Ausgabe 
5.10.1938
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

sonders schöner unb würdiger Weise gefeiert wor­den, indem der Dichter H an s Carossa mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt a. M. ausgezeichnet wurde. Es war eineDichterkrönung", in welcher sich das ganze deutsche Volk geehrt sehen durfte, denn Carossa steht unter uns als einer der Künder jenes ewigen deutschen Geistes, der nur mit diesem Volke selbst untergehen kann und damit alles Echte und Wahrhaftige, das in unserer Sprache je Gestalt ge­wonnen Hat, miteinander verbindet. Geräuschlos und nur seiner inneren Stimme gehorchend, ist Carossa, der als Arzt wie als Dichter in bewegter Zeit hel­fend wirkt, und der nie ein Wort geschrieben hat, von dem nicht heilende Kräfte ausgingen, seinen Weg geschritten, und es ist ein schönes und tröst­liches Zeichen, wenn wir heute feststellen dürfen, daß die zuerst nur zögernde und kleine Gefolgschaft längst zu einer großen Carossa-Gemeinde angewachsen ist, die seine Worte in einem feinen und stillen Herzen trägt und aus ihnen Kraft für das Leben gewinnt. Mit welch zunehmender Ergriffenheit haben wir den Pfad des Dichters vomRumänischen Tagebuch" bis zu denBekenntnissen eines reifen Lebens" be­gleitet und mit jedem neuen Buche das Vertrauen zu ihm bestätigt gefunden! Goethe und Carossa es könnte gewagt erscheinen, einem Dichter, dem die letzte Vollendung vielleicht noch bevorsteht, durch die Verknüpfung mit dem erlauchtesten Namen des deut­

schen Schrifttums eine Verantwortung auszubürden, die auch der Beste nicht ohne das beklemmende Ge­fühl der Unwürdigkeit zu tragen vermag. Aber nicht die Leistung allein, auch die Gesinnung, und diese vor allem begründet im Geistigen Verwandtschaft und Gefolgschaft. Und darum glauben wir, daß nie­mand mit größerer Verpflichtung und edlerer Be­scheidenheit den Goethe-Preis entgegengenommen haben wird, als der Dichter vonFührung und Ge­leit".

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Da bemühen wir uns nun um die treffe und wir­kungsvollste Methode, unseren Mitmenschen zu unse­rem Vorteil das Geld aus der Tasche zu ziehen und sie gleichzeitig davon zu überzeugen, daß sie damit auch ihr eigenes Glück vermehren! Allein was will unsere hochentwickelte Werbetechnik besagen gegen­über der wahrhaft durchschlagenden Psychologie, mit deren Hilfe ein kleiner Kurort in der Schweiz um Fremdenbesuch wirbt. Man höre und staune! ,,Unser Pfarrdorf zählt fünfzig Häkkser, die ganz verstreut liegen wegen der Lawinengefahr! Eine idyllische Kirche steht auf einer kleinen Anhöhe, und ringsherum befindet sich der Friedhof. Auf ihm sind bereits zweiundvierzig Touri st en begraben, die im nahen Gebirge abstürzten. Allen, die idyllische Ruhe suchen, sei unser Ort dem­gemäß bestens empfohlen!"

Oos gerechte Schwein.

Eine moralische Geschichte von Otto Hofmann-Wellenhof.

Manche Menschen behaupten, es seiim Leben häßlich eingerichtet". Den Schlechten ginge es gut und den Guten schlecht. Das Böse würde belohnt und das Gute bestraft. Kurz: Es gäbe keine Ge­rechtigkeit. Darum sei es gestattet, die Geschichte vom gerechten Schwein zu erzählen, weil hier sehr sinnfällig-zufällig die Strafe der bösen Tat auf dem Fuße folgte.

