Die Hunderijahrfeier der „Cacilia" Lich.
* Lich, 6.Juni. Die Feier des hundertjährigen Bestehens der Sängervereinigung „Cäcilia" während der Pfingst- tage gestaltete sich zu einem großen Heimatfest. Die Stadt prangte im schönsten Fahnenschmuck. Bereits am Pfingstsamstag waren die ersten Sänger ein- getroffen.
Die Jubelfeier wurde am ersten Pfingsttag mit einem Festgottesdienst eröffnet, bei dem Stiftsdechant Kohn sprach. Die „Cäcilia" und der Bauersche Gesangverein Gießen bereicherten diese Feierstunde durch ihre Gesänge.
Im Anschluß an den Gottesdienst fand eine eindrucksvolle Totenehrung am Kriegerdenkmal unter Mitwirkung der Sänger und des Musikkorps des II/JR-36 statt, während Der- einsführer K. Lotz die Kranzniederlegung vor- nahm.
Dem großen Sohn der Stadt, Heinrich N e e b , dessen Liedgut in der Licher Sängerschaft stete Pflege fand, galt die
Enthüllung eines Neeb-Gedenksteines
der aus oberhessischem Lungstein unter Leitung von Baurat G i l b e r t, Gießen, ausgeführt und mit einem Relief nach einem Entwurf des Gießener Bildhauers Güngerich versehen ist. Vor dem Dostamt, wo eine geschmackvolle Grünanlage geschaffen wurde, fanden sich zu diesem Festakt zahlreiche Volksgenossen ein.
Liszts festliche Ouvertüre, gespielt vom Musikkorps des II./JR. 36, und der von der „Cäcilia" I
vorgetragene Neebsche Chor „Nachtwächterlied" boten die stimmungsvolle Ueberleituna zu der Weiherede des stellvertretenden Dereinsfuhrers O. Zimmer, der Heinrich N e e b als Sängerführer und Volksführer feierte. In ehrfurchtsvollem Gedenken und als stete Mahnung für die Zukunft hat die „Cäcilia" diesen Gedenkstein errichten lassen.
Der Frankfurter Neebsche Männerchor sang seinem Gründer zu Ehren dos Neebsche „Willkommen". Für die Frankfurter „Neeber" gab Magistratsrot Dr. Reinert V. der Freude darüber Ausdruck, daß die „Cäcilia" ihrem Dirigenten und Förderer in seiner Vaterstadt eine so dankbare Verehrung bewahrt und diesen Gedenkstein errichtet hat. In Anlehnung an den Ausspruch von Neeb: ,Hch bin Künstler, darum muß ich Idealist sein!" forderte der Sprecher zu gleichm Idealismus und gleicher Einsatzbereitschaft für das schon von Neeb ersehnte und nun von dem Führer verwirklichte Großdeutschland auf!
Nachdem er den Gedenkstein mit dem ersten Kranz geschmückt hatte, legte Vereinsführer Herbert von der „Liedertafel" Gießen ihrem Ehrenmitglied einen Kranz nieder.
, Der gemeinsame Chor „Der Du von den Himmeln" leitete zur Uebergabe des Gedenksteines durch O. Zimmer an die Stadt Lich über, in deren Namen Ortsgruppenleiter Kuhn ihn in die Obhut übernahm, wobei er darauf hinwies, daß es immer ein schöner Zug sei, wenn Deutschland seine großen Männer nicht vergißt. Mit dem Sängergruß Hang die Weihestunde aus.
Miläumskonzeri in der Festhalle.
Eine der bedeutendsten Veranstaltungen im Rahmen der Jahrhundertfeier war das Jubiläums- k o n z e r t in der Festhalle. In seiner äußeren Haltung zeigte es, wie das Wirken des festgebenden Vereins freundschaftliche Bande nicht nur mit Vereinen der engeren Heimat, sondern auch mit solchen aus weiter Ferne geknüpft hat. So war ein Mannergesangverein aus dem sangesfreudigen Westfalenland, aus Nachrodt-Obstfeld, erschienen, um einer seit Jahrzehnten bestehenden Sängerfreundschaft am Ehrentage der „Cäcilia" sichtbaren Ausdruck zu geben. Der rühmlichst bekannte „Neebsche Männerchor" aus Frankfurt a. M. betrachtete es wohl als eine Ehrenpflicht, die Stadt Lich, deren berühmter Sohn Heinrich Neeb einst ihren Verein ins Leben rief, am Festtage zu besuchen und Zeugnis abzulegen, daß der Geist des alten Liedmeisters auch heute noch in ihm lebendig ist wie einst. Ebenso war der befreundete Sängerkranz Nidda (gemeinsam mit Liederkranz Ruppertenrod), der nächstes Jahr 100 Jahre besteht, erschienen.
