Johannes Gensfleisch zum Gutenberg.
Wann starb er? — Wo liegt er begraben?
Von Dr. A. kuppel, Direktor des Gutenberg-Museums in Mainz.
Am 17. Januar 1465 wird der Erfinder der Buchdruckerkunst Johannes G e n s f l e i s ch zum Guten- bera von dem Mainzer Erzbischof und Kurfürst Adolph von Nassau durch eine noch erhaltene Urkunde zum Hofmann ernannt. Am 26. Februar 1468 quittiert der Mainzer Bürger und Stadtsyndikus Dr. Konrad H u m e r y , eine Druckereieinrichtung aus dem Nachlaß des Johannes Gutenberg erhalten zu haben. Nachweislich war also Gutenberg am 17. Januar 1465 noch am Leben und am 26. Febr. 1468 bereits verstorben. Er war der letzte Träger des Namens Gensfleisch zum Gutenberg.
Nun fand der Archivar F. W. Roth im Jahre 1916 in einem von Peter Schäffer in Mainz ohne Datum „um 1475" gedruckten Beichtbuch des Antonius Florentinus unter dem Signet des Buchdruckers am Ende des Buches -folgenden Eintrag einer Hand des 15. Jahrhunderts:
„Anno Domini 1468 uff sank blasius tag starp der ersam meinster (!) Henne Ginß- fteiß, dem got gnade."
Darnach starb also am 3. Februar 1468 ein Johannes Gensfleisch, der als ehrsamer Meister bezeichnet wird. Wenn es zu damaliger Zeit auch eine ganze Anzahl Personen gab, die Johannes Gensfleisch hießen, so können wir nach unserer Kenntnis von allen nur dem Johannes Gensfleisch zum Gutenberg den Titel eines ehrsamen Meisters beilegen. Wer also den Todestag Gutenbergs auf den 3. Februar 1468 festlegen will, kann dies getrost bis zum Nachweis des Gegenteils tun.
Da jenes — heute spurlos verschwundene — Exemplar des Schöfferdruckes, das den genannten Eintrag enthält, einmal dem Landkapitel des Niederrheingaues in Eltville gehörte, liegt der Schluß nahe, daß der Dekan dieses Kapitels, der 1473 verstorbene Eltoiller Pfarrer Leonard Mengoß, diesen Eintrag gemacht habe. Leonard Mengoß war aber nicht nur Pfarrer in Eltville, sondern auch Kanoniker des St. Victorstiftes in Mainz. In letzterer Eigenschaft hat er den Johannes Gutenberg zur Beurkundung eines am 21. Juni 1457 abgeschlossenen Vertrages als Zeugen hinzugezogen. Mengoß kannte also Gutenberg persönlich. Er könnte also den Eintrag vom Tode des Erfinders sowohl in Mainz als auch in Eltville gemacht haben. Beweisen kann man es freilich nicht. Ebensowenig kann man aber auch aus diesem Eintrag herleiten, daß Gutenberg nun in Eltville gestorben und in Eltville begraben sei: in dem Eintrag steht nichts von dem Sterbe- und Begräbnisort.
Da Erzbischof Adolph von Nassau seinen Hof nicht in Mainz, sondern in der Burg des nahe bei Mainz gelegenen Städtchens Eltville hielt, nahmen einige an, Gutenberg habe seine letzten Lebensjahre dauernd in Eltville verbracht. Das ist jedoch ein Irrtum.' Denn die schon genannte Bestallungsurkunde vom 17. Januar 1465 befreit ausdrücklich Gutenberg auf Lebenszeit von dem Folgedienst; er brauchte also nicht an den Hof nach Eltville zu kommen. Dieselbe Urkunde befreit ihn aber auch von Wachen, Abgaben und anderen Diensten und Lasten, die die anderen Bürger und Einwohner der Stadt Mainz zu tragen hatten. Diese Vergünstigung hatte für Gutenberg nur Sinn und Wert, wenn er Einwohner der Stadt Mainz war und es auch fernerhin bleiben sollte. Und noch ein Drittes besagt die Bestallungsurkunde vom 17. Januar 1465. In ihr verspricht der Erzbischof, seinem Hofmann Gutenberg die Leibesnahrung, bestehend in 20 Malter Korn und zwei Fuder Wein, Jahr für Jahr abgabefrei in seine Behausung in der Stadt Mainz zu liefern unter der ausdrücklichen Bedingung, daß dieser sie weder verkaufen noch verschenken dürfe, sondern in seinem eigenen Haushalt verbrauchen müsse. Diese jährliche Nahrungsmittel-Lieferung nach Mainz für den persönlichen Verzehr durch Gutenberg ist der stärkste Beweis dafür, daß der Erfinder der Buchdruckerkunst nicht Dauergast der Elt- viller Hoftafel sein, sondern auch in seiner Eigenschaft als Hofmann des Mainzer Erzbischofs seinen Wohn
sitz in seiner Vaterstadt beibehalten sollte und wollte. Die Lebensmittel-Lieferung nach Mainz kann nur als Abgeltung des den anderen Hofleuten des Erz- bischofes zustehenden Rechtes, an der kurfürstlichen Hoftafel in Eltville speisen zu dürfen, betrachtet werden. Gutenberg kann also nicht dauernd, sondern nur gelegentlich in Eltville geweilt haben.
