Kuliurschau „Singendes Oberhessen".
Eine interessante geschichtliche Schau für das Gausängerfest.
Anforderungen des Alltags gewachsen ist. Möge das Schulboot jederzeit feiner Aufgabe gewachsen fein, wenn recht viele junge Deutsche sich unserem Sport zuwenden."
'Hierauf nahm Frl. Kimmel die Taufe vor: Der Einer wurde zu Ehren unseres verstorbenen Ehrenmitgliedes auf den Namen „Karl Kräiling" und der Schulzweier auf den Namen „D e u t s ch e Jugend" getauft. Mit dem Gedenken an den Führer und den Liedern der Nation fand die Feier ihren Abschluß.
Nun kamen die Jüngsten zu ihrem Recht. Während die einen Wurst schnappten, vergnügten sich die anderen beim Kasperle. Für Erwachsene sorgte eine Schießbude für Unterhaltung. Am Abend vereinte flotte Tanzmusik die zahlreichen Mitglieder im Saale des unteren Bootshauses.
Zu gleicher Zeit tagten nachmittags die Vereinsführer der Rudervereine an der Lahn unter Vorsitz des Gaufachwartes für Rudern, Kamerad Willy D e ck a r t aus Kassel. Man sollte sich schlüssig werden, ob der im Jahre 1907 in Weilburg gegründete Lahnregattaverband aufgelöst werden sollte oder ob er in anderer Form unter Aufgabe der an der Lahn bestehenden örtlichen Regattavereine neu erstehen sollte. Man war der Meinung, daß an die Stelle des seitherigen ein neuer Lahnregattaverein erstehen sollte. Mit den Vorarbeiten bis zur endgültigen Regelung wurde der seitherige Arbeitsausschuß unter Leitung von Kamerad Deckart betraut.
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** Dienstjubiläum bei Rinn & Cloos. Dieser Tage konnten wieder drei Angestellte der Firma Rinn & Cloos AG., Albert Hartmann, Gustav Horeyseck und Adolf R i n n ihr 25jäh- riges Dienstjubiläum feiern. Aus diesem Anlaß wurden in einer Feierstunde die Jubilare von dem Betriebsführer L. Rinn und im Namen der Gefolgschaft von L. Sack auf das herzlichste beglückwünscht. Außerdem erhielten die Jubllare wertvolle Geschenke. Der kurze Appell zeigte erneut eine schöne Betriebsverbundenheit.
** Silberne Hochzeit. Am heutigen Mitt- woch feiern die Eheleute Fritz Fuhr und Frau Marie, geb. Meyer, das Fest der silbernen Hochzeit. Wir gratulieren!
** Die Allgemeine Ortskrankenkasse für Stadt- und Landkreis Gießen macht in einer Bekanntmachung darauf aufmerksam, daß bis zum 10. Juli die Beiträge für Monat Mai noch ohne Kosten bezahlt werden können.
** Kaninchen-Zuchtverein Gießen auf Besichtigungsfahrt. In Frankfurt am Main-Rödelheim traf sich am Sonntag der Kanin- chen-Zuchtverein Gießen mit dem dortigen gleichen Verein. Die Zusammenkunft geschah im Sinne der Förderung der Kaninchenzucht. In vollbesetztem Omnibus traf der Gießener Verein nach der Fahrt über die Reichstautobahn in Rödelheim ein und wurde dort kameradschaftlich empfangen. Bei züchterischem Gedankenaustausch und bei der Besichtigung der mustergültigen Zuchtplatzanlagen mußte mit Genugtuung eine starke Förderung der Kaninchenzucht nach den Bestrebungen der Reichsfachgruppe festgestellt werden. Die tatkräftige Mitarbeit am Vierjahresplan läßt sich insbesondere dadurch erkennen, daß die Wirtschaftsrassen im Verein Rödelheim besonders ihren Platz behaupten. Der Verein kann durch die günstige Lage seines Zuchtplatzes jährlich mehr als 3000 Kaninchen verpflegen und mehr als 1000 Jungtiere aufziehen. Die jährliche Fleischproduktion beläuft sich dort auf etwa 3 bis 4 Tonnen und der Gewinn von etwa 1000 Fellen gibt der Rauchwarenindustrie wertvolles Material an die Hand.
