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Ur. 82 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Donnerstag, r. April 1938

Die Deutschen sind tolle Kerle.

,/3d) hätte es niemals für möglich gehalten/' - Macht und Schönheit. - Es ist praktisch nichts unmöglich!

feststellen, daß diese Zeit endgültig vorbei ist. Der Nationalsozialismus will in wirklicher Erfüllung des sozialen Gedankens das Lebensniveau, auch des letzten Mannes im Volk, nach oben angleichen. Darum wurden Einrichtungen wie die NS.-Gemein­schaftKraft durch Freude" geschaffen, um die Schönheiten des Reiches auch den Aermsten zu er-

23on unserem auf eine Deutschlandreise em

Baden-Baden, im März 1938.

Im Zuge von Lindau nach Friedrichshafen sprach ich einen Engländer, der während seines Ur­laubs in Tirol Zeuge der geschichtlichen Ereignisse des 12. und 13. März geworden war.Ich hätte das niemals für möglich gehüllten, denn bei uns in Eng­land hatte man bisher völlig falsche Vor- st e l l u n g e n von dem Verhältnis zwischen Deutsch­land und Oesterreich. Das liegt daran, daß wir nur unterrichtet waren von den damaligen offiziellen Stimmen in Oesterreich, während man von der Stimmung des Volkes überhaupt nichts erfuhr. Als am 13. März die deutschen Soldaten in Inns­bruck einmarschierten, da haben die Menschen dort geweint vor Freude. Wenn ich es nicht selb st gesehen hätte, würde ich es gewiß nicht glauben. Aber dieses Erlebnis war für mich so er­staunlich, daß ich jetzt beschlossen habe, durch Deutsch­land zu reifen, um das Land kennenzulernen, dessen Menschen solche Dinge vollbringen können. Vielleicht gelingt es mir auch auf dieser Reise, in einer der großen Versammlungen Ihren Reichskanz­ler zu hören, um den jeder Patriot eines anderen Landes die Deutschen beneiden muß."

Wir haben uns noch lange unterhalten. Beson­ders interessierten ihn als Ingenieur unsere neuen Werkstoffe. Ich war froh und stolz, auf all die vielen Fragen, die jener Brite voll Inter­esse an der deutschen Entwicklung stellte, antworten zu können.Die Deutschen sind schon tolle Kerle. Immer, wenn die Welt glaubte, man wäre in Deutschland zu Ende, bann ist gerade das Gegenteil richtig. Ich habe selbst im Weltkriege den deutschen Soldaten als tapferen Gegner achten gelernt. Was ihr jetzt aber im Frieden geleistet habt, ist

sandten Sonderberichterstatter Heinz Otto.

eines der schwierigsten Probleme, wie mit den vor­handenen Arbeitskräften die großen Projekte, die für den weiteren Ausbau der Fremdenstadt ge­plant sind, durchgeführt werden können. Nicht nur in den deutschen Industriegebieten ist also die Frage der mangelnden Facharbeiter ein Problem, sondern auch hier.

Wer hätte im Jahre 1932 mit damals 6,5 Mil­lionen Arbeitslosen im Reich geglaubt, daß schon nach wenigen Jahren einer nationalsozialistischen Regierung der Mangel an Arbeitskräften eine ernste Frage werden würde? Nur wer selbst einmal vor dem Jahre 1933 mit der Stempelkarte in der Hand vor den Schaltern der Arbeitsämter Schlange gestanden hat, wer damals in den Elends­quartieren einer deutschen Großstadt gehaust hat, kann das, was mit der Machtübernahme Adolf Hitlers in Deutschland geleistet wurde, in seiner ganzen Tragweite ermessen.

Ein Gang durch Baden-Baden und seine voll­kommenen Kuranlagen, in denen Kranke und Ge­sunde aus aller Welt Heilung und Erholung finden, gibt nicht nur ein Bild von der blühenden Stadt, sondern auch von der Lebenskultur, die in Deutsch­land nicht nur einer kleinen Schar Auserwählter vorbehalten bleibt, sondern für jeden Mann und für jede Frau aus dem Volke vorhanden ist. Die Erweiterungsbauten und Neueinrichtungen in Ba­den-Baden, die seit 1933 geschaffen wurden, sind ein Beweis dafür, daß bei all der vielen Arbeit auch der Sinn für das Schöne im Leben nicht verloren ging. Waren Städte wie Baden-Baden in früheren Zeiten die Treffpunkte einer besonderen Schicht des wohlhabenden Bürgertums so können wir heute

schließen.

