Nr.57 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 9. März 1938
Aus Oer Stadt Gießen.
Vorfrühlingstage.
Die Schneeglöckchen läuten, in den Gärten blühen die Krokus, an sonnigen Feldwegen erscheinen die ersten Gänseblümchen. Die Menschen sehen es und werden froh.
Ja, der Frühling ist auf dem Wege. Wir sehen es nicht nur, wir fühlen und hören es. Da draußen im Felde trillert es. Die ersten Lerchen! Noch sehen wir sie nicht, aber die Luft ist voller Lerchensang. Dort kommt eine herunter aus dem Himmelsblau. Wie ein kleiner grauer Stein läßt sie sich fast senkrecht in den Kleeacker fallen. Nicht lange, da kommt noch eine, und dann hört das Jubilieren in der Luft nicht auf. Die Vöglein müssen ja singen bei diesem herrlichen Sonnenschein.
Urgewaltig und überzeugend verkünden sie, daß nun der Winter vorbei ist. Wie oft hatten die kleinen Meisen an unfern Fenstern gezirpt, zum Dank für das gestreute Futter, wie oft hatten wir datz Lärmen und Schwatzen der Stare vernommen. Aber es war nie ein Lied, es waren kleine, liebe Erinnerungstöne an vergangene Zeiten. Jetzt aber erklingen voll und jubilierend die Stimmen der Lerchen durch die Luft.
Wie eigenartig wirkt der Gesang der lieben Frühlingsvögel auf das menschliche Herz! Wir vergessen alles und können stundenlang lauschen. Wir empfinden die reine Freude der kleinen Sänger mit. Es ist ein Weckruf für uns Menschen: Vergeßt den Winter!
Der Blick soll njcht in der Vergangenheit hasten. Mit neuer Zuversicht wird des Menschen Herz durch ein solches Frühlingslied erfüllt, neue Hoffnungen werde« geweckt.
Nun, armes Herze, sei nicht bang, > nun muß sich alles, alles wenden!
Diese Verse kann der Dichter Uhland nur beim Frühlingsgesang der Vögel niedergeschrieben haben. So tröstend, so erquickend sind die Töne der kleinen Sänger.
Die ersten Vorfrühlingstage wirken immer so, wie wenn nach banger, schwerer Nacht der junge Tag mit seinem Glanz in unser Zimmer tritt. Darum muß es nun heißen:
Die Fenster auf, die Herzen aus! Geschwinde, geschwinde! H.
Dornoiizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: „Der Troubadour". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Ich möcht so gern mit dir allein sein". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Der Mann mit dem Kuckuck".
Stadttheater Gießen.
Heute abend findet zum letzten Male eine Aufführung des großen Erfolges „Der Troubadour", Oper in vier Akten von Verdi, statt. Musikalische Leitung Joachim Popelka, Spielleitung Wolfgang Kühne, Bühnenbild Karl Löffler. Dr. Baselli (München) auf Anstellung. Die Vorstellung findet als 23. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30, Ends 22.15 Uhr.
„Ton in Töpfers Hand."
Der ^andschaftsbund Volkstum und Heimat unternimmt am Donnerstagabend eine Führung durch die Ausstellung bodenständiger Töpferwaren im Oberhessischen Museum. Diese Schau schlichter, edler Handwerkserzeugnisse kann allen Volksgenossen bestens empfohlen werden.
BOM.-Untergau 116.
Dienstbefehle für diese Woche.
Am Mittwoch, 9. März, 20 Uhr, in Lich; am Mittwoch, 9. März, 20 Uhr, in Lollar; am Donnerstag, 10. März, 20 Uhr, in Geilshausen; am Samstag, 12. März, 19.45 Uhr, Kundgebung mit Gebietsführer Brandt.
GA-Gportabzeichen nicht Selbstzweck
NSG. Am 27. März werden die Träger des SA.- Sportabzeichens ihre erste Wiederholungsübung ablegen. Aus diesem Grunde sei nochmals Sinn und Zweck des Abzeichens herausgestellt, um dessen Bedeutung auch denen näherzubringen, die sie noch nicht oder nur ungenau kennen.
Das SA.-Sportabzeichen wurde vom Führer mit der eindeutigen Zielsetzung der Wehreriüchtigung der deutschen Jugend gestiftet. Während das Reichs- sportabzeichen seine Erfüllung in der Höchstleistung auf leichtathletischem Gebiet findet, will das SA.- Sportabzeichen zum Wehrsport und zur Erhaltung der wehrsportlichen Tüchtigkeit erziehen.
