Nr. 151 Drittes Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, 8. Zuni 1958
Aus der Stadt Gießen.
Reisepläne.
Mit dem warmen Wetter sind sie gleichsam über Nacht gekommen. Vorher, als es kühl und ungemütlich war, wäre der Gedanke daran schon abwegig erschienen. Wer wird sich auch damit beschäftigen, wenn er noch mit dem Wintermantel Herumlaufen muß. Aber die große Zauberin Sonne hat wie auf so vielen Gebieten auch hier mit einem Schlags Wandel geschaffen. Der erste blitzende Lichtstrahl, der durch das Fabrikfenster in die Werkstatt fiel, das erste warme Lüftchen, das den Derkehrsschutz- mann an der Straßenkreuzung umfächelte — sie sind die Urheber, daß es plötzlich ein hochinteressantes allgemeines Thema gibt: die Reisepläne!
„Ja, Mutter", sagt Vater Lehmann unvermittelt, als er abends die Salatpflanzen begießt, „wie wäre es denn nun mit einer KdF.-Fahrt ins Gebirge? So langsam wird es ja wohl Zeit, das zu besprechen." Mutter Lehmann hebt verwundert den Kopf, was ihr Mann da erzählt, erscheint ihr reichlich phantastisch. Doch Vater Lehmann gießt ruhig weiter und schildert behaglich die Vorzüge einer solchen Reise. Die Kosten ließen sich schon aufbringen, und auch mit der Zeit würde es sich einrichten lassen. „Aber die Kinder, Vater, wir können doch nicht so einfach von ihnen fort", entgegnet Mutter Lehmann schließlich zaghaft. Doch ihr Mann lacht nur dazu. „Frag sie selber, und außerdem werden sie mit ihren sechzehn und siebzehn Jahren auch ihre Fahrten machen wollen."
Damit ist der Bann gebrochen. Bei der Familie Lehmann gibt es fortan gründliche Beratungen. Landkarten'werden aufgeschlagen, Auskünfte eingeholt und Berechnungen angestellt. Und ähnlich ist es bei Schulzes und Meiers, bei Müllers und Schmidts. Ueberall haben die Reisepläne plötzlich grassierenden Charakter angenommen, die Wirkung ist sichtlich belebend. Am allermeisten spüren es die Reisebüros, die mit einem Male die gesuchtesten Auskunftsstätten geworden sind und infolgedessen Hochkonjunktur haben. Ihre Mitteilungen und vor allem ihre Faltblätter erfreuen sich einer ungemeinen Beliebtheit.
Und gehen schließlich auch nicht alle Reisepläne in Erfüllung, wenn hier und dort eine unvoryer- gesehene Sache auftritt, die Hauptsache ist doch, daß der Gedanke an eine Urlaubsreise sich überhaupt Bahn bricht. Er ist das freudig erregende Element, die beglückende Erscheinung eines in Aussicht stehenden großen Erlebens — und darum allein wert, gehegt und gefördert zu werden. H. W. Sch.
/ Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Ortsgruppe Gießen-Mitte 20.30 Uhr Schulungsabend im „Burghof". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Maulkorb". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die unruhigen Mädchen."
Hitler-Lugend Bann 116
Sportfest des Vannes und Jungbannes 116 am 11. und 12. Juni auf dem Universitäts-Sporlplah.
Der Reichssportwettkampf der Hitler-Jugend hat den Gefolgschaften und Fähnlein die Möglichkeit gegeben, ihre besten Leute zur Meldung für das Bannsportfest auszusuchen. Die Besten in diesem Wettkampf werden dann auf dem Gebietssporttest in Mainz antreten, um schließlich auf dem Reichsparteitag vor dem Führer um den höchsten Sieg zu kämpfen.
Das diesjährige Sportfest des Bannes und Jung- bannes 116 erhalt noch seine besondere Bedeutung durch die Grundsteinlegung zum neuen HI.-Heim im Wartweg in Anwesenh^t des Gebietsführers der HI., des Kreisleiters und des Oberbürgermeisters. Weiterhin findet am 11. Juni am Bootshaus der Marinekameradfchaft die Kutterweihe durch den Herrn Oberbürgermeister Pg. Ritter statt.
Der große Regimentsappell der 116er.
Ereignisreiche Tage vom 18. bis 20. Juni in Gießen.
