Ausgabe 
6.10.1938
 
Einzelbild herunterladen

nr.2545tDciks Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

vonnerrtag. 6. Oktober 1958

Muskelkraft! Muskeln haben wir

h reizt den Kehlkopf andauernd. Die entzündeten i= Stimmbänder greift dann freilich jede Unpäßlichkeit 1 mit an.

die Bauchatmung, wie sie der Mensch

Aus der Stadt Gießen

r. k.

den Atem in Das verlangt besonders an Nachbarschaft Flanken- und

in Ruhestellung und der Säugling vor allem auto matisch übt, die natürliche Form.

den Flanken und am Bauch in der der Lungenflügel. Deshalb ist die

Der Staub trügt. Das Ewige grünt.

Vornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

kühlt die Stirn. Da stürmt einen künstlichen Rasen­pfad von Don Carlos heran und preßt einen Brief an die Lippen. Da dröhnen die himmlischen Posau- ,nen der Erzengel im Faust. Da fällt dein Blick auf eineh Vers:Der eine fragt: was kommt danach? Der andere fragt nur: was ist recht? Und also unter­scheidet sich der Freie von dem Knecht." Und aus den Romanen steigen die Jahrhunderte auf mit dem guten alten Schnee, mit dem maiengrünen Schim­mer jedes neuen Frühlings.

Da spürst du, es ist doch nicht vergebens gewesen.

Flatternde Stimme -flatternde Muskeln

Ganz ausatmen!" Das ist der Anfang der Atem­übung. Wenn dann einLufthunger" eintritt, füllt sich die Lunge von selbst richtig. Nun soll der Luft­strom ganz gleichmäßig wieder einweichen. Man übt das am besten auf eins" oderw". Hört sich das unruhiger oder zitternd an, so sind die Mus­keln noch nicht in Ordnung. Dann aber muß dieser Strom in gleiche und schließlich in ungleich lange Teile unterbrochen werden, ohne daß zwischen die­sen Teilen neu nach Luft geschnappt wird.Ganze Morsezeichen: Punkt, Strich, Punkt kann man so ausatmen und der Bauch muß dabei fest stehen­bleiben, als würde er unterstützt. Weiß man aber die Luft so zu beherrschen, wird man auch die Vokale nicht hinausknallen, selbst wenn man in Begeisterung oder Erregung ist! Stößt man explo­siv eina" heraus, so wird der Verschluß der Stimmlippe vom Luftttrom gewaltsam gesprengt und das nehmen diese empfindlichen Weichteile schnell übel: Die Vokale ganz leise anstimmen und immer stärker anschwellen zu lassen, das ist eine Uebung, die das Herausknallen abgewöhnt.

Daß die angestrengten Sprecher oft noch bis tief in die Nacht aufbleiben müssen, z. B. wenn die Lehrer Hefte zu korrigieren haben, schadet übrigens auch der Stimme? Die Atemmuskulatur und die gesamten Körperorgane, mit ihnen die Stimmbän­der brauchen die Kräftesammlung des Schlafes, bei dem allein alle Fasern vollkommen entspannt wer­den. Wer seine Stimmbänder nicht richtig aus­ruht, wer gar, mit Rücksicht auf seine Nerven bei langer Nachtarbeit viel raucht und den da­durch hervorgereizten Schleim erst recht ständig abräuspern muß, um seineStimme zu putzen",

haucht sein, damit sie klingt. Der Körper muß also den Lungen zuhalten" verstehen.

Gloria-Palast, Seltersweg:Liebesbriefe aus dem Engadin". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:13 Stühle". Herbstmesse auf Oswaldsgarten.

BOM-Untergau 116 Gießen.

Der am 23. 9. teilweise abgeschlossene Kurz-Sani- Kurs für Leistungsabzeichen gelangt am kommenden Freitug, 7.10., endgültig zum Abschluß. Die betref­fenden Mädel treten an der Dienststelle des Unter- gaues um 20.15 Uhr an.

Betr. Gruppenappell der Mädelgruppe 2/116 Gießen-Nord.

Der Gruppenappell der Mädelgruppe 2/116, der am vorigen Donnerstag ausfallen mußte, findet nun heute, Donnerstag, 6.10., um 20.15 Uhr an der Schillerschule statt.

