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Nr.82 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, 7. April 1938

Aus der Stadt Gießen.

Freut Euch des Lebens!

Das WortMan soll die Feste feiern, wie sie fallen!" gilt auch für die Gedenktage. So sei ge­rade zu dieser Zeit des Dichters Johann Martin Usteri gedacht, der am 12k April vor 175 Jahren in Zürich geboren wurde und dem wir das Geschenk des vielgesungenen Liedes von der Lebensfreude zu verdanken haben. Ein Geschenk, das viel größer ist, als wir gemeinhin ahnen, weil es immer wieder Trübsalbläser gibt, die nichts von der Freude und vom Glück dieses Lebens wissen wollen.

Warum eigentlich nicht? Nur, weil das Leben in seinem Ablauf auch Schmerzen und Trauer birgt? Weil es Arbeit und Mühe macht? Und uns Pflich­ten auferlegt? Sind das wirklich Gründe, um Trüb­sal zu blasen? Um zu seufzen?

Welchen Weg sollen wir einschlagen? Sollen wir, um uns entscheiden zu können, die Philosophie zu Hilfe rufen? Das ist oftmals ein gefährlich Ding, weil wir durch die Philosophie nur allzu leicht in einen Wald von Begriffen geraten, aus deren Dickicht wir nicht wieder herausfinden können. Da ist es schon gescheiter, wir gehen in den richtigen, in den grünen Wald, dessen geheimnisvolles Rau­schen uns umgibt. Oder wir steigen auf die Berge, um die Schönheiten der Welt vor uns ausgebreitet zu sehen. Oder wir fahren an das Meer, um uns in den weißen Sand zu werfen, in den blauen Him­mel zu schauen, und so abermals gewahr zu wer­den, wie der Schöpfer dieser Welt alles getan hat, um unser Herz mit heller Freude zu erfüllen.

Doch wir brauchen gar nicht einmal in den Wald, auf die Berge, an das Meer zu gehen. Wenn wir das Lächeln eines Kindes in der Wiege, das Glück einer Mutter sehen, auch dann steigt heiße Lebens­freude in uns auf! Denn Mutter und Kind, sie beide sind Träger unseres ewigen Volkes, das nun wieder frei, groß und mächtig wurde, ja noch größer und mächtiger wurde, seitdem uraltes deutsches Land wieder in das Reich zurückgefunden hat. So brau­chen wir also nur den Umkreis des Werktages und Alltags zu betrachten, um das Glück und die Freude zu spüren, in der wir leben.

Wem aber dies alles noch nicht überzeugend ge­nug ist, der frage die Zehntausende, die Hundert­tausende, die Millionen, denen durch das neuerstan­dene Reich, durch die aufgerufene Volksgemeinschaft an Leib und Seele geholfen wurde. Oder jene Zehn- tausepde und Hunderttausende, denen durch das Werk des Führers die Schönheiten unserer Heimat und gar die Schönheiten fremder Länder erschlossen wurden; oder jene, die in das Reich der Kunst ein­geführt wurden!

Gewiß", wird man rufen,letzt ist es wieder eine Freude zu leben! Jetzt, wo wir den Führer haben!" Demnach scheint es also so, als ob die Le­bensfreude eng mit dem Werk de^. Führers zusam­menhinge? Nun, es scheint nicht nur so, es ist so! Erinnern wir uns doch der Worte, die der Führer jüngst beim Stapellauf des UrlauberschiffesRobert Ley" ausgesprochen hat:Wir wollen dem ganzen deutschen Volke die Schönheit des deutschen Lebens, der deutschen Landschaft, der deutschen Kultur er­schließen!" Und etwas später:Die Verwirklichung (dieses Wollens) kann allerdings nur gelingen in der Erkenntnis, daß dieses Leben im gesamten nur schöner werden kann durch die gemeinsame Arbeits­leistung aller!"

Indem aber der Führer diese Worte aussprach, hat mit einem kräftigen Hieb den gordischen Knoten durchschlagen, der sich aus der Vielzahl ver­wirrender Weltanschauungen geknüpft hatte. Und wir erkennen: Wir sind auf der Welt, um glücklich zu sein! Aber wir müssen uns dieses Glück durch gemeinsame Arbeitsleistung selbst schaffen! Vorüber sind also alle bangen Fragen, welchen Weg, wir ein­schlagen sollen. Hell liegt der Weg, den wir zu be- schreiten haben, vor uns. Es ist der Weg des Füh­rers, über welchen Weg die Worte des vor 175 Jahren geborenen Dichters Johann Martin Usteri geschrie­ben stehen: Freut Euch des Lebens!