Einige beziehen — allerdings mit Unrecht — die in dem Briefe des Pariser Professors Wilh. Fi ch e t an seinen Kollegen Robert G a g u i n vom 1. Januar 1472 enthaltene Mitteilung, daß der Erfinder der Druckkunst, Johannes Gutenberg, „nicht weit von der Stadt Mainz gewesen" sei, auf Eltville. In dem Briefe Fichets ist diese Stadt weder genannt noch auch nur angedeutet.
Wenn Gutenberg seinen Wohnsitz in den letzten Lebensjahren in der Stadt Mainz beibehielt, so dürfen wir auch annehmen, daß er auch in seiner Vaterstadt starb. Auf Mainz als Sterbeort Gutenbergs müssen wir aber auch noch aus anderen Gründen schließen. Der in Mainz wohnende Dr. Konrad Humery bezeichnet die im Nachlaß Gutenbergs Vorgefundene Druckerei als sein Eigentum, und er verspricht dem Kurfürsten, diese Druckerei nur „innerhalb der Stadt Mainz und nirgend anderswo zu gebrauchen", wolle er sie aber verkaufen, so solle bei gleichem Angebot ein eingesessener Bürger der Stadt Mainz das Vorkaufsrecht haben. Aus diesen Angaben der Quittung des Dr. Humery vom 26. Februar 1468 geht hervor, daß die genannte Druckerei in Mainz war, wo sowohl der Eigentümer als auch der Inhaber wohnten, und auch künftig nach dem Willen des Kurfürsten und dem Versprechen des Humery in Mainz bleiben sollte. Da also die Druckerei, die der Erfinder bis zu seinem Tode besaß, in Mainz war. können wir annehmen, daß Gutenberg auch in Mainz starb.
Dafür aber, daß der Erfinder der Buchdruckerkunst in Mainz begraben wurde, haben wir ein absolut gesichertes, direktes Zeugnis in der Grabschrift des Adam Gelthus, die dieser als Kaplan des Nicolausaltars von Eltville in einem Mainzer Druck des Jahres 1499, also 31 Jahre nach dem Tode Gutenbergs, veröffentlichte. Da Adam Gelthus ein Verwandter des Erfinders war und vor seiner Uebersiedlung nach Eltville Kaplan des der Gutenberglinie der Gensfleisch zuständigen Nicolausaltars In der Quintinskirche zu Mainz gewesen war, und da die Veröffentlichung der Grabschrift zu einer Zeit erfolgte, als in Mainz noch eine ganze Anzahl von Persönlichkeiten lebte, die um Gutenberg und sein Grab Bescheid wußten, wird die Glaubwürdigkeit seiner Nachricht stark erhöht. Diese Grabschrift aber preist den Erfinder der Buchdruckerkunst, der sich um jede Nation und jede Sprache ein unsterbliches Verdienst erworben habe und sagt am Schlüsse: „Seine Gebeine ruhen in der Kirche des hl. Franciscus zu Mainz".
Diese klare und gesicherte Angabe findet noch eine Bestätigung durch den Zusatz, den ein späterer Abkömmling aus' der großen Gensfleisch-Familie, Maximilian zum Jungen, dem Manuskript der 1481 geschriebenen Mainzer Chronik hinzufügte, daß Johannes Gutenberg aus der Familie Gensfleisch bei seinen Vorfahren in der Mainzer Franziskanerkirche beerdigt worden und dort sein Totenschild mit dem Familienwappen aufgehängt worden sei. Nachweislich liegen Vorfahren Gutenbergs in der Mainzer Franziskanerkirche begraben; dadurch wird die Mitteilung des Maximilian von Jungen ihrerseits erhärtet.
