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Das Potsdamer Große Militär-Waisenhaus.
Am 28. Januar hat Deutschlands neue Armee nach 19 Jahre langer Warlefrist wieder von einer der traditionsreichsten Stätten preußisch-deutschen Wehrwillens, dem alten Potsdamer Soldatenwaisenhaus Friedrich Wilhelms!., Besitz ergriffen, Von dieser Schöpfung des Soldatenkönigs plaudert hier ein kundiger „alter Potsdamer".
Wer sich aus der Ferne, mit der Eisenbahn oder auf dem Wasserwege der vieltürmigen alten Soldatenstadt der preußischen Könige nähert, erblickt nahe dem zur Höhe strebenden prächtigen Turm der Garnisonkirche und unweit der mächtigen Kuppel von Schinkels herrlicher Nikolaikirche die zierliche, von freistehenden Säulen getragene Kuppel eines Bauwerks, dessen sonstige Schönheit und dessen Bedeutung dem Beschauer erst offenbar wird, wenn er beim Gange durch bip Straßen vor dem gewaltigen Mittelbau des großen Hauses steht, über dem sich, wuchtig und graziös zugleich, der aus der Ferne gesehene Turm erhebt, gekrönt von der vergoldeten Statue der Caritas, der Verkörperung der Nächstenliebe mit dem flammenden Herzen in der Hand.
Die vielen Wallfahrer zu den preußischen Königsgräbern in der Gruft der Garnisonkirche und zu den anderen denkwürdigen Stätten der alten Königsresidenz, die bis zum Jahresende von 1918 die Straßen Potsdams durchstreiften, erblickten oft mit frohem Staunen die zu dem ständigen Bilde dieser Stadt untrennbar gehörenden „kleinsten Soldaten der deutschen Armee", für die der Potsdamer den vertrauten Namen der „W a i s e n j u n g e" hatte. Vom kleinsten Dreikäsehoch bis zum werdenden Jüngling sah man die Zöglinge des Waisenhauses in der Nachbildung der preußischen Infanterie-Uniform in festem Schritt und Tritt geschlossen durch die Stadt marschieren oder in den Ausgehstunden einzeln ober in kleinen Trupps einherwanb-'ln, am eilfertigsten aber zu ben „großen Urlaubszeiten" zu Weihnachten unb zu ben Sommerierien. Um biefe beiben Pole brehte sich bes „Waisenjungen" Jahreskalenber. Dann fuhren bie kleinsten zum ersten Male in ihrer stolzen Uniform zur Mutter, bie irgenbwo fern im Reiche lebte, unb beren ganze Liebe unb Sehnsucht bem kleinen Knaben in Preußens Solbaten- ftabt galt. Vor freubiaer Erregung schliefen bie Knaben erst spat am Abenb vor ber Abreise ein, in aller Frühe am ersten Urlaubstag ließ bas Reisefieber sie schon roieber erwachen. Nach flüchtig gemffener Morgensuppe ging es bann in einer kleinen Völkerwanberung zur Bahn hinaus, unb ber Stationsvorsteher batte bei bem aufgeregten kleinen Völkchen alle Hände voll zu tun. Stolz hält jeder Knabe fein „M i l i t ä r b i l l e t" in der Hand, eine Reihe Waggons ist vorbestellt, schließlich sitzt die zapplige Schar auf ihren Plätzen, endlich ertönt das Abfahrtssignal, und unter lautem Jubel geht es ab. Hurra, nach Haufe!