WirtschastSkundliche Studienfahrt der OAF. nach Nordamerika.

Von der Kreiswaltung Wetterau der Deutschen Arbeitsfront wird uns geschrieben:

Die von der Deutschen Arbeitsfront durchgeführ­ten Wirtschaftskundlichen/ Studienfahrten in alle

Schimpfen,ohne daß die Lust weg bleibt

Doch was hat einGroschenmund" mit den Stimmbändern und ihren Leiden zu tun? Ver­suchen Sie, eina" in dere"-Stellung des Mun­des zu sprechen. Sie spüren sicher, daß sie mehr Atemluft benötigen! Die Grundlage jedes gesunden Sprechens ist aber die richtige und sparsame Füh­rung der Atemluft. Wer viel zu sprechen hat, braucht vor allem viel Luft! Der Mensch atmet ge­wöhnlich bei einem Atemzug einen halben Liter Luft ein. Bei einem Sportler kann sich aber, wenn er trainiert ist, während einer Uebung das Atem- volumen auf fünf bis sechs Liter steigern. Die An­strengung eines Gedicht-Vortrages von längerer Dauer muß, durchaus verglichen werden mH der Lungenleistung eines Sportlers etwa bei einem Langstreckenlauf. Der Lehrer muß in der Klasse nicht nur den Stoff vortragen, sondern auch schließ­lich mal schimpfen können, ohne daß ihm die Luft wegbleibt! Andererseits soll die Stimme nicht über-

Das Sprechen haben wir als ganz kleine Kinder , gelernt. Wir üben es nun schon 20 oder 30 oder gar 60 Jahre lang. Da müßten wir es doch eigent­lich können! Diese so naheliegende Annahme ist < leider ein schwerer Irrtum. Pir bilden zwar meist die verschiedensten Laute so, daß unsere Mltmen- 1 schen wohl unterscheiden können, ob wira" oder 1 u",k" oders" sagen. Wir verbinden diese Laute < 'auch zu Worten und Sätzen, die im allgemeinen für Andere einen verständlichen Sinn haben. Aber wenn wir unsere Muttersprache und später vielleicht noch drei oder fünf andere Sprachen sprechen lernten, so brauchen wir damit noch Nicht das Sprechen selbst zu beherrschen! Wirklich spre­chen zu können, ist nämlich eine Leistung, von der die redseligste Klatschbase vielleicht keine Ahnung hat.

Oer Mund ist ein gefügiges Werkzeug

Beim gewöhnlichen Ausatmen strömt die Luft aus den beiden Lungenflügeln in die Luftröhre; die Stimmlippen des Kehlkopfes sind leicht geöff­net und an den Zähnen und Lippen vorbei gelangt die Lust ins Freie. Sobald aber der Mensch sprechen will, schließen sich automatisch die Stimmbänder; wenn die Luft nun aus der Luftröhre hinaus will, muß sie die Stimmlippen in Schwingungen ver­setzen pnd diese Schwingungen ergeben Töne. Wie die Töne sich formen, hängt von der Stellung der Zunge, der Zähne und der Lippen ab.Jeder Laut ist von der Form des ihn bildenden Instru­mentes abhängig!" erklärte kürzlich Dr. Leon­hard Blaß, der Obmann der deutschen Sprecher, der auch auf dem bevorstehenden I n t e r n a t i o - nalen Kongreß für Singen und Spre­chen in Frankfurt am Main eine der Sit­zungen über das ThemaSprecher und Redner" leiten wird. Um die Klänge zu modulieren, besitzt der Mensch in seinem Sprechapparat ein außer­ordentlich gefügsa'mes Werkzeug. Er muß es nur richtig benutzen! Wer es nicht ausnutzt, darf sich auch nicht wundern, wenn er bei vieler und langer Sprecharbeit ein Stimmleiden bekommt. Daß insbesondere so viele Lehrer selbst bei leichter Er­kältung gleich eine Stimmband-Reizung haben, ist weniger eine Folge der zweifellos großen Sprech­anstrengung ihres Berufes, als eines falschen Spre­chens.

