Ausgabe 
7.9.1938
 
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Hr.209 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Mittwoch. 7. September 1958

Aus der Gtadi Gießen.

Oer Eteinträger.

Immer, wenn ich an dem Neubau vorbeikomme, muh ich einen Augenblick stehen bleiben. Es ist ein stattlicher Bau, der dort aufgeführt wird. Aber das ist es eigentlich weniger, was mich fesselt. Mich interessieren mehr die Menschen, die dort tätig sind. Die Maurer arbeiten geschickt. Man sieht, wie unter ihren Händen die Mauern wachsen. Stein wird aus Stein gelegt, die Kelle gleitet darüber hin, und es geht alles so glatt und selbstverständlich, als wenn die Arbeit nur Spielerei wäre. Dabei ist sie alles andere als Spielerei. Es ist wahrhaftig eine schwie­rige und körperlich anstrengende Tätigkeit, daran besteht kein Zweifel.

Und doch spähe ich jedesmal nach dem Stein­träger aus, wenn ich in die Nähe des Neubaues komme. Denn der Steinträger erscheint mir wie die Verkörperung der Kraft und zielbewußten Energie, die unentwegt an einem Werke schafft. Er steigt in ruhiger Gleichmäßigkeit die Leiter hinauf. Sprosse um Sprosse schiebt sich sein Körper in die Höhe. Ein Hüne an Gestalt, ein Herkules, der auf seinen Schultern die Fundamente des Gebäudes trägt. Denn das Brett auf seinem Nacken birgt die auf- geschichteten Steine. Wie eine kleine Pyramide neh­men sie sich aus, keine leichte Pyramide jedenfalls. So schafft der Steinträger Tag um Tag mit geball­ter Kraft, daß ein neues Bauwerk entsteht. Die Maurer oben in der Höhe sind geschickt und tüchtig, das ist gewiß. Aber was würden sie anfangen ohne diesen energiegestählten Steinträger, der unermüd­lich vom Morgen bis zum Abend die Steine auf die Gerüste schasst?

Es gibt allerlei Berufe, leichtere und beschwer­liche, verantwortungsvolle und solche, die besondere Kenntnisse erheischen. Alle fordern sie von ihrem Mann den vollen Einsatz seiner Leistungsfähigkeit. Aber selten wird dieser Einsatz der Leistungsfähig­keit so sichtbar wie bei dem Steinträger. Dabei ist es nicht nur die Muskelkraft, die er emzufetzen hat. Es gehört in der Tat auch ordentliche Geschicklich­keit und Ueberlegung dazu, mit der leicht schwan­kenden Last die Leiter hinaufzusteigen und den Mau­rern die Steine in solchen Mengen zu liefern, daß keine Stockung der Arbeit eintritt.

Er ist ein Held der Arbeit, der Steinträger. Auf seinen Schultern trägt er symbolisch die Elemente des ewig neuen Werdens. Und darum, ob auf die­sem oder einem anderen Bau: Ehre dem Stein- träger! H. W. Sch.

Generalmajor a. O. Mcker f.

5n Heidelberg, wo er seinen Ruhestand verlebte, ist am 4. September der Generalmajor a. D. Paul N Ücker im 78. Lebensjahre verstorben. Mit ihm ist ein alter 116er-Offizier unseres früheren Gie­ßener Jnf.-Regts. 116 zur großen Armee heim- Hegangen.

Generalmajor Paul N ü ck e r, am 30. Oktober 1860 in Kempen (Rheinprovinz) geboren, wurde am 14. September 1893 als Premierleutnant in das Inf.-Regt. 116 in Gießen versetzt. Hier wurde er am 18. Juli 1896 Hauptmann. Lange Jahre war er Chef der Leib-Kompanie des Jnf.'-Regts. Kaiser Wilhelm 116. Am 27. Januar 1907 wurde er zum überzähligen Major beim Regimentsstab befördert und am 18. April 1909 zum Kommandeur des I. Bataillons unseres alten Regiments 116 ernannt. Am 16. September 1913 verließ er Gießen, da er zum Oberstleutnant beim Stabe des Jnf.-Weqts. von Lützow (1. Rheinisches) Nr. 25 in Aachen be­fördert worden war. Von Aachen zog er bei Kriegsbeginn als Regiments-Kommandeur ins Feld. Zuletzt führte er eine Infanterie-Brigade. Nach dem Kriege nahm er feinen Wohnsitz in Hei­delberg.

