Ausgabe 
8.11.1938
 
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Agrement und Agreement.

Wir lasen jetzt im Zusammenhang mit dem fran­zösischen Botschafterwechsel in Berlin, die Reichsregierung habe dasAgrement" zur Ernennung Coulondres erteilt. Dieser Ausdruck aus der internationalen Diplomatensprache bedeutet Z u stimmung. Jede Regierung, bei der ein fremder Staatsoertreter beglaubigt werden soll, hat nämlich das Recht, ihre Zustimmung zu verweigern, wenn die von dem fremden Staat für den Botschafter- oder Gesandtenposten ausgewählte Persönlichkeit ihr aus bestimmten Gründen unerwünscht ist; der Sprache- gebrauch kennt für solche Fälle den Ausdruckper­sona ingrata, eine unerwünschte oder nicht gern ge­sehene Person. Um nun die Ablehnung eines Bot­schafters oder Gesandten durch den Empfangsstaat von vornherein zu vermeiden, ist es üblich, daß der ernennende Staat rechtzeitig bei der betreffenden Regierung a n f r a g t. Die Wahl erfolgt ohnehin fast immer so, daß dem Empfangsstaat die Möglich­keit der Zustimmung gegeben ist. Die Fälle der Ab­lehnung sind sehr selten. Nicht zu verwechseln mit diesem Wort agrement ist der Begriffagree- ment, der aus dem Englischen kommt unv Uebereinkunft bedeutet. Man^ versteht unter einem agreement im allgemeinen zwischenstaatliche Abmachungen, die nicht die feierliche Form von Verträgen oder Pakten haben, sondern bis zu einem gewissen Grade formlos sind und auch nicht durch di« beiderseitigen Parlamente ratifiziert zu werben brauchen. Der erweiterte Ausdruckgentle- men-agreement bedeutet eine zwar nur münd­liche, aber gleichwohl rechtsgültige und bindende Abmachung zwischen zwei oder mehreren Vertretern verschiedener Regierungen.

Kunst und Wissenschaft.

Lyrik-Preis derDome".

Der Lyrik-Preis derDame", der in diesem Jahre zum fünften Male vergeben wurde, ist in Höhe von 1000. Mark einem Gedicht von Gotthard de Beauclair zugesprochen worden.Der Preis­träger entstammt einer seit 1780 in Darmstadt an­sässigen Hugenottenfamilie. Fünf weitere Preise zu je 200 Mark entfielen auf Arthur Fischer- Col- b r i e , Herta G r a n d t, Hermann K a s a k, Gustav Le ute ritz und Hermann Sendelbach. Weit über 10 000 Gedichte standen zur Wahl.

Siebenbürgener Forscher erhält den Prinz-Eugen-Preis.

Die Wiener Universität verlieh am Samstag dem Direktor des Brukenthal-Museums in Hermann­stadt, Dr. Rudolf Sp e k, den Prinz-Eugen- Preis. Der Vorsitzende des Kuratoriums, Pro­fessor Has finger, gedachte in seiner Festrede der hanseatischen Familie, die vor einigen Jahren eine Stiftung für kulturelle Leistungen in den Grenzgauen des deutschen Volkes und seiner Sprach­inseln gemacht hat. Nach dem Stiftungsbrief obliege sieben deutschen Universitäten darunter auch Wien die Aufgabe, das kulturelle Leben ihres Grenzgaues zu verfolgen und auf Grund dessen einen Preisträger zu wählen. Die Wiener Univer­sität habe für den Preis den Namen Prinz Eugens gewählt, des Mannes, der die Voraussetzung für die friedliche Aufbauarbeit der Schwaben, Franken und Bayern im Südost-Donauraum geschaffen habe.

Ehrenvolle Berufung eines deutschen Arztes nach Italien.

Dieser Tage erhielt der seit Jahren in der Heilstätte für lungenkranke Kinder in Wangen (Allgäu) tätige Oberarzt Dr. med. Reiner Müller eine ehrenvolle Berufung an das Folanini-Jnstitut bei Rom, das Italiens modernstes Krankenhaus und das größte Tuberkulose-Krankenhaus der Welt ist. Es steht unter Leitung des Leibarztes des Königs von Italien und des Duce Professor Dr. M o r e l l i. Dr. Müller ist in Fachkreisen mit einigen wichtigen aus der Heil­stätte im Allgäu stammenden Arbeiten hervorgetreten. Er hat die Berufung angenommen.

Aus aller Wett.

Oie Brandkatastrophe in Oslo.