Es gibt viel mehrmundfaule" Menschen, als man gewöhnlich meint.Aber ich mache doch den Mund beim Sprechen ganz weit auf!" Gewiß, die e" undi" klingen auch danach? Das Aufreißen des Mundes ist nämlich zunächst Sache des Unter­kiefers, die Schallöffnung aber muß von der Lip- penmuskulatur geformt werden. Da war einmal ein echterBerluner", der kam einfach nicht von demü" weg zu einem richtigen klareni". Sehr viele Berliner haben diesen Sprechfehler. Ja, woran lag das? Er benutzte von seinen Lippen­muskeln nur die Rundmuskulatur. Der Sprachleh­rer hielt ihm den Spiegel vor, damit er sich davon überzeugen könnte, und sagte dann: Nun grinsen Sie mal richtig wie ein Honigkuchenpferd! Sein Mund zog sich breit auseinander. So, in dieser Lippenstellung sprechen Sie jetztiiiiiii"' Klar und deutlich kam es heraus. Noch ein bißchen üben und der Fehler war ein für allemal behoben. Selbst dasa" macht manchen Menschen Schwie­rigkeiten, obwohl man dabei eigentlich nur den Kiefer hängen zu lassen braucht. Die meisten über­treiben oder tun zu wenig: sie verkrampfen.Nein! Bläkfen Sie bitte ganzdof", als ob Ihnen vor Staunen der Mund offen geblieben sei. So! Und nun bitte:aaaaaa"!

Zwischen hohen Regalen.

Wir standen im Lagerraum eines Bücher-Anti- quariats. Draußen war süßer, bitterer Oktober, An­lagenwipfel, leichter Wind in den Straßen, Scheiben, strahlend vor Licht. Aber hier oben im fahleren Schimmer eines bleiverglasten ovalen Fensters, stand die Weisheit der Welt auf Regale gereiht, die Lust der Welt, die Wirrnis der Welt, Nachdenklichkeit, Ironie, Spott, Anklage, Verzicht, Empörung. Es war still, nur die Straßenbahnen klingelten herauf, die Autos muhten.

Was blieb von deinen Verzweiflungsschreien, Kleist? Bücher, milde angestaubt, goldbedruckt. Unh Hölderlin? Hyperions Klage ist wohlgebunden, kni­sternd, auf blühweißem Papier und in edelen Let­tern gesetzt, um ein billiges Geld zu haben. Restauf­lagen. Die hundertste Deutung Shakespeares, die Sprüche Buddhas, überholte medizinische Erkennt­nisse, Lyrik, die unsere Großmütter entzückten, wenn sie mit Sonnenschirmen im Kies stochernd, errötend an den Geliebten dachten. Da steht nun alles, Band an Band, von fünfundvierzig Pfennigen an.

Es gibt Bücher, mit Widmungen, siehst du die Hand, die das schrieb? Fiel noch Gefältel von Spitzen über den Rücken der eilig schreibenden Hand? (Aus­gabe aus dem Jahre 1785.) Schickte ein Freund dem Freund einst das Buch, von dem er die Wende einer Geisteswelt erhoffte? Freund und Freund sind tot. Das Licht blickt fahl herein. Es wird dunkel, sagt der Antiquar. Er dreht eine grelle Lampe an.

Man wird skeptisch zwischen den vielen Büchern. Die Stimmung desEs lohnt sich sticht" kommt wie Verzweiflung über dich. Lohnt es, dem millionen­fach geschriebenen ein millionenunderstes anzufügen, damit es dereinst auf Regalen verschimmele? Aber da rauscht plötzlich ein Vorhang auseinander (vor deinem inneren Gesicht) und erhellt die flämische Bauernstube. Der zerbrochene Krutz beginnt. Der I tölpelhafte Schläuling wälzt sich aus dem Bett und

Geheimnisse nm A, E, 3,0, U.

Wie ersteht ein Laut? Lustmangel überanstrengt den Kehlkopf. Oie Stimme hängt an den Bauchmuskeln.

Don Oo.Z. Schwanke.