Die einzelnen Abschnitte auf dem Wege zur Erziehung und Ertüchtigung sind in den Bedingungen zum Erwerb und zum dauernden Besitz des SA.- Sportabzeichens klar herausgestellt. Sie umfassen
1. die weltanschauliche Schulung und die innere Haltung des Menschen,
2. die Körperschulung zur Kräftigung von Knochen, Makulatur und Organen,
)5. die Erziehung zur Leistung, die, gepaart mit stählernem Willen und eiserner Disziplin, ihren Niederschlag in der Einsatzbereitschaft des eigenen Ich für die Gemeinschaft findet.
^Aus dieser Zielsetzung geht hervor, daß das SA.- Sportabzeichen nicht Selbstzweck sein will und sein kann, sondern zum Dienst an der Allgemeinheit führt. Dienen aber ist die höchste Aufgabe des SA.- Mannes und darüber hinaus jedes Deutschen. Darum melden sich alle Sportabzeichenträger zur ersten Wiederholungsübung am 27. März!
SA. sammelt Altpapier und Pappe!
SA.-Obergruppenführer B e ck e r l e hat in einem Aufruf, den'wir gestern veröffentlichten, den Einsatz der SA. zu einer Sammlung von Altpapier und Pappö für den nächsten Samstag und Sonntag angekündigt. Welche großen Werte an Rohmaterial zur weiteren Versorgung unserer Wirtschaft auf diese Weise sichergestellt werden können, wird allen Volksgenossen klar sein, wenn sie an das Altpapier in ihren eigenen Haushaltungen denken und sich dabei überlegen, in wie vielen deutschen Haushalten etwa die gleiche Menge oder noch viel mehr vorhanden sein dürfte. Jedermann wird bei einer solchen Betrachtung zu dem Ergebnis kommen, daß es in der Tat eine sehr lohnende und volkswirtschaftlich außerordentlich wertvolle Tat ist, die unsere SA. in diesem Frontabschnitt unseres Kampfes nach den Weisungen des Führers vollbringt. Einen weiteren wertvollen Maßstab für die Bedeutung dieser Sammlung erhält man, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die deutsche Papier- und Pappeerzeugnug jährlich etwa 3,2 Millionen Tonnen, gleich ein Siebtel der gesamten Welterzeugung, beträgt, in Amerika von der dortigen gesamten Papiererzeugung etwa 60 v. H. in Form von Altpapier der Wirtschaft wieder zugeführt werden, in Deutschland die Nutzbarmachung von Altpapier für unsere Wirtschaft sich aber nur auf 25 v. H. der Erzeugung beläuft. Diese Zahlen reden für jedermann eine deutliche Sprache.
Die SA. will nun bestrebt sein, an ihrem Teile zu einer Besserung der Verhältnisse auf diesem Gebiete unserer Versorgungswirtschaft nach besten Kräften beizutragen. Diese Arbeit können alle Volksgenossen, insbesondere unsere Hausfrauen, der SA. dadurch erleichtern, daß fie das Altpapier und die Altvorräte an Pappe schon vor der Ankunft der Sammler in Bündeln
zusammenpacken, damit der Abtransport nicht nur beschleunigt, sondern den Männern der SA. auch etwas erleichtert wird. An die Hausfrauen ergeht denn auch hiermit die besondere Bitte der SA.-Standarte 116, die Altpapier- und -pappe-Vorräte in Packen griffbereit für die Sammler bereitzulegen.
Die Sammelaktion in Gießen wird am Fre-itagnachmittag. mit einer Propagandafahrt mit Sprechchören durch die Stadt eingeleitet. Die Auffahrt der Fahrzeuge zur Sammlung erfolgt am Samstag um 14 Uhr auf Oswaldsgarten. Von dort aus wird zu der Sammlung in Fabriken, Betrieben und Anstalten abgerückt. Am S o n n - t a g fahren die Sammelfahrzeuge um 8 Uhr von Oswaldsgarten aus nach den einzelnen Stadtbezirken ab, um die Sammlung in den Haushaltungen durchzuführen. Die Sammlung wird am Sonntag'um die Mittagszeit ihren Abschluß finden.
