plötzlich dieser Zug von Energie auf dem schmalen Gesicht seiner Frau erschien.
Nach kaum halbjähriger Che kehrte die Tochter als Witwe ins Elternhaus zurück. Es war ein tragisches Schicksal, und Wilhelm Bertram fühlte das Leid feines Kindes auf das aufrichtigste mit, aber tief drinnen saß doch eine leise Befriedigung, daß er die Tochter wieder hatte.
Er dachte schott mit Mißbehagen daran, daß sie nach Ablauf des Trauerjahres vielleicht wieder fortgehen würde. Da griff abermals das Schicksal ein, auf eine böse und unbarmherzige Weise. Irene Bertram erlag einer Grippe. Sehr zart war sie immer gewesen, und das Herz hielt dem Ansturm der Krankheit nicht stand. Da ergab es sich von selbst, daß die verwitwete Tochter an die Stelle der Hausfrau rückte und den Vater betreute.
Daß es nicht bis in alle Ewigkeit so bleiben würde, darüber war sich Bertram klar: eine so gut aussehende Frau wie Dore würde einmal wieder heiraten, das war nur natürlich. Aber dann hoffentlich einen Mann der eigenen Kreise, mit einem gediegenen bürgerlichen Beruf, nicht etwas so Ausgefallenes wie einen Rennfahrer. Und solche Männer sanden sich auch in Grünhagen, dazu brauchte man nicht auf Reisen zu gehen. Der junge Kollege der Quinta, Dr. Niemeyer, zeigte sehr offen sein Interesse, und wenn es doch mal sein mußte, so wäre das ein Schwiegersohn nach seinem Herzen gewesen. Da hatte man Berührungspunkte in Fülle und wußte, wie man dran war.
Aber merkwürdig: als sie Orivius kennengelernt hatte, konnte es gar nicht rasch genug gehen mit Verloben und Heiraten, und jetzt — mit Niemeyer — kam die Sache nicht vom Fleck. Er hatte gehofft, Dore würde sich noch zu Pfingsten verloben, statt dessen erklärte sie, sie fühlte sich erholungsbedürftig und wolle in die Schweiz fahren. Der Kollege Niemeyer war sehr befremdet gewesen, und er hatte ihm eine lange Geschichte erzählen müssen, daß Dr. Weber, der langjährige Hausarzt, diese Reise in die Berge schon immer gewünscht hätte.
Aber nun kam sie zurück, und nun würde wohl auch hoffentlich bald die Verladung stattfinden. Denn — wie gesagt — wenn sie sich schon wieder verheiraten sollte, dann war ihm Niemeyer weitaus am angenehmsten.
In einer Stunde kam der Zug, er wollte gleich nod) einmal Friederike daran erinnern. Es wäre uicht nötig gewesen. Friederike vergaß so wichtige Dinge nicht. Sie war mit Frau Berttam in dös Haus gekommen und im Laufe der Iabre so mit öcr Familie verwachsen, daß niemand mehr auf den
Gedanken kam. in ihr eine Angestellte zu sehen. Sie war ein Glied der Familie geworden, hatte wie ein solches ihre Eigenheiten, denen man Rechnung tragen mußte, und mar im übrigen oie Treue uni) Zuverlässigkeit in Person.
So gab sie auch nur ein kurzes verächtliches Brummen von sich, als der Oberstudienrat sie an die Ankunft der Tochter erinnerte; als ob sie so etwas vergessen könnte! — Sie hatte bereits eine weiße, frischgeplättete Schürze um und ordnete Rosen in einer Kristaklschale, gelbe Rosen aus dem Garten, die Dore am liebsten hatte. Dann trug sie sie sorgfältig in das kleine Wohnzimmer, zog nochmals die Decke auf dem runden Tisch glatt und musterte prüfend ihr Werk. Sie nickte zufrieden: hier und in dem kleinen Schlafzimmer nebenan war alles in bester Ordnung.
Ein nachdenklicher Zyg lag auf ihrem Gesicht. Wie lange würde sie das Kind noch hier haben? Dr. Niemeyer meinte es doch sehr ernst. Ob er der Richtige war? — Friederike verzog etwas das Gesicht, was aber nicht gegen Dr. Niemeyer zu sprechen brauchte. Ihr war eben kein Mann gut genug für das Kind. Aber wenn sie glaubte, mit ihm glücklich zu werden ...
