Nr. 81 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, b. April 1938
Schwaben geht es wieder gut.
Große Werke berichten: Arbeiterzahl vervierfacht, Lohnsumme verfünffacht. - Die Menschen lachen wieder.
Von unserem auf eine Deutschlandreise entsandten Sonderberichterstatter Heinz Otto
Stuttgart, im April 1938.
Wenige Tage nachdem der Führer am 30. Januar 1933 die Macht übernommen hatte, eröffnete er in Berlin die Automobil-Ausstellung und kündigte in seiner großen.Eröffnungsrede eine Motorisierung Deutschlands an, wie sie bis dahin niemand, selbst nicht in den kühnsten Träumen, zu erdenken gewagt hätte. Noch war nichts anderes vorhanden, als das Trümmerfeld, das die Regierung der Systemzeit auf allen Gebieten des wirtschaftlichen und sozialen Lebens hinterlassen hatte. Der einzige Aktivposten, den Deutschland damals aufzuzeichnen hatte, war die Arbeitskraft seines Volkes, die nun durch den Willen des Führers in Arbeitsleistung umgewandelt wurde. Wie der Führer angekündigt hatte, nahm die Entwicklung der Motorisierung Deutschlands Formen an, die selbst Fachleute, uno vielleicht gerade diese, niemals für möglich gehallen hatten.
In Stuttgart habe ich zwei Werke besucht deren Aufschwung in den letzten fünf Jahren beredtes Zeugnis ablegten für die Richtigkeit dieser Maßnahmen des Führers. Der Generaldirektor der Daimler-Benz AG., dem Werk, in dem der weltberühmte Mercedes - Wagen hergestellt wird, empfing mich in seinem Büro und erzählte mit berechtigtem Stolz von der Geschichte dieser deutschen Automobilfabrik, die sich in den Jahren des Verfalls durch eiserne Energie durchgebissen hat und die bei der Machtübernahme ohne fremdes Kapital den neuen erhöhten Anforderungen sofort gerecht werden konnte.
„Ich will Ihnen nun ein paar Zahlen geben, die Ihnen mehr sagen, als lange Berichte, welche Entwicklung unser Werk genommen hat. Im Jahre 1933 konnte die Belegschaft gegenüber dem Bestand von 1932 auf 180 v. H. gestei - gert werden. Die Entwicklung ging dann weiter stetig vorwärts bis zum Jahre 1937, wo sie 412 v. H. erreicht hatte. Ebenso kann man an der Entwicklung des Lohn- und Gehaltskontos erkennen, welchen Aufschwung dos Werk genommen hat. Im Jahre 1932 betrug die Summe von Löhnen und Gehältern 20176 500 Reichsmark. Im Jahre 1937 haben wir bereits 93 428 200 RM. auszahlen können. Aber nicht nur durch die erhöhte .Belegschaftsziffer wurde diese Lohnkontosteigerung erreicht, sondern vor allen Dingen durch die Erhöhung des Durchschnittseinkommens. Ich will Ihnen nur die Ziffern für die Facharbeiter angeben. Das Durchschnittseinkommen dieser Gefolgschaftsmitglieder belief sich unter Berücksichtigung der Kurzarbeit im Jahre 1932 auf 177,40 RM. im Monat. Im Jahre 1933 konnten wir wieder voll arbeiten, so daß sich das Durchschnittseinkommen für Facharbeiter auf 201 Reichsmark erhöhte. In den darauffolgenden Jahren steigerte sich das Einkommen stän- dig weiter und erreichte im vergangenen Jahre eine Höhe von 238 RM. als Durchschnitt."
„Bei den Angestellten war die Steigerung des Durchschnittseinkommens ebenso fühlbar. Es stieg von 241 Mark im Jahre 1932 auf 326 Mark im Jahre 1937. Interessant dürfte für Sie auch die Steigerung der freiwilligen sozialen Leistungen sein. Sie betrugen im Jahre 1932 486 000 Mark und konnten im Jahre 1937 auf 3 315 000 Mark erhöht werden. Eine derartige Erhöhung ist natürlich nur möglich gewesen, weil eine erhebliche Umsatzsteigerung zu verzeichnen war. Hatten wir noch 1932 einen Umsatz von 65 Millionen Mark, so betrug der Umsatz schon im Jahre 1936 295 Millionen Mark. Er konnte im Jahre 1937 noch eine weitere wesentliche Steigerung erfahren."
