der letzten 47 Jahre. Auf der linken Seite befindet sich die übergroße Schulterklappe des ehemaligen „Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116" mit Namenszug. Dieser wurde bekanntlich dem Regiment im Jahre 1891 verliehen. Die rechte Seite zeigt die Schulterklappe des jungen, durch die gewaltige Tat des Führers wiedererstandenen I n - fanterie-Regiments 116 der nationalsozialistischen Wehrmacht. Sv ist die Vergangenheit mit der glücklichen Gegenwart verbunden, und das Plakat wird bei den alten und jungen 116ern und deren Krieasregimentern seine für den Regimentsappell werbende Wirkung nicht verfehlen. Cs wird in allen deutschen Gauen zum „Sammel n" rufen!
Im Zeichen der im Krieg und Frieden Gewährten Kameradschaft und getreu der ruhmvollen Tradition des Regiments: Fest im Glauben an Führer, Volk und Reich, der Tradition, die das wirklich Wertvolle der Vergangenheit erfaßt, um es für die Zukunft der Nation einzusetzen, der Tradition, die nicht in Wiederholung oder im Rückwärtsdrehen der Geschichte besteht, sondern im Gegenteil, in einer bewußt vorwärtsschreitenden Fortführung des begonnenen Werkes über das Erreichte hinaus und unter deü Gegebenheiten der lebenden Gegenwart, in deren Dienst wir stehen.
In der Mitte des Plakates zwischen den beiden Schulterklappen befindet sich ein Hinweis auf den diesjährigen 125jährigen Gründungstag des Regiments.
Anmeldungen zum Regimentsappell und Anforderungen für das Plakat sind an das Infanterie-Regiment 116, Gießen, Bergkaserne, oder an die Kameradschaft ehemaliger 116er, Gießen, Kameradschastsführer Bill, Bromberger Straße 6, zu senden.
Land in Blüten.
Wieder hat der Lenzmonat den Frühling in das Land geschickt, und wo er mit leisen Schritten über die Fluren schreitet, erhebt sich ein Blühen und Jubilieren. Warme, weiche Lüste weckten im Wald den Haselbusch auf, und seine langen, gelben Blütenkätzchen wehen wie Lämmerschwänzchen im Winde. Aber auch in das Bachtal ist der Frühling gekommen. Die Erlenbüsche am Ufer haben ihre Zweige über und über mit roten Troddeln geschmückt und bringen durch ihre lebhaften Farben Abwechslung in die Landschaft. Noch steht aber sonst der Wald kahl und öde, jedoch ein Raunen und stilles Weben geht durch die erwachende Natur.
Apfel- und Zwetschenbäume tragen bereits ihre weiße Blütenpracht. Grün stehen bereits die Wiesen, und unter den wärmenden Strahlen der Sonne entfaltet im Unterholz der Seidelbast prahlerisch seine schwerduftenden Blüten. Auch das Windbusck. röslben öffnet im Laube versteckt seine zarten rosa Kelche. Alles Leben drängt zum Lichte, und jeder Tag bringt neue Wunder. Auf die grauen Stämme der Bäume malt die Sonne warme Farbentöne. Aufleuchten läßt sie das Alte und das Neue, das Lebendige und das Tote, das junge Grün und das alte Laüb, das dürre Gras und die welken Reiser. Warmer Erdgeruch entströmt dem Schoße des mütterlichen Bodens, und Bäume und Sträucher bemühen sich um die Wette, ihr Frühllngstteid anzulegen. Weicher und voller, runder und fastiger sind die Knospen und sttecken sich gierig nach den wärmenden Strahlen der Sonne, um sich bald in ihrer grünen Pracht ganz zu zeigen.
