Ausgabe 
8.1.1938
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 6 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)

5amstag,8.Zanuar 1958

Dörfer ohne Wasserleitung.

Das Großfeuer in Holzheim in der Neujahrsnacht pat wieder einmal gezeigt, welche große Gefahren bei einem Brandunglück bestehen, falls der Ort keine Wasserleitung besitzt. Biele Leser werden es wohl kaum für möglich halten, daß es heutzutage noch Dörfer ohne Wasserleitung im Kreise Gießen gibt. Leider besteht hatsächlich in zehn Gemeinden des Kreises diese neuzeitliche Einrichtung noch nicht. Holzheim hat bei dem gro­ßen Brandunglück erkennen können, was dies'be­deutet. Die Höhe des Brandschadens von rund 40 000 Mark bei diesem Unglück dürfte wohl un­gefähr die Hälfte d e r Summe ausmachen, die für den Bau einer Wasserleitung für den ganzen Ort erforderlich gewesen wäre. Daraus ergeben sich be­sonders auch für jene zehn Gemeinden, bestimmte dringende Schlußfolgerungen.

Von 80 Gemeinden unseres Kreises haben 70 eine Wasserleitung. Davon besitzen 40 ausreichende Was­serbehälter mit über 100 Kubikmeter Fassungsver­mögen, in denen 50 v. H. Wasservorrat als Brand­reserve gehalten werden. Diese 40 Gemeinden kön­nen bei Brandgefahr noch das Wasser aus Bach­läufen, Brandweihern und Brunnen nutzbar machen. In 30 Gemeinden ist die Wasserleitung so beschaf­fen, daß sie zur Löschwasserversorgung'gerade noch bei mittleren Bränden ausreicht: auch diese Ge­meinden haben zum größten Teile zusätzlich noch eine Wasserreserve in Bächen, Brandweihern und Brunnen. In 10 Gemeinden des Kreises ist jedoch keine Wasserleitung vorhanden, hier ist man bei Brandgefahr nur auf Brandweihet angewiesen, deren Speisung aus einer gutfließenden Quelle er­folgt. Unter diesen 10 Gemeinden befinden sich auch zwei, deren Löschwasserversorgung durch Brand- weiher nur als mangelhaft zu bezeichnen ist. Wenn 'auch bei dem größten Teile der Kreisgemeinden weitgehende Vorsorge gegen die Gefahren eines Brandunglücks getroffen ist, so kann man doch das Bedauern darüber nicht unterdrücken, daß in 10 Gemeinden des Kreises noch nicht ausreichend gegen die unabschätzbaren Verluste von Brand­schäden vorgesorgt ist.

Brandweiher und kleine Bachläufe sind gewiß nicht zu unterschätzen, aber sie sind doch immerhin vom Standpunkt der Feuerwehr aus betrachtet nur mehr oder weniger ein Notbehelf, ein Aus­hilfsmittel. Man stelle sich vor, welche Bedeutung ein Brandweiher im Winter bei strengem Frost mit starkem Gefrieren aller stehenden Gewässer haben kann. Nehmen wir das jüngste Beispiel von Holz­heim. Wenn dort in der Neujahrsnacht nur ein Brandweiher vorhanden und dessen Wasservorrat etwa 10 oder 15 Zentimeter tief gefroren gewesen wäre, was wäre dann an Wasser für die Brand­bekämpfung noch vorhanden gewesen! Eine geringe Wassermenge hätte jedenfalls schon nach ganz kur­zer Zeit den Stillstand aller Spritzen bedeutet. Dann wäre den Feuerwehren nur übrig geblieben, zur Eindämmung der Brandkatastrophe durch Lo­kalisierung des Brandherdes die in der Nachbar­schaft gelegenen, an sich von den Flammen vielleicht gar nicht bedrohten Gebäude niederzulegen, um da­durch das entfesselte Element zum Stehen zu bringen. Mit einer solchen Perspektive soll in keiner Weise der Wert der Brandweiher verneint werden. Aber man wird doch nicht bestreiten können, daß die Hilfeleistung einer derartigen Einrichtung eine verhältnismäßig enge Begrenzung hat. Diese Be­grenzung, auch bei einem Brande in frostfreien Zeiten, wird noch fühlbarer werden, wenn der Brandweiher und auch der im Dorfbereich fließende Bachlauf einer ständigen sorgsamen Säuberung von allem Unrat, Schlamm usw. entbehren und dadurch immer mehr in einen Zustand geraten, den der Feuerwebrfachmann kurz und treffend mit dem WorteDreckloch" bezeichnet. Sorgsame Gemeinde­leiter werden sicherlich nicht versäumen, dafür Sorge zu tragen, daß die Wasserreserve im Brandweiher nach jeder Richtung hin dem Fassungsvermögen des Weihers -entspricht. Aber die natürliche Verschlam­mung durch den Niederschlag von aufgewirbeltem