Auch über die Exportzahlen gab mir Generaldirektor Kissel außerordentlich interessante und aufschlußreiche Ziffern an. „Im Jahre 1932 exportierte die Firma für rund 6 Millionen Mark; der
Export konnte bis zum Jahre 1937 auf rund 45 Millionen gesteigert werden. Bekanntlich sind auch die Steuerabgaben ein gutes Kennzeichen für das Aufblühen eines Werkes. Im Jahre 1933 haben wir rund 1,9 Millionen Mark Steuern bezahlt, während wir im Jahre 1937 rund 17,4 Millionen Mark Steuern zahlen mußten. Sie sehen aus all diesen Zahlen, welch wunderbaren Aufschwung unser Werk genommen hat. All das wäre nicht möglich gewesen ohne die umfassenden Maßnahmen des Führers. Es ist in dem ganzen Werk nicht ein Mann, mag er nun in der Montage tätig sein oder am Schraubenautomat, mag er als Hilfsarbeiter oder Meister hier arbeiten, der nicht mit innerer Begeisterung teilhätte an der Entwicklung."
Als ich im Werk bei dem Rundgang durch die vielen Fabrikhallen hier und da mit den Arbeitern sprach, fand ich nicht einen unter ihnen, der nicht persönlich stolz darauf war, für seinen Teil zu dieser Entwicklung beitragen zu können. In der Montagehalle sprach ich mit einem der Arbeitsmänner, die hier mit der Präzision einer wunderbaren Maschine ihre Arbeiten verrichteten. Stolz erzählte er mir, daß er selbst an dem Wagen gearbeitet hätte, mit dem der Führer meistens fahre.
Von den Daimler-Benz-Werken, der Geburtsstätte unserer erfolgreichen deutschen Rennwagen und weltbekannten 'Qualitätsfahrzeuge fuhr ich zu einem anderen Werk, daß hier in Stuttgart in wenigen Jahren aufgebaut wurde und heute Weltruf genießt. Der Betriebsleiter der Elektronmetall G. m. b. H. empfing uns in dem alten Verwaltungsgebäude, um uns den Betrieb zu zeigen. Wir mußten Über Baugerüste klettern, an einem Abbruch vorbei, bis wir die Urzelle dieses Werkes, zwei Kel- lerräume, in denen vor 15 Jahren der junge Ingenieur Ernst Mahle seine ersten Leichtmetallkolben goß. Heute ist aus diesen ersten Anfängen ein Werk entstanden, das zu den größten seiner Art im Reich gehört. Kaum ein Rennwagen, kaum ein Motorrad läuft in Deutschland, in dem nicht die in diesem Werk hergestellten Motorkolben laufen. Die Entwicklung ging so schnell vorwärts, daß die Maurer und Architekten gar nicht Schritt halten konnten. Haus um Haus wurde eine ganze Straßenfront aufgekauft, um die vielen Werkstätten und Büroräume aufzunehmen. Anfangs in dem Jahre 1920 beschäftigte das Werk ganze zehn Mann. Im Jahre 1935 waren es schon 1100 und im Jahre 1938 sind jetzt weit über 2000 Gefolgschaftsmitglieder in diesem Werk beschäftigt.
In den großen Fabrikhallen, die mit den modernsten Maschinen ausgerüstet sind, arbeiten unermüdlich die Dreher und Gießer und all die andern Arbeiter, um den . ständig steigenden Anforderungen folgen zu können, denn der Aufschwung, den die deutsche Automobilindustrie in den letzten fünf Jahren genommen hat, wirkt sich zwangsläufig auch auf d i e Zubehörindustrie wie hier die Kolbenfabrik aus. Im Jahre 1932 produzierte das Werk 500 000 verschiedene Kolbenarten. Diese Produktion ist bis zum Jahre 1937 auf etwa 2,4 Millionen angestiegen und wird im Jahre 1938 voraussichtlich 2,7 Millionen erreichen. Dabei sind diese Kolben, wie uns der Betriebsleiter berichtet, nur ein Teil der Gesamtfabrikation, denn im Rahmen des Dierjahresplanes wurden die Erfahrungen, die man im Leichtmetallguß und der Verwendung von Leichtmetallen für hochbeanspruchte Maschinenteile gemacht hatte, auch benutzt für die Herstellung von anderen Geräten aller Art, für die man bisher Werkstoffe verwenden mußte, die in Deutschland nicht aus eigenem Rohmaterial erzeugt werden konnten.
