Werklustschutzplan muß aufgestellt
und erfüllt werden.
Eine richtungweisende Gerichtsentscheidung.
LPD. Die Justizpressestelle Darmstadt teilt folgendes mit:
Der Betriebs- und Geschäftsführer eines Industrie- wertes ist für die Durchführung der vom Reichsluftfahrtministerium angeordneten Luftschutzmaßnahmen verantwortlich. Wird bei der Ueberwachung des zivilen Jndustrieluftschutzes festgestellt, daß die seit Jahren in zahlreichen Merkblättern enthaltenen Richtlinien trotz entsprechender Anordnungen" der Reichsgruppe Industrie der deutschen Wirtschaft unbeachtet bleiben, daß insbesondere die angeforderte Aufstellung eines Werkluftschutzplanes unterbleibt, oder unzureichend erfüllt wird, dann hat dies zunächst das zwangsweise Einschreiten der zuständigen Polizeibehörden zur Folge.
Das Amtsgericht Darmstadt hat in einer kürzlich rechtskräftig gewordenen Entscheidung einen Fabrikbesitzer wegen Uebertretung nach §§ 2 und 9 des Luftschutzgesetzes vom 26. 6.1935 und §§ 7,17 Ziffer 1 der Durchführungsverordnung vom 4. 5. 4937 zu
einer Geldstrafe und im Falle der Nichtbeibringung zu Haft verurteilt, weil der Angeklagte unter nicht stichhaltigen Hinweisen auf berufliche Arbeitsüberlastung und sonstige Betriebsverhältnisse der befristeten polizeilichen Aufforderung zur ordnungsgemäßen Vervollständigung des Werkluftschutzplanes nicht nachgekommen war.
Diese mangelhafte Einsicht in staats- und volkspolitische Notwendigkeiten und die in dem Verhalten des Angeklagten im Sinne einer vorsätzlichen Versäumnis liegende erhebliche Nachlässigkeit gaben dem Gericht unter ausdrücklichem Hinweis auf die Wichtigkeit des Jndustrieluftschutzes Anlaß, bei Bemessung der Geldstrafe nahe an die zulässige Höchstgrenze heranzugehen, obwohl der Verurteilte anderen ihm neben der Aufstellung des Werkluftschutzplans zukommenden Verpflichtungen nachgekommen war. Der Strafzweck dient der Erziehung zur beschleunigten Befolgung der dem Betriebsführer obliegenden Gemeinschaftspflichten.
Fremdsprachenpflege in den Arbeitsgemeinschaften -er DAI.
Don der Kreiswaltung Wetterau der Deutschen Arbeitsfront wird uns geschrieben:
Viele Volksgenossen haben während ihrer Schulzeit, durch Selbstunterricht, oder im Ausland eine fremde Sprache, sei es nun Englisch oder Französisch, oder eine andere Sprache erlernt. Den meisten Volksgenossen wird es aber nun so gehen, daß keine Gelegenheit besteht, die erworbenen Kenntnisse zu erhalten und darüber hinaus noch zu erweitern. Daß aber gerade bei Fremdsprachen die unbedingte Notwendigkeit besteht, durch dauerndes Neben und Sprechen die Geläufigkeit in der fremden Sprache zu erhalten und noch zu steigern, wird wohl ohne weiteres eingesehen, jedoch fehlt in den meisten Fällen die Gelegenheit hierzu.