Der Tag des Groß-DeuWen Reiches in Gießen.

Für den Tag des Großdeutschen Reiches am Samstag, 9. April 1938, gelten für die Kreishaupt­stadt folgende Anordnungen:

Etwa von 15 Uhr ab fahren die Gliederungen der Bewegungen auf Lastwagen durch die Stadt.

Das Jungvolk und die Hitler-Jugend veranstalten Propagandamärsche.

Zur gleichen Zeit finden auf den Plätzen der Stadt Standkonzerte statt. Es spielen:

1. Die Kreiskapelle von 15 dis 16 Uhr auf dem Kreuzplah und von 16 bis 17 Uhr am Sel­terstor.

2. Die Kapelle der Standarte 116 von 16 bis bis 17 Uhr auf dem kreuzplah und von 17 bis 18 Uhr am Selterstor.

3. Das Rlusikkorps des Jnf.-Rgts. 116 von 17 bis

18 Uhr auf dem Kreuplah.

Um 19 Uhr marschieren sämtliche Gliederungen und angeschlosfenen Verbände der Partei zur Ueber- tragung der Führerrede aus Wien auf den Oswalds- garten. An dem dort ftattfindenden Appell nehmen außer diesen Organisationen sämtliche Vereine und Verbände, sowie die Gießener Betriebe geschlossen teil Eine besondere Aufforderung zur Teilnahme ergeht nicht mehr. Es entspricht der Bedeutung des Tages, daß auch die gesamte übrige Bevölkerung an dieser Feierstunde teilnimmt.

Die technische Durchführung des Aufmarsches liegt in den Händen der SA. Den Anordnungen der für den Ordnungsdienst eingeteilten SA.-Führer und SA.-Wänner ist daher unbedingt Folge zu leisten.

Den Absperrdienst versieht die Schuhstaffel.

Der Aufmarsch muß um 19.30 Uhr beendet sein. Die Vereine und Verbände müssen daher so früh­zeitig an ihren Vereinslokalen antreten, daß die Mehrzahl derselben schon gegen 19.15 Uhr auf dem Oswaldsgarten angelangt ist. Die Betriebssichrer

werden gebeten, für das rechtzeitige Eintreffen ihrer Gefolgschaften zu sorgen.

Um 19.35 Uhr erfolgt auf das Kommando des Kreisleiters die hisfnng der Flagge, die auf dem Oswaldsgarten ausgestellt ist.

Bis zur Uebertragung der Führerrede, bie um 20 Uhr beginnt, wechseln Darbietungen der Musik- züge mit Gesangsvorträgen der vereinigten Gieße­ner Gesangvereine ab.

Nachdem der Führer geendet hat, wird das Nie­derländische Dankgebet gesungen.

Die Bewohner der ganzen Stadt und insbeson­dere die der den Oswaldsgarten umsäumenden Häu­ser werden aufgefordert, festlich zu illuminieren.

Für die Politischen Leiter gilt folgendes:

Der Kreisstab, die Kreiskapelle und die Politi­schen Leiter der vier Gießener Ortsgruppen flehen um 18.45 Uhr vor der Kreisleitung in der Lony- ftraße angetreten und marschieren von dort auf den Kundgebungsplah. Die Fahnen find sämtlich mit­zuführen.

Kreisleitung Wetterau der NSDAP.

Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.

Vetr.: Einsatz der Hitler-Zugend am 9. und 10. April 1938.

Wie bereits mit Schreiben vom 25. März 1938 bekanntgegeben, steht.die Hitler-Jugend des Bannes 116 den Ortsgruppen zum Einsatz für die Wahl­propaganda zur Verfügung. Nach der Anordnung des Stabsführers hat sich die Hitler-Jugend auf Anforderung auch den Ortswaltungen der NSV. zur Verfügung zu stellen.

Die Gefolgschaftsführer und Führer der Sonder­einheiten haben sich sofort wegen des Einsatzes der Hitler-Jugend am 9. und 10. April mit den für sie zuständigen Ortsgruppen in Verbindung zu setzen.

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Immer mehr tritt in den Straßen unserer Stadt auch äußerlich der Tag der Volksabstimmung in Erscheinung. Seit Tagen erinnern die über Straßen und Gassen gespannten Spruchbänder an die Pflicht aller Volksgenossen für den 10. April; seit Tagen leuchten von vielen Plakattafeln und Häuserfronten Plakate in allen Farben mit eindringlichen Auf­rufen, sich der Bedeutung der Volksabstimmung bewußt zu sein. Nunmehr sind auch viele Gießener Ladengeschäfte dazu übergegangen, einzustimmen in die Wahlpropaganda und ihren Beitrag zur großen Sache zu leisten.