^traßenstaub, durch Erdverwaschungen' bei starken Unwettern, Hinemwirbeln von Mancherlei Abfällen beim Fährverkehr usw., ist doch nicht immer und überall in ausreichendem Maße zu unterbinden. -Oie gleichen Erscheinungen kann man in gewissem Llusmaß bei den Bachläufen im Dorfbereich mer- fen, obwohl hier durch ständiges Fließen das Was­sers ein natürlicher Reinigungsprozeß stattfindet.

Es kann für niemand einem Zweifel unterliegen, bafo die wirksamste Maßnahme des vorbeugenden Feuerlöschdienstes eine. ausreichende Was­serleitung ist. Mit Recht erblickt der Feuer­wehrfachmann nur in einer solchen Einrichtung den Idealzustand. Diejenigen Gemeinden, die bereits im Besitze einer ausreichenden Wasserleitung sind, haben auf diesem Gebiete ihrer Aufgaben vollkom­mene Arbeit geleistet. Die übrigen Gemeinden, ins­besondere die zehn Orte ohne jegliche Wasser­leitungsanlage, sollten ihr ernstestes Bestreben daransetzen, eine vollkommene Wasserleitung zu Ichaffen und damit unter dem Gesichtswinkel der vorbeugenden Feuerschutzmaßnahmen und der wirk­samen Schadensoerhütung ganze Arbeit zu tun. Die .Schaffung einer derartigen Einrichtung wird den Gemeinden heute verhältnismäßig leicht gemacht. In finanzieller Hinsicht ist die Mithilfe der Brandversicherungskammer, die für derartige Bau­ten Darlehen zu niedrigen Zinssätzen bzw. Zu­schüsse ohne Rückzahlungsoerpflichtung gibt, beson­ders bedeutungsvoll. Hinzu kommt, daß für solche gemeinnützige Einrichtungen, die auch der Arbeits­beschaffung dienen, aus anderen Quellen ebenfalls Beihilfen zu haben fein dürsten. Und nicht zuletzt ist wohl auch jede Gemeinde selbst heute insofern in einer günstigeren finanziellen Lage, als sie nicht mehr, wie etwa noch vor fünf oder sechs Jahren, sehr schlecht steht und obendrein eine Menge er­werbsloser Volksgenossen mit mancherlei Anforde­

rungen an die Gemeindekasse aufzuweisen hat. Die Finanzierung eines derartigen Bauvorhabens wäre also heute verhältnismäßig leicht zu lösen. Hinsichtlich der Arbeitskräfte, die jetzt erfreulicher­weise auch nicht mehr in unbegrenztem Ausmaß in jedem Orte und jederzeit vorhanden sind, wäre vielleicht neben der Verwendung von Facharbeitern an den Einsatz der Männer vom Arbeitsdienst zu denken, die hier eine neue dankenswerte Aufgabe fänden. Da derartige Anlagen dem Gemeinwohl dienen, würde sicherlich auch alle übrige Unter­stützung zur Verwirklichung der Pläne "zu haben sein.

