Kr. 130 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 7. Zum 1938
Buntes
Ein krankes Baby im Urwald.
Ein fliegender Missionar, Aerzte und die männliche Bevölkerung von zwölf Dörfern im Urwald Les belgischen Kongogebietes taten sich zu einer höchsten Kraftanstrengung zusammen, um das Leben eines einjährigen weißen Kindes zu retten. In Kan- kinge, tief im Urwald, Hunderte von Kilometer von jeder größeren Ansiedlung von Europäern entfernt, ist der, belgische Ackerbausachoerständige Geurts stationiert. Kürzlich erkrankte das ein Jahr alte Baby, und den Eltern wurde gesagt, daß die einzige Hoffnung, daß das Kind, das an Eiterbildung in den Lungen litt, gerettet werden könnte, die sofortige Ueberführung im Flugzeug in ein Krankenhaus von Leopoldsville sein würde. Man dachte daran, einen Missionar, Pater Bradfer, der ein Flugzeug für seine Reisen im Lande benutzt, zur Hilfe herbeizuholen, aber in der ganzen Gegend um Kankinge gab es keinen genügenden Landungsplatz. Sofort wurden die erwachsenen Eingeborenen aus zwölf Dörfern der Umgegend auf- geboten, und während die meisten damit beschäftigt wurden, ein freies Gelände im Busch herzustellen, wurden einige der Jüngeren als Läufer nach allen Richtungen entsandt, um den Missionar zu suchen und nach Kankinge zu bringen. Die ganze Nacht hindurch liefen sie mit Aufbietung aller Kraft, und am nächsten Morgen wurde der Missionar in Nkolo aufgefunden, wo er gerade einen Schuppen ,für seine Flugmaschine Laute. Die Nachricht brachte ihm ein anderer Pater, der 80 Kilometer von ihm entfernt lebte und von einem der schwarzen Läufer die Nachricht von der Lebensgefahr des Babys erfahren hatte, worauf er in schnellster Fahrt im Kraftwagen den Pater Bradfer aufsuchte. Dieser flog sofort über die Bango-Berge nach Luozi und weiter nach Bandakani, wo er einen Flugplatz selbst angelegt hatte. Hier traf er einen anderen der schwarzen Läufer und nahm ihn als Führer in sein Flugzeug; so gelang es ihm schließlich, nach Kankinge zu kommen. Dort hatten die Eingeborenen rastlos gearbeitet, um eine Landungsfläche herzustellen. Aus der Luft aber sah der Ort noch sehr klein aus, und der Missionar setzte zweimal mit seiner Maschine auf, ging aber sofort wieder hoch, weil er einen Zusammenstoß fürchtete. Bei diesen Versuchen bemerkte er, daß der Boden teilweise wellig war, und so entschloß er sich zur Landung, bei der die Bodenwellen als Bremse dienen sollten. Er hatte Glück, die Landung vollzog sich glatt, aber das Flugzeug kam gerade einen Meter von den Urwaldriesen entfernt zum Stehen, an denen es in Gefahr war zu zerschellen. Mit dem Vater, der Mutter und dem Baby kam der Missionar wieder glücklich vom Boden ab und erreichte das Hospital in Leopoldsville, wo das Killd sofort in Behandlung genommen wurde.
Dom Tanz der Germanen.
Aus der Eigenart des nordischen Menschen, die dem Tänzerischen nicht zuneigen soll, und aus dem angeblichen Mangel an Tanznachrichten aus alter Zeit hat man gefolgert, daß es bei den Germanen keine Tänze gegeben habe, und man hat behauptet, daß diese erst in ausgedehnterem Maße zu tanzen begonnen hätten, seitdem sie beim römischen Mimus in die Schule gegangen seien. Dabei fehlt es jedoch keineswegs an Tanzzeugnissen aus alter Zeit, wie Richard Wolfram in einem Aufsatz der Monatshefte „Germanien" nachweist. Wolfram stellt eine Fülle von schriftlichen Zeugnissen über den Tanz der Germanen zusammen, er zeigt, wie die Sprachwissenschaft an vielen Fällen eine Ergänzung liefert, und er weist darauf hin, daß wir noch heute Tänze antreffen, die deutlich in der germanischen Zeit wurzeln und daher Rückschlüsse auf diese gestatten. Von besonderer Bedeutung ist, daß es unter den Felszeichnungen der Bronzezeit in Schweden und Norwegen eine Fülle von Tanz- bildern gibt, die als religiöse Urkunden anzusehen
Zwei und ein Viertel.
