Ausgabe 
8.6.1938
 
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lebte, dazu Lieder und Gedichte, alles, was wir in der Zeit gelernt hatten.

Am letzten Abend ging es wieder nach Frankfurt zu einer Festlichkeit, die KdF. mit der Frauenschaft und den Jugendgruppen verunstaltete. Dort be­grüßten uns alte Bekannte, nämlich die Bcmern- spielschar aus Allen-Buseck, deren heitere Vorfüh­rungen große Sreube bereiteten.

Am Sonntagmorgen hieß es Abschied nehmen. Mit herzlichem Dank schieden alle Teilnehmerinnen, die sich in der Gauschule in fröhlicher Kameradschaft sehr wohlgesühlt hatten. F«K.

Gemeinsame Sportstätten für Nein« Gemeinden.

Cpb. Der Reichsstatthalter in Hessen Landes- regierung weist die Kreisdirektoren der hessischen Kreisämter darauf hin, daß für fleinere, aneinan­derliegende Gemeinden (in einem Umkreis von rund bis drei Kilometer), die auch landschaftlich und ver­kehrsmäßig miteinander in Berührung stehen, die Errichtung gemeinsamer sportgerechter Uebungsstät- ten (Sportplatz und Schwimmbad) das Gegebene ist. Abgesehen davon, so heißt es in der Begrün­dung, daß die in einer kleinen Gemeinde errichtete Sportstätte nicht genügend ausgenützt würde, die dafür aufgewendeten Mittel also in keinem Verhält­nis zu dem erzielten Gewinn stünden, widerspreche es auch der im Jnteresie der Dolksernährung not­wendigen sparsamen Bodenbewirtschaftung, wenn solche Gemeinden zur Errichtung einer nur für sie selbst bestimmten Sportanlage schreiten wollten.

Verbilligte Fettversorgung

für Minderbemittelte wird fortgeführt.

DNB. Die von der Reichsregierung zur Ver­billigung' der Speisefette für die minderbemittelte Bevölkerung und zur Sicherung des Bezugs von Konsummargarine getroffenen Maßnahmen werden für die Monate Juli, August und September 1938 im bisherigen Umfange fortgeführt. Die nicht ver­brauchten Derbilligungsfcheine sind nach den bis­herigen Bestimmungen bis zum 5. bzw. 10. Oktober 1938 zurückzugeben.

Artilleristen-Kameradschaft 1895 Gießen.

Am Samstag versammelten sich in gewohnter Weise wiederum viele Kameraden der Artilleristen- Kameradschast 1895 Gießen hn Kameradschafts-Heim Hessischer Hof" zum üblichen monatlichen Kamerad­schaftsabend. Kameradschaftsführer Müller machte im Verlaufe des Abends die Kameraden mit dem gegenwärtigen Stand der Aufbauarbeiten des NS.- Reichskriegerbundes und der damit verbundenen Eingliederung der Waffenring-Kameradschaften in i die neue und einzige Organisation der ehemaligen Soldaten bekannt. Danach wird der Waffenring der ehemaligen deutschen Feldartillerie mit dem 30. Juni seine Tätigkeit einstellen und anschließend bis Ende September seine Geschäfte abwickeln. Die örtlichen Kameradschaften als solche können noch beisammen Herben, sie müssen sich aber bis Ende September für die Eingliederung in den NS.-Reichskrieger- bund aussprechen, um dadurch Glied der Gemein­schaft der Organisation der einstigen Soldaten zu werden. Ueber die Umorganisation im einzelnen machte der Kameradschaftsführer dann noch eine .Reihe von weiteren Mitteilungen, die das lebhafte Jnteresie der Kameraden fanden. Im übrigen war der weitere Verlauf des Abends froher kamerad­schaftlicher Geselligkeit gewidmet.

*

** Dienstjubiläum. Am 5. Juni waren es 25 Jähre, daß das Gefolgschaftsmitglied Karl W i ß n e r als Pfleger in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Gießen tätig war. Der Betriebsführer, Direktor Dr. Schneider, sprach dem Jubllar Dank und Anerkennung für seine treue und tadel­lose Dienstzeit aus.