Den ersten und sicher auch den größten Regimentsappell veranstaltet das Traditionsregiment -des ehemaligen Infanterie-Regiments „Kaiser Wilhelm" (2. Großh. Hess.) Nr. 116 und der Kriegsaufstellungen dieses Regiments, das I n - fanterie-Regiment 116 in den Tagen vom 18. bis 20. Juni in Gießen
Vom Infanterie-Regiment 116, der Stadt Gießen und ihrer Bevölkerung werden umfangreiche Vorbereitungen für. diese Tage getroffen Es gilt gleichzeitig, den 125jährigen Gründungstag des fturmerprobten Regiments 116 zu feiern. An den Festlichkeiten werden u. a. teilnehmen: Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger, Frankfurt a. M., der Kommandierende General des IX. Armeekorps und Befehlshaber im Wehrkreis IX General der'Artillerie Dollmann, Kassel, Staatssekretär Reiner, Darmstadt, der stellv Gauleiter Linder, Frankfurt a. M., der Kommandeur der 9. Infanteriedivision und Standortälteste von Gießen, Generalleutnant Oßwald, sowie viele alte Offiziere des Regiments und seiner Kriegsaufstellungen.
Außer den vielen bereits gemeldeten ehemaligen Offizieren des Regiments haben in den letzten Tagen noch ihr Erscheinen zugesagt: Der frühere Kompaniechef der 7. Kompanie Oberstleutnant Freiherr v. Oer, Donauwörth, der Regimentsadjutant von 1901 bis 1907 Oberst v. Menges, Magdeburg. Oberst v. Menges war bereits Adjutant beim Vater des jetzigen Regimentskommandeurs Oberst H e r r l e i n , dem damaligen Major Herrlein. Zwei Generationen in demselben sturmerprobten Regiment! Vielen ehemaligen alten Regimentsangehörigen wird Major Herrlein noch in guter Erinnerung sein. Weiter kommen der Kompaniechef der 5. Kompanie bei Anloy Major Wehr heim, Oberhausen (Rhld.), vom Reserve-Jnfanterie-Regi- ment 222 Eduard v. Frowein, Düsseldorf, und viele andere.
Am Samstag, 18. Juni, um 18 Uhr, wird der Reichsfender Hamburg zu Ehren des Jubelregiments in einer Sendung: „Kamerad, weißt du noch?" einen Bericht über das Regiment in der Sommeschlacht und dabei hessische Militärmärsche zu Gehör bringen. Bei der Sendung werden Kriegsteilnehmer des Regiments, die in der Sommeschlacht kämpften, mitwirken.
Das Große Wecken am Sonntag,
19. Juni, um 6.30 Uhr, wird ausgeführt durch eine Einheit des II. Jnf.-Rgts. 116 mit der Regimentsmusik. Es werden folgende Straßen passiert werden: Verdun-Kaserne, Licher Straße, Moltke- straße, Hitlerwall, Walltorstraße, Kirchenplatz, Mäusburg, Kreuzplatz, Seltersweg, Hindenburg- wall, Goethestraße, Ludwiqstraße, Ludwiasplatz, Koiserallee, Kaserne.
Uni 10.15 Uhr erfolgt aus der Zeughauskascrne durch die Fahnenkompanie die Einholung der alten und neuen Regimentsfahnen. Pünktlich 10.30 Uhr beginnt die Gefallenen- Ehrung am Ehrenmal. Hier sprechen Pfarrer, Leutnant der Reserve Trapp, Gießen und der Regimentskommandeur Oberst Herrlein. Anschließend finden Kranzniederlegungen durch den Verbandsführer ehemaliger 116er, Hauptmann der Reserve S e n ß he l d e r', Bad-Nauheim, und durch die Kameradschaftsführer ehemaliger 116er — von Gießen durch Leutnant der Landwehr Bill — aus dem Reich statt: desgleichen durch die Führer der Verbände der Kriegsaufstellungen des Regiments, des RJR. 116, LJR. 116, JR. 186, RJR. 222, RJR. 254, JR. 390 und JR. 418, sowie durch die SA.-Standarten, die die Tradition der Regimenter führen, durch die Partei, Parteigliederungen, Vertreter des Staates und der Stadt usw.