Für die Sammlung stehen die Fahrzeuge des städtischen Fuhrparks, einschließlich der Elektrokarren als Zubringer, Körbe, Säcke usw. zur Verfügung. Ferner haben die Fuhrwerksoereinigung Gießen und die Privatindustrie ihren Fuhrpark der SA. in bereitwilliger Weise für dieses gemeinnützige Werk zur Verfügung gestellt.
Die gesammelten Altpapier- und Altpappemengen werden gewogen, dann zunächst für kurze Zeit behelfsmäßig eingelagert, um in beschleunigter Weise abtransportiert und der Verwertung zugeführt zu werden.
In den Landorten werden die Einheitsführer der SA. in Verbindung mit den Ortsbürgermeistereien die Sammelaktion organisieren und durchführen.
Man kann nur hoffen und wünschen, daß dieses neue Werk der SA. im Dienste unserer Volksgemeinschaft allenthalben die wohlverdiente gute Förderung finden und ein voller Erfolg werden mög^!
Am Sonntag, 13. März, 6. Winterwochenendschulung für alle Mädelgruppen-, Schar- und Schaftsführerinnen sowie alle Gruppenreferentinnen. Beginn 8 Uhr in allen Schulungsorten. Urlaub zum Kirchgang in den betreffenden Schulungsorten anläßlich des Heldengedenktages wird durch die Schulungsleiterin gewährt. Die Schulungen finden in folgenden Orten statt: Gießen, Watzenborn-Steinberg, Langsdorf, Grünberg, Londorf.
$rau Oßwald noch nicht gefunden.
Die Suche der Gießener Kriminalpolizei nach der seit etlichen Tagen spurlos verschwundenen Frau Oßwald aus Dreieichenhain, deren Personenkraftwagen an dek Straßenkreuzung Lollar—Odenhausen herrenlos im Straßengraben stehend, aufgefunden wurde, ist ununterbrochen eifrig im Gange. Am gestrigen Dienstagnachmittag unternah
men Beamte unserer Kriminalpolizei in Gegenwart eines Vertreters der Staatsanwaltschaft und unter tatkräftiger Mithilfe von Männern des Pioniersturmes 2/116 eine Suche in der Lahn auf der Strecke vom Hofgut Friedelhaufen bis zur Brücke über die Lahn bei Odenhausen. Dabei wurde auch mit einem Ponton des Pioniersturmes der Fluß befahren unh in allen Teilen sorgfältig abgesucht. Das Ergebnis dieser Nachforschungen war negativ, so daß also auch durch diesen tatkräftigen Einsatz bis jetzt noch keine Klärung der mysteriösen Angelegenheit erzielt werden foniite.
Mittlerweile ist die Angelegenheit mit dem gefundenen wildledernen Halbschuh, den man nach Lage der Dinge zunächst als Eigentum der Frau Oßwald vermutete, aufgeklärt worden. Der Schuh gehört nicht der Frau Oßwald, alle daran geknüpften Vermutungen sind daher gegenstandslos.
Sänger-Hundertjahrfeier in Frankfurt.
Gauleiter Sprenger Schirmherr.
NSG. Der Sängerkreis 14, Frankfurt a. M., begeht im Mai die Hundertjahrfeier des ersten deutschen Sängerfestes, das 1838 in Frankfurt a. M. durchgeführt wurde, in würdiger Form. Gauleiter Sprenger hat die Schirmherrschaft über diese Veranstaltung übernommen
Die Erinnerungsfeier wird am 7. Mai mit einer Kundgebung auf dem Römerberg eingeleitet, an der fast 5000 Sänger aktiv teilnehmen. An die Kundgebung schließt sich eine Sängerwoche mit vier großen Konzerten und die Hundertjahrfeier der Mozartstiftung an. Die Konzerte, die im Saalbau stattfinden, werden von sechs Einzeloereinen und 21 Chorvereinigungen bestritten. Auf dem Programm stehen nur Werke zeitgenössischer Tonsetzer, von denen mehrere ihre Uraufführung erleben.
Bezirksverwaltunqsgericht Gießen.
