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Nr.Zl Zweites Vlatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Montag, 7. Februar 1938

Aus der Stadt Gießen.

Oerpflasterritzenflitz^.

Cin Herr geht in einer stillen Straße vor dir her, und sein Benehmen ist seltsam. Mal macht er Schritte so weitgreifend, als wollte er einen wasser- gefüllten Graben jäh überspringen, mal wieder trippelt er mit den Schrittchen eines Kleinkindes., Ständig sieht er dabei auf das Pflaster vor seinen Füßen, als seien dort Fußangeln ausgelegt. Du kannst den Herrn nicht von vorn sehen, aber sein Rücken und sein solider schwarzer Hut verraten dir, daß es sich um einen würdigen, schon älteren Herrn handeln muß.

Eben wieder holt der Herr mit den Beinen aus und hüpft kurz hintereinander, als sei er eine Drossel. Und da blitzt in dir die Erkenntnis auf: dieser Mann dort ist zurzeit von der seltsamen Magie der Ritzen zwischen den Pflastersteinen be­sessen. Er glaubt sich in der stillen Straße un­beobachtet und verfiel jener unbegreiflichen Lockung, beim Gehen immer nur auf die Steinplatten zu treten und niemals, unter gar keinen Umständen, auf die dunklen Striche der dazwischenliegenden Fugen. Das aber ist gar nicht so einfach, denn die Platten entsprechen durchaus nicht immer dem Rhythmus des Schreitens; mal find sie schmal wie ein Plätt­brett, dann wieder breit wie eine Diplomaten­schreibtischplatte. Also muß der Mann trippeln, springen, alle Augenblicke die Gangart wechseln. Nur nicht auf die Striche treten, sie könnten Unheil bringen. Mit einem Wort, der Mann vor dir hat denPflasterrltzenflitz".

Dieser Flitz der Pflasterritzen ist genau so alt wie die Geschichte der Pflasterung der Stadtstraßen selbst. Die Geburt der Granitplatte unter den Soh­len der Bürger war gleichzeitig die Geburt des Ritzenflitzes. Und es sind mehr Menschen von ihm befallen, als deine schlichte Passantenweisheit sich träumen läßt. Gleichgültig ist es, ob man diesen Zustand Flitz nennt oder Tick oder Schrulle. Es kommt auf die Tatsache und ihre seelischen Hinter­gründigkeiten an.

Der Pflasterritzenflitz, so kindlich er immer er­scheinen mag, ist doch eine Angewohnheit auch der respektabelsten Persönlichkeiten. Zwar üben ihn auch die Kinder aus, aber sie tun es vor aller Augen und mit fröhlichem Geschrei. Es ist eigentlich noch kein Tick, es ist ein Spiel. Die Erwachsenen jedoch, die würdigen Männer, hüpfen nur zuweilen und auch nur auf unbelebten Bürgersteigen. Dann aber mit stummer Leidenschaft.

Der Bruder des Pflasterritzenflitzes ist der Bord­kantentick. Eine unauffällige Beobachtung lehrt, daß er nicht minder beliebt und verbreitet ist wie jener. Die von ihm Befallenen wandeln für ihr Leben gern auf dem schmalen Band der Bordsteine dahin, als sei es ein leidenschaftlich besonders reizvoller Saumpfad. Diese Neigung führt nicht selten zu Verkehrswidrigkeiten, wenn nämlich die Kante links der Gehrichtung liegt. Doch nur mit schlecht ver­hohlenem Unwillen weicht dann der Bordsteintickler aus, wenn ihm vorschriftsmäßig rechts schreitende Passanten entgegentreten, und er macht ein Gesicht dabei, als vertreibe man ihn roh vom wohler­erbten Boden seiner Väter. Besonders verzwickte Gemüter verquicken Fugen- und KantenUck, indem sie nicht nur die Grenzen der Bordsteine gewissen­haft innehalten, sondern gleichzeitig auf diesem ihren beschwerlichen Weg auch noch alle Ritzen zwischen den Kantensteinen mit hoher Sorgfalt zu betreten vermeiden.

Vielfarbig blüht das Feld der Marotten, von denen hier' nur zwei gepflückt wurden, weil sie in der Oeffentlichkeit gedeihen. Von" den Privat- slitzen, die sich daheim entwickeln, am Telephon­apparat, in der Badewanne oder beim Rasieren, wollen wir gar nicht erst anfangen. Schäme sich ihrer niemand! Wer niemals einen Tick gekannt, der muß geradezu beunruhigend normal sein! Dies bedenke auch, Freund, wenn du ihn wieder einmal selig selbstvergessen hüpfen siehst, den würdigen Menschen mit dem kleinen Pflasterritzenflitz. v. Al.