Diese Grabeskirche Gutenbergs ist leider von dem Erdboden verschwunden. Sie wurde 1742 nieder- gelegt. An ihrer Stelle erbaute man eine prachtvolle Jesuitenkirche, die aber im Jahre 1793 zusammengeschossen und nachher ebenfalls abgebrochen wurde. Heute zieht durch den Leib der Kirche eine Straße, die den Namen Schäffers trägt. Sie ist an der Stelle der Kirche nur auf der Seite bebaut, wo der ehemalige Chor stand. Auf der anderen Seite der Straße, wo ehemals der größte Teil des Schiffes dieser Kirche tag, befindet sich ein unbe-
Autofahren 1910.
Von Christian Bock.
1910 — das war damals, als man in der guten Gesellschaft das anerkennende Wort „kolossal" erfand. Man nannte alles mögliche „kolossal": ein Kleid, eine Frau, ein neues Bühnenstück. Das alles war kolossal, und ganz kolossal war das Automobil von damals. Ein leidlich gutes Auto kostete ja auch ab 20 000 Mark, und so ein Autokauf war eine Begebenheit.
Man reifte im Zylinder direkt zur Fabrik und kaufte da das Auto — aber nicht das ganze Auto auf einmal, denn man pflegte sich damals alles einzeln zusammenzuholen, erst kaufte man das Fahrgestell, dann die Beleuchtung, die Windschutzscheibe, die Reifen, und die Autohupe suchte'man sich mit besonderem Eifer aus. Die Karosserie ließ man bann mit einem Maßanzug bei einem renommierten Karossier machen, und von ihm wurde zuletzt erst alles zu einem vollständigen Automobil zusammengebaut.
Beim Kauf eines Autos würbe ein Mann — weist der bisherige Kutscher — zur Fabrik geschickt, um zum Chauffeur ausgebildet zu werden. Em Auto fahren war nicht jedermanns Sache — und der Selbstfahrer war noch nicht erfunden. Noch lange nicht.
Es wäre auch niemals jemandem eingefallen, in einen Wagen einzusteigen, der die moderne niedrige Form gehabt hätte: die Autos waren hoch, man konnte mit Zylinder auf dem Kopf einsteigen, ohne seine korrekte Haltung zu gefährden und ohne soviel sportliche Hebung zu haben, wie heute ja ^äugehört, in einen Kleinwagen hineinzuklettern. Der Engländer, immer schon ein Mann der Form, kann sich heute noch nicht recht an die moderne niedrige Karosserie gewöhnen.
Eine Autoreise von mehreren Tagen war 1910 äußerst selten, und wenn jemand das Wagnis unternahm, rüstete er sich dazu gehörig aus. Die Eltern nahmen Abschied von ihren Kindern, als ginge es nach Amerika, man nahm eine Unmenge Proviant mit, große Kästen voller Reserveteile Benzin nicht zu vergessen. Tankstellen gab es ja nicht Wer damals ein Auto fuhr, kaufte sich fein Benzin in der Drogerie.
Die Chausseen waren staubig. Um ein Rutschen zu verhindern, hatten die Reifen sogenannte Nieten- gleitschutzstreifen, die Staubwolken von der Straße aufwirbelten, wenn das Auto im rasenden Tempo von 40 Stundenkilometer dahinbrauste.
Wehe, wenn auf der Fahrt ein Reifen platzte! Ersatzräder gab es nicht, denn — wenigstens die meisten — Autos hatten feste Räder. War es passiert, und es passierte oft — bann setzten sich die Reisenden ins Gras, und der fachkundige Chauffeur begab sich an die schwierige Reparatur, die drei, vier Stunden dauern konnte.
Mein Gewährsmann übrigens, der mir dies alles erzählte, war damals selbst dabei und kennt noch alle Wagentypen, die es um 1910 gab: das „Coup6", den „Phaeton", das „Landaulet" —
Ob er mir nicht, frage ich ihn noch, von damals irgendeine lustige Geschichte erzählen kann, die er vielleicht miterlebte?