Mit den übrigen am Konzert teilnehmenden Vereinen, der Liedertafel Marburg, der Heiterkeit Gießen und dem Bauerschen Gesangverein, Gießen verbindet die Licher Cäcilia ein festes Band lano- jährioer Freundschaft. Sie alle gehörten einstmals dem Lahntalsängerbund an, jenem Sängerbund, der als erster den Gedanken des Zusammenschlusses zu einer größeren Gemeinschaft in unserer Gegend zur Tat werden ließ. Daß diese äußere Gemeinschaft, die bis nach 1933 bestand, im Laufe der Zeit zu einer wahrhaft inneren wurde, das beweist die starke Verbundenheit^' die auch heute noch unter jenen ehemaligen Lahntalsängerbundesvereinen besteht.
Daß das Konzert, das von den sieben genannten Vereinen bestritten wurde, in feinen Darbietungen nicht einheitlich ausgerichtet sein konnte, bedarf für den Fachmann keiner Erläuterung. Aber gerade dieser Buntheit der Folge entbehrte nicht eines gewissen Reizes, denn sie zeigte gewissermaßen die Entwicklung auf, die der deutsche Männerfang im Wandel der Zeiten genommen hat. So standen neben Schubert, einem der ragendsten Säulen der Komponisten für Männerchor, der feinsinnige Julius Rietz, Wrede, den unsere Zeit fast ganz nergeflen hat, Wildt, der in feinen stark veräußerlichten Werken besonders dem artistischen Können der Vereine entgegenkommt, dann die neu
zeitlichen Tondichter: Kämpf, Kann, Stürmer, Rein, die unserer heutigen Sängerbe- bewegung wirklich etwas gelten. Erfreulicherweise war dem Volkslied, dem Urquell allen Musizierens, ein breiter Raum gegeben worden. Es wurde teils in feiner schlichten Form geboten (Silcher), teils in mehr oder weniger kunstvoller Bearbeitung von Hannemann, Werth, Plötzeneder und Ulmennet.
Für den Sangesfreund und Kenner dürfte es recht interessant und aufschlußreich gewesen fein, die Vereine, die in verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes beheimatet sind, in ihren Leistungen zu hören und zu vergleichen. Besonders auffallend war vjohl der Unterschied im Material zwischen den Hellen, metallisch klingenden Westfalenstimmen und den dunkler und weicher getönten Stimmen unserer Gegend.
Es wurde berechtigterweise viel Beifall gespendet (das große Festzelt war fast vollkommen besetzt), denn die konzertierenden Vereine suchten in edlem Wettstreit sich gegenseitig zu überbieten. Es sangen: Cäcilia Lich (Chorleiter E. I l g e) Gott ist mein Hirt von Schubert; Liedertafel Marburg (Chorleiter Rohde) Nachtlied von Wred-e und Andreas Hofer von Hannemnan; Nidda-Rupp^r- t e n r b b (Chorleiter Daupert) Jugend von Kämpf uyd Wanderers Nachtlied von Stürmer, Frohsinn Nachrodt - Ob st seld (Chorleiter Imhof) Titanik von Wildt, Zu Straßburg von Werth; Heiterkeit Gießen (Chorl. Schütt- l e r) Der Wagen rollt von Kämpf, Mädele ruck von Plötzeneder; Bauerscher Gesangverein Gießen (Chorleiter Blaß) Maienzeit von Rietz, In der Ferne von Silcher; Need sch er Männerchor Frankfurt (Chorleiter Dr. Werner) Lebenslied von Kann, Sommermorgen von Rein, Wir marschieren von Ulmenriet.
