Ausgabe 
6.1.1938
 
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Kt.4 Awelter Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger siir Gberhelsen)vomierrlag,-.Januar 1958

Winter und Krankheiten.

WinterlicheEaisonkrankheiten". - Wer muß sich besonders vor Kälte schützen? lleberempfindlichkeit" gegen winterliches Wetter.

Von Or. med

Für den völlig gesunden Menschen birgt die winterliche Jahreszeit durchaus keine be­sonderen Gefahren höchstens die einer gelegentlichen Erkältung ober ähnlich harm­losen Gesundheitsstörungen. Es gibt aber eine ganze Reihe von an sich ganz leichten und durchaus unbedenklichen Krankheits­erscheinungen oft stehen sie noch an der ' Grenze zwischen krank und gesund die sich bei unzweckmäßigem Verhalten im Winter ganz erheblich verschlimmern oder ihrerseits zu schweren Leiden führen können. Solche Menschen sind sozusagenüberemp­findlich" gegen die Unbilden der winterlichen Witterung; oft ist ihnen das aber unbe­kannt, und sie können es nicht verstehen, warum sie im Winter so häufig kränkeln. Ueber diese gesundheitlich sehr wichtigen Winterprobleme" berichtet der folgende Ar­tikel unseres ärztlichen Mitarbeiters.

Die moderne Wissenschaft hat festgestellt, daß die kalte Jahreszeit den Körper vor eine ganze Reihe besonderer Aufgaben stellt, zu deren Erfüllung er sozusagenumgestimmt" wird. Auf diese Weise werden bestimmte Abwehrmaßnahmen ermöglicht, die unfern Organismus befähigen. Schädigun­gen durch die Kälte und sonstigen Unbilden der kalten Witterung zu verhindern. Trotzdem er­kranken bekanntlich gerade im Winter besonders viele Menschen abgesehen von den Erkältungen und Erfrierungeü sind auch Entzündungen innerer Organe um diese Zeit besonders häufig. Manchmal sind an sich geringfügige Ursachen für" eine schwere Erkrankung haftbar zu machen, in anderen Fällen sind sonst ganz gesunde Menschen im Winter be­sonders empfindlich: sie zeigen Neigung zu frieren, sind leicht müde und erkälten sich viel zu oft. Wie kommt das ist der Winter daran schuld ober wir selbst? Die wissenschaftliche Erforschung ber Ursachen solcher winterlicherSaison-Krankhei- t e n" zeigte, baß wir hier vor allem ben Einfluß ber verschiedenen Konstitution beachten muffen, Diese jedem Menschen in besonderer Art eigentüm­licheKörperverfassung" äußert sich neben den geistig-seelischen vor allem in ganz individuellen körperlichen Eigenschaften, also einem bestimmten Körperbau und einer Bereitschaft des Organismus, auf die Umwelt in unserem Falle das winter­liche Wetter zu reagieren.

Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von einer verschiedenenR e a k t i o n s a r t" und meint damit das Anpassungsvermögen des Körpers an besonders ungünstige Umwelteinflüsse. Hiervon hängt wiederum die Fähigkeit dazu ab, auch unter schlechten äußeren Lebensbedingungen den Organis­mus vor Schädigungen in diesem Falle durch die Kälte zu bewähren. Diese persönliche Kon­stitution kann sich unter Umständen auch ändern vor allem durch klimatische Einflüsse oder eine überstandene Ertränkung. So pflegen 3.' B. Lungenerkrankungen infolge Kälte beson­ders langwierig zu sein, und durch erneute Kälte­wirkung erhöht sich auch die Möglichkeit von Ruck­fällen. Hierher gehört ferner die verminderte Kälte- Widerstandsfähigkeit hungernder, erschöpfter und betrunkener Menschen, deren Konstitution vorüber­gehend geschwächt ist. Auch sogenanntelatente" Krankheiten", unentdeckt gebliebene Krankheits­herde, können die Anfälligkeit gegen Wetterunbilden verstärken so kommt es häufig vor, daß eine Erkältung" als Ursache für eine schwere Erkran­kung angesehen wird, während in Wirklichkeit ein anderes 'Grundleiden vorlag. Manche Menschen sind infolge schwächlicher Konstitution schon unter normalen" Bedingungen in ihrer Leistungs- und

S (Seiferft).

Anpassungsfähigkeit etwas beeinträchtigt, ohne daß sie jedoch im eigentlichen Sinnkrank" sind.

