Das Geheimnis
der Aufbaufinanzierung.
Der deutsche Geld- und Kapitalmarkt wies zur Zeit der Machtübernahme alle krisenhaften Symptome auf, welche durch die allgemeine Wirtschaftskrise der vorhergeaangenen Jahre und insbesondere durch die Kreditkrise des Jahres 1931 in Erscheinung getreten waren. Erinnern wir uns nur an einige wichtige Punkte: 1. Abzug der Auslandskredite, wodurch die Erschöpfung des Geld- und Kapitalmarktes völlig offenbar wurde; 2. Ueberhöhte Zinssätze; 3. Erstarrung der Kreditbeziehungen, welche durch die Bezeichnung „Eingefrorene Kredite" den deutlichsten Ausdruck gefunden hat. Für die jje- waltigen Maßnahmen der Arbeitsbeschaffung, Wie- derwchrh-aftmachung und späterhin für den zweiten Vierjahresplan mußte unter allen Umständen ein geordneter und leistungsfähiger Geld - und Kapitalmarkt wiederher gestellt werden.
Die Maßnahmen, welche zur Erreichung dieses Zieles im Laufe der verflossenen fünf Jahre getroffen wurden, können nach drei großen Gruppen §eordnet werden: I. Einheitliche Lenkuna und Förderung des Geld- und Kapitalmarktes; II. Bereinigung der Schuld Verhältnisse; III. Zinssenkung. Bei der Beurteilung der einzelnen Maßnahmen darf jedoch nicht vergessen werden, daß sie fast immer auch auf die anderen Gruppen sich aus- gewirkt haben. So wirkte die Bereinigung der Schuldverhältnisse sich auch in einer größeren Aufnahmefähigkeit des Kapitalmarktes aus; die Zinssenkung wiederum erleichterte die Bereinigung der Schuldverhältnisse usw.
I. Einheitliche Lenkung und Förderung des Seid- und Kapitalmarktes.
1. Um die Jahresmitte 1933 wurde ein Kabinettsausschuß zur Regelung und Ueber- wachung des Geld- und Kapitalmarktes gebildet. Er sollte „insbesondere allein und autoritativ bevollmächtigt sein, alle die den Gell)- und Kapitalmarkt betreffenden Angelegenheiten zu regeln und zu überwachen".
2. Um den Kapitalmarkt nicht ungebührlich und nur für volkswirtschaftlich wichtige Zwecke in Anspruch zu nehmen, führte die Reichsbank eine Emissionskontrolle durch, welche zwar streng, aber keineswegs starr gehandhabt wurde.
3. Durch Bankgesetznovelle vom Oktober 1933 wurde die Reichsbank zur Anwendung der Offen- Markt-Politik ermächtigt. Sie konnte danach bestimmte festverzinsliche Wertpapiere kaufen und verkaufen und diese zur bankmäßigen Deckung des Notenumlaufs heranziehen.
4. Das Anleihe st ockgefetz vom Dezember 1934 förderte durch die Begrenzung der Dividendenausschüttung die Aufnahmefähigkeit des Kapitalmarktes für Reichsanleihen.
5. Das Reichsgesetz über das Kreditwesen vom Dezember 1935 bildet die Grundlage einer Neuordnung des deutschen Kreditwesens. Es bringt eine Trennung zwischen Geld- und Kapitalmarkt, Einbeziehung lombardfähiger Wertpapiere in die bankmäßige Liquidität. Großkredite über 1 Million Mark unterstehen amtlicher Kontrolle. Maßgebliche Reichsbehörden werden an wichtigen Entscheidungen über Fragen der deutschen Bank- und Kreditpolitik beteiligt.
II. Bereinigung derEchuldverhältniffe.
1. Das Gesetz zur Regelung der landwirtschaftlichen Schuldverhällnisse vom 1. Juni 1933 gibt die Möglichkeit, die Verschuldung der Betriebe und deren Zinslast auf ein tragbares Maß zu senken. Die Maßnahmen sind weitgehend durch- gefuhrt.
