Ausgabe 
9.2.1938
 
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llr.55 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwochs. Februar 1938

Aenderungen des Einkommensteuergesetzes von 1934

Aus der Stadt Gießen.

Goldene Rücksichtslosigkeit?

Das Wort von dergoldenen Rücksichtslosigkeit" stammt von Theodor Storm, und es bezieht sich auf jene gelegentlich erforderlichen Rücksichtslosigkeiten, dieerfrischend wie Gewitter" sind. Dagegen läßt sich nichts sagen, denn tatsächlich ist es zuweilen an­gebracht, von dieser Rücksichtslosigkeit Gebrauch zu machen, wenn nämlich die Sprache der Rücksicht nicht im mindesten verstanden wird. Es gibt eben Leute, die auf diesem Ohr nicht hören, und die des­halb so angefaßt werden müssen, wie sie es ver­dienen.

Im allgemeinen aber ist diese besondere Spielart der Taubheit nicht sonderlich verbreitet. Um so merkwürdiger erscheint es, daß wir uns das Leben .oft, genug gegenseitig schwer machen. Dabei gehört eigentlich gar nicht viel dazu, es sich möglichst zu erleichtern. Ein bißchen guter Wille, ein wenig Ver­ständnisbereitschaft und eine kleine Dosis Mutter­witz können in dieser Beziehung Wunder vollbrin­gen. Sie sind die vortrefflichsten Waffen im Kampf mit den kleinen Widerwärtigkeiten des Alltags.

Daß der Alltag solche Widerwärtigkeiten häufig genug bereithält, wer wollte es bestreiten? Da hast du dich eben ins Bett gelegt, um nach des Tages Last einen ordentlichen Schlaf zu tun, als es in dem Zimmer über deinem Schlafraum ziemlich leb­haft wird. Stühle ^werden gerückt, laute Stimmen ertönen, kein Zweifel, Müllers haben Besuch. Schöne Aussicht für einen Schlafsuchenden, womög­lich bis Mitternacht die Geräusche zu hören. Aber sind Müllers nicht sonst sehr ruhige Leute? Laß ihnen für heute abend das Vergnügen und zieh dir den Bettzipfel über die Ohren. Es kommt ja auch vor, daß in deiner Wohnung mal Gäste sind, die ihre Unterhaltung auch nicht gerade im Flüsterton führen.

Vielleicht hast du aber am nächsten Tage das Pech, einen vollbesetzten Omnibus zur Arbeitsstätte zu erwischen. Da es regnet, ist das kein Wunder, ober wer wird sich die Laune verderben, weil er einige Minuten stehen muß und dem Schaffner deshalb schimpfend Vorhaltungen machen? Der Schaffner tut, was er kann, und außerdem ist er auch nicht Herr über das Wetter. Was würdest du wohl an der Stelle des Schaffners tun? Reden wir Nicht davon.

Rein, diegoldene Rücksichtslosigkeit" ist keine Lebensregel für den Kampf mit dem Alltag. Das gäbe ein schönes Durcheinander, ein fortwährendes Geschimpfe und Krakehlen, von schlimmeren Folgen ganz zu schweigen. Rücksichtslosigkeit dort, wo sie hingehört. Aber im menschlichen Nebeneinander ist gewöhnlich das kameradschaftliche Verhalten ebenso am Platz, wie das Bemühen, allen Dingen die beste Seite abzugewinnen. H. W. Sch.

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

NSLB. Kreis Gießen: 17 Uhr Kreisversammlung der Fachschaft 2 (Höhere Schule) Vortrag von Rektor SiegfriedDer Wehrgedanke in der Schule". ' Stadttheater: 19.30 bis 22 UhrVerzicht". Glo­ria-Palast, Seltersweg:Immer, wenn ich glücklich jin". _ Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Einmal werd' ich Dir gefallen".

Sladtthealer Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute, 19.30 Uhr, findet eine Wiederholung des SchauspielsVerzicht" von Ilse Zander statt. Spiel­leitung Walter Schmidt a. G. Die Vorstellung findet als 19. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Ende 22 Uhr.