Die Osloer Blätter berichten, teilweise mit Trauer­rand auf dein Titelblatt und mit zahlreichen Bildern der Stätte des grauenvollen Geschehens, seitenlang über die Brandkatastrophe. Aus der Fa­milie des jungen Inhabers des photographischen Ateliers, Per B r a n d st r u p, der in der Schreckens­nacht zugleich mit dem 40jährigen Jubiläum des Geschäfts seinen 21. Geburtstag und die offizielle Geschäftsübernahme feierte, sind, wie jetzt feststeht, insgesamt 11 Mitglieder verbrannt. Unter ihnen befindet sich die frühere Sängerin Karen Brand- st r u p, die mehrere Jahre in Berlin studierte. Ein alter Mann, der neben dem Atelier wohnte, wurde durch das ängstliche Bellen des Hundes geweckt, so daß er sich noch im letzten Augenblick retten konnte. Der Hund lief in die brennende Wohnung zurück und kam in den Flammen um. Ueber die Ur­sache des Brandes herrscht noch keine Klarheit. Eine Vermutung geht dahin, daß die Festgesell­schaft vor dem Auseinandergehen photographiert werden sollte und hierzu im Ätelierzimmer vor der geschlossenen Ausgangstür Aufstellung genommen hatte. Man nimmt'an, daß Magnesium zur Be­lichtung verwendet wurde und die Flamme die leicht brennbare Ausschmückung entzündet hat. Der Brand hat sich dann vermutlich an dem in dem Raum lagernden Material, darunter 10 000 Negative und Celluloid-Filme, explosioartig entwickelt.

*

Der deutsche Gesandte in Oslo hat dem norwegi­schen Minister des Aeußern seine Teilnahme an dem großen Brandunglück, dem so viele Menschen­leben zum Opfer gefallen sind, ausgesprochen.

Erdbeben in Men.

Am Dienstag wurde in Wien und Umgebung zwischen 4 und 5 Uhr früh ein kräftiges Nah- beben wahrgenommen. Der Hauptstoß erfolgte um 4.12 Uhr, weitere schwächere Nachstöße konnten noch um 4.24 Uhr und 4.23 Uhr bemerkt werden. Soweit sich bisher überblicken läßt, wurde kein Sachschaden von Belang verursacht. Immerhin hatten die Erschütterungen, das Rütteln der Türen und Klirren der Fenster fast ganz Wien aufgeweckt, und die Sorge vor größeren Auswirkungen hatte viele Bewohner veranlaßt, bei Polizei, Feuerwehr und anderen Stellen Ratschläge für ihr Verhalten einzuholen. Ein eingestürzter Kamin, herabgefallene Bilder, stehengebliebene Uhren und der Schreck der Wiener blieben jedoch glücklicherweise die einzigen bisher festgestellten Folgen des Erdbebens. Der Herd des Bebens konnte noch nicht festgestellt werden, er dürfte in der nächsten Nähe Wiens liegen.

Marseiller Gangsters wieder an der Arbeit.

Die Marseiller Banditen, die in der letzten Zeit durch dreiste Ueberfälle auf Züge und Kassenboten von sich reden machten und auch während der Brandkatastrophe erfolgreich ihrem ..Gewerbe" nachgingen, raubten jetzt inmitten der Stadt einen großen Lastwagen der Nationalen Eisenbahngesellschaft. Der Lastkraftwagen enthielt in erster Linie Säcke mit Silberdrähten und Pakete mit Wertpapieren, die für zwei große Marseiller Kreditunternehmungen bestimmt waren. Der genaue Wert der Säcke konnte noch nicht festgestellt werden. Der Raub wurde durch vier schwerbewaffnete Gang­sters verübt. Der Lastwagen wurde schließlich völlig ausgeplündert wiedergefunden.

Der Sprung in den kleinen Bell.

Wie jetzt festgestellt wurde, litt der Führer des BlitzzugesMittel-Jüte", der sich, rote gemeldet, in der vergangenen Woche in den Kleinen Belt stürzte, nachdem er seinen Zug auf der Brücke zum Halten gebracht hatte, seit längerer Zeit an einer Krank- heit, die ihm zeitweise unerträgliche Schnurzen be­reitete. Wahrscheinlich hatten ihn diese Schmerzen wieder überfallen und zu dem Entschluß getrieben, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Da die Frage aufgetaucht war, ob ein plötzlicher Ausfall des Zug­führers den Motorblitzzug gefährden könne, wurde von unterrichteter Seite mitgeteilt, daß wie auch in anderen Ländern stets ein Reserveführer mitsahre und ferner der Fahrer, um den Zug in Bewegung zu halten, mit seinem Fuß aus einem Knopf stehe. Werde der Fuß heruntergenommen, bleibe der Zug sofort automatisch stehen.

Die größten Diamanten der Well.

Der viertgrößte Diamant der Welt, der kürzlich in Minas Geraes in Brasilien gefunden und nach dem. Präsidenten der brasilianischen Re­publikPräsident Vargas" genannt wurde, wird in nächster Zeit in England zum Verkauf angeboten werden. Der Stein war von einer holländischen Firma für eine Million Gulden (rund 1,3 Mil­lionen Mark) erworben und in Amsterdam ge­schliffen worden. Mit seinen 600 Karat Gewicht stelltPräsident Vargas" den derzeit viertgrößten Diamanten der Welt dar. Del; größte Diamant der Welt ist derCullinan", der, bevor er geschliffen wurde, ein Gewicht von 3025 Karat hatte. Er wurde in Transvaal gefunden und im Jahre 1907 König Eduard VII. zum Geschenk gemacht. Bei der Krönung König Georgs V. zierte das Schmuckstück die Königskrone. Auch der zweitgrößte Diamant der Welt, derExcelsior" (969 Karat), wurde in Hol- ländisch-Südafrika aufgefunden. Auch -er befindet sich im Kronschatz von England. An dritter Stelle rangiert derKohinoor" mit einem Gewicht von 800 Karat Auch er gehört dem britischen Kron­schatz an, seitdem er Ende des vorigen Jahrhun­derts Königin Viktoria überreicht wurde.