Generalmajor N ü ck e r war ein tüchtiger und eifriger Offizier, in gleicher Weife beliebt bei feinen Kameraden und Mannschaften, für die er stets väterlich sargte. Seine Erholung von den A'stren- gungen des Dienstes sand er auf der Jagd, die er

Ewiges Nürnberg.

Beit Stoß ringt um seine Heimatstadt.

Die Fünfhunderjahrfeier feiner Geburt hat die Gestalt des kraftvollen Nürnberger Mei­sters Veit Stoß für uns mit neuem Leben erfüllt, feine Bildwerke wurden uns gezeigt, fpin schweres Lebensschicksal, das ihm sein unbeherrschtes Temperament bereitete, wurde geschildert. DenLebensroman" dieses deut­schen Künstlers, in dessen Mittelpunkt ein leidenschaftliches Ringen um seine Vaterstadt steht, schildert Paul Johs. Arnold in seinem BucheVeit Stoß", das bei Quelle & Meyer in Leipzig erschienen ist. In diesen Tagen, in denen sich alle Blicke wieder aus Nürnberg richten, gewinnt dieses Bild be­sonderes Interesse.

In der Fremde.

Veit Stoß ist in Krakau im Hause des königlichen Geheimschreibers Philippus Callimachus, der in von dem Gedanken, nach Nürnberg zurückzukehren, ab­bringen will:

Die Majestäten sind Euch Freund, daß manchem vom höchsten Adel der Neid aus den Augen springt, und doch wagt es keiner, anders als mit ebenso freundlichem Gesicht zu Euch zu treten. Bischöfe und Erzbischöfe bitten Euch und Eure Bildwerke. Die Stadt hat Euch Eurer Verdienste wegen alle Ab­gaben erlassen. Unter Euren Zunft- und Werkgenos­sen gehört Ihr zu den Seniores mechanicorum, und das Volk betet vor Euren Werken auf den Knien. Was wollt Ihr mehr?"

Und da Stoß nicht gleich antwortete, fuhr er fort: Solche Stellung könnt Ihr nur unter einem wohl­gesinnten König halten, nie in einer Stadt wie Nürnberg, die von einem vielköpfigen Rat mit Par­teigezänk und mancherlei widerstrebender Meinung regiert wird. Es lebt sich besser unter einer schützen­den Krone. Hier seid Ihr der Herr auf Eurem gan­zen Gebiete, dort einer unter vielen und müßt Euren Ruhm mit Malern, Steinhauern, Rotgießern und anderen 'teilen."

Ihr habt ja recht", Stoß gab es nur halb zu, und doch sehe ich alles anders. Gerade daß viele kunstfertige Meister in Nürnberg schaffen, könnte mich reizen und locken. Mit Pinsel und Stift, Richt­maß und Kelle, Meißel und Messer sind sie am Werk und arbeiten und bilden und formen in allen Werkstätten, an allen Gassen und Ecken der Stadt. Nürnberg ist für die Kunst ein Lustgarten, in dem 2s sproßt und wächst, wo wundersame Blumen und

Oberhessische ländliche Bauweise in der Ausstellung.

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In der Deutschen Bau- und Siedlungs-Ausstel­lung in Frankfurt a. M. wird im Obergeschoß der Halle V in einer Abteilung für hessische Bauten auch dieländlicheBauweiseinHessen an Hand von Modellen bewährter Typen bäuerlicher Anwesen gezeigt. Aus der Gruppe Oberhessen bringen

unsre Bilder zwei besonders bemerkenswerte Beispiele.

Unser Bild links zeigt aus Großen-Linden einen Hof mit festumschlossenem Raum, zwei Wohn­gebäuden, zwei Scheuertoren und Straßentor mit Fußstreben.