Das Unterlassen von Hilfeleistung bei Kraslfahrzeugunsällen.

Von Assessor Münch.

Grundlage des nationalsozialistischen Staates ist die Volksgemeinschaft, d. h. das gegen­seitige Einstehen und Helfen der Volksgenossen un­tereinander. Dieses Prinzip gilt vor allem auch im Verkehrsrecht bzw. bei Verkehrsunfallen. Der Ge­setzgeber hat dies in verschiedenen gesetzlichen Be­stimmungen zum Ausdruck gebracht.

Zunächst ganz allgemein für Unglücks- oder Not­fälle im § 330 c des Strafgesetzbuchs. Dieser lautet: Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies nach gesundem Dolksempfinden feine Pflicht ist, insbesondere wer der polizellichen Aufforderung zur Hilfeleistung nicht nachkommt, obwohl er der Aufforderung ohne er­hebliche eigne Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten genügen kann, wird nut Ge­fängnis bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe be- ^Tüefe Strafbestimmung gilt nicht nur für den Kraftfahrer, sondern für jeden Volksgenos­sen , der einen Unfall beobachtet, oder von einem Falle gemeiner Gefahr oder Not Kenntnis erhält und es unterläßt, Hilfe zu leisten. Zwar wird auf Grund des § 330 c nur bestraft, wer vorsätzlich feine Pflicht zur Hilfeleistung verletzt. Es genügt aber, wenn der Täter, mit der Möglichkeit eines Unfalles rechnend, auch für diesen Fall feine Hilfe leisten will. x

Als wettere Bestimmung in diesem Sinne, die aber speziell nur für den K r a ft f a h r z e u g f ü h - r e r gilt, kommt der § 22 Abs. 1 des Gesetzes über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen (K. F. G.) in Frage:Der Führer eines Kraftfahrzeuges, der nach einem Unfall (siehe § 7 KFG.) es unternimmt sich der Feststellung des Fahrzeugs und seiner Person durch die Flucht zu entziehen, wird mit Geldstrafe bis zu 10 000 Reichsmark oder mit Gefängnis bis zu zwei Monaten bestraft. Er bleibt jedoch straf­los, wenn er spätestens am nächstfolgenden Tage nach dem Unfall Anzeige bei einer inländischen Po­lizeibehörde erstattet und die Feststellung des Fahr­zeugs und seiner Person bewirkt."

Diese Bestimmung trifft das verwerfliche Ver­halten mancher Kraftfahrer, das man im Derkehrs- recht alsF ü h r e r f l u ch t" bezeichnet. Kraftfah­rer, die sich aus irgend einem Grunde zu einem der­artigen Benehmen bewegen lassen, beweisen damit, daß sie kein Verantwortungsgefühl gegenüber der Allgemeinheit besitzen, und haben heute mit einer strengen Bestrafung zu rechnen.

Wie schon bemerkt, gilt die Bestimmung des § 22 Abs. 1 KFG. nur für die Führer von Kraftfahr­zeugen, die an einem Unfall beteiligt sind. Aller­dings kann auch ein Insasse des Kraftfahr­zeugs Beihilfe zur Führerflucht begehen, wenn er z. B. Vorgesetzter des Kraftfahrzeugführers ist und cs unterläßt, die Flucht des Führers zu verhin­dern.

Die Strafbestimmung des § 22 KFG. gilt nicht für Fußgänger, Radfahrer, Reiter, Fuhrwerksbe­sitzer und bis jetzt ebenfalls noch nicht für Führer von Kleinkrafträdern. Als Kleinkrafträder gelten nach Art. 5 der Verordnung über die Regelung des Straßenverkehrs vom 13. November 1937 Kraft­räder mit einem Hubraum bis 250 Kubikzentimeter. Bei der großen Zahl der Derkehrsunfälle, die ge­rade von den bis jetzt nicht getroffenen Fahrzeug­führern verursacht werden, ist mit einer Ausdeh­nung des Geltungsbereiches im kommenden Straf­recht zu rechnen.

