Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
sonders schöner unb würdiger Weise gefeiert worden, indem der Dichter H an s Carossa mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt a. M. ausgezeichnet wurde. Es war eine „Dichterkrönung", in welcher sich das ganze deutsche Volk geehrt sehen durfte, denn Carossa steht unter uns als einer der Künder jenes ewigen deutschen Geistes, der nur mit diesem Volke selbst untergehen kann und damit alles Echte und Wahrhaftige, das in unserer Sprache je Gestalt gewonnen Hat, miteinander verbindet. Geräuschlos und nur seiner inneren Stimme gehorchend, ist Carossa, der als Arzt wie als Dichter in bewegter Zeit helfend wirkt, und der nie ein Wort geschrieben hat, von dem nicht heilende Kräfte ausgingen, seinen Weg geschritten, und es ist ein schönes und tröstliches Zeichen, wenn wir heute feststellen dürfen, daß die zuerst nur zögernde und kleine Gefolgschaft längst zu einer großen Carossa-Gemeinde angewachsen ist, die seine Worte in einem feinen und stillen Herzen trägt und aus ihnen Kraft für das Leben gewinnt. Mit welch zunehmender Ergriffenheit haben wir den Pfad des Dichters vom „Rumänischen Tagebuch" bis zu den „Bekenntnissen eines reifen Lebens" begleitet und mit jedem neuen Buche das Vertrauen zu ihm bestätigt gefunden! Goethe und Carossa — es könnte gewagt erscheinen, einem Dichter, dem die letzte Vollendung vielleicht noch bevorsteht, durch die Verknüpfung mit dem erlauchtesten Namen des deut
schen Schrifttums eine Verantwortung auszubürden, die auch der Beste nicht ohne das beklemmende Gefühl der Unwürdigkeit zu tragen vermag. Aber nicht die Leistung allein, auch die Gesinnung, und diese vor allem begründet im Geistigen Verwandtschaft und Gefolgschaft. Und darum glauben wir, daß niemand mit größerer Verpflichtung und edlerer Bescheidenheit den Goethe-Preis entgegengenommen haben wird, als der Dichter von „Führung und Geleit".
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Da bemühen wir uns nun um die treffe und wirkungsvollste Methode, unseren Mitmenschen zu unserem Vorteil das Geld aus der Tasche zu ziehen und sie gleichzeitig davon zu überzeugen, daß sie damit auch ihr eigenes Glück vermehren! Allein was will unsere hochentwickelte Werbetechnik besagen gegenüber der wahrhaft durchschlagenden Psychologie, mit deren Hilfe ein kleiner Kurort in der Schweiz um Fremdenbesuch wirbt. Man höre und staune! ,,Unser Pfarrdorf zählt fünfzig Häkkser, die ganz verstreut liegen — wegen der Lawinengefahr! Eine idyllische Kirche steht auf einer kleinen Anhöhe, und ringsherum befindet sich der Friedhof. Auf ihm sind bereits zweiundvierzig Touri st en begraben, die im nahen Gebirge abstürzten. — Allen, die idyllische Ruhe suchen, sei unser Ort demgemäß bestens empfohlen!"
Oos gerechte Schwein.
Eine moralische Geschichte von Otto Hofmann-Wellenhof.
Manche Menschen behaupten, es sei „im Leben häßlich eingerichtet". Den Schlechten ginge es gut und den Guten schlecht. Das Böse würde belohnt und das Gute bestraft. Kurz: Es gäbe keine Gerechtigkeit. Darum sei es gestattet, die Geschichte vom gerechten Schwein zu erzählen, weil hier sehr sinnfällig-zufällig die Strafe der bösen Tat auf dem Fuße folgte.