Der Mechaniker Karl und der Gärtner Anton waren Siedlungsnachbarn. Siedlungsnachbarn sind anders als gewöhnliche Nachbarn, die sich ins Ge­sichtliebe Frau Doktor" und hinter dem Rücken unverschämte Person" nennen Siedlungsnach­barn sind häufig echte Nachbarn. Sie haben gemein­same Geräte. Sie kennen den Garten des anderen bis in unfaßbare Einzelheiten. Die Zentimeterhöhe des Salats. Die Anzahl der Spalierfrüchte. Auch zwischen Anton und Karl war es so. Ja, sie hatten überdies noch einen gemeinsamen Regenwurm, den einzigen, der bisher auf den beiden Parzellen fest­stellbar war und der freilich unregelmäßig, aber im Herzen völlig unparteiisch bald auf Antons, bald auf Karls Grundstück seinem stillen und nutz­bringenden Tagewerk nachging. Und auch dieser Regenwurm schlang gewissermaßen um die beiden ein einigendes Band.

Die Feuerwehrlotterie in der sogenannten Verandalokalität" des Postwirtes hätte jenes Band beinahe zerschnitten. Einer der Haupttreffer war ein Schwein und ein Schwein bedeutet für ein Siedler­herz etwa so viel wie ein Auto für die Wunsch­welt des Städters. Anton und Karl beschlossen also, zwei Lose zu kaufen. Weil das Spalierobst (17 Stück bei Anton und 14 bei Karl) fast schon reif war, kamen sie überein, daß einer zur Wache daheim­bleiben müsse. So strebte denn Anton allein zur Verandalokalität. Das erste Los, das er kaufte, sollte Karls Los sein. Es war Nr. 58, seines 60. Der weitere Ablauf der Geschehnisse ist nicht schwer zu erraten: Numero 58 war das Schwein.Hier!" schrie Anton und schwang das Los Karls, von dem ja eigentlich niemand wußte, daß es Karls Los sei, und darum umringten ihn die Gratulanten. Und während Anton auf das Podium schritt, verspeiste bereits derBöse Feind" Antonsguten Kern" mit bestem Appetit.Wir alle", meint der schwedische Humcrrist Hasse Zetterström,kämpfen zeitlebens einen mutigen und zähen Kampf gegen unser besse­res Ick, aus dem wir zumeist als Sieger hervor­gehen.So schlug auch Anton seine innere Stimme

schon in der ersten Runde k. o. und war, als wenig später auf Nr. 60 eine Weckeruhr entfiel, bereits so weit, daß er rufen konnte:Na also, hat dem Karl sein Los auch was g'wonnen!"

Karl saß indessen auf einem strategisch wichtigen Punkt seines Grundstückes, von dem aus die beiden Spalierbäume einaesehen werden konnten. Bisher hatte sich an der Zahl der Früchte gar nichts und an ihrem Reifezustand vermutlich nicht sehr viel verändert.

Servus Karl!" rief eine Stimme über den Zaun,denk da, da Tauni hat's Fadl g'wonnen und für die an Wecka!"

Das Fadl an Wecka", konnte Karl, aus fei­nem Wachdienst aufgeschreckt, nur murmeln, da war her andere schon wieder weitergeradelt.

Anton trieb währenddem um mit Wilhelm Busch zu sprechenvoll guter Ruh', sein fettes Schwein der Heimat zu". Fett war es zwar eigent­lich nicht, im Gegenteil: jung und fröhlich: aber eben die Jugend des Schweines ließ Anton das Schönste für die Zukunft erhoffen. Schon sieht er sein Schwein als Haupt einer zahlreichen Nach­kommenschaft, von der er zwei Stück an Karl gratis abzutreten beabsichtigt. Die kühnsten Selbstversor­gungspläne betreffs seines eigenen Fleischverbrauches hegt er und überdies freut er sich schon, wie er den protzigen Fleischermeister durch konkurrenzlose An­gebote in die Knie zwingen wird. Seine Schweine werden den Markt überschwemmen. Unbewußt strafft sich seine Haltung, und sein Gang wird mar­kiger, als schritte er jetzt schon durch die unabseh­baren Stallungen, in denen tausende Schweine in respektvoller Aufmerksamkeit vor ihrem. Chef ver­harren. Indessen trabt das Schwein unbeschwert von den großen Erwartungen, die an seine zarten Schinken geknüpft werden, fröhlich des Weges. Aber Anton versinkt immer tiefer in seinen Schweine­traum. Sein Bildnis wird aus Millionen Fettdosen um den Erdball getragen werden. In den Illustrier­ten sieht er sich, eine Hand voll Brillantringen und die andere gestützt auf das historische Stammschwein, als den Urheber von Kiesler Antons bestbekannten Erzeugnissen.