Das Bild rechts zeigt Hofgrundstücke in Oden -

hausen (Lumdatal) mit offener, lockerer Bau­weise. Häuser vierzonig, bald längs-, bald quer- gestellt, im ersteren Falle zurückliegend. Einfriedi­gung nur ausnahmsweise. Rechts Wohnung, Stall, Scheuer unter' e i n e m Dach. (Aufnahmen 12]:. Neuner, Gießener Anzeiger.)

Umfangreidje Wafferbohnmgen für Gießen.

leidenschaftlich betrieb. Die Gießener Offizierjagd (Wieseck und Hangelstein) hat er lange Jahre mit größter Liebe und Sorgfalt betreut. Der Heim­gegangene wird von allen alten Kameraden und Bekannten tief betrauert, denn fein Hinscheiden ist ein großer Verlust für alle, die ihn näher kannten und schätzten. Dazu gehören besonders die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften seiner alten Leib- Kompanie der 116er.

Dornoiizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Gloria-Palast, Seltersweg:Capriccio". Licht­spieltheater, Bahnhofstraße:Ehrenlegion".

*

LPD. Sammelt di e Beeren unserer Wälder. Mit der Tatsache, daß die Obsternte in diesem Jahre nicht unsere Hoffnungen erfüllt hat, müssen wir rechnen. Es ist daher nicht damit getan, sich damit abzufinden, sondern es muß alles ver­sucht werden, um diese Lücke auszufüllen. Man hat bereits darauf hingewiesen, daß teilweise das Ge­müse als Ersatz herangezogen werden kann. Eine Möglichkeit muß aber jetzt noch mit allen Mitteln ausgeschöpft werden: das Sammeln der Beeren. Es muß eine Sammeltätigkeit einsetzen, die dafür sargt, daß keine Beere verkommt, lieber die Güte und Ge­sundheit her Beeren braucht nichts gesagt zu wer­den. Auf dem Wege des Einmachens bereiten wir sie für den Winter vor, damit sie an Stelle des fehlenden Obstes Verwendung finden können, Uebri- gens werden stellenweise als Nachwirkung der star­ken Feuchtigkeit auch große Mengen von Pilzen ge­funden. Soweit sie nicht zu sofortigem Genuß ge­braucht werden, können auch sie eingemacht und für die Wintermonate hereitgehalten werden.

Vier Singer von der Dreschmaschine abgerissen.

LPD. Herchenhain, 6. Sept. Ein Arbeiter aus Babenhausen kam mit der Hand in hie Dreschmaschine, wobei ihm vier Finger der rechten Hand a b g e r i s s e.n wurden. Der Be­dauernswerte wurde sofort in die Klinik nach Gie­ßen überführt.

Seit einiger Zeit sind im Auftrage des städtischen Wasserwerkes Arbeiter damit beschäftigt, durch Boh­rungen Wasser zu erschließen, das als Trinkwasser der Stadt Gießen zugeleitet werden soll. Das stän­dige Wachstum unserer Stadt, die steigende Ein­wohnerzahl, nicht zuletzt auch die Tatsache, daß zu Zeiten ungewöhnlicher Trockenheit manchmal Was­sermangel auftritt, waren die Veranlassungen da­für, sich um zusätzliche Wasserquellen zu bemühen. Die Bemühungen wurden von bestem Erfolg ge­krönt!

Zwischen Queckdorn und Ettingshausen, unweit der Sommersmühle, wurde zuerst eine Bohrung in die Tiefe getrieben. Bei 38 Meter Tiefe traf man ausgezeichnetes Wasser an, das mit Hilfe spezieller Geräte,^ einer Pumpe im Rohr, an die Erd­oberfläche getrieben und dann in einem Rohr von 400 Millimeter Durchmesser dem Wasserwerk Queck- born zugeleitet wird, um von dort aus den Hoch­behältern an der Grünberger Straße zugeführt und für die Verwendung in unserer Stadt eingesetzt zu werden. Diese erste Bohrung, die ein Wasserauf­kommen von 1500 Kubikmeter innerhalb von 24 Stunden bringt, kann bald für die Wasserversor­gung unserer Stadt dienstbar gemacht werden. Eine zweite Bohrung ist im Gange: sie ist bereits auf 14 Meter Tiefe vorgetrieben. Nach den bisherigen Ein­drücken der Techniker ist damit zu rechnen, daß diese zweite Bohrung eine Menge von etwa 2000 Kubikmeter Wasser zu fördern ermöglicht. Die zweite Bohrstelle liegt etwa 100 Meter von der ersten ent­fernt. Das aus ihr gewonnene Wasser wird eben­falls in das 40 Zentimeter starke Hauptrohr geleitet, das von der ersten Bohrstelle aus zum Wasserwerk Queckborn gelegt worden ist.