Wie in der Pflanzenwelt, so macht sich auch in der Tierwelt der Frühling bemerkbar. In den Liedern von Fink und Meise liegt Frühlingsmusik. Während die Nacht noch über den dunklen Wäldern liegt, klingt durch die Dorfrühe des werdenden Tages der Drossel Ruf, und wenn die Sonne wieder hinter den schwarzen Wäldern verschwunden ist, tönt durch den sinkenden Abend noch lange der Amsel Schlag. In den Ameisenbauen beginnt ein Kribbeln und Krabbeln; emsige Tätigkeit setzt ein, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, denn vieles ist in .ihren Wohnungen auszubessern, was durch des Winters Graus zerstört wurde. Im Walde lockt des Grünspechts Jubelruf, des Finken Schlag, der Meisen Helles Läuten. Aus den unendlichen Weiten afrikanischer Steppen kommend, dem geheirnnis- vollen und ewig rätselhaften Wandertrieb ihrer
Ser Tag des Groß-Deutschen Reiches in Gießen.
Für den Tag des Großheulfchen Reiches am Samstag, 9. April 1938, gelten für die Kreishauptstadt folgende Anordnungen:
Etwa von 15 Uhr ab fahren die Gliederungen der Bewegungen auf Lastwagen durch die Stadt.
Das Jungvolk und die Hitler-Jugend veranstalten Propagandamärsche.
Zur gleichen Zeit finden auf den Plätzen der Stadt Standkonzerte statt. Ls spielen:
1. Die Kreiskapelle von 15 bis 16 Uht auf dem Kreuzplah und von 16 bis 17 Uhr am Selterstor.
2. Die Kapelle der Standarte 116 von 16 bis bis 17 Uhr auf dem kreuzplah und von 17 bis 18 Uhr am Selterstor.
3. Das Musikkorps des Jnf.-Rgts. 116 von 17 bis
18 Uhr auf dem Kreuplah.
Um 19 Uhr marschieren sämtliche Gliederungen und angeschlossenen Verbände der Partei zur Ueber- tragung der Führerrede aus Dien auf den Oswalds- garten. An dem dort stattfindenden Appell nehmen außer diesen Organisationen sämtliche Vereine und Verbände, sowie die Gießener Betriebe geschlossen teil. Eine besondere Aufforderung zur Teilnahme ergeht nicht mehr. Ls entspricht der Bedeutung des Tages, daß auch die gesamte übrige Bevölkerung an dieser Feierstunde teilnimmt.
Die technische Durchführung des Aufmarsches liegt in den Händen der SA. Den Anordnungen der für den Ordnungsdienst eingeteilten SA.-Führer und SA.-INänner ist daher unbedingt Folge zu leisten.
Den Abfperrdienst versieht die Schuhstaffel.
Der Aufmarsch muh um 19.30 Uhr beendet sein. Die Vereine und Verbände müssen daher so frühzeitig an ihren Vereinslokalen antreten, daß die Dehrzahl derselben schon gegen 19.15 Uhr auf dem Oswaldsgarten angelangt ist. Die Vetriebsführer
werden gebeten, für das rechtzeitige Eintreffen ihrer Gefolgschaften zu sorgen.
Um 19.35 Uhr erfolgt auf das Kommando des Kreisleiters die hissung der Flagge, die auf dem Oswaldsgarten aufgestellt ist.
Bis zur Uebertragung der Führerrede, die um 20 Uhr beginnt, wechseln Darbietungen der Ulusik- züge mit Gesangsvorträgen der vereinigten Gießener Gesangvereine ab.
Nachdem der Führer geendet hat, wird das Niederländische Dankgebet gesungen.
Die Bewohner der ganzen Stadt und insbesondere die der den Oswaldsgarten umsäumenden Häuser werden aufgefordert, festlich zu illuminieren.
Für die Politischen Leiter gilt folgendes:
Der Kreisstab, die Kreiskapelle und die Politischen Leiter der vier Gießener Ortsgruppen stehen um 18.45 Uhr vor der Kreisleitung in der Lony- strahe angetreten und marschieren von dort auf den Kundgebungsplah. Die Fahnen sind sämtlich mil- zuführen.