Es sollte von allen Gemeinden, die eine der­artige neuzeitliche Anlage noch nicht besitzen, alles getan werden, um möglichst bald nach dieser Rich­tung hin den dringenden Erfordernissen unserer Zeit und -der wirksamen Schadensoerhütung Erfül­lung zu verschaffen. Bis zur Erreichung dieses Zie­les sollten diejenigen Gemeinden, die jetzt ihre Was- serreseroe in Brandweihepn und in Bachläufen er­blicken, dafür Sorge tragen, daß die Weiher jeder­zeit in weitestem Ausmaße oerwendungsbereit sind, außerdem die B a ch l ä u f e an günstigen Stellen Staumöglichkeiten erhalten, die eine gute Anlegestelle, für die Saugspntzen der Feuer­wehren gewährleisten. Derartige Staueinrichtungen müßten so beschaffen sein, daß der Einsatz von Motorspritzen erfolgen kann und durch die Anlegung von Saugschächten einer Verschlammung der Saug- körbe wirksam vorgebeugt ist.

Ausreichender vorbeugender Feuerlöschdienst durch die Bereithaltung wirksamer Wasserstellen ist das beste Mittel zur weitgehenden Sicherung von Ver­mögenswerten, die nicht nur dem einzelnen, son­dern auch der Gesamtheit unserer Volksgemein­schaft von Nutzen sind. ' Bn.

Der Reichsberufswettkamps 1938.

Erklärungen führender Personen des öffentlichen Lebens.

Der Kreiswaltung Wetterau der Deutschen Ar­beitsfront find zu dem bevorstehenden Reichsberufs­wettkampf 1938 Aeußerungen von führenden Män­nern und Frauen zugegangen. Davon seien hier die nachstehenden Erklärungen wiedergegeb^n:

Infolge der immer stärker werdenden Eingliede­rung der Frauen in den Arbeitsgang der Nation gewinnt der Reichsberufswettkampf auch für diese erneut an Bedeutung. Sie werden neben ihrer weltanschaulichen Eignung und ihrem fachlichen Können vor allen Dingen unter Beweis stellen müssen, daß sie auch ihren hauswirtschaftlichen Aus­gaben im Interesse des Volkshaushaltes gewachsen sind.

Ilse Wrede,

Kreisfrauenschastsleiterin.

Wenn zum ersten Mule in diesem Jahr neben den Lehrlingen Gesellen und Meister zum' Reichs- berufswettkampf aufgefordert werden, so betrachte ich es als eine Selbstverständlichkeit, daß diese dem Rufe in weitgehendstem Maße Folge leisten. Be­sonders für Junggesellen und Jungmeister ist es Ehrenpflicht, sich diesem Leistungswettkampf zu unterziehen, um zu beweisen, daß das Handwerk gewillt und entschlossen ist, die Aufgaben, die der zweite Dierjahresplan uns im Rahmen des natio­nalsozialistischen Aufbauprogramms stellt, meistern zu helfen.

Anderseits aber wird der Dreiklang Meister, Geselle und Lehrling hierdurch sichtbar herausge­stellt und wird dadurch bewiesen, daß wir unserer jahrhundertealten Tradition im Handwerk bewußt sind und uns ihrer auch in Zukunft würdig er­weisen wollen. Deshalb lautet die Parole:Meister, Geselle und Lehrling im Reichsberufswettkampf 1938 vor die Front!"

Gtühler,

Kreishandwerksmeister.

Wenn Sowjetrußland sich des Stachanow- Systems als feiner Errungenschaft rühmt und auf diese Weise" die Leistungsfähigkeit des russischen Volkes steigern will, so stellt das nationalsozia­listische Deutschland Demgegenüber den Berufswett- kampf aller schaffenden Deutschen als seinen Weg zur Steigerung der Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes. Im Stachanow-System und dem Berufs­wettkampf aller schaffenden Deutschen liegt so recht der ganze gewaltige Unterschied zwischen russischer und deutscher Welt, zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus. Beide Länder beherrscht von dem Zwang, die Leistung des Voltes zu steigern wenn auch aus verschiedenen Gründen. Beide Mittel, der Kampf, wie immer im Leben. Stacha­now, das Antreibersystem, Kampf mit oder wider Willen, auf alle Fälle aber ohne Rücksicht auf den einzelnen. Menschen spielen in Rußland keine Rolle. Und das Ziel: Die Höchstmasse des Produktes.