Aber nein, sagt er, das kann er nicht. Autofahren, das war beileibe keine lustige Sache, das war eine ernste Angelegenheit!
Der Fischadler.
Von H Zacoby.
Woher der stille Waldsee seinen Namen hat, weiß ich nicht. Er gehört zu den vielen großen und kleinen Gewässern der norddeutschen Tiefebene, ist aber von ganz besonderer Art. Vielleicht haben geschichtliche Ereignisse in ferner Vergangenheit, vielleicht aber auch feine Lage und feine mystische Umgebung ihm den Namen gegeben: Düwelskrovg. Er ist eingebettet in einen alten, dichten Buchen- und Kiefernbestand, und die Schatten, die die Kronen der Bäume auf sein Wasser werfen, lassen ihn dunkel, geheimnisvoll und unergründlich erscheinen. Nur die braunen Blütenschäfte des breitblättrigen Rohrkolbens, das keusche Weiß der Seerosen und die gelben Tupfen der Teichrosen bringen ein wenig Farbe in das Bild. Das Laichkraut entfaltet feine eiförmigen Blätter und streckt die rosafarbenen Blütenstände aus dem Wasser empor, auch Pfeilkraut und Froschlöffel wuchern hier. Doch die Stille, die hier herrscht, wirkt nicht beruhigend, sondern drückend.
In stiller Nacht, wenn der Brunstschrei des Rothirsches, der hier seine Wechsel zieht, durch den Wald dröhnt und Nebelschwaden vom Wasser auf- steigen, meidet man gern die Nähe dieses Seö's; denn schon mancher Wanderer ist hier vom Wege abgekommen und niemals wieder gesehen worden. Die grünen Arme der Wasserpflanzen haben ihn umschlungen, und der moorige Grund hat ihn hinabgezogen.
,^abe ich am Ufer hinter einem hohen Wacholder gelegen und auf den Beherrscher dieses
bauter Platz. Da Gutenberg als Laie mit Sicherheit nicht im Chor, sondern im Schiff der Kirche begraben wurde, ist diese Stelle heiliger Boden. Denn unter ihm ruht Johannes Gutenberg. Dieser Platz ist zur Zeit noch in einem unwürdigen Zustand. Jedoch hat die Mainzer Stadtverwaltung beschlossen, ihn in einen sakralen Bezirk umzuwandeln und durch ein Grabmonument als hie Stätte zu bezeichnen, an der der größte Sohn dieser Stadt seinen letzten Schlaf schläft. (Nachweise und Belege in dem Büchlein „Eltville als Frühdruckstadt",' Mainz 1938).
Im Jahre 1940, also in zwei Jahren, wird die gesamte zivilisierte Welt das erste Halbjahrtausend der Buchdruckerkunst feiern, die von Mainz aus das ganze Erdenrund in friedlicher Weise eroberte und Mutter allen modernen Fortschrittes in der Welt geworden ist. Wie die ersten Jünger Gutenbergs vor 500 Jahren von, Mainz aus die neue unerhörte Erfindung in die anderen Städte und Länder hinaustrugen, so werden im Jahre 1940 die Buchdrucker der Welt, aber auch viele Tausende anderer, die ein dankbares Gefühl dem Manne gegenüber haben, der ihnen dieses wichtigste Instrument ihrer Bildung geschaffen und geschenkt hat, nach der Stadt Mainz pilgern, um an dem Grabe Gutenbergs dem Meister zu huldigen, der eines der größten Genies, aber auch einer der größten Wohltäter der Menschheit war.
Eine dieser Geschichten ist mir schon damals vor allen lieb gewesen, nämlich die des schiffbrüchigen Robinson. Das Buch gehörte dem Sohne des Doktors in der Nachbarschaft, und weil es ihm streng verboten
war, mit uns Gassenkindern umzugehen, mußte ich meinen ganzen Scharfsinn daran wenden, bis ich diese Kostbarkeit endlich durch einen recht anrüchigen Kunstgriff beim Kugelspiel an mich bringen konnte.