** Vermehrte Kachelofen Verwendung. Der preußische FinanMinister hat in einem Erlaß bestimmt, daß gerade die mit öffentlichen Mitteln arbeitenden Bauträger in viel höherem Maße als bisher eisensparende Kachelöfen und Herde zur Verwendung bringen sollen. Die zahlreichen Bestellungen der Großverbraucher an Oefen und Herden mit hohem Eisenaufwand hätten zu Lieferungsschwierig- teiten geführt. (Lpd.)
Es gab eine Zeit, in der der Liberalismus das Gefühl der Achtung und der Ehrfurcht vor dem Ueberfommen im deutschen Volke ausgetilgt hatte. Eine Zerstörungswut, maßlos in ihren Auswirkungen, hatte die meisten Menschen erfaßt, und unersetzliche Werte wurden vernichtet. Es war die Zeit, in der altes, wertvolles Zinn- und Porzellangeschirr, die Freude und der Stolz unserer Groß- etiern, verschleudert wurde, es war die Zeit, in der Spinnräder und kostbare Einrichtungs- und Erinnerungsgegenstände gut genug waren, um als Brennmaterial verwandt zu werden, es war die Zeit, in der alte aufschlußreiche Aktenstücke achtlos zerrissen wurden. Die Brücken zur Vergangenheit wurden damit abgebrochen, die in ihrer Form und Erscheinung jeder völkischen Grundlage entbehrende „Gegenwartskultur" feierte Triumphe.
Die nationale Erhebung hat diesem Vernichtungswillen ein Ende bereitet Der Nationalsozialismus hat -dem deutschen Volke wieder ein starkes Traditionsbewußtsein geschenkt und es veranlaßt, die Geschichte der Vergangenheit mit besonderer Liede und Begeisterung zu pflegen und das Ererbte zu erhalten und treu zu bewahren. >
Schon kurz nach erfolgter Machtergreifung wurden die Gesangvereine des Gaues XII des Deutschen Sängerbundes auf die Notwendigkeit der E r - Haltung von Erinnerungsstücken an ihre Vereinsgeschichte hin gewiesen und die Schaffung eines Vereinsarchivs angeregt. In vielen Vereinen fand der Gedanke der Gründung eines Archivs begeisterten Widerhall, und mit Eifer ging man daran, sämtliche Aktenstücke, Noten, Pro-
gramme, Photographien und Preise, alles, was mit der Vereinsgeschlchte irgendwie in Verbindung stand, zu sammeln. Mancher Erinnerungsgegen» stand wurde auf diese Weise ausgestöbert, manches Archiv konnte dadurch aufgebaut werden und bietet heute eine fast lückenlose Vereinsaefchichte. Manche Vereine jedoch mußten sich mit der bedauerlichen Feststellung begnügen, daß sich aus der langjährigen Vereinsgeschichte nichts mehr erhalten hafte, daß alles vernichtet oder verlorengegangen war.
Sinn und Zweck der Ausstellung „Singendes Oberhessen", die am Samstag eröffnet wird, ist nun, alle an die mehr als 100 Jahre alte Sänaer- bewegung erinnernden Gegenstände in einer Kultur- schau zu vereinigen. Sie will weiter aller derjenigen Persönlichkeiten, die im Dienste des deutschen Liedes als Sängerführer oder als Dirigent die Erfüllung ihrer Lebensaufgabe erblickten, gedenken. Sie sieht weiter ihre Aufgabe darin, die vielen ober- hessischen Chorkomponisten,, die durch ihr Schaffen das oberhessische Sanges- leben befruchteten, in einer besonderen Schau zu würdigen.
Mit großer Freude und (Genugtuung kann heute schon betont werden, daß sehr viele Vereine dem Aufruf zur Beteiligung an der Ausstellung nachgekommen sind und Material zur Verfügung ge- stellt haben. Wenn auch Nicht alle Gegenstände reffr los erfaßt werden, so wird die Ausstellung doch in ihrem Aufbau jedem Besucher ein eindringliches Bild von der kulturellen Bedeutung der oberhessischen Sängerbewegung vermitteln.