Auf einem Gang durch die Stadt kann man überall beobachten, daß sich die Gießener Geschäfts­welt mit außerordentlicher Liebe der Sache ge­widmet und die Schaufenster in einprägsamer Art für den Zweck der Wahlpropaganda gestaltet hat. Die meisten Grschäfte stellten ein ganzes Schau­fenster zur Verfügung, auch da, wo die Zahl der Schaufenster gering ist und dadurch der Kaufmann auf die Werbewirkung seiner Waren im Schau­fenster verzichten muß.

Es ist interessant und sehr erfreulich festzustellen, daß die Gestaltung der Schaufenster in sehr ver­schiedenartiger Weise erfolgte und eine Fülle der Ideen beweist. In der großen Linie befleißigte man sich aller Einfachheit und erzielte damit die stärkste Wirkung. Naturgemäß findet man überall in den Schaufenstern ein Bild des Führers, und auch hier kann man eine erfreuliche Feststellung machen: man sieht eine überraschende Fülle der verschiedenartig­sten Bildnisse des Führers, vorn einfachen Kupfer­tiefdruck bis zum Original-Oelgemälde. Vielfach werden die Führerbildnisse in schlichten, zum Teil auch in sehr repräsentablen Rahmen gezeigt. Als

schönes Mittel zum Schmuck der Schaufenster hat man ferner ausdauernde Grünpflanzen verwandt, aber auch blühende Pflanzen geben dem Mittel­punkt der Schaufenster, dem Bild oder der Büste' des Führers, eine glückliche Umgebung. Fast überall, findet man auch die Parole oiefes Wahlkampfes in schöner Schrift und in mannigfacher Anordnung wiedergegeben. In manchen Schaufenstern ist des Führers als Einigers des Reiches dadurch gedacht worden, daß eine Landkarte von Großdeutschland beigegeben wurde. In mehreren Schaufenstern wurde Großdeutschland aus geeignetem Material plastisch herausgearbeitet.

Eine Reihe von Geschäftsinhabern ist noch damit beschäftigt, ihre Schaufenster in ähnlicher Weise auszustatten, so daß man in den beiden nächsten Tagen noch manchen deutlischen Beweis dafür er­kennen wird, daß sich die Geschäftswelt geschlossen und opferbereit hinter die Sache unseres Führers und damit in den Dienst unserer Volksgemeinschaft stellt. ____________

Bornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Stadttheater: 20 bis 22 UhrDie Jahreszeiten". Gloria-Palast, Seltersweg:Verklungene Me­lodie". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Der Biberpelz". Zirkus Althoff um 20.15 Uhr auf Os­waldsgarten.

Haydn:Die Jahreszeiten".

Heute um 20 Uhr findet das fünfte Konzert des großen Städtischen Orchesters in Verbindung mit dem Konzertverein statt. Das Konzert bringt

Haydn:Die Jahreszeiten", Oratorium für Chor, Soli und Orchester. Die Leitung hat Prof. Ste­fan Temesvary. Als Solisten wurden verpflich­tet: Helene Fahrni, Leipzig; Erich Meyer-Stephan, Frankfurt, und Anton Knoll, Frankfurt. Ausfüh­rende: der akademische Gesangverein, der Sänger-. kränz Gießen, das Friedberger Doppelquartett, der Friedberger Frauenchor und das Städtische Orche­ster. Das Konzert findet außer Miete statt.

Don der Universität Gießen.

Von der Pressestelle der Ludwigs-Universität Gie< ßen wird mitgeteilt:

Der Reichs- und preußische Minister für Wissen­schaft, Erziehung und Volksbildung hat Professor Dr. Friedrich Bernhard in Gießen beauftragt, für das Sommersemester 1938 die Vertretung des durch die Berufung von Professor Dr. A. W. Fi­scher nach Kiel frei gewordenen Lehrstuhls für

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Chirurgie zu übernehmen. Gleichzeitig wurde Pro­fessor Dr. Bernhard mit der Vertretung des Direktors der Chirurgischen Klinik während dieser Zeit beauftragt.