In allen derartigen Fällen reagiert nun der Kör­per anders auf Kälte, als beim völlig gesunden Menschen. Wir wissen ja, daß der Organismus durch ein kompliziertes System der verschiedensten Maßnahmen für den Ausgleich zwischen der äuße­ren und der Körpertemperatur sorgt. Der Stoff­wechsel wird automatisch so geregelt, baß er in ber Hitze herabgesetzt, in ber Kälte erhöht wirb, auch bie Zusammensetzung bes Blutes wirb burch ben Stoffaustausch mit ben Geweben immer wie­der ausgeglichen. Dadurch wird eine Anpassungs­fähigkeit des Organismus an die wechselnden Ein­flüsse der Außenwelt gewährleistet. DiesesSy­stem" muß nun in der kalten Jahreszeit besonders gut arbeiten, um ben Körper auch bei größerer Kälte bei gleicher Temperatur zu erhalten. Hier treten bei ben einzelnen Menschen sehr starke Unter­schiebe unb inbivibuelle Berschiebenheiten in ber Wirkungsweise ber sogenannten Wärmeregulation auf. In biefer Beziehung empfindliche Personen werben bei Kälte verhältnismäßig leicht von Krank­heiten befallen, weil ihr Organismus nicht immer imstande ist, sich allen Unbilden der winterlichen Witterung gegenüber zu behaupten. Ebenfalls hier­her gehörige Gesundheitsstörungen, auf die im Winter ganz besonders zu achten ist, sind die Er­scheinungen der sogenannten Basoneurose. Hierunter versteht die Medizin an sich leichte Stö­rungen in der Blutversorgung der Haut und Mus­kulatur. Normalerweise befinden sich die Blutgefäße in einem Spannungszustand, der dazu dient, daß die zur Versorgung eines bestimmten Körper­gebietes notwendige Blutmenge auch richtig dorthin gelangt. Wenn sich nun dieser Spannungszustand krankhaft verändert, dann können dadurch Zirku­lationsstörungen der verschiedensten Art hervor­gerufen werden. Meist äußern sie sich darin, daß Teile des Körpers hauptsächlich sind es Hände oder Füße zu wenig durchblutet werden: sie sehen blaß aus und fühlen sich kalt an. Bei solchen überempfindlichen" Menschen setzt nun eine Schä­digung durch Kälte viel früher als sonst ein. Man hat in derartigen Fällen schon bei einer Außen­temperatur von fünf Grad Wäxme Erfrierun­gen der Hände und Füße beobachtet! Erschwerend wirkt natürlich mechanische Behinderung der Durch­blutung, wie es z. B. bei engem Schuhwerk leicht der Fall sein kann.

Besonders empfindlich gegen Kälte sind ferner Patienten, bei denen ein bestimmter Hautbezirk in seiner Ernährung gestört ist. Das kann durch grö­ßere Narbenbildung und damit verringerte Blut­zufuhr ober auch burch gewisse Nervenerkrankun­gen bebingt sein. In solchen Fällen treten burch Kältewirkung sehr leicht Veränberungen, z. B. kleine Geschwüre ber geschäbigten Haut, auf. Auch bie Blut Zusammensetzung kann eine ver­ringerte Wiberstandssähigkeit bes Organismus gegen Kälte verursachen. Das ist vor allem bei, vielen Formen ber Blutarmut ber Fall, bereu allgemeine Symptome, wie leichte Ermüdbarkeit, Kopfschmerzen, kalte Hände und Füße, ja bekannt sind. In ber Kälte pflegen sich biete Beschwerben zu verstärken, wenn sich ber Betreffenbe nicht genug in acht nimmt. Namentlich können leicht Erkran­kungen ber Haut, z. B. Frostbeulen, auftreten. Kälte unb Zugluft werben befonbers bann gefähr­lich, wenn sie kleinere Körperbezirke beeinflussen. Ungünstig wirkt in solchem Falle Körperruhe, weil hierbei ber Blutkreislauf langsamer arbeitet. Ebenso ist Abkühlung vorher erhitzter Körperstellen un­günstig. Im übrigen spielt natürlich bie Dauer ber Kälteeinwirkung eine Rolle. Erschwe­rend wirken Wind unb naßkalte Witte­

rung, da nasse Lust dem Körper viel Wärme entzieht. Noch schlimmer ist schmelzenber Schnee, ber bie Wärme ableitet unb leicht in die Schuhe einbringt; babei geht viel Wärme verloren.