Kreisleitung Detterau der NSDAP.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Vetr.: Einsatz der Hitler-Fugend am 9. und 10. April 1938.
Wie bereits mit Schreiben vom 25. März 1938 bekanntgegeben, steht die Hitler-Jugend des Bannes 116 den Ortsgruppen zum Einsatz für die Wahlpropaganda zur Verfügung. Nach der Anordnung des Stabsführers hat sich die Hitler-Jugend auf Anforderung auch den Ortswaltungen der NSV. zur Verfügung zu stellen.
Die Gefolgschaftssührer und Führer der Sondereinheiten haben sich sofort weaen des Einsatzes der Hitler-Jugend am 9. und 10. April mit den für sie zuständigen Ortsgruppen in Verbindung zu setzen.
kleinen Vogelherzen folgend, haben sich unsere kleinen Freunde aus der Vogelwelt, die uns während des Winters verlassen hatten, zum großen Teil wieder eingestellt.
Wie am Tage, so ist auch wenn die Dämmerung in die Wälder fällt, der Abend sich herniedersenkt, bas Leben noch lange nicht erloschen. Klatschend saust ein dunkler Schatten zwischen den schwarzen Stämmen hindurch, gaukelt mit hastigen Flügelschlägen über die Waldlichtung, ein zweiter Schatten gesellt sich dazu, und ein dumpfes, hohles Quarren ausstoßend tummeln sich die beiden Vögel: Waldschnepfen sind es im munteren Minnespiel. Aber noch andere Laute bringen durch den abendlichen Wald. Bald sind sie tief und klagend, bald klingen sie wie leises Wimmern, dann schwellen sie an zu einem wilden Jauchzen und enden schließlich in einem - schrillen Hohngelächter, als gäben sich Dämonen- ein Stelldichein in der Walpurgisnacht. Das ist der Waldkauz. Der naturverbundene Mensch weiß: der Kauz singt den Frühling ein.
O. M.
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Scharnhorst". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Verklungene Melodie". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Biberpelz".
Erstaufführung „Scharnhorst".
Heute, 20 Uhr, findet im Stadttheater die Erstaufführung des neuen Schauspiels von Gerhard Menzel „Scharnhorst" statt. Spielleitung Dr. Erich Schumacher, Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 27. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Ende 22.30 Uhr.
Mit den Grenzen fiel der Paßzwang.
DNB. Wie amtlich bereits bekanntgegeben ist, sind im Reiseverkehr mit Oesterreich alle paßtechnischen Beschränkungen weggefallen. Zur Behebung von Zweifeln wird amtlich darauf hingewiesen, daß im Verkehr zwischen dem bisherigen Reichsgebiet
und dem Lande Oesterreich im innerdeutschen Verkehr fortan weder irgendwelche Paßpapiere, nach Paßvermerke erforderlich sind.
MMWWMWM
NS.Gemelnschast „Kraft durch Freude".
„Thealerring" Achtung!
Die für Samstag, den 9. April, angesetzle Vorstellung für Gruppe II fällt wegen der Wahlkundgebungen aus.
Wann die Vorstellung nachgeholt werden kann, wird noch bekanntgegeben. Die auf 9. 4.38 lautenden Theaterkarten sind sorgfältig aufzuheben.
Montag, den 11. April, 20 Uhr.
„KdF."-Miete Gruppe I; Operette „Clivia".
Hierfür gelten die Karten _vom 31. 3. 28. — Karten zu 1,— und 1,20 RM. in der Kartenoerkaufsstelle, Seltersweg 60. 2281V
Nicht benutzte (Stimmscheine müssen abgeliefert werden.
