Nr.Z Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch. 5. Zanuar 1938
Der gefrorene Strom.
Von Gerhard Bohlmann.
Von Gerhard Bohlmann, dem Verfasser der Romanwerke „Die silberne Jungfrau" (Johanna von Orleans) und „Der vergessene Kaiser" (Diokletian), erschien kürzlich ein neues Werk zeitgemäßer Geschichtsdeutung: „Wallenstein ringt um das Reich".
Früher mögen die Winter doch wohl härter und schneidender gewesen sein als heutzutage, denn damals geschah es noch, daß der Fluß zufror und wochenlang unter Eis blieb — oder es macht die Erinnerung, die uns die Ereignisse der Jugend in so hoher Vollkommenheit erscheinen läßt.
Wenn wir damals aus der Schule nach Hause gingen und uns zwischen den hochgiebeligen Dächern der östlichen Hafenstadt heimwärts trollten, stob uns an einer Ecke der Langgasse ein Dunst von Wasser und ein Wehen von Weite entgegen, darein auch der Ruch von Teer, Kohlen und Hanf gemischt war: so empfing uns der Fluß.
Auf einer Brücke hielten wir an und blickten landeinwärts. Am Kai lagen schwarze, bauchige Kähne, von Eis umkrustet und an die Stelle gebannt; an dem Ufer entlang standen Häuser aus mürrischem Grau, der Schnee war festgestampft und schmutzig geworden. Aber auf den Verdecken der Kähne leuchtete das Leben, prangten die Farben; dort lagerten auf Holzgestellen die Früchte der Flußn^tzerung, dunkelrot glänzende Aepsel, grau schimmernde Birnen und, zu Säulen getürmt Käselaibe mit honiggelben, fettglänzenden Schnittflächen — aus der Kargheit des Winters erstanden ferne Erscheinungen von grüßenden Wiesen und blühenden Obstgärten. ..
Wenn wir uns über das Geländer der Brücke beugten, hatten wir den Fluß dicht unter uns. Aus seiner Mitte hatte der Eisbrecher die Fahrrinne gefressen, dort strudelte das lehmige Wasser und klatschte den Schwall an den zackigen Eisrandern hoch. Wenn es unter uns schäumte und wirbelte und die großen Eisschollen mit sich hinausnahm in wütendem Zuge zum Meer hin, empfanden wir den Zorn des gefesselten Riesen, der gegen winterlichen Zwang sich empörte, und ahnten die Strafte seines unterirdischen Strömens und Reißens. Dann beugten wir uns tiefer hinab, als sollten wir den Herzschlag des Starken belauschen, und vernahmen ein wenig von seinem geheimen Dasein. Es war, als horchten wir dem Leben eines bedrängten Wesens; wir vernahmen ein Scheuern, als dehne
sich auf dem Flußgrund ein schlafender Leib und bäume die gewölbte Brust gegen die Kruste des Eises, wir hörten das brodelnde Murmeln des Schläfers, seinen grollenden Atem, den rauschenden Blutlauf und ein zitternbes Klirren, als werde in der Tiefe an Ketten gerührt...
Das aber ist geblieben, damals wie heute: Menschen stehen auf den Brücken und blicken in das Treiben des Wassers hinab, gebannt von dem Rätsel des Anflutens, des Entweichens, der Erneuerung, das geheimnisvoll ist wie die Brandung des Meeres oder die entrinnende Zeit.
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Anders zeigt sich der Fluß vor der Stadt, wo er im Haff aufgeht. Dort ist er Strom geworden; in majestätischer Breite, in gelassenem Strömen treibt er seinem Ende entgegen.
Er ist kein Strom, wie die Dichter ihn heben. Kahl dehnen sich seine Ufer und flach zu den Seiten, nirgends ein Hügel, kein Strauch, kein Baum. Er piegelt keine Ritterburg wieder, aber er empfängt in seiner stählernen Fläche die Bläue des Himmels, das Wandern der Wolken, das Kreisen der Sterne. Wohl ist er ruhig und würdig geworden, aber zur Zeit der Schneeschmelze und des Eisgangs steht er noch immer im Saft; er jagt seine Fluten über die Ufer, unterwäscht die struppigen Weidenbusche und läßt Kietzflächen und rissigen Lehm zuruck.
Aber an diesem Winternachmittag hat eine Kuppel von Schneewolken sich über das Land gesenkt. Verschneit ruhen die Gestade, verschneit der vereiste Strom: alles ist eins geworden, ein einziges, feierliches Weiß. Als wir zum erstenmal da hinauskamen, wie klein fühlten wir uns, schwarze Flecken in einer unermeßlichen Einöde, wie staunten wir über die gewaltige Ebene des Stroms zum andern Ufer hinüber. Was wir in Jndianerbüchern gelesen hatten, hier stand es leibhaft vor unseren Augen: hier war der vereiste Mississippi, hier der Missouri, hier rollten die breiten Ströme Amerikas dorn O'eon zu Auch war es, als erhebe sich hinter den Weidenbüschen ein düsterer Schatten: dort steht der letzte der Mohikaner, auf den Jagdspeer gestützt, und schaut durch den dämmernden Abend über das verlorene Land seiner Väter hinaus in den Tod.
