
Während ein Teil der Gießener Fahrtengruppen sich nach Norden dem W e st e r w a l d zuwandte, nach Offheim, Niederhadamar und Elz (bei uns bekannt durch seine guten Fußballer), wanderten die Feldschergefolgschaft und die Nachrichtenschar die Lahn abwärts nach dem malerischen Diez mit seiner vieltürmigen und hoch aufragenden Burg, Fahrtengruppen der umliegenden Ortschaften Gießens, wie Heuchelheim, Groß- und Klein-Linden, südlich dem Taunus zu.
Dem Auge das Beste!
Lassen Sie sich beraten von
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Oer rote Ball.
Von Georg von der Bring.
Ich war nicht mehr als zehn Jahre alt, als ich ihn erblickte. Auf meinem Gesicht, mir im Rücken und bis an den Fuß der Kirche gab es nichts als das grüne Dunkel der Kastanien; dicht vor mir aber, hinter einer hohen Hecke, wußte ich den Schulplatz liegen. Er erglänzte mit feinem Kies, ich sah es, denn durch die winzigen und sehr ungleichmäßig verteilten Löcher der Hecke traf manch heller Widerschein der Sonne in meine Augen. Don dort herüber klangen Sttmmen. Jemand, eine Frauenstimme, rief ein englisches Wort. Alsbald wurde ein Ball geschlagen; sodann Schritte im Kies und wieder Stille.
Sie spielten Tennis. Das geschah in dem Jahre 1900, von dem die Welt so viel erwartete. Die jungen Mädchen unserer Stadt mochten gehört haben, daß es- neuartig und schön sei, Tennis zu spielen. Die paar englischen Worte, die man dazu brauchte, sielen ihnen nicht schwer; ihre Bälle aber flogen, wie mit eigener Flügelgewalt, wohin sie wollten. Zum Glück waren es leuchtendrote Bälle;
Oer Sohn.
Von Jupp Wenzel.
Die alte behäbige Bauersfrau beteiligte sich zunächst nicht an dem Gespräch, das sich in dem Zugabteil dritter Klaffe angesponnen hatte. Vielleicht fühlte sie sich unter all den Männern nicht recht am Platz, zumal es anscheinend alles Städter waren, Leute mit selbstsichern lauten Stimmen und großen Aktentaschen, Männer denen das alte Weiblein in feiner Ecke gewiß nicht imponieren mochte Und doch stand in ihren Augen ein verschämter Stolz, als trüge sie eine wichtige und geheime Freude auf ihrer Reise mit sich. Hier und da wendete sie den grauhaarigen Kopf zum Fenster, um sich dann mit etwas ratlosem Blick ins Abteil zurückzuwenden.
„I glaub, wir haben a bissel Verspätung", sagte ein ätterer Mann, seine Uhr ziehend. „Hoffentlich krieg i meinen Anschluß noch."
Sein Nachbar unterbrach für einen Moment die Beschäftigung mit einem Käsebrot, dessen Geruch da-, ganze Abteil zu vergiften drohte. „Der Zug < hat immer Verspätung", stellte er lakonisch fest. Das Mütterlein schien plötzlich interessiert Sie beugte sich ein wenig vor.
„Tschuldigens, Herr Nachbar", sagte sie, „hat er wirklich immer Verspätung? Dös kann i mir gar net denken —" ‘
Der Käsemann sah sie erstaunt an. „Ob tote es denken oder net, Weible, es ist wie ich sage. Ich muß es doch wissen, denn ich fahr jeden Tag mit dem Zug" __ . ,
„Gewiß, gewiß. Wenn Sie jeden Tag fahrn.
Aber i moan halt — verstehns — es wundert mi halt —".
Ein überlegenes Lächeln erschien auf dem runden Gesicht des Mannes mit dem Käsebrot. „Da qt nt$ zu verwundern, Mutter. Der Zug muß zwei Schnellzüge abwarten, daher kommt s." .
„Ach so is/' Das klang sehr erleichtert. Sie schwieg eine Weile. . , . .,
„Wissen's", sagte sie dann zutraulich, „i hab schon denkt, mein Sohn is vielleicht schuld, daß er so spat
Die Männer lachten. „Da brauchens ka Angst net haben. Glaubens, der Zug hätt auf Ihren Sohn gewartet?"