Zur Bestrafung eines Kraftfahrzeugführers ge­mäß § 22 Abs. 1 KFG. ist erforderlich, daß der Führer von der Beteiligung an einem Unfall Kennt­nis hat, oder mit der Möglichkeit eines durch ihn verursachten Unfalles rechnen kann, und daß er nun zur Vereitelung der Feststellung feiner Per­

son oder seines Kraftfahrzeuges die Flucht er­greift. Ebenso wie die Führerflucht selbst wird der Versuch bestraft, während die tätige Reue strafbefreiende Wirkung hat. Der Tatbestand der tätigen Reue ergibt sich aus §22 Abs. 1 Satz 2 KFG. (s. o ).

Um die Kraftfahrzeugführer, die sich eine Fuh- rerflucht haben zufchulden kommen lassen, auch in der Öffentlichkeit zu brandmarken, ist die Anord­nung erlassen worden, daß die Polizeibehörden der Tagespresse den vollen Vor- und Zunamen, sowie die Wohnung des betreffenden Kraftfahrzeugfüh­rers anzugeben haben, sofern dieser wegen Führer­flucht rechtskräftig bestraft worden ist.

Als letzte Bestimmung im Sinne der vorliegen­den Ausführungen kommt noch in Frage der Ab­satz 2 des §22 KFG. Danach wird derjenige Füh­

rer eines Kraftfahrzeugs mit Gefängnis bis zu 6 Monaten bestraft, der eine bei dem Unfall ver- letzte Person vorsätzlich in hilfloser Lage verläßt. .

Auch diese Strafbestimmung bezieht sich nur auf Führer von Kraftfahrzeugen, die an einem Unfall beteiligt sind. Voraussetzung ist, daß der Kraftfahr- zeugführer weiß, daß eine Person durch einen Un­fall, an dem er beteiligt war, in eine hilflose Lage gekommen ist oder fein kann, und daß er den Wil­len hat, den Verletzten in dieser Lage feinem Schick- sal zu überlasten.

In der Praxis werden die Tatbestandsmerkmale der angezogenen Bestimmungen oft Zusammentref­fen, so daß je nach Lage des Falles Tateinheit oder Tatmehrheit vorliegt und eine entsprechende Strafe gebildet wird.

Trachiengruppen verabschieden sich in Gießen.

Die Trachtengruppen unseres Gaues haben sich so sehr die Sympathien der Volksgenossen erobert, daß jeder Anlaß gern benutzt wird, um sie zu sehen und ihnen freudige Grüße zuzurufen. Das geschah auch am heutigen Vormittag wieder bei ihrer Ab­fahrt zur Reichstagung der NSG.Äraff durch Freude". Die Schlitzer mit ihren leuchtenden Far­ben in der Tracht belebten als erste das Bild des Bahnhofsplatzes. Später fuhren in den großen Omnibussen die Hüttenberger und die Odenwälder auf, während die Erksdorfer später zu der Gruppe stoßen. Es gab noch ein freudiges Händeschütteln und Hin- und Herfragen, denn jedermann möchte wissen, wohinSchorsch Heß" jetzt schon wieder hinfährt, um mit den prachtvollen Trachtengruppen und den rhythmisch schlichten Tanzweisen für unse­ren Heimatgau zu werben.

Der Letter der Abteilung für Trachten und Brauchtum in der Gauwaltung der NSG.KdF.", Pg. Fröhling, überbrachte den Gruppen die besten Wünsche der Gauleitung für eine glückhafte Fahrt zur Reichstagung nach Hamburg und für die

seltene Gelegenheit, anschließend bei der Ein­weihung des Hauses des deutschen Fremdenverkehrs in Berlin vor dem Führer Brauchtum und Trachten Hessen-Nassaus vorzeigen zu dürfen.

Georg Heß, der die Trachtengruppe des Gaues nach Hamburg führt und von dort aus mit den anderen deutschen Trachtengruppen auf dem,^dF.">-

RUHL Seltersweg Nr. 67

adlO Telephon Nr. 3170 H

eparaturen 1897 D

DampferWilhelm Gustloff" nach Italien fahrt, versicherte das beste Bestreben, den Heimatgau wie immer, wo die Hessen-Nassauer dabeigewesen waren, zu vertreten.