Gaue des Reichsgebietes und darüber hinaus in das Ausland sind keine Erholungsfahrten, sondern dienen der Erweiterung des beruflichen Blickfeldes und der Sammlung neuer Erkenntnisse zur nutzbringenden Verwertung für die Arbeit im eigenen Bexuf. Wir alle wissen, daß der Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt heute stärker denn je entbrannt ist und daß nur die Nation den Weltmarkt erobern und behaupten wird, die in der Lage ist, qualitativ hoch­wertige Erzeugnisse herzustellen. Weiterhin ist aber auch notwendig, den Absatzmarkt genau zu kennen um sich auf die Erfordernisse entsprechend einzu-

Vor dem Einseilen die Haut mit NIVEA geschmeidig machen, dann Ist das Rasieren ebenso schmerzlos wie ein Haarschnitt

stellen. Hierbei spielen die Kenntnisse über Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Struktur der Wirtschaftsgebiete des Absatzlandes eine große Rolle. Diese Erkenntnisse können aber nur an Ort und Stelle richtig erkannt werden und die Wirt» schaftskundlichen Studienfahrten der Deutschen Ar­beitsfront werden eigens zu diesem Zwecke durch­geführt.

Wir bitten alle Interessenten, die sich an der vor­gesehenen Nordamerika-Fahrt beteiligen wollen, sich mit der Deutschen Arbeitsfront, Kreiswaltung Wet- terau, Abtlg. für Berufserziehung und Betriebs­führung, Gießen, Schanzenstraße 18, Fernruf 2141, in Verbindung zu setzen.

SA.- (Sturmerer Friedrich Leipold t»

Am gestrigen Mittwoch ist der Führer der SA.« Reiterstandarte 147, Gießen, SA. - Sturmführer Friedrich Leipold, an einem Herzleiden plötzlich verstorben. Mit ihm ist ein alter Offizier und begeisterter Reiter, ein tatkräftiger SA.-Füh­rer, vorbildlicher Mensch und guter Kamerad heim- gegangen.

Friedrich Leipold wurde am 13. August 1871 als Sohn eines Offiziers in München geboren. Er kam in jungen Jahren in das damalige Kgl. Baye­rische Kadettenkorps in München, wo er seine Aus­bildung für die Offizierslaufbahn erhielt. Im Jahre 1891 kam er als Leutnant in das damalige Kgl. Bayerische 2. Cheveauxleger-Regiment TaFs in Dillingen, wo er mit Begeisterung feinen militä­rischen Dienst versah. Leider erlitt er im Jahre 1897 auf einer Jagd- einen schweren Unfall, der ihn we­gen einer dauernden Behinderung eines Fußes zwang, als Offizir feinen Abschied zu nehmen. Er widmete sich dann landwirtschaftlichen Studien auf der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim und war anschließend auf verschiedenen Gütern in der landwirtschaftlichen Praxis tätig, u. a. auch in Hof-(Iill bei Gießen, dann in England. Sein be­sonderes Interesse galt allen Fragen der Tierzucht, insbesondere der Pferde-, Schaf- und Schweine­zucht.

Im Jahre 1903 pachtete Friedrich Leipold das Gräflich Laubachsche Hofgut Münzenberg, das er rund 30 Jähre lang bewirtschaftete. Neben seinem landwirtschaftlichen Beruf auf diesem Hofgut ma£ er noch in zahlreichen Ehrenämtern tätig, die mit der landwirtschaftlichen Praxis . zusammenhingen, u. a. als Preisrichter bei Tierausstellungen, Pferde» Prämiierungen, z. B. auch bei den alljährlichen Pferdemärkten in Gießen, Schweine-Prämiierüngen, Reit- und Fahrprüfungen und ähnliches. Sein gro­ßes Interesse für die öffentlichen Aufgaben im land­wirtschaftlichen Berufswesen, vornehmlich für die Pferdezucht und die Reiterei, führte dazu, daß er Prooinzialvorsitzender der oberhessischen Reiterver- eine wurde, die als Grundlage der SA.-Standarte 147 anzusehen sind.

Bei Ausbruch des Weltkrieges stellte er sich sofort dem Vaterlande zur Verfügung. Er wurde qls Dfft«.

Kastanien-Abenteuer.

Von Werner Bergengruen.