Berufswettkampf dagegen: Wettkampf freier Menschen mit dem Willen zur Höchstleistung, mit dem Streben, der Tüchtigste zu sein, und dem Ziel: der bestleistungsfähige Mensch als das kostbare Gut unseres Volkes.

Wenn wir so Stachanow-System und Berufs­wettkampf nebeneinander sehen, so kann es uns nicht zweifelhaft fein, wem der endgültige Sieg zu­fallen muß, ob dem Bolschewismus oder dem Nationalsozialismus. Dann steht uns aber auch die Verpflichtung ganz klar vor Augen, die uns allen der Berufswettkampf auferlegt, der in diesem Jahre über die Jugend hinaus auch die Erwachsenen zum Streite ruft. Ihr darf sich niemand entziehen, der sich Deutscher nennt.

In diesem Sinne: Glückauf zum Reichsberufs­wettkampf aller schaffenden Deutschen 1938!

£>r. Loh,

Kreisdirektor.

Generalmajor a. O. von Specht 85 Jahre alt.

Generalmajor a. D. von Specht. Liebig- straße 68 wohnhaft, kann am morgigen Sonntag, 9. Januar, seinen 85. Geburtstag begehen. De? Ju­bilar erfreut sich zwar nicht mehr aller körperlichen Rüstigkeit, aber er nimmt an den Geschehnissen un­serer Zeit noch regen Ameil.

Generalmajor von Specht, geboren zu Eschwege, trat am 19. August 1870 in das 2. Nass. Jnf.-Regt. Nr 88 zu Mainz ein, in dessen Verband er die

Belagerung von Paris mitmachte. Am 6. März 1872 wurde er Leutnant, am 20. März 1881 Oberleut­nant. Nachdem er im folgenden Jahre zum 2ldju- tanten der 20. Inf.-Brigade in Posen ernannt wor­den war, wurde er 1885 zum Leidgrenadier-Regt. Nr. 8 versetzt und zur Dienstleistung.beim Großen Generalstab abkommandiert. Ab 22. März 1887 tat er als Adjutant Dienst bei der 11. Jnf.-Brigade in Brandenburg. Am 14. Mai 1887 wurde er zum Hauptmänn befördert. Am 20. Sepbr. 1887 wurde er als Kompaniechef zum Leibgarde-Regt. Nr. 115 nach Darmstadt versetzt, von wo er am 14. Mai 1894 unter Beförderung zum Major in das 3. Magdeburgische Jnf.-Regt. Nr. 66 und zum Ad­jutanten des Generalkommandos des IV. Armee­korps in Magdeburg versetzt wurde. Im Jahre 1896 wurde er Batillonskommandeur im Anhaltischen Jnf.-Regt. Nr. 93 in Dessau, Anfang 1897 wurde er zum Deutschordens - Regiment Nr. 152 in Zerbst, später in Deutsch-Eylau, versetzt. Am 14. September 1900 kam er als Oberstleutnant zum Stab des Inf.-Regts. Graf Bülow von Dennewitz (5. West­fälisches) Nr. 55 nach Detmold, im März 1903 als Oberst und Kommandeur des 2. Badischen Jnfant.- Regiments Nr. 110 nach Mannheim. Dom 22. April 1905 ab wirkte er als Kommandeur des Landwehr­bezirks Kiel, bis er im Jahre 1917 im Range eines Generalmajors in den Ruhestand versetzt wurde.

Seinen Ruhestand verlebt der hochbetagte Militär bereits seit einer Reihe von Jahren in unserer Stadt. Generalmajor v o N Specht ist Kamerad in der NSKOV. Anläßlich seines Geburtstages werden ihm u. a. im Auftrage des Reichskriegs- opferführers Oberlindober durch den Kame­radschaftsführer der NSKOV. in Gießen, Kam. Bonhard, herzliche Glückwünsche übermittelt werden. Auch wir beglückwünschen den Jubilar zu seinem Ehrentage! (2hifn.: Borst - Gießen.)