Konzert und Kommers zeigten eindrucksvoll, daß die Sängersache in unserer Gegend noch auf sehr erfreulicher Höhe steht. Möge es so bleiben!
H. Blaß.
Der Aestkonmers.
Trotz eines am ersten Pfingsttag gegen Abend einsetzenden Gewitterregens vereinte der Festkom- rners etwa 2000 Volksgenossen zu einem schönen Erlebnis. Mit den Ehrenmitgliedern, deren Zahl
anläßlich dieser Feier um die Sänger Jakob Liß- mann, Ernst T r e ch s l e r und Philipp Wolf erhöht worden war, hatten sich auch zahlreiche Ehrengäste eingefunden.
Wiederum bereitete das Musikkorps des II/JR. 36 unter Leitung von Feldwebel Baumann die feierliche Einführung.' Dann entbot Dereinsführer K. L o tz den zahlreichen Besuchern den Willkommen- grüß.
Der stellvertretende Vereinsführer Zimmer ging dann auf die Geschichte des Jubeloereins ein und zeigte, wie immer in Zeiten vaterländischer Not das Lied der Ausdruck der Sehnsucht und des Glaubens des deutschen Volkes über alles Trennende hinweg war. So war es auch in Lich, der Vaterstadt Heinrich Neebs. Der Redner bat auch für die Zukunft um die Unterstützung der Sänger, damit sie das Erbe der Väter, das deutsche Wesen und die deutschen Sitten in die Zukunft weitertragen können.
Das vom Musikkorps vorgetragene „Largo" von Händel bildete den Auftakt zu der Ansprache des stellvertretenden Gausängerführers Schulrat Born (Darmstadt), der das Lied als Herzenssprache des Volkes würdigte. Er schilderte das Lied als Künder der nationalen Sehnsucht und als eine politische Angelegenheit des deutschen Volkes. Der ärgste Gegner der deutschen Einheit, Fürst Metternich, hatte das erkannt und darum das Lied aus dem deutschen Kulturleben auszumerzen versucht. Aber in den aufkommenden Gesangvereinen entstand das stärkste Bollwerk. -Sie wurden die Künder der nationalen Sache. ^So mag die Gründung in Lich wohl auch damit in Verbindung gestanden haben. Was immer das Dolk bewegte in Freud und Leid, all das fand seinen tiefften Ausdruck im Lied unter den Beweggründen: Gott, Freiheit und Vaterland! Auf dem Deutschen Sängerfest in Breslau hat der Gründer des Dritten Reiches, unser Führer Adolf Hitler, die Sänger anerkannt als die Hüter des deutschen Männergesanges und als die Sachwalter des deutschen Volksliedes. Der Führer hat den Sängern die hohe Aufgabe gegeben, das Dritte Reich mit bereiten zu helfen. Als die Sehnsucht der Deutschen in Erfüllung ging, hatten auch die Sänger ihren Anteil am Gelingen. Schulrat Born würdigte dann die Verdienste des Jubelvereins um die Pflege des Liedes und der Heimatliebe, überbrachte ihm die Glückwünsche des Bundesführers und des Gausängerführers: Im Auftrage des Bundesführers überreichte er der „Cäcilia" „für hundertjährige treue Dienste und in Anerkennung der erfolgreichen Leistungen" die Ehrenurkunde des Deutschen Sängerbundes und im Auftrage des Gaues XII (Hessen) ein vielsagendes Bild „Die Familie". Gleichzeitig teilte er dem Verein mit, daß er zur Verleihung der höchsten Sängerauszeichnung, der „Zelter-Plakette", eingereicht wurde, die ihm demnächst übergeben werden wird.
Kreisführer Müller vom Sängerkreis Gießen überreichte dem Jubilar einen Chor. Ortsgruppenleiter der NSDAP. Kuhn überbrachte mit den Glückwünschen der Partei und der Stadt Lich em Gemälde des Führers. Mit der „Hymne an das Vaterland" von Jochem, von dem Männer-, Frauen- und Kinderchor der „Cäcilia" unter Or- chesterbegleitung wuchtig »orgetragen, fand der erste Teil des Festkommerffes einen eindrucksvollen Abschluß.
