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5.9.1938
 
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Hr.2O7 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Montag, 5. September (938

Schloß Bellevue alsGästchaus für Staatsbesuche

Das Palais des Prinzen Ferdinand von Preußen in Berlin.

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Wie gemeldet, werden die Arbeiten zum Umbau von Schloß Bellevue im Berliner Tiergarten demnächst beginnen, so daß im kommenden Früh­jahr das Palais seiner neuen Bestimmung als Gästehaus für Staatsbesuche und Kon­gresse übergeben werden kann. Der bevorstehende Umbau, der übrigens eine weitgehende Erhaltung der bestehenden Außenarchitektur vorsieht, mag einen kurzen Rückblick auf die anderthalbhundertjährige Geschichte des Schlosses rechtfertigen.

Wer vom Brandenburger Tor kommend, die Charlottenburger Chaussee am Kleinen Stern ver­läßt, um im stumpfen Winkel rechts nach der Spree zu abzubiegen, steht in wenigen Minuten vor der breiten, im Hintergrund eines tiefen Hofes hingela­gerten Schloßfront. Bellevue ist unter den ehe­maligen Höhenzollernschlässern der Reichshauptstadt entschieden das Stiefkind; es gibt kunstgeschichtliche Bücher über Berlin, die das Palais, wenn über­haupt, nur mit ein paar Worten erwähnen. Ver­dient Schloß ^Bellevue eine solche Geringschätzung?

Schon der Name läßt auf eine landschaftlich schöne Lage schließen. Wirklich, wenn man Phan­tasie genug hat, sich m das Berlin vor 150 Jahren zurückzuversetzen, wird man anerkennen müssen, daß der Blick in den noch waldartigen Tiergarten und in die ländlich stillen Spreeauen im ganzen Umkreis der Königsstadt nicht seinesgleichen gehabt haben mag. Verständlich also, daß Prinz Ferdinand von Preußen, der jüngste Bruder Friedrichs des Großen, gerade hier feinSanssouci" zu errichten beschloß. Noch im Jahre 1782, drei Jahre vor dem Baubeginn von Bellevue, scheint der Prinz ein Auge auf Monbijou geworfen zu haben, allein der König, dem Monbijou als Witwensitz seiner verstor­benen Mutter besonders teuer war, machte Schwie­rigkeiten und stellte die Bedingung, daß, wenn Fer­dinands Wahl auf das alten Schlößchen fiele, nichts daran verändert werden dürfe. So verzichtete Ferdinand und baute sich ein Palais nach seinem eigenen Geschmack ebenBellevue".

'Das Schloß, wie es heute vor un steht, hat

sich im Laufe der Zeit äußerlich kaum verändert. Der Entwurf stammt von dem jüngeren Bau­mann, Sohn jenes aus Holland eingewanderten Architekten Johann Philipp Boumann, dem wir unter anderem das große Palais für den Prinzen Heinrich, das heutige Universitätsgebäude, verdan­ken. Beide Baumanns, Vater und Sohn, wurzeln noch durchaus in einem Barock niederländischer Prä­gung, das von dem ausschweifenden süddeutschen Palaststil so weit entfernt ist wie die Spree von der Donau. Von Genialität und persönlicher Phan­tasie keine Spur, dafür aber ein so feines und ver­ständnisvolles Eingehen auf die preußische Ueber- lieferung, daß in Bellevue ein Bauwerk entstehen konnte, das bei aller Nüchternheit im einzelnen den großen Wurf nicht vermissen läßt und sogar,' eben 'durch die geschickte und ganz ungezwungene An­passung an den traditionellenpreußischen Stil", etwas Gewinnendes hat.

Das Schloß ist eine Dreiflügelanlage mit einem Corps de logis" als Hauvtbau und etwas nied­rigeren, sehr schlichten Seitengebäuden, die zusam­men den großen, nach dem Tiergarten gtzöffnten Ehrenhof bilden. Höhere Ansprüche, die über das Repräjentationsbedürfnis eines adligen Standes- herrn hinausgehen, erhebt nur das zweistöckiae Corps de logis mit seiner von durchgehenden Halb­säulen gegliederten Giebelfront in der Mitte. Eigen­tümlich, weil von der Gewohnheit, den Festsaal in der Mittelachse durch ein Vestibül mit Treppe zu­gänglich zu machen, ohne Not abweichend, ist die Anordnung der Eingänge in die wenig vorspringen­den Eckbauten ein entschiedener Nachteil, der jetzt bei dem Umbau des Schlosses durch Anlage eines mittleren Hauptportals mit Freitreppe eine Korrektur erfahren soll.