2. Die Schuldverhältnisse der Gemeinden werden durch das Gemeindeumschuldungsgesetz vom September 1933 bereinigt.
3. Die staatlichen Aufträge führen dazu, daß die gewerbliche Wirtschaft aus eigner Kraft
die eingefrorenen Kredite auftauen und zurückzahlen kann. Ihre finanzielle Leistungsfähigkeit ist so weit gestiegen, daß die Finanzierung von Neu- und Erweiterungsbauten für den Diersahresplan weitgehend von der gewerblichen Wirtschaft s e l b st getragen werden kann (Selbstfinanzierung).
4. Hypothekenforderungen und Aufwertungsfälligkeiten werden durch gesetzliche Maßnahmen vom Dezember 1935 und Dezember 1936 unter besonderen Kündigungsschutz gestellt bzw. gesetzlich gestundet.
5. Die Auslandsverschuldung ist durch besondere Abkommen mit den betroffenen Ländern geordnet.
III. Zinssenlung.
1. Nach verschiedenen einleitenden Maßnahmen, zu denen die Emission der 4prozentigen G e - meindeumschuldungsanleiye gehört, erfolgte durch Gesetz vom Januar bzw. Februar 1935 die Senkung der Zinssätze für Pfandbriefe und Kommunalschuldverschreibungen sowie der öffentlichen Schuldtitel. Das Konversionsangebot wurde von 99 v. H. der Gläubiger angenommen. Insgesamt wurde damals ein Block im Werte von nominell 10 Milliarden Mark von 6 v. H. und höher auf 4,5 v. H.
gesenkt.
2. Auch der Zinsfuß für Bankkredite wurde durch Maßnahme vom 1. März 1935 herabgesetzt.
3. Durch Gesetz über Hypothekenzinsen vom 2. Juli 1936 wird die Zinssenkung auch auf Privathypotheken ausgedehnt.
4. Im Laufe der Jahre 1936 und 1937 gestattete die Marktlage auch eine Herabsetzung des Zinsfußes der Jndustrieobligationen auf 5 bzw. 4,5 v. H.
IV. Ergebnisse.
Die Finanzierung des gewaltigen Aufbauprogramms konnte reibungslos durchgeführt werden. Beit 1935 sind 8,8 Milliarden Mark Konsolidierungsanleihen untergebracht worden. Die gesunde Kapitalmarktlage und die S t e i - aerung des Steueraufkommens von 6,5 auf 14 Milliarden Mark in der Zeit von 1933 bis 1938 ermöglichen jetzt, von der weiteren Finanzierung mittels Sonderwechfel abzugehen. In Zukunft erfolgt die öffentliche Finanzierung direkt aus dem Steueraufkommen und im Rahmen der Leistungsfähigkeit des Kreditmarktes. Die deutsche Währung ist stabil geblieben. Das Preisniveau wurde aufrechterhalten.
Bilder von der Wasserkante.
Lebenswille und Aufstieg überall, —»praktisch keine Arbeitslosen. — Alle Schiffe in Fährte— Wo das Arbeiten Freude macht.
Don unserem auf eine Deutschlandreise entsandten Sonderberichterstatter Heinz Otto.
Kiel, im April 1938.
Man kann sich gemeinhin kaum eine Vorstellung davon machen, wie groß unser neues Deutschland ist. Gestern lag ich noch zwischen blühenden Krokussen in Hemdsärmeln auf einer Wiese im badischen Lande, heute stehe ich frierend an dem leeren Kai im Bremer Hafen. Der Sturm heult um die Schuppen und peitscht Hagelkörner vor sich her. Das graue Wasser im Hafenbecken hat weiße Schaumköpfe. Es ist Sonntag, und wer nicht unbedingt hinaus muß, bleibt bei diesem eisigen Nord west zuhause sitzen. Nur ein einziger Afrika- Dampfer, der am Abend Bremen ve^assen soll, liegt fest vertäut vor den langen schwarzen Schuppenreihen, und emsige Krane füllen den unersättlichen Leib des Dampfers mit Stückgütern nach den chemals deutschen Kolonien.
Mit einem Hafenpolizeibeamten streife ich durch die leeren Hafenanlagen, nur hin und wieder begegnen wir einem Zollbeamten, der die wohlgefüllten Speicher bewacht. „So wie heute, am Sonntag, sah es vor 1933 auch an sogenannten Arbeitstagen hier im Hafen aus. Alles war still und tot. Aber Sie müssen jetzt einmal am Wochen- t a g hier sein, dann liegen die Dampfer dicht an dickt, einer hinter dem andern, vor den Schuppen, uno ein wimmelnder Arbeitsbetrieb ist hier, wie er größer in dem besten Jahr der Bremer Hafengeschichte, im Jahre 1913, nicht gewesen ist."