Weiter übertrug der Reichserziehungsminister dem Dozenten Dr. Otto Friedrich Bollno w von der Universität Göttingen die Vertretung des durch den Weggang von Professor Dr. Gerhard Pfah- l e r nach Göttingen freigewordenen Lehrstuhl für Psychologie und Pädagogik für das Sommer­semester 1938.

Der ordentliche Professor Lic. Vogelsang wurde zum Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Gießen ernannt. Das Amt des Pro­dekans in der gleichen Fakultät wurde dem ordent­lichen Professor Dr. Haenchen übertragen.

Anzeigepflicht für Motorbetriebe.

Jeder Gewerbetreibende, in dessen-Werkstatt oder Betrieb ein durch elementare Kraft (Dampf, Wind, Wasser, Gas, Elektrizität usw.) bewegtes Triebwerk in gleichviel welchem Umfange zur Verwendung kommt, hat die Aufstellung und Inbetriebnahme innerhalb acht Tagen nach deren Beginn der Orts­polizeibehörde anzuzeigen. Zuwiderhandlungen wer­den bestraft.

Zögerabend im April.

Der übliche Jägerabend wies auch im April wieder einen ausgezeichneten Besuch auf. Im Mittelpunkt stand ein Vortrag des Professors Dr. Zentgraf über das Thema:Was der Jäger vom Wilde nicht weiß." Er zeigte an Hand zahl­reicher Beispiele aus dem Leben unserer bekann­testen Wildarten, wie Hase, Reh, Hirsch, Rebhuhn, und Auerhahn, wie es in dem Leben dieser Tiere noch eine ganze Zahl von Fragen für den Jäger gibt, die bis heute nicht eindeutig gelöst sind, oder wie wissenschaftliche, gründliche Forschung manche als unumstößlich betrachtete Jägermeinung als falsch hat erkennen lassen. Sein Wunsch ging dahin, daß jeder Jäger sich zugleich als ein Forscher auf diesem Gebiete betrachten möge und mithelfen möge, indem er seine Beobachtungen nicht für sich behält, sondern weitergibt und nachprüfen läßt.

Die mit großem Beifall aufgenommenen hoch­interessanten Ausführungen, die vielen Jägern viel Neues brachten, wurden durch Mitteilungen des Kreisjägermeisters Nicolaus, Oberforftmeisters Scheel und Stabsjägermeisters Holzel er, gänzt. Der Kreisjägermeister gab ferner bekannt, daß die Trophäenschau der Kreise Gießen und Friedberg gemeinsam am Sonntag, 8. Mai, in

Abenteuer in Paris.

Vornan von Hans Hirthammer.

Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

28. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

28.

Als Gerda Bosch zu sich kam, muhte sie die er­schreckende Feststellung machen, daß.sie an Händen und Füßen gefesselt war. Zu allem Ueberstuß war sie auch noch auf dem Stuhl festgebunden, auf dem sie saß. Ihr ganzer Körper schmerzte sie

Sie war allein, und zwar schien dieser Raum das Schlafzimmer ihres Peinigers zu fein; denn an der einen Wand stand ein breites Bett, noch zerwühlt von der vorigen Nacht. Gegenüber befand sich ein breiter Wäsche- und Kleiderschrank.

Und unmittelbar vor ihr, der Fensterseite gegen­über, war die Frisiertoilette, die eigentlich besser in ein Damenboudoir gepaßt hätte. Es war ein schönes Stück mit einem großen, in der Querachse dreh­baren Spiegel, der an beiden Seiten von niedrigen, mit einer Glasplatte belegten Schränkchen flankiert war Auf diesen Schränkchen standen mehrere Flakons, geschliffene Dosen und ähnliche der weib­lichen Schönheitspflege dienende Gegenstände.

Wenn ihre Lage nicht alles andere eher als be­lustigend gewesen wäre, hätte sie über diese Be­weise einer kindischen Eitelkeit hellauf lachen müssen. Wahrhaftig, es schien, daß der alte Narr sich schminkte und puderte!

Sie saß so, daß sie sich voll im Spiegel sehen konnte, der Alte schien es mit Absicht so eingerichtet zu haben. f f .

Gerda scheute sich fast, den Blick zu heben, so entsetzlich sah sie aus. Das Haar stand ihr wirr um den Kopf, das Gesicht war von Schrammen und blauen Flecken entstellt, und ihre Kleidung ah, sie durfte gar nicht daran denken.

Geradezu teuflisch war dieser Einfall mit dem Spiegel. Sich selbst so sehen zu müssen, den eigenen Augen diesen schmachvollen Anblick bieten zu müssen. t . ..