Es war ja durchaus zu verstehen, daß der Oberstudienrat Bertram ihn als Schwiegersohn wünschte. Es gab viele Väter in Hrünhagen, die den gleichen Wunsch hegten, und viele Mütter, die mit gemischten Gefühlen sahen, wie diese begehrte Partie sich Dore Orivius zuneigte, „die doch schon einen Mann gehabt hatte". Sämtliche Mütter heiratsfähiger Töchter waren sich einig, daß der „arme Niemeyer geradezu raffiniert eingefangen" wurde.
Tatsächlich hatte sich wohl noch nie eine Frau so wenig um einen Mann bewüht, wie Dore um Rudolf Niemeyer, und vielleicht war es gerade das, was ihn zuerst auf sie aufmerksam gemacht. Er wußte längst, welch begehrenswerte Partie er war. Er sah gut aus, wenn auch das hellblonde Haar des kaum Dreißigjährigen sich zu lichten begann und er seiner kurzsichtigen Augen wegen eine Brille trug. Dennoch spielte er ausgezeichnet Tennis, hatte ein hübsches Kabrioletts in dem er seine Bekannten spazieren fuhr, war von Haus aus vermögend und hatte außerdem gute Aussichten im Beruf. Er verstand es, mit Jungens umzugehen; ein Lehrer mit Auto hatte bei Quintanern von vornherein ein „Plus". Als Hauptfach lehrte er Mathematik.
Dies waren die Menschen, in deren Kreis Dore Orivius nunmehr zurückkehrte.
In der ersten Zeit ging alles gut. So gut, daß Dore tatsächlich glaubte, sie könnte diese vierzehn
Tage aus ihrem Leben fortnehmen, wie man einen Gegenstand fortnimmt, beiseite legt und schließlich vergißt. Die gewohnte Umgebung, die sie diesmal mit einem förmlichen Aufatmen begrüßte, erleichterte ihr diese Einbildung. Die alljährliche Ferienreise mit dem Vater half ebenfalls dazu, sie abzulenken, um so mehr, als sie diesmal an die See fuhren.
Sie war zum erstenmal wieder an demselben Strand der Nordseeküste, an dem sie einst ihren Mann Fennengelemt hatte. Und wenn sie etwas befremdete, so war es die Erkenntnis, wie sehr fein Bild inzwischen verblaßt war. Sie hatte ihn sehr lieb gehabt und einmal geglaubt, sie könnte seinen Tod nie überwinden, und nun mußte sie fast gewaltsam die Erinnerung heraufbeschwören. Und was das Seltsamste und Erschreckendste war: immer, wenn sie an ihn denken wollte, drängte sich ein anderes Gesicht davor — das Gesicht eines Mannes, der für sie noch viel mehr gestorben sein mußte als Orivius, der wenigstens "in. ihren Gedanken weiterleben durfte.
Immerhin bot ihr der Aufenthalt an der See so viel Zerstreuung, daß dieser Schatten sie nicht sonderlich beunruhigte; solch ein seltsames Erlebnis brauchte schließlich seine Zeit, um vergessen zu werden. Aber bann, als sie längst wieder zu Hause war, mußte sie mit wachsendem Erschrecken feststellen, daß sie von dieser Erinnerung immer weniger loskam, je mehr Zeit darüber verging. Es half nichts, daß sie sich Vernunft predigte und sich zusammennahm, sich vorhielt, wie unwürdig es sei, noch an einen Mann zu denken, der seinen Vertrag, sie nach vierzehn Tagen aus seinem Leben wieder auszuscheiden, so gründlich durchgeführt hatte, daß sie bis heute von ihm nicht mehr wußte als seinen Namen. Es hals nichts, daß sie sich selbst mit den schärfsten Ausdrücken belegte, sich eine Frau ohne Charakter und Stolz nannte, sie kämpfte gegen einen Schatten, der zwar verschwand, wenn sie nach ihm schlug, aber sofort wieder da war, wenn sie glaubte, sich befreit zu haben.