Diese Gelegenheit gibt die Deutsche Arbeitsfront in ihren fremdsprachlichen Arbeitsgemeinschaften. Aus der Erkenntnis heraus, daß eine Erhaltung und Steigerung der fremdsprachlichen Kenntnisse nur durch dauerndes und intensives Anwenden der Sprache erzielt werden kann, wird in den fremdsprachlichen Arbeitsgemeinschaften der DAF. nur die betreffende Fremdsprache angewendet, d. fr daß die Teilnehmer sich nur in Englisch oder Französisch unterhalten und während der Dauer der Zusammenkünfte die deutsche Sprache nur in Ausnahmefällen angewendet werden darf. Der Teilnehmer wird hierdurch vor allen Dingen dazu erzogen, in der fremden Sprache zu denken, denn dies ist eine Grundbedingung, soll ein Fortschritt erzielt werden. Wäh
rend der Zusammenkünfte werden in arbeitsgemeinschaftlicher Form fremdsprachliche Zeitungen gelesen, es werden wirtschaftliche, kulturelle, handelspolitische und sonstige zeitgemäße Probleme behandelt, und ein Meinungs- und Gedankenaustausch der Teilnehmer untereinander, sowie Kurzvorträge in der fremden Sprache werden die freie Wort- und Satzbildung fördern. Weiter sind auch Diktate und lieber» setzungen als fördernd anzusehen und werden in entsprechender Form angewendet.
Wer eine Fremdsprache erlernt hat und sich längere Zeit nicht mehr mit derselben beschäftigte, wird bestimmt bei näherer Prüfung betrübt feststellen müssen, daß nicht mehr allzuviel von den einstigen Herrlichkeiten vorhanden ist. Dies zu verhüten, ist der Sinn und Zweck der fremdsprachlichen Arbeitsgemeinschaften. Heute werden gute Fremdsprachler gesucht und bei entsprechender Leistung auch angemessen bezahlt. Wir richten daher an alle Volksgenossen, die gute Kenntnisse in irgendeiner Fremdsprache nachweisen können, den Appell, ihre Kenntnisse nicht einrosten zu lassen, sondern sich den fremdsprachlichen Arbeitsgemeinschaften der DAF. anzuschließen. Bei Angabe der Anschrift und der Fremdsprache an d'ie Deutsche Arbeitsfront, Abtlg. für Berufserziehung und Betriebsführung, Gießen, Schanzenstraße 18, werden wir die Interessenten Vorwerken und benachrichtigen. Fremdsprachler, erhalte dejne Kenntnisse und baue sie noch weiter aus! Du hast den Vorteil!
Aus bet Gießen.
Ieiertagsstimmung.
Wenn nach einer schweren, arbeitsreichen Woche der Bauer am Sonntagmorgen fein Vieh gefüttert hat und in seinen guten Kleidern zur Kirche geht, dann erfüllt ihn ganz von selbst Feiertagsstimmung. Das Gefühl, in seiner Arbeit wieder einen Schritt vorwärts getan zu haben, die Freude an der reichen Ernte, der helle Sonnenschein, der nach einem kurzen Regen wieder über der Erde liegt, all das hilft mit, daß in dem Herzen des üandmannes stille und glückliche Zufriedenheit aufblüht, daß er dankbar und zuversichtlich in die Zukunft schaut. Der Bauer spricht nicht gern über solche Gefühle. Wer aber an einem Herbstsonntag die Dörfer und ihre Bewohner besucht, und wer gute Augen und Ohren hat, der merkt, ohne daß darüber Worte gewechselt werden, daß hier wohl kein Ueberschwang der Gefühle vorherrscht, daß aber ein Hauch von Freude und stillem Glück über allem liegt.
Mit solcher Feiertagsstimmung beging der Bauer das Erntedankfest. Es war heuer ein gutes Jahr. Aber das war es nicht'allein, das diesen Tag zu einem so frohen machte. Es kam ja noch so viel gemeinsame Freude hinzu, die alle deutschen Menschen in diesen Tagen erfüllt. Die Unruhe der letzten Wochen und die ständige Aufregung sind glücklich überstanden. Es war wie in dem Märchen vom Froschkönig: Die eisernen Bande von unserm Herzen fielen klirrend ab, als die erlösende Kunde kam, daß unsere deutschen Brüder im Sudetenland nun ganz zu uns gehören, und daß sie zu uns kommen, ohne daß ein Krieg darüber entbrannte.
Das Bewußtsein der Verbundenheit durch gemeinsame Geschichte und durch gemeinsames Schicksal lenkt den Blick nicht nur auf die Vergangenheit, sondern erst recht auf die Gegenwart und die Zukunft. In diesem Sinne feierten wir alle den Tag der deutschen Ernte. Ein Hauch von Größe umwehte uns.