DNB. Der Reichsminister des Innern hat angeordnet, daß die bei der Volksabstimmung und Wahl zum Großdeutschen Reichstag am 10. April 1938 vor dem Wahlvorstand ordnungsmäßig abgegebenen Stimmscheine bis zum 25. April an die oberen Verwaltungsbehörden (Regierungspräsident, Kreishauptmann usw.) weitergeleitet werden. Diejenigen Wahlberechtigten, die von ihrem Stimmschein aus irgendwelchen Gründen deinen Gebrauch machen konnten, werden in ihrem eigenen Interesse ausgefordert, die nichtbenutzten Stimmscheine bis zum gleichen Zeitpunkt unmittelbar an die Gemeindebehörden des Ausstellungsortes zurückzusenden.___________________
niederländisches Dankgebei.
(Aus den Altniederländischen Volksliedern des Adrian Valerius.)
Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten, er waltet und haltet ein strenges Gericht.
Er läßt von den Schlechten nicht die Guten knechten, fein Name fei gelobt, er vergißt unser nicht.
Im Streite zur Seite ist Gott uns gestanden, er wollte, es sollte das Recht siegreich sein.
Da ward, kaum begonnen, die Schlacht schon gewonnen.
Du, Gott, warst ja mit uns, der Sieg er war dein!
Wir loben dich oben, du Lenker der Schlachten, und flehen, wögst stehen uns fernerhin bei, daß deine Gemeinde nicht Opfer der Feinde. Dein Name sei gelobt, o Herr, mach' uns frei! Herr, mach' uns frei!
(Ausschneiden und zur Kundgebung am Samstagabend auf Oswaldsgarten mitnehmen!)
Neubauten der Altsiadtfanierung.
Das Stadtbauamt schreibt heute die Vergebung von Arbeiten für die Neubauten der Altstadtsame- rung am Linden platz, Kirchenplatz und an der Schloßgasse aus.
** Die Entwässerung von Grundstücken im Anschluß an die städtische Kanalisation betrifft eine nepe Bekanntmachung des Oberbürgermeisters. Diese wichtige Anordnung möge von allen Einwohnern sorgsam beachtet werden.
** Die Müllabfuhr am morgigen Samstag beginnt bereits um 6.30 Uhr. Die Hausfrauen mö< gen die Mülleimer rechtzeitig Herausstellen.
Aus der engeren Heimat.
Oer Norschußverein Grünberg im Jahre 1937.
+ Grünberg, 7. April. Der Dorsch uß - verein Grünberg G. m. b. H. veröffentlicht soeben seinen Geschäftsbericht für das Jahr 1937, fein 75. Geschäftsjahr. Der Bericht spricht von einer günstigen Weiterentwicklung, Der Umsatz ging erstmals wieder über 10 Millionen Mark hinaus (1929 und 1930 war auch die 10-Millionen-Grenze überschritten). Die Bilanzsumme ist um rund 140 000 Mark auf 937 766,92 Mark angeftiegen. Die flüssigen Mittel haben außerordentlich stark zugenommen. Sie betragen 344 300 Mark, gegenüber 1936 ein Mehr von 133 000 Mk. Die Gesamtausleihungen sind gegenüber 1936 nur um rund 10 000 Mark höher, obwohl 53 bewilligte Neukredite in Höhe von 104 000 Mark begeben wurden. Hierbei zeigt sich deutlich die allgemeine Wirtschaftsbelebung, denn eine Anzahl Klein- und Mittelkredite konnten zurückgezahlt werden. Insgesamt sind an Ausleihungen einschließlich Wechselverbindlichkeiten 416 Stück mit 610 993,12 Mark aufgeführt, dabei sind über 60 v. H. der Kredite stückzahlenmäßig bis zu 1000 Mark begeben und zeigen so, daß das Kleinkreditgeschäft besonders gepflegt lpird. Die eigenen Wertpapiere haben eine Erhöhung von beinahe 100 000 Mark erfahren und sind auf 213 408,59 Mark angewächsen. Die Bankguthaben mit 80 408,57 Mark sind um 50 v. H. höher als im Vorjahre. Die Geschäftsguthaben sind auf 78 597,85 Mark angewachsen. Die anvertrauten Gelder (Spareinlagen, Guthaben in laufender Rechnung) erfuhren eine Zunahme von 95 000 Mark. Die Reserven konnten aus dem Erlös von Kursgewinnen der Wertpapiere ganz bedeutend gestärkt und von 56 671 in 1936 auf 99 450 in 1937 erhöht werden. Das Wertberichtigungskonto mußte für eingetretene Verluste infolge Abwicklung weiterer Entschuldungsverfahren 11 700 Mark abgeben. Da mit der Durchführung der restlichen Verfahren weitere Abschreibungen nötig werden, wurde diesem Konto ein weiterer Betrag von 10 000 Mark zugeführt. Der Reingewinn beziffert sich auf 5419,95 Mark, wovon die berechtigten Guthaben 5 v. H. Dividende erhalten sollen. Die Garantiemittel zeigen folgendes Bild: Geschäfts-
Abenteuer in Paris
Roman von Hans Hirthammer.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
29. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Als sie wieder erwachte, lag sie auf dem Sofa im Wohnzimmer, hatte den Gescbmack von etwas sehr Scharfem im Munde und sah sechs biedere Männer mit besorgten Augen um sich herumstehen.