Nach einer Pause kamen in den Glückwünschen der auswärtigen Gesangvereine die engen freundschaftlichen Beziehungen mit der „Cäcilia" zum Ausdruck. Die Vereine „Heiterkeit" Gießen, „Eintracht" Hungen, „Neebscher Männerchor" Frankfurt a. M., „Sängerkranz" Nidda, „Frohsinn" Londorf und „Liedertafel" Altena (Westfalen) ließen Geschenke überreichen. Die Marburger „Liedertafel" stiftete 200 RM. für bedürftige Mitglieder. Der Verein Nachodt-Obstfeld (Westfalen) ernannte den jeweiligen Vorsitzenden der „Cäcilia" zum Ehren- lwrsitzenden seines Vereins. Ein besonderes Geschenk überbrachte Erbprinz Dr. H. Otto zu Soms-Hohen- solms-Lich, und auch der Verein für Rafenfpiele, der Turnverein, der Kleinkaliberfchützenverein und
der Derkshrsverein Lich überraschten den Iubelver- ein mit Geschenken.
Am zweiten Pfingsttag unternahm der verdienstvolle Vorsitzende des Derkehrsvereins, Lehrer H i l d, eine Führung der Gäste durch die Stadt. Am Nachmittag bewegte sich ein
großer Fesizug
mit reichlicher Marschmusik, einigen sehr schönen Festwagen aus dem Wandel der Stadt und unter Beteiligung von 35 Gesangvereinen aus Westfalen, von Dill, Lahn und aus bet Wetterau durch die Straßen der Stadt. Von den tausenden, aus nah und fern herbeigeeilten Volksgenossen, die die Straßen säumten, wurden die Teilnehmer freudig begrüßt.
Auf dem Festplatz begrüßte Erbprinz Dr. H. O. zu Solms ° Hohensoms - Lich.die Gäste aus nah und fern zur
Kundgebung
für den deutschen Männergesang.
Er dankte ihnen für die Beweise freundschaftlicher Verbundenheit und sprach allen seinen Sanges- brübern vom festgebenden Verein, sowie allen Lichern Dank und Anerkennung für die Mithilfe zum Gelingen dieses Heimatfestes aus.
Der Provinzsängerführer Wendler (Bad-Nau- heim) beglückwünschte die Sängervereinigung „Cäcilia" zu dem Gelingen dieser Demonstration für den deutschen Männergesang, die für alle Volksgenossen zu einem herrlichen Erlebnis wurde. Namens der Gastvereine dankte er den gastfreien Lichern für die freundschaftliche Au-fnahme. durch die sie diesen Sängertag zu einem schönen Heimatfeste werden ließen. Dem Jubelverein wünschte er auch für die Zukunft eine so rege Anteilnahme, die ein Ansporn zu weiterem selbstlosen Dienst an dem hohen Ideal der Pflege des deutschen Liedes werden möge. In der Erinnerung an die eindrucksvollen Tage anläßlich des Deutschen Sängerfestes sprach er die Hoffnung aus, daß die große Verpflichtung, die in den Worten der Väter gipfelt: „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen" in weite 'Kreise unseres deutschen Volkes Eingang finden möge. Er forderte zu regem Besuch des 3. Hessischen Gaufängerfestes im Juli in Gießen auf und schloß seine Ausführungen mit der Aufforderung, daß aus den kämpfenden Sängern nun singende Kämpfer für Großdeutschland und seinen Führer werden. Hierauf vereinigten sich die Festteilnehmer in dem Treugruß an den Führer und in dem Gesang der Nationallieder.
Die Gesangvereine wetteiferten dann mit ihren Darbietungen, während sich ein reges Festtreiben entwickelte.
Todessturz vom Dache.
Lpd. Alsfeld, 6. Juni. In dem ftreisorte Schwarz stürzte der Schreinermeister Heinrich Krug, als er auf dem Dache seines Hauses etwas nachsehen wollte, so unglücklich ab, daß er einen schweren Schädelbruch erlitt, an dessen Folgen er nach kurzer Zeit verstarb.
Itundsunkprogramm
Mittwoch, 8. Juni.