Die Musikkapelle der Schlitzer, die das Lied von HeßDer Bauer ist ein Ehrenmann" vorgetragen hatte, spielle dann zu einem Ländler auf, und die rhychmischen Klänge lockten viele Zuschauer, die sogar aus allen Ladengeschäften kamen, herbei.

Aus her engeren Heimat.

Diebstahl und Diebe.

Ein neues RadiofGeröt, eine neue Leica, ein Belichtungsmesser, eine blau-weiß karierte Tischdecke, ein gelbes Frotteehandtuch, ein bläuliches Handtuch, eine bunt gehäkelte kleine Wolldecke, ein Svültuch, Zigaretten und Zigarillos wurden in der Nacht zum 6. Juni aus einem Wochenendhaus an der Lahn durch Einbruch gestohlen.

Wegen Diebstahls von Motorrädern wurde gestern ein junger Mann von 19 Jahren, der in Gießen seinen Wohnsitz hat, festgenommen, weiter ein wegen Einbruchsdiebstahls ausgeschriebener Lehr­ling, dem auch in Gießen verübte strafrechtliche Verfehlungen nachgewiesen werden konnten. Beide wurden dem Gericht zugeführt.

Ehrungen

für freuen Dienst an der Scholle.

* Birklar (Kreis Gießen), 7. Juni. Zu Ehren einiger verdienter Arbeitskameraden des Hofes Birklar fand am Samstag in Gegenwart des Landesgefolgfchaftswarts von der Landesbauern­schaft Hessen-Nassau Pg. Steidle, des Kreis- gefolgschaftswarts Pg. Braun und des Orts- gruppenletters Pg. Balser eine Betriebs-

gemeinschaftsfeier der Gefolgschaft des Hofes Birklar mit ihren Frauen und gelctt)enen Gästen in dem schön geschmückten Gast­haus statt.

Nach dem Abendessen begrüßte Betriebsführer Brückmann alle Arbeitskameraden, denen er für ihre bisherige treue Mitarbeit herzlich dankte. Ganz besonderen Dank sprach er je ch s Jubi- laren der Arbeit des Hofes aus. Zunächst wandte er sich an feinen ältesten Gefolgschaftsmann Heinrich Seitz, den er zu feinem 50jährigen Ar- beifs Jubiläum beglückwünschte und ihm als äußeres Zeichen der dankbaren Anerkennung eine goldene Uhr als Geschenk überreichte. Seitz ist vor 50 Jah­ren als 14jähriger Junge bei dem Großvater des jetzigen Betriebsführers eingetreten, hat diesem und dann dem Vater und nun dem Sohne, dem jetzigen Betriebsführer Ernst Brückmann, die Treue gehal­ten. Zu bemerken ist noch, daß der Jubllar trotz fei­ner 50jährigen Tätigkeit noch immer ein Gespann fährt und sich von jüngeren Arbeitskameraden nicht übertreffen läßt. Als weiterer treuer Arbeitskame­rad erhielt Johannes Appel, der fett 42 Jahren zur Gefolgschaft des Hofes zählt, von dem Betriebs­führer als an Jahren ältester Arbeiter einen schö­nen Sessel als Geschenk. Den übrigen langjährigen Arbeitskameraden Heinrich Weisel (25 Jahre Mtt-

Fäden hin und her.

Zfioman von Hedda Westenberger.

Copyright by Carl Duncket Verlag, Berlin W 35.

41. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Dann fällt ihm plötzlich sein Haus in Eigelstein ein, mit den stillen, altmodischen Zimmern und der Aussicht aus eine noch stillere Straße. Ein ' ge­waltiger Unterschied eigentlich, ob jemand hier drinnen ftn Geschäft steht und den ganzen Tag das Vorbeiströmen von Menschen und Autos dicht vor Augen Hot, oder ob er in Eigelstein am Wohn­zimmerfenster sitzt.