. Sie trugen schwarze Uniformen mit goldenen Knöpfen, und auf dem Kopf hatten sie goldene Helme.
Claudius war verschwunden.
„Na also!" lächelte einer der Männer mit seinem gekräuselten Dollbart. Er hielt noch das Glas mit dem Rest Kognak in der Hand, den er ihr eingeflößt hatte.
Gerda erwiderte fein Lächeln und nun — o Wunder! — lächelten sie alle, diese braven, fteund- lichen Männer.
„Darf ich nochmal trinken?" bat sie, und da schien es, als wollten alle sechs gleichzeitig ihr das Glas zum Munde führen. Sie verfolgten mit ihren Augen, wie das Mädchen trank, und als sie das Glas geleert hatte, lief ein befriedigtes Murmeln durch die Reihe.
„Das Fräulein ist zu sich gekommen, Herr Wachtmeister!" rief einer zum Schreibtisch hin, und sogleich erhob sich dort ein Beamter, der in den Papieren von Claudius gestöbert hatte.
Der Beamte drückte ihr sehr zart und vorsichtig die Hand, und dieses Beispiel eines feinen Kavaliers wirkte so ermutigend auf die .sechs Feuerwehrmänner, daß nun auch sie alle, einer nach dem andern, Gerdas schmale Rechte mit ihren kernigen Pfoten umschlossen.
Der Polizeibeamte setzte sich, sein Notizbuch ziehend, zu ihren Füßen an den Rand des Sofas und erregte dadurch offensichtlich den Neid seiner behelmten Kollegen.
„Nun, Fräulein, fühlen Sie sich schon kräftig genug, um mir bei der Aufnahme des Protokolls behilflich zu sein?"
Als er sie einen ängstlichen Blick durch das Zimmer werfen sah, nickte er ihr ermunternd zu. „Keine Angst, der Kerl ist bereits abgeführt. Auch einen Wagen habe ich schon bestellt, Sie brauchen dann bloß zu sagen, wohin Sie gebracht werden wollen. — flcbrigens scheinen wir da einen sehr guten Fang
gemacht zu haben. Ich nehme an, daß Sie die aus« gesetzte Belohnung bekommen werden."
„Oh!" freute sich Gerda. „Unb — wie erfuhren Sie, daß ich in diesem Hause —?"
„Sie haben doch so feine Lichtsignale gegeben. Ein zufällig Vorübergehender wurde darauf aufmerksam. Allerdings beging er dann den Fehler, die Feuerwehr zu alarmieren, die ja hier gar nicht zuständig war. Denken Sie bloß, die Braven kamen mit der Motorspritze und —"
Ein sechsfaches drohendes Knurren veranlaßte ihn, feiner Spottlust nicht länger die Zügel schießen zu lassen. Er lenkte ein: „Aber sie haben ihre Sache wirklich großartig gemacht, finden Sie nicht?"