Mit einer Novelle vom 1. Februar 1938 hat die Reichsregierung das Einkommen st euerge- setz vom 16. Oktober 19 3 4 in»einigen wich­tigen Punkten abgeändert.

Das Gesetz von 1934 hatte für buchführende Land­wirte und Gewerbetreibende die sog. Bewertungs- sreiheit für kurzlebige Wirtschaftsgüter eingeführt. Danach konnte ein Gegenstand des Anlagever­mögens, der eine betriebsübliche Nutzungsdauer von nicht mehr als 5 Jahren hat, nach Belieben abge­schrieben werden, also zum Beispiel auch sofort in einem Betrag im Zeitpunkt der Anschaffung. Bei Gegenständen mit längerer Nutzungsdauer war nach wie vor die Absetzung für Abnutzung auf den Zeit­raum der Lebensdauer des Gegenstandes zu ver­teilen; eine Maschine mit 3000 Mark Anschaffungs­wert und einer betriebsgewöhnlichen Nutzungsdauer von 10 Jahren darf jährlich nur mit einem Zehntel des Wertes, das ist mit 300 Mark, abgeschrieben werden. Die Bewertungsfreiheit für kurzlebige Wirtschaftsgüter wird nun­mehr bis auf weiteres auf gehoben. Di-e Ver­günstigung ist seinerzeit eingeführt worden, um die Wirtschaft anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Heute, zu einem Zeitpunkt, da die Wirt­schaft auf volle Touren gebracht und die Arbeits­losigkeit beseitigt ist, wo im Gegenteil bereits Man­gel an geschulten Fachkräften eingetreten ist und sich eine gewisse Rohstoffknappheit geltend macht, ist ein solcher Anreiz nicht mehr zeitgemäß. Für Gegen­stände, deren Einzelwert jedoch 2 0 0 Mark nicht übersteigt, bleibt die Abschreibungsfrei­heit nach wie vor bestehen.

Zum teilweisen Ausgleich für den Wegfall der Vewertungsfreiheit ist der im Gesetz von 1934 auf­gehobene zweijährige Verlust vortrag wieder eingeführt worden. Buchführende Land- uAb Forstwirte und Gewerbetreibende, die Bücher nach den Vorschriften des Handelsgesetz­buches führen, können die in den beiden vorange­gangenen Wirtschaftsjahren entstandenen Verluste aus Land- und Forstwirtschaft bzw. aus Gewerbe am Gewinn in Abrechnung bringen, soweit solche Verluste nicht schon durch Aufrechnung mit etwaigen Gewinnen aus anderen Einkunftsarten in diesen Vorjahren selbst ausgeglichen worden sind. Während die Beseitigung der Bewertungsfreiheit für alle Gegenstände gilt, die nach dem 30. September 1937

7IGDAP. Ortsgruppe Greßen-Ost.

Donnerstag, 10. Februar, £0.30 Uhr, in der großen Aula der Universität: Kundgebung. Es spricht Gauredner Pg. Krug-Jahnke. Alle Volks­genossen sind eingeladen. Für Parteigenossen und Parteianwärter Pslichtveranstaltung.

ADM- u. ZM.-ilntergau 116, Gießen.

Die M - und IM.-Gruppenführerinnen des Stand­ortes Gießen geben noch heute die zahlenmäßige Meldung für das Groß-Konzert der Wehrmacht an den Untergau.

Befr.: HJ.-Thealerring.

Die nächste Vorstellung des HJ.-Theaterrings ist am 14. Februar und bringtEine Nacht in Vene­dig." Bis Freitag, 11. Februar, sind alle Karten abzuholen. Die bestellten Karten der Gruppen müssen restlos abgeholt werden.

Befr.: Besprechung der BDM.-Schulungsmädel.

Am Mittwoch, 9. Februar, findet um 19.30 Uhr in der Dienststelle des Untergaues eine Besprechung der Schulungsmädel statt.

angeschafft worden sind (dieser Zeitpunkt des Weg­falls ist seinerzeit vom Staatssekretär des Reichs­finanzministeriums in einer Rede der Öffentlichkeit bekanntgegeben worden), wird die Wiedereinführung des Derlusivortrages erstmals bei der Veranlagung für das Jahr 1938 im Jahre 1939 praktisch werden.