Der Boumannsche Barock, der sich, so zahm er auch sein mag, besonders in der vorquellenden Pla­stik der Fensterbekrönungen und der beiden Por­tale bemerkbar macht, vermengt sich in dieser Schloßfront doch schon recht merklich mit einem die Fläche zum Sprechen bringenden Klafsizismus.

Denkt man von hier an die Bauten des großen Könige in Potsdam zurück, an Sanssouci etwa oder noch an das Neue Palais, so wird einem der Formenwandel sehr deutlich. Kein stockwerkbetonen­des Gesims, keine Dertikalgliederungen zwischen den Fenstern. Kurz gesagt: der altersschwache frideri- zianische Barock, am sichtbarsten in der Gesamtan­lage des Schlosses, verteidigt mit Mühe seine letzten Stellungen, ohne es doch hindern zu können, daß der in Anhalt und anderswo längst siegreiche Klas­sizismus nun auch an der Spree festen Fuß faßt. Ein Jahr nach Beginn der Bauarbeiten an Schloß Bellevue bestieg mit Friedrich Wilhelm II. der neue Stil den preußischen Königsthron. Eine neue Aera Berliner Baukunst hebt damit an. Bellevue war einer ihrer Vorboten.

Ganz klassizistisch dekoriert waren die Jgnen- räume mit Einschluß der nicht mehr vorhandenen Möbelausstattung. Nur einige wenige Stuckdecken zeugen heute noch von der edlen Anmut der Or­namentzeichnung. Allein für alles unwiederbringlich Verlorene entschädigt der glücklicherweise noch ganz intakte Festsaal im ersten Stock, um 1790 von Karl Gotthard Langhans, dem Schöpfer des Bran­denburger Tores, eingebaut und mit frei von der

Antike abgeleiteten Motiven geschmückt. Der Raum ist ein Rechteck mit abgeschrägten Ecken, das mit Hilfe eines oval geführten Kranzgesimses auf po­lierten Säulen und einer Flachkuppel darüber ge­schmeidig gemacht ist eine von Langhans bevor­zugte, für diesen Architekten geradezu - charakteri­stische Raumform, der man auch im Berliner Schloß (Pfeilersaal) und im Niederländischen Palais Unter den Linden begegnet. So kann man in Bellevue in der kurzen Spanne von vier Jahren den Weg des Klassizismus, eines ausgesprochen preußischen Klassizismus, bis zu seinem vollen Triumph ver­folgen.

Neben Boumann und Langhans steht schließlich noch als dritter Friedrich G i l l y. Aus ihn wird die für die Prinzessin Luise, eine Tochter des Prin­zen Ferdinand, erbaute Meierei im Park zurück­geführt, ein ganz schlichter Nutzbau unter stroh­gedecktem Bohlendach. Als das einzige erhaltene Werk dieses frühvollendeten Baukünstlers hat diese kleine Spielerei doch eine erhöhte Bedeutung für uns. Gilly war der Lehrer von Schinkel, dem genialen Erneuerer der preußischen Baukunst unter Friedrich Wilhelm III.

Ernst von Niebelschütz.

1000 Lungmädel treffen sich in Gießen.

Eifrig gingen die Gie­ßener Jungmädel in der vergangenen Woche von Haus zu Haus, um eine wichtige organisatorische Voraussetzung für ihr Jungmädeltreffen des Un­tergaues Gießen zu si­chern. Mit Papier und Bleistift gingen sie um­her, um Quartiere zu er­bitten. Am Samstag­nachmittag nun trafen die Mädchen aus vielen Orten des Unterbannes, meist des Kreises Gießen, ein, um bann am Abend mit einer schönen Veran­staltung an die breite Oeffentlichkeit zu treten.

aibcnöfinqen.

Das Abendsingen, mit dem die Jungmädchen

WUNMW

hervortraten, wurde zu Jungmädel-Treffen. Im weiten Kreis lagerten sich die Mädchen um die einem schönen Erfolg.Bunte Spielwiese".