Lornoiizen.

Tageskalender für Montag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Immer wenn ich glücklich bin". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Einmal werd' ich Dir gefallen".

Brahms-Feier des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität.

Am Dienstag, 8. Februar, 20.15 Uhr, veranstaltet das Musikwissenschaftliche Seminar einen Brahms- Abend, wobei das Klaviertrio in H-dur und Volks­lieder für gemischten Chor zum Vortrag kommen.

ASLB., Kreis Gießen.

Mittwoch, 9. Februar, 17 Uhr, im Singsaal des Realgymnasiums K r e i s v e r s a m m l u n g der Fachschaft 2 (Höhere Schule). 1. Vortrag von Herrn Rektor SiegfriedDer Wehrgedanke in der Schule". 2. Verschiedenes. Gäste willkommen!

Fahrtführerinnenschulung in Gießen.

NSG. In Gießen fand am Samstag eine Arbeits­tagung der BDM.-Fahrtenführerinnen statt, die im

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Links: Fröhliche Gesellschaft in den Weinlauben. Rechts: Ein Blick zur Galerie.

der eignen echten Gesinnung leisten. Darum gilt hiev besonders das Wort des Führers: .Die stärkste Quelle für die Verzagenden sei dein eigner Glaube!" Die Rednerin betonte bann, daß alle Arbeit zwar freiwillig getan würde, daß aber jede Mitarbeiterin, ihres Eides eingedenk, ihr Amt gewissenhaft und ausdauernd verwalten muß.

Frau W r e d e ging bann zur praktischen Arbeit über unb verlangte eine einheitliche Ausrichtung der Leistung. Auch bie kleinste Arbeit ist wichtig unb muß gewissenhaft ausgeführt werben. Zur eignen Kontrolle ber getanen Arbeit werbe ben Block­frauen bie Einrichtung eines Heftes empfohlen. Be- sonbers für bie von ber Gaufrauenschaftsleitung ge- forberten statistischen Feststellungen ist es wichtig, baß alle Erhebungen schriftlich gebucht sinb. Im Ernstfälle muß jebe Frau ihrer Blockfrau bekannt sein, sie muß wissen, wer als Samariterin ausge­bildet ist, wer sich für den Luftschutz verpflichtet hat. Die Blockfrauenleiterin muß auch hellhörig sein für Kummer und Not unb baburch ber NSV. hel­fen, bie nicht alles wissen kann.

Anschließend sprach Frau Wrebe zu den Lei­terinnen ber einzelnen Arbeitsgruppen unb gab ihnen Ratschläge zur Ausgestaltung ber Pflicht- abenbe. Sie betonte bie Wichtigkeit jeher Arbeits-

Prinz Karneval ist nun auch in unserer Stadt in fein Regiment getreten. Lange schon warf seine Zeit ihre Lichter voraus. Seit Wochen war man in unserer Stadt mit ben Vorbereitungen für seine Herrschaft beschäftigt, für eine Zeit, in ber man gerne einmal vergißt, was sonst im Laufe bes Jahres mehr ober weniger zu bebrüden pflegt. Von vielen Frauen- unb Mäbchenhänhen würben m ber Vorfreube unb mit Eifer bie Mobehefte nach An­regungen für ein neues Kostüm burchgeblättert. Die ganz Geschickten entwarfen sich nach eigener Jbee ihre phantasievolle Kleidung, wobei mit Stoff nicht allzu verschwenderisch umgegangen worden war. In ben Gaststätten unserer Stabt stellte man sich ebenfalls auf Fasching um, baijiit ber zu erwarten- ben Fröhlichkeit auch ber rechte Rahmen gegeben I werbe.

Großen Auftakt für ben Gießener Fasching be- beutete bas Fest, zu dem ber DDAC. eingelaben hatte. Der Saal unb bie vielen Räume des Ge­sellschaftsvereins prangten in einzigartigem Schmuck. Fahrt in ben siebenten Himmel" war bie Losung. Die Räume bes Gesellschaftsvereins boten sich bem- entsprechenb bar. Ein herrlicher weißblauer Bal- bachin überwölbte ben Saal unb im zarten Blau- weiß schwammen viele Luftballone in gleichen Far­ben. In Weiß, Blau unb Silber prangten bie Nebenräume. In Weinlauben unb Nischen bräng- ten sich bie farbenfrohen Masken, imHimmel" unb in berHölle" (schimmernben Grotten von leuchtenbem Weiß unb mystischem Schwarz) herrschte großer Betrieb. Dort half man, wenn es

nötig schien, mit gutem deutschen Schaumwein der Stimmung auf.