(Line pfingstgeschichie von Peter Mattheus.
Es war ein Fehler der Vorsehung, Pitt mit so kurzen Beinen auszustatten. Denn Pitt machte alle Wege, die Fräulein Hella ging, mindestens dreimal — ein Stück voraus, zurück, und wieder ein Stück voraus. Er war ein Sealyham-Terrier mit dem üblichen, viel zu großen Kopf, dem walzenförmigen Leib, dem Stummelschwanz und den, wie gesagt, lächerlich kurzen Beinen. Seine Farbe war, wenn man ihn frisch gebadet hatte, weiß.
Zweierlei im Leben schätzte Fräulein Hella ganz besonders: Herrn Hans Jürgen Krogh, den sie vor Jahresfrist bei einem Tennisturnier kennengelernt hatte, und dem sie ihre Wertschätzung verbarg, und Pitt, den sie ungleich länger kannte und dem sie ihre Wertschätzung keineswegs verbarg. Sie hielt sehr viel von ihrem Hund und rühmte oft seine KUlgheit. Sie pflegte zu sagen, er sei ein Viertelmensch.
Zur Zeit war besagter Diertelmensch vollkommen verschwunden.
Fräulein Hella hatte am Waldrand nahe der Chaussee im Gras gesessen und sich den Pfingst- betrieb angeschaut. Motorräder waren vorübergebraust mit vermummten jungen Männern am Steuer urib weniger vermummten jungen Damen auf dem Soziussitz, Autos mit zwei oder vier vergnügten Insassen und gelegentlich ein Lastwagen mit einer ganzen Ausflugsgesellschaft. Nur sie war allein. Schließlich hatte sie den Anblick nicht mehr ertragen, war aufgesprungen und in den Wald gegangen. Und dann war ihr plötzlich zum Bewußtsein gekommen, daß sie tatsächlich allein war.
„Pitt!" rief sie. „Pitt! Wo steckst du?"
Nichts.
Sie pfiff. Erst mit gespitzten Lippen — sanft und lockend. Sie gehörte au den vom Schicksal begünstigten Mädchen, die pfeifen können. Dann steckte sie zwei Finger in den Mund und pfiff schrill und durchdringend wie eine Lokomotive. Dies war — was Pitt betraf — das große Alarmsignal. Nichts rührte sich.
Besorgt eilte sie tiefer in den Wald hinein. Ein gewundener schmaler Pfad führte zu einer buschumstandenen Lichtung. Endlich schlugen vertraute Töne an ihr Ohr: Schnaufen, Niesen und tiefe Kehllaute.
„Pitt!" rief sie abermals. „Wirst du wohl kommen!"