Aber dies sind die Höhepunkte des Knabenlevens im Potsdamer Waisenhaus. Die andere Zeit des Jahres gehört dem strengen Dienst und dem nicht minder strengen Schulunterricht; denn ber Zögling ist hier in diesem Hause, um ein tüchtiger Mann zu werden. Aus ihm ruhte besonders aufmerksam das Auge seines Königs, ber vom Sol- datensohn erwartet, baß er selbst ein tüchtiger Ver- teibiger bes Vaterlandes und später ein pflichtbewußter Beamter in der vordersten Reihe ber treuen Staatsdiener fein soll. So hat der Gründer des Hauses, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. es sich erdacht, als er es im Jahre 1722 ins Leben rief, „auf daß die Jugend im Dienste Gottes unb bes Nächsten möge auferzogen werben". In Friedrich Wilhelms Heer war von jeher die Zahl der Soldatenkinder sehr groß. Der König begünstigte, em früherer Vorkämpfer planmäßiger Bevölkerungspolitik, das Heiraten der Unteroffiziere und Gemeinen feines Heeres „zur Steigerung der Population" so viel als möglich. So gehörten Soldatenfrauen und Soldatenkinder zur Armee, auch noch unter Friedrich dem Großen. Zur Zeit des Siebenjährigen Krieges kamen auf
taufend Mann Soldaten 500 Kinder; als ber Große König starb, zählte man auf bie 200 000 Mann ber preußischen Armee an 100 000 Söhne unb Töchter. Die „Seelenlifte" ber Berliner Garnison vom Jahre 1776 zählt 18 052 Köpfe, zu benen 5526 Solbatenfrauen unb 6662 Kinber gehörten.
Der Plan zur Grünbung bes Potsbamschen Waisenhauses entftanb im Herzen bes Solbaten- königs gelegentlich einer militärischen Musterung in Halle im April 1713. Damals sah ber König bort mit Begeisterung bie Frankeschen Stiftungen und forderte den großen Stifter dieser Anstalten zugleich auf, nach Potsdam zu kommen und ihm „dort auch ein solches Waisenhaus zu machen". Franke antwortete: „Das kann ich nicht, Jhko Majestät. Das hat Gott getan!" Und als der König entgegnete, er wolle ja sein Werk mit Gott anfangen, erwiderte Franke, ein Soldaten-Waisenhaus könne nur von Militärs errichtet werden, die mit den Einrichtungen und Bedürfnissen der Armee vertraut wären. So ließ der König den Gedanken der Berufung Frankes fallen. Am 21. Mai 1722 wurde der Grundstein des Hauses gelegt, am 1. November 1724 wurde es eröffnet, aber es wurde noch jahrelang daran gebaut, und feine heutige
Eine Vuchbesprechüng.
— S i r Au st en Chamberlain: Englische Politik. Erinnerungen aus 50 Jahren. Deutsche Ausgabe herausgegeben und übersetzt von Dr. Fritz Pick. Mit einem Geleitwort des britischen Premierministers Neville Chamberlain. Preis in Seinen geb. 12,50 Mark. Essener Verlagsanstalt in Essen — (14) — Die Familie Chamberlain, die ihrem Vaterlande drei bedeutende Staatsmänner geschenkt hat, stammt aus Birmingham, dem Mittelpunkt der englischen Stahlindustrie. Hier besitzen die Chamberlains eine Schraubenfabrik, das sichere Fundament für die hervorragende politische Rolle, die der Vater Joseph Chamberlain sowohl wie seine beiden Söhnen Austen und Neville als Unterhausabgeordnete ihres heimatlichen Wahlkreises und letzterer auch als Bürgermeister seiner Vaterstadt gespielt haben. Joseph Chamberlain, der unter Gladstone als Liberaler begann, hat in den kritischen Jähren des Burenkrieges als Kolonialstaats- jekretär im konservativen Kabinett Salisbury die große Tradition des britischen Imperialismus der viktorianischen Aera fortgeführt. Eine schwere Erkrankung zwang ihn zwar, sich 1906 vom parlamentarischen Leben völlig zurückzuziehen, wie sehr aher der Einfluß dieser überragenden Persönlichkeit sich auch dann noch geltend zu 'machen wußte, sehen wir am besten aus diesem Erinnerungsbuch seines ältesten Sohnes, das, soweit es die Jahre 1906 bis 1914 betrifft, zum weitaus überwiegenden Teil aus den Berichten besteht, die Austen Chamberlain, damals als unionistifcher Abgeordneter in der Opposition zum liberalen Kabinett Asquith fast täglich feinem meist von London abwesenden Vater erstattet hat. Aus diesen Berichten, die auch den deutschen Lesern an sich fernliegende Dinge behandeln, lernen wir wie aus kaum einem zweiten Buch das parlamentarische Leben Englands kennen, bie klug ausbalanzierte Maschinerie bes Zusammenspiels zwischen Regierung und Oppositton, die wesentlichsten innerpolitischen Probleme dieser Zeit, besonders die irische Frage, die heiß umkämpfte Reform des Oberhauses und die den Dominions gewährten Vorzugszölle, die dem alten Chamberlain als konsequentesten Verfechter des Reichsgedankens besonders am Herzen lagen. Gerade aus diesen Teilen des Chamberlainschen Memoirenwerkes können wir sehr viel lernen zur Erkenntnis der Grundlagen des politischen Denkens der Engländer überhaupt, mag es uns auch mehr zu den außenpolitischen Exkursen hinziehen, die vor allem in ben letzten Abschnitten bes Buches immer mehr in ben