Im Kurpark von Baden-Baden saß ich zusammen mit einem Arbeiter aus dem Ruhrge­biet auf einer Parkbank in der Sonne. Rings um uns blühten die Krokusse, die Bäume waren mit dem, zartgrünen Schleier des Frühlings behängt. Der Arbeiter blinzelte wohlig in die Sonne. Er hatte seine schwieligen Fäuste, die von harter Ar­beit sprechen, über seinem Spazierstock zusammen­gelegt und genoß die Ferientage.

Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich hier noch mal in Baden-Baden sitzen würde. Baden-Baden das war so für uns Arbeiter eine Stadt, die man aus den Zeitungsromanen kannte, wo die Grafen und Barone mit ihren Frauen \pa-- zieren gingen, aber daß da auch nochmal ein Ar­beiter seinen Urlaub verbringen würde, das habe ich nicht gedacht. Und jetzt wird es ja wohl auch so sein, daß wir selbst in die Alpen kommen können, denn nun ist ja Oestereich auch deutsch, und da wird es ja nicht mehr lange dauern, daß wir mitKraft-durch-Freude"-Zügen nach Kärnten und Tirol fahren können. Wissen Sie, man wird ganz schwindlig dabei. Vor fünf Jahren saß ich mit meiner Frau und drei Kindern arbeits­los in einem wahren Loch von Wohnung in Ruhr­ort. 1934 hatte ich Arbeit und verdiente schon so viel, daß wir keine Sorgen mehr zu haben brauch­ten. 1936 bin ich in mein kleines Siedlungshäuschen gezogen, und jetzt schreiben wir 1938, und ich sitze in Baden-Baden und aale mich in der Sonne. Da­bei habe ich weder das große Los gewonnen oder eine Erbschaft angetreten. Ich bin heute noch ebenso wie vor fünf Jahren einfacher Arbeiter. Das ein­zige, was sich geändert hat, das ist, daß der Füh­rer ganz Deutschland umgekrempelt hat."

beinahe noch mehr. Eine Entwicklung, wie Sie sie mir darstellen, grenzt geradezu ans Un­wahrscheinliche ..."

Wiederholt habe ich auf dieser Reise, die mich kreuz und quer durch Deutschland führt, mit Aus­ländern gesprochen. Es war ein Pole, der mir sagte, daß es e i n st o l z e s Gefühl sein müsse, Deut­scher zu sein. Der Engländer sagte es nicht ganz so wörtlich, aber er meinte schließlich dasselbe. Und sie haben beide recht! Wenn man jahraus jahrein am Schreibtisch oder an der Werkbank ar­beitet, ohne aus seiner Stadt herauszukommen, dann verliert man ein wenig den Blick für all das Wunderbare, was die letzten fünf Jahre gebracht haben. Eine solche Reise wird darum zur Offenba­rung der Macht und Schönheit unseres Vaterlandes. Wenn man innerhalb weniger Tage tiefverschneite Bergeshöhen, blühende Frühlingslandschaften, frucht­bare Aecker in breiten Stromtälern und rastlose In­dustriestädte erlebt, dann erst weiß man, wie groß unser Deutschland ist.

Ob may nun die oberschlesischen Kohlengruben besucht ober bie sächsischen Textilfabriken, bie Por­zellanwerke ber bayerischen Ostmark, ober ob man hier in Baben-Baben unter ben blühenben Bäumen ber großzügig angelegten Kuranlagen sitzt, es ist überall bas gleiche B i l b-eiyes ge- rabezu unwahrscheinlichen Aufblühens, so baß von einem Nichtbeutschen, ber bie Jahre bes national­sozialistischen Aufbaues nicht miterlebte unb sich nur vage Vorstellungen von ber Geschlossenheit des Willens aller Deutschen machen kann, bieser Wanbel nur schwer begriffen werben kann.