Die Kirchensteuer konnte bisher im Rahmen der sogenannten Sonderleistungen in der tatsächlichen Höhe am Einkommen in Abzug gebracht werden. Künftig wird die Abzugsfähigkeit eingeschränkt: Kirchensteuern können nur noch insoweit ab­gezogen werden, als ihr Betrag 2 v. H. des Ge­samtbetrages der Einkünfte nicht übersteigt. Für die Landwirtschaft wird durch diese Begrenzung in der Regel eine Aenderung ge­genüber bisher nicht eintreten.

Im Sinne der nationalsozialistischen Rassegesetz- gebung liegt es, wenn künftig Kinderermäßi­gungen für Kinder, die Juden find, nicht mehr gewährt werden. Dieser Grund-- satz ist sowohl bei der veranlagten Einkommensteuer, als auch bei der Lohnsteuer zu beachten.

Für buchführende Landwirte ist von Bedeutung die Bestimmung, daß jeder Buchführende (nicht nur der Vollkaufmann) künftig das Recht hat, B i - lanzänderungen im .Rahmen der Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung und im Rahmen des steuerlich Zulässigen auch dann noch vorzuneh­men, wenn die Bilanz dem Finanzamt bereits ein­gereicht ist.

Neugefaßt und teilweise abgeändert sind die Be­stimmungen darüber, wer wie ein Verheira­teter zu behandeln ist, mit der Folge, daß seine Steuer nach dem Satz für Verheiratete aus der Ta­belle abzulesen ist. Wie Verheiratete sind zu behan­deln:

1. Personen, denen Kinderermäßigung zusteht.

2. Männer, die mindestens vier Monate vor Ende des Kalenderjahres das 65. Lebensjahr vollendet haben.

3. Verwitwete oder geschiedene Männer, aus deren Ehe ein Kind hervorgegangen ist.

4. Verwitwete oder geschiedene Männer, die min­destens vier Monate vor Ende des Kalender­jahres das 50. Lebensjahr vollendet haben.

5. Frauen, die mindestens vier Monate vor Ende des Kalenderjahres ein Kind geboren haben, das nicht Jude ist.

Zusammenkunft der Zugettdgruppen- führennnen des Kreises Wrtterau.

Arn Sonntag fand eine Arbeitsbesprechung der Jugendgruppenführerinnen statt, bei der die Kreis­frauenschaftsleiterin Frau Wrede über die poli­tische Erziehung ber Frau sprach. Frau Wrebe führte aus, daß der Weg dieser Erziehung, ber im BDM. beginnt, hinüberführt in die jetzt neu ge­schaffene Organisation des BDM.Glaube und Schönheit", und sich vorn 21. Lebensjahr in den Iugendgruppen sortsetzt. Der Nachwuchs der Frauenschaft wächst in den Jugendgruppen in die Aufgaben hinein, die der Staat von der deutschen Frau verlangt. Frauen, die sich aus Bequemlichkeit oder Feigheit den Pflichten, die sie für ihr Volk zu leisten haben, entziehen, sind für die Volksgemein­schaft wertlos.

Anschließend sprach die Kreisjugendgruppenfüh- rerin Pg. Anni Schwengber zu ihren Mitarbei­terinnen und forderte sie auf, mit Verantwortungs­bewußtsein ihr Amt zu führen und in ihrer Hal­tung, so wie in ihren Handlungen ein Vorbild zu

6. Frauen, die mindestens vier Monate vor Ende des Kalenderjahres das 50. Lebensjahr voll­endet haben.

7. Vollwaisen, die das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und sich in der Ausbildung für einen Beruf befinden (beide Voraussetzungen müssen ebenfalls mindestens vier Monate im Kalenderjahr bestanden haben).