Alle Räume waren erfüllt von beschwingten Wei­sen ber Kapelle Fernau aus Frankfurt a. M., nach bereu ausgezeichneter Musik mit Begeisterung anhaltenb getanzt würbe. InHimmel unbHölle" musizierten einige Solisten unb förderten bamit bie Stimmung. Unter großem Hallo würben im Ver­lauf bes Abenbs alle jene mit närrischen Orden ausgezeichnet, die sich um das Zustandekommen des Festes erfolgreich bemüht hatten; schließlich aber trug ein seriöses Tanzpaar mit interessanten Dar­bietungen aus Vergangenheit unb Gegenwart zur Unterhaltung bei. Viel Aufmerksamkeit würbe auch ber reichhaltig ausgestatteten Tombola geschenkt, vor ber sich manchmal in beängftigenber Fülle die Masken drängten, um die erzielten Gewinne zu beäugen. Darüber hinaus aber war dem Tanz un­umschränkte Herrschaft eingeräumt, war der angereg­ten Unterhaltung freier Raum gegeben und so war es nicht verwunderlich, daß man erst zu vorgerück­ter Stunde den Heimweg fand.

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Die Spielvereinigung 1900 hielt im Cafe Leib ihren traditionellen Maskenball ab. Auch dort ging es luftig zu. Zwei Kapellen musizierten unb unermüblich war man am Tanzen. Die Wo­gen ber Fröhlichkeit gingen um so höher, als viele junge Kameraden bayerischen Geblütes da waren, die von Anfang dafür sorgten, daß bei guter Zeit > Schwung in den Saal kam.

\ (Aufnahmen: Neuner, Gießener Anzeiger)

Lause des Sommers Fahrten in die Grenzmark durchführen. Eine Kameradin aus ber Kurmark sprach über ihre Heimat unb bie Aufgaben ber Grenzmark.

Appell der Amtswalterinnen in Gießen

Zum ersten Male versammelten sich bie Amts- roalterinnen ber vier Gießener Ortsgruppen unb ber nächsten Umgebung. (Wieseck, Annerob unb Heuchel­heim) zu einer Tagung im Cafe Leib

Frau Wrebe begrüßte bie Frauen unb erklärte bann, baß es sich als notroenbig erwiesen hat, von Zeit zu Zeit alle Amtswalterinnen einzuberufen, um in persönlicher Fühlungnahme sie in ihrer na­tionalsozialistischen Haltung zu festigen und ihnen zu zeigen, wie wertvoll die Mitarbeit jeber einzel­nen Block- und Zellenfrauenleiterin sei. Sie er­mahnte bie Frauen, über ber wichtigen Kleinarbeit niemals bie große Linie unserer Aufgabe zu ver­gessen unb bie Arbeit aufzubauen auf Vertrauen unb Kameradschaft. Gerabe ber Blockfrauenleiterin ich Gelegenheit gegeben, in ben zu betreuenden Fa­milien aufflärenb unb festigen!) zu wirken, aber mehr als alle Worte kann hier nur bas Beispiel

Morgens und erst recht abends Chlorodont

gruppe, beren Leiterin sich auf ihrem Gebiet immer mehr oeroollftänbigen müsse. Die neugegründete Kreisbücherei werbe bazu beitragen, baß auch bie Amtswalterinnen burch bas Lesen neuzeitlicher Bücher sich weiterbilben können.

Zum Schluß ber Tagung kam noch bie Kreis­kassenverwalterin Fräulein Rosenschon mit bem schwierigen Thema ber kassentechnischen Fragen zu Wort. Sie hob hervor, baß alle Ausgaben ber Frauenschaft burch bie Kassenverwaltung laufen müssen, ebenso bie An- unb Ummelbungen ber Mit- glieber mit der damit verbundenen Beitragsberech­nung.

Gemeinsamer Gesang beschloß die eindrucksvolle Tagung. F. K.

Tatkräftiges Einsatz für das WHW.