Später sitze ich mit einem Ratsherrn der Stadt Bremen zusammen im Gewölbe des Bremer Ratskellers bei einem steifen Grog, der die Lebensgeister wieder etwas erweckt. Der alte Senator putzt sich seine goldumränderte Brille und liest mir dann aus seinem Merkbuch eine Reihe von Zahlen über die Entwicklung der Stadt Bremen vor, die in den letzten Jahren so in die Höhe geschnellt sind, wie man es noch im Jahre 1936, als ich das letztemal in Bremen war, nicht für möglich gehalten hätte. Schon damals war man stolz auf die drei ersten Jahre nationalsozialistischer Regierung. Inzwischen sind diese Erfolge noch bedeutend überboten worden.
„Bremen hatte bis zum Jahre 33 sehr mit der Arbeitslosigkeit zu kämpfen", so berichtet der Ratsherr der Stadt. „Damals hatten wir 64 000 Arbeitslose, heute haben wir praktisch gar keine Arbeitslosen. Im Jahre 1933 waren 112 000 Menschen in Bremen beschäftigt, bis heute ist die
Beschäftigungsziffer auf 220 000 angewachsen. Das ist auch nicyt erstaunlich, wenn man die Zahlen der bremischen Flotte kennt. 1933 lagen Schifte von einer Gesamttonnage von 200 000 Brutto-Registertonnen auf. Es war der reine Schiffs- friedhof. Heute sind alle Schiffe in Fahrt; allein für die Bremer Flotte werden dazu noch 250 000 Brutto-Registertonnen Schiffsraum gebaut. Wie sich dieses Schiffsbauprogramm ausgewirkt hat, darüber einige Zahlen unserer Werften. Alle Weserwerften zusammen beschäftigten im Jahre 1933 3000 Arbeiter. Heute, im Jahre 1938, sind 27 000 Arbeiter auf den Werften tätig, und zu den damals vorhandenen Werften sind noch drei als Neubauten hinzugekommen."
„Bei Ihrem Rundgang durch das Hafengebiet werden Sie auch unsere Rohölraffinerie-Anlage gesehen haben, es ist die größte Europas. Hier werden nur deutsche Rohöle, hauptsächlich aus der Lüneburger Heide, aufbereitet. Auch unser Handelsverkehr ist ungeahnterweise gestiegen. Daß sich dieses Aufblühen der Stadt auch auswirkt in der wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung, weisen die Sparguthaben auf. Bis 1932 war das beste Jahr das Jahr 1913, das überhaupt als Rekordjahr Bremens anzusehen ist. Im Jahre 1913 lagen auf den Bremer Banken 139 Millionen als Sparguthaben. Heute, im Jahre 1938, sind die Sparguthaben, die in der . Systemzeit fast völlig abgehoben waren, wieder auf 155 Millionen angestiegen."
Diese Entwicklung, die die Stadt Bremen genommen hat, ist nicht zuletzt auf die besondere Form der Bremer Betriebe zurückzuführen. Selten habe ich auf meiner Reise Fabriken oder Büroanlagen gesehen, die so bis ins Letzte den Forderungen der deutschen Arbeitsfront entsprechen. Es sind dies Arbeitsstätten, in oenen das Arbeiten Freude macht.
Am Abend desselben Tages sitze ich in Hamburg in einer Hafenkneipe. Der Wind ist vielleicht noch heftiger geworven; jedenfalls ist das Bedürfnis nach einem heißen Grog noch gestiegen. Ich sitze in einer Ecke des rauchigen Schankraumes, in dem man kaum aufrecht stehen kann, ohne an die Decke zu stoßen, lieber dem Schanktisch schaukelt in dem Zugwind, der jedesmal, wenn jemand die Tür nach draußen aufmacht, durch das Lokal fegt, eine ausgestopfte Riesenschlange. Mit ihren Glasaugen starrt sie gerade in die Ecke, in der ich mit einem
Die kleine Wolke.
Don Curt Krispien.