Es mag vielen Menschen so ergehen, daß sie zeit­lebens eine Affinität zu ihrer Geburtsjahreszeit be­halten. Für mich ist der Herbst die klastische Zeit des . Jahres-. Keine Obstblüte, keine Eisblumenherrlich­keit, keine Waldmeister-, Erdbeer- aber Spargel­periode springt mir so freudig ins Blut wie die Wochen der Kastanienreife.

Der Kastanienbaum eröffnet eine Jahreszeit und schließt sie ab. Die Gepflogenheit mancher anderer Bäume, ein paar verhutzelte Fruchte den ganzen Winter über traurig an den Zweigen zu behalten, kennt er nicht. Er wirst die seinen ab bis auf die letzte. Die Blätter sind noch grün, wenn die ersten Früchte abfallen; ganz wenige nur weisen mit be- z ginnender Vergilbung schon auf die große Zeit, da das ganze Laubgewölbe bernsteinfarben die Sonne aufnehmen, durchlaffen und weiterstrahlen wird. Die erftgefunöene der dickschaligen grünen Stachel­kugeln trage ich behutsam nach Hause. Sie strömt einen Geruch von frischer Bitterkeit aus. In schneei­gem Weiß enthält sie eine kirschengroße Frucht, daneben zwei nicht zur Entfaltung gediehene von der Größe eines Streichholzköpfchens, rührende Dingerchen in ihrer Winzigkeit und doch genaue Abbilder der ausgewachsenen Kastanie. Sobald die Schale geöffnet ist, beginnt das reine Weiß der In­nenwand sich dem Apfelfleisch ähnlich, ob auch nicht so geschwind, ins Bräunliche zu verfärben. Das wird, ich verstehe mich nicht auf die Wissenschaften, ein dem Rosten verwandter Öxydationsvorgang sein; lieber aber denke ich an jenen tiefsinnigen alt­russischen Aberglauben, nach welchem der Pilz ZU wachsen aufhört, sobald eines Menschen Blick ihn getroffen hat und bas' Unberührte berührt würbe.

Noch überwältigender ist der Augenblick des Fruchtöffnens, wenn die Kastanienzeit mit ihrem ganzen Reichtum angebrochen ist. Die Frucht hat das Maß ihres Wachstums erreicht. Glatt, leuchtend braun, manchmal mit schneeweißen Flecken, so liegt sie ruhig auf meiner Handfläche, roie sie aus dem Willen Gottes hervorgegangen ist, noch von keinem menschlichen Auge erblickt, das vollkommene Ding schlechthin. Vollkommen ist, was mir uns in keiner anderen Beschaffenheit denken können als in feiner eigenen. Vielleicht ist bas Himmelreich einer Kastanie vergleichbar.

Fast täglich sammle ich Kastanien, um sie meinen Kinbern mitzubringen, aber die Kinder sind nur ein Vorwand. Vor zwei Jahrzehnten, als ich gewiß noch keine Kinder hatte, hgbe ich es auch getan und mir in verwüsteten, halbzerschossenen Parks die Taschen

mit Kastanien vollgestopft. Freilich war ich damals noch bedacht, mich bei so kindischem Tun nicht an­treffen zu lassen und dadurch um jede männliche Re­putation zu bringen. Heute habe ich die Menschen­furcht verlernt und bekenne mich ungescheut zu Lieb­habereien. Schlimmstenfalls sage ich mir, wenn man die Vierzig überschritten hat, ist man wohl alt genug, um sich Marotten gestatten zu dürfen.