Form erhielt es erst in ben 70er Jahren des Jahrhunderts durch Friedrich den Großen und seinen Baumeister Contard. Die ersten Lehrer und Prediger bekam das Waisenhaus aus Halle, aus dem Frankeschen Lehrpersanal. Die fortschreitende Entwicklung der Anstalt, die geistige und leibliche Pflege der Kinder blieb Gegenstand unausgesetzter Fürsorge des Königs bis an sein Ende. „Tonnen Goldes" gab er nach einer alten Quelle für fein Waisenhaus aus. Hier, wo es das Wohl feiner verwaisten Soldatenkinder galt, spendete ber Sparsame mit vollen Hänben.
Auch bie späteren Herrscher Preußens bewiesen bem Potsdamer Waisenhaus stets ihre besondere Fürsorge. Staat und Armee entnähmen den Zöglingen im Laufe der Jahrhunderte zahllose tüchtige Männer, die dem Hause Ehre machten. Das Diktat von Versailles wollte auch diese schöne, berechtigte und zu allem im wahrsten Sinne humane, echtester Nächstenliebe dienende Schöpfung preußisch-deutschen Wehrwillens in Atome auflösen. Es gelang dem bösen Anschlag nicht ganz. Die staatliche Erziehungsanstalt der Jahre 1919 bis 1938 erhielt wenigstens den Keim der Einrichtung am Leben. Jetzt hat das neue deutsche Heer das alte-Potsdamer Waisenhaus wieder in seinen Schutz genommen, unb wie früher werben „bie kleinsten Soldaten" des deutschen Heeres im Bannkreis der historischen Soldatenstadt heranwachsen zu tüchttgen Verteidigern des neu erstarkten deutschen Vaterlandes. Johannes Moeller.
Vordergrund treten. Chamberlain hat aus seiner einseitigen Vorliebe für Frankreich niemals ein Hehl gemacht. Sie rührt vermutlich schon aus feinen Studienjahren her, die er teils in Berlin, teils in Paris zugebracht hat. Wir haben seinerzeit den Bericht über seinen Besuch bei Bismarck veröffentlicht. Er ist nicht ohne Bewunderung und herzliche Zuneigung für den großen deutschen Staatsmann, die bedeutendste Persönlichkeit seiner Zeit, deren Charme sich der junge Engländer nicht zu ent-1 ziehen vermochte. Aber vom übrigen Deutschland, I seiner Gesellschaft, seinen politischen Kräften hat Chamberlain doch ein zumindest sehr oberflächliches, wenn nicht gar recht schiefes Bild mit nach Hause genommen. Und da er niemals sich bie Zeit genommen hat, durch einen zweiten Befuch in Deutschland dies Bild feiner Studentenzeit zu revidieren, hat er sich später ber_ Kriegspfychose hemmungslos hingeben können und blieb auch noch nach dem Zusammenbruch in seinen alten Vorstellungen. Nach ber kurzen Locarno-Periode, in der er als Außenminister um bes ihm im englischen Interesse wünschenswert dünkenden beutsch- französischen Ausgleichs willen eine Zusammenarbeit mit Stresemann anstrebte, ist er bald wieder in feine alten Vorurteile verfallen unb hat in feinen letzten Lebensjahren mit seinen Attacken gegen ben Nationalsozialismus bei seinen ultrakonservativen Parteifreunden immer lebhaften Beifall gefunden. Ganz anders war Chamberlains Einstellung zu Frankreich, zu dem er schon als Student in Paris ein inneres Verhältnis gefunden hatte. Es wäre töricht, sich darüber irgendwelcher Täuschung hinzugeben, daß diese Einstellung Austen Chamberlains trotz aller bis auf den Grund gehenden We- sensoerschiedenheit zwischen Engländern und Franzosen, wie sie besonders während des Weltkrieges zutage getreten ist, die Einstellung sehr vieler seiner Landsleute ist, gleichgültig welchen Standes oder welcher Parteirichtung, gestern wie heute. Besonders aufschlußreich sind dafür bie Aufzeichnungen Chamberlains über die Tage vor dem Eintritt Englands in den Weltkrieg, in denen die konservative Opposition mit größter Energie eine Entscheidung des Kabinetts Asquith für ben Krieg zu erzwingen suchte. Interessante Streiflichter fallen auf eine große Anzahl bedeutender Persönlichkeiten des englischen politischen Lebens wie ber internationalen Politik. Charakteristisch ist auch Chamberlains Bericht über bie Bilbung des Kriegs- Konzentrattonskabinetts Lloyd George. Die Brutalität des Walliser Feuerkopfes hat man damals notgebrungen ertragen, um ihn ähnlich wie bie.