In diesem' Augenblick fühlt er einen Ruck. Er hört quieken, schreien, hupen. Er sieht: 1. das Schwein mit dem Strick in einem Gebüsch hängend und 2. einen Motorradfahrer, der augenblicklich zwar kein Fahrer, sondern ein Lieger ist, weil er nebst Maschine am Boden liegt. Das alles ging mit einer der modernen Verkehrsschnelligkeit entsprechen-

Kr.233 Dritter Blatt

Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte

Von Ernst von Aiebelschüh.

In Großbritannien und Irland scheint sich ein B e v ö l k e r u n g s a u s t a u s ch^vorberei- ten zu wollen, der ein höchst interessantes Schlaglicht aus die sehr unterschiedliche Einschätzung der Groß- stadt-Zivilisation wirft. Immer wieder wußten eng­lische Zeitungen in den beiden letzten Jahren von de-m ständigen Ansteigen der Nachfrage nach einem Artikel zu berichten, der auf dem Grundstucksmarkt bisher ganz unbekannt war. Es find die zahlreichen kleinen und kleinsten Inseln vor den Küsten Eng­lands, Schottlands und Irlands, deren es nach einer allerdings nicht zuverlässigen Schätzung gegen 5000 geben soll abgelegene, von der Gegenwartskultur völlig abgeschnittene Eilande, auf denen, soweit sie überhaupt noch von Menschen bewohnt werden, die Uhr gleichsam stille steht und so paradiesische Zu­stände herrschen, daß z. B. Geld, Polizei, Stimmrecht unbekannte Begriffe sind. Man lebt dort außerhalb der Welt und der Zeit, und eben das scheint der Grund für ihre zunehmende Anziehungskraft zu sein. Denn während die letzten Inselbewohner, an­gelockt von den Erwerbsmöglichkeiten und dem trü­gerischen Glanz der großen Industriestädte, auf das überfüllte Festland übersiedeln, machen es die zivi­lisationsmüden Großstädter genau umgekehrt: sie hoffen in der friedvollen Einsamkeit dieser Inseln die Ruhe zu finden, die ihnen der angebliche Fort­schritt mit all seinen -materiellen Errungenschaften nicht zu geben vermochte. Mit einem Wechsel des Wohnsitzes und der bloß äußerlichen Veränderung der Lebensbedingungen ist es freilich nicht getan. Man wandelt auch auf Inseln nicht ungestraft, und wenn wir hören, daß ein Londoner Jndustriekönig sich auf seiner für einen Spottpreis erworbenen In­sel eine Luxus-Villa mit allemKomfort der Neu­heit" erbauen läßt, so ist damit schon zur Genüge die ganze innere Unechtheit dieser Sehnsucht nach der Einsamkeit gekennzeichnet. Man kann dem gesuchten Frieden nicht sicherer entgehen, als wenn man schon im voraus Anstalten trifft, um sich gegen die Lange­weile zu wappnen.

.So dankenswert alle Bemühungen sind, die dar­auf -abzielen, unsere deutsche Mutter­sprache von unnötigen Freimdwörtern zu reinigen, so wenig Dank verdienen solche. Verdeutschungen, die gar keine sind, aber so tun, als ob sie es wären. Niemand, der nur ein wenig nachdenkt, wird z. B. das WortFrisör", auch wenn es heute von vielen Ladenschildern prangt, für eine Verbesserung halten wollen, aber es klingt nun einmalfeiner" als der simple Haarschneider, und das Feine ist eine Sache, um derentwillen es sich schon lohnt, eine Torheit zu begehen. Neuerdings gar sind Bestrebungen unter den unentwegten Sprachsäuberern im Gange, das längst eingebürgerte Wort Philosoph durchFilosof" zu ersetzen. Ganz abgesehen davon, daß es unmög­lich ist, ein Fremdwort durch bloße Lautvertauschung seines eigentümlichen Charakters zu entkleiden und damit zu einem deutschen zu machen, so ist es einfach eine Forderung der internationalen Höflichkeit und überdies die Anerkennung einer geschichtlichen Iah fache, wenn man dem Philosophen die Ehre erweist, die ih-m zukommt. Das Wort ist bekanntlich ein, griechisches, und feine Macht der Welt wird imstande fein, den Griechen das Verdienst zu nehmen, als erstes Volk der Geschichte so philosophiert zu haben, daß (flies spätere Streben nach Weisheit, soweit es sich als echt erweist, genötigt war, in ihren Bahnen zu wandeln. Wer heute den NamenPhilosoph" ausspricht oder schreibt, denkt unwillkürlich an Heraklit und Sokrates, an Plato und Aristoteles. Wer dagegenFilosof" schreibt, denkt überhaupt nicht: er vergeht sich sogar in höchst lächerlicher Weise gegen die Gesetze der Logik. Er ist selber kein Philosoph, er ist höchstens einFilosof".

