nr. 286 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch. 7. Dezember (938
Verkehrserziehung - eine dringende Aufgabe der Vehörden!
Konirottfahri in der Nähe von Gießen
bringt in wenigen Nachmiitagsstunden wieder eine Reihe von Verkehrssünden an den Tag«
Aus der Stadt Gießen.
Dezember im Volksmund.
Zu den „Vortagen" des Dezember, d. h. zu den Tagen, die beim Wetterorakel besonders beobachtet werden, gehört der 13. 12., St. Lucia geweiht. Man sagt mit Hinblick auf das wichtige Ereignis öer Wintersonnenwende: „Lucia macht die längste Nacht". Das will uns wundevnehmen; denn der kürzeste Tag und die längste Nacht fällt doch nach bem Kalender auf den 22.Z23. 12. Man muß aber bedenken, daß vor Einführung des Gregorianischen Kalenders der „Lucientag" auf den 23. 12. fiel: und zäher, konservativer Bauernsinn Hot diese Überlieferung beibehalten. Daraus erklärt sich auch dies andere Bauernwort:
„Von St.. Lucia bis zur Heiligen Nacht — der Tag sich nun einen Hahnenschrei länger macht." Die Tho-masnacht vom 20. auf den 21. 12. — Thomastag ist der 21. Dezember — gehört zu den längsten, dunkelsten Nächten des Jahres. Deshalb galt sie im Volksglauben als „nicht ganz geheuer". Da geht das wilde Heer um, und alle bösen Geister sind los. Wenn man noch heute in Tirol gerade am Vorabend der Thomasnacht die Weihnachtslebkuchen backt, so könnte das wohl eine unbewußte Erinnerung an heidnische Sonnwendopfer sein.
Natürlich gilt die Weihnachtszeit als besonders bedeutsam für die Bauernregel und was damit zusammenhängt. Sogt man schon für die Vortage des Christfestes in alemannischen Gauen: „Vor Wiehnacht großi Wasser — nach Johanni chlyni (kleine) Brot!", so gilt allgemein dieses Orakel für das kommende Erntejahr: „Weihnacht naß — leert Speicher und Faß"; hingegen heißt es zuversichtlicher:
„Weihnacht gefroren, hell und klar verheißt ein gutes Weinfohr!"
Entsprechend dieser Winzerregel reimt der Ackerbauer:
„Wenn's Weihnachten flockt und stürmt auf allen Wegen, so bringt das den Feldern großen Segen!" In Oesterreich gilt dieser prophezeiende Bauern- vers:
„Zu Weihnacht Vollmondschein bringt Frucht in die Scheuern ein und in den Keller guten Wein!" Hingegen — und das paßt ganz gut dazu, denn klarer Wintervollmond deutet auf Hellen Frost hin — schüttelt der Westfale bedauernd den Kopf, wenn es bis jetzt milde, trüb, unverschneit geblieben ist: „Grüne Weihnachtsfeier
bedeckt mit Schnee die Ostereier!"
Der Kölner stimmt zu: „Ne gröne Kreßdog (Christtag), ne wiße Poschdag." Letzteres Wort kommt non „Passah", im Sinn von Ostern.
Die Sudetendeutschen haben diese Wettervoraussage, die den Rebbauern erfreut, wenn sie eintrifft:
Jll am Abend die Christnacht klar, ohne Wind und Regen, nimmst aber wahr, daß die Sonne des Morgens hat schönen Schein, so gibt es im kommenden Jahr viel Wein!" Alemannisch ist dieser tröstliche Vers: „Ist die Weibnacht kalt, kommt der Frühsing bald!" Und ebenfalls in Südwestdeutschland sagt man: „Sind die Weihnachten grün, kannst du noch nach Ostern den Pelz anziehn." Sind die Schweine um die Weihnachtstage noch nicht gut im Sveck, so erwartet der Bauer nicht mehr viel von ihnen: „Was am Cbristtag mager ist, wird nachher auch nicht mehr fett." Aber der Obstbauer freut sich, wenn er an schönen Winterweibnachtstagen zum Fenlter hinaus schaut und die Bäume in Schnee verpackt sieht, wie es sich für einen rechten Christtag schickt. Dann sagt er wohlgefällig: „Sind die Bäume zur Weihnacht weiß von Schnee, so sind sie im Frühjahr weiß von Blüten!" W. L.