Diesmal kam er. Er brach durch die Büsche,
Allerlei. ।
sind. An erster Stelle sind die Bilder des berühmten Kivik-Grabes in Schonen zu nennen, die aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Totenkult in Zusammenhang stehen. Es sind -viele springende Gestalten dargestellt, Reihen von Männern, die einander an der Hand halten und wohl einen Kettentanz ausführen. Das schönste dieser Tanzbilder aus Lycke bei Tanum in Bohuslän in Schweden zeigt tanzende Männer auf einem Schiffsschlitten oder Wagen. Die Bewegung der fünf Männer ist mit großem Schwung gezeichnet. Sie tragen Gegenstände in den Händen, von denen nicht mit Sicherheit zu sagen ist, ob sie Keulen, Hörner oder Lanzen darstellen. Neben diesen bekannten Bildern hat Wolfram bei erneuter Durchsicht der skandinavischen Archive weitere Belege gefunden. In Aseliden, "Sundby (Bohuslän), entdeckte man auf einer Felszeichnung mehrere tanzende Männer in eigenartig stilisierter Haltung. Einer der Tänzer hält einen kleinen runden Gegenstand in der Hand, der vielleicht als Trommel gedeutet werden könnte. Ferner ist auf einer Schiffszeichnung aus Trättlanda bei Tanum, Bohuslän, eine Gruppe tanzender Männer dargestellt, wie sie ähnlich auch auf anderen Bildern vorkommt; dabei sind die Ausmaße in der Felsenhämmerung ganz beträchtlich. Auch für die nachchristliche Zeit sind Tanzbilder nachzuweisen, so auf einer Bronzeplatte aus Torslunda (Oeland) oder auf den Goldhörnern von Gallehus, Jütland. Auf dem untersten Ring des Goldhornes ist ein Tänzer dargestellt, der den rechten Fuß stark nach rückwärts biegt und mit der Hand wie bei einem Schuhplattler gegen ihn zu schlagen scheint. Neben ihm steht ein zweiter Tänzer, der in jeder Hand ein Kurzschwert hält, als ob er sie nach Art des heute noch in Jütland üblichen „Kaeppedans" hinter seinem Rücken zusammenschlagen wollte.
Oer Regimentsdär.
Seit zehn Jahren gehört der Bär Bolioano als anerkanntes und sehr beliebtes Mitglied zu einem Bataillon der französischen Alpenjäger, die in Antibes stehen, und er ist geradezu eine Berühmtheit der Gegend geworden, von deren Streichen immer wieder erzählt wird. Das erste, was man von ihm erwähnt, ist, daß er mit Leidenschaft Tabak frißt. Wenn ihm ein Neuling ein Paket mit der kostbaren Gabe überreichen will, so wird er gleich von allen Seiten belehrt, daß er es nicht aufzumachen braucht, da Bolioano nur daran zu schnüffeln braucht, um zu wissen, was darin ist. Seine zweite besondere Vorliebe ist das ohrenzerreißende Geschmetter von Trompeten, an deren Schallöffnung er gar nicht genug herankommen kann.
Bolioano war zu dem Regiment in früherem Alter als sonst die Rekruten, mit drei Monaten, gekommen, die Soldaten hatten ihn in einem Dik- kicht in den Seealpen während des Sommermanövers entdeckt und trotz seines Sträubens mitgenommen. Ihr erster Gedanke war, ihn heranzufüttern und dann zu einem Festschmaus zu verwenden, aber dann zeigte er sich als ein so drolliger kleiner Kerl, daß die Soldaten nicht mehr daran dachten, ihn zu schlachten. Heute sieht man ihn auf dem geräumigen Exerzierplatz herumwandern, und wenn ein Händler zur Kaserne kommt, um Nahrungsmittel zu bringen, ist er sofort zur Stelle und zeigt das lebhafteste Interesse für den Inhalt der Körbe. Besucher, die von seinem Dasein nichts wußteck, haben sich oft schon erleichtert den Schweiß von der Stirne gewischt, wenn der hellte recht stattliche Bär, ein 150 Kilogramm wiegendes Tier, endlich davon abließ, sich dicht an ihre Fersen zu heften und sie genau zu inspizieren, um festzustellen, ob er sie zulassen ober verjagen sollte. Einmal wurde Bolioano von Rekruten, die empört waren, daß er ihnen ihre Nahrungsmittel weggefressen hatte, mit Riemen geschlagen, aber das geschah nur einmal, denn sie erhielten dafür von den alten Soldaten ihrerseits eine gehörige Tracht Prügel. Wenn es
sprang mit heraushängender Zunge auf sie zu und kläffte ausgelassen. Seine Nase war über und über mit Sand beschmiert, und oberhalb des einen Auges klebte ein schwärzlicher Klumpen Erde.
„Himmel — wie siehst du aus?" sagte sie und rang die Hände.
„Ich fürchte", klang eine demutvolle Stimme von den Büschen her, „es ist meine Schuld. Wir haben nämlich zusammen versucht, einen Maulwurf auszugraben."
Rasch wandte sie sich um. Ihr Blick wurde eisig. Zwischen den Zweigen schaute, rot und verlegen, das Gesicht eines jungen Mannes hervor. Mit blauen Augen unter so hellen Brauen, baß sie wie weiße Striche wirkten.