Sie versuchte, sich durch Sport auf andere Gedanken zu bringen, ging morgens zum Schwiim- men, nachmittags zum Tennis und half sich damit über den September hinweg. Aber der Oktober brachte nasse und kalte Tage, und mit dem Sport war es nichts mehr. Was habe ich denn sonst in all den Jahren gemacht, dachte Dore nervös und sah in den Regen hinaus. Ein bißchen Haushalt, lesen, Handarbeiten, spazieren gehen, Bekannte besuchen, Bridge spielen, sie war doch bisher von diesem Tageslauf aus gefüllt gewesen.
(Fortsetzung folgt!)
model tu immer frohen Einsatz auf. Lied und Musik beschlossen die schöne Feierstunde.
Bunte Spielwiese.
Nach der-Morgenfeier trat man bann in langem Zuge, voran bie Wimpelgruppe, zu einem Marsch burch bie Stabt an, währenbbem mieberum viele Lieber gesungen würben und gleichzeitig bewiesen würbe, mit welcher Disziplin selbst bie jüngsten Iungmädel aufzutreten vermögen.
Der Nachmittag war bann ganz der Fröhlichkeit und dem Spiel gewidmet. Am Waldrand auf dem Trieb bildete sich rasch ein weiter Kreis der lagernden Iungmädel, deren weiße Blusen hell in der Sonne leuchteten. Auch zahlreiche Eltern fanden sich ein und folgten mit großer Aufmerksamkeit den vielfältigen Darbietungen, bie bie Iungmädel zu
geben wußten. Da lernte man zunächst den witzigfrechen Till-Eulenspiegel kennen, sah die mutigen „Sieben Schwaben" bei ihren Taten, und verfolgte dann die Iungmädel im schmucken Sportdreß bei ihren originellen Spielen, Wettbewerben, lustigen Staffelläufen, beim Tauziehen und dem Spiel mit dem Medizinball. Auch das Sackhüpfen und andere Geschicklichkeits-Wettbewerbe wurden ausgetragen und trugen zur allgemeinen Erheiterung bei. Lustige Lieder und Kanons wurden geübt, an denen sich mit mehr oder weniger Erfolg auch die Eltern beteiligten. v. v
Erst am späten Nachmittag gingen die Stunden der fröhlichen und unbeschwerten Gemeinschaft zu Ende und angeregt begaben sich die Iungmädel nach Hause.
Aus der Stadt Gießen.
Oie Drachen steigen.
Bei keinem Spiel unserer Buben zeigt sich so die Geschicklichkeit und sorgfältige Vorbereitung wie beim Unfertigen der Dramen; denn wer irgendwie mitreben will, muß natürlich seinen Drachen selber Herstellen. Die kleinen Buben, die noch nicht zur Schule gehe/i und denen ihr Vater einen schönen Drachen zusammenleimte, werben von den „richtigen" Drachenbefitzem nur mit einem mitleidigen Lächeln von ber Seite angeschaut.
Wenn aber an einer Wegkreuzung — bas ganze Felb steht ihnen ja leiber noch nicht zur Verfügung, auch bie vielen Drahtleitungen Hinbern sie oft — einige Buben zusammenkommen, um vor bem eigentlichen Start ihre Flugzeuge fachmännisch zu begutachten, bann kann man allerlei hören. Da wirb sehr scharfe Kritik geübt, manchmal auch eine ganz falsche; benn die Buben lassen sich gar oft von der Größe und Schönheit eines Drachens täuschen. Wenn er aber in ber Luft bie bekannten zuckenben Be- roegungen macht unb balb wieber in einem Kartof- felfelb lanbet, bann sehen sie erst, baß weber Größe noch Schönheit bei einem guten Drachen ausschlag, gebend sind.
Die Herstellung eines guten Drachens erfordert eine ganz genaue und exakte Arbeit, und wir konnten in diesen Tagen beobachten, daß alle die Buben, bie auch beim Mobellbau von Segelflugzeugen Mitwirken, besonbers gute Drachen hatten. Sie „ftanben" in ber Luft, wie bie Buben sagen. Keiner zuckte, unb wenn bie Schnur langte, fliegen sie immer höher, bis sie schließlich ganz klein erschienen. Das Umgehen mit Metermaß, Feile usw., die Lehre vom Gleichgewicht u. v. a. haben doch viel mitgeholfen, daß diese Drachen ohne Fehler waren.