Gießener Giadttheaier.
Eugen Bodart: „Spanische Nacht."
Auf dem Wege zu einer neuen Durchgestaltung und Wertsetzung der heiteren Oper ist Eugen Bodart als ein interessantes Beispiel dafür anzusehen, daß die Entwicklung eines musikalischen Konversationsstils, wie ihn etwa Richard Strauß in der Partie des Ochs von Lerchenau im „Rosenkavalier" in feinen Ansätzen zeigt, ihn in der „Ariadne" fortbildet und im „Intermezzo" zu reifer Charakterisierungskunst hinführt, wieder auf die Anfänge der OperiUunst zurückgreift. Denn der deklamatorische Stil der Florentiner Opern (1600) hatte mit feiner Behandlung des Wortes im neu- gefchaffenen Rezitativ ein besonderes, der Oper zu- kommendes Ausdrucksmittel feftgelegt. Nachdem die Möglichkeiten für das moderne Musikdrama mit seiner Orchestersymphonik ausgeschöpft waren, mußte man, wie Richard Strauß, neue Ansatzpunkte zu gewinnen versuchen. Dem folgt auch Bodart. Das erscheint für die „Spanische Nacht" stark durch den Text bedingt. Ein heiteres Spiel in Anlehnung an Heinrich Laube läßt wechselvolle Situationen vor dem Hörer abrollen, in schneller Flucht der Verwicklungen, zugespitzt, pointiert, als ein Zusammenballen und Aufeinanderplatzen, das sich zum Schluß doch in Wohlgefallen löst.
Graf Carlos, ein junger Dragoneroffizier, hat sich von seinem Truppenteil unerlaubterweise entfernt, um seine Geliebte Isabella, die Nichte des Barons, zu besuchen. Von einem verunglückten Liebesabenteuer ist der Hauptmann der Stadtwache in das Grundstück des Barons gefluchtet. Mit einem Lügenmärchen gewinnt er hier das Mitleid des Barons, und soll für eine Nacht in dessen Hause beherbergt werden. Carlos hat sich zu gleicher Zeit zum Stelldichein eingefunden und „beide Gäste" des Hauses werden durch einen Zufall vertauscht. Im Hause ergeben sich dann die verfahrensten Situationen, die sich dramatisch zuspitzen. Der Oheim muß schließlich seine Einwilligung zur Vereinigung des Paares geben, weil der Hauptmann um des Barons verschwiegene Wege weiß.
Voll Situationskomik, kapriziös, kühn, prickelnd, spritzig, schäumend, spielt sich die von Buffogeist getragene Handlung ab. Nur wenige Ruhepunkte sind lyrischem Verweilen gegeben. Da muß der Musiker in Schlagfertigkeit und Situativ nssicheriheit jedes neue Moment auffangen und dem schnellen Wechsel der jeweiligen Stimmung engstens folgen. So ist für ihn der leichte, bewegliche Konverfationsstil geboten, der mit sicherem Griff die musikalische Illustration zum Wort gibt,, ohne dabei ouj die
Verkehrskontrolle! Kein Schreckenswort für den Kraftfahrer, Radler oder Fuhrwerkslenker, der „seinen Kram in Ordnung" hat. Aber ein peinlicher Klang an das Ohr derjenigen, die bewußt Verkehrssünder sind. Oder ein unangenehmes Ereignis für diejenigen, denen dieses Geschick wie ein Blitz aus heiterem Himmel widerfährt.