Zoologen-Kongreß in Gießen.
Tagung der Kapital- und Kleinrentner-Mer.
Zweiter Arbeitstag.
Im Restaurant „Hindenburg" fand am Dienstag eine Tagung der Bundesgruppenführer des Reichsbundes der deutschen Kapital- und Kleinrentner statt. Der Bundesgebietsleiter Oberst v. Waldeyer (Kassel) begrüßte die Teilnehmer.
Bundesführer Or. Sollarm, Berlin, ging bann auf die Ziele und Aufgaben des Bundes ein 'unb führte u. a. aus, daß, wie die DAF. und der Reichsnährstand und andere große Zusammenschlüsse den Sinn haben, Mittler zwischen den in ihnen zusammengeschlossenen Volksgenossen und der Staatsführung zu sein und die Aufgabe haben, im nationalsozialistischen Sinne Möglichkeiten zu suchen, wie im Rahmen der gesamten wirtschaftlichen, kul- turelleb und staatlichen Aufgaben die Lebenslage dieser Volksgenossen zu einem höheren Lebensstandard verbessert werden kann, so ift dies auch die Aufgabe des Reichsbundes der deutschen Kapital- und Kleinrentner. So ist es der Zweck des Reichsbundes, allen Mitgliedern im Rahmen der gesetzlichen ober sonstigen Möglichkeiten alle die Leistungen zu verschaffen, auf bie die Rentner Anspruch erheben können. Der jetzt mehr als 100 000 Mitglieder umfassende Reichsbund ist der staatlich und parteiamtlich anerkannte Zusammenschluß der ehemaligen Kapitgl- und Kleinrentner. Der Bund hat sich erfolgreich fördernd an der Kleinrentner-^Gesetzgebung beteiligt, dadurch, daß er ihre einzelnen Schwächen und Nöte aufgezeigt und dem Gesetzgeber wertvolle Hinweise gegeben hat.
Das war aber nicht die einzige Tätigkeit, denn der Reichsbund soll auch ein lebendiger Organismus fein, in dem der Gedanke der Selbsthilfe eine maßgebliche Rolle spielen muß. Die Kleinrentner müßten versuchen, aus sich heraus den Kampf um ihre Lebensrechte aufzunehmen. Wer über vergangene Zeiten trauert und klagt, fei nicht in der Lage, Neues zu schaffen. Aus diesem Grunde wurde eine Umorganisation vorgenommen, durch die wesentliche Ersparnisse erzielt wurden. Aus die- sen Mitteln wurde das Erholungswerk ins Leben
gerufen. Die erste Tat dieser Selbsthilfe-Aktion war die Schaffung des ersten Rentner-Erholungsheimes in Krummhübel zu Füßen der Schneekoppe im Riesengebirge, in dem fünfzig Rentner jeweils 14 Tage Erholung finden können. Voraussichtlich werden im nächsten Jahre in mehreren Teilen des Reiches weitere Erholungshäuser geschaffen werden. Auch im Rhe i n-Main-Kassel - Gebiet soll ein solches errichtet werden. Weiterhin ist eine erfreuliche Zusammenarbeit mit der NSV. erzielt worden. Diese Zusammenarbeit erfolgt nicht auf der überlebten Aufsassuna der Wohltätigkeit und der Charitas, sondern auf den Gedanken der G e meins chaftshil fe des ganzen Volkes für bas Volk, der auch der tiefste Sinn ber NSV. ist. Diese Zusammenarbeit mit ber NSV., die sich hervorragend bewährt hat, ist ein wesentlicher Fort-^ schritt ber 58 unb es arbeit. Aus dieser Selbsthilfeaktion wurde auch der Hilf sf onb für besonders bedürftige Rentner geschaffen, ber eine einmalige Hilfe in Notfällen gewährt. Weiterhin erstrebt der Reichsbund die Förderung der Errichtung von Rentnerwohnungen und -Wohnheimen an.