Nicht das Geerntete, sondern der Vorgang des Erntens hat die höhere Würde. Meine Kinder fangen an, dem ersten Kastanienalter zu entwachsen, das zweite aber liegt weit vor ihnen. So wissen sie mit den mitgebrachten Kastanien nicht sehr viel zu be­ginnen. Ich finde die Früchte in Papierkörben und Mülleimern wieder. Etwas wehleidig erinnere ich mich der eigenen Kindheit. In unseren Spielen ver­traten die Kastanien die Stelle der Kühe, ganze Her­den kamen zusammen^ die kleinen ropren neugeborene Kälbchen, die weißgescheckten standen in erhöhter Schätzung. Auch gab es eine Kunstübung, aus der Kastanie durch behutsames Auskratzen des harten Fruchtfleisches Körbchen herzustellen, die van einem schmalen Bügel zum Anfassen und Tragen überwölbt wurden. Hierzu gehörten Geschicklichkeit und Geduld, denn dieser Bügel brach während der Schnitzarbeit leicht ab. Nicht lange nach dem Einbringen begannen die Kastanien ihren Glanz einzubüßen und trübselig zu verschrumpeln, gleich den bunten Luftballons vom Jahrmarkt, die ja auch ihre Herrlichkeit nur be­wahren, solange sie, mit Sehnsucht begehrt, trauben- haft aneinandergebunden, aus den Händen des Ver­käufers vergeblich fortftreben. Dann warfen wir die Kastanien in den Ofen, der in meiner nördlichen Heimat zur Kastanienzeit schon häufig brannte, und lauschten auf ihr bullerndes Knacken in der Glut, das, ich weiß nicht warum, in einer geheimnisvoll vordeutenden Beziehung zu Weihnachten als dem großen Fest der nun bald beginnenden winterlichen Jahreshälfte zu stehen schien. Zentralheizung und Gasherd verwehren heute den Kindern solche Freu­den, auch gilt es als unpädagogisch und gefährlich, den Kleinen so scharfe und spitze Messer, wie sie zum Aushöhlen von Kastanien gehören, in die Hände zu geben.

Ich liebe das nichtstuerische Schlendern in der goldenen Septembersonne, unter stillem, blauem Himmel, zwischen flammenden Gärten hin, im süßen Duft der Goldraute. Das Gehör will nichts äufnet)- men als die Melodik jenes dumpfen und ruhigen Aufpralls, mit dem die nur durch eigene Schwere und Reife vom Zweige gelöste Frucht vom Erdboden willkommen geheißen wird. Auf solchen Gängen jamm eie ich meine Kastanien. Ich kenne die Stra­ßen, in denen die Bäume aus den Gärten ihre Last am reichlichsten über die Zäune werfen. Oft muß

ich früh kommen, sonst hat die Straßenreinigung mir brutal vorgearbeitet. Heuer aber habe ich ein wahres Kastaniendorado entdeckt, das keiner Stra­ßenreinigung offensteht.

Noch im Villengelände, aber der Waldzone schon benachbart, liegt ein parkartiges Grundstück. Nach der Straßenseite zu hängt ein Schild in herbstlichen Farben, rote Buchstaben auf gelber Fläche:Diese Villa ist zu verkaufen. Näheres bei Immobilien- Pütt, Milchstraße 18." Dies Schild ist nicht das ein­zige. Ueber der wie ein Marterl' überdachten Gar­tenpforte lese ich:

Froh betrete dies Haus und froh entferne dich wieder. Ziehst du als Wandrer vorbei, segne die Pfade dir Gott."

Ja,betrete" steht da, und so liegt für den Lesen­den eine kleine Betretenheit nahe. Indessen scheint der Willkommensgruß nicht allen Menschen gleich­mäßig zu gelten, denn rechts und links der Pforte heißt es:Bettlern und Hausierern ist der Zutritt untersagt."Gesichert durch Nächtlichen Streifen­dienst G. m. d. H."Achtung! Selbstschüsse!" Warnung vor dem Hunde!" Dies letzte Täfelchen erinnert mich an ein Wort des Plinius, wonach die Furcht ihre Ursache zu überdauern pflegt. Denn auf diesem Grundstück gibt es keinen Hund, wie es auch keinen Menschen mehr gibt. Die Rolläden sind seit langem heruntergelassen.