Wäyrenb beispielsweise hinter ben hier sehr nahen Grenzen Frankreichs bie Sorgen um ben nächsten Tag immer größer werden, während dort dine Regierung die andere ablöst und ein Heer von Arbeitslosen immer mehr der kommunistischen Zer­setzung verfällt und damit zu einer drohenden Ge­fahr für Frankreich wird, ist es in Baden-Baden

Friedliches deutsches Land.

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Der Führer gab der Heimat den Frieden, er will den Frieden der Welt, willst Du ihn auch, bann gib bem Führer am 10. April Dein Ja!

Wenn ich meinem Bruber, ber brüben in Ame­rika fitzt, manchmal einen Brief schreibe, bann schreibt er immer wieber zurück ich soll ihn nicht so beschwinbeln, bas könnte boch gar nicht möglich fein. Na, ber soll ruhig zurückkommen. Heutt ist hier mehr Arbeit als da drüben. Die haben ja wohl mal gesagt, daß Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten wäre, so hieß das doch wohl? Heute ist das, glaub ich, umgekehrt. Man kann schon beinahe sagen, daß Deutsch­land so ein Land mit unbegrenzten Möglichkeiten ist."

Dieser Arbeiter aus dem Ruhrgebiet hat das rich­tige Wort gefunden für unser neues Deutschland. Wie richtig dieser Satz ist, das habe ich auf den Reisen durch Deutschland überall bestätigt gefunden. Für unser Deutschland und seinen Führer ist p r a k- tisch nichts unmöglich, was im Willen der nationalsozialistischen Politik liegt. Beschneidet man Deutschland die Rohstoffzufuhr, dann schaffen die deutschen Erfinder, die Chemiker und Ingenieure neue Stoffe, die sich schon nach kurzer Zeit als bes­ser als die bisher verwandten Materialien erweisen. Jener Engländer, mit dem ich, wie eingangs be­richtet, sprach, war sehr erstaunt zu hören, daß er­hebliche Mengen der neuen Zellwolle beispielsweise an die englische Textilindustrie ausgeführt werden. Und in Dresden sprach ich einen Mann, der sich von einer Reise aus England einen schönen eng­lischen Anzugsstoff mitgebracht hatte, auf dessen Er­werb er sehr stolz war, der Stoff hat sich bann als Zellwollstoff mit nur einem geringen Baumwoll­anteil bei näherer Betrachtung herausgestellt, aber er war beswegen nicht schlechter geworben.

Es ist selbstverstänblich, baß ber Aufschwung, ben Deutschlanb genommen hat, sich besonbers auch m ben Stäbten auswirkt, bie fast völlig vorn Fremben- verkehr leben. Zwei Zahlen aus ber Stabt Baben- Baben mögen biese Tatsachen belegen. 1932 be­suchten 58 033 Frembe aus Deutschlanb unb ber ganzen Welt bie Stabt; 1936 waren es schon 123 909. Interessant find auch die Zahlen ber A u s - länberbesuche, aus benen einbeutig heroor- geht, baß man heute wieber sehr gerne nach Deutschlanb kommt, weil bie Einsichtigen braußen sich nicht von ber törichten Lüge, baß man in Deutschlanb hungern müsse, beeinflussen lassen. Der Frembe, ber zu uns nach Deutschlanb kommt, kann wohl bie Schönheiten bes Lanbes unb bie äußerlich sichtbaren Erfolge feststellen. Das beglütfenbe Ge­fühl ber Volksgemeinschaft unb ber Zusammen­gehörigkeit, bie man als Deutscher in allen Gauen bes Reiches erlebt, kann er nicht erfassen. Es ist schon etwas besonberes, wenn man in Hamburg ebenso wie in Wien, in Königsberg ebenso wie in Stuttgart, wenn man in jebem Dorf, in jeher Bau­ernhütte bem gleichen Gefühl ber Zu­sammengehörigkeit unb ber Dankbar­keit gegenüber bem Führer begegnet. Wenn man im Kätnerhaus, ebenso wie im Sitzungssaal bes Jnbustviepalastes bas Bild bes Führers finbet, hier ein nicht sehr kunstvoller Oelbruck, ben liebende Hände mit kleinen Tannenreisern und Papiersähn- chen schmückten, dort das kostbare Oelgemälde, das von goldenen Lorbeerkränzen umwunden ist. Es ist ein stolzes Gefühl, Gefolgsmann dieses Führers sein zu dürfen, ein Gefühl des Glücks, das den schlichtesten Arbeiter ebenso erfüllt wie ben Jnbu- ftrieEapitän.