„Ah —!" stieß sie hervor unb nickte. „Das hätte ich mir denken können. Herr Krogh!"
Sie kehrte dem Gesicht brüsk den Rücken, setzte sich ziemlich überraschend auf den Waldboden und begann, ziellos Maiglöckchenstiele zu rupfen.
Der junge Mann — ein sehr langer unb sehr blonder junger Mann — wand sich aus den Büschen heraus und kam zögernd näher.
„Da bin ich!" sagte er überflüssigerweise.
„Es ist kaum zu übersehen", bemerkte Fräulein Hella spitz. „Darf ich fragen, wie Sie hierher kommen?"
He^r Hans Jürgen Krogh sah eine Weile mit schiefgeneigtem Kopf zu ihr hinab unb zerrte so heftig an seinen Fingern, daß die Gelenke knackten. Dann stieß er einen Seufzer aus und ließ sich mit jähem Entschluß neben sie ins Gras sinken.
„Die Wahrheit ist", sagte er kleinlaut, „daß ich Ihnen nachgegangen bin. Ich bin im gleichen Zug gefahren wie Sie — nur in einem anderen Abteil. Und als Sie vorn an der Chaussee saßen, bin ich ein Stückchen oor^elaufen. Pitt hat mich bann entdeckt. Wir sind ja sehr befreundet miteinander, nicht?"
Pitt, der sich gerade in einer Sandkule wälzte, fuhr beim Klang seines Namens auf die Beine unb blinzelte freundlich herüber. Fräulein Hella jedoch sah starr auf die Maiglöckchen in ihrem Schoß unb fing an, sie zu einem Kranz zusammenzufügen.
„Mich rounbert bas alles", erklärt sie. „Ich dachte, nach bem gestrigen Telephongespräch hätten 'mir uns nichts mehr zu sagen."
„Doch!" sagte Jürgen eifrig. „Doch! Eine Menge. Es tut mir schrecklich leib, wenn ich unhöflich war. Das Ganze war ein bebauerlicher Irrtum. Ich habe inzwischen — hm — festgestellt, daß der Herr wirklich Ihr Onkel ist."
„Wie? —" Sie starrte ihn fassungslos an.
sonst nichts in der Kantine zu „fassen" gibt, geht Bolioano zum Wasserhahn, richtet sich mit seinem gewaltigen Körper auf unb brückt geschickt den Hahn auf, so baß bas Wasser fließt unb er trinken kann. Dasselbe tut er auch, wenn er Gelüste auf ein Bad hat; bann habet er erst die eine Seite, schließt den Hahn, breht sich um, öffnet den Hahn roieber unb läßt das Wasser über die anbere Seite riefeln.
Aus der Stadt Gießen.
Schöne Pfingsttage.
Die beiben Pfingstfeiertage brachten unserer engeren Heimat rechtes, schönes Pfingstwetter, bas den Hoffnungen und Wünschen in Stadt und Land weitgehend gerecht wurde. Bereits am Samstag setzte der Reise- und Ausflüglerverkehr besonders stark ein. Während der beiden Feiertage war aus der Stadt eine große Wanderung hinaus ins Freie im Gange, wobei auf Schusters Rappen, mifbem Rad, oder mit dem Kraftfahrzeug nach allen Richtungen hin Großverkehr herrschte. Zwar bereitete der plötzliche Wirbelsturm mit kurzem Gewitterregen am Pfingstsonntag gegen Abend manchen Ausflüglern eine wenig erfreuliche Ueberraschung, jedoch war um diese Zeit der größte Teil des Sonntagsausfluges bereits bewältigt, so daß die Wanderfreude oder das Vergnügen an der Pfingstfahrt kaum noch beeinträchtigt werden konnten. Der gestrige zweite Pfingsttag brachte vom Morgen bis zum Abend herrliches Sommerwetter, bas wieder- um in umfangreichem Maße zu Ausflügen aller Art benützt würbe. Den ganzen Tag über herrschte in Feld und Wald, sowie auf allen Straßen unb Wegen reger Verkehr, wodurch die Inhaber der Ausflugsstätten erfreulicherweise zu dem von ihnen erhofften guten Psingstgeschäft tarnen. Die Reichsbahn unb die Kraftomnibusbetriebe waren unter Einsatz aller Verkehrsmittel tätig, um den erheblichen Anforderungen genügen zu können. Erfreulicherweise wickelte sich der gesamte Verkehr in unserer engeren Heimat trotz des Hochbetriebs ohne Unfälle ab, so daß auch die Sanitätsbereitschaft Gießen nach dieser Richtung hin Feiertagsruhe genießen konnte. Den Ausflüglern konnten die beiben Ruhetage bei bem schönen Wetter eine bantbar begrüßte Erholung von der Alltagsarbeit bringen.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag. *
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr, „Der Raub der Sabinerinnen" mit Otto Gebühr. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Maultorb". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die unruhigen Mädchen".