Solche Feiertagsstimmung erfüllt uns ganz, wenn wir jetzt hören, mit welchem Jubel unsere Soldaten im befreiten Sudetengebiete empfangen werden. Ja, es sind keine leeren, oberflächlichen Tage, sondern Wegweiser in die helle Zukunft. Der Weg war nicht immer leicht. Wer aber den Weg zum Licht gehen will, der muß auch den Mut haben, dunkle Strecken zu wandern.
Es ist alles gut geworden. Das ist der große Zauberspruch, der diese Höhepunkte im menschlichen Leben begleitet und de^ auch in unferm Herzen bleibt, wenn wir ausharren können. .Beharrlichkeit zu zeigen, ist das Ergebnis einer guten Willenserziehung. Allen Neigungen des Augenblicks, allen Stimmungen zum Trotz siegt immer wieder die stete Beharrlichkeit. Aber auch der starke Glauben. Mit vollem Bewußtsein empfinden wir alle, daß wir eine große Mitverantwortung tragen, daß wir alle mitzuarbeiten und mitzuwirken haben, jeder an feiner Stelle. Das gibt gesammelte Kraft und Freude für die Zukunft. w
Und diese Feiertagsstimmung soll bleiben, sie soll unsere Seelen befreien und in uns neue Kräfte schaffen. Jeder soll fühlen: Hier auf diesem Platze stehst du, hier hast du gläubig deine Aufgaben zu erfüllen. Im Bewußtsein treuer Arbeitserfüllung motten wir unserm Tagewerk nachgehen. Das gibt bie Grundlage zu der rechten Feiertagsstimmung.
H.
Achtum!
SA.-Sportabzeichenträger!
Am Sonntag, 9. Oktober, findet für alle diejenigen SA.-Sportabzeichen-Träger, welche nicht der SA. angehören, die Wiederholungsübu,ng für das SA - Sportabzeichen statt. Ausgenommen von der Teilnahme sind Angehörige der ff, des NSKK. und der Polizei.
Antreten: 7.30 Uhr auf dem Hofe der SA.-Standarte 116 (Gießen, Senckenbergstraße). Leistungsbuch und Besitzzeugnis sind mitzubringen.
Gefordert werden folgende Hebungen: 1. KK- Schießen, liegend aufgelegt, 50 m. 5 Schuß auf Einheitsscheibe. 2. Keulenzielwurf. 3. Keulenweitwurf.
Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, • daß Sportabzeichenträger, die an dieser Wiederholungsübung nicht 'teilnehmen, ihres SA.-Sportabzeichens verlustig gehen.
SA.-Standarte 116.
Vornotizen
Tageskalender für Mittwoch.
Stadftheater: 19.10 bis 21.45 Uhr: „Flachsmann als Erzieher". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Unter Mordverdacht". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: i,13 Stühle". — Herbstmesse auf Oswaldsgarten.
Erste Wiederholung Flachsmann als Erzieher".
Heute abend findet die erste Wiederholung des großen, Erfolges „Flachsmann als Erzieher"', Komödie in drei Akten von Otto Ernst, statt. Spielleitung Dr. Hannes Razum, Bühnenbild Karl Löffler. Es wirken mit: Margot Eickhoff, Hilde Kneip, Rose Stirl, Giesela Vollert; Eduard Cossovel, Walter Erler, Gert Geiger, Hans Geißler, Friedrich Gröndahl, Kurt Haars, Hans Schlick, Peter Schorn, Hans Seitz, Karl Volck, Erich Weiland. Die Vorstellung findet als 2. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.45 Uhr.
Bühnenjubiläum des Intendanten Leutheiser.