Am gestrigen Dienstagnachmittag und -abend konnten wir über diese drei Gruppen von Verkehrsteilnehmern wieder einmal allerlei Betrachtungen anstellen. Wir begleiteten den Verkehrsdezernenten beim Kreisamt Gießen und feine Gendarmerie- beamten auf einer Verkehrskontrollfahrt, die an mehreren Stellen in der unmittelbaren Nach- barfchaft von Gießen überraschend die Kraftfahrer, die Radler und die Fuhrwerkslenker unter „das Auge des Gesetzes" brachte. Um das Ergebnis vorwegzunehmen:
Es war für den Beobachter geradezu erschütternd, feststelten zu müssen, mit wieviel Leichtfertigkeit und Mißachtung der elementarsten Erfordernisse der Verkehrssicherheit viele Kraftfahrer, Rodler und Fuhrwerksbesiher sich immer noch auf der Landstraße bewegen.
Die erhebliche Mehrheit aller kontrollierten „Fälle" machte Beanstandungen, zum Teil sogar sehr ernster Art, erforderlich. Es waren nur verhältnismäßig wenige Männer und Fahrzeuge, die mit der Feststellung: „Geprüft und in Ordnung befunden" die Schauplätze der Kontrolle verlassen konnten. Und aus diesem Ergebnis muß der unbefangene Beobachter erneut die Schlußfolgerung ziehen, daß die Verkehrskontrollen zwingende Notwendigkeiten im Interesse der allgemeinen Verkehrssicherheit auf unseren Landstraßen sind und daß dabei auch keine falsche und sentimentale Rücksichtnahme am Platze ist, wenn man nicht die große Aufgabe, den Fahr- und Dander- verkehr auf den Landstraßen so weit wie nur irgend möglich mit Sicherheit auszustalten, gefährden will.
Unter diesem Gesichtspunkt mögen die gestern wieder erwischten Verkehrssünder die Angelegenheit betrachten. Dann werden sie wohl zu der Ansicht kommen, daß diese Kontrollmaßnahmen den Erfordernissen des allgemeinen, also auch des persönlichen Schutzes dienen.
Kontrollstelle bei Ovpenrod.
Wir fahren zunächst zu einer Kontrolle auf der Landstraße Gießen—Reiskirchen bis an den Straßenabzweig nach Oppenrod. Hier, an dieser bergigen Stelle, find gute Möglichkeiten gegeben, um die Fahrzeuge nach den verschiedensten Gesichtspunkten unter die Lupe nehmen zu können. Nur wenige Minuten halten wir einsam an dieser Stelle, da beginnt auch schon die „Arbeit".
Bremslicht nicht in Ordnung.
Zunächst wird ein Lastauto vorgenommen. Auf den ersten Blick ergibt sich, daß von dem gesetzlich vorgeschriebenen Funktionieren des Bremslichtes gar keine Rede ist. Der Mangel bringt dem Fahrer eine gebührenpflichtige Verwarnung ein (Kostenpunkt 1 Mark, sofort zu bezahlen), für den Fahrzeughalter folgt noch eine Anzeige.
Zwei rNanner und zwei Koffer auf einem Kleinkraftrad.
Kaum ist das Lastauto abgefertigt da kommt eine „tolle Fuhre" heran. Der bekannte Stab mit
lockende Farbigkeit des Milieus einzugehen. Die Partitur bietet interessante Einzelheiten, wenn auch nicht immer in erstmaliger Fassung, mit Pointierung in der rezitativartigen Durchbildung des Dialogs, leicht beschwingt, anmutig graziös die heitere Sphäre einfangend, aber auch ebenso von dramatischer Zuspitzung. Es schillert, sprüht und leucht-'t schlaglichtartig im Orchester auf; aber Bodart weiß auch die oerfonnenen Situationen mit fliehendem Melos auszuschöpfen und ganz besonders die einzelnen Personen entsprechend ihrer geistigen Haltung und im jeweiligen Lichte der Handlung zu zeichnen. Er erweist sich so als ein versierter Musiker, der Bewährtes mit wachem Auge und offenem Ohr in sich aufgenommen hat und zu nützen weiß.