Mittags um 12 Uhr findet eine große Para d e a u f st e l l u n g des Regiment und der Ehemaligen auf dem Trieb' statt. Das Regiment wird mit Fahnenkompanie, Schützen- und MG.-Kom- panien, den Regimentstruppen — (13. (JG.-)Kom- panie mit pferdebespannten Fahrzeugen, 14. (Pz.- Abw.-)Kompanie mit motorisierten Fahrzeugen — im offenen Viereck auf dem Trieb antreten. Die Gießener und die oberhessische Bevölkerung wird hier ein imposantes und seltenes militärisches Schauspiel zu sehen bekommen. Der Kommandierende General wird die Fronten des Regiments und der Ehemaligen abreiten und danach eine Ansprache halten.
Die Reichspost wird für die Tage des Festes Fernsprechanlagen in und bei der Volkshalle einrichten. Die Kraftomnibusse der Reichspost aus der Umgebung Gießens werden lo verkehren, daß die Teilnehmer am Sonntag rechtzeitig zur Gefallenen-Ehrung zur Stelle sind und gegen 24 Uhr Gießen zur Rückfahrt erst wieder verlassen.
Die Gauschule der AS.-Zrauenschast im Taunus.
Eine Iran aus Gießen berichtet von ihren Erlebnissen.
Im November 1937 wurde die Gauschule der NS.-Frauenschaft Hessen-Nassau in Mammolshain im Taunus eröffnet. Seitdem find 15 Kurse von acht Tagen für die Ortsfrauenschaftsleiterinnen aus den Kreisen gelaufen. Im Mai fand ein Sonderlehrgang für die Abteilungsleiterinnen für Presse und Propaganda unter Leitung von Fräulein Hoch statt.
Der Bau, der aus Privatbesitz übernommen wurde, wirkt mit seinen hohen Fenstern und dem viereckigen Aussichtsturm, von dem sich ein herrlicher Rundblick bietet, wie ein Schlößchen. Die Gauschule liegt einsam in Wald und Park; rund herum grünt und blüht es. Trotz des kalten Frühjahrs kletterten schon die blühenden Rosen von allen Seiten an den Mauern hinauf. Im ersten Stock find die Gemeinschaftsräume, ein Lesezimmer mit großer Glasveranda, ein gemütlicher Raum mit Bauernmöbeln eingerichtet und das Eßzimmer. Eine Treppe höher sind die Schlafräume mit' zwei, vier oder fünf Betten.. Die Zimmer sind praktisch und bequem mit Schränken und Kommoden ausgestattet, es herrscht hier kein Lagerbetrieb, sondern auch ältere Frauen können hier Ruhe und Behaglichkeit finden. Im Erdgeschoß sind die Arbeits
räume, da ist auch der große Raum, in dem die Vorträge oder Veranstaltungen stattfinden. Er ist geschmückt mit der Fahne und dem Bild des Führers, lange Tische stehen vor dem Rednerpult.
Unser Tag begann mit Wecken um 6.30 Uhr. Die Belegschaft eines Zimmers übern-ahm jeweils dieses Amt mit einem Lied. Die meisten Teilnehmerinnen gingen dann hinaus zum Frühsport, die anderen benutzten schnell die gemeinsamen Waschräume. Um 7.30 Uhr wurde die Fahne gehißt. Unsere Gauabteilungsleiterin sprach den Tagesspruch, ein gemeinsames Lied erklang, und die Fahne schwang sich in die Luft. Nach dem Frühstück, bei dem es an der langen Tafel recht munter zuging, fing die Arbeit an.
Unsere Schulung begann gleich am ersten Tage damit, daß wir die einzelnen Kreise des Gaues Hessen-Nassau näher kennenlernten. Jede Abteilungsleiterin zeigte an der Karte ihren Kreis, schilderte die geographische Lage und sprach über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Dabei kam uns so recht zunz Bewußtsein, welche herrliche und abwechslungsreiche Landschaft unser Gau umschließt. Da wurde manche schöne Gegend unserer engeren Heimat geschildert. So wurde bei dieser ।
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Blick auf das Haus der Gauschule. - (Ausn.: Klewitz.) Arbeitstagung Heimatkunde im schönsten Sinne getrieben.