Ziemlich unvermerkt — wer sieht in einer großen Stadt ständig nach dem Himmel? — flog aus dem Westen finsteres Gewölk herauf, bis die naffe, kalte Peitsche eines stürmischen Regens die Menschen von der Straße unter Häuseroorsprünge und in Haustürnischen trieb.
Auch Tilla hatte in einem Toreingang Schutz gesucht. Ihre Lippen waren schmal zusammengepreßt, und ihre Augen sahen trostlos auf die Straße. Aber das hing nicht mit dem Regen zusammen! Georg hatte sie versetzt, im Stich gelassen. Und das in einem Augenblick, wo sie ihn zum erstenmal um seine Hilfe gebeten hatte. Noch klang chr seine Stimme im Ohr: „Verlaß dich darauf! Ich bin Punkt fünf an der Untergrundbahn, Ausgang Uhlandstraße." Aber er war auch um halb fechs noch nicht dagewesen. Und dann kam dieser Regen ... Tilla seufzte leicht. In diesem Augenblick verdunkelle ein Schatten den Toreingang, ein großer Herr kam hereingestampft, fluchte halblaut, aber auserlesen und schüttelte die Regenttopfen von sich wie ein nasser Pudel.
Tilla räusperte sich vernehmlich. Da schrak der der Fremde zusammen. Er hatte sie im Halbdunkel nicht gleich bemerkt und entschuldigte sich jetzt mür- risch: „Verzeihung! Ich glaubte, außer mir wär' keiner da." Er warf einen schnellen, scharfen Blick unter ihren Hut und fuhr in wesentlich muntererem Tone fort: „Tolles Wetter, wie?"
Seine Art, ein Gespräch zu beginnen, war nicht gerade originell, doch zeigte er dabei so viel harmlose Nettigkeit, daß Tilla ttotz ihrer Verstimmung lächeln mußte. Er bemerkte es mit Genugtung.
„Na also", sagte er, den Onkel-Erich-Ton beibehaltend, der in merkwürdigem Gegensatz zu seinem jungenhaften Aussehen stand, „jetzt gefallen Sie mir schon bedeutend besser. Ich gebe zu: der Silberfuchs ist naß geworden, und das Hütchen hat gelitten, aber ist das wirklich schon ein Grund zu schlechter Laune? Sie hätten Ihren Schirm mit- nehmen sollen!"
Eigentlich hatte Tilla gar nicht antworten wollen, aber daß jemand von ihr glaubte, sie könne wegen eines Regenschauers böse sein, das ging ihr doch zu weit! Georg hatte sie stehen lassen, Georg, der einzige Mann ihrer gewiß nicht kleinen Bekanntschaft, dem sie blind verttaut hatte. Und da redete dieser ftemde Mensch von einem naß gewordenen Hütchen und dergleichen! Was würde nun aus ihrer Sache mit dem Intendanten Berkow, von Oer so ungeheuer viel, fast alles, für sie abhing? Georg! Georg!
Ihr Aerger drängte an die Luft. „Was wollen
Sie denn eigentlich von mir?" hörte sie sich sagen. „Mich kennenlernen, ja, ich weiß! Sich mit mir verabreden, morgen um fünf, im Cafö. Hab' ich recht? Und vielleicht werden Sie auch kommen, wenn Sie inzwischen nicht eine Bekanntschaft machen, die Ihnen lohnender scheint!"
Er hatte ihren Ausbruch erstaunt über sich hin- gehen lassen, dann sah er sie nachdenklich und prüfend an.
„Ach, so ist das!" sagte er endlich. „Don daher weht der Wind. Sie sind versetzt worden! Ich verstehe. Aber deswegen müssen Sie nicht gleich glauben, daß wir alle so sind. Ich — beispielsweise — komme stets, wenn ich mich verabredet habe. Und in diesem Falle ganz besonders gern. Versuchen Sie es mal mit mir!"
Tilla biß sich auf die Unterlippe und schwieg. Es war ihr schrecklich unangenehm, daß sie sich verraten hatte. Sie warf einen verzweifelten Blick auf die Straße, aber der Regen platschte immer noch herab.