Der Mechaniker Karl und der Gärtner Anton waren Siedlungsnachbarn. Siedlungsnachbarn sind anders als gewöhnliche Nachbarn, die sich ins Gesicht „liebe Frau Doktor" und hinter dem Rücken „unverschämte Person" nennen — Siedlungsnachbarn sind häufig echte Nachbarn. Sie haben gemeinsame Geräte. Sie kennen den Garten des anderen bis in unfaßbare Einzelheiten. Die Zentimeterhöhe des Salats. Die Anzahl der Spalierfrüchte. Auch zwischen Anton und Karl war es so. Ja, sie hatten überdies noch einen gemeinsamen Regenwurm, den einzigen, der bisher auf den beiden Parzellen feststellbar war und der — freilich unregelmäßig, aber im Herzen völlig unparteiisch — bald auf Antons, bald auf Karls Grundstück seinem stillen und nutzbringenden Tagewerk nachging. Und auch dieser Regenwurm schlang gewissermaßen um die beiden ein einigendes Band.
Die Feuerwehrlotterie in der sogenannten „Verandalokalität" des Postwirtes hätte jenes Band beinahe zerschnitten. Einer der Haupttreffer war ein Schwein und ein Schwein bedeutet für ein Siedlerherz etwa so viel wie ein Auto für die Wunschwelt des Städters. Anton und Karl beschlossen also, zwei Lose zu kaufen. Weil das Spalierobst (17 Stück bei Anton und 14 bei Karl) fast schon reif war, kamen sie überein, daß einer zur Wache daheimbleiben müsse. So strebte denn Anton allein zur Verandalokalität. Das erste Los, das er kaufte, sollte Karls Los sein. Es war Nr. 58, seines 60. Der weitere Ablauf der Geschehnisse ist nicht schwer zu erraten: Numero 58 war das Schwein. „Hier!" schrie Anton und schwang das Los Karls, von dem ja eigentlich niemand wußte, daß es Karls Los sei, und darum umringten ihn die Gratulanten. Und während Anton auf das Podium schritt, verspeiste bereits der „Böse Feind" Antons „guten Kern" mit bestem Appetit. „Wir alle", meint der schwedische Humcrrist Hasse Zetterström, „kämpfen zeitlebens einen mutigen und zähen Kampf gegen unser besseres Ick, aus dem wir zumeist als Sieger hervorgehen.So schlug auch Anton seine innere Stimme
schon in der ersten Runde k. o. und war, als wenig später auf Nr. 60 eine Weckeruhr entfiel, bereits so weit, daß er rufen konnte: „Na also, hat dem Karl sein Los auch was g'wonnen!"
Karl saß indessen auf einem strategisch wichtigen Punkt seines Grundstückes, von dem aus die beiden Spalierbäume einaesehen werden konnten. Bisher hatte sich an der Zahl der Früchte gar nichts und an ihrem Reifezustand vermutlich nicht sehr viel verändert.
„Servus Karl!" rief eine Stimme über den Zaun, „denk da, da Tauni hat's Fadl g'wonnen und für die an Wecka!"
„Das Fadl — an Wecka", konnte Karl, aus feinem Wachdienst aufgeschreckt, nur murmeln, da war her andere schon wieder weitergeradelt.
Anton trieb währenddem — um mit Wilhelm Busch zu sprechen — „voll guter Ruh', sein fettes Schwein der Heimat zu". Fett war es zwar eigentlich nicht, im Gegenteil: jung und fröhlich: aber eben die Jugend des Schweines ließ Anton das Schönste für die Zukunft erhoffen. Schon sieht er sein Schwein als Haupt einer zahlreichen Nachkommenschaft, von der er zwei Stück an Karl gratis abzutreten beabsichtigt. Die kühnsten Selbstversorgungspläne betreffs seines eigenen Fleischverbrauches hegt er und überdies freut er sich schon, wie er den protzigen Fleischermeister durch konkurrenzlose Angebote in die Knie zwingen wird. Seine Schweine werden den Markt überschwemmen. Unbewußt strafft sich seine Haltung, und sein Gang wird markiger, als schritte er jetzt schon durch die unabsehbaren Stallungen, in denen tausende Schweine in respektvoller Aufmerksamkeit vor ihrem. Chef verharren. Indessen trabt das Schwein unbeschwert von den großen Erwartungen, die an seine zarten Schinken geknüpft werden, fröhlich des Weges. Aber Anton versinkt immer tiefer in seinen Schweinetraum. Sein Bildnis wird aus Millionen Fettdosen um den Erdball getragen werden. In den Illustrierten sieht er sich, eine Hand voll Brillantringen und die andere gestützt auf das historische Stammschwein, als den Urheber von Kiesler Antons bestbekannten Erzeugnissen.