Außer den Vorträgen über die Erziehung zur nationalsozialistischen Weltanschauung, über Rassenkunde und Bevölkerungspolitik sowie über den zivilen Luftschutz wurden in diesem Lehrgang besondere Referate gehalten über die großen Propagandamittel Presse, Funk und Film. Es ist für dis Preffeabteilungsleiterin selbstverständlich, daß sie Fühlung hat mit den Schriftleitungen der Zeitungen ihres Kreises, um zur rechten Zeit in Wort und Bild für die Idee der Frauenschaft und für das große Aufbauwerk der Frau werben zu können. Sie muß wissen, wie auch der Reichssender in den Dienst der Sache gestellt werden kann und muß Msammenarbeiten mit dem Propagandaleiter ihres
Ein Nachmittag war dem Lehr- und Werbefilm gewidmet. In manchen Kreisen geht die Abteilungsleiterin der Presse mit ihrem Apparat hinaus in die Orte, um durch den Bildstreifen aufklärend zu wirken. Für jede Abteilung im deutschen Frauenwerk sind Werbe- und Lehrfilme geschaffen worden, wie die Stehbildstreifen aus den Grenzlanden oder die Schmalfilme aus dem volkswirtschaftlichen Gebiet, die praktisch vorführen, was der Vierjahres- plan von der Hausfrau verlangt.
Doch nicht nur Anstrengung und Arbeit brachte der Lehrgang. Nach dem Essen, das schon um 11.30 Uhr stattfand, konnte jede Teilnehmerin die
zweistündige "Mittagspause nach ihrem Belieben ausnutzen. Wer kein Ruhebedürfnis hatte, ging hinaus in den Wald oder wanderte zu dem nahen, herrlich gelegenen Königstein.
Der Abend war gemeinsamer Geselligkeit gewidmet. Da fuhren die Frauen- mit dem Autobus nach Frankfurt zum Olympiafilm, den außer der Vertreterin aus Gießen noch niemand gesehen hatte. Ein Zeichen, daß unsere Universitätsstadt Gießen auf der Höhe ist. Ein Abend war der Mammols- hainer Frauenschaft gewidmet, die in anregendem Beisammensein interessante Filmvorführungen er-
Gießener Giadtiheater.
Gastspiel von Dtto Gebühr:
„Der Naub der Labinerinnen."
Der Theaterdirektor Emanuel ©triefe von der sächsischen Wanderschmiere , . . zum wievielten Male? Wir haben in dieser Rolle vor zehn Jahren den alten Herrn Goll gesehen, wir haben Herrn Hub gesehen, wir haben (im Film) den Leipziger Bernhard Wildenhain gesehen — und nun, sicher nicht zum letzten Male in unferm Leben, Otto Gebühr. Man muß sich daran erinnern, daß selbst Basser- mann, und zwar mit Vergnügen, die Rolle gegeben hat, um das notwendige Verständnis dafür aufzubringen: die komödiantische Spannweite zwischen dem Wallenstein etwa und dieser Schwank- figur ist nicht größer als die Kluft zwischen dem nämlichen Striese und dym König Fridericus von Preußen.
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Rein darstellerisch ist der Abstand gar nicht so erheblich, wenn man sich erst einmal ‘an den Gedanken gewöhnt hat, beide Gestalten rein vom Theaterstandpunkt aus anzusehen, nur als Rollen und Rohstoff für den Schauspieler. Und wenn wir erst das Erinnerungsbild verdrängt haben, welches die vertraute Figur mit Krückstock, Dreispitz und Schärpe schon, äußerlich charakteristisch macht, bereitet es keine Schwierigkeiten mehr, Gebühr als Striese auf uns wirken zu lassen. Man muß zugeben, daß er es uns angenehm leicht macht. Die Erinnerung an Bafsermann mag angedeutet haben, welche Möglichkeiten in dieser Rolle beschlossen liegen: sie sind, vom Schauspielerstandpunkt, nahezu unerschöpflich. Mit diesen Möglichkeiten sind zugleich auch die Gefahren angedeutet, welche hier lauern; eine Figur wie der Striese kann natürlich auch schon in den ersten Szenen aus allen Fugen geraten und zu einer Karikatur werden, die selbst die Grenzen des Schwanks überschwemmt und sprengt. Gebühr sieht beides, die Chance wie die Bedrohung, und hütet sich vor Ueberfteigerungen; er spielt die Rolle komödiantisch voll aus, aber er verzichtet auf jeden Drücker. Er spricht sie so, daß man ihre sächsische Heimat nur eben ahnt. Er gibt dem Striese auch nicht mehr an Pathos, als er unbedingt braucht; er spielt ihn verhalten, beinahe leise, bescheiden, mit einem mehr versteckten als geräuschvollen Humor; und er deckt sogar (dies hat wohl von jeher bedeutende Schauspieler gereizt) die ganz verborgenen menschlichen Hintergründe auf, die in jeder anständigen Darstellung durch die Schwank-
Existenz durchschimmern: dann ist dieser unmögliche Striese ein paar Minuten lang in aller Komik einfach rührend. — *
Wir können es uns wohl schenken, auf den Inhalt einzugehen. Von den bewährten Pointen fehlte, soweit wir uns erinnern können, nur eine einzige: die schauspielerische ^Verwandlung hinter dem vorgehaltenen Taschentuch. Sonst war alles beim alten: die Römertragödie und der ungeratene Sohn, der im Kreise herum gepumpte Hundertmarkschein, der große Familienkrach und der Theaterskandal, der unklassische Papagei auf dem Oleanderbaum und der abwechselnd ein- und ausgepackte Vogel. Man staunt wieder einmal über die treffsichere Fabrikation der Brüder Schönthan, die jeden Effekt geradezu raffiniert vorausberechnet haben.