Die praktische Nutzanwenbung aus bem, was die moderne Medizin über die recht zahlreichen Fälle einerUeberempsindlichkeit" gegen Kälte feftgeftellt hat, ist verhältnismäßig einfach. Menschen, die an gesundheitlichen Störungen der beschriebenen Art leiden, sollten im Winter wesentlich vorsichtiger als völlig gesunde Menschen sein. Sie müssen sich mög­lichst vor Zugluft, ferner vor falten

Füßen (nicht zu enge Schuhe!) unb Hänben hüten unb namentlich bei naßkalter Witterung län­geren Aufenthalt im Freien nach Möglichkeit oer- "meiben. Außerbem ist es bringenb zu empfehlen, baß Menschen, bie im Winter bauernberkältet" ober sonstwie gesunbheitlich nicht auf ber Höhe finb, sich einmal grünblid) vom Arzt unter­suchen lassen. Er wirb bann häufig eines ber von uns beschriebenen Leiben finben, nach besten Be­hebung auch bie lästigeUeberempfinblichkeit" gegen bie Unbilden der winterlichen Witterung ver­schwindet.

Die Lahn in Eis und Schnee erstarrt.

I

Die anhaltende Kälte hat es mit sich gebracht, daß bie Lahn auf wei­ten Strecken von einer zusammenhängenben Eis­schicht bebeckt ist. Von ber Lahnbrücke aus bietet sie jetzt einen ungewohnten Anblick. In ber Richtung nach Dutenhofen zu zeigt sich ber Flußlauf als eine einzige schneebebeckte Fläche von ungetrübtem Weiß. Auch nach bem Mühlenwehr zu ist ber Fluß erstarrt, und nur der seitliche Abfluß, von der Klinkelschen Mühle her, hat offenes Wasser. Wo sich, dieses und die Eisfläche treffen, konnte man gestern Enten aus der nächsten Nachbar­schaft sehen, die im eis­kalten Wasser badeten

und dann lustig über die Eisdecke hinwegschlitter­ten, den kleinen Inselchen zu, die dort das Bild der Lahn so reizvoll gestalten. Zahlreiche Tauchhüh­ner haben sich im kleinen Bereich des offenen Wassers zugesellt.

An den Bootshäusern ber Rudervereine oberhalb bes Wehres ist bie Lahn auch völlig zugefroren. Spaziergänger, die gestern im Glanz ber Winter­

sonne Zeit fanben, ben Fluß entlangzugehen, kehr­ten sie sicher ungern von bort zurück.

Unser Bilb zeigt die zugesrorene Lahn von ber Lahnbrücke aus nach ber Müllerschen Babeanstalt unb nach bem Heuchelheimer Felb zu gesehen. Es. fällt schwer, bas flache Schneefelb als unseren, heimischen Fluß, unserer schönen Lahn, wieberzii- erfennen. (Ausnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Zunehmender Frost im Rhem-Main-Gebiet.

Oie meisten Flüsse und Bäche zugefroren. Große Verkehrsschwierigkeiten.

LPD. Nach einem ganz kurzen Ansteigen ber Temperaturen in ber Nacht vom Dienstag zum Mittwoch hat ber Frost im Rhein-Main-Gebiet, be­günstigt burch bie intensive Ausstrahlung ber weiten unb ungewöhnlich hohen Schneebecke, weiter zuge­nommen, obwohl bie Sonne am Mittwoch fast ben ganzen Tag bei wolkenlosem Himmel schien. Im Laufe bes Nachmittags würben Temperaturen von 9 bis 14 Grab gemessen.

Die Kältewelle hat bie Flüsse rascher, als man erwartet hatte, zu Eis erstarren lasten. So ist ber Main von ber Quelle bis zur Münbung zugefroren. Das Maineis ist burchfchnittlich 4 bis 6 Zentimeter bick, stellenweise, wie bei Kessel- ftabt, erreicht es auch eine Dicke von 12 Zentimeter. Auch alle Nebenflüsse bes Mains finb zugefroren, nicht nur die kleineren Bäche und Flüßchen aus Odenwald und Spessart, sondern auch die Kinzig, die Nidda und die Nidder. Das Treibeis der Lahn hat sich ebenfalls am Mittwoch gestellt: Puch auf der Mosel ist das Eis an vielen Stellen zum Stehen gekommen, während die Nahe schon völlig zugefroren ist und mit ihr alle Flüßchen und Bäche Rheinhessens und der Pfalz. Dagegen ist der Rhein, abgesehen von Ufereis, noch offen. Er bringt aber starke Treibeisschollen, die sich bei anhaltendem Frost ebenfalls stellen werden.