Auf Plätzen und in

Straßen marschierten sie im Kreis oder im Halb­kreis auf und sangen ihre schönen einfachen Volks­lieder. Diele Zuhörer fanden sich dazu ein und viele von ihnen blieben auch gerne die halbe Stunde stehen, um ja alle die schönen Lieder zu hören. Dabei ließ man es .nicht etwa bei einstimmigem Gesang bewenden, vielmehr wurde mehrstimmig und auch zur besonderen Freude der Zuhörer im Kanon gesungen. Dabei bewiesen die Jungmädel, daß sie im Heimabend fleißig geübt hatten, denn überall klappte es ausgezeichnet.'Das Besondere an diesem Abendsingen mar, daß es eine stimmungs­volle Note in die noch vom Rattern der Straßen­bahnen und vom Lärm der Motorfahrzeuge erfüllte Stadt brachte und. für eine halbe Stunde zu einem besinnlichen Verweilen aufforderte. Mit großer Freude hörte man die Löns-Lieder.

Morgenfeier

Der Sonntag morgen brachte in stillem Wald­winkel auf dem Trieb eine Morgenfeier. Im ge­schlossenen Viereck traten die Mädchen an. Der Spielkreis bot feine Musik, die durch ihren ernsten und feierlichen Charakter der Stunde die rechte Ein­stimmung gab. Da das Wetter über Erwarten schön war, die Sonne schien und blauer Himmel leuchtete,

war in allen eine festliche Stimmung. Die Unter- gauführerin Lisl Göbel hielt nach einem gemein­sam gesungenen Lied, nach beschwingten Worten der Einzelsprecherinnen und eines Sprechchores, eine kurze Ansprache und wies auf den tieferen Sinn dieser Feierstunde hin. Jedes Jungmädel solle auf die Kraft hingewiefen sein, die aus der Gemeinschaft dem einzelnen erwachse.. Sie wies aber auch auf die großen Verpflichtungen hin, die der Hitler-Jugend, die den Namen des Führers tragen dürfe, aufge­geben seien.

Kreisleiter Bankhaus hielt ebenfalls eine An­sprache, in der er die Notwendigkeit solcher Zusam­menkünfte in größerer Gemeinschaft betonte, und diese Notwendigkeit an der immer wieder ziel- und richtungsgebenden Kraft bewies, die vom Reichs­parteitag ausgeht und die so entscheidend sei für die in kleinem Kreis zu leistende Arbeit. Der Kreis­leiter sprach auch eindringlich davon, wie es auf jeden ankomme, wenn es gelte, sich, in irgendwelcher Form in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Jedes jüngste Jungmädel sei hier gemeint und müsse sich verpflichtet fühlen.

Schließlich überbrachte noch die Jungmädel-Unter­gauführerin N i e m ü 11 e r (Frankfurt a. M.) die Grüße der Obergauführerin und forderte die Jung-

Nie attische Krone.

(gine Geschichte von Peter Matiheus.

Nachts um elf hatte Prack, der Hauselektriker des Großen Museums, endlich herausgefunden, warum die Nachtbeleuchtung im Griechischen Saal nicht funktionierte. In einer Verteilerdose hatten sich drei Kabel gelöst. Es sah beinahe aus, als seien sie mit Gewalt herausgerissen worden. Die Dose befand sich etwas über Mannshöhe in einem Pfeiler ziem­lich in der Mitte des Saales.

Prack schüttelte den Kopf und brummte vor sich hin. Im Grunde jedoch war er ganz zufrieden, daß er den Fehler gesunden hatte. Als er dann hin­unter in seine Kammer ging^ um Werkzeuge zu holen, begegnete er im Treppenhaus dem Wächter, der die Runde machte.

Na?" fragte der Wächter.Schaden entdeckt?"

Jawohl", sagte Prack, blieb stehen und stemmte gedankenvoll die Fäuste in die Taschen seines wei­ßen Kittels.Drei Kabel rausgefetzt wie gar nichts. Komisch, was? Wie können sich drei Kabel in einer geschloffenen Dose lösen? Merkwürdige Sache!"

Hm", machtx der Wächter.

Sehen Sie sich mal oben ein bißchen um'', fuhr Prack fort.Und wenn Sie dann gehen, schließen Sie -die Tür nicht ab. Ich will nur rasch einen Schluck Kaffee trinken. Nachher komme ich und bring' die Sache in Ordnung."

Der Wächter nickte und stieg weiter die Treppe empor. Die vielen Schlüssel, die er an einem Ring am Gürtel trug, klirrten leise bei jedem Schritt. Prack dagegen'wanderte hinunter ins Kellergeschoß, kochte sich in seiner Kammer Kaffee und mit Ruhe ein paar Butterbrote dazu. Er sah keinen Grund, sich zu beeilen. Es war kurz nach Mitternacht, als er mit feinen Werkzeugen und einem halbhohen Schemel wieder im Griechischen Saal stand.