Der Text gibt Eugen Bodart Gelegenheit, jede .der Hauptpersonen in einer Einzelszene durch das Musikalische erkennen zu lassen: Den Baron in der Verliebtheit des Alters mit seinem Blumenorakel; den Hauptmann in seinem Monolog über die Treulosigkeit seiner (Beliebten, mit Ironie und dennoch lyrischem Einschlag; Floretta, die Zofe, mit ihrer kecken Lebensauffassung; im Gegensatz zu ihr Isabella in der Innigkeit des Gefühls der Eingangs- fzene und im Wechsellicht mit Floretta in dem Duett „Mit weichem Schleier deckt die Nacht uns zu". Dem sehnenden Erwarten höchsten Glaubensgefühls gibt Carlos in seinem Monolog am Schluß des ersten Aktes Kündung. Voll feiner Charakterisierung der Einzelpersonen, gesättigt im lyrischen Ausdruck, ist das kurze Ensemble im letzten Akt.
Entscheidend für den Erfolg der Oper wurde das gelöste Spiel der Darsteller, die, jeder für sich, in der durch ihren Typus festgelegten Richtung, Eigenleben entwickelten, und gerade die Szenen des pointierten Wortgefechtes dem Zuschauer nahebrachten. (Spielleitung: Hans Geißler.)
Dem leichten Parlando, dem ständigen Umspringen der Situation, kam Paul Walter mit treffsicherem Sich-Umstellen und schnellem Mitgehen in der Flucht der Ereignisse entgegen. Die Fäden der ständigen Verbindung vom Orchester zur Bühne fnüpfte er eng, und so wurde der schwingende Nerv des Musikalischen zum Lebenselement der Handlung. Nachgiebig, sich anpassend, blühte das Orchester an den lyrischen Stellen zu schönem Klang auf bei Entfaltung der instrumentalen Eigenwerte.
Isabella ist Trägerin des lyrischen Momentes, das bestätigte Eva Eckert in leidenschaftlichem Aufwallen der Liebesfehnsucht mit weit geschwungener Linie der Kantilene, die sich über das starktön ige Orchester wölbte. Bei aller Empfindsamkeit wußte sie schlagsicher im Spiel den rechten Augenblick abzufangen und sich als Standespersou gegen« übLL del. .FloiLlla Fo.LnaUsä) pu
dern Schild „Halt! Polizei!" bringt die Fahrer sofort zum Stehen. Es ist ein Kleinkraftrad. Darauf sitzen zwei junge Männer mit zwei anständigen Koffern vor sich bzw. zwischen beiden. Der eine Koffer ist so „verstaut", daß er vom Sitz des Fahrers aus bis über die Mitte der Lenkstange hinausreicht. Der Soziusfahrer hat feinen Koffer zwischen seinem Leib und dem Rücken des Fahrers untergebracht. Selbst ein krasser Anfänger muß hier feststellen, daß bei dieser „Fuhre" von Verkehrssicherheit nicht die gering st e
Spur vorhanden ist. Wenn diese Fahrer bet der Begegnung mit einem Auto beim Ausweichen: ins Rutschen gekommen wären, hätte es unzweifelhaft einen folgenschweren Sturz gegeben, bei dem leicht Menschenleben vernichtet worden wären. Die Gendarmerie ließ aus besonderen Gründen hiev noch eine gewisse Milde walten und erteilte dem! Fahrer eine gebührenpflichtige Verwarnung (eine* Mark, sofort zu bezahlen), während der Sozius- fahrer absteigen und seinen Weg nach Oppenrod
Das Geheimnis der Marneschlacht 1914
Interessanter Vortrag vor alten Soldaten in Gießen.