Und ein nicht ganz einfacher Tausch, den Marga Montwill da eingehen will. Ein gefährlich Tausch eigentlich. Das Sprichwort sagt zwar nur, daß man alle Bäume nicht mehr umpflanzen soll, aber auch viele junge Bäume vertragen es nicht, plötzlich in ein ganz anderes Klima und in ganz anderen Boden zu kommen. Wenn es nun Marga Montwill auch nicht ©ertrüge, dies Umge» pflanztwerden? Wenn sie nun ihr Ruhebedürfnis, ihr Bedürfnis nach friedvollen vier Wänden etwas überschätzt hätte? Sie ist ihr Lebtag lang in Berlin gewesen. Sie ist gleich nach der Schule ins Berufs­leben gegangen, Strümpfestopfen, Staubwischen und mit dem Kochlöffel hantieren, das wird schwer­lich auf die Dauer ihr Leben ausfüllen können. Und was dann?

Er hott sich ärgerlich eine Zigarre aus der Brust­tasche und zündet sie umständlich an. Ach was, solche alberne Bedenken darf man sich nicht machen. Eine innerlich lebendige Frau kann auch in der größten Einsamkeit innerlich lebendig bleiben und ihre Tage so ausfüllen, wie es sie befriedigt. Alles übrige ist dummes Geschnack, und wenn man nicht zweiundfünfzig wäre, sondern dreißig oder fünf» unddreißig, so hätte man solche weit vorauseilende Bedenken nicht.

Aber da ist noch ein anderer Punkt: dieser Breda. Sie spricht oft von ihm, sehr oft und immer sehr herzlich - und mit einem na, fast könnte man sagen, zärtlichen Gesicht. Wenn sie doch mehr an ihm hinge, als sie sich selbst bewußt ist? Dieser Breda hat offenbar fein Herz Marga Montwill gegenüber immer sehr auf den Händen getragen. Er war immer sehr demütig, zu demütig, hat sie neulich gesagt. Das hat sie vielleicht gelangweilt. Sie hätte vielleicht lieber gehabt, wenn sie um ihn hätte werben müsien.

Nun soll man sich das einmal oorstellen: Marga als Frau Hammerbacher und in Berlin der treue Freund und ehemalige Geschäftspartner, der natür­lich nicht von ihr läßt natürlich nicht, denn solche demütigen Kerle sind immer verdammt zäh in der Liebe und alle paar Wochen also wird er sich in Eigelstein zu Besuch herumtteiben, wird olle Erinnerungen mit Marga auffrischen, wird ihr den Mund wässerig machen nach Berlin, wird den

Märtyrer spielen, der nicht von ihr lassen kann... und man selber sitzt in seiner Sprechstunde, soll art anderer Leute Gallenblasen und gute Ver­dauung denken und hat dabei immerwährend siedend heiß die Angst im Kopf, daß ... daß ...

Um ein Haar hätte der Doktor dort vor dem Schaufenster der Firma Breda und Montwill laut geflucht. Ja, ist er denn wahnsinna? Ist er denn nicht mehr ganz richtig im Kopf, daß ihn schon jetzt die Eifersucht anfällt, und daß er seine Frau schon mit einem anderen durchbrennen sieht, ehe er sie überhaupt noch zu seiner Frau gemacht hat?

Aber ein schlechtes Zeichen das, ein sehr schlechtes Zeichen? Denn so viel ist gewiß: Eine Marga Montwill sperrt man nicht ein; einer Marga Mont­will muß man, will man überhaupt glücklich mit ihr leben, alle nur erdenkliche Freiheit lassen, alle.

Und wenn man das nicht kann? Nicht fertig«

In diesem Augenblick schiebt sich die Gestalt eines jungen Mannes in das Blickfeld des Doktors. Er steigt über einen großen Blumenkübel hinweg mitten in die Auslage hinein und greift vom Boden ein Tablett mtt sechs alten, blaugrün schimmernden Gläsern auf.

Der junge Mann hat eine ungeheuer hohe Stirn und merkwürdig tiefliegende Augen.

Das ist Breda! denkt der Doktor. Fast hätte er es laut gesagt. Dann sieht er fast atemlos zu, wie Breda, das Tablett auf den Händen, den Weg, den er gekommen, wieder zurücksteigt, und wie er nun den beiden Herren eins der Gläser mit einem kleinen, ungeheuer liebenswürdigen, aber traurigen Lächeln hinhätt.