Die Fortschaffung der Schneemassen kostet bie Städte eine schöne Stange Geld. In Frankfurt

waren acht Motorschneepflüge und 50 Pferbepflüge nötig, bazu 700 zweirädrige Schneekarren. In zwei Tagen haben sich 1600 Hilfsarbeiter gemeldet, bie bei der Schneebeseitigung Verwenbung fanben. Mannheim mußte 200Schneeschipper" einstellen. Auch in Mainz, Wiesbaben und Worms wurde man der ungewöhnlichen Schneemengen nur durch Ein­stellung von Hilfskräften Herr.

Der regelmäßige Verkehr der Reichsbahn wird durch die Kälte und den Schnee schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die Fernzüge treffen teilweise mit ungewöhnlich großen Ver­spätungen ein. Durch die Kälte und die großen Schneemassen wurden Signale und Weichen un­brauchbar. Hunderte von Hilfsarbeitern mußten eingesetzt werden, um diese wichtigen Betriebsein­richtungen wieder in Ordnung zu bringen. Bei der großen Kälte frieren die Heizungen ber Wagen ein, bie Wasserleitungen müssen aufgetaut werben, un­brauchbar geworbene Wagen werden ausrangierfc- unb burch anbere ersetzt usw.

Auf ben Lanb st raßen finb bie Schwierig­keiten, bie durch Schnee und Kälte entstanden, nicht- geringer. Unzählige Kraftwagen, vor allem Fern- l a st z ü g e, blieben am Dienstag und Mittwoch liegen. Zu Dutzenden standen mitunter die Wagen an bestimmten Steigungen, und die Fahrer be­mühten sich gemeinsam, den Weg durch Wegschaffen des Schnees, durch Streuen mit Erde und Sand,

Mutterlied."

Gloria-Palast.

In diesem Film, dessen Drehbuch Thea von H a r b 0 u und Bernd Hofmann nach einer Novelle von L. Fürst, L. M. Mayring, I. Raffay unb E. G. Techow schrieben, stnb die Wesenselemente bes Gesangsfilms mit typischen Motiven bes Sensationsschauspiels auf eine raffi­niert zu nennenbe Weise verschmolzen. In ber immer roieber erfolgreich erprobten Form aegen- f ei tiger Durchbringung gehen bie großen Gesangs- unb Theaterszenen auf der Opernbuhne Und bie großen Szenen beswirklichen"' Lebens memanber über. Die Ehe bes Sängers Ettore Vanni unb ber Sängerin Fiamma Appiani ist ungetrübt glücklich, vis eines Tages der Bariton Cesare Doret an ber gleichen Oper und für bie gleiche Aufführung engagiert wirb, in ber bie beiben fingen: Doret ift Fiammas Jugenbliebe unb der Vater ihres Kindes, das Vanni großzügig, ohne weiter 3U fragen, als das feine anerkannt hat. Doret benutzt das Engage­ment zu einem erpreffekifch-fchuftigen Versuch, Fiamma wieder für sich zu gewinnen die das Glück ihres Lebens durch ihn bedroht steht. Dorets Frau, Ricarda, erschießt ihren Mann, von dem sie sich betrogen fühlt, in Fiammas Garderobe wah­rend der Vorstellung. Fiamma wird, da alle Indizien gegen sie sprechen, oes Mordes beschuldigt, wahrend die auf bem fluchtartigen Heimwege verunglückte Ricarba im Krankenhause liegt, unfähig, die er- losenbe Aussage zu machen. Erst als Ettore im Frauengefängnis, wo sich Fiamma Unter- fuchungshaft befinbet, für Fiamma bas Mutterlieb singt, bas durch ben Rundfunk auch m die Kkmk übertragen wirb, erfährt Ricarda, daß Fiamma unter Morbverbacht stssht, und schreit auf ihrem Schmerzenslager bas ®eftänbni5s,bas Fiamma befreit unb bas Gluck ihrer Ehe rettet. Man mag schon aus biefer kurzen Inhaltsangabe ersehen, wie ber Film angelegt ist, unb worauf seine Wirkung sich gründet. Der Regisseur Carmine Gallone hat sich keine Gelegenheit entgehen lassen, sich mit den innig ineinander verschmolzenen Ausdrucksmitteln des reinen Gesanges und des zu höchsten Effekten gesteigerten Theaters sozusagen unmittelbar an das Gefühl des Hörers undZu' schauers zu wenden wirksam unterstützt übrigens von der mit weiträumigen Perspektiven arbeitenden Photographie von Georg B r u ck b a u e r. Benfa- mino GigN singt den Ettore: er schont sich fei seinem letzten Film äußerlich verwandelt zu haben,