Franzosen Georges Clemenceau nach errungenem Sieg kaltzustellen. Austen Chamberlain lobten Gegner und Freunde gleichermaßen als einen Mann von größter persönlicher Uneigennützigkeit, und er hat diesen in der Politik nicht eben häufigen Charakterzug in mehreren kritischen Situationen unter Beweis gestellt, so als er zugunsten Bonar Laws auf die Führung der Konservativen Partei und damit auf die Anwartschaft auf Öen Premier- minifter verzichtete. Sein jüngerer Stiefbruder Neville Chamberlain, der gegenwärtige britische Premierminister, hat bem Buch ein Geleitwort mitgegeben, das seinen deutschen Lesern die gewiß liebenswerte Persönlichkeit des Verfassers nahezubrin- gen sucht. Dürfen wir in diesem Bemühen den Wunsch des brittschen Premierministers sehen, die Denkwürdigkeiten seines Bruders in ben Dienst ber deutsch-englischen Verständigung zu stellen? Wenn Klarheit über bie beiderseitigen Auffassungen der erste Schritt zu einer Verständigung ist, Io mögen allerdings Austen Chamberlains Erinnerungen aus fünfzig Jahren englischer Politik sehr wohl dazu verhelfen. Dr. Fr. W. Lange.
politische Erinnerungen aus dem Aachkriegs-Oesierreich.
Eine Buchbesprechung.
— Ernst (Street Ritter von (5 tr*e e r u • witz : (Springflut über Oe st erreich, Erinnerungen, Erlebnisse und Gebauten aus bewegter Zeit 1914—1929. Bernina-Verlag GmbH., Wien. Preis in» Seinen geb. 9,50 RM. — (601.) — Der Verfasser, der als christlich-sozialer Politiker in den schwierigsten Nachkriegsjahren Rumpföfterreichs eine bedeutsame Rolle gespielt und auch für kurze Zeit das Amt des Bundeskanzlers bekleidet hat, entstammt zwar einer egerländifchen Familie, hat sich aber nach bem Zusammenbruch ber Monarchie entschlossen, in Oesterreich zu bleiben, wo er in ber Textilindustrie leitende Stellungen gefunben hatte, nachdem eine Krankheit seiner Laufbahn als Generalstabsoffizier in der k. u. k. Armee ein vorzeitiges Ende gefetzt hatte. Steeruwitz hat sich über Die wechselvolle Geschichte der Ostmark und die großen Probleme des alten Nationalitätenstaates der Habs- Bürger seine eigenen Gedanken gemacht, die dank feiner reichen Erfahrungen als Offizier und Jnbu- ftrieUer vom herkömmlichen Schema abweichen und in manchen Punkten eine wertvolle Ergänzung bekannter Tatsachen und eine neuartige Beleuchtung politischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge bedeuten, wobei stet; ein starkes Gefühl für Gerechtigkeit und Billigkeit, das den Verfasser auszeichnet, wohltuend berührt, zumal es in der Nachkriegszeit vielfach üblich geworden war, Oesterreichs neuere Geschichte ausschließlich unter dem Eindruck des Zusammenbruchs zu betrachten, wobei häufig weder bie Große der Aufgabe noch die Stärke der zentrifugalen Kräfte und die trotzdem namentlich in Verwaltung und Heer vollbrachten tatsächlichen Leistungen eine gerechte Würdigung erfuhren. Hier rückt das Buch von Streeruwitz, das geschichtliche Betrachtungen und persönliche