Neben diesen Aufgaben bleibt es bas vornehmste Bestreben des Reichsbundes, die Rentner aus der Fürsorge herauszuführen und ihnen eine Versorgung zu schaffen. Der Vortragende ging näher auf die Gesetzgebung der letzten Jahre ein, durch die bereits wesentliche Verbesserungen in der Versorgung eingetreten sind. Am 1. Oktober ist eine weitere Verbesserung durch die Gesetzgebung zu erwarten.
Die Hauptaufgabe des Bundes in der Zukunft wird es fein, diese Reichsversorgung und den engeren Zusammenschluß der Rentner zu erreichen, damit die Selbsthilfeaktton ausgedehnt werden kann und damit auch die Zusammenarbeit mit der NSV. sich ersprießlicher auswirken kann. Dem Vortrag schloß sich eine sehr anregende Aussprache an. Dem Bundesführer wurden viele praktische Vorschläge für die weitere Arbeit mit auf hen Weg gegeben.
Der zweite Dag des Zoologenkongresses führte die Teilnehmer in stattlicher Zahl zu einer B e - sichtigung im Zoologischen Institut in der Bahnhofstraße zusammen. Die ausgezeichnete Ausstattung des Laboratoriums mit modernsten Forschungsapparaten, die dem Unterricht dienenden Einrichtungen sowie die reiche Sammlung von Lehrpräparaten und nicht zuletzt die kunstvoll gezeichneten Anschauungstafeln fanden großen Beifall Und Anerkennung. Immer wieder wurde von den Gästen dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß dies alles in so unzulänglichen Räumen untergebracht fein muß.
Doriräge.
Die wissenschaftliche Sitzung begann darauf im großen Hörsaal des Physiologischen Institutes mit dem zweiten Hauptreferat-, Professor Dr. Stamm er (Breslau) sprach über Ziele und Aufgaben ökologisch-tiergeographischer Untersuchungen in Deutschland.
Sodann gab Professor Dr. Farkas (Szeged) in seinem Vortrag „Struktur und Funktion der Otolithen der Knochenfische" einer Auffassung Ausdruck, die eine angeregte Diskussion auslöste, lieber Farbwechsel und Gewebsentartung nach Nervendurchschneidung und Zerstörung gewisser Gehirnteile bei Stabheuschrecken berichtete Dr. P f l u g f e l d e r (Jena), wahrend Dr. Geruch (Leipzig) Untersuchungen' über die. Fortpflanzung einiger Tintenschneckenparasiten mitteilte. Die Frage, ob durch irgendwelche Einflüsse gerichtete Mutationen auftreten können, erörterte Professor Dr. Ludwig (Halle) in feinem Vortrag über „Ursachen der Evolution auf theoretischer und experimenteller Basis"; die bisherigen „lamarkistischen Persuche" wurden wegen zu geringer Generationenzahl als unbe- weisend abgelehnt.
Filmvorführungen.
Die Nachmittagssitzung war der Vorführung einer Reihe hochinteressanter Filme Vorbehalten. In röntgenkinematographischen Untersuchungen über die
Vogelatmung führte Frl. Dr. Stanislaus (München) das Verhalten von Lunge und Luftsäcken einiger Vögel vor. Professor Dr. Stresemann (Berlin) konnte in prachtvollen Zeitlupenferien den Schwirrflug des Kolibri in feinen Einzelphasen zeigen, Dr5 Kuhl (Frankfurt), bekannt durch feine anschaulichen Zeitrafferfilme (von denen er auch ftüher hier in Gießen schon Proben zeigen konnte), bot einen Einblick in die Entwicklung des Blaufelchens, während Prof. Dr. Mirza (Aligarh, Indien), die Infektion des Menschen mit dem Medinawurm und die Behandlung des Leidens durch die eingeborenen Aerzte vorführte.
Die Sitzung schloß mit dem Vortrag von Dr. Peters (Hamburg) über die Biologie der Wale. Der Redner, der bereits auf Einladung der Gießener Ortsgruppe des Deutschen Biologenverbandes vor einiger Zeit hier über seine Erlebnisse auf der ersten deutschen Walfangexpedition gesprochen hatte, bot eine Fülle z. T. farbiger Lichtbilder, die Einzelheiten aus der Biologie der riesigen Meeressäuger veranschaulichten.