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Regie führte Carl Heinz Klubertanz, der hier von früheren Berliner Gastspielen her bekannt ist: es klappte tadellos. Josef D i sch n e r spielte den professoralen Autor und Pantoffelhelden mit ergebener Duldermiene, Herr Klubertanz den unbekümmert-erfindungsreichen Dr Neumeister, Helene Westphal das tränenselig-theaterbegei- sterte Faktotum Rosa; Ernst Pittschau (Groß), Loni Michelis (Paula) und Waldemar Teu - scher (Emil) seien vom Ensemble noch genannt. —
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Das Publikum amüsierte sich glänzend. Großer Beifall. Gebühr wurde sehr gefeiert.
Hans Thyriot.
Die Gegenrechnunq.
Der berühmte französische Maler M e i s s o n i e r, der durch seine Bilder Riesensummen verdiente, besaß einen Lieblingshund. Eines Tages brach sich das Tier einen Vorderlauf, und Meiffonier schickte sofort einen Boten zu dem berühmten Pariser Chirurgen Nelaton. Als der Arzt hörte, daß er zu einem Hunde gerufen worden war, starrte er den Maler zuerst sprachlos an, bann aber behandelte er den Hund nach allen Regeln der Kunst. Als Meis- fonier um eine Rechnung bat, meinte der Arzt, man werde sich schon über die Bezahlung einig werden. Einige Tage später bat er den Maler zu sich und sagte: „Ich habe da zwei Paneele, die mir der Tischler geliefert, würden Sie die bitte grau anstreichen." Am gleichen Tage machte sich Meissonier an die Arbeit, aber er malte zwei seiner schönsten Gemälde darauf, für die der Arzt später 40 000 Franken erhielt.
Oer Alte vom Teufelsmoor.
23on H. O. von Bonin-ponih.
Die Sonne brennt, aber ein kühles Lüftchen weht über die Feldflur und macht die Mittagsstunde des Junitages erträglich. Noch leuchtet alles im frischen Grün, nur der Roggen beginnt sich gelblich zu färben und verrät, daß der Höhepunkt des Jahres nicht mehr fern ist. Aus dem Walde tönt der gleichförmige Ruf des Kuckucks. Auf dem schilfumkränzten Weiher herrscht ein lautes Treiben. Es sind die Erpel der Märzenten, die dort, unbekümmert um die häuslichen Sorgen ihrer Gattinnen, Unfug treiben, mit Geschrei und Geplätscher hintereinander herjagen und fremden Entendamen den Hof machen.