Er knöpfte sich seine Taschenlampe am Kittel fest, schob den Schemel an den Pfeiler heran, stieg hin­aus und begann, die Kabel wieder festzuschrauben. Dicht neben ihm erhob sich ein hoher Glaskasten, der das Prunkstück des Saales, die berühmte attische Krone enthielt ein Wunderwerk aus Gold, Edelsteinen und zartem Email. Rechts und links davon standen auf Sockeln zwei lebensgroße Marmorstatuen, ein Hermes und eine Athene

Prack hatte etwa zehn Minuten gearbeitet, als ein seltsames Geräusch ihn veranlaßte, blitzschnell die Taschenlampe auszuknipsen. Er fuhr auf seinem Schemel herum und blieb verblüfft bewegungslos stehen.

Hinter dem großen Mittelfenster des Saales zeich­nete sich deutlich die Gestalt eines Mannes ab, der

draußen auf dem Sims kniete. Abermals ertönte das gedämpfte Knirschen, das Pracks Aufmerksam­keit erregt hatte. Dann gab es ein scharfes Knacken, und eine der Scheiben hatte ein Loch. Eine Hand kam durch die Oeffnung und wirbelte das Fenster auf. In der nächsten Sekunde war die Gestalt vom Sims verschwunden. Statt dessen sah Prack einen Schatten durch den dunklen Saal auf sich zu schleichen.

Er war viel zu erschrocken, um eine Bewegung 3U machen oder zu schreien. Dann, als er den ersten Schreck überwunden hatte, dämmerte ihm die Er­kenntnis, daß der Besuch unmöglich ihm gelten konnte. Er beschloß, sich ganz still zu verhalten. Völlig regun^Ios blieb er auf seinem Schemel stehen. Nur seine Augen folgten dem schleichenden Schatten.

Der Schatten es war der Mann vom Sims glitt durchaus zielbewußt auf den Glasschrein zu, in dem die attische Krone ruhte. Ein leises Klicken wurde hörbar. Der feine Lichtstrahleiner Taschen­lampe huschte flüchtig über die beiden Marmor- statuen x rechts und links, streifte ebenso flüchtig einen Teil von Pracks weißem Kittel und heftete sich bann auf den Kasten mit seinem funkelnden Inhalt.

Ein befriedigter Seufzer ertönte.

Dann verlosch das Licht. Der Mann legte die Lampe behutsam auf den Boden und griff in die Tasche. *

Prack rührte sich nicht.

Wieder erklang das Knirschen, das entsteht, wenn ein Diamant über eine Glasscheibe fährt. Ein Knacken folgte. In dem schwachen Licht, das durch die Fenster sickerte, konnte Prack sehen, daß der Mann die ganze vordere Scheibe des Schreins an­geschnitten und herausgebrochen hatte. Er legte sie geräuschlos neben die Lampe auf den Boden. Dann seufzte er zum zweiten Male befriedigt, beugte sich vor und langte mit beiden Händen nach der Krone.

Jetzt hielt Prack seine Zeit für gekommen. Jäh streckte er den Arm aus und packte den Mann, der dicht unter ihm kauerte, an der Schulter. Er öffnete auch den Mund, um ein donnerndes Halt zu rufen. Aber er brachte keinen Laut heraus. Die Wirkung feines Griffs verschlug ihm die Stimme.

Der Mann fuhr, als er so plötzlich die Hand an der Schulter spürte, herum und starrte sekundenlang voller Entsetzen die weiße Gestalt an, dje sich über ihn neigte. Dann stieß er ein geradezu unmensch­liches Gebrüll aus, riß sich mit einem Ruck los und raste davon. Nicht zum Fenster sondern zur Tür, durch deren Spalt ein matter Lichtschein vom Flur drang.

Im Nu war der Mann draußen und jagte die Treppe hinauf.

Er lief dem Wächter gerade in die Arme. Und Prack, der erheblich langsamer zur Tür gelangte, hörte, wie er atemlos und flehend hervorstieß:

Menschenskind! Um Himmels willen: bringen Sie mich von hier weg! Machen Sie mit mir, was Sie wollen bloß weg! Eine von Ihren Gipsfigurcn hat mich angefaßt!"

Ostsee etwas herbstlich.

Von Günter Schab.

Auf Usedom, Anfang September.

Sonntag abend sitzt die Ferienfamilie auf der großen Terrasse des Hotels und verspeist geräu­cherte Flundern. Flundern gehören hier sozusagen zur Scholle. Flundern gibt's, bei voller Pension, jeden Sonntag zum Nachtmahl, weil da nämlich die Warme Mamsell Ausgang hat und nur die Kalte Mamsell im Dienst ist Bald werden beide Mamsells so viel Ausgang haben, wie sie wollen. Denn die Saison sinkt langsam aber sicher.