In diesem' Augenblick fühlt er einen Ruck. Er hört quieken, schreien, hupen. Er sieht: 1. das Schwein mit dem Strick in einem Gebüsch hängend und 2. einen Motorradfahrer, der augenblicklich zwar kein Fahrer, sondern ein Lieger ist, weil er nebst Maschine am Boden liegt. Das alles ging mit einer der modernen Verkehrsschnelligkeit entsprechen-
Kr.233 Dritter Blatt
Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte
Von Ernst von Aiebelschüh.
In Großbritannien und Irland scheint sich ein B e v ö l k e r u n g s a u s t a u s ch^vorberei- ten zu wollen, der ein höchst interessantes Schlaglicht aus die sehr unterschiedliche Einschätzung der Groß- stadt-Zivilisation wirft. Immer wieder wußten englische Zeitungen in den beiden letzten Jahren von de-m ständigen Ansteigen der Nachfrage nach einem Artikel zu berichten, der auf dem Grundstucksmarkt bisher ganz unbekannt war. Es find die zahlreichen kleinen und kleinsten Inseln vor den Küsten Englands, Schottlands und Irlands, deren es nach einer allerdings nicht zuverlässigen Schätzung gegen 5000 geben soll — abgelegene, von der Gegenwartskultur völlig abgeschnittene Eilande, auf denen, soweit sie überhaupt noch von Menschen bewohnt werden, die Uhr gleichsam stille steht und so paradiesische Zustände herrschen, daß z. B. Geld, Polizei, Stimmrecht unbekannte Begriffe sind. Man lebt dort außerhalb der Welt und der Zeit, und eben das scheint der Grund für ihre zunehmende Anziehungskraft zu sein. Denn während die letzten Inselbewohner, angelockt von den Erwerbsmöglichkeiten und dem trügerischen Glanz der großen Industriestädte, auf das überfüllte Festland übersiedeln, machen es die zivilisationsmüden Großstädter genau umgekehrt: sie hoffen in der friedvollen Einsamkeit dieser Inseln die Ruhe zu finden, die ihnen der angebliche Fortschritt mit all seinen -materiellen Errungenschaften nicht zu geben vermochte. Mit einem Wechsel des Wohnsitzes und der bloß äußerlichen Veränderung der Lebensbedingungen ist es freilich nicht getan. Man wandelt auch auf Inseln nicht ungestraft, und wenn wir hören, daß ein Londoner Jndustriekönig sich auf seiner für einen Spottpreis erworbenen Insel eine Luxus-Villa mit allem „Komfort der Neuheit" erbauen läßt, so ist damit schon zur Genüge die ganze innere Unechtheit dieser Sehnsucht nach der Einsamkeit gekennzeichnet. Man kann dem gesuchten Frieden nicht sicherer entgehen, als wenn man schon im voraus Anstalten trifft, um sich gegen die Langeweile zu wappnen.
.So dankenswert alle Bemühungen sind, die darauf -abzielen, unsere deutsche Muttersprache von unnötigen Freimdwörtern zu reinigen, so wenig Dank verdienen solche. Verdeutschungen, die gar keine sind, aber so tun, als ob sie es wären. Niemand, der nur ein wenig nachdenkt, wird z. B. das Wort „Frisör", auch wenn es heute von vielen Ladenschildern prangt, für eine Verbesserung halten wollen, aber es klingt nun einmal „feiner" als der simple Haarschneider, und das Feine ist eine Sache, um derentwillen es sich schon lohnt, eine Torheit zu begehen. Neuerdings gar sind Bestrebungen unter den unentwegten Sprachsäuberern im Gange, das längst eingebürgerte Wort Philosoph durch „Filosof" zu ersetzen. Ganz abgesehen davon, daß es unmöglich ist, ein Fremdwort durch bloße Lautvertauschung seines eigentümlichen Charakters zu entkleiden und damit zu einem deutschen zu machen, so ist es einfach eine Forderung der internationalen Höflichkeit und überdies die Anerkennung einer geschichtlichen Iah fache, wenn man dem Philosophen die Ehre erweist, die ih-m zukommt. Das Wort ist bekanntlich ein, griechisches, und feine Macht der Welt wird imstande fein, den Griechen das Verdienst zu nehmen, als erstes Volk der Geschichte so philosophiert zu haben, daß (flies spätere Streben nach Weisheit, soweit es sich als echt erweist, genötigt war, in ihren Bahnen zu wandeln. Wer heute den Namen „Philosoph" ausspricht oder schreibt, denkt unwillkürlich an Heraklit und Sokrates, an Plato und Aristoteles. Wer dagegen „Filosof" schreibt, denkt überhaupt nicht: er vergeht sich sogar in höchst lächerlicher Weise gegen die Gesetze der Logik. Er ist selber kein Philosoph, er ist höchstens ein „Filosof".