Der Intendant des Stadttheaters Plauen t. D., Wolf Leutheiser, begeht in diesen Tagen sein 30jähriges Bühnenjubiläum. Leutheiser, der in Metz geboren wurde, war als Schauspieler in Saar
brücken, Neuwied, Liebau und Guben tätig. Nach dem Kriege wurde er Spielleiter in Heidelberg, bann an unserem Stadttheater in Gießen. Als stellvertretender Direktor des Staatlichen Kurtheaters Bad Neuhausen führte er dort die großen Operngastspiele der Wiesbadener und Darmstädter Staatsoper und der Frankfurter Oper ein._ Fünf Jahre lang war er Intendant des Stadttheaters in Brandenburg (Havel), wo er den Kampf gegen die rote Stadtverwaltung führen mußte. Er wurde gezwungen, das Theater aufzugeben, da er eine Spielplan- und Perfonalpolitik durchzuführenffuchte, die kulturpolitisch den heutigen Anforderungen entsprach. 1929/30 war Intendant Leutheifer zur Führung des Alberttheaters in Dresden eingesetzt. 1931 war er Mitbegründer des Deutschen Nationaltheaters Berlin e. 23., wobei er sich für die nationalsozialistische Idee einsetzte. Nach der Machtübernahme wurde Intendant Leutheiser zum Leiter der Fachgruppe Theater im Kampfbund für Deutsche Kultur als Nachfolger des 1. Präsidenten Otto Laubinger eingesetzt. 1934 trat er in den Vorstand des Deutschen Bühnenvereins ein und wurde Leiter der Fachgruppe Intendanten in der Reichstheaterkammer. Im gleichen Jahre wurde er zum 2. Vorsitzenden der Deutschen Landesbühne Berlin und in den Vorstand der Volksbühne Berlin berufen.
Vorträge in der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.
Für den kommenden Winter hat die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde in Gießen wiederum, wie auch in den bisherigen Jahren, ein interessantes Vortragsprogramm aufgestellt. Mitte Oktober wird der Teilnehmer an der Himalaja-Expedition Professor Dr. Carl Troll (Bonn) über „Nanga-Parbat — Himalaja" sprechen. Dieser Vortrag wird gemeinsam mit dem Goethe-Bund und Kaufmännischen Verein veranstaltet. Anfang November wird man einen Vortrag von Professor Dr. Hermann Saute nf ad), Greifswald (früher in Gießen) über „Raum und Volk in der politischen Entwicklung des Fernen Ostens" hören. Ende November berichtet Dr. Karl H e l b i g (Hamburg) über das Thema „Auf Fußpfaden quer durch Borneo". Mitte Dezember spricht Dozent Dr. Hans Bobek (Berlin-Spandau) über „Zentralkurdistan von heute — Forschungen in den Hochgebirgen zwischen Urmia- und Vansee". Den letzten Vortrag wird Mitte Januar Professor Dr. Fritz Klute (Gießen) über das Thema „Oesterreich, die deutsche Ostmark in Natur, Kultur und Wirtschaft" halten.
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** Eine Neunzigjährige. Am kommenden Freitag, 7. Oktober, kann Frau Elisabeth Diehl, geb. Gräser, Schützenstraße 62, ihren 90. Geburtstag feiern. Die hochbetagte Frau erfreut sich noch aller geistigen und körperlichen Frische. Seit Jahrzehnten gehört sie zum Stamm der treuen Leser des Gießener Anzeigers. Wir beglückwünschen die Jubilarin herzlich.
** GoldeneHochzeit. Am heutigen Mittwoch, 5. Oktober, begehen die Eheleute Zugführer L R. Heinrich Engelbach und Frau, geb. Deichmann,
Vergessen Sie nicht
kffiyihr Klassenlos!
Weserstraße 27 wohnhaft, das Fest der goldenen Hochzeit. Das Jubelpaar gehört feit vielen Jahren zu den treuen Beziehern des Gießener Anzeigers. Zum heutigen Ehrentage auch unferen herzlichen Glückwunsch.
** Die Strom- und Gasgelder für den Monat Juli sind umgehend zu zahlen, falls säumige Zahlungspflichtige nicht riskieren wollen, daß ihnen die Strom- und Gaslieferung gesperrt wird.