Goethes Geburtstag ist diesmal in be-

Gießener Stadttheater.

Heinz Coubier:Aimee

oder der gesunde Menschenverstand".

Gewiß nicht oft hat eine Frau mit mehr Geist, mehr Charme und mehr Erfolg gegen die Tor­heit männlicher Logik gekämpft, als diese kleine Marquise des sterbenden Rokoko, in deren preziösen Louis-Seize-Salon der schwere Schritt der Revolu­tion eine Situation trägt, aus der nur die Lebens- tlugheit einer liebenden Frau den Ausweg findet. Der Kommissar des Konvents, der den im Schloß verborgenen Aristokraten jucht, um ihn aufs Scha­fott zu bringen, bleibt nicht unempfindlich für die Reize der schonen Marquise, aber er ist ein zu stür­mischer Liebhaber, um nicht ganz besitzen zu motten, was seiner Macht erreichbar dünkt, und der Graf ein zu eigensinniger und hochmütiger Edelmann, um sich auf ein Kompromiß einzulassen, das ihm wohl das Leben retten könnte, aber nur um den Preis seiner Ehre und des Verzichts auf die Geliebte. Beide finden Gründe, an der Aufrichtigkeit der Ge­fühle der Frau, die zwischen ihnen steht, zu zwei­feln. Von dem Pflichtgefühl des Revolutionärs, dem Stolz des Aristokraten bleibt nichts als glühende Eifersucht, gegen die seit altersher männlicher Ver­stand kein anderes Mittel kennt als die Pistolen. Der drohenden Verwirrung der Gefühle sucht die Marquise sich durch eine kleine Täuschung zu ent­ziehen. Aber ihr Spiel mißlingt. Die eifersüchtigen Kampfhähne schließen zwar Waffenstillstand, doch jeder nur in der Hoffnung, den andern überlisten zu werden. Auch das ist ein Trugschluß. Der ge­sunde Menschenverstand der Frau bringt das Spiel wieder an sich und siegt mit ein paar geschickten Zügen auf der ganzen Linie, sobald ihr eigenes Gefühl entschieden hat.

Eine wirkliche Komödie au? dem Geist des Ro­koko, mit einer Leichtigkeit des Dialogs, einet An­mut und Grazie, die ein Problem niemals zu einem Problem werden läßt, eine Spannung löst, kaum daß sie spürbar wird, einem Konflikt auswöicht ein» fach durch die überlegene Macht des gesunden Menschenverstandes der Frau, die dort triumphiert, wo Konvention, Logik, Charakter den Mann in die Sackgasse geführt haben.

Wolfgang Kühnes Regie hatte das launige Spiel mit feinstem Verständnis betreut, Karl Loff - I e r ein reizendes Bühnenbild geschaffen. Giesela Vollert beherrschte in jedem Wort und jeder Geste mit schwebender Anmut, die sich der ganzen Atmo­sphäre des Spiels wohltuend mitteilte,'den gefchliffe-

nen Dialog, Erich Weiland machte in untadeliger Haltung den Aristokraten, kühl, witzig, boshaft, iro­nisch, der rechte (Segenpart zu der Humorlosigkeit des Revolutionärs Eduard Cosfovels, der die Unbeherrschtheit der Gefühle und die Verachtung der Konvention dieses Revolutionsmannes zu dem Milieu wirkungsvoll in Kontrast fetzte. Hans Schlick machte aus dem Diener Jean, dessen weise Sen­tenzen von tiefer Lebenserfahrung sprechen, ein kleines Kabmettstück. So wurde die Aufführung dem amüsanten Stück vollauf gerecht. Das gut besuchte Haus war höchst angeregt und dankte herzlich mit Blumen und viel Beifall. Fr. W. Lange.