Der Fremde lächelte gutmütig. „Ich sehe schon, Sie haben etwas gegen mich. Ich weiß zuviel! Aber ich gehe ja gleich ..." Er kritzelte etwas auf den Rand der Zeitung, die er in der Hand hatte, riß das Geschriebene ab und hielt es Tilla hin. Sie sah ihn zögernd an. Er stand jetzt dicht vor ihr, und sie konnte sehen, daß er doch nicht mehr so ganz jung war; Mitte, Ende dreißig vielleicht. In seinen Augen lag ein stiller, warmer Glanz. „Nein, Sie sollen sich nicht mit mir verabreden. Aber ich gebe Ihnen hier meine Telephonnummer, und wenn Sie mich anrufen wollen — das muß nicht morgen oder übermorgen fein —, ganz gleich, wann immer, ich werde mich sehr freuen. Hören Sie: Ich werde mich immer freuen ..."
Seine Augen, groß, grau, leuchtend, drangen auf sie ein.
„Sie werden mich anrufen ..."
„Ich werde Sie anrufen", widerholte sie leise und nahm den Zettel an. Abgewandt, vernahm sie rasche Schritte, und als sie wieder aufsah, fand sie sich allein.
Sie wartete noch kurze Zeit, bevor sie gleichfalls ging. Der Regen hatte aufgehört, durch dunkle Wolkenfetzen fielen schon die ersten Sonnensttahlen auf die nasse Straße. Tilla atmete langsam und tief bie gereinigte Luft. Sie schüttelte den Kopf, verwirrt und leicht verwundert. Da fuhren Autos, Straßenbahnen. Die Menschen kamen, gingen, stießen sich in Hast. Es war das gewohnte Bild. Sie sah auf ihre Hand herab, die etwas fest umschlossen hielt. Dann öffnete sie die Finger, seufzte halb unbewußt und ließ den Zettel ungelesen in dem frischen Wind flattern.
Am Abend rief Georg bei ihr an: „Kannst du entschuldigen, Tilla, daß ich dich warten ließ? Aber ich traf Berkow zufällig, als ich auf dem Wege zu
dir war, und habe gleich mit ihm gesprochen. Er will dich spielen lassen! Wahrhaftig, Tilla, da ist für dich eine kleine Rolle im nächsten Stück. Freust du dich sehr?" Tilla wollte sprechen, Georg danken, ihm abbitten und ihm beichten, aber das alles ließ sich nicht so schnell in Worte fassen, und schon klang wieder Georgs Stimme an ihr Ohr: „Das hat ja toll geregnet heute nachmittag! Du bist doch hoffentlich nicht naß geworden, armes Kind?"
„Ach, es war gar nicht so schlimm, sagte Tilla in wunderlichem Tone, „es war nur eine kleine Wolke ..."
Oer Hundekauf.
Wie,man einen Hund kaufen soll, was es dabei alles zu beachten gibt und wie man sicher fein darf, den einen' Hund zu wählen, der ein richtiger Freund zu werden vermag, darüber plaudert der bekannte Tierschriftsteller Philipp Gottfried Maler zu entzückenden Bildern und mit guter Laune im Aprilheft von Velhagen & Klasings M o - natsheften. Er erlebt die Qual der Wahl, und unter den vielen Mitteln, die ihm zu feiner Anschauung verhelfen sollen, ist eines so merkwürdig, daß man es verbreiten sollte. Er hält nämlich den Hundebildern mit den Fingern die Nase zu und stellt fest, daß sie dann sämtlich an Menschen erinnern. Ohne Nase schauen sie einen ganz anders an, menschlicher; man fühlt das Vierbeinige, das Animalische nicht so stark. So kommen wir am besten weiter. „Pudel", fährt Maler fort, „muß ich zugeben, sind also doch außerordentlich kluge Geschöpfe. Würde man sich nicht gut mit ihnen unter, halten? Doggen haben prachtvoll entschlossene Gesichter. Würde man sich nicht sehr sicher neben ihnen fühlen? Setter, englische, irische und schottische Setter gehören zu den schönsten Schöpfungen der Rafsezucht, und wenn man ihnen die Nase zuhält, meint man, sie seien musikalisch. Sie haben ein herrliches Fell aus langem Seidenhaar und sollen ihrem Herrn