Es ist immer reizvoll, dabei zu sein, wenn bie Drachen steigen, bas Alter spielt hier gar keine Rolle. Wir freuen uns immer, wenn ein kleiner Knirps Glück hat unb fein Drache gut steigt.
So kam biefer Tage ein ganz kleiner Junge schüchtern unb bescheiben zu ber großen Schar ber Sachverständigen. Sein Drache hatte nicht bas schöne bunte Papier, wie man es eben in allen Geschäften kaufen kann. Es war nur Zeitungspapier, mit einigen stärkeren Streifen Packpapier überklebt. Die meisten Buben lachten über ben unansehnlichen Drachen unb über bie bicke Rolle Schnur, bie ber Kleine mitgebracht hatte. Einer meinte, bas Ding käme überhaupt nicht von ber Erbe, er solle ihm lieber bie Schnur geben, da seine eben abgerollt sei. Doch unverbrossen unb gar nicht beleibigt, bat ber Kleine einen anderen Buben, bie Rolle zu hotten. Darauf ging er einige Meter weiter, fing an zu laufen und ließ den Drachen los. Der Wind griff zu, und schon erhob er sich in bie Lüste. Der Start ging glänzenb vonstatten, ber Junge gab Schnur, der Kleine kam zurück unb nahm seine Schnur selber in bie Hand, und in wenigen Minuten hatte er die andern Drachen überflügelt. Ganz winzig klein stand er zwischen Der bunten Schar. Die Augen des Buben lachten. Er wußte, was er sich zusammen- geleimt hatte. Er hatte genau gemessen unb scharf gerechnet. Nun schwiegen auch bie anbem. Nur ber Schwanz sei etwas zu leicht, meinte einer noch. Aber bie anbem lobten ben Drachen.
Dann wurden bie Briefe hinaufgeschickt. Das ist eine Sache für sich unb macht immer Freube, be-
fonbers wenn ber Wind scharf weht. Etliche schrieben sogar einige Zeilen Darauf. Lustig flatterten bie Zettel himmelwärts.
Dann kam bas schönste: ein Flugzeug tauchte auf, schon lange hatte man bas Brummen ber Motore gehört. Nun näherte es sich. Die Buben ftanben mit ihren Drachen unb schauten, schauten. Ob sie wohl auch so hoch waren? So ganz reichte es nicht, aber bas Flugzeug war gar nicht so hoch. Ob sie da droben bie Drachen bemerkten? Sicher. Die Buben riefen, unb winkten. Es gab ein großes Hallo! Sie wollen doch alle einmal Flieger werben. Und wenn sie jetzt mit ihren Drachen ba braufeen in ben Felbern stehen unb Papiergrüfee hinaufsenben in bie Lüste, bann mag ihr Herz klopfen, wenn sie Daran Denken, baß auch sie einmal in einem richtigen Flugzeug burch bie Wolken fahren können. Noch sinb es Träume, aber bei gar manchem wirb es wohl Wirklichkeit werden. H.
Vornoiizen
Tageskalwder für Montag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Capriccio". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): ,La Habanera."
Lund Deutscher Mädel.
Derkgruppe 4/116 (Musik).
Heute, Montag, tritt die Musikschar um 20.15 Uhr am Uhkheim an. Der Beitrag ist von jedem Mädel mitzubringen.
Mit dem Landschastsbund Volkstum und Heimat auf pilzgang.
Alljährlich lesen wir in den Zeitungen, daß wertvolle deutsche Menschenleben durch Pilzvergiftung zugrundegehen. Die Arbeit amtlicher Pilzberatungssteilen, bie Aufklärungsarbeit ber Schule unb Presse über Pilze können nicht genug unterstützt werben. Aus bissen Gebanken heraus finden von berufener Seite immer wieder Pilzwanderungen statt. Auch der Landschastsbund Volkstum und Heimat führt solche Wanderungen alljährlich durch. Daß sie einem Bedürfnis entsprechen, beweist die stets sich ein- stellende große Teilnehmerzahl. 33 Personen waren am gestrigen Sonntag um 9 Uhr am Eisenbahnübergang Der Anneröder Chaussee dem Ruf Gefolgt, sich von Universitätsgarteninspektor i. R. R e h n e l t auf einem Pilzgang führen zu lassen.