Ein Gang durch die Fabrik, in der an allen Stel
len auf Vioo mm genaue Präzisionsarbeit von allen Arbeitern verlangt wird, zeigt uns, mit w eich e r B e g e i ft e r u n g die Männer bei ihrer Arbeit find. Jeder von ihnen ist stolz darauf, durch die Arbeit ihres Werkes im Rahmen der Aufbaumaßnahmen des nationalsozialistischen Deutschland mitschaffen zu können. In einem der großen Arbeitssäle leuchtet von der Wand ein Plakat, in dem die Musikgemeinschaft des Werkes für den kommenden Sonntag ein großes Konzert ankündigt. Bei all der anstrengenden Arbeit haben also die Männer nicht vergessen, auch ihre Feierstunden so angenehm wie möglich zu gestalten. Als ich einen der Arbeiter, der an einer großen Metalldrehbank steht, nach seiner Arbeit und seinen Lebensbedingungen frage, erzählt er mir stolz von einem kleinen Auto, das er sich setzt gekauft hat. Auf meine erstaunte Frage, ob er denn soviel verdient, daß er sich ein Auto leisten könne, meinte er: „Es ist ja man nur ein kleiner fahrbarer Untersatz, aber es ist immerhin ein Auto, und ich habe draußen in meiner Siedlung sogar eine Garage, damit der kleine Max sich nachts nicht erkältet. Ich bin nicht der einzige von meinen Arbeitskameraden, der ein Auto hat. Motorräder haben sogar sehr viele von uns, denn schließlich, wenn man den ganzen Tag Kolben dreht, dann will man auch selbst mal so ein Auto fahren, in dem unsere Kolben arbeiten."
Wo in Europa ist es möglich, daß ein Maschinenarbeiter sich ein Auto leisten kann. Es ist selbstverständlich auch in Deutschland nicht überall so, daß sich nun jeder Arbeiter, der tagsüber am Schraub? stock oder an der Hobelbank steht, nach Feierabend in sein Auto setzen könnte, um nach Hause zu fahren, aber es gibt jedenfalls, wie wir hier gesehen haben, Werke, in denen der Arbeiter sich' einen Kraftwagen leisten kann. Aber nicht nur an den Autos einiger dieser Arbeiter des Werkes läßt sich der Aufstieg, den dieses Gebiet des Deutschen Reiches hier bei Stuttgart genommen hat, ermessen. Wenn man durch die Straßen der Stadt fährt oder von den Hügeln, welche die Stadt umgeben, hinunterblickt, so zeigt sich überall das Bild blühenden, gesunden Lebens in zahllosen Neubauten und neugeschaffenen Parkanlagen, die
dieser Großstadt des Südwestens das Gepräge einer Gartenstadt geben. All diese neuen Bauten sind in den letzten vier, fünf Jahren entstanden. Sie sind das äußerliche, auch dem Fremden sichtbare Zeichen des Aufblühens.
Ich war am Vorabend des Führerbesuches in Stuttgart und erlebte überall in den Gaststätten, auf den Straßen und in den Werken, in denen ich war, dieselbe geradezu rührende Erwartungsfreude. Jeder Mann und jede Frau hatte nur einen Gedanken, wie mache ich es möglich.