Gerda suchte ihre Blicke abzulenken und wandte den Kopf. Auf dem Nachttisch neben dem Bett stand eine Weckuhr. Ihre Zeiger standen auf elf Uhr.

Sie war also mehrere Stunden besinnungslos ge­wesen. Wie hatte man sich bloß so tolpisch über­rumpeln lassen können! , .

Und was mochte aus Willy geworden sein? Die Sorge um ihn quälte sie am meisten. Auch er war

in die Hände dieser Schurken geraten; denn wie wäre Claudius sonst in den Besitz ihres Bildes ge­kommen?

Wenn sie nur diesen Spiegel in Trümmer schla­gen könnte, der ihr immer wieder das Zerrbild ihrer Gestalt zeigte! Oder wenn sie wenigstens die Möglichkeit hätte, ihm eine andere Richtung zu geben!

Sie versuchte ihre Füße zu bewegen, aber die waren fachmännisch an den Stuhl gebunden. Die Fesseln schmerzten sie bis zur Unerträglichkeit.

Nun versuchte sie, mitsamt dem Stuhl näher an den Spiegel heranzurücken, und es gelang ihr unter heftigen Anstrengungen. Wenn sie jetzt mit dem Stuhl wippte, mußte es möglich sein, gegen den unteren Rand des Spiegels zu stoßen und ihn auf diese Art schief zu stellen und sich so von dem eigenen Anblick zu befreien.

Auch dieser Versuch glückte ihr. Der Spiegel pendelte nach hinten aber er kehrte wieder in seine irrsprüngliche Lage zurück.

Verzweifelt probierte sie es noch einmal und legte ihre ganze Kraft in den stoßenden Fuß.

Der Spiegel pendelte diesmal mehrere Male hin und her und kam wiederum in der Senkrechten zur Ruhe.

Ein dritter Versuch hatte den gleichen Erfolg; aber dabei fiel Gerda ein merkwürdiger Umstand auf, und ihr Herz begann plötzlich heftig zu klopfen.

Die helle Lampe, die »in der Mitte des Zimmers von der Decke herabhing, warf ihren Lichtstrahl in den Spiegel, und so oft nun Gerda den Spiegel bewegte, zuckte ein heller Schein über das gegen­überliegende Fenster hin.

Dieser in regelmäßigem Rhythmus am Fenster aufflammende und wieder verlöschende Lichtschein mußte doch von der Straße aus sichtbar sein und erregte vielleicht die Aufmerksamkeit eines Vorüber­gehenden ...

Vielleicht kam jemand auf den Gedanken, daß hinter diesem Fenster etwas nicht in Ordnung war ... Vielleicht gab ein guter Gott diesem Jemand den Einfall, die Polizei zu verständigen?... ,

Es war die einzige Möglichkeit. Denn was nützte es schon, wenn sie'um Hilfe rief? Claudius hatte ihr angedeutet, daß der übrige Teil des Hauses un­bewohnt sei, und sie zweifelte nicht, daß er in die­sem Punkte die Wahrheit sprach. Die Straße war sehr abgelegen, kein Verkehrsmittel verband sie mit der Innenstadt wem würde es einfallen, sich hier eine Wohnung zu mieten?

Aus dem gleichen Grunde war allerdings auch die Wahrscheinlichkeit nicht sehr groß, daß in so später Stunde noch jemand des Weges kam. Daß

er ferner die Lichtzeichen bemerkte und daß er sie endlich für bedeutsam genug hielt, um seinen Hang zur Bequemlichkeit zu überwinden und etwas zu unternehmen.

Sie mußte sich auf ihr gutes Glück verlassen.

Und so setzte Gerda Bosch ihre merkwürdige Tä­tigkeit fort. Ohne Unterlaß stieß sie mit dem Fuß gegen den Spiegel, ließ ihn auspendeln und setzte ihn von neuem in Bewegung.

So ging es eine ganze Zeit. Ihr Fuß, im Spiel seiner Muskeln durch die Fesseln gehemmt, begann zu schmerzen. Doch Gerda biß die Zähne zusam­men, fest entschlossen, so lange fortzufahren, bis sich der Erfolg einstellen würde.

Es ging ja nicht nur um sie allein, es ging auch um Willy, und um die Aufdeckung des Verbrechens.

Wenn die Polizei nur erst einmal diesen Claudius gefaßt hatte, dann würde sie ihm doch vielleicht sein Geheimnis entlocken. Man würde nach dem Ver­bleib von Willy Ruland forschen und das geheim­nisvolle Knäuel der Geschehnisse entwirren können.