Der satter Llji.

Erzählung von Walther Gottfried Mucke.

Asana-Ha zählte siebenzehn Jahre, als er mit vielen seiner Schulkameraden freiwillig die Federn und Tafeln niederlegte, um der Fahne im Zeichen der aufgehenden Sonne zu folgen. Nach kurzer militärischer Ausbildung verabschiedete er sich von seiner Familie und verneigte sich auch zum letzten Male vor dem Altar des Hauses, vor den alten Tafeln, die im Zeichen der Schmetterlinge die, Namen der Ahnen trugen. Als er nach Minuten stiller Andacht, während der sein Körper fast mit dem Teppich verwachsen schien, das Haupt aufhob, fiel sein Blick auf den Falter Uji, der den Geist des Urahn der Famili Ha verkörperte. Und weil in diesem Augenblick die eben untergehende Sonne durch eine Spalte des Vorhangs auf das von der Hand eines alten Meisters geschaffene Sinnbild fiel, war es gleichsam, als atme es unter der roten Flut abendlichen Feuers, als erwache es aus Dieb hundertjährigem Schlaf, ein Bote des untergehenden Lichtes. Seine feibenblauen Schwingen rührten sich wie hauchzarte Blätter der Kirschblüte, und ferne saphirgrünen Augen funkelten wie die Stirnlichter der Iris, von der Asang-Ha in der Schule gehört hatte, daß sie eine fremde Göttin sei. Er erschauerte tief, dunkel nur ahnend, was es mit diesem wunder- amen Falterbildnis auf sich habe, und verneigte ich dreimal vor dem Sinnbild Uji und dreimal vor einem Vater. Dann schied er von den Seimgen, um als Soldat des Mikado in die Schlacht Zst ziehen.

Indessen war der Sommer mit endlosen Marschen und vielen ruhmvollen Gefechten dem Herbst ge­wichen. Die Nächte begannen schon kühler zu wer­den, und bald würde der eisige Nordwind die ein­same Erde Chinas blankfegen und in die starre Ruhe überirdischer Anbetung versetzen. Asang-Ha und seine Kameraden nahmen darupi jeden Xag, der ihnen die aufgehende Sonne brachte, als em Geschenk der Götter. Viele von ihnen waren schon auf den Wegen und in den ungeernteten Reis­feldern geblieben, die sie unaufhaltsam Dorroarts» stürmend hinter sich gelassen hatten. Und sie waren stolz darauf, einem Regimente anzugeyoren, das in den Schlachten von allen Zuerst an den Feind kam und dessen Tapferkeit ichon mehrfach in den Heeresberichten erwähnt wurde. Eben lagen sie wieder in gelöster Ordnung am Rande eines lichten Kiefernwaldes. Vor ihnen dehnte sich eine zerklüftete Ebene, und hinter Strauchern und Steinen in Trichtern und Gräben lauerte unsichtvar der Gegner. Die Stacheldrahtschlangen reichten säst