Okto Gebühr im Skadllheater.
Heute abend findet ein einmaliges Gastspiel des bekannten Bühnen- und Filmkünstlers Otto Gebühr mit seinem Berliner Ensemble mit Franz unb Paul von Schönthans Schwank „Der Raub der Sabinerinnen" statt;
71GOAP., Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Am Mittwoch, 8. Juni, pünktlich um 20.30 Uhr finbet im „Burghof" (Burggraben) ein Schulungs- abenb für bie Politischen Leiter, Walter, Warte, Frauenschastsmitglieber, sowie bie Führer ber HI. unb bes BDM. statt. Es spricht Kreisschulungsleiter Pg. Michel. Erscheinen ist Pflicht.
Etudentenkamerodschast „Ulrich von Hutten".
Die Kamerabschaft Fischer des Nationalsozialistischen Deutschen Studenten-Bundes auf bem Gießener Frankenhause nahm am 4. Juni, bem Stiftungstage ber Frankonia, auf Vorschlag bes Bun- besleiters bes A. H.-Verbanbes ber Burschenschaft Frankonia ben Namen „Ulrich von Hütte n" an, ben Namen bes aus unserem Heimatgau stam- menben (Steckelburg, sein Name im Volkslieb: „Der eble Hut von Franken") aufrechten Vorkämpfers für bie beutsche Reichseinheit.
Sperrt die Katzen ein!
Lpb. Mitte Juni werben bie Jungen ber bei uns brütenben Singvögel flügge. Sie machen in bissen Tagen ihre ersten felbftänbigen Flugversuche und meist gelingen diese ersten Flüge nicht recht. Mancher junge Vogel erreicht sein Nest nicht wieder; er muß irgendwo in einer Hecke mit neuen Versuchen beginnen. Viele junge Vögel werden in diesen Tagen das Opfer der Katzen, die ihnen mit List und Tücke nachstellen. Sie jagen die halbflüggen Vögel, bis diese ermatten unb sich nicht mehr erheben können. Dann fallen sie der Katze unrettbar zum Opfer. Es muß baher von jebem Katzenhalter verlangt werben, baß er bie wenigen Tage über, an benen bie jungen Singvögel fliegen lernen, bie Katzen, befonbers bei Nacht, einfperrt. Viele taufenb junger Singvögel würben bann am Leben bleiben, benn bie alten Vögel finben ihre verirrten Sprößlinge mit unfehlbarer Sicherheit unb tragen ihnen bie erfor- berliche Nahrung zu.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 7. Juni. Auf bem heutigen Wochenmarkt kosteten: Feine Molkereibutter, % kg 1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Köse, das Stück 4 bis 10, Sier, deutsche, Klasse S 13, Klasse A 12%, Klasse B 12, Klasse C 11%, Klasse D 10%, Enteneier 11% bis 12%, Wirsing, % kg 12 bis 14, neue gelbe Rüben, das Dünbel 15 bis 20, Karotten, % kg 10 bis 12, rote Rüben 10, Spinat 8 bis 12, Römischkohl 8 bis
12, Bohnen, grün, 25 bis 30, Spargel, 1. Sorte 60, 2. Sorte 55, 3. Sorte 50, 4. Sorte 35, Unterkohlrabi 10, Erbsen 15 bis 30, Tomaten 40 bis 60, Meerrettich 40 bis 50, Schwarzwurzeln 25 bis 30, Rhabarber 10 bis 18, Kartoffeln, alte, % kg 5 Pf., 5 kg 44 bis 45 Pf., 50 kg 3,30 bis 3,90 Mark, neue, % kg 15 bis 18 Pf., Aepfel 30 bis 35, aus- länbische Aepfel 50 bis 60, Kirschen 60, Stachelbeeren 25, Blumenkohl, bas Stück 40 Pf. bis 1 Mark, Salat 5 bis 12 Pf., Salatgurken 40 bis 50, Oberkohlrabi 18 bis 20, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30, Rettich 8 bis 10, neue, bas Bünbel 15 bis 20, Radieschen, das Bündel 5 bis 10 Pf.