„Halt ja. Aber es wär mir gar net recht gewesen. I sag immer, er muß pünktlich sein. Verstehens?"
Die meisten verstummten ob ihrer treuherzigen Einfalt. Nur ein dicker Mann meinte schnaufend:
Aus der Stadl Gießen.
Gommer an der Lahn.
Leise gluckert der Fluß an Bootssteg und Brücke. Wie aut es nach Wasser und Sonne riecht! Wie schön ist das stetige Dahinfließen! Das Ufer leuchtet in sommerlichem Grün. Der sanfte Bogen der Brücke wölbt sich zärtlich über das blaugraue Wasser Kleine Wellen blitzen auf im Sonnengeriesel, ein schlankes, weißes Boot mit sonnenbraunen Jn- Iallen schießt schnell vorbei. Wie schön der gleichmäßige Rhythmus des Paddelns!
In der Badeanstalt herrscht fröhlicher Lärm: braune Menschen, weiße Tische, bunte Schirme! Die Schonen der Stadt, mit viel Anmut und ein wemg buntem Stoff bekleidet, liegen, sich sonnend, lässig auf den Pritschen.
Auf dem Kinderspielplatz ist immer fröhlicher Tumult: Rutschbahn und Sandkiste, Schaukel und Wippe locken zu lustigem Spiel. „Jetzt tomm ich aber dran!" ruft ein süßer Blondkopf bei der Schaukel. Ganz kleine, dicke, nackte Menschlein kugeln sich auf dem Rasen. Die Eisbude ist immer von einer Menge Kinder umlagert, die ihr Fünserl erwartungsvoll Hinhalten. Das rosige Zünglein fährt schon über die Lippen im Vorgeschmack der Himbeer- und Vanilleseligkeit.
Aber immer wieder wendet sich der Blick dem Wasser zu: Schwimmer und Schwimmerinnen teilen die Fluten mit kraftvollen Armen. Jetzt steigt ein kleines Mädel auf das Sprungbrett, nach einigem Zögern springt es in ..vorbildlicher" Haltung in die Fluten — und platscht fürchterlich auf fein Bäuchlein. Wer wagt, gewinnt: es wird noch mal versucht, und schon gelingt’s!
Dort wird ein bunter Wasserball von hübschen Mädels unter fröhlichem Gekreisch hin- und her- getrieben, schon hat ihn die Freundin erobert und reitet daraus, dann wird er ihr wieder abgejagt, man braucht sie nur an den Beinen festzuhalten.
Jetzt: ein Wasserballspiel! Kritische Zuschauer sammeln sich auf der Brücke. Der Ball fliegt hin und her, auch öfters ein kräftiges Schimpfwort, jedes Tor wird mit viel Geschrei begrüßt.
Im Kinderkästchen, Gänsestall genannt, ist v i e l Lärm. Die einen schreien, weil sie nicht hinein- wollen, die andern schreien, weil sie nicht herauswollen! Es ist „zitterlich" kalt, wie ein kleiner Junge feststellt, und als er trotzdem hineingetunkt wird, kann er nur schluchzen: „Da! Jetzt ist mein Höschen naß!", und dicke Tränen kullern über die Bäckchen. Eine kleine, zukünftige Ochmpiaschwimmerin erklärt der rufenden Mutter: „Wenn ich jetzt doch gerade von Wassers Kühle errungen bin ..Aber trotzdem wird sie von der energischen Mutter herausgeholt aus dem köstlichen Naß — von rohen Gemütern „Kartoffelsupp'" benannt. „Gell, die darf sich noch sträuben!" meint sie dann von ihrer Freundin, die leider nicht auf die Rufe der Mutter hört, sondern fröhlich weiter plantscht und spritzt.
Und über allem die herrliche Sommersonne!
E. L. St.
Während wir uns auf dem Marsch befanden, fing es tüchtig an zu regnen, der Regen entwickelte sich später sogar zu einem starken Gewitter — aber was macht uns das aus, wir haben auf Fahrt ganze Kerle mit. Mehr oder weniger naß trafen mir in unseren Zielorten ein. Zur Beruhigung der Mütter sei gesagt, daß sich alle Jungen wohlauf befinden. ' rr
Heute abend werden sich unsere Hessen-Nassau- Fahrer mit der Jugend der Quartierorte zu frohem Kameradschaftsabend zufammenfinden.