Wie wir auf Anfrage von zuständiger Stelle hören^ ist damit zu rechnen, daß weitere Boh­rungen, und zwar unweit von Harbach, unter­nommen werden. Man wird dabei an einer Stelle arbeiten, an der bereits im Jahre 1930 vielver­sprechende Versuche unternommen, damals aber wieder eingestellt worden waren. Nunmehr soll die Arbeit dort erneut aufgenommen werden. Nach Schätzungen kann damit gerechnet werden, daß dort

eine Wasserergiebigkeit von etwa 3500 cbm inner* halb von 24 Stunden erreicht werden wird.

Die Maßnahmen der städtischen Werke, die im Bewußtsein aller Verantwortung für unsere Stadt die Wasserversorgung sicherzustellen bemüht sind, dürsten ihren Zweck voll erfüllen. Es kann also da­mit gerechnet werden, daß in Zukunft auch zu Zeiten außergewöhnlicher Trockenheit unserer Einwohner­schaft kaum eine fühlbare Beschränkung im Wasser* verbrauch auferlegt werden muß.

Amtsgericht Gießen.

Gestern hatte sich der Th. R. aus Gießen megert Diebstahls im Rückfall vor dem Amtsgericht zu ver­antworten. Dem Angeklagten, der schon zwölfmal, darunter zweimal einschlägig, vorbestraft ift, wurde zur Last gelegt, .im Jahre 1935 einer Familie, bei der er ein möbliertes Zimmer bewohnte, mehrere Kleidungsstücke und Wäsche gestohlen zu haben. Dec Angeklagte gab in der gestrigen Verhandlung zu, in dem Wohnzimmer aus einem Vertikow, bas teil­weise offen, teilweise verschlossen gewesen sei, eine Decke und ei» Bettuch entnommen zu haben, das er seiner Braut schenkte. Im übrigen bestritt er die ihm zur Last gelegten Verfehlungen. Da die Ge­schädigten nicht mehr genau aussagen konnten, was im einzelnen damals abhanden gekommen war, konnte der Angeklagte nur nach Maßgabe seines Geständnisses verurteilt werden. Zu seiner Entschul­digung führte der Angeklagte seine damalige wirt­schaftliche Notlage an. Mit Rücksicht hierauf und auf fein Geständnis billigte ihm das Gericht noch ein­mal mildernde Umstände zu und erkannte auf vier Monate Gefängnis.

Sodann wurde der Einspruch des H. E. aus Lang-Göns, der wegen Uebertretung der Gewerbe­ordnung einen Strafbefehl über 30 Mark erhalten hatte, verhandelt. Der Angeklagte hatte als Eisen­händler auf seinen Geschäftsreisen sich eines Gehil­fen bedient, ohne im Befitz der hierzu erforderlichen kreisamtlichen Genehmigung zu sein. Der Ange­klagte beitritt dies nicht, sondern gab zu feiner Ent­lastung an, er habe sich hierzu für berechtigt ge*