Das sechsfache Knurren verstummte und gleichzeitig verzogen sich sechs Gesichter zu einem beifälligen Grinsen.
„O ja!" sagte Gerda. „Und wenn ich erst wieder ganz auf dem Posten bin, werde ich Sie alle, meine lieben Retter, zu einem schönen Abendessen ein- laden."
Ein freudiges „Ohl", diesmal siebenstimmig, war die Antwort.
29.
Der „Blaue Kater" am Boulevard Madeleine ist eine Art Tinaeltangel und wird in der Hauptsache von kleinen Angestellten und Verkäuferinnen als Endstation nächtlicher Bummeleien gewählt. Diese Leutchen haben allerdings kaum eine Ahnung von dem eigentlichen Stammpublikum.
lieber der Eingangstür hebt sich das Bild eines giftig blickenden Katers mit hochgekrümmtem Rücken in blauen Leuchtlinien von der dunklen Fassade des Hauses ab. Darunter steht in großen Buchstaben die Firmenbezeichnung
„LE CHAT BLEU“.
Das grelle rote Licht der Buchstaben gibt der sonst ziemlich düsteren Straße einen Anstrich von Glanz und Laster, obgleich die Anwohner im Durchschnitt harmlose Leute sind, die ihrer ehrlichen Arbeit nach- gehen und sich höchstens ärgern, daß sie bei dem ewigen Rummel in der „Lärmbude", wie sie den „Blauen Kater" geringschätzig nennen, nicht schlafen können.
Ein junges Mädchen biegt von der Rue Magazin her um die Ecke und steuert auf den dicken Portier zu, der den Eingang des Nachtlokals bewacht.
Gleich hinter der Drehtür ist eine Art Porraum mit mehreren Spiegeln. Die Männer benützen diesen Raum, um die Exaktheit ihres Scheitels und den Sitz der Krawatte einer letzten Prüfung zu unterziehen, während Evas holde Tochter an der Linie des Mundes, am Schwung der Augenbrauen noch Korrekturen vorzunehmen haben.
All das' hat Pawla nicht nötig. Sie wirft nur einen schnellen Blick in den Spiegel, um festzustellen, daß die nachgedunkelten Augenlider tatsächlich „phantastisch" wirken, wie Herr Stadler sich noch vor zehn Minuten auszudrücken beliebte.
Sie lächelt sich befriedigt zu, dann öffnet sie den Mantel, läßt ihn halb von den Schultern gleiten und — so betritt sie das Lokal.
Sie weiß, daß sie aufreizend wirkt und fühlt sich ungewöhnlich gut in Form.
Sie geht langsam, mit wiegenden Schritten, zwischen den Gästen dahin, ihre Augen gleiten lässig prüfend über die Kopse der Gäste.
So geht sie durch den ganzen, ziemlich großen Raum. Es ist etwas Herausforderndes in diesem Gehen, in diesem leichten Wiegen der Hüften.
Sie hat die drei Männer schon sitzen sehen, die Heinz ihr sehr genau beschrieben hatte. Sie stecken die Köpfe zusammen, ein vierter Stuhl ist noch frei.
Pawla geht an diesem Tisch vorbei. Der eine, Blonde, blickt auf, stößt seine Begleiter an, und nun starren sie alle drei auf Pawla Werzewna.
Pawla indes beachtet sie kaum, sie geht weiter und findet schließlich einen leeren Tisch, an dem sie sich niederläßt.
Vorher aber zieht sie den Mantel aus. Großartig macht sie das. Sie scheint sich kaum zu rühren dabei, nur ein paar lässige, kaum sichtbare Bewegungen, als wolle sie sich eines lästigen An- hängsels entledigen. Der Mantel gleitet herab, sinkt von den Schultern nieder und bringt wie aus Zufall den Träger des Kleides zum Verrutschen.