In einem Begrüßungswort führte der stellvertre- tende Ortsringleiter Dr. Rolc> ff aus, daß ber Landschastsbund mit biefer Wanberung neben der rein nützlichen Seite auch dem Ziel des Bundes dienen wolle, heimatbewußte und heimatverbundene Menschen zu schaffet;.
Herr R e h n e l t liefe bann bie Versammelten gewissermaßen durch ben Wald ausschwärmen unb babei Pilze sammeln, bie teils in ben Rucksack manberten, teils aber auch als Anschauungsmaterial dienten für bie an verabredeten Treffpunkten ein- fetzenden Belehrungen. Da würben bann viele Fragen gestellt unb beantwortet. Auch Professor Dr. Henneberg stellte seine Pilzkenntnis in ben Dienst der Sache.
An besonbers schönen Einzelstücken konnten die verschiedenen heimischen Pilzarten veranschaulicht werden. Es gelang auch, verschiedene ganz giftige vorzuführen, auf Deren genaue Kenntnis es ja bei
der wirtschaftlichen Verwertung besonders ankommt.
Herr R e h n e l t schärfte immer wieder den Grundsatz ein: Was man nicht wirklich als ungefährlich kennt, stehen lassen ober fortwerfen!
Manche mitgebrachte Tasche ober Tüte hatte sich inzwischen mit eßbaren Pilzen angefüllt. Man trennte sich gegen 12.30 Uhr mit besonderem.Dank für bie reiche Belehrung, die man in nahezu vierstündigem Gang durch unseren Stadtwald gewonnen hatte.
Artillensten-Kameradschast 1895 Gießen.
Am Samstag versammelten sich bie Kameraben der Artilleristen-Kamerabschast 1895 Gießen im Kamerabschaftsheim hessischer Hof" zum üblichen monatlichen Kameradschaftsabend. Dabet beschäftigte man sich u. a. noch einmal mit ber Singlieberung Der Kameradschaft in den NS.-Reichskriegerbund, die bis Eirbe September von ben einzelnen Kame- rabschaften als geschlossene Einheit vollzogen sein muß. Die Artilleristen-Kamerabschaft 1895 Gießen tritt geschlossen bem NS.-Reichskriegerbund bei, weil auch fernerhin lebensfähige Waffenkameradschaften — unb eine solche ist Die KameraDschaft Der alten Artilleristen in unserer Stabt — unb Regi- mentskamerabschaften bestehen bleiben können. In der Führung biefer Kamerabschaften wirb auch künftighin im großen unb ganzen alles beim alten bleiben. Da über diese Angelegenheit schon wieber- hott im Kreise ber Kameraben berichtet unb beraten worben ist, sind Die Angehörigen Der Kameradschaft über Die Einzelheiten vollständig unterrichtet. Weiterhin wurde man sich im Verlaufe Des AbenDs noch schlüssig, im Herbst einen Ausflug Der Kameradschaft mit den Familienangehörigen zu unternehmen, der in Die nähere Umgebung von Gießen führen soll.
Baracken verschwinden.
Nachdem Die Bewohner Der Baracken in Der oberen Kaiserallee sämtlich cnDermeitig guten Wohnraum erhalten haben, ist nunmehr mit Dem Abbruch Der feit etwa 14 Jahren stehenden und mittlerweile wenig ansehnlich gewordenen Wohnbaracken begonnen worden. Der obere Barackenbau in Der Nähe ber „Germania" ist bereits abgetragen. Der Abbruch Der weiteren Baulichkeiten wirb Zug um Zug folgen. Das Baumaterial, soweit es noch verwen- bungsfähig ist, wird zunächst auf Lager genommen, bis sich eine andere Verwertungsmöglichkeit ergibt. Mit dem Verschwinden Dieser Baracken, die ein wenig erfreuliches Stück aus einer schlimmen Notzeit darftellten, wirb nun wieder ein Baugelände verfügbar gemacht, das wohl in nicht allzu langer Zeit Durch Die Errichtung ne-uy? unb zeitgemäßer Wohnungsbauten einer würdigeren Gestaltung dieses Straßenteiles Dienstbar gemacht werden Dürfte.