In dieser Aufzählung ist wesentlich neu die Be­rücksichtigung ber lebigen Mutier in Ziffer 5. Als lebig sind bagegen zu behanbeln Personen, die We­ber zu Beginn bes Kalenberjahres noch minbeftens vier Monate im Kalenberjahr verheiratet waren.

Die Möglichkeit einer Steuerermäßigung nach bem bekannten Paragraphen 33 bes Gesetzes im Falle einer außergewöhnlichen Bela­stung des Steuerpflichtigen durch Unterhaltspflicht, Krankheit, Todesfall, Unglück u. ä., die bisher auf

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Einkommen bis -20 000 RM. (30 000 RM. mit mehr als zwei Kindern) beschränkt war, kann künf­tig unbeschränkt gewährt werden, da es sich ergeben hat, daß auch bei höheren Einkommen ganz außer­gewöhnliche Belastungen auftreten können, die eine steuerliche Berücksichtigung verdienen.

Schließlich sind die Bestimmungen über die Mög­lichkeit ber Herabsetzung von Voraus­zahlungen geändert worden. Es wird hier N'cht mehr vom Einkommen, sondern vom Steuerbetrag ausgegangen, und zwar^ können Vorauszahlungen dann herabgesetzt werden, wenn der Steuerpflichtige glaubhaft macht, daß sich die (um eine etwaige Lohnsteuer gekürzte) Einkommensteuer voraussicht­lich um mehr als ein Fünftel, mindestens aber um 100 RM., niedriger stellt als bisher. Es sei in die­sem Zusammenhang jedoch darauf hingewiesen, daß für kleinere Bauern und Landwirte, die diese Gren­zen nicht erreichen, nach wie vor die Möglichkeit besteht, für zu hohe, durch eingetretene besondere Umstände nicht mehr gerechtfertigte Vorauszahlun­gen Stundung bis zur nächsten Ver­anlagung zu beantragen. F.

fein und ihrer Gefolgschaft die nationalsozialistische Weltanschauung vorzuleben. Die Mitglieder der Ju­gendgruppen haben sich nicht nur helfend in der großen Organisation des Frauenwerks zu betätigen, daneben soll auch die eigene körperliche Ertüchtigung durch Leibesübungen und Wandern zu ihrem Recht kommen und dazu beitragen, den gesunden, geistig und körperlich leistungsfähigen Frauentyp zu schaffen. s

Nach der Mittagspause wurden organisatorische Fragen in lebhafter Aussprache behandelt, und die Führerinnen berichteten über die in ihren Gruppen bereits geleistete Arbeit. Ein Referat überBücher, die wir lesen", klärte darüber auf, was wir unfern Frauen und Mädchen vorschlagen sollen, denn ge­rade auf diesem Gebiet muß klar erkannt werden, was deutschem Wesen entspricht.

Seit ber großen Reichswerbung finb im Kreise Wetterau 50 Iugenbgruppen gegrünbef worden, deren Mitglieder bereit sind, im Gesamtarbeitsgebiet der Frau mitzuhelfen. Die Führerinnen verließen die Tagung mit klarer Zielrichtung und neuen An­regungen für die Weiterarbeit ber kommenden Wochen. F. K.

Ilse Zander:Verzicht."

Uraufführung am Gießener Stadttheater.

Ibsens FamilienbramaGespenster" hat (1881) zum ersten Male das Thema gestellt und in einer uns heute schon fast klassisch anmutenden Weise dramatisch gestaltet: das alte biblische Thema von der Missetat ber Väter, bie an ben Kinbern beim- gesucht wirb bis in das dritte und vierte Glied, ins Gegenwärtige gewendet und abgeroanbelt an eitern sehr modernen Fall krankhafter Vererbung. Die Akzente in dem seinerzeit Aufsehen erregenden, erschreckenden und unheimlichen, aber meisterhaft ge­bauten Drama waren so gesetzt, wie sie Ibsen ge­mäß waren und in die innere Entwicklungslinie seiner gesellschaftskritischen Dramen paßten: daß also bie Vorgänge ein warnenbes Beispiel bilbeten für bie Eheluge unb bie Elternlüge, währenb bie Erbkrankheit an sich als ein zwar schauerlicher, aber doch wohl vereinzelter Sonberfall empfunben wurde, der überdies den Psychiater und Nervenkliniker viel eher anzugehen schien als den Dichter unb Gesell­schaftskritiker.