Am Samstagnachmittag und -abend sowie am gestrigen Sonntag standen die Männer ber SA. unb ff, bes NSKK. unb bes NSFK. im Dienste bes Winterhilfswerks. Mit bekannter unb schon oft be­währter Einsatzfreubigkeit erfüllten sie ihre Auf­gabe. Die schönen Solbaten-Abzeichen fanben allent­halben willige Abnehmer; sowohl beim Vorsprechen ber Sammler in ben Wohnungen, als auch beim Anbieten in ben Straßen würben bie Abzeichen ber praktischen Hilfeleistung für unsere bebrängten Volks­genossen gerne gekauft. Der Musikzug ber SA.- Standarte 116 unter Leitung bes Musikzugführers Sturmführer Herrmann biente ber Sammlung ebenfalls roieber in ausgezeichneter Weise burch ein Platzkonzert, bas er am Samstagnachmittag am Selterstor zur Freube ber Hunberte von Straßen­passanten unb zur Steigerung ber Spenbefreubig- keit gab. Für ihren verkaufsfreubigen Eifer und bamit für ihre gute Förderung ber Arbeit bes WHW. verdienen alle Sammler nicht nur ben Dank berjenigen Volksgenossen, benen ber Ertrag ber Sammlung zugute kommt, sonbern auch bie Aner­kennung unserer Volksgemeinschaft überhaupt.

lieber 20 000 Abzeichen würben in Gießen ver­kauft. Der Ertrag belief sich auf runb 4500 Mark.

Gießener Konzertverein.

Violinkonzert Maria Nentz.

Als Maria Neuß vor nunmehr drei Jahren in Gießen zum ersten Male musizierte, erschien ber Eindruck ihres Spieles in ber Wohlabgewogenheit der bebingenben Faktoren ausgeglichen unb frei von jeglichem Rest ungelöster Problematik. Das Bilb, bas man biesmal von ber Geigerin haben konnte, war ausgeprägter unb eindringlicher in ben Konturen, aber bie innere Gleichgewichtslage zwi­schen musikalisch-instrumentaler Begabung unb musi­kalisch-geistiger Gestaltungsfähigkeit ist genau so un­getrübt geblieben, eine beutliche Bestätigung für bas innere Gleichmaß zwischen ber körperlich bebingten technischen Entwicklung unb bem musikalischen Wachsen. .

Heute erscheint bie Künstlerin gereifter, geschlosse­ner, in ihrer einbringenben Darstellungsfähigkeit vertiefter. Es kann hier befonbers betont werben, daß diese Entwicklung sie nicht von den Bedingun­gen, die ihr die Natur als musizierender Frau gab, obgewichen ist. Sie ist nicht über die Grenzen ihres eigenen Wesens hinausgegangen, nicht einmal bie Ansätze zu einer Vermännlichung ihres Spieles wären zu erkennen. In ihrem Gestalten fmbet sie die verläßlichste Stütze in ihrem weiblichen Ein­fühlungsvermögen. . __ . e,

Jhr zum größten Ausmaß fähiger Ton wirkt nie überdimensional, weil er in vollem Emklang mit den grundlegenden Bedingungen ftel)t. .2>a.run19ll)t or sich in ursprünglicher Unmittelbarfeit, im Gesetz feines Wachsens ben jeweiligen Ansprüchen bes Werkes nachkornrnenb, stets babei getragen von innerer Wärme unb seelisch funbierter Empfmbungs- ^Diesem tonlichen Fundament entsprechend, bat die Weiterbildung der Griffbrcttechnik wie auch die Bogenführung vollauf Schritt gehalten. Wie spielend sie virtuose Höchstmaßleistungen bewältigt, das lieh ganz besonders die eine Zugabe (F- 1 c 5 '

Perpetuum mobile") überzeugend erkennen mit ihrem spritzigen Stakkato und der Unbegrenztheit im Steigern der Geschwindigkeit.

Es hieße ungerecht sein, wollte man nicht gleich­zeitig ihren Partner am Klavier nennen: Gras Heinrich W e s d e h l e n. Ein Pianist mit einer organisch entwickelten Anschlagskultur, die jeber dynamischen Anforderung gewachsen ist und Die Farbigkeit des Klanges vielseitig zu beleben vermag. Die Abrundung bes Technischen ist bei ihm eine Selbstverständlichkeit und läßt damit alle Kräfte,

bie an ber Darstellung bes Werkes teilhaben, um so freier unb ungehinberter entfalten.