*
** Fällige Gas- unb Stromgelber. Die Direktion ber Städtischen Betriebe gibt bekannt, daß Die Strom- und Gasaelder im Stadt- unb Ueberlandgebiet bei Der Ablesung an den Erheber zu bezahlen sind. Stromgelder können noch innerhalb acht Tagen und die Gasgelder innerhalb zehn Tagen ohne Kosten bezahlt werden.
** Städtische Bücherei. Im August sind 1571 Bände ausgeliehen worden. Davon kamen auf Literaturgeschichte 3, Zeitschriften 8, Gedichte und Dramen 6, Erzählende Literatur 975, Iugend- schriften 239, Länder- und Völkerkunde 98, Kulturgeschichte 2, Geschichte unb Biographien 138, Kunstgeschichte 7, Naturwissenschaft unb Technologie 50, Heer- unb Seewesen 16, Haus- und Lanbwirtschaft 6, Religion unb Philosophie 5, Staatswissenschast 14, Sport 1, Außerbeutsche Literatur in den Originalsprachen 3 Bände. Nach auswärts kamen 23 Bände.
** Kleine Unfälle. In der Licher Straße stürzte ein 24 Jahre alter Motorradler mit feiner Maschine so unglücklich, baß er eine Gehirnerschütterung und Schädel- unb Schulterverletzungen bavon- trug. — Ein Kellner kam auf ber Straße so unglücklich zu Fall, daß er einen Kniescheibenbruch erlitt. — Ein 13jähriges Mädchen wurde von einem Insekt im Gesicht gestochen. Schon nach kurzer Zeit traten infolge Infektion derart heftige Schwellungen ein, daß das Mädchen sofort in ärztliche Behandlung gebracht werden mußte.
Aus her engeren Heimat.
50 Jahre au einem Arbeitsplatz.
+ Grünberg, 3. Sept. Die landwirtschaftliche Gehilfin Katharine Rühl, hie in Diensten des Bauers Konrad T r i n k a u s steht, erhielt das Treudien st- Ehrenzeichen für treue Arbeit. An Weihnachten 1885 trat sie beim Vater ihres jetzigen Dienstherrn in Stellung; seit dieser Zeit ist sie ununterbrochen in diesem Hause tätig. Auf dem Rathause wurde ihr durch Kreisbirektor Dr. Lotz bie Auszeichnung mit folgenber Urkunde überreicht:
„Der Führer unb Reichskanzler hat mit Erlaß vom heurigen Tage ber lanbwirtschaftlichen Gehilfin Katharine Rühl in Grünberg als Anerkennung für 50jährige freue Arbeit im Dienste bes Deutschen Volkes das Treudienst-Ehrenzeichen verliehen. Berlin, den 8. August 1938. Der Staatsminister und Chef Der Präsidialkanzlei bes Füh- rers unb Reichskanzlers. Meißner."
Die Auszeichnung ist ein silbernes Kreuz mit gol- benem Eichenkranz, getragen am blauen Bande. Die Mitte der Vorderseite zeigt bas Hakenkreuz, bie Rückseite trägt bie Inschrift „Füx treue Dienste."
Anonyme Postkarten — acht Monate Gefängnis.
Lpb. N i b b a , 3. Sept. Eine verheiratete Frau aus bem Nachbarort Geiß - Nibba hatte ihrem Zorn gegen zwei unbescholtene Frauen bes Ortes auf anonymen Postkarten an Die Frauen unD in einer anonymen A n zeige an Die Gendarmerie Luft gemacht, wobei sie sich f ch w e r ft e
haben den Erdölpreis gesenkt. Dadurch ist jetzt noch bessere Erdal-Schuhpflege möglich. - Bessere Schuhpflege bedeutet Schuhe sparen, denn die Schuhe halten länger und v bleiben länger schön
BeleiDigungen und Verleumdungen angesehener Personen Des Dorfes zuschulden kom- men ließ. Nach umfangreichen Ermittlungen und nach langem Leugnen gestand Die Frau ihr übles Treiben ein, zugleich mußte sie auch Die Haltlosigkeit ihrer BeschulDigungen zugeben. Die Sache kam teuer zu stehen, Denn das hiesige Amtsgericht verurteilte Die anonyme Schreiberin unb Beleioigerin zu acht Monaten Gefängnis.