Nacht der Entscheidung.

Von 3- Banömer.

Nacht. Wie ein riesiger Silberschild schimmert das Frische Haff im Licht des steigenden Mondes. Frieden.liegt über den schweigenden Weiten, über die sich hoch und feierlich der Himmel spannt. Stern an Stern funkelt droben. Licht rinnt nieder und fließt auf die stillen Felder und dunklen Wälder, auf den einsamen Ufersaum und die spitzen' Dächer der kleinen Stadt.

Frauenburg schläft. Auch Dom und Domhof sind still.

Nur der Wind, der über die Weiten wandert, singt leise um Dach und Turm und Zinne.

Frauenburg schläft.

Doch einer findet keinen Schlaf. Grübelnd und sinnend, wie schon in tausend andern Sternen­nächten, wacht er: Nikolaus Kopernikus, den schon in Thorn die einen denTräumer"^ die andern den Heimlichen Ketzer" nannten.

Irgendwo knarrt eine Tür. lieber den mond- weißen Hof schreitet der ernste Mann. Schreitet auf einen der wuchtigen Verteidigungstürme in der Domhofmauer zu. Sein Turm ist es! Der reckt sich wie die andern trutzig und massig empor; aber auf dem Haupte trägt er ein sonderbares Latten- und Balkengerüst, zu dem die Bürger mit Kopfschütteln, die Mönche mit stillem Ingrimm, die Kinder ge­heimnisvoll flüsternd aufschauen, wenn sie vqrüber- gehen. Und in seinem Innern birgt der Turm aller­sei Geräte, mit denen nur der umgehen kann, der sie baute, und hundert und mehr Pergamentblätter liegen dort, alle eng beschrieben mit Zahlen und seltsamen Zeichen und Formeln und mit Sätzen, hie kühn und umwälzend und unerhört sind. Aber

diese Blätter liegen verschlossen, und Ejin fremdes Auge hat sie bisher gesehen.

Nikolaus Kopernikus steht auf seinem Turm. Doch seine Hand bewegt heute keinen der Hebel, keine der geraden und gebogenen und mit Merk­zeichen versehenen Latten.

Er sinnt und hält Einkehr, und sein Sinnen wird heißes Ringen, hier in der weltentiefen Einsamkeit, unter dem Heer der Sterne. Die Stunde der Ent­scheidung ist da.--

Seltsam war heute der Tag. Drei Botschaften brachte er, und jede griff tief ans Herz.

Da war der Jugendfreund gekommen, der mehr als andere um alles Ringen und Suchen wußte, und hatte gedrängt, das Werk zu veröffentlichen. Die Welt warte auf neue Erkenntnis, und noch nie fei die Zeit ein so bereiteter Acker für neue und iühne Saat gewesen.--

Und fast zur gleichen Stunde war der Brief eines andern Freundes gekommen und hatte das. Urteil des Mannes gebracht, auf den die ganze Welt sah.

Und Martin Luther sprach:Der Narr will alles umkehren!"

Ach, das schmerzt! Das ist eine Wunde, die sick nie ganz schließen wird! Was gelten Hohn unb Spott der Allzuvielen, der Kleinen unb Trägen, der Neider? Wind, der verweht! Aber der Feuergeist, der in schweren Stunden Mut und Kraft gegeben, der Große, dessen Zustimmung und Verständnis emporgerissen hätte wie mit Ädlerflügeln, er hat nur harte Worte!