Das Auto ist kein Luxus mehr.

WPD. Auf je 24 Personen kommt heute im Reichsburchschnitt ein Kraftfahrzeug Die größte Autobichte aller beutschen Stäbte hat Schwein­furt, wo bereits auf je zwölf Einwohner ein Kraftfahrzeug kommt. Von ben Großstäbten hat München mit einem Kraftfahrzeug auf je vier­zehn Einwohner bie größte Autobichte. In Ber - l i n kommt ein Kraftwagen auf 21 Einwohner. Ab­solut zählt man in Berlin aüerbings mit 201 525 bie meisten Kraftfahrzeuge. Das finb mehr als ein Fünftel bes gesamten beutschen Kraftfahrzeugbe- stanbes.

Wien und die Ringstraße.

Von Anton Melchart.

Am 29. März 1858 hatte sich eine Menschen­menge am Ufer bes Donaukanals gegenüber ber Rotenturmbastei angesammelt, um einem Abbruch beizuwohnen: bie erste ber alten Bastionen sollte fallen. Arbeiter aus allen Ländern der Monarchie waren schon mit Spitzhauen beschäftigt, die Ziegel auszubrechen, was rasch vor sich ging. Am nächsten Morgen meldete die Zeitung kleinlaut:Der so beliebte Rund gang um die Bastei hat mit dem vorigen Tage für immer aufgehört"

Im Mittelalter waren es sechs, zuletzt acht Stadt­tore gewesen, wobei kleinere Durchlässe nicht ge­rechnet sind. Sie lagen meist hinter einem Ravelin versteckt, hatten alte Formen wie etwa das wuch­tige Neutor, das wie ein Zitadelleneingang an­mutete und dessen Riesenquaderstein allein über 164 Zentner wog, ober sie waren in Arkabenform gebaut, wie bas äußere Burgtor Peter von Nobiles, in bem bas Helbenbenkmal untergebracht ist. Als eines ber schönsten barf bas Alte Kärntner - t o r gelten. Kam man von ber Stabt, stellte es sich als ein in bie Bastei eingelegter breiteiliger Durchlaß bar. lieber ber mittleren Wölbung thronte ber boppelköpfige Reichsabler, bie Hauptsäulen bes Portals trugen rechts bas böhmische, links das ungarische Wappen, über ben seitlichen Gehtoren befanben sich je ein Löwenkopf unb feuerflammenbe Granatkugeln. Das rechte Gehtor enthielt, bie Figur eines Mannes in Pelzrock, Kappe unb langem Haar aus bem 15. Jahrhunbert, besFenster­guckers". Der Zauber ber alten Tore unb bes Festungswalls mit seinemGlacis" wirb beutlich, wenn wir eine Stelle des Tagebuches lesen, das der junge Eichendorff während seines Aufent­haltes in Wien geführt hat. Da heißt es am 8. Juli 1811:Abends nach halb acht Uhr zum ersten Male mit Wilhelm (dem Bruder) allein zum Stubentor hinaus, Birnen gekauft und einsamer Spaziergang über die Glacis durch die schöne unendliche Allee mit den herrlichen Aussichten auf den Stephans- turm und die Vorstädte mit ihren Palästen. Auf bem Rasen ber Glacis legten wir uns bem Schwar- zenbergfchen Palais gegenüber unb lagen bort, bis es finster würbe."

Den schönsten Anblick boten bie B a st e i e n selbst: die fensterlosen Flächen ber Ziegelmauern, bie, schräg in bie Gräben abfallend, feierlich in ihrer jahrhunbertalten Patina schimmerten unb mit vor­springenden Mauern büstere Winkel bilbeten. An ben Kanten waren sie meistens mit weißen Quabern

eingefaßt und trugen in Rampenhöhe bas kaiser­liche Wappen. Die Kasematten stammten großen­teils aus dem 16. Jahrhundert: fast ganz Europa Frankreich natürlich ausgenommen hatte Gelb zusammengesteuert, um bas Bollwerk ber Christen­heit gegen die Türken stark zu machen.