Eine Fahrt nach Bad-Nauheim zur Besichtigung der Kuranlagen sowie des Kerckhoff-Jnsti- tutes schloß sich an den wissenschaftlichen Teil an. Weitere Berichte folgen. E. K.
Weihe
einer neuen IG.-Eigenheimsie-lung.
Lpd. Frankfurt a. M., 4. Juli. In Anwesenheit von Vertretern der Partei, des Gau-Heim- stättenamtes und der JG.-Farbenindustrie wurde jetzt in Frankfurt a. M.-Zeilsheim die dritte, 5 0 Häuser umfassende E i g e n h e i m s i e d - lung ihrer Bestimmung übergeben. Bei der Feier kam zum Ausdruck, daß die JG.-Fabenindustrie den Siedlern den Bau ihrer Eigenheime in jeder Hinsicht ermöglichen hals, daß aber das Werk des Führers und die nationalsozalistische Weltanschauung die Grundlage auch dieser Heimstätte gegeben habe.
Roman von H<ms von Hülsen.
Copyright by Promecheus-Derlag, Dr. Eichacker, München-Gröbenzell.
20. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Daß er die Sache gestohlen hat?" lachte er auf. „Ach, keine Spur! Es war ja deutlich von Dttenrieti). Vollkommen deutlich, die unvermeidlichen Effekte! Herrgott, ich habe doch auch meine Ohren und habe doch auch Musik studiert! Der ganze Dreh, die Instrumentation, die so einen Beigeschmack hatte — glaube mir, ich habe genau hm- gehört —, das alles war von Ottenrieth. Ganz unverkennbar."
„Aber —?"
„Aber das Eigentliche, das Thema, verstehst du, das ist nicht auf feinem Mistbeet gewachsen? Dafür lege ich meine Hand ins Feuer! Das hat er — na, sagen wir halt, nachempfunden, nach dem guten alten Rezept: Man nehme! Man nehme, man flaue! oder Du sollst nicht stehlen!"
Frau Armbruster schüttelte den Kopf.
„Armer Junge! Du bietest einen trostlosen Anblick", sagte sie. „Ich fürchte, du wirst einen Nervenarzt konsultieren müssen, denn bei dir ist entschieden ein Sparren los. Die Sache mit der kleinen Tu- desco — oder ihre Sache mit Ottenrieth -— hat dich offenbar ganz aus dem Gleis geworfen? Das alles sind deine Prioatphantasien. Du sitzest nun einmal da wie die selige Phythia auf ihrem Dreifuß. Laß dich nicht stören in deinen Träumen! Aber ich werde das Geschäft im Auge behalten. Das ist wichtiger als alle Phantasien!"
Fritz Armbruster schwieg und aß. Er wußte nichts zu erwidern.
*
Der große Steyr trug Renata und Ottenrieth durch den Frühlingstag. Die noch kaum belaubten Hänge der Alpentäler flogen vorbei, während der Motor stundenlang fein eintöniges Lied summte. Auf den Bergen lag noch Schnee.
Renata sah neben dem Freund. Sie fühlte das endlose Hingleiten der Straße unter dem Wagen — und doch war ihr, als wäre sie schon am Ziel. Niemals in ihrem ganzen Leben hatte sie sich so geborgen gefühlt wie in diesen Stunden, da alles in buntem Wechsel an ihr vorbeistob — niemals war ihr so ruhig zumute gewesen wie jetzt, da sie mit achtzig Kilometer südwärts sausten, durch schat- tenkühle Täler und überfonqte Pässe.
Sie sprach Ottenrieth davon — später war ihr zumute, als habe sie die ganze Zeit über nur von sich gesprochen. Aber es war ihr so wichtig und dringlich - gewesen, daß der Mann an ihrer Seite, dessen Steuer sie sich anvertraut, um sie wußte — um alles in ihrem Leben wußte —, auch um das, was sie selber erst vor ein paar Monaten in dem kleinen Zimmer der Mutter erfahren, der um das gelbe Haus ging, während droben in feinem Bett der Mann lag, den sie durch zwanzig Jahre „Vater" genannt hatte.