Lpd. Vorsicht Kraftfahrer! Laubfall ist gefährlich. Alljährlich, wenn das Laub $u fallen beginnt, mehren sich die Unfälle der Kraftfahrer. Auch jetzt werden schon die ersten Unfälle durch Laub auf den Straßen gemeldet. Das Laub, das in der Nacht vom Tau oder durch Regenfälle feucht wird, bringt durch feine Glätte Autos und Motorräder ins Schleudern, wenn sie rasch fahren, , oder durch plötzliches Bremsen zum Stehen gebracht werden sollen. Die Straßenmeistereien sorgen zwar auf den großen Durchgangsstraßen für Beseitigung des gefallenen Laubes, ebenso wie auf den Autobahnen Reinigungskolonnen tätig sind, aber reft« 1 los lassen sich die Straßen nicht von dem gefallenen Laub säubern, das Tag und Nacht von den Bäumen geweht wird. Die Kraftfahrer müssen, wenn sie Straßen benutzen, die durch Wald führen oder ' vom Laub verweht sind, mit besonderer Vorsicht fahren.
Große Strafkammer Gießen.
Gestern hatte sich der A. Sch. aus Alsfeld vor der Großen Strafkammer wegen Notzucht zu verantworten. Der erst 19 Jahre alte Angeklagte war im Nachsommer im Anschluß an ein Schützenfest in der Nähe von Alsfeld einem gleichaltrigen Mädchen nachgegangen und hatte mit Gewalt, trotz erheblichen Widerstandes, unzüchtige Handlungen an ihr vorgenommen. Der Angeklagte war in der gestrigen Hauptoerhandlung im wesentlichen geständig, er versuchte allerdings, seine verwerfliche Handlungsweise etwas abzuschwächen. Das Gericht billigte ihm mit Rücksicht auf fein Geständnis und seine Jugend mildernde Umstände ^zu, so daß er noch einmal vor dem Zuchthaus bewahrt blieb. Das Urteil lautete auf einJahrGefängnis. Zwei Monate der Untersuchungshaft gelten als verbüßt.
kannst du Wiikk, Sore?
Roman von Hedda Lindner.
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.
32 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Evers!" Es klang ruhig, beinahe leise, dieses „Evers" — und doch lag etwas in dem Ton, daß der Angerufene wie angewurzelt stehen blieb.
Erft nach einer kurzen Pause fragte er: „Herr Doktor befehlen?"
„Sie sind schon sehr lange im Hause, Evers, nicht wahr?"
„Jawohl, Herr Doktor, sehr lange!"
„Da wird es Sie sicher interagieren, daß Baron Gerald auf dem Wege hierher ifr"
Mit jähem Ruck fuhr Evers' Kopf herum. „Herr Doktor belieben zu scherzen", stieß er hervor. „Baron Gerald ist — ist tot!"
„Aber Evers!" Fiedlers Stimme war beinahe sanft. „Sie wissen doch selbst am besten, daß er lebt." i
Mit übermenschlicher Kraftanstrengung riß Evers sich zusammen. ,^ch verstehe zwar nicht, was Herr Doktor meinen", sagte er steif, „aber jedenfalls wäre es für uns alle eine große Freude, wenn Baron Gerald tatsächlich noch lebte und zurückkäme; man hat ihn sehr vermißt."
Der Mann ist ja viel gefährlicher, als ich glaubte, dachte Fiedler und ließ langsam die Hand in die Rocktasche gleiten. Dann entschloß er sich zum Angriff.
„Man kann es schließlich Baron Gerald nicht verdenken, daß er fortging", sagte er in gleichmütigem Plauderton. „Die scheußliche Geschichte, die hier gerade vor zwei Jahren vorgefallen ist, so etwas kann einem die Heimat schon verleiden."
„Das Gericht hat festgestellt, daß Baron Gerald als Täter nicht in Frage kommt."