*
** Goldene Hochzeit. Am heutigen Dienstag, 7. Juni, begehen Rechnungsrat i. R. Michael Bauer und Frau Katharina, Alicenstraße 29, bet guter Gesunbheit bas Fest ber Golbenen Hochzeit. Dem Jubelpaar unseren herzlichen Glückwunsch!
** 75 Jahre alt. Frau Katharine Hofmann, geb. Keßler, in Gießen, Bruchstraße 14, vollendete am 1. Pfingstfeiertag ihr 75. Lebensjahr. Sie bezieht seit 1893 ben Gießener Anzeiger. Unseren herzlichen Glückwunsch!
** Trachtengruppen werben in Gießen verabschiebet. Die Trachtengruppen bes Gaues Hessen-Nassau, bie — vgl. unseren Bericht vom Samstag — zur Reichstagung ber NS.-Gemeinschaft „Kraft burch Freub'e" fahren, werben am morgigen Mittwochvormittag gegen 8.30 Uhr in Gießen vor bem Bahnhof von ber Gauwaltung Hessen-Nassau verabschiebet.
Landkreis Gießen.
<£ Reiskirchen, 7. Juni. Bei dem starken Verkehr, der sich gestern durch unseren Ort abwickelte, ereignete sich bedauerlicherweise auch ein Verkehrsunfall. In der scharfen Kurve am Eingang des Dorfes von Gießen her stießen ein Personenwagen unb ein Motorrad z u - summen. Das Unglück lief noch gut ab, es wurde nur ber Beifahrer bes Motorrades etwas verletzt. Von der Polizei wurde sofort der Tatbestand ausgenommen.
„Ja", sagte Jürgen. „Der Herr, der Ihnen gestern vor Ihrer Haustür einen Kuß gab, ist wirklich Ihr Onkel. Ich habe — hm — ich habe mir
erlaubt, ihn anzurufen."
„Wie —?" fragte Fräulein Hella abermals. „Empörend!"
„Oh — weshalb?" sagte er. „Es erschien mir so furchtbar wichtig. Der Herr war übrigens riesig nett zu mir. Ganz reizend war er."
Sie schwieg und arbeitete an ihrem Kranz.
„Es tut mir leid", fuhr Jürgen reuevoll fort und warf ihr einen scheuen Seitenblick zu. „Ich gebe zu, daß Eifersucht eine häßliche Eigenschaft ist. Aber vergessen Sie doch nicht: ihre Ursache ist meistens L..."
Er verstummte plötzlich unb hustete.
„Ja —?" sagte sie.
„.. .Zuneigung", vollendete er. „Meistens Zuneigung."
Der Kranz war fertig. Sie nahm ihn und stülpte ihn Pitt mit einem Ruck über die Ohren.
„Sitz still, Untier!" lachte sie. „Sieht er nicht wundervoll aus?"
„Wie ein kleiner Pfingstochse", sagte Jürgen anerkennend.
Eine Zeitlang saß Pitt regungslos da und schielte mißvergnügt auf bie Maiglöckchenstiele, bie ihm über bie Augen hingen. Schließlich schielte er zu ben beiben hin. Und als er fand, daß sie sich gar nicht — aber auch gar nicht um ihn kümmerten, schüttelte er sich so energisch, daß bie ganze Pracht sich auflöste und in die Luft wirbelte. Die letzten Stiele entfernte er mit ber Pfote.