Deine Stimme dem Führer,
denn er hat die in der ganzen Welt einzig dastehende Organisation der schaffenden Deutschen, die Deutsche Arbeitsfront, geschaffen, die Leistungen auf dem Gebiet der Uvohlfahrt aufweist, die früher niemand für möglich gehalten hatte. Weißt du, daß heute jedem Volksgenossen ein Anspruch aus bezahlten Urlaub zusteht? Weißt du, daß „Kraft durch Freude in vier Fahren insgesamt 384 Seefahrten mit 490 000 Teilnehmern und über 60 000 Landfahrten mit über 19 Millionen Teilnehmern durchgeführt hat? „Schönheit der Arbeit" hat es zuwege gebracht, daß schmutzige und gesundheitsschädigende Arbeits- und Aufenthaltsräume heute der Vergangenheit angehören.
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den Führer bei feinem Besuch in Stuttgart zu sehen und dem Führer schon heute Dank zu sagen für das, was er dieser Stadt und was er dem Reich durch feine Taten schenkte. Nicht jeder Bürger Stuttgarts kennt im einzelnen die Zahlen und Daten des Aufschwungs, den die großen Werke und Fabriken hier erlebt haben, aber jeder einzelne, sei er nun Geschäftsmann oder Beamter, fühlt an sich selber d i e Auswirkung dieser Gesundung, und es gibt keinen unter ihnen, der nicht wüßte, wem letzten Endes all dies zu verdanken wäre.
Der größte Flughasen der Welt.
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Ein Modell des neuen Zentral-Flughafens Berlin-Tempelhof, vom dem die ersten Bauabschnitte bereits vollendet sind. Auch dies ist ein Werk des Führers! Am 10. April Dein Dank — Dein Ja!
Haydn: Die Jahreszeiten.
Zur Aufführung
des Gießener Konzertvereins.
Wie eine große Zusammenfassung dessen, was schon in einem reichen Lebenswerk erkannt und ausgesprochen worden war, stehen die beiden großen Oratorien Joseph Haydns, die „Schöpfung" und „Die Jahreszeiten" da.
„Die Schöpfung" gibt dem religiösen Mythos von dem Werden der Welt Erleben und Aufschließen durch die Mittel des Musikalischen; immer in jeder Erscheinungsform der Natur eine Offenbarung des Göttlichen erahnend. Als Haydn bald nach der Vollendung der „Schöpfung", nun schon dem Ende seiner sechziger Jahre zustrebend, sein zweites großes Chorwerk in Angriff nimmt, da ist es in gewissem Sinne eine Ergänzung des Anschauungskreises „Der Schöpfung"': die Natur im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten und ganz in ihr stehend, mit ihr verbunden, der Mensch in seinem Tages- und Jahreswerk.
Wieder ist es der Wiener Kaiserliche Bibliotheksdirektor van Swieten, der die textliche Grundlage für die „Jahreszeiten schafft. Wie in dem Text zur „Schöpfung" lehnt er sich auch hier wieder an ein englisches Vorbild an, an Thomsons schon 1726 erschienene Dichtung „The seasons“. Van Swieten zeigt hier wieder ein nicht abzuleugnendes Geschick in der Durchbildung des Ganzen; ja, er wurde mehr bestimmend für den Musiker, als es diesem vielleicht recht war. Wir wissen, daß es zwischen beiden nicht immer ganz ohne Reibung abgegangen ist; besonders die Kleinmalereien des Sommerabends, z. B. das „Quaken der Frösche", war durchaus nicht nach Haydns Sinn.
Joseph Haydn widmete sich dem Werk mit einem unbeschreiblichen Eifer, er selber äußert sich in dieser Zeit: „Es ist fast, als ob mit der Abnahme meiner Geisteskräfte meine Lust und der Drang zum Arbeiten zunehme." Ja, als sich nach Beendigung der „Jahreszeiten" Krankheitserscheinungen zeigten, die ihn bis zu seinem Tode verfolgten, verwies er darauf mit den Worten: „,Die Jahreszeiten' haben mir dieses liebel zugezogen, ich hätte sie nicht schreiben sollen, ich habe mich dabei übernommen."
Während die Oratorien Händels, die unzwei.el- haften Vorbilder und Anreger für Haydns Werke, einer durchgehenden dramatischen Handlung folgen
und auch die „Schöpfung" an einen bestimmt vorgezeichneten Verlauf gebunden erscheint, so geben „Die Jahreszeiten" mehr eine Reihe von Bildern, entsprechend dem Laufe des Jahres, die im einzelnen wohl episodisch belebt werden, aber doch der breitesten musikalischen Schilderung Raum gewähren. Dementsprechend könnte man „Die Jahreszeiten" als einen Zyklus von vier Kantaten ansehen, und in der Tat erscheint die Bezeichnung des Werkes als „Oratorium" erst in den späteren Ausgaben.