' „Gewiß, gewiß! Ein Glück, daß der Förster gerade in diesem Augenblick erschien. Aber trotzdem — Sie wissen ja, wie es in solchem Falle ist: etwas bleibt immer hängen. Solange der wirkliche Täter nicht einwandfrei festgestellt ist, wird es doch Leute geben, die über Baron Gerald — nun, sagen wir
— munkeln. Für einen Menschen von Ehre ein unerträglicher Gedanke!"
„Baron Gerald scheint sich aber damit ab gesund en zu haben, da er — wie Herr Doktor sagen — zurückkommt." Jetzt lockerte sich die Maske des korrekten Dieners noch etwas. Fiedlers feines Ohr hörte deutlich den erbitterten Hohn' heraus.
,Lch sagte, er ist auf dem Wege hierher. Zurückkommen wird er erst, wenn ich dieses Hindernis aus dem Wege geräumt habe."
„Also ooch! Ich hatte schon gestern den Eindruck, daß Herr Doktor unter falscher Flagge hier eingedrungen sind."
„Nicht ganz", antwortete Fiedler, „Baron Clemens weiß, wer ich bin."
Evers' Gestalt straffte sich. Wenn es so lag, war es ernst, bitter ernst. „Dann bitte ich gehorsamst für meine letzte Bemerkung um Entschuldigung." Seme Stimme war völlig korrekt, sein Gesicht blieb unbeweglich. Leicht würde diesem Mann nicht beizukommen sein.
Jetzt ließ Fiedler den Plauderton fallen. „Ich bin Kriminalrat Dr. Fiedler vom Polizeipräsidium Berlin. Und in dieser Eigenschaft habe ich einige Fragen an Sie zu richten , sagte er in dienstlichem Ton. „Wo waren Sie, als der Schuß hier fiel?"
„Unten — im Dienerzimmer."
„Das haben Sie behauptet. Aber ich habe mit Sicherheit festgestellt, daß es nicht der Fall ist. Wo waren Sie also?"
„So genau kann ich mich nicht besinnen. Ich glaube, im Dienerzimmer gewesen zu fein. Aber vielleicht war ich auch auf der Treppe unten oder im Anrichteraum."
„Oder im Schlafzimmer des Barons — oder im Ankleidezimmer, das hier gerade gegenüberliegt."
„Ich verstehe wohl, was Herr Kriminalrat damit sagen wollen, aber ich war nicht hier oben."
„Man hat Sie gesehen", versuchte Fiedler zu bluffen. ,
„Man hat mich nicht gesehen", lautete die überlegene Antwort. „Denn man kann mich nicht gesehen haben, weil ich nicht hier oben war."
Abgefatten, dachte Fiedler. Der Kerl weiß genau, auf wie schwachen Füßen meine Beweise stehen. Dann sagte er — nun wieder in dem liebenswürdig gemütlichen Ton, auf den schon mancher schwere Junge hereingefallen war. „Es ist die erstaunlichste
Erfahrung meines Berufes, daß auch die tüchtigsten Leute — und Sie haben die Sache wirklich schlau angefangen — irgendeine Dummheit doch dabei machen müssen. Warum in Dreibeubelsnamen haben Sie die Marken nicht mit den Briefen vernichtet?"
Evers Gesicht war eine glänzende Maske völligen Nichtverstehens. „Ich weiß nicht, was der Herr Kriminalrat damit sagen wollen."
„Ich meine die afrikanischen Marken, die Sie aufbewahrt haben, während Sie die Briefe vernichteten", antwortete Fiedler gelassen.
Er wußte genau*, daß Evers nur Zeit gewinnen wollte, um sich seine Antwort zurechtzülegen, war also nicht weiter überrascht, als im Tone tief gekränkter Unschuld erwidert wurde: „Ich habe mir wohl gelegentlich eine seltene Marke aus dem Papierkorb herausgesucht, aber Briefe vernichten? — wie sollte ich dazu kommen! Herr Baron kennt mich von klein an. Herr Baron weiß, daß ich ehrlich bin."