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Goethes Geburtstag ist diesmal in be-
Gießener Stadttheater.
Heinz Coubier: „Aimee
oder der gesunde Menschenverstand".
Gewiß nicht oft hat eine Frau mit mehr Geist, mehr Charme und — mehr Erfolg gegen die Torheit männlicher Logik gekämpft, als diese kleine Marquise des sterbenden Rokoko, in deren preziösen Louis-Seize-Salon der schwere Schritt der Revolution eine Situation trägt, aus der nur die Lebens- tlugheit einer liebenden Frau den Ausweg findet. Der Kommissar des Konvents, der den im Schloß verborgenen Aristokraten jucht, um ihn aufs Schafott zu bringen, bleibt nicht unempfindlich für die Reize der schonen Marquise, aber er ist ein zu stürmischer Liebhaber, um nicht ganz besitzen zu motten, was seiner Macht erreichbar dünkt, und der Graf ein zu eigensinniger und hochmütiger Edelmann, um sich auf ein Kompromiß einzulassen, das ihm wohl das Leben retten könnte, aber nur um den Preis seiner Ehre und des Verzichts auf die Geliebte. Beide finden Gründe, an der Aufrichtigkeit der Gefühle der Frau, die zwischen ihnen steht, zu zweifeln. Von dem Pflichtgefühl des Revolutionärs, dem Stolz des Aristokraten bleibt nichts als glühende Eifersucht, gegen die seit altersher männlicher Verstand kein anderes Mittel kennt als die Pistolen. Der drohenden Verwirrung der Gefühle sucht die Marquise sich durch eine kleine Täuschung zu entziehen. Aber ihr Spiel mißlingt. Die eifersüchtigen Kampfhähne schließen zwar Waffenstillstand, doch jeder nur in der Hoffnung, den andern überlisten zu werden. Auch das ist ein Trugschluß. Der gesunde Menschenverstand der Frau bringt das Spiel wieder an sich und siegt mit ein paar geschickten Zügen auf der ganzen Linie, sobald ihr eigenes Gefühl entschieden hat.
Eine wirkliche Komödie au? dem Geist des Rokoko, mit einer Leichtigkeit des Dialogs, einet Anmut und Grazie, die ein Problem niemals zu einem Problem werden läßt, eine Spannung löst, kaum daß sie spürbar wird, einem Konflikt auswöicht ein» fach durch die überlegene Macht des — gesunden Menschenverstandes der Frau, die dort triumphiert, wo Konvention, Logik, Charakter den Mann in die Sackgasse geführt haben.
Wolfgang Kühnes Regie hatte das launige Spiel mit feinstem Verständnis betreut, Karl Loff - I e r ein reizendes Bühnenbild geschaffen. Giesela Vollert beherrschte in jedem Wort und jeder Geste mit schwebender Anmut, die sich der ganzen Atmosphäre des Spiels wohltuend mitteilte,'den gefchliffe-
nen Dialog, Erich Weiland machte in untadeliger Haltung den Aristokraten, kühl, witzig, boshaft, ironisch, der rechte (Segenpart zu der Humorlosigkeit des Revolutionärs Eduard Cosfovels, der die Unbeherrschtheit der Gefühle und die Verachtung der Konvention dieses Revolutionsmannes zu dem Milieu wirkungsvoll in Kontrast fetzte. Hans Schlick machte aus dem Diener Jean, dessen weise Sentenzen von tiefer Lebenserfahrung sprechen, ein kleines Kabmettstück. So wurde die Aufführung dem amüsanten Stück vollauf gerecht. Das gut besuchte Haus war höchst angeregt und dankte herzlich mit Blumen und viel Beifall. Fr. W. Lange.