Pawla scheint es nicht zu bemerken, daß ihre Schulter, dieses „Meisterwerk aus kostbarem Elfenbein", unverhüllt den Blicken der Männer dargeboten ist. Aber sie sieht, während sie den Mantel über die Stuhllehne legt, wie den dreien vor lauter Stieren fast die Augen heraussallen.
Nun setzt sie sich, schlägt die Beine übereinander, nimmt Puderdose und Lippenstift zur Hand und beginnt mit Hingabe ihre Arbeit. Dabei bringt sie so ganz beiläufig ihr Kleid in Ordnung.
Plötzlich rutscht der Mantel vom Stuhl zur Erde. Pawla hat es nicht gesehen.
Aber schon ist Töne Larrings aufgesprungen, eilt herbei und hebt den Mantel auf.
Pawla wendet nur ein klein wenig den Kopf. „Oh!" sagt sie. „Mille graces, monsieur! — Vielen Dank!" und wendet sich wieder ihrer Puderdose zu. ßarrings kehrt verlegen zu den andern zurück. Dort empfängt ihn unterdrücktes Gelächter.
„Abgeblitzt, Tone? IHarum hast du sie nicht angesprochen?"
„Das ist keine solche!" sagt Töne. „Gar nicht an
gesehen hat sie mich. Donnerwetter, Jungs, was für ein Weib!"
„Ganz groß!" äußert Czibulka überzeugt.
„Klaffe!" bestätigt Paule.
„Wahrscheinlich hat sie sich mit ihrem Freund verabredet!" stellt Töne abschließend fest.
Eine Zeit später ist Pawla mit ihrer Toilette fertig geworden. Eben kommt der Kellner an ihren Tisch. Sie gibt ihm mit wenigen Worten ihre Bestellung auf. Als er sich entfernt hat, entnimmt sie ihrer Hastdtasche ein Zigarettenetui, faßt mit spitzen Fingern nach einer Zigarette, lang, dünn, russisches. Format.
Sie sucht .nach den Zündhölzern, aber in bet Handtasche finden sich keine. Sie sucht gar nicht lange, legt die Zigarette neben sich auf den Tisch und greift nach einem Magazin.
Otto Czibulka rückt an seiner Krawatte, steht auf, strafft feine Brust. „Paß auf, Töne, jetzt werd« ich's mal versuchen."
Er packt die Sache von der forschen Seite an, geht stramm auf die Dame zu, zückt fein Streichholz.
Knappe Verbeugung, leicht die Hacken zusammen, ha, Otto weiß, wie man das macht. „Gestatten, Gnädigste!"
Armer Otto ...
Pawla' blickt leicht befremdet auf, sieht ihn gar nicht an. „Danke, Monsieur, ich rauche jetzt nicht."
Otto läßt die Nase hängen und verkrümelt sich.
Gleich darauf kommt der Kellner, Pawla bittet ihn um Feuer.
„Na — und?" meint Töne Carrings, etwas gedehnt, als sein Freund angeschlichen kommt.
„Hol mich der Teufel!" zischt Otto. „Und ich kriege das Frauenzimmer doch!"
Paul Sacher verzieht spöttisch den Mund. Er hat für Weibergeschichten noch nie etwas übrig gehabt. „Hat keinen Zweck!" meint er. „Sie verdrehen einem nur den Kopf und machen einen reif für alle möglichen Dummheiten."
Aber Czibulka läßt sich durch das Grinsen nicht irre machen. „Da verstehst du nichts davon, Paule!" Czibulka behält die junge Dame im Auge.
Es dauert nicht lange, da erscheint Heinz Stadler. Er kommt angestrolcht, Mantel offen, Hände in der Hosentasche, Glimmstengel im Mundwinkel, ganz waschecht.
Seine Augen gehen mächtig spazieren, arüßen lachend da und dort, man muß annehmen, daß er hier nicht ganz unbekannt ist. An irgendeinem Tisch bleibt er stehen, drückt rasch ein paar Hände, und dann ist er bei den dreien, die ihn erwarten.
(Fortsetzung folgt.)