Erinnerungen in buntem Wechsel mischt, manches oberflächliche unb kurzsichtige Urteil zurecht ohne sich blind den schweren unb verhängnisvollen Fehlern des Systems zu verschließen, das nach dem Tobe des alten Kaisers den nicht unverschuldeten Zusammenbruch nicht aufzuhalten vermochte. Streeruwitz hat sich bann im Interesse der Wirtschaft, die Friedensdiktat und Austromarxismus zu vernichten drohten, in die Politik gestürzt, bie in diesen Jahren eines unfruchtbaren Parteigezänkes in Wien besonders unerfreulich war. Seine kurze Kanzlerschaft 1929 war von Seipel, der bamals überragenden Gestalt der • österreichischen Politik, wohl von vornherein als eine über augenblickliche Schwierigkeiten hinweg helfende Verlegenheitslösung gedacht. Von den Intrigen der Partei- bonzey, denen sich Schober schon als Nachfolger anbot, ist dem Verfasser ein bitterer Nachgeschmack geblieben, der angesichts der Aufrichtigkeit feines Strebens begreiflich genannt werden muß. Eine Fülle im Reich wohl meist unbekannter Abbildungen sind eine wertvolle Bereicherung des interessanten Erinnerungsbuches. Dr. F. W- Lange.
Austen Chamberlain. Englische Politik.
Die Mädchen aus der Burgflraße.
Vornan von Hilde K Lest.
12 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
9.
Um die Mittagszeit stand Dr. Walter Mansfeld vor der Flurtür zu Mutter Lenzens Mittagstisch und hielt den Strauß in zaghaften Händen. Mutter Lenz sah ihn kopfschüttelnd an, zog ihn erst wortlos in die Diele, nahm ihm dann den Strauß ab unb sagte: „Aber Walter, die teuren Blumen! Die können doch gar nicht halten, bis Carla zurück- kammt.-Nun ist schon ein Busch verwelkt —"
„Ick weiß ja gar nicht, ob er für Carla ist", sagte endlicy der Assessor.
Mutter Lenz stemmte die Hände in die Seiten. „Nun wird's aber zappenduster! Wissen Sie, mir mär's ja egal, welche von meinen Töchtern Sie eigentlich haben wollen. Aber baß Sie das nicht einmal selber wissen —"
Sie unterbrach sich, denn es hatte soeben geläutet und eines der ältlichen Fräuleins trat mit .großem Wortschwall ein, versicherte Mutter Lenz — wie alle Tage — ihr außerordentliches Entzücken ob des Wiedersehens, begrüßte mit viel- faejenben' Bvcken — „da ist ja auch unser Doktor wieder, dem gefällt's aber auch gar zu gut bei Ihnen!" — den Assessor, stürzte sich auf den Blumenstrauß unb entwand ihn der Mutter Lenz.
„Nein, die herrlichen Blumen, nein, wer sich so etwas leisten könnte, na ja, die Herren Studienassessoren, nein, Frau Lenz, und natürlich für Sie! Nein, diese Aufmerksamkeit!"
Unb bann war sie schon im Speisezimmer unb erregte bie dort versammelte Gesellschaft mit den gleichen Ausbrüchen des Entzückens.
„Sehen Sie nur diese herrlichen Blumen! Nein, Fräulein Ursula, Sie müssen sofort eine Vase holen, damit diese kostbaren Blüten nicht verdursten. Der Doktor hat sie natürlich für Frau Lenz gebracht!" fügte sie hinzu und kassierte zufrieden die vielsagenden Blicke der schmunzelnden Tafelrunde.