5 Uhr: Frühmusik. 5.45: Rus ins Land. 6: Morgenlied, Morgenspruch, Gymnastik. 6.30: Frühkon- zert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Aus Bad Münster am Stein: Bäderkonzert. 9.30: Nur Frankfurt: Gaunachrichten. 9.40: Kleine Ratschläge für Küche und Haus. 11.40: Schwester Elfriede. 12: Werkskonzert. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskon- 3ert. 14: Nachrichten' 14.10: Immer so weiter — froh und heiter! 15: Bilderbuch der Woche. 15.15: Gedanken um das Schicksal. 16: Aus Bad Kreuznach: Nachmittagskonzert. 18: Zeitgeschehen. 18.30: Der fröhliche Lautsprecher. 18.45: Fliegendes Deutsch- lanö. 19: Nachrichten. 19.10: Von Hamburg: „Feierabend schlägt fein heiliges Rund..." 20.50: Zwi- schenprogramm. 21: Die tarierte Mütze. 22: Nach- richten. 22.15: Von Breslau: Deutsches Turn- und Sportfest 1938. 22.30: Von Wien: Unterhaltungs- konzert. 24 bis 3: Von Stuttgart: Nachtmusik.
Fäden hin und her.
Vornan von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.
40. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Hallo, jawohl, hier Hammerbacher."
Eine Frauenstimme meldet sich: Herr Geheimrat Koch aus Eigelstein sei hier eingeliefert toorben mit einer hochgradigen Blinddarmentzündung, Der* weigere jedoch die Operation und lasse anpragen, ob Herr Doktor Hammerbacher nicht Herkommen könne, da er ihn seit Jahren behandelt habe und bisher der Meinung gewesen sei, daß man ohne Operation auskommen könne. Wenn es dem Herrn pottor möglich sei, zu kommen» so könne er noch heute nacht den Frankfurter v-Zug erreichen, der um sechs Uhr in Berlin eintreffe, und länger könne man auch nicht mit der Operation, die nach Mei- nung der Berliner Kollegen dringend notwendig sei, warten. Ob Herr Doktor also kommen wolle?
Der Doktor zögert keine Minute. Jawohl, er komme.
"OH ein paar kurze Fragen über den Zu- Itanö des eingelieferten Patienten, und er hängt ab.
Sem erster Blick trifft auf Monikas neugieriges Aesicht, „Rasch, Monika, meinen Heinen Handkoffer. Geheimrat Koch liegt in Berlin mit Blinddarment. zundung. Er will sich ohne mich nicht operieren lassen, der Starrkops."
„Sieht ihm ähnlich, Papa. Wann fährst du denn?" r?^,?oktvr schaut auf die Uhr. „Jetzt haben wir elf. Also in drei Stunden." Dann wendet er sich
U' inzwischen auch hinzugetreten ist. „Tfa, Maraa, das hätten mir uns ja wohl nicht träumen lassen, daß ich nun nach Berlin fahre und Sie hierbleiben."
Marga lächelt vielsagend. „Und wenn ich nun auch führe?"
Der Doktor schweigt einen Augenblick und schaut hinter Monika her, die langsam die Treppe hinauf- steigt, viel zu langsam für seinen Geschmack. Nach, dem sie endlich verschwunden ist, nimmt er Marga bei der Hand und führt sie ins Wohnzimmer.
„Ich mochte Sie sehr bitten", sagt er dort hastig und zieht die Tür zur Diele hin vorsichttg hinter sich zu, „ich mochte Sie sogar von ganzem Herzen bitten, nicht abzureisen, während ich weg bin. Erstens einmal —" er hüstelt leise, lächelt dabei ein wenig und meint es doch wohl ziemlich ernst — „erstens einmal wollen wir doch in Eigelftein keinen
Skandal Hervorrufen, nicht wahr? Bedenken Sie doch, was sich die wilde Phantasie der Eigelsteiner und — Tante Marthas alles ausmalen konnte, wenn es hieße, wir seien nun beide plötzlich in Berlin, wir, das — verzeihen Sie meine Taktlosigkeit — das angehende Brautpaar! Und'außerdem — ich für meine Person empfinde es beinahe als eine Fügung des Himmels, daß ich jetzt nach Berlin gerufen werde. So haben Sie Zeit, sich einmal Eigelftein ohne meine Bemühungen, es Ahnen reizvoll erscheinen zu lassen, anzuse^n. Sie haben Gelegenheit, sich Eigelstein im pursten, grauesten Alltag ju betrachten, so, wie es vielleicht später einmal für Sie sein würde, wenn... wenn ich als alter vertrottelter Greis Ihnen nicht mehr der lebendige Kamerad sein könnte, der ich Ihnen allerdings bis zum Ende meiner Tage zu sein hoffe. Sie sehen, ich mochte Ihnen wirklich jede Möglichkeit geben, sich über Ihre eventuellen künftigen Schritte klarzuwerden. Und ganz abgesehen von allem: Man entscheidet sich immer in schwierigen Fallen leichter, wenn das Objekt dieser Entscheidung nicht in allzu bedrängender Nähe ist. Das ist eine Erfahrung, die ich im Lause meiner zweiundfünfzig Lebensjahre gemacht und stets beherzigt habe."