Wenn auch die drei Personen (Simon, ein Pächter; Hanna, dessen Tochter, und Lucas, ein junger Bauer) im Verlauf des Werkes regelmäßig wiederkehren, so ersteht doch zwischen diesen einzelnen Gestalten kein eigentliches handelndes Geschehen, abgesehen von der Liebesszene zwischen Lucas und Hanna. Die drei Solisten nehmen mehr den Charakter von Berichterstattern an, denen die einzelnen Schilderungen und Betrachtungen je nach ihrer Individualität zugeteilt sind.
Die Neuprägung des Stiles in Haydns Oratorien zeigt gegenüber den Händelschen Werken eine viel stärkere Neigung zum Individualisieren. Die-Vorgänge, die der Textdichter verhältnismäßig objektiv barftellt, werden durch Haydn in geradezu liebevoller Durchdringung ins Musikalische umgesetzt. Die Art, wie er dem Orchester symphonische Vertiefung gibt, ganz besonders in den Einleitungen zu den einzelnen Bildern, ist das Ergebnis der Erfahrung eines von reicher Arbeitsfülle zeugenden Lebens. Das individualisierte Orchester wird vornehmlich in den rezitativischen Schilderungen voll ausdrucksstarker Bildhaftigkeit. Im Zusammengehen mit dem Chor werden die Rechte beider Klangkörper gewahrt; im gegenseitigen Sich-Ergänzen und Sich- stützen ersteht so eine neue klangliche Einheit, die anregend für kommende Generationen wird.
Wie sich Haydn mit den einzelnen Situationen auseinandersetzt und jedesmal die zuständige Form wählt, diese schlagfertige Anpassungsfähigkeit, die Volkstanz, volkstümliches Lied, Arie, Ensemble, Chöre mit gipfelnden Fugen an der geeigneten Stelle einfetzt, könnte fast auf Mozarts Opernstil, zumal in der „Zauberflöte", verweisen.
Die Einleitung zum ersten Teil, „Der Frühling", stellt nach Haydns Worten der „Uebergang vom Winter zum Frühling" dar. Der Kampf zwischen beiden erhält hier symbolische Abprägung m symphonischer Form, in seinem letzten Stadium erläutert durch die Rezitative der drei Personen. Der Chor der Landleute begrüßt das „Kommen des hol»
den Lenzes". Wir sehen den Ackersmann „dem Pfluge flötend nachschreiten"; ihn begleitet als leitender Gedanke das Thema aus dem Andante der Symphonie mit dem Paukenschlag. Chor und Solostimmen erflehen den Segen für das begonnene Werk; der befruchtende Regen löst einen Lobpreis des Schöpfers in einem großen Chorsatz aus.
Der zweite Teil läßt den Sommer im Verlauf eines einzelnen Tages erleben; von der Morgendämmerung und dem ersten Hahnenschrei an zu einem majestätischen Sonnenaufgang und Sonnenhymnus. Angesichts der Mittagsglut wird die Kühle des Waldes gepriesen; grandios wird das Gewitter erlebt mit geradezu erschütternden „Wehe"- Rufen der geängstigten Menschen. Das Aufatmen nach dem Naturereignis klingt aus im Abendfrieden.
Des Landmannes „freudiges Gefühl über die reiche Ernte" bringt ein menuettartiger Orchestersatz zum Ausdruck; Solisten und Chor finden sich im Lobpreis des Fleißes.
Haydn war mit der Textvorlage zu diesem Chor nicht einverstanden: „Ich bin allezeit fleißig gewesen, aber es ist mir nie in den Sinn gekommen, den Fleiß in Musik zu setzen."Den Höhepunkt aber der Herbstessreuden bilden Jagd und Winzerfest. Die szenisch gestaltete Baritonarie leitet hin in den schwungvollen Chor der Landleute und Jäger, geführt von den Jagdhörnern. Der Winzerchor preist den Wein und wächst sich zu einer dithyrambischen Tanzszene aus, in der das Orchester die Tanzweise durchführt und der Chor in seinem Zwischenrufen sich zum höchsten Jubel steigert; ein Bild von stärkstem Realismus und doch von starker, wenn auch kühner, musikalischer Eindruckskraft.