Warum lächelt er so traurig? denkt der Doktor, und beinahe ärgert es ihn. Plötzlich fühlt er eine brennende Neugier: Er möchte Breda sprechen hören, möchte feine Augen genauer sehen und seine Hönde, und überhaupt...

Er zögert noch einen Augenblick, dann rückt er den Hut entschlossen zurecht, geht auf die Laden­tür zu, bleibt noch einmal zögernd stehen und tritt schließlich doch ein.

Breda ruft gerade nach einem feiner Fräulein, cs möge die Gläser für die Herren besonders sorg­sam verpacken. Er hat eine sehr tiefe, warme Stimme, eine sympathische Stimme; der Doktor kann sich's nicht verhehlen. Eine (Stimme jeden­falls, vor der sich auch dann niemand die Ohren zuzuhalten braucht, wenn sie sich laut erhebt. Ader dieser Tjtann erhebt wahrscheinlich nie die Stimme.

Wie er noch darüber nachdenkt, steht Breda plötz­lich ganz unvermutet vor ihm. Der Doktor ist so erschrocken, daß er im ersten Augenblick nicht weiß, was er sagen soll, und infolgedessen mtt der Tür ins Haus fällt.

Ich komme aus Eigelstein, Herr Breda. Mein Name ist Hammerbacher." Das dröhnt vor lauter Verlegenheit so sehr, daß es die Mädchen bis hin- über ins Lager hören können.

Aus Eigelstein?" Bredas liebenswürdige, etwas lässig vornübergeneigte Haltung strafft sich ein wenig. Er will noch etwas dazujügen, eine Freund­

lichkeit, etwas Zuvorkommendes, aber es fällt ihm beim besten Willen nichts ein; er ist zu verblüfft.

So stehen sie etwas hilflos voreinander und mustern sich mit den Augen. Nicht mehr der Aller- jüngste, dieser Hammerbacher, denkt Breda und fühlt etwas wie Schmerz und Wut in sich auf« steinen, ohne recht zu wissen, warum. Ein kluges Gesicht, intelligente Augen, und vielleicht hat er das an sich, was die Amerikaner Sex-Appeal nennen, denkt Hammerbacher und fühlt plötzlich seine ge­sunde Breite gegenüber diesem hochaufgeschossenen, schmalhüftigen Menschen wie etwas Lächerliches, Altväterisches.

Breda wird es zuerst klar, daß man wohl nicht gut stundenlang so voreinander stehen und sich an- glotzen farm. So führt er denn seinen Besuch zu einem Sessel, einem jener schönen, tiefen, blauen, die der Doktor vorhin von draußen bewundert hat, wirft sich selbst in einen zweiten, bietet verwirrt Zigaretten an, obwohl der Doktor doch noch seine glühende Zigarre in der Hand hat, und bemüht sich, Konversation zu machen: Wie es Marga denn gehe? Sie sei ja über die Maßen begeistert von Eigelstein, und sie fei offenbar auch reizend aus­genommen worden.Gott, so eine Kleinstadt, das ist für uns Großstädter ja immer der stille Traum!" Wenn er erst mal die Bude hier losgeschlagen habe...

Losgeschlagen?" Der Doktor macht große Augen und schaut sich um, als könne dies Losschlagen in der nächsten Sekunde vor sich gehen.

Joseph Breda reibt sich etwas verlegen die lang« gliebrigen Hände. Ja, nach dem, was Fräulein Montwill ihm gerade gestern geschrieben habe ...

Wieso, was hat sie denn geschrieben? Ver­zeihung, ich meine... wir kennen uns ja noch gar nicht weiter, Herr Breda, da ist es ja ziemlich dreist, Sie einfach so zu fragen, was Fräulein Montwill geschrieben hat. Aber..."

Joseph Breda denkt eine Weile nach.

Ich vermute, Herr Doktor", sagt er bann,daß Sie irgend etwas Besonderes hergeführt hat."