Die Kreiskriegerführung Gießen im NS.-Reichskriegerbund hatte die Kameraden der Gießener Kameradschaften des Reichskriegerbundes am gestrigen Dienstagabend zu einem Vortrag in den Saal des Cafe Leib eingeladen. Im Mittelpunkt des Abends stand eine Aufklärung über das große Rätsel der Schlacht an der Marne im September 1914.
Der Adjutant des Kreiskriegerführers, Kamerad Weber, begrüßte zu Beginn des Abends die zahlreich erschienenen Kameraden und Kameradenfrauen, vor allem auch als Vertreter des Kreisleiters, den Pg. P i p p c r. Dann sprach Kamerad
Schriftsteller W. Kunde
über das Thema „D a s Geheimnis der Marneschlacht 19 14". In etwa zweistündigem Vortrag gab der Redner den mit großer Spannung lauschenden Hörern ein weitgefaßtcs und in allen Teilen bis zum letzten Punkt erschöpfendes Bild jener deutschen Tragik an der Marne im September 1914.
Er ging mit fteefjt von dem bedauerlichen und verurteilenswerten Versagen des Reichstages der Vorkriegszeit aus, der in keiner Weife die erforderlichen Mittel zur vollen Ausschöpfung der deutschen Wehrkraft und zum Ausbau des damaligen Heeres bereitgestellt hat, sich vielmehr diesen dringenden Notwendigkeiten mit geradezu unfaßbarer .Kurzsichtigkeit verschloß. Dieser Mangel an deutscher Bereitschaft machte sich schon beim Kriegsbeginn darin geltend, daß Frankreich mit weit geringerer Bevölkerungszahl erheblich mehr Soldaten ins Feld schicken konnte, als Deutschland mit seiner größeren Volkszahl.
Weiterhin lenkte der Vortragende die Aufmerksamkeit der Hörer hin auf die Außerachtlassung des Schlieffenschen Aufmarschplanes für den Fall des Zweifrontenkrieges und insbesondere auf die völlige Verneinung des Schliefsenschen Grundsatzes: Macht den rechten Flügel stark! Anstatt dieser zwingenden Forderung zu entsprechen, wurde von unserer damaligen Heerführung der linke Flügel stark gemacht, durchaus unnötig und unzweckmäßig, wahrend der rechte Flügel nicht nur sehr schwach blieb, sondern auch immer in der Luft hing.
An Hand von zahlreichen Kartenskizzen und Bildern gab der Vortragende dann eine Uebersicht über die Entwicklung der großen Kriegshandlungen im Westen, wobei er den Einsatz der verschiedenen Heeresgruppen in kurzen und sachlich genügenden Umrissen kennzeichnete. Damit leitete er den Blick hin auf die Entstehung und den Verlauf der Schick- falsschlacht an der Marne, die er in engste Parallele
stellte zu der großen Schlacht unserer 1. Armee» unter Generaloberst von K l u ck gegen die aus) Paris vorgebrochene französische Umsastungsarmee« An Hand vieler Einzelheiten führte der Vortragende! den überzeugenden Nachweis, daß Klucks Armee den überraschend aufgetauchten französischen Feind vollkommen geschlagen hatte und auch das Ringen aiti der Marne einen vollen Sieg der deutschen Waffen darstellte. Um so unbegreiflicher war es dann, das; durch völlig falsche Nachrichten und durch vollständig verkehrte Entscheidungen bei der Obersten deutschen Führung ein durchaus unzutreffendes Bild der Lage entstand, das zur Folge hatte, daß unsere deutsche Armee von ihrer eignen Führung „aus einem vollen deutschen Siege zum Rückzug auf der ganzen Linie geführt" wurde.