*

Wenn man das Drama von Ilse Zander auf sich wirken läßt, so wird man an die Geschichte der unseligen Familie Alving in denGespenstern er­innert; aber mit den fast sechzig fahren, bie dar­über Angegangen finb, hat sich bas Bilb der Welt von Grund auf verwandelt. Die Betonung hat sich bei einem in vielem sehr ähnlichen Motiv inzwischen auf eine gewichtige Weise verschoben. Das Stück spielt, wie es heißt,in jüngerer Ver­gangenheit", aber bie Verfasserin hat, instinktiv ober bewußt, den Fall aus ber neuen Einsicht unserer Zeit gestaltet, bie allen Fragen berJßererbung, ins= befonbere der Verhütung erbkranken Nachwuchses die größte Bebeutung beimißt: zwar wird es sich auch hier um einen Sonberfall hanbeln, aber die Art, wie bie baraus entwickelten Konflikte behandelt werben, entspricht ber erst jetzt in voller Tragweite gewonnenen Erkenntnis, baß ein solcher Fall nicht Sache einer Familie ober etwa einer Dorfgemeinde, auch nicht einer sozialen Schicht, sondern Angele­genheit der ganzen Nation sei, des Staates ai|o und des Staatswohles, grundsätzlich jedermann zur Beschäftigung und Auseinandersetzung damit ver- pslichtend. *

Die Vorgänge spielen durch alle drei Akte hin­durch in einem dörflichen Pfarrhause: hier begegnen sic) die wenigen Menschen, deren Lebenswege sich auf eine schicksalhafte Weise im engsten Umkreise überschneiden. Da ist die Gemeindeschwester Hedwig, du frisches, fröhliches, kerngesundes Geschöpf, hilfs­bereit und von allen gern gesehen; der junge Bauer Men Ahrenholz liebt sie unb will sie zur tfrau aber ber alte Ahrenholz, ber bahcim auf den Tod

krank liegt, will keine städtische Schwiegertochter haben, sondern mit der Heirat feines Sohnes zwei Höfe zusammenbringen; er hat sein Testament ge­macht: Jochen muß wählen zwischen dem Mädchen und dem Erbe seiner Väter. Als es zu Ende geht, hat sich ber Alte boch überwunden und ist, vom jungen Pfarrer Albrand umgestimmt, bereit, Hed­wig als Jochens Braut anzuerkennen; aber nun zögert Hedwig plötzlich, die inzwischen gehört hat, der Alte gehe an einem Leiden zugrunde, dasin der Familie" liege. Hedwig ist die erste hier,die begriffen hat, welche schwere Verantwortung das Eingehen einer Ehe uns auferlegt"; sie hat Jochen, sehr wider fein Gefühl, dazu bestimmt, die Leiche des Vaters sezieren zu lassen, aber sie ist auch un­sicher geworden, ob sie Jochen wirklich liebt, und am Ende ehrlich genug, sich selber unb ihm zu ge­stehen, daß ihr wahres Gefühl dem Pfarrer gehört, ber nichts ahnenb den beiden ben Weg bereiten wollte.

Jochen ist von biefer Eröffnung furchtbar ent­täuscht. Aber auch Hedwigs neue Liebe ist zum Tode verurteilt. Während die Untersuchung des alten Ahrenholz dessen organische Gesundheit bestätigte (er starb an einem rostigen Nagel), ist Pfarrer Albrand ohne es zu wissen auf das schwerste erblich belastet: seine Mutter starb im Jrrenhause, seine älteste Schwester hat sich in geistiger Umnach­tung aus dem Fenster gestürzt, die jüngere, bie hier bei ihm angeblich zu Besuch, zur Erholung unb nur ein wenigmit ben Nerven runter" ist, läßt immer deutlichere Anzeichen bes auch ihr vererbten und allmählich ausbrechenden religiösen Wahnsinns erkennen. Albrand hat alsofein Recht , Buße zu predigen in seiner Gemeinde unb demLumpen- bäwert" die Ehe zu verbieten, von bem Anna, das Hausmädchen des Pfarrers, ein Kind erwartet...