Sie sprach davon zu ihm — alle Scheu war von ihr abgefallen, seit sie zum ersten Male seine Hand auf der ihren gefühlt. Sie sprach von ihrer Kindheit in den Kastanienwäldern von San Bartolomeo, die glücklich und unbeschwert gewesen war bis zu der Stunde, da sie zum ersten Male den tiefen, unheilbaren Riß in der Ehe der Eltern gespürt. Sie erzählte von den Jahren, die sie im Ursulinerinnenkonoikt zu Mailand verlebt, froh, den ewig zuckenden Strömen der häuslichen Disharmonien entrückt zu sein von ihrer früh erwachten Neigung zum Gesang, von den Opfern, mit denen ihr die Eltern das Studium in Wien ermöglicht hatten — es war nur durch das Pflichtteil möglich geworden, das der Mutter nach dem Tode des Grafen Monfalconi zugefallen war.
Sie sprach liebevoll und fast zärtlich von dem Mann, den sie nun nicht mehr Vater nennen durfte und doch immer wieder so nannte, von seiner Kühle, hinter der Güte sich versteckte, die in schrecklichen Leiden gereift war, von diesen Leiden selbst, die über Menschenkraft gegangen und doch mit zähem Willen getragen worden waren.
Und sie sprach von dem furchtbaren Schicksal, daß die unmenschliche Härte des uybekannten Großvaters der Mutter bereitet, und in ihrer Stimme war große Erbitterung.
Ottenrieth vernahm das alles, während er das Auge unablässig auf das unter ihm wegfließende Band der Straße gerichtet hielt. Das also war es, was Leutstetten ängebeutet hatte an jenem ersten Abend in Torbole, als er sagte, daß hinter der immer noch schönen Grazia Tudesco eine Geschichte stehe und möglicherweise ein Schicksal. Was mußte diese Frau gelitten haben! Und mit welcher starken Liebe mußte sie das Kind lieben, um dessentwillen sie alles das litt — durch zwei Jahrzehnte! Und nun saß dieses Kind hier an seiner Seite, sein geworden aus freiem Entschluß, und fuhr zur Mutter, um ihr zu sagen, daß es, im ewigen Wandel der Zeiten, sein Herz einem Mann geschenkt, wie sie es selber damals unter dem flimmernden Frühlingshimmel von Torbole getan.
Plötzlich fesselte er Mit kurzem Ruck die Riesen- kräfte des Wagens und nahm Renata, die ihn verwundert und fast erschrocken anblickte, in den Arm und küßte sie.
Sie machten, da der Tag früh sank, in einem kleinen Ort des Pustertales Rast, saßen im Wirtshaus bei Einern ländlichen Abendbrot und suchten früh ihre Zimmer mit den hochgcturmten Bauernbetten auf, denn morgen sollte es mit Tagesanbruch weitergehen.
Aber Renata konnte noch lange nicht Einschlafen. Sie lag wach in den Kissen und sah die Kringel tanzen, die das Mondlicht an die Decke warf, und dachte — dachte, wie das alles über sie gekommen war, diese erste Liebe, die sie nun so ganz erfüllte und beseligte. War sie ihr nicht wahrhaft auf den Schwingen der Musik ins Herz geschwebt? War sie nicht geheimnisvolle Wiederholung — von dem leuchtenden Spiegel des blauen Sees aufgestiegen, wie einst der Mutter? Und ihre Gedanken irrten in eine träumerische Ferne, gingen dem Mann nach, von dem die Mutter ihr mit so bebender Stimme gesprochen — den sie über so alles geliebt und heute noch liebte — und der sich in der dunklen, gewitterigen Weite von Welt und Zeit verloren hatte. Wie mochte er gewesen fein? Wie ausgesehen haben? Und welche Züge feines Wesens waren wohl auf sie übergegangen in den ewig blutenden Strom, den keine Trennung, selbst kein Tod unterbricht, weil er das Leben ist und die Ewigkeit? Immer mehr verwirrten sich ihre Gedanken, bis sie in Traum und Schlaf hinüberglitten---
Am nächsten Tage steuerte Ottenrieth den Wagen von Nago über die breite Straße nach Torbole hinunter. Und wieder stieg ihnen der große Spiegel des Sees, glatt wie eine gläserne Scheibe, gleißend entgegen. Mit angelegenen Bremsen bogen sie in die Straße am Hafen ein und hielten vor der „Cosa Rossa".