Der Jäger ist unterwegs, um dem heimlichen Bock im Teufelsmoor nachzustellen, der sich bisher weder am Abend noch am Morgen zeigte. Man muß es deshalb um die Mittagsstunde versuchen. Vorsichtig pirscht er sich um ein Kornfeld und verhält den Schritt, da nicht weit von ihm ein Rebhuhnpaar mit seinen jungen Küchlein zu beobachten ist. Das Pärchen hat die reizenden, beweglichen, bunt gefleckten Geschöpfe ihrer Brut aus dem schützenden Walde der Getreidehalme auf den Ackerrain geführt und unterweist sie in der Kunst, eine Laufspinne zu haschen und ein Räupchen von einem Unkrautstengel abzulesen. Da reckt der Rebhuhnvater den Hals und sichert zu dem Jäger herüber. Die Mutter stößt einen Warnungsruf aus und führt ihre Sprößlinge in das (Betreibe zurück. Dann kommt das Pärchen wieder zum Vorschein, und es ist rührend, wie Hahn und Henne ängstlich vor dem Jäger herrennen und bestrebt find, feine Aufmerksamkeit von dem Versteck ihrer Kinder ab- und auf sich selbst hinzulenken. Plötzlich scheint die Henne zu straucheln, sie bleibt ein paar Schritte vor dem Jäger liegen und humpelt mit nachschleppenden Flügeln vorwärts. Sie stellt sich flügellahm und will den Jäger veranlassen, ihr weiter zu folgen. Er folgt ihr und entfernt sich bald, um ihre Gefühle zu schonen. Mit leisem Schmunzeln sieht er, wie das Rebhuhnpärchen zufrieden und vollkommen gesund zu ihren Jungen zurückfliegt.
Den Alten vom Teufelsmoor kennt der Jäger schon viele Jahre. Er hat ein erbärmlich schlechtes Gehörn und hätte schon längst abgeschossen werden müssen. Aber nicht nur, daß er feine schlechte Art schon mehrere Brünften hindurch weiter vererben konnte, war er auch in der Blattzeit ein übler Raufer, der manchen braven Bock vertrieben hat, wenn 1 er nicht diesen und jenen jüngeren Bock durch For
ke Ist iche so verletzt hat, daß er elendiglich verludert ift. In diesem Jahr hat sich der Jäger geschworen, keinen anderen Bock zu weidwerken,' bevor er nicht diesen Alten zur Strecke gebracht hat. Denn auf feinen Fall darf er sich noch ein Jahr weiter vererben.
Mit unendlicher Vorsicht ist der Jäger in der Nähe des Teufelsmoors, des Tagesstandes des alten Bockes, gepirscht. Die Windverhältnisse sind günstig. Die für die Pirsch mitgebrachten leichten Turnschuhe ermöglichen ein lautloses Gehen. Die heiße Mittagsstunde oder die döse stechenden Fliegen und Mücken hatten den Alten ohne Vorsicht über eine Blöße ziehen lassen, an der sich der Jäger gerade zum Ansitz niedergelassen hatte. Den Schuß hat der alte Bock nicht mehr gehört, da die Kugel vorschriftsmäßig drei Finger hinter dem Blatt traf. Mit Befriedigung und Stolz hat sich der Jäger den Erlen- bruch an den Hut gesteckt und »ine gedankenvolle Stunde bei dem gestreckten Bock Totenwache gehalten
Zeitschriften.
— Das Juni-Helt „A u s der Natur" (Hugo Bermühler Verlag, Berlin) bringt u. a. die folgenden Beiträge. Dr. R. Eberl-Elber veröffentlicht einen Teil feiner völkerkundlichen Ausbeute einer Forschungsreise nach Westafrika. Dr. K. Kuhn berichtet von neuen Forschungsergebnissen über den Geschlechtskreislauf. Dr. Th' Wohlfahrt bringt in einem Beitrag mit klaren Zeichnungen die Ergeo- niffe feiner Untersuchungen über die Ohren der Fische, lieber Vogelberge und Vogelfang berichtet Ministerialrat Schuster. H. R. Koch zeigt den tausendjährigen Drachenbaum, das Wahrzeichen der Kanarischen Inseln, in Wort und Bild Dr. E. Pappenheim berichtet vom Kartoffelkäfer und seiner Bekämpfung. Oberbaurat E. Heinicke beantwortet im Sinne der deutschen Heimatpflege die Frage: welchen Bewuchs braucht die Straße? — Kleine Beiträge, Buchbesprechungen und die Preisfrage beschließen das Juni-Heft.
Das neue Heft der „Sirene", der interessanten Luftschutz-Illustrierten mit den Mitteilungen des Reichsluftschutzbundes, ist reich an fesselnden Bildberichten, aufschlußreichen Betrachtungen und Unterhaltung. So ist mit vielen Bildern ein Sonderlehrgang in der Reichsluftschutzschule geschildert. Zwei weitere Bildberichte zeigen Luftschutz in Oberschlesien und Schutzräume in Berlin. „Torpedo- Flugzeuge schützen Englands Küste" heißt ein Streif- zug durch die Luftwaffe Großbritanniens.