Ursel holte die geforderte Vase, und die ging nun von Hand zu Hand, und vielerlei Nasen senkten sich zwischen die leuchtenden Köpfchen der Blüten. Alle schnüffelten sie darin, als hätten sie hinter den Düften auch noch die Jugenderinne- rungen eines alten Justizrats wittern können.
„Ist das nicht ein herrlicher Strauß, Fräulein Lisbeth?" stichelte das älttiche, wortführende Fräulein, und da Lisbeth nur gleichmütig nickte, fuhr sie fort: „Nein, Fräulein Ursula, es gibt doch nichts Poetischeres auf dieser Welt, als die Sprache der Blumen!^ Aber Ursel löffelte nur etwas eifriger ihre Suppe, und so stellte das Fräulein entfagenb fest: „Wie schade, daß Ihre Schwester Carla dieses Farbenwunder nicht sehen kann. Oder sollte sie auf ihrer Reise auch so herrliche Blumen bekommen?"
Der Assessor verbrannte sich die Zunge, weil er, um schweigen zu dürfen, allzu hastig aß. Erst als das ältliche Fräulein als letzter Gast sich verabschiedet hatte, konnte der Assessor, etwas unsicher und doch auf Glaubwürdigkeit bedacht, sein Sprüchlein hersagen. Dazu legte er das Kärtchen seines Vaters auf den Tisch des Hauses.
„Meine Eltern sind plötzlich wie verwandelt, und sie sind nun einverstanden mit ..." Er sah hilfeflehend zu Mutter Lenz, fand aber in ihr keine Stütze. „Mir kommt diese Wandlung ziemlich plötzlich", begann er von neuem, „besonders Da sie doch..."
... Carla gar nicht kennen! hatte er sagen wollen, aber er blieb abermals stecken.
Die gute Mutter Lenz empfand schmerzhaft Verwirrung im Kopf, sie wollte ihm dennoch helfen: „Es ist auf alle Fälle sehr rührend und vornehm gehandelt von Ihrem Vater, daß er seinen Ver- sohnungswillen in einen Gruß an meine —"
Aber war es ein Wunder, daß auch hier Mutter Lenz der Faden abriß? „Gruß an meine Tochter", hätte sie sagen müssen, jedoch sie hatte deren drei.
„Nun, Himmel, hilf du mir!" flehte die Mutter, da sah sie, wie Lisbeths Mundwinkel spöttisch zuckten, und hörte sie sagen: „Wie kommt es, daß Ihr Vater Ursel kennt? Sollte er ihr etwa im „König von Spanien" begegnet sein?"
Der Mutter Lenz wurde es schwarz vor ben Augen, sie sah nicht Ursels Lächeln, die Räte in des Assessors Antlitz, sie flehte den Himmel um Hilfe an, unb der Himmel half. Er ließ die Flur- glocke ertönen, Ursel aufspringen, hinauseilen unb mit einem Telegramm zurückkommen. Das Schicksal war wirklich einmal gnädig. In dem Telegramm stand klar und deutlich:
„Eintreffe morgen — Carla."
Sie las diesen Text zwei- ober dreimal, obwohl er doch wirklich unmißverständlich war, und bann sagte sie:
1 „Nun ist mir alles klar!"
Obwohl ganz und gar nichts klar war, nicht einmal, weshalb Carla ihre Reife so früh beendete.
Sie sah unwillkürlich auf ben Assessor. Wenn jetzt Freude in seinen Augen aufblitzte, war viel getan. Aber er senkte das Haupt. Das Schicksal raubte ihm. bie Galgenfrist, die er noch zu haben glaubte, nun stand die Entscheidung urplötzlich vor ihm, und er kam sich vor wie ein Prüfling, der ganz und gar nicht vorbereitet ist.
Er sah die hohe Prüfungskommission und hörte die Frage: Welches Thema haben Sie gewählt, Herr Kandidat?
Vermochte er überhaupt zu antworten?
Aber der Vorsitzende war ein gütiger Mensch und sagte:
„Wie schön, daß die Blumen nun nicht zu welken brauchen ..."
Als der Assessor überrascht den Kopf hob, zeigte ber Vorsitzende das rührend verstehende Gesicht der Mutter Lenz.
*
An diesem Nachmittag eilte Lisbeth schneller als sonst zur Arbeit, denn bei Machers gab es heute einen großen Tag, Hauschild hatte seinen Besuch angesagt.