Und Nikolaus Kopernikus erschauert vor der Tiefe des Leides, das den Seher und Sucher immer umschatten wird, wenn seine Seele einem Eben­bürtigen im Reiche des Geistes entgegenfliegt und nur verschlossene Türen findet. /

Höhnt es nicht auch im Wind? Flüstern nicht aus der Tiefe dunkle Stimmen:Die Welt willst du ver­wandeln? Das Ewige umkehren? Narr! Narr! Narr!"

Fester krampft sich die Hand um den Rand des Turmkranzes. Schmaler werden die Lippen.--

Ein Lickt fließt durch die Verdunkelung -feines Herzens: War es nicht immer so, daß alles Große nur aus tiefster Einsamkeit geboren wurde? Und blieben nicht alle, deren Namen unvergänglich in die Tafel der Geschichte gegraben wurden, zuletzt und zutiefst einsam und unverstanden? Alle heiligen und Propheten, alle großen Denker und Dichter, Staatengründer, Helden und Entdecker?

Auch der, dessen. Wor^ ihn heute wie Keulen­schläge getroffen haben, ist so einsam gewesen, daß ihm schier das Herz brechen wollte! Damals im

Mittwoch, 5. Oktober 1938

den Geschwindigkeit vor sich, so daß Anton faunt noch völlig aus seinem Schweineluftschloß herab­gestiegen war.

DieVerschuldungsfrage", um mich amtlich aus­zudrücken, war klar. Darum wetterte der Motorrad­fahrer ganz besonders und auch deshalb, weil das Motorrad, wie ja alle Motorräder, die durch frem­des Verschulden verunglücken, selbstverständlich voll­kommen neu war. Einiges schien tatsächlich durch den Sturz verbogen, aber am meisten kränkte den Mann vermutlich, daß seinen etlichen Pferdekräften von einer einzigen Schweinekraft so übel mitgefpielt wurde. Das Schwein hatte in seinem fröhlichen Temperament den Schrecken schon wieder überwun­den und machte auf den unbeteiligten Zuseher mit seinen luftig geschwungenen Mundwinkeln einen überaus sympathischen Eindruck.

Reparatur Schadenersatz!" schrie der erzürnte Sportsmann.Schweinerei!" schimpfte er, ohne daß Das ist besser, öfter Schuhe kaufen oder öfter Erdal? Kein Zweifel, öfter Erdal, zumal jetzt bei dem noch billigeren Preis! Die Schuhe halten länger und bleiben länger schon, denn Erdal pflegt das Leder, es erhält länger seine Geschmeidigkeit und feine Wasserdichtigkeit und hilft damit sparen.

ihm freilich die buchstäbliche Berechtigung dieses Wortes zum Bewußtsein kam.

Ich weiß einen Mechaniker", sagte Anton klein­laut, und so setzte sich die kümmerliche Karawane in Bewegung: das Schwein, zwei Männer und ein Motorrad.

Ach, hält' ich nur nicht laut gerufen, daß mir tas Schwein und ihm der Wecker gehört. Wär' nur sein Schwein nicht mehr mein Schwein, sondern sein Schwein, jammert innerlich Anton bei sich, und während er früher als Schweinekönig sich sah, sieht er sich jetzt bis ans Lebensende gebeugt unter ein Ratenjoch für ein fremdes Motorrad, und er gelobt Sühne, wenn alle/ gut ging.

Karl kommt ihnen entgegeugelaufen. Seine Glück­wünsche fallen zwar vorerst nicht auf sehr empfäng­lichen Boden, aber da der Motorradfahrer durch sie gleichzeitig auch die Geschichte dieses unglückseligen Glücksschweines erfährt, muß er lächeln und ver­söhnlichere Stimmung beginnt sich allmählich breit­zumachen.

Karl fängt mit Feuereifer bie Untersuchung der Maschine an. Mit der Jnbrunst^des Motorradsüchti­gen schraubt und klopft er weit mehr als nötig. Tat­sächlich hat das Rad so gut wie keinen Schaden erlitten. Karl weiß so viel Außerordentliches am Fahrzeug feftzustellen, daß der Besitzer allmählich den unangenehmen Anlaß vergißt, der ihm einen solchen innigen Bewunderer seines Eigentums be­scherte. Zuletzt schrauben, klopfen, schmieren und drehen die beiden, obschon es gar nichts mehr zu schrauben und zu drehen gibt, nur des Schraubens und Dübens willen. Währendessen steht Anton, dem die ReM-aturleidenschaft fremd ist, In banger Sorge, daß sich doch noch' irgendein Krebsschaden Heraus­stellen könne. Das Schwein unterhält sich während dieser langen Zeit auf Schweineart mit Schnüffeln und Schoben. Dann braust der Motorradfahrer, von andächtigen Blicken Karls begleitet, davon.