Renata eilte sofort in der Mutter Zimmer hinauf.
Sie klopfte leise, doch keine Antwort kam.
Sie öffnete die Tür und fand die Mutter schlafend. Vorsichtig ging sie durch das Zimmer und kauerte sich neben dem Ruhebett nieder.
Lange saß sie da, gedankenvoll die Schlafende betrachtend, mit angehaltenem Atem. Niemals im ganzen Leben hatte sie die Mutter schlafend ge- sehen — nun erschrak sie fast, so schön und jung war sie, weil alle Quälgeister des Lebens und der Wirklichkeit zurückgewichen waren und keine Gewalt mehr über ihre Seele hatten. Um zwanzig Jahre verjüngt sah die Mutter aus, etwas Mädchenhaftes war über ihr ruhiges Gesicht gebreitet, in den
Augenhöhlen, über den geschlossenen Lidern war die tiefe Schwermut ausgetilgt, und auf dem Bogen des schönen Mundes saß eine Heiterkeit, die Renata die Tränen in die Augen preßte.
Wir sind ja Schwestern, dachte sie immer wieder und weinte dabei still vor sich hin, daß ihr die salzigen Tropfen auf die im Schoß gefalteten Hände fielen.
Die Mutter fuhr aus dem Schlaf hoch — und plötzlich waren ihre Züge wieder zusammengefallen und gealtert.
„Kind!" rief sie erschrocken und richtete sich auf. „Renata!" Und ergriff voll Angst die tränenjraffen Hände. „Was ift?"
Renata antwortete nicht, ihr war die Kehle wie zugeschnürt, sie konnte kein Wort heroorbringen.
„Meine Ahnung — oh, meine Ahnung", horte sie die Mutter mit bebender Stimme flüstern.
Da warf sie sich an die Brust und stammelte ihr Geheimnis heraus, alles durcheinanderwürfelnd. Wichtiges und Nebensächliches, Kleines und Großes, Längst- und Jüngstvergangenes — daß die Mutter sich gar nicht zurechtfand und nur das eine begriff: über ihr Mädchen war die Liebe gekommen.
Und sie streichelte Renata Wangen und Haar, und ihr Herz schwankte hin und her, ob sie sich freuen sollte, ob sie sich freuen durste; aber zugleich las sie in ihrem durch Tränen lächelnden Auge, daß alles schon entschieden war — daß es für sie nichts zu entscheiden gab.
„Hast du keine Furcht?" fragte sie endlich. „Steht mein Schicksal nicht hinter dir und schreckt dich? Mich schreckt es fast, Kind —r es ist alles so ähnlich, als hätten Kobolde ihre Hand im Spiel."
Aber Renata schüttelte nur den Kopf.
„Nein, Mutter, nein! Ich bin nur glücklich."
Da küßte Grazia Tudesco ihr Kind auf die Stirn — auf die klare, kühn gewölbte Stirn, die ihres verschollenen Vaters schönster Schmuck gewesen war, und stand auf, ihr schweres Haar zu ordnen. —
Um die fünfte Nachmittagsstunde, als die Schatten schon lang wurden, traf Ottenrieth die beiden Frauen im Lorbeergang des Gartens — dorthin hatte Renata, rasch zu ihm hinauffliegenü, ihn nach Rücksprache mit der Mutter beschieden. Leise plätscherte der See um das steinerne Ufer. Sanft Der- gloMm an den Bergen der Frühlingstag.
Er ging auf Grazia Tudesco zu und neigte sich ehrfurchtsvoll über ihre Hand. Und plötzlich wußte er, daß es Ehrfurcht gewesen, was er für sie von ihrer ersten Begegnung an empfunden, Ehrfurcht vor einem Menschen, dem das Schicksal zur Schönheit der Jugend eine neue, heilige Schönheit gebildet hat. (Fortsetzung folgt)