Ich besaß den Band noch, als ich längst den Kin- derstrümpfen entwachsen war und meine Jugend in den Schützenlöchern und Kavernen der Gebirgsfront begraben mußte. Irgendwo verlor ich dann das Buch auf den endlosen Märschen oder in der traurigen Dämmerung der Gefangenschaft, ich weiß es nicht mehr, damals verlor ich viel. Es gesellte sich auch in diesen Jahren manches andere Buch zu mir und wurde nicht eben wert gehalten, aber einige bliebcc mir doch dauernd, aus Zufall oder weil sie mir wahrhaft teuer waren.
Später als ich in die Stille geriet und mein Leben im Dorf e'inzurichten begann, fügte es sich bei meinem Hang zum Handwerk ganz von selbst, daß ich mich mehr und mehr auch mit dem Aeußeren des Buches befaßte, mit feiner dinglichen Gestalt. Viele vergilbte Schwarten habe ich mühsam zerlegt, um den alten Meistern hinter ihre Schliche zu kommen. Ich sah mit Bewunderung, wie sie den Vorsatz falzten oder das Kapital umstachen und noch den Heftfaden kunstvoll über die Bände schlangen, obwohl das doch nie jemand zu Gesicht bekam. Schließlich lernte ich es auch, und daran habe ich noch immer meine Freude. Stehe am Schrank vor den schönen gewandeten Büchern, befühle das köstliche Leder, schlage eins und das andere auf und suche darin nach dem Wort, das mir lieb ist. Und so wird es wohl auch bleiben: am liebsten binde ich Bücher, weniger gern lefe ich sie, und am wenigsten mag ich sie selber schreiben.
Aus den Gießener Gerichtssälen.
Große Strafkammer Gießen.
Gestern hatte sich der I. Sp. aus Nauheim bei Groß-Gerau vor der Großen Strafkammer wegen fahrlässiger Tötung zu verantworten. Der Angeklagte befand sich am 20. November v. I. mit feinem Lastkraftwagen auf einer Geschäftsfahrt zwischen Gießen und Reiskirchen. An jenem Tage herrschte trübes, diesiges Wetter, außerdem war die Straße sehr glitschig. Ungefähr bei Einbruch der Dunkelheit mußte der Angeklagte einen Motorradfahrer überholen, vor dem sich noch ein Radfahrer befand. An dem Motorradfahrer kam er glücklich vorüber. Als er sich gerade anschickte, den Radfahrer zu Überholen, sah er plötzlich aus entgegengesetzter Richtung einen Motorradfahrer unmittelbar vor ihm auftauchen. Dieser Situation war der Angeklagte augenscheinlich nicht mehr gewachsen. In seiner Kopflosigkeit bremste er so scharf, daß der Wagen hinten herumflog und quer über die Straße rutschte. Der Motorradfahrer fuhr infolgedessen mit voller Wucht auf seinen Wagen auf. Er erlitt dabei einen Schädelbruch, an dessen Folgen er noch am selben Tage starb. Der Wagen des Angeklagten rutschte auf der gegenüberliegenden Seite eine Böschung hinunter und überschlug sich. Der Angeklagte gad in der gestrigen Hauptverhandlung den Vorfall an sich zu, behauptete jedoch, er habe infolge der schlechten Witterungs- und Straßenverhältnisse nichts mehr tun können, um den Unfall zu vermeiden. Demgegenüber bejahte das Gericht die Schuldfrage, weil er einmal gerade mit Rücksicht auf die von ihm als Entschuldigung angeführten Verhältnisse hätte langsamer fahren müssen, sodann, weil er in dem entscheidenden Moment vollkommen den Blick für die Situation verlor und jede Umsicht vermifsen ließ. Immerhin hielt es die schlechten Witterungsverhältyisse dem Angeklagten bis zu einem gewissen Grade zugute und blieb daher erheblich unter dem Anträge des Staatsamvaltes, der eine Gefängnisstrafe von acht Monaten beantragt hatte. Das Urteil lautete auf z w e.i Monate Gefängnis.
Sodann wurde unter Ausschluß der Öffentlichkeit gegen den G. M. aus Nieder-Wöllstadt wegen Sittlichkeitsverbrechens verhandelt. Dem Angeklagten wurde zur Last gelegt, wiederholt an 'Minderjähriges unsittliche Handlungen vorgenommen zu haben. Es konnten ihm vier Fälle nachgewiefen werden. Das Gericht billigte ihm mit Rücksicht auf feine bisherige Unbescholtenheit mildernde Umstände zu und erkannte auf eine Gefängnis st rafe
von 1 Jahr und 4 Monate, eine Woche gilt durch die Untersuchungshaft als verbüßt.