Die Freiheit auf ben Basteien, bie Joseph II. ge­stiftet hatte, ließ eine charakteristische Vergnügungs­kultur entstehen. Es gab hier oben pavillonartige Cafes, unter schattigen Bäumen waren sauber ge- beckte Tische mit Stühlen aufgestellt. Man saß an Sommerabenben unter ben blau und grün ge­streiften Leinwanbbächern, bie zeltartig verziert waren. Blasinstrumente ertönten. Unermüblich lust- roanbelten bie Paare, so baß dieser Spaziergang den SpottnamenOchsenmühle" erhielt.Als am Sonntag ging ich nach 12 Uhr mittags wieder ein­mal auf die Bastey, wo jetzt wieder alles wie im Frühjahr in geputzter eitler Seeligkeit durchein- anderzog", schreibt Joseph von Eichendorfs vom 20. Oktober 1811. Diese Welt war laut Schreiben Kaiser Franz Josephs I. von Weihnachten 1857 zum Verschwinden verurteilt worden. Man darf behaupten, daß Wien niemals so schön war wie zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, da die alten Bastionen ihre letzte Verklärung erfuhren. Ist es ein Zufall, daß damals bie Musik blühte wie nie zuvor? Währenb die Bürger auf bem Runb- gang über bie Basteien bie wechselnben Sichten ge­nossen, schufen Schubert unb Beethoven in bieser Stabt ihr Schönstes und Erhabenstes wie zu einem Abschiebsfest.

*

Am 1. Mai 1865 würbe bie R i ngstraße auf bem Gebiet, bas früher Mauern, Gräben unb Wiesen eingenommen hatten, von Kaiser Franz Joseph unb der Kaiserin feierlich eröffnet. Wien befand sich in einem Freudentaumel: die prächtigste Prunkstraße der Welt entstand. Das erste große Gebäude war das Opernhaus. Seine Archi­tekten verwendeten dabei eine Mischung von ita­lienischer Gotik unb französischem Schloßstil. Von bejonberer Schönheit ist bie Innenarchitektur bes Hauses, an ber sich vielfach Moritz von Schwinb beteiligt. Gegenüber ber Oper erstanb als erstes ber pätrizischen Ringstraßenbauten berHeinrichs- Hof" burch ben bänischen Architekten Theophil v o n H a n s.e n. Er ist auch ber Schöpfer ber Wiener Börse, ber Akabemie ber Bilbenben Künste, bes Palais ber Hoch- und Deutschmeister und schließ­lich des Parlaments, seines Hauptwerkes Von anderen Baukünstlern der Zeit sei Heinrich von Ferstel genannt, der den Bau der gotischen Votivkirche vollendete. Sie war als Dank für ein abgewendetes Attentat auf Kaiser Franz Joseph

errichtet worden. Als Persönlichkeit dieser Bauepoche ragt Friedrich von Schmidt hervor, der ur­sprünglich am Kölner Dom tätig war. Ihm wurde der Bau des Rathauses übertragen, das wegen seiner glücklich ins Moderne gewandelten Gotik als eines der gelungensten neuen Rathäuser angesehen wird. Auch das Sühnhaus, an der Stelle des durch Brand vernichteten Ringtheaters, stammt von ihm. Die beiden Museumsbauten, die neue Hofburg und das Burgtheater wurden von Freiherr v. Hasenauer geplant, doch hat Gottfried von Semper ent­scheidenden Einfluß auf diese im Renaissancestil ge­haltenen Monumentalbauten genommen. Die An­lage, die durch die Front der Hofburg, die beiden Flanken der kuppelgekrönten und den Abschluß der ehemaligen Hofstallungen gebildet wird und den großen Maria-Theresien-Platz umschließt, trägt das Zeichen besonderer Vornehmheit.

Wieviel hat sich auf dieser Straße schon abge­spielt! Sie sah den Festzug, den der Maler Hans Makart am 27. April 1879 zur silbernen Hoch­zeitsfeier des Kaisers veranstaltete. Aber auch die Einzüge fremder Monarchen und Fürstlichkeiten, die mit verschwenderischer Pracht von Tribünen und Triumphpforten begrüßt wurden, nahmen ihren Weg über die Ringstraße, die deshalb als die Riesenempfangshalle" Wiens galt Freilich schrit­ten auch die düsteren Ereignisse nach dem Welt­krieg, Aufruhr- und Demonstrationszüge, unter ihren Monumentalgebäuden hin. Schließlich hat sich wieder ein historisches Ereignis von ungeheurer Tragweite auf ihr abgespielt, als unter dem Jubel von Hunderttausenden die Heimkehr Oester- r e i ch s ins Deutsche Reich gefeiert wurde.