Der Doktor legt seinen Hut auf ein in der Nähe stehendes Tischchen und knöpft sich den Mantel auf. Natürlich hat ihn was Besonderes hergeführt. Heute morgen in aller Frühe hat man einen langjährigen Patienten von ihm operiert; deswegen ist er von Eigelstein in der Nacht hergefahren. Nachdem er nun einmal in Berlin ist und Zeit hat, zu tun und zu lassen, was er will, ist er selbstverständlich auch einmal hier Dorbeigegangen, um sich Margas Ge­schäft anzusehen. Und er muß gestehen...

Breda lächelt und sieht plötzlich sehr krank und sehr schlecht aus.

Ja, es ist schade um das Geschäft. Sie müssen schon verzeihen, Herr Doktor, daß ich das zuerst sage, und daß ich, daß ich... noch gar nicht ge­fragt habe, ob man Ihnen schon gratulieren darf. 21bcr Marga Montwills plötzlicher Entschluß wirft eben für mich alles um, und da ... aber wie ge­sagt, verzeihen Sie, bitte, und ich wünsche Ihnen ganz bestimmt von Herzen..."

Diem Doktor bleibt fast das Herz stehen.Aber erlauben Sie mal! Wovon reden Sie denn? Was für einen Entschluß hat denn Fräulein Montwill gefaßt? Ich meine, wenn Sie etwa eine ganz be­stimmte Sache, eine hm Frage meinerseits, die ich an Fräulein Montwill gerichtet habe, meinen, so muß ich Ihnen mit großem Bebauern sagen, daß... Aber woher wisien Sie denn schon davon?"

Breda hat den Kopf gesenkt. Sein Mund ist ein wenig nach unten gezogen.

Sie fühlte sich verpflichtet, mir darüber zu schreiben."

Und was hat sie geschrieben?"

Draußen rasen die Autos dahin, zwei neue Kunden betreten den Laden und streichen dicht an Breda vorbei aber Breda starrt nur vor sich hin, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, die Hände matt ineinandergelegt.

Sie schrieb", sagt er dann langsam und so leise, daß es der Doktor kaum verstehen kann, ,Haß Sie ihr... daß also die bewußte Frage gefallen sei, und daß sie vorher selbst oft mit diesem Gedanken gespielt habe, weil Eigelstein sie geradezu ver­zaubert hätte."

Der Doktor beugt sich gierig vor.Nun was weiter?"

Von dem Augenblick an, ba Ihre Frage gefal­len fei, habe sie dann natürlich das Spielen mit solchen Gedanken aufgegeben und habe angefangen, ernsthaft zu erwägen."

Eins der ßabenfräulein kommt angelaufen und streckt Breda einen Zettel hin.Bitte, Herr Breda, können wir die Vase Nr. 89/27 noch mal nachbe­kommen?"

Die beiden Herren sehen sehr verstört auf.Ja", sagt Breda bann,ich glaube. Aber fragen Sie doch Fräulein Montw ... Äch so. Ja, also einen Augen­blick."

Und mit etwas schlacksigen Bewegungen geht er hinüber ins Büro.

Der Doktor sitzt mit zusammengepreßten Lippen.

Wenn nun der andere ihm plötzlich glatt ins Ge­sicht lachte: Sie, was wollen Sie denn mit Marga Montwill? Sie aller Provinzbär?

Aber nein, so etwas tut der ba nicht. Selbst menif er's dächte.

Dann ist Breda wieder ba. Er hat ein paar Kassenzettel in ber Hand; davon schiebt er im Spre­chen immer einen über den anderen.Und was ist bei den Erwägungen bisher herausgekoMmen, Herr Breda?"

Breda sieht schnell und forschend auf.Das wissen Sie noch nicht?"

Der Doktor schüttelt den Kopf. Es stehen jhm auf einmal lauter kleine Schweißperlchen auf der Stirn. Aber das kommt von der verdammten Zen­tralheizung! Nein, von Margas endgültigen Entschlüßen weiß er noch nichts.

Breda schaut ihn verständnislos an. Ja aber...

Sie sind doch erst heute morgen in Eigelstein abgefahren?"

(Fortsetzung folgt)