Blütenbäume aus allen Beeten aufschießen, daß man nicht weiß, wohin es mit der Fülle noch hin­aus will." Ein Glanz und schwärmerisches Leuchten brach durch die harten, verschlossenen Züge des Mei­sters, wie sie es sonst einem anderen Menschen nie verrieten.Mitten in diesem Treiben und Drängen, in dieser überquellenden Fruchtbarkeit müßte man stehen, in diesem Reichtum, den die Mauern der Stadt gar nicht bergen und halten können, daß er über die Stadtwallung wächsf und sich in köst­lichen Gaben über alle Länder verstreut. Da mit­schaffen und arbeiten in lebendiger Gemeinschaft mit allen andern, von demselben Kraftstrom durch­schossen und durchglüht, der dort als Gnade des Himmels der Erde'entspringt wie ein sprudelnder, unerschöpflicher Quell: das wäre Leben. Ihr kennt Nürnberg nicht, Herr Philippus, wie es eingebettet liegt im Tale der Pegnitz wie in einem weichen Nest und heraufsteigt an den Uferhängen bis zur Höhe der Burg, wo der junge Meister Beheim jetzt neben die aufragenden Türme ein gewaltiges Korn­haus gebaut hat. Alles umschlossen von festen, siche­ren Mauern und Türmen, daß niemand, weder Ritter noch König, es wagen sollte, in diesen Men­schengarten Gottes einzubrechen und ihn zu verhee­ren. Und rund im weiten Bogen der Sebalder und Lorenzer Stadtwald, die jede harte Luft abfangen, daß auch so der Stadt kein Schade geschieht."

Heimkehr.

Der Ruhm war Veit Stoß zur Kette geworden, die ihn an nicht gewollte Arbeit zu fesseln ver­suchte, ihn zum Gefangenen machen wollte.

Nürnberg allein war die Freiheit! Nürnberg sein Arbeitsfeld. In Nürnberg war er wieder Herr seiner selbst!

Sogar die Freundschaft drückte hier wie eine unerträgliche Last, die Freundschaft des Königs­hauses, des Callimachus, all dieser Menschen, die sein Tun in falsche Richtung stießen.

Nürnberg, wo er keine Freunde mehr hatte, Nürnberg,'wo keine Dankbarkeit ihn verpflichtete, sein Ruhm ihm nicht mehr vorschrieb, was und wie er zu arbeiten hatte, Nürnberg, wo die Kunst frei wuchs nach Ihrem eigenen Gesetz, die Stadt, die selber war wie ein Schrein voll köstlicher Klein­odien. und die hinausstreute von ihrem Ueberfluß in alle Welt: Nürnberg. Er mußte hin.

Ohne weiteres Besinnen lief er zu Johannes Heydeke, bat ihn, sein Hausi zu verkaufen und gab ihm Vollmacht. Die erschrockenen Bitten und Vor­stellungen feines Freundes hörte er gar nicht.

Dann erst ging er zu Frau Barbara. Er legte ihr die Hände' aiif beide Schultern und fah sie, die erstaunt und fragend zu ihm aufschaute, mit glück­

lichen Augen an.Bärbel", so hatte er sie lange Jahre nicht genannt,Bärbel, wir ziehen nach Nürnberg!"

Sie wurde plötzlich bleich, Tränen flössen über ihr Gesicht, ohne daß sie es merkte, und sie sank auf einen Stuhl.Endlich!"

Stoß hatte auf laute, lachende Freude gehofft. Nun sah er, wie sie schier übermächtig war und seine Eheliebste umwarf, und wie schwer Frau Bar­bara an der Last der Fremde um seinetwillen ge­tragen haben mußte.

A u s k l a n g.

Am Ende seines Lebens sitzt der greife, körperlich gebrochene und erblindete Meister in seinem Zim­mer im Gespräch mit seinem Freunde, dem Bau­meister Beheim, der immer treu an ihm festgehalten hat.

Es ist za^doch alles nur Stückwerk!" und eine würgende Angst schien Veit Stoß zu überwältigen.

Gewiß ist alles Stückwerk", gab Beheim zu, um den Erregten nicht durch Widerspruch noch mehr zu reizen.Älles, was ein einzelner schafft und schaffen kann, bleibt Stückwerk. Er tut fein Werk ja nicht allein-, andere stehen neben ihm und arbeiten auch, und in allen und durch alle schafft das Leben, und die zu ihm halten, helfen mit. Alles zusammen erst gibt das große Werk der Zeit. Keine war wohl größer als unsere, und Ihr habt Euer ehrlich und wohlgemessen Teil daran."

Und ich wollte es allein schaffen!" ein hilfloser Trotz versuchte noch einmal, sich aufzubäumen.