700 Zentner Gtroh verbrannt.
Am <5amstagabenb brannte in der Nähe des Dorfes Petterweil (Kreis Friedberg) ein g r o - • feer Stroh Haufen, ber zu bem Gutshof von Petterweil gehörte, vollständig nieder. Schätzungsweise sind etwa 7 0 0 Zentner Stroh den Flammen zum Opfer gefallen. Die Kriminalpolizei Gießen nahm die Ermittlungen alsbald auf.
Landkreis Gießen.
£ Wieseck, 4. Sept. Gestern abend fand bis Inspektion ber hiesigen Fr e i w i lli g e n unb Pflichtfeuerwehr statt. Kreisfeuerwehrinspektor Bouffier mit seinem Abjutanfen Schmück wohnten ben Hebungen bei. Es mürben bas Exerzieren, Geräteexerzieren sowie ein schulmäßiger Brandangriff gezeigt. Hierbei wurde Das Wasser einem alten Brunnen vor der Kirche entnommen, der ungefähr 20 Minuten Wasser lieferte. So ist in unserer Gemeinde im Falle der Gefahr immer noch eine Brandreserve vorhanden, bie sehr gute Dienste leisten kann. Kreisfeuerwehrinspektor Bouffier ging bei seiner anschließenben Kritik auf bie Mängel ein, Die noch bestehen, sanD aber auch Worte Der Anerkennung, wo es angebracht war. Mit Dem Gruß an Den Führer fand »Die Inspektion ihr Enbe^
Kannst du zurück, Sore?
Vornan von Hedda Lindner.
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.
6 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Die Kollegen schätzten besonders seine reiche Erfahrung, die er stets bereitwillig zur Verfügung stellte.
Wirtschaftlich waren seine Verhältnisse gut. Das kleine Vermögen seiner Frau hatte er kurz vor bem Kriege zum Bau eines Hauses verwenbet, unb bamit entging es ber Entwertung. Das Untergeschoß dieses Hauses bewohnte er selbst mit seiner Familie — des Gartens wegen —, den ersten Stock des villenartigen Gebäudes hatte seit über zehn Jahren ein pensionierter Oberst mit seiner Frau gemietet — ruhige Leute, mit denen man sich auf Das beste verstand.
Der erste wirkliche Schicksalsschlag traf ihn, als er seine Frau verlor. Irene Bertram war ein feiner, stiller Mensch gewesen unb hatte es hervorragend verstanden, seine gesellschaftliche Stellung angenehm zu befestigen. Kinder hatten sie nicht außer Dore, an ber er hing — wie Väter an der einzigen Tochter meistens hängen. Es war ein richtiger Schock gewesen, als sie sich vor fünf Jahren plötzlich verlobte. Noch dazu mit einem Rennfahrer. Sie hatten sich während der Sommerferien in Westerland kennengelernt, drei Wochen Darauf hielt Orivius bereits um ihre Hand an.
Bertram war Dagegen gewesen, seine Frau Dafür. Es war eine merkwürdige Sache um diese fülle, ’?inc Irene Bertram. Sie war im allgemeinen Die Fügsamkeit selbst und gönnte ihrem Gatten das angenehme Bewußtsein, der absolute Herr im Hause zu fein. Es gab sogar Leute — Fernstehende —, Die sie für einen schwachen, anlehnungsbedürftigen Charakter hielten, der völlig unter dem Einfluß des willenskräftigen Mannes stand. Die näheren Bekannten wußten, daß Irenes Nachgiebigkeit ihrer Großzügigkeit entsprang: es lohnte nicht, wegen Kleinigkeiten Auseinandersetzungen heraufzubeschwören. Hatte sie aber etwas für notwendig erkannt und sich entschlossen, ihren Willen einzusetzen, dann gab es einfach keinen Widerstand.
So gab sie auch hier den Ausschlag, als Bertram sich gegen diese Verlobung sträubte. „Wenn Dore glaubt, mit ihm glücklich zu werden, soll sie ibn heiraten", hatte sie gesagt, und damit war die Angelegenheit erledigt. Er fügte sich wie immer, wenn