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In Augsburg starb im 74. Lebensjahre Professor Dr. Richard Graf Du M o u l i n - E ck a r t, der lange Jahre als Historiker an der Technischen Hoch­schule München wirkte 1864 in Leipzig geboren, habilitierte sich Du Moulin-Eckart 1894 als Privat- dozent in Heidelberg, wurde dort 1897 Extraordina­rius und folgte ein Jahr später einem Rufe nach München, wo er den Lehrstuhl für Geschichte an der Technischen Hochschule bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1930 innehatte. Graf Du Moulin war ein Patenkind Richard Wagners, Schüler von Treitschke und Felix Dahn. Von seinen wissenschaftlichen Ar­beiten sind die Bücher über Bismarck, über englische Politik unb über Deutschlanb unb Rom hervorzu­heben Graf Du Moulin-Eckart, ber bem Hause Wahnfrieb nahestayb, hat auch eine Reihe von Romanen unb eine Biographie Cosima Wagners veröffentlicht.

Bäuerliche Notizen.

Meine Mutter hatte bie seltsamsten Notizblöcke ber Welt. Sie waren nämlich nicht aus Papier, sonbern aus Holz. Aus festem, hartem Eichenholz ober aus jenem bräunlichen Nußbaumholz, bas noch nach vielen Jahren einen feinen Dust nach Harz in sich trägt. Die Türen unserer verschiebenen Kleiberschränke waren Mutters Notizblöcke.

Sie war natürlich keine große Gelehrte, unsere Mutter; sie war eine Bäuerin, wie sie sein soll, eine, bie sich in allen Lebenslagen zu helfen wußte. Mit bem Schreiben hatte sie im allgemeinen über­haupt nicht viel im Sinn; aber es gab allemal Dinge im bäuerlichen Leben, bie es wert waren, festgehalten zu werben. Dazu waren eben bie Schranktüren ba.

Sie waren bei uns neun Geschwistern auch zu­verlässiger als ein Notizbuch mit so verlockenb weißen Blättern. Ich z. B. war schon als Kinb hinter jebem Fetzen unbeschriebenen Papiers her. Unb gar ein vollstänbiges Notizbuch, ach, bas wäre etwas Wunbervolles gewesen. Ich hätte wohl nicht gewagt, es auf einmal zu nehmen; aber fein säuber­lich wäre Tag für Tag ein Blatt nach bem anberen verschwunben gewesen, so baß zuletzt gar nichts mehr übrig geblieben wäre.

Nein, ba waren bie Schranktüren schon besser. Nach fünfzig Jahren konnte man ba noch lesen, wie sich unser Viehstanb vermehrt hatte, wie bie Kühe gekalbt, bie Sauen geworfen unb bie Glucken ge­brütet hatten. Da ftanb es sachlich unb kurz:am sechzehnten Oktober bie rote Kuh",am siebten Juli bie große Sau",am zehnten Mai bie gelbe Glucke",am zwölften Mai bie alte Gans" ..

Ich habe später so einen Schrank geerbt. Es ist ein schönes Stück, Nußbaum poliert, in ber Form sauber und großzügig. Voll Stolz baute ich ben Schrank in meiner Stabtwohnung auf. Lange Zeit überlegte ich, ob ich bie Notizen meiner Mutter auf ber Innenseite ber Tür entfernen sollte. Ich habe sie stehenlassen, bie Aufzeichnungen von ben roten, aelben unb schwarzen Kühen, den verschiedenen Gänsen und Glucken. Sie sind sogar allmählich zu einem Prüfstein für die Leute geworden, die bet mir aus- unb eingehen. Wer barüber verächtlich bie Nase rümpft, ber paßt nicht zu mir unb mag ein andermal ruhig wegbleiben. Wer sich aber dar­an macht, mit fröhlichem Mute den Text genauer zu betrachten, der soll mir allzeit wieder ein lieber Gast fein. Ch. H.