bis zu ihnen her, und drüben zwischen den Wachol­der- und Distelbüschen, die in herbstlicher Blüte standen, gähnten die ersten mit Reisig bedeckten Wolfsgruben. Das Feuer des Gegners riß seit Stunden qualvollen Wartens furchtbare Lücken in ihren Reihen. Aber die eigenen Geschütze hatten erst vor kurzem begonnen, das Feld einzuschießen, weil der Aufmarsch im waldigen Gelände schwierig gewesen war und die Fahrzeuge der unaufhaltsam vordringenden Fußtruppe nicht schnell genug zu folgen vermochten. Und als am frühen 2sbend end­lich der Angriffsbefehl kam und zuerst die Ma­schinengewehrgruppen aufsprangen, denen in kur­zen, gestaffelten Reihen die Schützen folgten, da war ihnen der Blick umflort und die Sicht fahl, denn der ganze westliche Himmel vor ihnen stand im Flammenwunder der untergehende Sonne? Asang-Ha aber achtete nicht der Widerstände, die der Himmel selbst als eine Prüfung seiner besten Söhne vor ihnen ausbreitete. Und es lag an ihnen allen, die Welten und Sonnen zu wenden. Nicht um zu warten, bis die Feuerkugel im Nichts versank und das Feld vor ihnen blank war, wie der Karpfensee von Okyo, dem großen Künstler, nein, dazu hatten sie das Kindsein nicht abgelegt. Aber sie waren Männer geworden, um der Sonne einen Auf gang zu bereiten, wie er der Ahnen und ihrer Geister würdig war. Und es lebe Dai Nippon, das große Vaterland! Es lebe der Sohn des Himmels, der Kaiser! Mit diesem Rufe stürzten sie in den Tod und über ihren Leibern, die wie Brücken waren von Trichter zu Trichter, kamen die Kame­raden der zweiten und dritten Linie, und bevor noch die Nacht der segnenden Quannon niedersank, behaupteten sie die feindliche Stellung und pflanz­ten die wehenden Fahnen in die blutgetränkte Erde.

Als Asang-Ha erwachte, stand die Sonne schon hoch im Osten. Wieder einmal und vielleicht zum letzten Male? Doch war er zu schwach um nun aufzustehen und sich ehrfürchtig vor ihr zu ver­neigen, und als er den Versuch wagte, nach der Feldflasche und dem Verbandspackchen zu tasten, riß die Wunde dicht neben dem Herzen auf, und es wurde für Sekunden Nacht um ihn. Zeit also, den letzten Gedanken in die Ferne zu richten und das wunderbare Glück unverhofften Ruhmes zu durchkosten. Und zum andern Male öffneten sich die Lider über den müden Augen Asang-Has. Fern am westlichen Horizont gewahrten sie einen Fessel­ballon mit dem Zeichen Dai Nippons. So weit war der Sieg schon vorgetragen? Das war gut, und Asang-Ha Durfte also scheiden. Sein offener Blick berührte den Himmel, und sein sterbender Mund formte behutsam und feierlich die Namen feiner Ahnen Und als er den Geist Ujis, des Alten, be-

chwor, da flatterte von der blutroten Distelblüte zu einen Füßen ein großer, feibenblauer Falter und chwebte über ihm, wurde größer und sank. Nun erhob er sich wieder und seine Augen funkelten wie die Stirnlichter der fremden Göttin. Und sank aufs neue, atmete Düfte von Veilchen und Kirsch­blüten und glitt lautlos und voll unendlicher Liebe über das Antlitz Asang-Has, um sich auf feinen zitternden Lippen niederzulassen. Asang-Ha schloß die Augen und atmete nicht mehr. Sein Ruhm war vollkommen, denn der Geist des Ahnherrn selbst hatte sich in Ehrfurcht vor ihm verneigt und den letzten Hauch seines Atems in sich eingefogen.

Maps.

(Fine fröhliche Betrachtung von Werner Bergengruen

Durch Zufall bin ich auf ein wichtiges Wort auf­merksam geworden: ich säume nicht, von ihm Mit­teilung zu machen. Es heißtmaps" und ist grie­chisch. Niemand weiß, was es bedeutet. Es kommt in der gesamten, uns bekannt gewordenen Lite­ratur der Hellenen nur ein einziges Mal vor und steht in einem der homerisches Gesänge. Alle an­deren Werke des griechischen Schrifftums, in denen jemandmaps" gesagt oder getan hat, siyd der Vernichtung anheimgefallen. Einzig die Epen Ho­mers hat die Vorsehung aufbewahrt, damit maps nicht unterginge. Es ist nicht möglich, Den Sinn Des Wortes etwa aus Dem Zusammenhang zu er­schließen. Die einen halten es für ein ADverbium, Die anDern für eine Partikel, Die Dritten für eine Interjektion; manche auch für eine fjeute über­haupt nicht mehr existierenDe Wortgattung, sozu­sagen ein Fossil. Es mangelt nicht an philologischen Mutmaßungen: maps soll bedeuten: vorlaut, be- benDe, unentwegt, auf Nachteiliges erpicht, frucht­los, traun, fürwahr, schier, halt, nun aber in Be- sonDerheit, erstaunlich, in der Tat, schlagartig, in gewissem Umfange, ei warum nicht gar, eben ge­rade noch, das sowieso, hastunichtgesehen, holterdie­polter und heißa. Es gibt Erklärer, die es mit pardautz!" oder, moderner gesprochen,peng", wiedergegeben sehen möchten. Auch fürlegten Endes" haben sich Stimmen erhoben. Das alles ist durchaus willkürlich und ungewiß, und niemand weiß, was Eumaios, Aphrodite und Themistokles meinten, wenn siemaps" sagten. Vielleicht wür­den sich uns ganz neue Einblicke in die griechische Welt öffnen, wenn wir wüßten, was maps ist. Vielleicht ist es das Zauberwort, das uns, ver­