„Freili. Pünktlich muß ma scho sein. Da kann ma die Kinder gar net früh genug anhalten. Dös sag i.
„Wohl wahr ist's", bestätigte die Alte. „Dos sag i mei'm Sohn auch immer, wann i ihn seh." In ihr gutmütiges Runzelgesicht kam ein verschmitzter Zug. „Aber heut hab i net mit ihm gesprochn. Er woaß net, daß i mitfahr."
„I mar in der Stadt beim Avokat", erklärte sie eifrig. „Und mie i zurückfahrn will nach Mödling, da hab i ihn gesehgn. Auf dem Bahnhof is er gestanden, grat) vorn am Zug. Ganz sicher fahrt er zn uns heraus, weil er doch alle halbe Jahr mich besucht. Oesters geht's halt net, unser Hof is gar so abgelegen. Na, der wird schon Augen machen, wann er mich in Andlau siecht."
,.Wo — in Andlau?" frug der dicke Herr erschreckt. „Fahrt denn der Zug nach Andlau?'
„Na gewiß", sagte das alte Mütterchen. Aber alle anderen Abteilinsassen protestierten. „Der, Zug fahrt nach Rottann."
Aber die Alte schüttelte ungläubig den Kopf. „Dos glaub i nimmer. Mei Sohn fahrt nach Andlau, dös woaß i gewiß. Weil es doch das nächste is zu uns nach Mödling." ■
„Nachher wird sich wohl der Zug nach Ihrem Sohn richten", rief der Mann rpit der Käsestulle spöttisch.
„I sag, was i sag."
„Da hört sich doch verschiedenes auf. Was habns denn mit Jyrem Sohn?" rief jetzt auch der dicke Herr empört. „Sie tun grad, als ob’s der Eisenbahnminister wär." r .
Der Zugschaffner, der die Seitentür aufnß und sich in das Abteil zwängte, machte dem beginnenden Disputt ein Ende. „Die Fahrkarten bitte." Natürlich entdeckte er gleich die verkehrte Fahrkarte.
„Sie fan im falschen Zug, Mutter. Der hier fahrt nach Rottan." _ .
„Aber dös is doch net möglich." Die Stimme der alten Frau zitterte leicht. „Wo mein Sohn doch- —
,Da hat er Ihnen halt net richtig Bescheid gesagt."
„Aber er fährt doch mit —
„Nachher fährt er halt auch verkehrt. Wenn er so
bös dürfens net sagen." erklärte die Alte mit einem schwachen, jedoch vergeblichen Versuch, sich zu entrüsten. „Dos.könnt leicht a Beamtende- leibigunq merdn." v , rc
„Äh, gehns zua,^ Mutter", lacht der Schaffner.
„So leicht laß i mf net beleidigen."
„Aber mein Franzi teans beleidigen —
„Herrgottfa, wo is er denn, der Franzi? Daß i mal feine Fahrkarte seh." Der Schaffner musterte
fahrt er."
Der Schaffner sah sie kopfschüttelnd an. Einer der Männer deutete verstohlen auf die Stirn. Wahrscheinlich war die Alte nicht ganz richtig.
„Verstehns net? Fahrn tut er, der Franzi. Dorn auf der Lokomotiven steht er."
„Jesfas, da schau her", rief der Schaffner plötzlich aufatmend. „Der Lokomotivführer ist's. Der Huber Franzl. Da fan sie die Huber-Mutter. Natürlich, es gleiche Gesicht."
„Freili", sagte sie verschämt und glücklich.
Die Spannung, die in dem Abteil geherrscht hatte, wich dem Gefühl einer freudigen Erlöstheit. Nun lächelten alle, diesmal nicht über, sondern mit dem Mütterlein, dessen Sohn vorn auf der Maschine stand und den Zug mit sicherer Hand seinem Ziel entgegenführte. Ja, sie hatte ein Recht, stolz zu sein. Nicht jeder Mensch hat das Glück, von, seinem Sohn im Eisenbahnwagen durch das Land gefahren zu werden.
Für einen Moment hatten sie alle vergessen, daß der Junge seine Mutter in die verkehrte Richtung fuhr.
die Männer, wahrscheinlich nahm er an, einer von und die jungen Damen hatten, wiederum glücklicher« ilmen müsse der „depperte Sohn" sein. weise, einen Jungen bei sich, der sie ihnen wieder