Wir alle werden dahin geführt, wo mir dem Plan des Allmächtigen dienen", entgegnete der Baumeister.Ihr seid denselben Weg geführt wor-! den wie der Dürer, habt die alte Kunst mit der neuen zusammengeschmolzen, und so gehen Eure Werke lebendig in die Zukunft hinein. Hätte auch hier in Nürnberg ein einziges riesenhaftes Werk wie in Krakau Euch Jahrzehnte in Banden gehalten, wäret Ihr der alten Kunst, die Ihr mitbrachtet, ver­haftet geblieben. Die neuen Menschen würden es nicht mehr verstehen und die Zeit es wegschwem­men.

Seht, lieber Meister, so ist euch Nürnberg doch zum Segen geworden: hier erst habt Ihr Euch sel­ber, die Kraft zu neuem Tun gefunden. Nürnberg ist nicht der Rat, nicht das starre Gesetz, das lastet und Zwingherrschaft übt, nicht Bosheit, Tücke und Argwille, nicht all der Alltagströdel. Das alles ver­geht und ist deshalb am letzten Ende nicht wirklich. Wirklich nur und darum ewig ist allein die Kraft, die lebt und wirkt in den Mauern der Stadt und weit, weit über sich hinaus: die Kraft, die Männer geschaffen hat wie Dürer, Adam Krafft, Peter Vi­

scher und Veit Stoß, und in ihnen sichtbar wurde, Ihre Werke werden länger als Ratserlasse leben und törichtes Gezänk. Ewig und groß ift Nürnberg durch Tie."

Der widerstandslos gewordene Geist des Schnit­zers konnte sich gegen die überredenden Worte nicht wehren. Er mußte ihnen folgen und schaute noch einmal Nürnberg, wie er es voll Sehnsucht in Krakau gesehen hatte. Und in das große Bild scho­ben sich die Gestalten seiner eigenen Werke. Er sah mit seinen blinden Augen den Englischen Gruß in St. Lorenz erstrahlen, und darunter feinen Paulus und das Sakramentshäuschen Adam Kraffts; sah das Grab des Sebaldus im Schiff feiner Kirche, und der Chorschmuck, den er für den Volckamer und den Tücher dort aufgebaut hatte, und bunte, farben­glühende Traumgewebe alles dessen, was er dort hatte schaffen wollen, und wußte nicht mehr, was Wirklichkeit oder Wunschbild war: sah seinen un­fertigen Altar im Karmeliterkloster in vollendeter, überwältigender Pracht. Bilder auf Bilder schossen zusammen, was der Dürer gemalt und lebendig gemacht, Hans Beheim gebaut, Simon Sainbergcr geschnitzt, alle Meister gebildet: alles verschmolz und verschlang sich in leuchtendem, unirdischem Glanz. Das war Nürnberg fein Nürnberg.

Mit einem glücklichen Lächeln sank ihm der Kopf zurück auf die hohe Lehne seines Stuhls.

Hans Beheim ging leise hinaus.

Zeitschriften.

Der Bergsteiger. (Verlag Bruckmann, München.) Aus dem mit vielen Lichtbildern und sehr hübschen farbigen Trachtenbildern ausgestatte­ten Augustheft ist hervorzuheben der Aufsatz über die Fuorikante, ein nachgelassener Beitrag des heuer verunglückten erfolgreichen Bergsteigers Fred Gai- fer; anschließend schreibt dessen Seilgefährte Bertl Lehmann über die Begehung der Cengalo-Nordwest- kante. Dr. Herbert Tichy berichtet über feine Fahrt auf den 7730 Meter hohen Gurla Mandata, die er als verkleideter Pilger unternahm, Alfred Graber führt uns auf den Gran Sasso d'Jtalia, und Willi Poehlmann auf den Hochfeiler in den Zillertaler Alpen. Eine Abhandlung über das Erbgut der Volkstracht von G. I. Poitschek, verschiedene Erzäh­lungen und allerhand Heiteres aus alten Zeitschrif­ten runden den Hauptteil des ftattlicfren Heftes. Der Nachrichtenteil enthält Bericht und Bilder von der heurigen Hauptversammlung des D.A.V., den Berg­steiger-Monatsspiegel und die bekannten Rubriken über Reise und Verkehr, Hütten und Wege usw.