Schöffengericht Gießen.
Unter der Anklage der schweren Urkundenfälschung und Unterschlagung hatte sich der W- K. aus Hagen vor dem Schöffengericht zu verantworten. Der Anklage lag folgender Sachverhalt zugrunde: Der Angeklagte war bis vor kurzem bei einer Firma in Lanzenhain beschäftigt. Er war von der Betriebsleitung beauftragt worden, RM. 12.— rückständigen Lohn an 3 Gefolgschaftsmitglieder auszuzahlen. Diese Summe steckte der Angeklagte in seine Tasche und fälschte die Lohnquittungen mit den Namen der Berechtigten. In der gestrigen Hauptverhandlung gab der Angeklagte die Unterschlagung zu, bestritt jedoch die Urkundenfälschung. Das Gericht kam zu der Uebergeugung, daß nach der ganzen Inter- essenlage der Angeklagte auch die Quittungen gefälscht haben mußte, da er allein die Quittungen int Besitz hatte und auch die Tatsache, daß er das Geld in seine Tasche gesteckt hatte, eine andere Deutung nicht zuließ. Mit Rücksicht auf die Geringfügigkeit der unterschlagenen Summe billigte ihm bas Gericht mildernde Umstände zu und erkannte auf eine Gesamtstrafe von 2 Monaten Gefängnis.
Amtsgericht Gießen.
Der I. H. aus Frankfurt a. M. fyatte wegen Diebstahls einen Strafbefehl über 70 Mark erhalten. Auf feinen Einspruch kam die Sache gestern zur Hauptvechandlung vor dem Amtsgericht. Dem Angeklagten wurde zur Last gelegt, Anfang Januar biefes Jahres in dem Lager an der Reichsautobahn in Großen-Bufeck, wo er damals beschäftigt war, einem Arbeitskameraden ein paar Sonntagsschuhe gestohlen zu haben. Der Angeklagte gab für den Vorfall folgende Darstellung: Die fraglichen Schuhe hätten auf seinem Spind gestanden. Da er nicht gewußt habe, wem sie gehörten, habe er sie zunächst einmal in seinem Spind sichergestellt. Er „vergaß" aber, bei seinen Kameraden, ober bei der Lagerleitung nach dem Eigentümer der Schuhe sich zu erkundigen und sie diesem zurückzuerstatten. Darüber hinaus bekundete der Geschädigte einwandfrei, daß die Schuhe nicht auf dem Spind des Angeklagten, sondern auf dem feinigen gestanden hätten. Mit Rücksicht darauf, daß der Angeklagte die Stirn hatte, dem Gericht ein derartiges Märchen aufzu- tlschen, ließ es das Gericht nicht bei einer Geldstrafe bewenden, sondern erkannte auf eine Gefäng - nisstrafe von 2 Wochen.
Sees gewartet, auf den stolzen Fischadler, der seinen Horst im Wipfel einer hohe' Buche hat. Der Horst ist alt und wird Jahr für Jahr wieder benutzt, und weil er immer neu gepolstert wird, hat er bereits eine beträchtliche Höhe erreicht. In den Seitenwänden brüten Finken, aber um diese Untermieter kümmert sich der Fischadler nicht, und unbehelligt läßt er auch die Bläßhühner auf dem See und die jungen Enten, die sofort flüchten, wenn der Habicht über das Schilf streicht.
Man braucht sich nicht zu beeilen, wenn man den Fischadler jagen sehen will. Er kommt erst am späten Vormittag, bleibt aber, wenn er nicht gestört wird, mehrere Stunden. Zuerst streicht er mit langen bedächtigen Flügelschlägen über den See, bann zieht er Kreise, bie immer enger werben, unb senkt sich tiefer auf bas Wasser herab, bis schließlich sein ruhiger, an ben Bussarb erinnember Flügelschlag in ein Flattern übergeht, mit dem er sich auf der Stelle zu halten sucht. An der Oberfläche des Wassers haben die scharfen Augen des Adlers einen Karpfen entdeckt.