bedingungslos ergeben fein. Aber wer außer den Windhunden hat jenen berückenden wiegenden Gang, den man an einigen Frauen sieht? Niemand hat ihn als diese Frauen und die Windhunde. Keines von allen Hundewesen ist so viel Mensch geworden wie der Windhund. Wenn ich aber meines Nachbarn Spaniel sehe, möchte ich diesem Nachbarn glauben, welcher der Ansicht ist, es sei das einzig richtige für mich, einen Spaniel ins Haus zu nehmen. Dieser Spanielfreund hat übrigens einmal einen Bobtail besessen und ist auch davon des Lobes voll. Der originellste Hund der Erde ist nach seiner Meinung der Bobtail. In der Tat, es wäre eine höchst aparte Sache, Herr eines Bobtails zu sein, jenes altenglischen Schafhundes, der zwischen Bär und
alten Lotsen zusammensitze, der hier allabendlich einen Teil seiner Pension in Grog umsetzt. Der Alte ist bei meinen Erzählungen immer ernster geworden. Es kommt nicht häufig vor, baff in dieser alten Schifferkneipe mal eine Landratte ihr Garn spinnt. Meist schwirren hier nur die Erzählungen aus Schanghai und Frisco, aus Rio und Neuyork durch die rauchgeschwängerte Lust. Selten kommt es vor, daß hier Namen von Städten, die nicht an irgendeinem Ufer des Weltmeeres liegen, genannt werden. Doch heute hört man - mir zu, wie ich aus Wien, aus Linz, aus Graz und Salzburg erzähle. Wie ich den Männern, die einer nach dem andern an den Tisch kommen, berichten kann von dem Einzug Adolf Hillers in das neue deutsche Land Oesterreich.
Der alte Lotse wird, je weiter die Nacht fortschreitet, immer gedrückter. Schließlich meint er auf meine Frage, warum er denn so ernst sei, indem er fluchend mit der Faust auf den Tisch schlägt: „Daß man schon so alt ist, daß man weiter nichts mehr tun kann als ja sagen, schämen muß man sich beinah. Aber ihr Jungen, wenn ihr nicht mit-
Dem Auge das Beste!
Lassen Sie sich beraten von
I Optiker JBiagnus
dem Optiker Ihres Vertrauens / Seltersweg 33 / Kassenlieferant
macht", dabei stößt er einen Leichtmatrosen, der neben ihm sitzt, ziemlich heftig in die Seite, „bann soll euch der Deubel holen. Da muß doch jeder mithelfen!" Wir haben noch manche Stunde bei Braunbier und Köm zusammengesessen. — Unter den Seemännern, die um unfern Tisch saßen, waren auch Engländer und Franzosen, die stumm zuhörten,, wie ihre deutschen Kameraden stolz von dem neuen Land Oesterreich sprachen. Keiner war unter uns, der nicht stolz gewesen wäre, einer dex 75 Millionen Deutschen zu sein.
Früh am andern Morgen rollt unser Wagen aus Hamburg hinaus nach Norden i n _ das Marschland. Unendlich wölbt sich der Himmel, in dem riesige.Wolkenberge wie Segelschiffe dahinziehen, über der fruchtbaren Ebene. Winzig er» scheinen die stattlichen Häuser der Marschbauern unter der Majestät dieses Himmels, der die Landschaft beherrscht. Es ist ein gesegnetes Land, das seinen Bewohnern großen Wohlstand gebracht hat. Man sieht es den Häusern dieser Bauern an, daß sie Könige auf ihrem Besitz sind. Zu diesem Land ist in den letzten Jahren immer neues Land hin zu erobert worden. Der Arbeitsdienst, die Bauern und Arbeiter dieses Landes haben nach großzügigen Plänen das Meer zurückgedrängt, dessen Wellen sich immer tiefer in den fruchtbaren Ackerboden hineinfraßen. Der Adolf-Hiller-Koog, der Hermann-Göring-Koog und im letzten Jahre der Flnkenhaus-Hallig-Koog sind unter den Händen, dieser Männer entstanden. Mächtige Deiche dämmen das Meer zurück und lassen dort, wo noch vor wenigen Jahren das Meer war, heute saftige Wiesen grünen und goldenen Weizen reifen.