Wohl seit langem konnte man hier in Gießen nicht ein solches aufeinanber Eingestelltsein bei konzertierenben Künstlern feststellen. Das war nicht nur ein Zusammen-Musizieren in üblichem Sinne, sonbern eine geistige Gemeinschaft im Teilhaben an bem Werk, wo jeber mit bem ihm Zustehenden biente unb nicht nur jeweils ben Mitwirkenben achtete, sonbern aus seinem Anteil für bie Durch­gestaltung ber eigenen Aufgabe innere Belebung unb Ausrichtung gewann. Es war nicht nur ein Eingehen aufeinanber, sonbern ein Hineinhorchen unb ein gegenseitiges Sich-Adlauschen. Nirgends ergab sich ein einseitiges Vordrängen, nicht nur ein Zusammenfinden, sonbern stets ein im Werk be- grünbetes Wollen, Können unb Müssen.

Drei Hauptwerke beherrschten bie Dortragsfolge, zwischen benen als Ruhepunkte unb als Momente der Entspannung die klanggeborene Kantadilität im Largo von Veracini unb bie abgestufte dyna- mische Gruppierung im geigerischen Durchleben von I. H. Fioccos Allegro sich einschalteten.

Beethovens Sonate in G-dur N r. 3 würbe aus ber Freube am Zusammenspiel -beiher Instrumente gestaltet, in bem feinen Sich-Adlösen bes thematischen Anteils im Allegro assai unb her Gewichtigkeit in ber kurzen Durchführung bieses Satzes. Das Menuetto war in seiner graziösen Haltung mit Sinnigkeit für ben wechselnben Trager bes melobischen Gedankens ein gegenseitiges Geben unb Nehmen in klanglicher organischer Ausstim- mung. Das Ronbo würbe in feiner leichten Be­schwingtheit nicht in ber sonst oft zu hortznben Weise im Tempo übersteigert; bie werkgemaßen Einhaltepunkte fanben hier ebenso ihre Beachtung wie bie reiche Zahl ber Einzelzüge feiner klang­licher Durchgestaltung, bie bem Thema im Verfolg der Rondoförm reizvolle wechselnde Beleuchtung 0aSie Fantasie op. 59 von Franz Schubert, die dem böhmischen Geiger Slavik bestimmt war, hatte infolge seiner Ausmaße bei her Erstauffüh­rung 1828' nicht völlige Anerkennung gefunben. Welcher Auswirkung sie heute fähig ist, das be­stätigte die Wiedergabe burch bie beiben Künstler in her inneren Gespanntheit ber Einleitung unb ihrem gegensätzlichen Anteil beiher Instrumente. Das sich 'anschließenbe Allegretto, bas in seiner thematischen Grunblegung wie auch bas Schluß- allegro ber Wesensart Slaviks folgt, war reizvoll in bem Wechselspiel her Instrumente, voll Tem­perament und pointierter Akzentuierung. Die fol­

genden Variationen über Schuberts LiedSei mir gegrüßt" waren ein lyrisches Sich-Ergehen in fein­stem gesanglichen Nachgeben; bie einzelnen Ab­folgen spürten im gegenseitigen Anteil ber feinsten Regung nach, bei Meisterung ber Schwierigkeiten ben musikalischen Aufbau in klarer Durchsichtigkeit, ausgeglichener Klanglichkeit unb geweitetem Ge­fühlserleben ausbreitenb. Di^ Wieberkehr bes Ein­leitungsthemas vor Eintritt bes Finales würbe hier zu beftimmenber Bebingung bes Ganzen. Die Reminiszenz bes Variationsthemas vyr ber Coba im 'Finale war klanglich verinnerlicht; glanzvoll die Ausstrahlung des Schlusses. Das ganze Werk war durch die musikalische Vertiefung zu einem besonderen Höhepunkt der Veranstaltung geworden.

Daß die Sonate von Cäsar Franck (1886) auf dem Programm erschien, obwohl wir sie erst im Vorjahre gelegentlid) einer andern Veranstal­tung zu hören bekamen, wird man dennoch den Konzertgebenden zu banken wissen. Wenn auch Cesar Franck (18221890) in Paris feine Wir­kungsstätte fanb, so ist er gerabe dort zu einem Hüter klassischer Formprinzipien geworden im Gegensatz zu der von Berlioz vertretenen Pro- grammusik und dem sich später anbahnenden Impres­sionismus. Die Einflüsse der Pariser Umwelt und die Zeitströmungen haben wohl Einfluß auf seine musikalische Gestaltung gehabt, aber die Art seines Musik-Erlebens zeigt doch Verwandtschaft nach Deutsd)land hin; denn Cesar Franck kann, soweit es jetzt feststeht, durchaus als Grenzlanddeutscher gewertet werden; seine Mutter stammte aus Aachen, sein Vater aus der belgischen Grenzzone.