Der Vortragende machte hierfür eine Reihe von Angaben, aus denen zu entnehmen war, daß bet der Obersten deutschen Heeresleitung und auch in einigen Armeeoberkommandos nicht die richtigen Männer, d. h. kranke Persönlichkeiten an der ausschlaggebenden Stelle standen, anstatt hier Männcv mit vollster Gesundheit handeln zu sehen. Vor allem aber schilderte er eingehvyd die verhängnisvolls Rolle des damaligen Abgesandten des Hauptquartiers, des Oberstleutnants H e n t s ch , dessen Persön-- lichkeit und Wirken nach der Schilderung des Vortragenden für jeden unbefangen urteilenden Menschen geradezu als unverantwortlich und mehr als rätselhaft gelten muß. Für das Wirken dieses Mannes machte der Vortragende einige Hinweise auf bie- Hintergründe geltend, die als Ausgangspunkt dieser verhängnisvollen Persönlichkeit anzusehen wären; nämlich das Weltjudentum und die Weltfreimaurerei. Der Vortragende betonte, daß mancherlei Anhaltspunkte für gewisse Zusammenhänge Hentschs mit diesen überstaatlichen Mächten sprechen und auch nur so mancherlei erklärt werden kann, was sonst in höchstem Maße unfaßbar erscheint. Diese Vorwürfe beschränkte der Redner aber ausdrücklich nur auf die Persönlichkeit Hentschs.
Zusammenfassend gewann man den Eindruck, daß bei jener Schicksalsschlacht mancherlei Faktoren des deutschen Volkes zusammengewirkt haben, am folgenschwersten aber die geradezu als intrigant zu bezeichnende Rolle Hentschs gewesen ist. Der deutsche Feldsoldat und das deutsche Offizierkorps der Front dagegen haben ihre vollste Pflicht und Schuldigkeit getan und sind Sieger in allen Schlachten gewesen.
Lebhafter Beifall dankte dem Redner für den ausgezeichneten Vortrag, der durch viele Lichtbilder be- reichert wurde.
zeichnen. Hier zuckte und sprühte es, hier war Frauenlist und situationssicherer Instinkt die Grund-
Das Spielzeug der Erwachsenen.
läge eines natürlichen, behenden Spiels, keck und doch reizvoll, leicht und beweglich im Einsatz der stimmlichen Mittel.
Den stürmischen Liebhaber Graf Carlos gab Ernst August Waltz mit voller Entfaltung seiner stimmlichen Mittel. Jedoch im leichten Parlando erschien seine Stimmgabe etwas schwer. In seiner ganzen Haltung vermißte man zuweilen den Einklang seiner Gebärden mit seiner dienstlichen Stellung.
Wie Spiel und Standesverpflichtung zur Einheit darstellenden Ausdrucks zusammenfließen, bestätigte Gustav Bley als Hauptmann der Stadtwache. In jeder Lage war er selbstbewußt als Abenteurer, Aufschneider und als Offizier, ahne den geringsten Anschein billiger Komik, stets ritterlich, temperamentvoll, mit leiser Ironie, und doch beherrscht. In geradezu überlegener Weise gab er das fließende Parlando mit einer selbstverständlichen Natürlichkeit, jedes Wort sinngemäß, dynamisch und klanglich ab- gestuft. Dabei stets bereit, hohes gesangliches Können in den Dienst seiner Aufgabe zu stellen.
Dem Baron mag nach Text und Musik ein gewisses Maß von Unbeholfenheit und Poltergeist zu eigen fein; aber er darf die Standeswürde nicht verleugnen. Ein biftingierter Zug muß ihm das Gepräge geben. Das ließ Herbert H i r ch e trotz aller Lebenbigkeit seiner Darstellung vermissen.
In Milieuverbundenheit hatte Karl Löffler bie Bühnenbilber ganz auf den Geist der Handlung abgestimmt. So verstärkte sich die Illusion des hereinbrechenden Abends durch den Fernblick, unterstützt durch eine sorgfältig geführte Beleuchtung (Remigius Konen).
Das Haus folgte mit sichtlichem Interesse dem heiteren Spiel, und starker Beifall rief zum Schluß auch den anwesenden Komponisten auf die Bühne.
Dr. Hermann Hering.
Hochschuinachnchien.