Vom Meere her zur Terrasse weht ein recht munteres Windchen. Es kommt aus Westen, ist also guter Seewind. Nur ein Beigeschmack ist da von leicht-herber Herbstlichkeit. Nicht allein, wenn die Sonne zeitig schlafen gegangen ist und graue Däm­merung aus dem Wasser den Strand und die Dü­nen heraus, über die Promenade bis in die weiß­getünchten Häuser kriecht. Auch schon morgens manchmal, wenn der rote Ball im Osten grab eben über den wässerigen Horizont lugt. Dann hat er schon nicht mehr ganz die hochsommerliche Pracht.

*

Don der Kurkapelle sind der 1. Geiger, der 1. Trompeter und der Klarinettist schon abgereift In der 2 Geige fehlt auch ein Mann. Es fehlen^ also 20 v. H. des Monstreorchesters.' Es fehlt die Prominenz, weil die im Winter irgendwo Oper spielen muß. Mag der Rest sehen, wie er mit der langen Puccini-Fantasie, mit Heinzelmännchens Wachtparade, mit dem Armeemarsch Nummer so­undsoviel und mit der Ouvertüre zu Zampa fertig wird.

Im Kurhaus ist die sechste Wiederholung des großen Strandfestes ,Klein-Klcckersdorf steht Kopf" Ausverkauft. Wie kommt das nur? Es sind doch schon so viel Leute abgereist? Aha, da sitzt ja die Inhaberin vomSeeschlößchen" zusammen mit der

Wirtsfamilie desFremdenheims Aegir" und lacht sich krank und wieder gesund über dieurkomischen Überraschungen". Und der nette junge Mann, der immer die roten Tüten desPhotoha'uses Kühlein" Sie knipsen, alles andere besorgen wir! an die Amateure austeilt, tanzt mit der kleinen Dauer- wellen-Künstlerin vom ,Salon Ebhard aus Berlin". Und schaut man noch genauer hin, bann ist die Hälfte des Saales mit Einheimischen und die an­dere Hälfte nur mit Kurgästen besetzt. Die Jazz­band sieht auch aus, als wolle sie jeden Augenblick Saxophone und Schlagzeug nach Berlin oder Ham­burg verfrachten.

Zum Wochenende rattern nochmals Wagen aller Pferdestärken durch den Ort und parken drei bis sechsunddreißig Stunden, dieweil ihre Lenker und deren Anhang den Strand, die Promenade, die Villen, die Tanzca'es, die Hotels, den Wald, das Wasser und die Strandkörbe mit sonnabendlicher und sonntäglicher Freude an der Extratour erfüllen. Sind sie endlich wieder abqebrauft, hängen doppelt und dreifach so viel Schilder an den Fenstern: Zimmer mit und ohne Pension zu vermieten".

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Der Bademeister malt, um die Zurückgebliebenen zu trösten, 19 Grad Wassertemperatur an seine schwarzen Täfelchen. Zwei Tage später gibt er 18 Grad zu, der Gute. Wer aber vorsichtig seine Zehen ins Wasser steckt und dann mutig in die weißen Schaumköpfchen hineinwatet, spürt es bald, daß das Thermometer ein bißchen vorgeht. Es zeigt anscheinend immer zwei bis drei Grad zu viel an.

*

Dafür schaukeln die kleinen Schiffchen, die mit Motorkraft und lieblichem Geratter Seebrücke auf Seebrücke anlaufcn, doppelt so lustig hin und her. Sie sind ausgelassen wie der Wind der das Meer aufwühlt und aus der Ostsee beinahe eine Nordsee macht. Der Sand ist feucht. Erst gegen Mittag wird er trocken. .Sobald, er wieder ganz körnig ist, fitscht ihn der Wind in die Gesichter. Herrlich aber überstürzen sich im rauschenden Sviel die unend­lichen grünlichweißen, gischtenden Wogen, die un­ablässig ans Ufer rollen.

Da kommt für ein paar lanac, reife, milde Tage die Sonne wieder und streichelt Wasser, Sand, Strand, Menschen, Straßen und Häuser. Die grau- schwarzen Haufenwolken weichen kleinen, weißen, durchsichtigen Windwölkchen. Ein mastgoldener Schimmer liegt über diesen zauberhaften Tagen, denen sich die Menschen an dieser schönen Küste zärtlich hingeben ...

Es werden wohl die letzten sein..-