Internationales Schachlurnier in Amsterdam.

Beim internationalen Schachturnier in Amsterdam wurde die abgebrochene Partie Flohr gegen E a p a b l a n c a auf Vorschlag Flohrs remis gegeben. Nunmehr richtet sich die Hauptaufmerk­samkeit auf die ebenfalls abgebrochene Partie des Weltmeisters Aljechin gegen^ den Amerikaner Reshevsky. Die beiden Gegner spielten sehr hartnäckig und überlegt weiter. Aljechin konnte jedoch den Vorteil seines Bauernoorsprungs nicht weiter ausbauen und bot nach dem 60. Zug remis an. Der Stand nach der ersten Runde ist folgender:

kl. Fine (USA.) 1 Punkt; 2. bis 7. Euwe, K e r e s (Estland), Aljechin (Frankreich), Flohe (Tschecho-Slowakei), Capablanca (Kuba), Reshevsky (USA.), je % Punkt; 8. Botwin» nik (Sowjetrußland) 0 Punkte.

Banbitenüberfaü auf ein polnisches Postamt fordert zwei Todesopfer.

Auf ein Postamt in der Siedlung Gaje bei Lem­berg wurde ein Raubüberfall verübt, der zwei Menschenleben forderte. In den späten Abend­stunden kamen zwei elegant aussehende Herren zum Postamt und baten die diensttuende Beamtin, einen versiegelten Bries zur Aufbewahrung zu Über­nehmen. Als die Beamtin sich aus dem Schalter beugte, eröffneten die Unbekannten aus blitzschnell hervorgezogenen Revolvern ein Schnellfeuer auf die Frau, die tödlich getroffen zu Boden sank. Die Banditen versuchten die Kasse zu plündern, wurden jedoch durch einen Polizisten, den die Schüsse alarmiert hatten, gestört. Ehe der Beamte von seiner Waffe Gebrauch machen konnte, über­schütteten die Räuber ihn mit einem Kugelhagel. Er war auf der Stelle t o t. Den Mördern gelang es unerkannt zu entkommen. Der Ueberfall hat in Lemberg größte Erregung hervsrgerufen, um so mehr, als sich in dem Gebäude ein Polizeiposten befindet. Die Polizei hat sofort eine energische Ver­folgung der Täter eingeleitet.

Wasserhose fordert 13 Todesopfer in Marokko.

Die marokkanische Ortschaft Ben Ahmed, 80 Kilo­meter von Casablanca, wurde durch eine Wasser­hose verwüstet. 13 Einwohner, deren Hütten von den Fluten davongetragen wurden, kamen ums Leben. Ueberdies wurden starke Ueberschwemmun- gen festgestellt, die schwere Sachschäden verursachten.

Wetterbericht

Deutschland liegt noch immer am Nordrande eines Hochdruckgebietes und im Zusuhrbereich feuchtmilder Meeresluft. Die Temperaturen liegen daher auch bei uns beträchtlich über dem jahreszeit­lichen Durchschnitt. Doch herrscht in den Niederun­gen neblig-trübes Wetter vor. Strichweise kam es auch zu geringfügigen Regen. Die Großwetterlage wird sich vorerst nur wenig ändern.

Vorhersage für Mittwoch: Vielfach Nebel oder Hochnebel, doch zeitweise auch aufhei- ternd, höchstens vereinzelt geringfügiger Regen, mild, meist südliche Winde.

Lufttemperaturen am 7. November: mittags 10,8 Grad Celsius, abends 10,2 Grad; am 8. November: morgens 8,4 Grad. Maximum 13,1 Grad, Minimum heute nacht 8 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 7. November: abends 10,5 Grad; am 8. No­vember: morgens 9,3 Grad.

Hauptschriftleiter Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Stellvertreter des Hauptschriftleiters: Ernst Blum» schein-. Verantwortlich für Politik und für die Bilder: Dr. Fr. W. Lange; für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot; für den übrigenTeil: Ernst Blumschein. Anzeigenleiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt der An­zeigen: Theodor Kümmel. 2). 21. X. 38: 10 013. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, K.-G., sämtlich in Gießen. Monatsbezugspreis RM.' 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illu­strierten 15 Pf. mehr. Einzelverkaufspreis 10 Pf. und Samstags 15 Pf., mit der Illustrierten 5 Pf. mehr. Zur Zeit ist Preisliste Nr. 4 vom 1. September 1937 gültig

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