Hauschild, der große Professor Hauschilb vom Dampfkesselverein, dessen Nein Hoffnungen vernichten, dessen Ja das Glück eines Mannes machen konnte. Seit Lisbeth „wieder gut war", hatte Stelling mit doppeltem Eifer gearbeitet und Machers Erfindung mit Zeichnungen, Berechnungen, Erläuterungen, Leistungskurven und Prüfungsberichten in eine Form gebracht, in der man sie sogar den kritischen Augen eines Hauschild vorlegen konnte.
„So sieht die Sache wenigstens menschlich aus", hatte Hauschild anerkennend geäußert, als ihm Stelling das säuberliche Aktenstück „Schnelldampf- erzeuger System Macher" oorlegte, und da der Professor bei aller Bärbeißigkeit doch ein gewissenhafter und gründlicher Mann war, hatte er sich die Arbeit mit nach Hause genommen. „Durchaus brauchbar, gar nicht so dumm wie ich dachte", war das vorläufige Urteil, er fügte allerdings vorsichtig hinzu: „Das heißt, so wie Sie die Geschichte darstellen. Nun wollen wir mal sehen, wie die Praxis aussieht..."
Die Praxis, du lieber Himmel, wie sah die Praxis aus! Es nutzte nichts, daß Frau Hedwig mit Schrubber, Besen und Staubtuch hantierte, daß die Kinderwäsche von den elektrischen Leitungen im
Laboratorium entfernt und bie Katze mitsamt ihren Jungen aus dem Schmelzofen in der Werkstatt verbannt wurde. Der Professor kam schließlich nicht, über Frau Hedwigs häusliche Tugenden oder Untugenden einen Spruch zu fällen. Er wollte einen Dampfkessel sehen. Er wollte nach Lichtenberg fahren und sich das Ding dort betrachten. ' Oder er wollte sich wenigstens überzeugen, daß dieser geniale Querkopf Macher immerhin das Zeug besaß, die Verwirklichung seiner Idee richtig anzupacken.
Nun stand aber ber kleine i Gunter Macher recht kläglich vor seinem Werktisch und besah seine Schätze. Die wollten und wollten nicht mehr werden. Heber einige Röhreneinsätze, einen allerdings recht sauber gearbeiteten, aber leider Gottes zu früh explodierten Delbrenner kam er nicht hinaus.
„Ist das alles?" fragte Stelling, und Macher wühlte zur Antwort verzweifelt in fernem Haarschopf.
„Frau Macher", sagte Stelling, „wollen Sie nicht vielleicht doch einmal in Ihrer Bratröhre nachsehen, ob sich der Dampfkessel nicht darin befindet."
„Nee", seufzte Frau Hedwig, „die Bratröhre ist bei mir merschtendeels immer noch -leer gewesen." .
„Aber Herr Macher!" sagte Stelling ärgerlich, „Sie haben mir doch gestern noch versprochen, daß wir das schöne Modell in Lichtenberg besichtigen können!"
Der Erfinder sah ihn an, mitleidig staunend, wie man einen kleinen Jungen ansieht, der naseweise Fragen stellt. „Glauben Sie denn wirklich, daß Herr Bukofzer, der ehrenwerte Finanzier, nur auf uns wartet, um uns den Eintritt auf sein Grundstück zu gestatten? Sie wissen doch, daß er mich erpressen will."
„Teufel noch mal", sagte Stelling, „die Sache mit dem Bukofzer stand doch vor drei Wochen genau so wie gestern! Und Sie haben mir gestern trotzdem versprochen ..
Lisbeth war eingetreten unb legte die Hand auf Stellings Arm. „Aergern Sie sich nicht, Herr Stelling, hat ja keinen Zweck. Daran müssen Sie sich bei Herrn Macher gewöhnen. Er lebt immer von der Hoffnung auf den morgigen Tag. Wenn er die nicht hätte..."
„Und wenn wir Sie nicht hätten..." fiel Frau Macher ein.
Draußen tönte bie Glocke. „Da haben wir die Bescherung"/ sagte Stelling, „ber Professor ist da!" (Fortsetzung folgt.)