In Husum gibt uns der Arbeitsdienstführer einige Zahlen an, die in knapper Form den bisher geleisteten Teil des Zehn-Jahresplanes des Gauleiters Lohse umreißen. 20 0 0 0 Morgen Neuland, das sind 5000 Hektar, wurden durch Eindeichung gewonnen. Auf diesem Neuland konnten bisher 4 0 0 Siedlungen eingerichtet werden, auf denen Bauern mit ihren zahlreichen Familien Arbeit und Brot gefunden haben. Durch die Eider- Abdämmung konnten allein 42 000 Hektar Land neu erschlossen werden. Diese riesige Fläche, die bisher durch Ueberschwemmungen ständig bedroht war und nur ein saures Gras, das nicht verfüttert werden konnte, hervorbrachte, ist durch die Abdämmung und Dränage zu wertvollem Weideland geworden.
Ich habe mit den Siedlern des Finkenhaus- Hallig-Koogs gesprochen. Es sind prachtvolle Menschen, die dem unersättlichen Meer immer neues Land abringen. Ein Bauer führt mich hinaus auf den Deich, an dem von der See her, vom Wind
Lamm kunstvoll die Mitte hält. Ich würde ihn Robinson nennen. Schließlich blieb uns doch allen ein Stück Jnselromantik im Blute, Liebe zu vorzioi- lisierter Treuherzigkeit, die einem Bobtail aus Fell und Augen blickt. Wahrlich, ich glaube, Bobtails und alle diese altmodischen Schafhunde aus England, Rußland und Ungarn, die Owtscharki, Kuvasz, Puli und Kommondor, die Burschen mit dem Reiz urtümlicher Grimmigkeit und mit dem Zauber der verhängten Augen, sie sind recht eigentlich die romantischen Hunde. Sollte nicht zwischen ihrer zottigen Unordentlichkeit und einem unentschlossenen Tierfreund dir innigste Verwandtschaft bestehen? Lacht nicht! Alle diese Wesen, die ich Robinson nennen würde, sind etwas wie metaphysische Hunde. Wir leben auf der Grenze, und nichts in der Welt ist einerlei. Lacht nicht, ich bin mit meiner Wahl am Ende. Weitschweifig und eindrucksfähig, wie ich bin, möchte ich drei Hunde besitzen, wegen seiner Balladengestalt einen Windhund, wegen des rotseidenen Felles einen Setter, und wegen der verhängten Augen einen Robinson."
Neue Bücher des Insel-Verlages.
Im Jnsel-Derlag zu Leipzig werden im Frühjahr folgende Werke erscheinen: Rainer Maria Rilke, „Ausgewählte Werke" in zwei Bänden; die Ausgabe bringt alle Hauptwerke vollständig, aus den übrigen Werken eine reiche Auswahl, zum Teil aus dem ungedruckten Nachlaß; Hans Carossa, „Gesammelte Gedichte"; Friedrich Schnack, „Gesammelte Gedichte"; Ernst Bertram, „Sprüche aus dem Buch Ar ja"; Fritz Dehn, „Das Gespräch vom Tode"; Rudolf Kaßner, „Der Gottmensch", Essays; ein neues Jtalienbuch „Neapel und Sizilien — als Land der Griechen erlebt" von Bettina Seipp mit 48 Bildtafeln; eine neue Ausgabe des „Ulrich von Hutten" mit 24 Bildtafeln; in den Insel- Klassikern: Eduard M ö r i k e s „Werke" in zwei Bänden mit einer Einleitung von Friedrich Ludwig Barthel; in der Reihe »Dichter unserer Zeitt: die Romane „Oswalt und Sabina" („Zwei ohne Gnade") von Hubert Mumelter und „Pieter Bruegel" von Felix Timmermans; in der »Bibliothek der Romane* „Die Elixiere des Teufels" von E. T. A. Hoffmann und „Die Kartause von Parma" von Friedrich von Stendhal; als Pressendruck erscheint: „Die Abendstunden" von Emile Verhaeren, übertragen von Eva Marte r st e i g , gedruckt von der Albert-Eggebrecht- Presse, Mainz. Von wichtigen Neuauflagen sind zu nennen: die große Ausgabe von Schillers „Sämtlichen Werken" in sieben Bänden auf Dünn- papierdruck und Gottfried Keller, „Gesammelte Werke" in vier Bänden, eingeleitet von Ricarda Huch.