stünden -wir es nur, den ganzen Himmel Homers auf unsere trübselige Er Ke herabzwänge. Ein Zau­berwort ist es auch so. Vielleicht begreift es in sich die ganze, so vieldeutige Welt mit all ihren Sicht­barkeiten und Unsichtbarkeiten. Vielleicht läßt es sich einem nicht zu öffnenden Wunderkästchen ver- gteichen, das beim Schütteln hauchzarte, berau­schende Düfte und geisterhafte Silberklänge von sich gibt. Der Aufklärer wird es schließlich zerschmet­tern, sich verdientermaßen hierbei den Finger ver­letzen und nun weder vom Duft noch vom Klang noch von sonst einem Inhalt eine' Spur finden. Der Kluge und Demütige aber, denn diese Eigen­schaften schließen einander nicht aus, wird das Käst­chen auf einen bevorzugten Platz stellen, eine Rose im Stengelglas davor, wird es zu Zeiten andächtig in die Hand'nehmen und zu Zeiten auch nur mit einer Verneigung ehren.

Und wenn wir nun wüßten, daß maps unwider­ruflichin gewissem Umfange" bedeutet, was hät­ten wir gewonnen?

Ich empfehle maps zur Aufnahme in den Schatz der deutschen Sprache. Seine einleuchtende Reim- barkeit auf Schnaps und Kollaps ist noch der ge­ringste feiner Vorzüge. Aber es ist ein gänzlich un- abgegriffenes, noch frisches Wort und von jugend­licher Elastizität. Es ist prägnanter und dennoch verwendbarer als das adjektivisch beschränkte mophyktisch", das in meiner Jugend eine Weile ein alles bezeichnendes studentisches Modewort war. Ich bin, nebenbei bemerkt, boshaft genug gewesen, es im Kriege einmal, einem Feldgendarmen zu suggerieren, der ein Protokoll über die Verneh­mung eines wiederaufgegriffenen Gefangenen ab­zufassen hatte und hochgestochene Fremdworte liebte.

Maps eignet sich gleichermaßen zum Zutnnken, zu Beschwörungen, Schmeicheleien, Flüchen. Be­grüßungen, Wahlsprüchey, Telegrammen, Inschrif­ten und Parolen: zu Aeußerungen des Mitleids und des Trostes, der Ueberrafdjung und Bewunde­rung, der Warnung und der Drohung. Man kann ihm jeden Ton geben, vom zärtlichsten ßiebesge® flüster bis zum rasenden Aufschrei des vom Irr­sinn der Welt gepeinigten Herzens. Mit einem 'ein­zigenmaps" läßt sich das mit großem Anspruch geräuschvoll Auftretende entlarven und erledigen. Die Ehrfurcht vor der Unenträtfelbarfeit der Welt wird in einem andächtig gemurmelten maps aufs Trefflichste aufgehoben sein. Auch scheint ein maps!" von entschiedener Männlichkeit berufen, an die Stelle des indianischen:Hugh, ich habe ge­sprochen!" zu treten Und nun verabschiede ich mich vom Leser mit einem herzhaften dreifachen: Maps!"