Die Sonate wurde von beiden Wiedergebenden mit starkem musikalischem Impuls erfaßt unb rnu- sikantisch klanglich-schwelgerisch burchlebt. Das er­wies bie gefühlgebunbene Linienführung des Alle­gretto in seiner innerlichen Gliederung unb in hohem Aufwallen unb Drängen des Allegro mit feinen leibenschaftlichen Höhepunkten. Die Fantasia recitativo würbe in ihrer Gefangsepiföde befon­bers ausbrucksstark, unb bas Finale mit feinen Feinheiten her Kanonführung her beiben Solo­stimmen würbe in feiner strengen Binbung in pla­stischer Klarheit burchgesührt unb gipfelte in ber klanglichen Apotheose ber Coba.

Aeußerst starker Beifall bankte ben Konzert­gebern. Maria Neuß machte ben Hörern bas Scheiben befonbers schwer burch ihre Zugaben von Suk, Ries unb Beethoven (Romanze in G-dur).

Dr. Hermann Hering.

Klage eines Flohzirkusbesitzers.

Vor einer schwierigen Rechtsfrage stehen bie Richter von Debreczin. Ein Flohbänbiger hat eine Klage gegen seinen Hauswirt wegen moralischer unb materieller Schädigung eingereicht, weil er ihm seinen Zirkus vernichtet und ihn baburch um bie Frucht langjähriger Bemühungen gebracht hat. Der Wirt erklärte vor Gericht, er habe nicht bie ge­ringste Schulb an bem Vorfall. Er habe sich bar- auf beschränkt, ha eine Reihe von Beschwerben seiner Mieter oorlag, eine gründliche Reinigung vornehmen zu lassen, und diese habe sich natürlich auch auf bas Zimmer bes Flohbänbigers erstreckt. Es scheine- nun, baß bas Dienstmäbchen, bas bie Reinigung vornehmen sollte, seine Sache besonders gut machen «wollte unb einen Zerstäuber mit einer infeftentötenben Flüssigkeit üerroenbete, ohne jeboch baran zu henken, nachher roieber bas Fenster zu öffnen unb bie Zimmer zu entlüften. So kam es, baß später, als ber Flohbänbiger feine wertvollen Tierchen aus ben Schachteln, in benen er sie hielt, herausholte, um mit ihnen zu proben, bie winzigen Zirkuskünstler in wenigen Augenblicken tot zu Bo- ben sanken. Der arme Flohbänbiger versuchte zu­nächst in seinem Schrecken, seine Schauspieler roie­ber zu beleben, bie unbeweglich zwischen ben kleinen Kärtchen, Röhren unb ben anberen Geräten lagen, mit benen sie ihre Kunststücke ausführten, aber alle Mühe war umsonst. Nun geriet her Mann in Wut, unb bem Hausbesitzer hätte es schlecht gehen kön­nen, wenn er in biesem Augenblick zur Stelle ge­wesen wäre. Nur auf bas gute Zurehen einiger Freunhe ließ er sich bestimmen, sich nicht selber sein Recht zu schaffen, sonbern zum Richter zu gehen unb einen beträchtlichen Schabenersatz zu forbern.

Hocksckulnackkichien.

Professor Dr. Wilhelm Ule, ber entpflichtete Drbinarius für Geographie an ber Universität R o - stock, feiert am 8. Februar fein go Iben es Doktorjubiläum. Professor Ule, am 9. Mai 1861 in Holle (Saale) geboren, habilitierte sich als Privatbozent an ber Universität Gießen und hielt in dieser Eigenschaft auch Vorlesungen in Marburg; 1907 wurde er als ao. Professor nach Rostock berufen, wo er 1919 Ordinarius wurde unb bis zu feiner Emeritierung 1933 lehrte. Ille arbei­tete befonbers auf dem Gebiet ber Gewäsierkunbe. Reisen führten ihn nach Afrika, Palästina unb Vor- berinbien. SeinGrundriß ber allgemeinen Erb- tunbe" erschien 1931 in 3. Auflage.

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