Am Samstag, 12. März, 8.45 Uhr, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen, Landgraf-Philipp-Platz 3, eine öffentliche Sitzung des Bezirksoerwaltungsgerichts Gießen statt mit folgender Tagesordnung:
1, Berufung der Genossenschaft für Häute- und Fettoerwertung e. G. m. b. H. zu Kassel, Nebenstelle Gießen, gegen die Entscheidung des Kreisausschusses des Kreises Friedberg vorn 19. November 1936
RUHL Seliersweg Nr. 67 |
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wegen Versagung der Erlaubnis zur Errichtung eines Lagers für Häute und Felle in dem Anwesen des Wilhelm Bauer in Butzbach.
2. Berufung des Hermann Ostheim II. in Gettenau' gegen das Urteil des Kreisausschusfes Büdingen vom 25. November 1937 wegen Entziehung des Führerscheins.
3. Klage des August Greulich in Freiensteinau (Kreis Lauterbach) gegen den Bescheid des Kreisamts Lauterbach vom 17. August 1937 wegen Entziehung des. Wandergewerbescheins für 1937 Kj.
Baut Radfahrwege! - und Fußwege?
Brief an den Gießener Anzeiger.
Sehr geehrte Schriftleitung!
Unter dem ersten Teil dieser Ueberschrift forderte vor einiger Zeit ein Einsender in Ihrer geschätzten Zeitung den Bau von besonderen Radfahrwegen, und er suchte seine Forderung durch Belege mit den großen Zahlen der beradelten Kilometer zu stützen. An sich ist wohl gegen diese Forderung nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß Geld dazu vorhanden ist, und daß nicht Gelände in Anspruch genommen wird, das im Hinblick auf unsere wirtschaftliche und politische Lage füglich vorerst noch besser der Land- und Forstwirtschaft dienstbar bliebe.
Im Zusammenhang mit der Anregung jenes Einsenders darf aber wohl auch die Frage erhoben werden: Wie ist es aber mit dem immer noch in beträchtlicher Anzahl vorhandenen Fußvolk? Jst's nicht bereits so, daß ein Gang auf der Landstraße zu gewissen Tageszeiten in einer beständigen Flucht, in einem beständigen Schutzsuchen vor allen möglichen Fahrzeugen, und nicht zum wenigsten vor Motor- und Fahrrädern besteht? Auch dann, wenn man sich unter Beachtung aller behördlichen Vorschriften als Fußgänger auf den mit „Fußweg" bezeichneten Teilen der Landstraße bewegt? Ich habe in dieser Beziehung selbst schon recht schmerzliche und schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Man wird es den Fußgängern daher nicht Übelnehmen können, wenn sie mit Rücksicht auf ihre Kleider, auf ihr Leben und ihre Gesundheit, die ihnen mindestens ebensoviel wert sind wie dem Radfahrer sein Gummireifen, die Bitte aussprechen? Baut zu - nächst einmal Fußwege — und schützt diese in hinreichendem Maße! Gewiß wären diese
Der Tod des alten Kaisers.
Zum 59. Todestage Kaiser Wilhelms!, am 9. März.
Am 9. März 1888, vormittags gegen 10 Uhr, durchflogen Extrablätter die Reichshauptstadt, die den kurzen inhaltsschweren Satz enthielten: ,Seme Majestät der Kaiser ist um 8.30 Uhr verschieden." Die Erschütterung, die sich auf die Trauerkunde hin aller Gemüter in Deutschland und darüber hinaus in der ganzen Welt bemächtigte, galt dem dahin- gegangenert, verehrten und geliebten Loben, es kam aber auch das Gefühl darin zum Ausdruck, an einer geschichtlichen Wende von größter Tragweite zu stehen. Wenn mit dem Tode eines alten und der Thronbesteigung eines neuen Herrschers säst immer eine neue Epoche für ein Land anbrach, so hat der Gang der Weltgeschichte es gefügt, daß mit dem Tode Kaiser Wilhelms I. dieser Einschnitt für Deutschland besonders tief war. Schon damals war es deutlich, daß KaiferFriedrich nur eine kurze Regierungszeit befchieden sein würde, daß also nicht der nächsten, sondern der übernächsten Generation die Führung der kommenden Epoche zufallen würde. Die große Menge, die am 8. Mürz das Palais des sterbenden Kaisers umlagerte, stellte solche Erwägungen gewiß nicht bewußt an. Die Erregung und die Trauer des Augenblicks drängte jeden bestimmteren Gedanken an die Zukunft zurück, aber unbewußt lagerte das Gefühl von der Schlckfalhaftigkeit der Stunde doch auf allen Gemütern.