wirkt schmäler und jünger, aber bie Stimme ist unverwandelt geblieben im leichten Ansatz, in der leuchtenden Hohe, in der Durchschlagskraft ihres Forte; die natürliche Theaterbegabung seines Volkes kommt ihm darstellerisch gerade in dieser Rolle un- gemein zustatten. Maria C e b 0 t a r i singt neben ihm die Fiamma, sehr kultiviert und klangschön, mit reinen Koloraturen, schauspielerisch ausdrucks­voll und zurückhaltend zugleich, sichtlich bestrebt, ben strömenden Gefühlsüberschwang der Partie in Grenzen zu halten. Michael Bohnen, der dritte große Sänger dieses Films, gibt den Doret. Dieser Doret ist das vollkommene Bild eines komödian­tischen Schurken oder eines schurkischen Komödian­ten wie man die Akzente verteilen will, ist Ge­fühlssache; kein Zweifel jedenfalls, daß Bohnen die hier gewünschte Charaktermischung mit einer un­heimlichen Treffsicherheit gelingt: der Zuschauer atmet auf, wenn dieser Doret endlich zur Strecke gebracht ist. Der kleine Peter Bosse ist bas rührenb ahnungslose Söhnchen bes Sängerpaares; Hans Moser als bas treue Faktotum Vannis ist sehr bemüht, seine Komikernatur hinter ehrlichem Gefühl zu verstecken, aber bas Publikum lacht doch, wenn er erscheint, unb sobalb bie allgemeine Rüh­rung es zuläßt. Hilbe Hilbebranb gibt mit einer taktvollen Verhaltenheit bie schmerzliche, nicht übermäßig bankbare Rolle ber Ricarba. Musik unb musikalische Leitung: Alois M e l i ch a r. (Tobis.)

Im Vorprogramm interessiert vor allem bie neue Ufa-Wochenschau mit bem Rückblick auf bas Jahr 1937, Hans Thyriot.

Oie Kuh Buiterlina.

Eine Erzählung von Joses Winckler.

Es ist eine simple Geschichte unb' doch würbe sie bamals in ber ganzen Stabt mit großer Rührung erzählt. , _ , , . .

Im Jahre 1901 muß es wohl gewesen fein, als bie Englänber Johannisburg belagerten unb end­lich genommen hatten, da auch die Not der Be­lagerten eine grausame Höhe erstiegen hatte. Aber auch die Sieger litten Mangel und so regutnerten sie was sie noch vorfanden und nötig hatten. Nun besaß ber bamalige Buchhänbler Hermann Mi­chaelis, ber auch bie erste beutsche Zeitung in Jo­hannisburg herausgab, unb später in großer Ar­mut gestorben ist, außerhalb ber City, dem Ge- schäftsviertel der Stadt, draußen m Parktown, eine behagliche Villa, wo er bei feiner Frau unb

zwei kleinen Kinbern fern von Büro unb Buch­handlung nur Gartenmensch unb glücklicher Va­ter war. In sorgenber Fürsicht hatte er eine mil- chenbe Kuh im Stall. Wie nun bie Reguisitions- besehle burch bie Straßen liefen, ba mußte auch der Zeitungsbesitzer seine Kuh abliefern, aber er zögerte noch, denn bie Kinber konnten ihre frische Milch nicht entbehren, unb ba bie Kuh unlängst erst ein Kalb geboren ach! es war ein großes Ereignis gewesen stand man zu ihr in ganz besonders vertrautem Verhältnis.Wirst du uns auch nicht vergessen?" fragte die Mutter wenn du in den Krieg ziehen mußt?" Und sie erhielt noch einmal einen großen Arm voll Rüben­schnitzel, wie bie Frau ihr täglich bas Futter selbst zurecht zu machen pflegte.

Unb als nun ber Tommy kam, ber bie Kuh abholen sollte, stand das ganze Haus versammelt, Frau Michaelis, beide Kinder im Arm, das rhode- sifche Kaffernmädchen heulend hinter der Schürze. Man hatte ein gezähmtes Chamäleon, das mit runden Glotzaugen wie ein gerupftes Eichhörnchen dabei faß und erschrocken sofort die Farbe wech­selte, bis der Hausherr es vor den Tritten der Soldaten auf ein Rosenbeet setzte. Alle Bewohner folgten, dem Engländer zum Stall. Da fiel ber Hofhund wütend an seiner Kette vor. Michaelis trat abseits ins Haus zurück, sich die letzte Szene zu ersparen, als die Kuh herausgeführt wurde. Sie folgte ohne Sträuben, schaute sich nur einmal nach bem Kalb um.