Nacht der Entscheidung.
Von 3- Banömer.
Nacht. Wie ein riesiger Silberschild schimmert das Frische Haff im Licht des steigenden Mondes. Frieden.liegt über den schweigenden Weiten, über die sich hoch und feierlich der Himmel spannt. Stern an Stern funkelt droben. Licht rinnt nieder und fließt auf die stillen Felder und dunklen Wälder, auf den einsamen Ufersaum und die spitzen' Dächer der kleinen Stadt.
Frauenburg schläft. Auch Dom und Domhof sind still.
Nur der Wind, der über die Weiten wandert, singt leise um Dach und Turm und Zinne.
Frauenburg schläft.
Doch einer findet keinen Schlaf. Grübelnd und sinnend, wie schon in tausend andern Sternennächten, wacht er: Nikolaus Kopernikus, den schon in Thorn die einen den „Träumer"^ die andern den „Heimlichen Ketzer" nannten.
Irgendwo knarrt eine Tür. lieber den mond- weißen Hof schreitet der ernste Mann. Schreitet auf einen der wuchtigen Verteidigungstürme in der Domhofmauer zu. Sein Turm ist es! Der reckt sich wie die andern trutzig und massig empor; aber auf dem Haupte trägt er ein sonderbares Latten- und Balkengerüst, zu dem die Bürger mit Kopfschütteln, die Mönche mit stillem Ingrimm, die Kinder geheimnisvoll flüsternd aufschauen, wenn sie vqrüber- gehen. Und in seinem Innern birgt der Turm allersei Geräte, mit denen nur der umgehen kann, der sie baute, und hundert und mehr Pergamentblätter liegen dort, alle eng beschrieben mit Zahlen und seltsamen Zeichen und Formeln und mit Sätzen, hie kühn und umwälzend und unerhört sind. Aber
diese Blätter liegen verschlossen, und Ejin fremdes Auge hat sie bisher gesehen. •
Nikolaus Kopernikus steht auf seinem Turm. Doch seine Hand bewegt heute keinen der Hebel, keine der geraden und gebogenen und mit Merkzeichen versehenen Latten.
Er sinnt und hält Einkehr, und sein Sinnen wird heißes Ringen, hier in der weltentiefen Einsamkeit, unter dem Heer der Sterne. Die Stunde der Entscheidung ist da.--
Seltsam war heute der Tag. Drei Botschaften brachte er, und jede griff tief ans Herz.
Da war der Jugendfreund gekommen, der mehr als andere um alles Ringen und Suchen wußte, und hatte gedrängt, das Werk zu veröffentlichen. Die Welt warte auf neue Erkenntnis, und noch nie fei die Zeit ein so bereiteter Acker für neue und iühne Saat gewesen.--
Und fast zur gleichen Stunde war der Brief eines andern Freundes gekommen und hatte das. Urteil des Mannes gebracht, auf den die ganze Welt sah.
Und Martin Luther sprach: „Der Narr will alles umkehren!"
Ach, das schmerzt! Das ist eine Wunde, die sick nie ganz schließen wird! Was gelten Hohn unb Spott der Allzuvielen, der Kleinen unb Trägen, der Neider? Wind, der verweht! Aber der Feuergeist, der in schweren Stunden Mut und Kraft gegeben, der Große, dessen Zustimmung und Verständnis emporgerissen hätte wie mit Ädlerflügeln, er hat nur harte Worte!
Und Nikolaus Kopernikus erschauert vor der Tiefe des Leides, das den Seher und Sucher immer umschatten wird, wenn seine Seele einem Ebenbürtigen im Reiche des Geistes entgegenfliegt und nur verschlossene Türen findet. /
Höhnt es nicht auch im Wind? Flüstern nicht aus der Tiefe dunkle Stimmen: „Die Welt willst du verwandeln? Das Ewige umkehren? Narr! Narr! Narr!"