*

Hedwig, die erst von Jochen erfahren hat, wie es um den Geliebten unb also um ihre Liebe zu ihm bestellt ist, hat Jochen beschworen, dem Pfarrer gegenüber zu schweigen. Jochen will es tun unter der Bedingung, daß Albrand keinen Versuch unter­nimmt, Hedwig zu seiner Frau zu machen. Aber das Unheil ist nicht aufzuhallen: Hedwig hat nicht die Kraft, Albrand ihre Liebe zu ver'chweigen. Albrand, der Hedwig von Anfang an still und selbst­los geliebt hat, wird aus allen Seligkeiten gerißen, als er bie ganze schreckliche Wahrheit erfahren muß: was ihm aus dem immer unheimlicher werdenden Wesen seiner Schwester unb aus schlecht versteckten Andeutungen des Lumpenbäwert als schlimme Ahnung aufstieg, wirb ihm zur niederschmetternden Gewißheit durch seinen alten Vater, der ins Pfarr­haus kommt, um die Tochter in eine Anstalt zu bringen. (Hier taucht, in der Szene zwischen Vater unb 'Sohn, bas Ibsen-Motiv der Elternluge wieder auf) Aber Albrand findet endlich doch die Kraft zum Verzicht, welche das in seiner Liebe schwache

Mädchen kaum aufbrächte er darf Hedwigs ge- sunde Mütterlichkeit nicht an sich binden:Es muß ein Ende sein mit diesem Erbe" unbLaß uns nicht Träumer sein unb schwächliche Genießer..."

Das Stück ist in einem realistischen Stil ge­schrieben stellenweise mit ganz naturalistischer Mundart-Behandlung, aber dies wird den ein­sichtigen Leser unb Zuschauer nicht verleiten können, etwa in ber Milieu- und Zustandsschilderung einer kleinen Dorfgemeinde, wie es ber naturalistischen Kunstweise entsprochen haben würbe, Ziel unb Ab­sicht des Dramas zu erkennen. Vielmehr kam es der Verfasserin, wie uns scheint, darauf an, die grundsätzlichen ethischen Forderungen im Sinne unserer Zeit unb ihrer neugewonnenen Einsichten aus ben dargestellten Zuständen abzuleiten; das heißt, die sittliche Reife und charakterliche Haltung zu zeigen, kraft deren sich bie wesentlichen Träger ber Handlung in einem Gewissenskonflikt bewähren, in ben sie infolge der schicksalhaften Verstrickung ihrer Beziehungen zueinander gestellt finb; solche Haltung bewährt sich in ber seelischen Stärke, per­sönliches Glück einer Ibee zu opfern, die man als gut unb richtig erkannt und für bie man sich ein­gesetzt hat, noch ehe sie zum Maßstab bes eigenen Handelns werden konnte.* *

Die Verfasserin hat im Programmheft einige Ge- banfengänge veröffentlicht, die zur Entstehung ihres Dramas führten, auch eine einleuchtende Verteidi­gung des Titels gegeben, gegen den aus äußeren Gründen Einwände vorgebracht worden find. Wir möchten, ohne im einzelnen auf diese Darlegungen eingehen zu können, die Besucher barauf Hinweisen.

Die Spielleitung hatte Walter Schmibt a. G, Er brachte eine Aufführung heraus, bie von erfreu­lich einheitlicher Wirkung war. Die Regie hatte, so­weit wir bas zu übersehen vermögen, einige vor­sichtige unb gutzuheißenbe Striche angebracht unb war im übrigen merklich bestrebt, bie Vorgänge im Schauspiel aller Sensation zu entfleiben, auch einer nichts als naturalistischen Ausmalung nach Mög­lichkeit zu entrücken. mit anderen Worten die grundsätzliche Bedeutung des Falles unb bie baraus heroorgehende Problematik aufzuzeigen. Die ethi­schen und volkserzieherischen Hintergrünbe, auf bie es hier ankam, waren lebenbig herausgearbeitet; man gewann ben Einbruck, baß bie Hörer willig und aufgeschlossen mitaingen unb ber Entwicklung unb Lösung bes Konfliktes innerlich beteiligt ober jebenfalls zum Nachbenken angeregt folgten: wohl aus bem Gefühl heraus, von ber Bühne unmittel­bar angesprochen zu sein in einer Frage, die heute immer wieder mit allem Nachdruck aufgeworfen wirb.