Professor Dr. Paul Diepgen, Ordinarius für Geschichte der Medizin an der Universität Berlin, vollendete sein 6 0. Lebensjahr. 1909 habilitierte er sich in Freiburg und wurde 1915 dort zum ao. Professor ernannt. 1920 wurde er Ordinarius, 1929 wurde er in gleicher Eigenschaft nach Berlin berufen. Professor Diepgen ist Mitglied verschiedener deutscher und ausländischer wissenschaftlicher Gesell- schäften. Unter seinen Büchern sind besonders zu nen „Die politische Entwicklung der Völker und bie Medizin", „Geschichte der Medizin", „Medizin im Mittelalter", „Volksheilkunde und wissenschaftliche du soziales Medizin".
Die Mitglieder der „Englischen Gesellschaft von Sammlern von Modettsoldaten" haben kürzlich ihre Jahresversammlung, die zahlreich besucht war, in einem Londoner Hotel abgehalten und der Welt mie^ ber einmal gezeigt, daß bie winzigen Soldatenfiguren, bie man gemeinhin als eine Angelegenheit fürs Kinberspielzimmer ansieht, auch vielen Erwachsenen Anlaß zur Beschäftigung geben, bie sie selber jeben- falls sehr ernst nehmen. Die Mitglieber bringen zu ber Versammlung ihre neuesten Leistungen in ber Modellierung der kleinen Soldatenmobelle mit und erzielen damit allgemeine Bewunderung. „Unsere in allen Einzelheiten genau ausgeführten Modelle von Soldaten aus allen Zeitaltern", erklärte ein Teilnehmer stolz, „sind sogar für die wirklichen Soldaten von großem Wert."
Es sind zum Teil in der Tat kleine Meisterwerke, die hier gezeigt werden. Ein Mann hat ein ganzes Schlachtdild nach Meissoniers „Friedland 1807" auf- gebaut, und. er erzählt dazu, daß er sich nur schwer vom Modellieren megbringen könnte. Es sei geradezu eine Besessenheit, die ihn gepackt habe, nachdem er vor drei Jahren begonnen und in schrankenloser Begeisterung sorgfältige Studien gemacht habe. Er bliebe auch immer zu Hause und arbeite mit Blei unb Farbe, so daß auch seine Frau sehr zufrieden damit fei. Ein anderer, ein Schullehrer, hat mit Modellsoldaten seit frühester Kindheit „gespielt". „Mein Vater hat mich in diese Liebhaberei einge« führt. Ich gehöre dem Territorialheer an unb bilde dieses mit größter Genauigkeit in den Einzelheiten nach; später hoffe ich zu 'dem regulären Heer zu kommen."
Ein Angestellter einer Versicherungsfirma hat durch seine Liebhaberei einige Schwierigkeiten in seinem Büro, in dem alle, auch bie Schreiberinnen, sich darüber lustig machen. Er ist dazu gekommen, als er für feinen kleinen Sohn einige Soldaten angefertigt hatte, bie ihm aber zu gut für den Jungen erschienen, und jetzt bringt er alle seine Freizeit bamit zu. Der Chef einer großen Pelzfirma tn der City zeigt kaum drei Zentimeter bohe farbige Modellsoldaten mit Stolz; es hat zwölf Stunden Arbeit mit dem Vergrößerungsglas bedurft, eine so hohe Vollkommenheit zu erzielen. Da werben Uniformen aus ber Zeit um 1740 getreu nachgebildet, für die man ein Buch verwendete, von dem es nur noch vier Exemplare gibt; eins davon gehörte dem König unb wurde erst nach monatelang™ Nachforschungen aufgestöbert. Besonders hob dieser Freund der Modellsoldaten hervor, daß sie bei ihrem Spiel auch die militärische Taktik lernten und daß die Modelleure, Jahre bevor man ernsthaft tm Kriegsamt daran gedacht hätte, mechanisierte Trup, pen bei ihren Soldatenjpieka benutzt hätten. B«