Plötzlich schlagen mit hartem Ruck die Flügel nach oben zusammen, und der Vogel, der seinen Halt verloren hat, fällt jäh wie ein Stein in bie Tiefe. Die bleifarbenen beschuppten Fänge strecken sich vor, aber her Karpfen war schneller als sein Feinb, unb als ber Adler ins Wasser taucht, greifen seine Fänge ins Leere. Sekunden ist der Vogel unter der Wasserfläche, bann steigt er roieber auf unb schüttelt mit zitternder Bewegung das Wasser aus dem Gefieder.
Ein zweiter Adler streicht aus der Richtung des Horstes heran, ein altes Männchen mit weißem Scheitel und dunklen Flecken darauf. Nun geht die Jagd zu zweien weiter. Der eine jagt hier, der andere am jenseitigen Ufer, und jeder meidet das Revier des andern. Immer wieder schlagen die Flügel zusammen, daß das helle Weiß der Unterseite der beiden Vögel aufleuchtet. In sausender Fahrt tauchen sie in das blaue Wasser unb steigen roieber empor, bis es bem größeren Weibchen gelungen ist, einen Fisch zu packen. Mit freudigem „Kai-kai- kai!" streicht es zum jenseitigen Ufer und kröpft dort auf einem Felsblock die Beute.
Das Männchen hat feine Jagd fortgesetzt, unb jetzt ist es auch ihm gelungen, einen Fisch zu schlagen. Aber vom Ufer kommen ihm zwei Nebelkrähen entgegen. Der Adler weicht aus, doch die grauen Gesellen haben die Beute in Fängen des Fischhabichts schon gesehen. Sie stoßen auf den Blaufuß, der sich in weitem Bogen den Verfolgern zu entziehen sucht. Aber die Krähen sind auch' ge
wandte Flieger, und außerdem hindert den Adler der schwere Fisch in den Fängen. Durch das laute Gekrächze sind noch mehrere Graue herbeigelockt worden und umkreisen den Fischadler, bis er das Spiel verloren gibt und die Beute fallen läßt. Sie stürzen sich sofort auf den Fisch und balgen sich um ihn, und ber Adler ist wenigstens feine Verfolger los. - '
Nun herrscht aber noch ein anderer hier am Duwelskroog. Aber das ist kein edler Herr wie der Fischadler, sondern ein Raubritter, ein Sttauch- meb schlimmster Art, dem nichts heilig ist, der die Singvögel im Walde schlägt und die Enten auf dem See, der im Winter sogar den kräftigen Mümmel- mann anfällt, wenn der Hunger in seinen Ginge- cheiden wühlt. Man kann ihn viele Male am Tage hier finden; denn er ist unersättlich, jagt den ganzen Tag, und erst bei sinkender Sonne zieht er' sich m die Stangenhölzung* zurück, wo sein Horst steht. Es ist der Hühnerhabicht. Meistens kommt er von der Nordseite her, von dort, wo das Moor mit den alten Torfstichen an den See grenzt, wo die weißen Wollgrasbüschel stehen unb die schlanke Teichsimse sich sanft vom Winde schaukeln läßt.
Vom See heraus klingt noch immer das streitende Gekrächz der Krähen, die mit dem Fisch nicht ser- ttg werden. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist auf die Beute gerichtet, keine gönnt sie der andern, und neidisch sind sie alle auseinander. Da kommt vom Moor herüber das Unheil. Am Waldrand entlang streicht über den Boden der Hühnerhabicht heran, den Kopf eingezogen und Mordlust in feinen gelben funkelnden Augen. Bevor noch die Grauen'ihren grimmen Feind bemerkt haben, ist er unter ihnen, schlägt einer Krähe bie Dolchgriffe in den Leib und zieht ab in den Wald hinein.
Am Ufer liegen noch die Reste des Fisches- sie werden den Wasserratten als Mahlzeit dienen. Ruhig ist es wieder am See geworden Aus bem Sch-ls des Ufers taucht ein Schof Jungenten auf, des beim Nahen bes Habichts geflüchtet war, und das Schwanenpaar gründet friedlich mit feinen jungen. Der Adler wird erst am Nachmittag wieder- kommen.
lleberrakchende Verwandtschaft.
Alexander Dum a s der allere war einmal bei einem literarischen Tee, bei dem einige Nanellen semes Sohnes nörgele,en mürben. Danach trat eine Same auf ihn zu: ,,Sie sind der Vater dieser reizenden Arbeiten? Ich beglückwünsche Sie!" Ein Irrtum, gnädige Frau, ich bin der Grotzvater,"