Nun versuchte man in ber Nachbarschaft erfolg­los Milch aufzutreiben, bie Flaschen der Kinder blieben leer, unb bie Verzweiflung ber Mutter wuchs. Wie sollte man auch bas Kalb ernähren? Es würbe verhungern.

Zwei Tage hielt man aus vergeblich alle Mühe, frische Milch zu erlagen. Es gab nur Kon­servenmilch unb ber Jüngste bekam bereits Brech- burchfall. Da fuhr nun unser beutscher Zeitungs­verleger im Auto los. Er erreichte ben Komman­danten draußen vor der Stadt und wußte bie Not unb fein sterbenskrankes Kinb fo lebhaft an bas Herz bes Offiziers heranzutragen, ber wohl auch eine Milchkuh bes Burenftaates nicht als Ver­lust für Old England betrachten' mochte, baß biefer ihm ritterlich einen Schein ausftellte, bie regui- rierte Kuh für bie Dauer ber Krankheit feines Kinbes zurückzuholen. Mit biefer Freubenbotschaft langte ber Vater nach knapp fünf Stunben bei bem ersten Camp an, wo hunberte ja tausende Rinder und Kühe weideten. In der Unbeholfenheit eines Mannes unb ber Seltsamkeit feines Auf­

trages begann er zunächst mit bem Felbstecher vom Gatter bes Riefencamps aus bas Gewimmel ber Herben zu burchdringen unb nachbem er fich überzeugt glaubte, nirgends eine ähnliche Gestalt entdeckt zu haben erinnerte sich plötzlich auch nicht fo genau jedes einzelnen Fleckens ihrer Haut und ob sie krumme ober mehr grabe Hörner besäße fuhr er schließlich verärgert unb zweifelnb zum zweiten unb britten Camp. Es waren im ganzen sieben ungeheure Weideplätze, auf denen, von pa­trouillierenden Soldaten bewacht, die Herden ruhig rupfend graften oder wiederkäuend am Boden lagen. Die Soldaten zuckten die Achseln auf feine Fra­gen, wo und welche Kuh vom Buchhändler Mi­chaelis fei? So kehrte er beim vierten Camp un­verrichteter Sache um.

Unterdessen waren schon weitere Reguisitions- besehle ergangen und auch das Auto mußte ab­geliefert werden. Eine Kuh abzuholen, getraute sich Michaelis denn doch nicht, auch noch um sein Auto beim Kommandanten vorstellig zu werden unb warf sich abgehetzt aufs Sofa.

Da schwang sich Mutter Michaelis aufs Zwei- rab.Frauen unb Kühe verstehen sich besser!", winkte sie zum Abschieb ihm zu. Unb wie nun bie Frau beim ersten Camp anlangte mit ber gleichen Bitte wie vorbem ber Mann, ba höhnte bet* Schotte, ber kein Deutschenfreund war:Yes, wenn sie Ihre Kuh nicht selbst herausfinden, kön­nen wir nicht helfen!

Ach, einen Namen führte die Kuh nicht unb wie sollte sie auch auf einen Rufnamen hören können unter den zahllosen Tieren hier unter offe­nem Himmel? Und doch stieg die Frau in ihrer Not vor allen Soldaten zu ob erst auf das Wach­haus, wölbte die Hände um ben Munb unb wie aus einer plötzlichen Eingebung schrie sie mit Lei­beskräften weithin schallenb über ben Camp:

Butterlinaaaaaa!"

Unb siehe ba mitten hin aus bem lagernbert Hausen sprang jählings eine Buntgescheckte hoch stellte ben Schwanz kerzengrabe in bie Luft, hielt ben Kopf schief äugend zur Seite und dünn kla- bafterte sie wie eine Furie heran, daß der Rasen dröhnte, galoppierte direkt auf die rufende Mutter los, die mit Tränen in den Augen sie empfing unb ihren Kopf an die dampfende Wampe schmiegte. Nur an ber Stimme hatte bie Tiermutter biel Menschenmutter erkannt.

Die Solbaten stauben verbutzt im Kreis, unb triumphierenb zog bie Frau mit ber Getreuen heim. ______ >