Die Berliner Bevölkerung war vom frühen Nachmittag des 8. März an voller Unruhe, als die Zeitungen ein Bulletin veröffentlichten: „Seine Majestät der Kaiser hatte eine unruhige Nacht, fein Befinden ist sehr schwach." Vorher hatte man sich auf die Nachricht der Erkrankung des Kaisers hin kaum Sorge gemacht; zu groß war trotz seiner neunzig Jahre das Vertrauen in die starke Natur des Herrschers. Aber nun strömte alles zu den Linden und in die Behrenstraße, wo die Rückseite des kaiserlichen Palais liegt. In der Stadt schwirrten Gerüchte. In der sechsten Stunde hieß es, der Kaiser sei bereits gestorben, sein Tod würde geflissentlich verheimlicht. Da um 6 Uhr die Glocken zu läuten begannen und daß die Purpurstandarte um diese Zeit eingezogen wurde, schien die Gerüchte zu bestätigen. Dann erfuhr man aber, daß in den Kirchen Gottesdienste zur FürbiÜe angeordnet waren, und auch das Einziehen der Flagge wußten Kundige leicht zu erklären: jeden Abend wurde sie herabgeholt. Trotzdem wollten die düste
ren Gerichte nicht ganz verstummen, lieber der dichtgedrängten Menge lag dumpfes Schweigen; man sprach nur flüsternd. Um sieben Uhr verließ ein General das Palais, und auf das Bestürmen der Menge rief er laut: „Der Kaiser lebt!" Von Mund zu Mund wurde die Nachricht weitergegeben, es kam Bewegung und doch auch Beruhigung in die
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Massen. Bald daraus wurde ein neues Bulletin bekanntgegeben: „Der Schwächezustand dauert fort, Seine Majestät nehmen ab und, zu etwas Wein und flüssige Nahrung zu sich. Im ganzen ist der Zustand ruhiger." Als um 8 Uhr auch noch cm General die Nachricht aus dem Palais brachte, der Kaiser sei in tiefen Schlaf verfallen und die Mitglieder der kaiserlichen Familie hätten sich aus dem Palais entfernt, verließ der größte Teil der Menge den Schauplatz.
In der Nacht und auch noch am Morgen war die Hauptstadt voller Zuversicht, die auch durch die Morgenblätter bestätigt wurde. Ein früh um 7 Uhr ausgegebenes ungünstiges Bulletin, der Schwächezustand habe zugenommen und einen hohen Grad erreicht, konnten die Morgenblätter noch nicht bringen. So kam es, daß die meisten hoffnungsvoll an
ihre Tagesarbeit gingen, als der. Kaiser schon verschieden war. Um so erschütternder wirkte die Todesnachricht, die um 10 Uhr durch die ersten Extrablätter verkündet wurde. Ein paar Stunden später erschien der „Staatsanzeiger" mit der ämtlichen Bestätigung: „Es hat Gott gefallen, Seine Majestät den Kaiser und König, unseren allergnädigsten Herrn, nach kurzem Krankenlager heute um 8.30 Uhr morgens im 28. Jahre seiner reichgesegneten Regierung aus dieser Zeitlichkeit abzurufen. Mit dem Königlichen Hause betrauert unser gesamtes Volk den Hintritt des allgeliebten, ehrwürdigen Herrschers, dessen Weisheit so lange über feinen Geschicken in Krieg und Frieden ruhmreich gewaltet hat. Berlin, den 9. März 1888. Das Staatsministerium."