Fester krampft sich die Hand um den Rand des Turmkranzes. Schmaler werden die Lippen.--
Ein Lickt fließt durch die Verdunkelung -feines Herzens: War es nicht immer so, daß alles Große nur aus tiefster Einsamkeit geboren wurde? Und blieben nicht alle, deren Namen unvergänglich in die Tafel der Geschichte gegraben wurden, zuletzt und zutiefst einsam und unverstanden? Alle heiligen und Propheten, alle großen Denker und Dichter, Staatengründer, Helden und Entdecker?
Auch der, dessen. Wor^ ihn heute wie Keulenschläge getroffen haben, ist so einsam gewesen, daß ihm schier das Herz brechen wollte! Damals im
Mittwoch, 5. Oktober 1938
den Geschwindigkeit vor sich, so daß Anton faunt noch völlig aus seinem Schweineluftschloß herabgestiegen war.
Die „Verschuldungsfrage", um mich amtlich auszudrücken, war klar. Darum wetterte der Motorradfahrer ganz besonders und auch deshalb, weil das Motorrad, wie ja alle Motorräder, die durch fremdes Verschulden verunglücken, selbstverständlich vollkommen neu war. Einiges schien tatsächlich durch den Sturz verbogen, aber am meisten kränkte den Mann vermutlich, daß seinen etlichen Pferdekräften von einer einzigen Schweinekraft so übel mitgefpielt wurde. Das Schwein hatte in seinem fröhlichen Temperament den Schrecken schon wieder überwunden und machte auf den unbeteiligten Zuseher mit seinen luftig geschwungenen Mundwinkeln einen überaus sympathischen Eindruck.
„Reparatur — Schadenersatz!" schrie der erzürnte Sportsmann. „Schweinerei!" schimpfte er, ohne daß Das ist besser, öfter Schuhe kaufen oder öfter Erdal? Kein Zweifel, öfter Erdal, zumal jetzt bei dem noch billigeren Preis! Die Schuhe halten länger und bleiben länger schon, denn Erdal pflegt das Leder, es erhält länger seine Geschmeidigkeit und feine Wasserdichtigkeit und hilft damit sparen.
ihm freilich die buchstäbliche Berechtigung dieses Wortes zum Bewußtsein kam.
„Ich weiß einen Mechaniker", sagte Anton kleinlaut, und so setzte sich die kümmerliche Karawane in Bewegung: das Schwein, zwei Männer und ein Motorrad.
Ach, hält' ich nur nicht laut gerufen, daß mir tas Schwein und ihm der Wecker gehört. Wär' nur sein Schwein nicht mehr mein Schwein, sondern sein Schwein, jammert innerlich Anton bei sich, und während er früher als Schweinekönig sich sah, sieht er sich jetzt bis ans Lebensende gebeugt unter ein Ratenjoch für ein fremdes Motorrad, und er gelobt Sühne, wenn alle/ gut ging.
Karl kommt ihnen entgegeugelaufen. Seine Glückwünsche fallen zwar vorerst nicht auf sehr empfänglichen Boden, aber da der Motorradfahrer durch sie gleichzeitig auch die Geschichte dieses unglückseligen Glücksschweines erfährt, muß er lächeln und versöhnlichere Stimmung beginnt sich allmählich breitzumachen.
Karl fängt mit Feuereifer bie Untersuchung der Maschine an. Mit der Jnbrunst^des Motorradsüchtigen schraubt und klopft er weit mehr als nötig. Tatsächlich hat das Rad so gut wie keinen Schaden erlitten. Karl weiß so viel Außerordentliches am Fahrzeug feftzustellen, daß der Besitzer allmählich den unangenehmen Anlaß vergißt, der ihm einen solchen innigen Bewunderer seines Eigentums bescherte. Zuletzt schrauben, klopfen, schmieren und drehen die beiden, obschon es gar nichts mehr zu schrauben und zu drehen gibt, nur des Schraubens und Dübens willen. Währendessen steht Anton, dem die ReM-aturleidenschaft fremd ist, In banger Sorge, daß sich doch noch' irgendein Krebsschaden Herausstellen könne. Das Schwein unterhält sich während • dieser langen Zeit auf Schweineart mit Schnüffeln und Schoben. Dann braust der Motorradfahrer, von andächtigen Blicken Karls begleitet, davon.