Dann setzte er sich auf feine Keulen unb kläffte triumphierend, wobei sein Schwanz in einem Jrr- sinnstempo wackelte.
Nicht einmal das bemerkten die beiden.
Hochschulnachrichten.
Der Honorarprofessor Dr. Werner Schule- mann wurde zum o. Professor ernannt. Ihm wurde an der Universität Bonn ber Lehrstuhl für Pharmakologie übertragen. Prof. Dr. phil. Dr. meb. Schulemann, der seit 1931 an ber Medizinischen Akabemie Düsfelborf wirkte, hat als Direktor bei ber IG. Farbenindustrie bahnbrechend für bie Herstellung von Arzneimitteln, befonbers für ein neues Präparat gegen bie Malaria, gewirkt.
Professor Dr. Kurt Wagen er, der Leiter des Instituts für Veterinärhygiene ber Universität Berlin, würbe in gleicher Diensteigenschaft an bie Tierärztliche Hochschule Hannover berufen.
AbenteuerzwischenAlgierundTimbuktu
Hermann Scheffler hat ben Weg von Algier nach Timbuktu im Auto zurückgelegt unb seine Einbrücke in farbkräftigen Silbern festgehalten, bie im Juni-Heft von Del Hagen L Klasings Monatsheften veröffentlicht werben, lieber bie schlimmste Strecke berichtet er: „Nach ber Ab fährt von Reggan hatten wir nur noch kurze Zeit bas gewohnte Bild ber Bobengestaltung aus Sanb und Geröll, flachen unb tiefen Senkungen. Mehr und mehr verebbte biefer Geländecharakter, unb erschrek- kend schnell steigerte sich bie Wüste zu grauenhafter Leere, zu unvorstellbarer Monotonie. So ging es nun schon Stunben ohne Wechsel, lieber unermeßliche Fernen kriecht bas Schweigen bes Todes, ber lauernbe Irrsinn... Ich erschrecke über einen großen weißen Knochen, ber flirren!) über bie glühenden Kiesel kollert. Wer weiß, in welcher endlosen Ferne ihn ber Wind aus bem klapprigen Gefüge eines Kamelskeletts gelockert haben mag!. Der Chauffeur ist mübe. Er macht einen Halt. Wir steigen ebenfalls aus unb schlendern planlos in bas Nichts hinein. Wir entfernen uns etwa zweihundert Schritte vom Wagen unb kehren bann um Aber was für ein Anblick? Das Auto ist quer durch- fchnitten, aufgequollen schaukelt ber Unterteil über bem Sand, darüber schwebt die riesengroße Oberhälfte ... Im Näherkommen geht dies Zerrbild ber Hitze auf die normale Form zurück... bas unver- änberte Auto nimmt uns wieber auf. Optische Täuschungen narren uns auch auf ber Weiterfahrt. Don fünf zu fünf Kilometer ragen turmartige Gebilde auf. Sie schrumpfen zusehends zusammen, und beim Herankommen sind es mit Sanb gefüllte Shell- Tonnen, die Bojen des Sanbozeans. Wie zum Hohn auf die grausige Verlassenheit springen erschreckend plötzlich zwei Autos, riesig wie Wolkenkratzer ins hitzeflimmernde Blickfeld. Wir sind schnell heran und halten vor den beiden verankerten Stationsautos von „Bidon 5", ber einsamsten Tankstelle ber Erbe. Ein verstört blickender Araber, ber Tankwächter, kriecht hinter den Wagen hervor und Hilst mit lahmen Bewegungen bei ber Brennstoffaufnahme. Wie lange noch, bann wirb ihn ber Irrsinn gepackt haben wie seinen Vorgänger." Zwei Tage geht es so burch bie Wüste. Dann kommt mit spärlichem Grün ein Steppengürtel und enblich, endlich heben sich bie ersten Palmen in tropischer Hitze aus dem Dunst. Der Tob liegt hinter ben Wüstenfahrern, bas Leben Zentralafrikas beginnt.