Nach und nach wurden auch die Einzelheiten über die letzten Stunden des Monarchen bekannt. Die bedrohliche Wendung war nachmittags eingetreten, zu eben der Stunde, als sich in Berlin Gerüchte vom Tode des Kaisers verbreitet hatten. Im Schlafzimmer waren alle Mitglieder der Familie versammelt, der Oberhofprediger D. Kögel stand am Bette und sprach ein Gebet, das der Koster zuweilen mit einem leisen „Richtig!" oder einem „Gut!" unterbrach. Später, nach Einnahme einiger Erfrischungen, zeigte er sich kräftiger und fef)r gesprächig. Plötzlich rief er den Prinzen Wilhelm, den späteren Kaiser, in seine unmittelbarste Nähe. Mit meist deutlich vernehmbarer Stimme sprach er eingehend mit dem Enkel. Er sprach von der Armee und Preußens gesamtem Volke, von Deutschlands Bündnissen, von möglichen Kriegen der Nachbarvölker, von ihren militärischen Einrichtungen und solchen/ im deutschen Heere, die ihn in letzter Zeit besonders beschäftigt hatten. Dann schwieg er einige Zeit.und schlief ein. Aber immer wieder, wenn er erwachte, sprach er von den Truppen und von den Erinnerungen der Feldzüge. Da richtete die Großherzogin von Baden an den kranken Vater die Bitte, sich durch zu vieles Sprechen nicht zu ermüden. Hierauf erwiderte er laut und deutlich: „Ich habe jetzt nicht mehr Zeit, müde zu fein." '
In den frühen Morgenstunden, etwa um 4 Uhr, trat1 ein starker Verfall der Kräfte ein. Der Puls wurde immer schwächer, der Atem schwerer, dos Bewußtsein schwand. Die ganze Familie und alle Persönlichkeiten, die am Abend ^orher um das Krankenbett versammelt waren, wurden zusammen- gerufen. Die Kaiserin saß in ihrem Stuhle zur Seite des Bettes und hielt die link? Hand des Sterbenden in der ihren. Auch die Schwäche, die sie zeitweise selbst überwältigte, konnte sie nicht bewegen, die Hand des Gemahls loszulafsen. Nur noch für kurze Augenblicke kehrte das Bewußtsein
zurück, dann blickte der Kaiser um sich und erkannte wohl, daß er von allen seinen Lieben umgeben war. Er nickte einzelnen gütig zu, sprechen konnte er nicht mehr. Die Atemzüge wurden immer kürzer; Hofprediger D. Kögel begann zu beten. Alle Anwesenden sanken auf die Knie. Die Uhren schlugen */29. Da — noch ein tiefes Aufseufzen — der Kaiser war tot. Erst aus dem Munde des Geistlichen, während dessen Gebet er den letzten Atemzug getan hatte, erfuhren die Anwesenden die traurige Gewißheit. Schweigend trug die Kaiserin den Schlag, auch Bismarck kämpfte den Schmerz mit Gewalt nieder, nur Moltke vermochte die Tränen nicht zu bannen, die ihm aus den Augen strömten. Einer nach dem andern trat noch einmal heran, zuerst die Familienmitglieder, Fürst Bismarck, Graf Moltke, der Oberhofmarschall, die General- und Flügeladjutanten, die Aerzte, bis zur Leibdienerschaft, und andere von den langjährigen treuen Dienern des kaiserlichen Herrn, um den letzten Abschied von ihm zu nehmen. Alle knieten vor dem Toten nieder und küßten zum letzten Male die Hand, die so lange über ihnen und dem Vaterlands gewaltet hatte. C. K.
Zeitschriften.
— „Das innere Reich" (Herausgeber: Paul Alverdes und K. B. v. Mechow. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München) beendet' mit dem Märzheft feinen vierten Jahrgang. Im ersten Teil ist das Heft aus Anlaß des Heldengedenktages dem Gedächtnis der Front gewidmet. Zu dieser Ehrung haben Franz Tumler, Wolfram Brockmeier und Heinrich Frank eine Reihe bisher unveröffentlichter Gedichte beigesteuert. Von gleichem Geiste erfüllt sind die Kriegserzählungen „Herrgott im Himmel! Was wäre es jetzt schön" von Wolf Justin Hartmann und „Der Fähnrich" von Walter Georg Hartmann: jede von ihnen umkreist das Erleben des Krieges in der Erinnerung an die einst mit dem Tode besiegelte Treue und Kameradschaft. Unter den übrigen Prosabeiträgen sei vor allem der historischen Erzählung „Jrinq und Jrminsried" von Hans Friedrich Blunck gedacht. Ihr reiht sich der Schluß der Novelle „Ein Mann, der nichts schuldig blieb" von Eduard Lachmann an. Daneben findet sich gleichsam erläuternd zu den Versen von Ludwig Friedrich Barthel, Georg von der Bring und Adolf Beiß eine Betrachtung über das unerschöpfliche Thema „Das Gedicht und der Leser" von Ed- gär Hederer. In den kleineren Beiträgen findet sich eine schöne Würdigung der Malkunst'Wolf Panizzas; die dazugehörigen sechs Bilddafcln runden das Heft in gewinnender Weise ab.