„Im landläufigen Sinne — in bezug auf silberne Löffel und so weiter — sicher. Aber der Herr Baron weiß nichts von dem Nachschlüssel zur Postmappe, den Sie besitzen."
Evers Hand zuckte unwillkürlich hoch.
„Ja, ganz richtig, im Geheimfach Ihrer Brieftasche Diese kleine Bewegung eben, so rasch Sie sie auch abfingen, hat Sie schon verraten. Und der Herr Baron weiß auch nicht, daß er, wenn er morgen sein Testament macht, zu dem Sie Ihm so zureden, sein eigenes Todesurteil unterschreibt."
„Herr Kriminalrat stellen hier die ungeheuerlichsten Behauptungen auf gegenüber einem Mann, der sich nie das geringste zuschulden kommen ließ. Verhaften Sie mich, wenn Sie mich für einen Verbrecher halten! Dann wird sich vor Gericht das weitere finden."
Fiedler wußte, dieser Gegenangriff war die Verzweiflung des Wildes, das sich zum Kampfe stellt, wenn es nicht mehr entkommen kann. Er wußte aber auch, daß Nachschlüssel und Marken allein niemals ausreichten, um Evers seiner Tat zu über» führen.^
Darum änderte er seine Taktik. „Ich will Sie nicht verhaften, Evers", sagte er ernst.
„Weil Sie es nicht können, weil Sie Dinge behaupten, für die Sie feine Beweise haben."
„Darum nicht, Evers. Allein deshalb, weil ich den
Heßlings diesen Prozeß ersparen möchte, den Heß- lings — und dem Sohne Veras!"
Diesmal konnte Fiedler mit dem Erfolg zufrieden sein; der Schlag saß. Evers taumelte gegen den Schreibtisch, tödliches Entsetzen zerriß die korrekte Beherrschtheit seines Gesichtes. Dann begriff er: „Du Teufel, haft du es doch herausgescimüffelt!" brüllte er auf und faßte mit einer wilden Bewegung in die Tasche.
Schon stand Fiedler auf den Füßen, die Pistole in der Hand. „Keine Torheiten, Evers!" warnte er. „Ich hübe Sie nicht unterschätzt, und ich schieße eben», so gut wie Sie."
Evers starrte ihn mit dem Ausdruck eines Wahnsinnigen an und brach plötzlich wie gefällt auf dem nächsten Stuhl zusammen. Für eine ganze Weile hörte man nichts als feine schweren, keuchenden Atemzüge.
Dann sprach er vor sich hin, abgerissen, kaum verständlich:
„Dreißig Jahre — hat es niemand gewußt — und nun — Geschwätz für alle — nach dreißig Jahren — nach dreißig langen Jahren."
„Niemand weiß es bis jetzt außer mir", sagte Fiedler ruhig. „Aber ich habe den Tatbestand in sicherer Stelle ausführlich niedergelegt", fügte er rasch hinzu, als er das gefährliche Aufflackern in den Augen des anderen sah. „Wenn mir bei dieser Unterredung etwas — zustoßen sollte, würde Die Oeffentlichkeit sehr bald wissen, warum. Und würde auch erfahren, wessen Bild das Medaillon enthält, das Sie auf der Brust tragen."
„Auch das haben Sie herausbekommen", murmelte Evers. Fiedler fühlte fast Mitleid, so völlig gebrochen und erledigt war dieser Mann, der dreißig Jahre lang dieses Geheimnis wie ein Heiligtum gehütet hatte.
Aber er dachte auch an den Freund, der ihm das Leben rettete, und der fast zugrunde ging an dem Verrat dieses Menschen vor ihm, und seine Stimme klang schneidend, als er fragte: „Glauben Sie, daß Vera Ihnen auf solchen Wegen auch gefolgt wäre?"
Evers starrte vor sich hin. Als er wieder sprach, merkte man, er war weit fort, untergetaucht in einer Vergangenheit, deren kurzes Glück genügte, noch heute nach langen, einsamen Jahren einen verklärenden Schein auf das zerfallene Gesicht zu zaubern. (Schluß folgt.)