Der Spiegel kam nicht mehr zur Ruhe.

Aber auf einmal ging die Tür auf. Claudius stand auf der Schwelle.

Was machen Sie denn da? Sind Sie über­geschnappt?"

Gerda hielt erschreckt ein, ohne den Kopf nach ihm umzudrehen. Mit angstvoll pochenhem Herzen horchte sie auf seine näherkommenden Schritte.

Hören Sie nicht? Ich möchte wissen, was dieser Unfug hier bedeuten soll!"

Tun Sie doch nicht so!" rief sie gequält. Zum Glück schien er den Sinn ihrer Handlung nicht er­faßt zu haben.Der Spiegel oh, Sie wissen ganz genau, daß Sie mich damit am besten quälen konnten. Ich will mein Spiegelbild nicht mehr sehen!"

Ach so!" Iqchte Claudius auf, während er, hinter ihrem Rücken! stehend, sie durch den Spiegel an­blickte.Sie schauen ziemlich mitgenommen aus, ich gebe es zu. Aber es ist Ihre eigene Schuld, wenn ich Sie etwas unsanft behandeln mußte. Es bestand nicht der geringste Anlaß, gleich tätlich gegen mich vorzugehen."

Ach, was Sie sagen! Und warum haben Sie mich hierhergelockt? Warum halten Sie mich hier fest?"

Das wissen Sie bereits! Ich möchte von Ihnen erfahren, was es mit diesem Heinz Stadler für eine Bewandtnis hat. Daß Sie's selbst nicht wissen, glaube ich nicht. Mit einem wildfremden Menschen wohnt man nicht im Hotel zusammen. Also sprechen Sie endlich! Geben Sie doch endlich zu,

daß er ein Kriminalbeamter ist, der Sie und Ihren Bräutigam bei der Suche nach den gestohlenen Ju­welen unterstützen sollte!"

Vielleicht ist es so! Was weiß ich? Vielleicht ist er der Polizeipräsident von Berlin in höchsteigener Person! Ich flehe Sie an, Herr Claudius, neh- men Sie den Spiegel weg! Quälen Sie mich doch nicht fol"

Sie wußte ganz genau, daß er ihr nun den Wil­len erst recht nicht tun würde, und auf diese Weige­rung kam es ihr ja gerade an.

Claudius ließ sich irre machen. Er legte die Hände auf ihre Schultern und betrachtete ihr Bild durch den Spiegel mit großer Aufmerksamkeit.

Sie sind doch ein ganz hübsches Mädchen! Ich jedenfalls kann mich gar nicht mehr an Ihnen fatt- fehen. Es müßte hübsch sein, immer so was Junges im Hause zu haben!"

Gerda erblaßte. Sie erschauerte vor der neuen Gefahr? die sie bedrohte.

Lassen Sie mich los!" schrie sie, von Ekel ge«. schüttelt.

Er beugte feinen Kops zu ihr nieder.Wilde kleine Katze, es will dir nicht behagen, wie, daß ich dir das Kratzen und Beißen ausgetrieben habe? Jetzt hilft dir alles nichts mehr, fetzt mußt du schon stillehalten."

Sie fühlte seinen heißen Atem an den Wangen, aber in dem Augenblick, als er sie küssen wollte, warf sie mit aller Kraft den Kops herum und traf ihn so heftig, daß seine Nase zu bluten begann.

Dieser neue Mißerfolg steigerte feine Wut ins Maßlose. Ohne sich um seine Verletzung zu küm­mern, stürzte er sich mit einem heiseren Aufschrei auf sie.

Gerda begann hemmungslos zu schreien, zu brül­len, in einer fast tierischen Angst vor dem, was nun geschehen würde.

Er wollte ihr den Mund zuhalten, jedoch sie biß ihn so heftig in die Hand, daß er sie mit einem Schmerzensschrei wieder wegzog.

Gerade in diesem Augenblick aber pochte es brau« ßen heftig gegen die Tür.

Claudius fuhr hoch, horchte einen Augenblick fas­sungslos auf das dröhnende Pochen, dann aber, als Gerda mit verdoppeltem Stimmenaufwand wei, terfchrie, preßte er, von Angst gepeitscht, seine Fin­ger um ihre Kehle.

Ihre Schreie erstickten in einem gurgelnden Laut.

Sie vernahm noch das harte Geräusch zersplit« ternden Holzes, dann schwanden ihr die Sinne.

(Fortsetzung folgt.)