Nun zeigte es sich, daß der „Bose Feind" doch nicht den ganzen „guten Kern" Antons verspeist hatte.
„I hab ka Geld", sagte Anton zu Karl, „da hast die Schwein!"
„Du spinnst wohl? I hab ja gar nix g'machL Das bißl Schraufen!"
„Na, nimm’s nur. I hält' eh ka Freud' mehr mit dem Luder."
Er gab nicht noch. Karl war dieser unbegreiflichen Großmut gegenüber fassungslos.
„Na, das geht net. Da hätt' i ja beide Los' g'wonnen und du gar nix. Nimm wenigstens den Wecka. I hab eh an."
„Den Wecka?" meinte Anton. „Alsdann von mir aus, den Wecka nimm i."
Und er nahm ihn und ging zu feiner Hütte, das Schwein keines Blickes würdigend, während soeben der Regenwurm bedächtig durch die Staketen von Karls Garten herüberkroch. —
Kloster unb vor Kaiser und Reichstag und in hundert andern Stunden.
„Es ist Schicksal, nicht Schuld, daß er mich nicht versteht", geht's durch die Seele des Sinnenden, „unb Schicksal muß man mannhaft tragen!"--
Der zweite Brief... Ein Gönner warnte. In Rom sei man hellhörig geworden, unb schon sei das Wort „Ketzer" dort gefallen. Vorsicht sei am Platze, vorläufiges Schweigen noch besser. Er wisse ja, was das „Geheime Gericht" bedeute!
Ein bitteres Lächeln spielt um die Lippen des Frauenburger Domherrn. Oh, er kennt die Nächte der Kerker unb die Schrecken der Folter! — „Sie können nur den Leib töten!" Er denkt daran, wie er als Jüngling — fast ein Knabe noch — die wilde Weichsel zum erstenmal bezwungen hat. Als Einziger der Klosterschüler! Seit diesem Tage kann er dem Tod ins Auge sehen. —
Ein Ruf schallt durch die Nacht. Der Wächter verkündet die zwölfte Stunde.' Nikolaus Kopernikus schaut empor. Da stehen sie alle, die strahlenden Sternbilder, in unermessenen Gottesfernen. Auch sie sind vertreten, die «ie Diener die Sonne umkreisen, die Brüder und Smwestern der Erde, die Planeten, deren Bahnen er ahnt und zu ergründen sucht, unb deren Wesen ihm zur beglückenden Gewißheit wurde. Die Erde wandert!' Wie klein wird sie! Und doch: wie wundersam ist sie hineingestellt in das ewige Kreisen unb Wandern!
Die Seele des Schauenden saugt das hoheitsvolle Bild tief in ihre geheimsten Kammern, darin das Göttliche wirkt. Ein Dürstender trinkt Erquickung.
Unterm Turm steht eine Linde. Welke Blätter fallen in die Tiefe.
Nikolaus Kopernikus lauscht.
Herbst... Die Tage des Jqhres gehen ihrem Ende zu.
Auch seine Tage? ...
Aber dann strafft sich feine Gestalt. Das Auge leuchtet. Das bleiche Antlitz ist Wille und Tat. Noch einmal umfaßt sein Blick die Herrlichkeit des stern- überfäten Himmelsdomes.
„Der Wahrheit die Ehre!"
Fest und feierlich fallen bie Worte in das Meer der nächtlichen Stille.
Der Einsame lächelt. Es ist das Lächeln eines Freien und Begnadeten.
Noch in dieser Nacht wird er die Blätter zu ordnen beginnen. Bald soll das Werk seines Geistes - durch Meister Gutenbergs Kunst hinausgehen in olle Welt.
Voll unvergänglicher Schöne stehen über Stobt unb Dom die ewigen Sterne,