Im hölzernen Zaun, er ist das, was Architekten und Gärtner einen Naturzaun nennen, obwohl auch zu feiner Erstellung an Menfchenlist und Wirtschafts­leben appelliert werden muß, fehlen einige Latten, man kann sich, eine leidliche Schlankheit vorausgesetzt, hindurchzwängen, ohne erst von jenseits dromedarisch durchein Zuckerhörnchen als Douceur" ermutigt werden zu müssen. Indessen ist das Douceur, das mir winkt, mir ein ganzes Arsenal voll Zuckerhörnchen wert; denn hinter dem Hause führt eine Doppelreihe prachtvoller Kastanienbäume auf ein sechseckiges, alt­modisches Holztempelchen zu, dessen Fenster mit Latten verschalt sind. Ich passiere den schadhaften Zaun und gehe langsam durch den Garten, der voll des schwermütigen Reizes der Verwilderung ist. Eine wohlgepflegte Natur findet langsam und unbeirrlich wieder heim zu ihren Ursprüngen. Gras grünt auf den Wegen. Ich kann nicht erkennen, ob das geräumige Haus zweckmäßig ober unschön gebaut ist, denn die dunklen Fluten des Efeus fpülen fast über das Dach fort.

Unwillkürlich fühlt man sich getrieben, den Schick­salen eines verödeten Hauses und seiner fortaegange= nen Bewohner nachzuträumen; aber vielleicht ist ganz einfach Geheimrat Schmidt nach Düsseldorf berufen worden.

Es wundert mich, daß Kinder sich diesen ver­lassenen Garten nicht als Lieblingsspielort erwählt haben. Aber es ist ja trotz aller Waldnähe eine ge­sittete Villenstraße, und vielleicht ist die Phantasie der Kinder nicht sehr reich. Freilich stehen auch keine Obstbäume im Garten.

Unbesorgt schlendere ich kastaniensammelnd umher. Ich kann mir nicht denken, daß der Nächtliche Strei­fendienst sich um die Trockenhaltung des Selbst- schußpulvers kümmere. Es kracht denn auch kein Schuß. Nur einmal fallen zwei Kastanien kurz nach­einander zu Boden. Aber selbst dieser sanfte Laut hat in der Verzauberung gänzlicher Stille etwas Er­schreckendes.

Sind nicht auch andere Laute vernehmbar? Menschliche Stimmen? Unvermerkt bin ich um die Hausecke gebogen und befinde mich plötzlich zwei Herren gegenüber, die von der offenstehenden Pforte her dem Hause zuschreiten. Ich kann mich nicht ent­winden, ich muß, so erschrocken ich bin, auf sie zu­gehen. Ich stecke beide Hände in die mit Kastanien gefüllten Rocktaschen und spreize das Jackett möglichst weit vom Körper ab, in der Hoffnung, die unnatür­liche Geschwollenheit der Taschen auf diese Weise hinter einer gleichgültigen Angewohnheit verhehlen zu können. Dem überraschten, prüfenden, ja von Mißbilligung nicht freien Blick der Ankömmlinge preisgegeben, glaube ich in einer energischen Un­gezwungenheit die einzige Rettung zu finden.

Wir murmeln etwas. Aller akustischen Unergiebig­keit dieser Szene zum Trotz bin ich augenblicks ge­wiß, es mit dem Immobilien-Pütt aus der Milch­straße zu schaffen zu haben. Sein Begleiter ist ein Interessent oder gar Reflektant. Diese Stufen unter­scheiden sich durch die abnehmende Unverbindlichkeit der Besichtigungen.

,Zch sehe, daß eine Besichtigung stattfindet", be­merke ich leichthin.Darf ich mich anschließen?"

Der Reflektant wittert einen Mitbewerber und ist unangenehm berührt. Immobilien-Pütt dagegen ist, feinem Anfangsmißtrauen zum Trotz, meiner nicht ganz unverdächtigen Dazukunft froh, denn sie beweist, daß für das Objekt ein Interesse vorhanden ist, das wiederum in seinem Interesse liegt. Auch beherrsche ich den Jargon, und das entscheidet.

Es ist mir recht, daß erst ein Rundgang durch den Garten gemacht wird. Ich bleibe, kritisch um mich blickend, ein wenig zurück. An der schadhaften Zaun­stelle angekommen, folge ich der Aufforderung des Besitzers, mich froh wieder zu entfernen.

Immobilien-Pütt und der Reflektant sind in ernst­haftem Gespräch. Im Entschwinden höre ich Jom- mobilien-Pütt nach sagen:Aber ich bitte Sie, Herr Doktor, ich werde Sie'schon zufriedenstellen. Es liegt mir doch alles daran, Sie als Kunden zu behalten."