Die vierte Kantate schildert die „dicken Nebel, womit der Winter anfängt" in seinem Orchestervorspiel. Der in der Dunkelheit irrende Wanderer (Tenorarie) wird durch ein aus der Ferne schimmerndes Licht in eine Spinnstube geführt. Hier erklingt der Chor der Spinnerinnen, der in der Art feiner Durchgestaltung fast noch bis zu Richard Wagner hinweist. Wie ein Ausschnitt aus einem Singspiel mutet das kecke Lied der Hanna an. Dann aber wird der Blick des Menschen auf die innere Einkehr gelenkt und über dem Werden und Vergehen der Natur im Jahreslaufe der Gedanke auf das Bleibende, die Tugend, gerichtet. Die ernste Betrachtung schwingt nach zwischen Solostimmen und dem nunmehr geteilten Chor. In einem fugier- ten Schlußsatz findet das Ganze erhebenden Ausklang.
Dr. Hermann Hering.
Vom Lier der Germanen.
In einem Aufsatz über die Getränke der Germanen, der im Märzheft der bei K. F. Koehler in Leipzig erscheinenden Monatsschrift „Germanien" veröffentlicht wird, weist Dr. , Kurt Gaertner darauf hin, daß weder für „Bier" noch für „brauen" noch für „Malz" und „Würze" ein nicht germanischer Ausdruck oorkommt, so daß man daraus schließen kann, daß das als „Bier" bezeichnete Getränk von Anfang an durch die Germanen selbst hergestellt wurde. Die Deutung des Wortes „Bier" ist umstritten. Am wahrscheinlichsten gehört es über „bheriso“ zu dem lateinischen „fervere“; danach wäre Bier der gegorene Trank, jedoch nicht mit Bitterstoff vergorener Gerstensaft, sondern ein mit Süßstoff bereitetes Getränk, wie auch Tacitus angibt, daß das Bier ein zu einer Art schlechten Weines verarbeitetes Gebräu sei. In ältester Zeit scheinen der reine Met, der Honigwein und der Obstwein dem gesüßten Biere vorgezogen worden zu sein. In deutschen Quellen findet sich die früheste Erwähnung von Bier in dem sogenannten Hraba- nischin Glossar vom Ausgange des 8. Jahrhunderts, in dem von einem „peorfaz“ (Biergefäß) gesprochen wird. In einer Urkunde von 890 wird auch „after- bier“ angeführt, und „halpbier“ wie „dünnbier“ sind durch Beinamen von Personen belegt. Daneben gab es noch das „grüzbier“, ein Weiz'enbier, das, mit einem Ferment, einem Bitterstoff, versehen wurde und bereits 999 belegt ist.
Bei den Nordgewnanen gab es zwei Bierarten, „alu“ und „bjorr“, wobei es scheint, als ob „alu" das älteste vorherrschende Getränk war, während das „bjorr“ aus Deutschlands eingeführt und im Norden nachgeahmt wurde und als das vornehmere Getränk galt. Neben dem einfachen „Hausbier" gab es im Norden einss Art „Nachbier", augenscheinlich ein Dünnbier, das nur als Mittel gegen Durst getrunken wurde. Der sonstige „Haustrunk" diente zur Bewirtung von Gästen; er wurde etwas stärker ein« gebraut, wenn er als Reisevorrat mitgenommen wurde. Das Hausbier wurde von jedem Bauern, das heißt von den Frauen, denen das Braugeschäft meist oblag, zum Julfest oder ganz allgemein vor den großen Opferfesten, namentlich gegen Mittwinter bereitet. Es bestand sogar ein Gesetz in Norwegen, wonach jeder, der nicht ein bestimmtes Maß Bier vor dem Julfest braute, in Strafe genommen werden konnte, da das Gebot ergangen war, die Julzeit solange heilig zu halten, wie das Bier reichte,