Nun zeigte es sich, daß derBose Feind" doch nicht den ganzenguten Kern" Antons verspeist hatte.

I hab ka Geld", sagte Anton zu Karl,da hast die Schwein!"

Du spinnst wohl? I hab ja gar nix g'machL Das bißl Schraufen!"

Na, nimms nur. I hält' eh ka Freud' mehr mit dem Luder."

Er gab nicht noch. Karl war dieser unbegreif­lichen Großmut gegenüber fassungslos.

Na, das geht net. Da hätt' i ja beide Los' g'won­nen und du gar nix. Nimm wenigstens den Wecka. I hab eh an."

Den Wecka?" meinte Anton.Alsdann von mir aus, den Wecka nimm i."

Und er nahm ihn und ging zu feiner Hütte, das Schwein keines Blickes würdigend, während soeben der Regenwurm bedächtig durch die Staketen von Karls Garten herüberkroch.

Kloster unb vor Kaiser und Reichstag und in hun­dert andern Stunden.

Es ist Schicksal, nicht Schuld, daß er mich nicht versteht", geht's durch die Seele des Sinnenden, unb Schicksal muß man mannhaft tragen!"--

Der zweite Brief... Ein Gönner warnte. In Rom sei man hellhörig geworden, unb schon sei das WortKetzer" dort gefallen. Vorsicht sei am Platze, vorläufiges Schweigen noch besser. Er wisse ja, was dasGeheime Gericht" bedeute!

Ein bitteres Lächeln spielt um die Lippen des Frauenburger Domherrn. Oh, er kennt die Nächte der Kerker unb die Schrecken der Folter!Sie können nur den Leib töten!" Er denkt daran, wie er als Jüngling fast ein Knabe noch die wilde Weichsel zum erstenmal bezwungen hat. Als Ein­ziger der Klosterschüler! Seit diesem Tage kann er dem Tod ins Auge sehen.

Ein Ruf schallt durch die Nacht. Der Wächter ver­kündet die zwölfte Stunde.' Nikolaus Kopernikus schaut empor. Da stehen sie alle, die strahlenden Sternbilder, in unermessenen Gottesfernen. Auch sie sind vertreten, die «ie Diener die Sonne umkreisen, die Brüder und Smwestern der Erde, die Planeten, deren Bahnen er ahnt und zu ergründen sucht, unb deren Wesen ihm zur beglückenden Gewißheit wurde. Die Erde wandert!' Wie klein wird sie! Und doch: wie wundersam ist sie hineingestellt in das ewige Kreisen unb Wandern!

Die Seele des Schauenden saugt das hoheitsvolle Bild tief in ihre geheimsten Kammern, darin das Göttliche wirkt. Ein Dürstender trinkt Erquickung.

Unterm Turm steht eine Linde. Welke Blätter fallen in die Tiefe.

Nikolaus Kopernikus lauscht.

Herbst... Die Tage des Jqhres gehen ihrem Ende zu.

Auch seine Tage? ...

Aber dann strafft sich feine Gestalt. Das Auge leuchtet. Das bleiche Antlitz ist Wille und Tat. Noch einmal umfaßt sein Blick die Herrlichkeit des stern- überfäten Himmelsdomes.

Der Wahrheit die Ehre!"

Fest und feierlich fallen bie Worte in das Meer der nächtlichen Stille.

Der Einsame lächelt. Es ist das Lächeln eines Freien und Begnadeten.

Noch in dieser Nacht wird er die Blätter zu ord­nen beginnen. Bald soll das Werk seines Geistes - durch Meister Gutenbergs Kunst hinausgehen in olle Welt.

Voll unvergänglicher Schöne stehen über Stobt unb Dom die ewigen Sterne,