Marga lächelt unwillkürlich. „Warum betonen Sie die zweiundfünfzig so?"
Aber der Doktor verzieht keine Miene. „Man kann sie gar nicht oft genug betonen. Und wie steht es nun — wollen Sie hierbleiben, bis ich wieder? omme?"
„Und wann kommen Sie wieder?"
„Spätestens übermorgen."
Marga geht ein paarmal im Zimmer auf und ab, dann bleibt sie vor dem Docktor stehen, sieht ihm fest in die Augen und streckt ihm entschlossen die Hand hin. „Gut, ich bleibe."
Da beugt sich der Doktor stumm über ihre Hand und küßt sie. —
Inzwischen hat Monika es für richtig gefunden, Tante Martha zu wecken und ihr ine neuesten Neuigkeiten mitzuteilen. Und als ob sie gehört hätte, was der Doktor unten zu Marga gesagt hat, ist ihre erste Frage, was denn nun aber mit Marga geschehen solle. Es sei doch undenkbar, daß Marga nun auch, wegfahre. Jedermann werde denken, sie sei dem Doktor nach und habe anderwärts ein Rendezvous mit ihm.
Monika lächelt spöttisch. Nun, und wenn es jedermann denke, was sei denn dabei?
Aber Tante Marcha, im Bett sitzend, das dünne Zöpfchen über der linken Schulter, ringt verzweifelt ihre Heinen Hände. „Ich bitte dich, Kind, deines
Vaters ganze Stellung ist dann erschüttert! Und außerdem — es ist ja nicht gerade notwendig, daß wir, daß wir..." Sie verstummt und hat plötzlich Tränen in den Spitzmausaugen.
Monika hilft ihr jedoch kühn und nüchtern über ihre Hemmungen hinweg. „Du meinst, daß es nicht unbedingt nötig ist, daß wir Vaters — na, sagen wir, Vorliebe für Marga Montwill Vorschub leisten, indem wir den Schauplatz der weiteren Geschehnisse nach Berlin verlegen helfen? Meinst du das?"
Tante Martha ist zu Tode verlegen. Du lieber Himmel, wie kann man denn so kaltschnäuzig über so weltumwälzende, drohende Gefahren reden! Und noch dazu als Tochter! Monika tut ja wahrhaftig, als, als... Nein, sie bringt es nicht übers Herz, diese delikaten Sachen vor ihrer Nichte in den Munch ZU nehmen. Sie, Tante Marcha weiß, was sich gehört, und daß es Dinge gibt, die' eine Dame besser mit Schweigen übergeht!
Sie setzt sich also noch gerade auf, schiebt unwillkürlich, wahrscheinlich in dem unbewußten Gefühl, daß es nicht sehr repräsentativ wirkt, ihr Haar- schwänzchen nach hinten und schaut ihre Nichte mit hochgezogenen Brauen mißbilligend an. „Liebes Kind", sagt sie streng, „laß, bitte, wenigstens mir gegenüber, deine frivolen Andeutungen. Wenn etwas vorfällt, und was Dorfällt, das werde ich wohl rechtzeitig von deinem Vater mitgeteitt bekommen. Vorher sehe und höre ich nichts. Was aber Fräulein Montwill betrifft, so ist es unsere Pflicht als Gastgeber, sie herzlichst aufzufordern, doch trotz deines Vaters Abwesenheit dazubleiben. Wenn man diese Bitte mit dem nötigen Nachdruck vorbringt, und wenn Fräulein Montwill nur ein bißchen Feingefühl hat, so wird sie es schon verstehen, wie wir es meinen, und wird bleiben."