Daß das Drama auch rein theatralischer Quali­täten nicht entbehrt, wird aus bem Aufriß bes Handlungsablaufes deutlich geworden fein; die Spielführung hat sie keineswegs übersehen und

ihnen zu angemessener unb spürbarer Geltung ver­halfen. Herr Löffler hatte ben burch alle drei Akte gleichbleibenben äußeren Rahmen geschaffen unb ben Schauplatz einfach unb stilvoll ausgestaltet.

*

Herr von Gschmeibler spielte den Pfarrer Albrand als einen noch jungen Mann, ruhig und ernst, milde unb hilfsbereit, ber Würbe und Ver­pflichtung seines geistlichen Amtes bewußt; er ver­körperte auch, in vorsichtiger Steigerung unb behut­samen Uebergängen, basleisere, passive Heldentum bes gewöhnlichen ungläubigen Menschen", von bem bie Verfasserin spricht, und ließ in ben letzten, menschlich bewegenden Szenen die beispielgebende Größe ber Selbstentäußerung, ber Selbstüberwin- bung und der pflichtbewußten Opferbereitschaft mit« erleben, bie ben eigentlichen Sinn bes Schauspiels ausmacht.

*

Helga Retschy gab bie Schwester Hedwig zu­nächst in jugendlich frischer, unbekümmerter Herzlich­keit und Hingabe an einen schönen Beruf; sie war klug genug, bie innere Wanblung (bie beim Lesen ein wenig überraschenb erscheint) andeutend oorzu- bereiten, und spielte nach bem entscheibenben Be­

kenntnis ganz aus bem Gefühl heraus, bas sich erst sehr natürlich gegen bie einzig mögliche Entschei- bung sträubt, weil sie bas eben schwer erkämpfte reine Liebesglück zerstört. (Es ist psychologisch richtig, baß sie dieses Glück in der Gegenwart lucht unb sieht, in der armseligen Scanne des letzten Bei- einanderseins ohne an die Zukunft zu denken.)

Herr Schorn gab den Ahrenholz sehr ruhig und beherrscht im Ganzen, ein wenig schwerblütig und schwerfällig auch; bie wenigen leibenschaftlichen Aus­brüche wirkten ohne theatralische Ueberhitzung und innerlich begrünbet. Emmy Güngerich be­mühte sich mit Takt um bie schwierige, wenig dank­bare, sicheres Gefühl für Möglichkeiten unb Grenzen erfordernde Gestalt der Helene Albrand. Eine prächtige Figur war bie von Frau Stirl gegebene Wirtschafterin Frau Doelle: eine aus bem Leben ge­griffene, gutmütige, resolute Person, bie hier so etwas wie bie Stimme des Volkes im Alltag ver­nehmlich zu machen hat. Mit einer gesunben Ein­fühlung, nicht ohne leise rührenben Beiklang, ver­stand Frl. Garbe bas junge Hausmäbchen Anna zu nehmen. Herr Di11mar bewahrte ben Bae- wert mit Geschick vor unangebrachter Komik wie vor überflüssigen Deutlichkeiten. Herr Neuhaus war ber schmerzlich bewegte und schwer heim- gesuchte alte Albrand, Herr Boi cf gab mit behag­licher Ausführlichkeit den schwatzhaften Gemeinbe- biener Nolte.

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Der besonbers nach bem letzten Akt starke Beifall rief mit ben Darstellern auch bie Verfasserin und ben Spielleiter an bie Rampe.

.rv ........... Hans Thyriot.

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