Monika lacht leise auf. „Na schon. Dann werde Hf) jetzt also hinuntergehen und mit entsprechendem Nachdruck mit ihr reden." Und der Tante zuwinkend, geht sie zur Tür hinaus.
Tante Martha schaut ihr einen Augenblick wie erftarrt nach. Dann schießt ihr plötzlich eine nervöse; Rote ins Gesicht; sie schleudert die Bettdecke beiseite und ist mit einem Satz aus dem Bett.
"Ach werde das doch lieber selber besorgen", murmelt sie und fährt mit erstaunlicher Schnelle in ihre Kleider.
26. „Sehr einfach, mein Lieber!"
febt st* also!, denkt der Doktor und streift behaglich in den Straßen rings um die Gedächtnis- nrd)e umher. Hier fährt sie mit ihrem hübschen Heinen Wagen im Strom der anderen dahin. Die Verkehrsampel da oben hat sie gewiß schon hundert
mal öfter angeschaut als mich, und dem Schupo da drüben winkt sie sicherlich immer zu und lacht ihn an, daß ihm der Kopf mehr davon faust als von dem Gewühl um ihn her. Und von dem Kaffeehaus da hinten hat sie mir auch schon erzählt; da trinkt sie manchmal mit ihrem Geschäftspartner, Metern — wie heißt er doch gleich? Ach so. ja: Breda^ Mit diesem Breda also trinkt sie dort manchmal Kaffee, und von hier aus rechts hinter der Kirche, die zweite Blumenfrau, das ist ihre Hoflieferantin.
Der Doktor lächelt ein wenig unter feinem hohen, breitrandigen, etwas wüsten Hut und läßt sich, eingekeilt zwischen hundert andere,- über die Fahr- straße treiben, und obwohl er ganz genau weiß, daß er, wenn er jetzt nur der Nase nach geht, unfehlbar vor Marga Monttvills Laden geraten wird, tut er, als wüßte er es nicht, und „laßt sich eben treiben".
steht er denn fünf Minuten später tatsächlich vor dem breiten und hohen Schaufenster der Firma Breda & Montwill, das wahrscheinlich lange keinen jo andächtigen Beschauer mehr vor seinem blanken Glas gehabt hat wie diesen hier. Denn der Do Hör steht und starrt das ungaubliche Vielerlei hinter den Scheiben an, wie ein Kind seinen Weihnachtstisch. Ja, du lieber Himmel, so großartig, so elegant, so modern, so auserlesen geschmackvoll und vornehm hat er sich Marga Montwills Geschäft wirklich nicht uoraestellt. Was für Werte das beherbergt! Da drüben die große zartgrüne Dose: 120 Mark. Dort bie handgewebte Divandecke in reinstem Weiß: 250 Mark. Und die ägyptische Schale — nein, der Teufel, was doch für ein Mut dazu gehört, so ein Dings zu kaufen und zum Verkauf anzubi'eten — 300 Mark kostet die Schale. Alle Wetter!
Und wie feudal übrigens das Geschäft innen eingerichtet ist, mit dem graublauen Bodenbelag den dunkelblauen Sesieln und dem schönen, nußholzenen Dorleyetisch. Spaß muß das machen, in so einem Geschäft zu wirtschaften, sehr viel Spaß!
Er räuspert sich, geht langsam an der Eingangs- für vorbei und stellt sich an das nächste Fenster wo ein paar metallene Serviertische, prachtvoll ae-
Teeservice und zwei große geblümte Ohrensessel ausgestellt sind. Wo sie das nur alles auftreibt das Mädel! Wo sie nur das Händchen her hat, das für so ein Geschäft nötig ist! Und gut äst gehen scheint das Geschäft auch. Gerade kommt eine Dame heraus, und hinter ihr drein schleppt man zwei große Pakete. Drinnen stehen noch zwei Herren und lassen sich Keramikvasen zeigen.
(Fortsetzung folgt.)