Langsam senkt sich die Nacht, lautlos beginnt es 3U schneien. Nun erlöschen die fernen Lichter, Ufer und Ränder neigen sich gegeneinander, aus der Hohe senkt sich das Dunkel, Himmel und Erde verwehen im Fall der Flocken. Verschwunden der Schatten des Mohikaners, ausgelöscht die Bilder Amerikas — um fer^ Herzen werden von einer neuen Ahnung bewegt, sie heißt Unendlichkeit....... ,
Aus der Stadl Gießen.
Oer Januar in Brauch und Einnspruch
Das ist das Kennzeichen dieses Monats: daß sein Beginn unter glückverheißenden Symbolen steht. Der Januar leitet den Jahreskreis ein, und wer würde sich für den Ablauf des neuen Jahres nicht gern Gesundheit und Wohlergehen für (eine Familie, Erfolg und gute Erträgnisse für seine Tätigkeit wünschen? Altes Brauchtum sorgt in mancherlei Form dafür, daß diese guten Wünsche nicht nur in der Neujahrsnacht und am Neujahrsmorgen, sondern auch noch in den darauffolgenden Tagen von allen Seiten dargebracht werden. Und wenn wir in der Stadt auch sonst ziemlich weiten Abstand von den Ueberlieferungen des ländlichen Lebens haben, in den Gepflogenheiten zum Beginn des neuen Jahres offenbaren sich noch vielfach alte Zauber- und Fruchtbarkeitsriten, die der lärmenden Abwehr der Dämonen und dem Herbeirufen aller guten Geister galten.
In diesem Monat spüren wir gewöhnlich erst die rechte Kraft des Winters. „Wenn der Tag beginnt zu langen, kommt der Winter erst gegangen." Nicht umsonst trägt der Januar deshalb den alten Namen Hartung. Eis und Schnee sind feine Begleiter, und wenn feine Winde aus Nordwest wehen,' ist es am erträglichsten in der Nähe des wärmespendenden Ofens. Zu einem aussichtsreichen Jahr gehört nun mal die Kälte und der Schnee. Weshalb eine alte Bauernregel die Weisung gibt: „Januar warm, daß Gott erbarm." Und über die Notwendigkeit des Flockentanzes heißt es: „Im Januar Reif ohne Schnee, tut Bäumen, Bergen und allem weh."
Wenn aber der Januar feinem Namen Hartung alle Ehre macht, so ist das für die Wintersportler Grund genug, sich ordentlich zu freuen. Skier und Schlitten kommen dann gebührend zur Geltung. Falls es für eine Reise nach all den Feiertagen nicht mehr reicht: zu einem winterlichen Wochenendbummel reichts gewöhnlich noch, und im übrigen können „zwei Brettl und ein g'führiger Schnee" auch die Abendstunden nach' dem Werktag zur Freude machen.
"„An Fabian und Sebastian (20.) fangen die Bäume zu saften an." Woraus hervorgeht, daß bei aller winterlicher Starre insgeheim doch rege Kräfte der Natur am Werke find. Das Leben in der Natur ist ja keineswegs tot, es ist nur weniger sichtbar, und im stillen formt bereits wieder in vielen verborgenen Werkstätten die unversiegbare Schöpferkraft jene wunderbaren Erscheinungen, mit denen uns demnächst das Frühjahr beglücken wird. Oer erste Eintopfsonntag im neuenIahr
NSG. Der erste (Eintopffontag im neuen Jahr am nächsten Sonntag, 9. Januar, wird alle Volksgenossen im Gau Hessen-Nassau bereitfinden, wieder durch ein Opfer ein Bekenntnis zum Winterhilfswerk des deutschen Volkes abzulegen. Die Spend-e zur Fürsorge für die bedürftigen Volksgenossen dürfen am Sonntag nicht geringer sein, als an den Eintopfsonntagen im vergangenen Jahr. Im Gegenteil! Wer in der Lage ist, soll sie noch höher bemessen und dadurch beweisen, daß er auch 1938 durch freiwillige Opferbereitschaft am Aufbauwerk des Führers mithelfen will. Sozialisten der Tat sein, das wollen wir am Anfang des neuen Jahres freudigen Herzens bekennen!
Für den nächsten Eintopfsonntag, 9. Januar, sind folgende Eintopfgerichte in den Gaststätten vorgesehen:
1. Kohlsuppe mit Kartoffeln und Hammelsleisch- einiage;
2. Mohrrüben oder Kohlrüben mit Rindfleisch;
3. ein Fischgericht und
4. Gemüsetopf mit Einlage nach freier Wahl.
NG.-Volkswoblfakrt.
Detr.: Schulungskurs des Nassenpolitischen Amtes.
Der für heute, 20 Uhr, in der Neuen Aula angesetzte Schulungskurs fällt aus. Wir bitten die Ortsgruppen, des ehemaligen Kreises Gießen, hiervon Kenntnis zu nehmen.
Gießener Preisausschreiben für ein M. Hrm.
Der Oberbürgermeister der Stadt Gießen hat in Verbindung mit der HI., Gebiet Hessen-Nassau, und der Neichskamrner der bildenden Künste, Landesleitung Hessen-Nassau, einen Wettbewerb Zur Erlangung von Entwürfen für ein HI.-Heim in Gießen ausgeschrieben.
Zu dem Wettbewerb sind alle Architekten im Bereich des Gebietes Hessen-Nassau, die seit mindestens sechs Monaten hier wohnen oder aus dem Gebiet gebürtig und Mitglieder der Reichskammer der bildenden Künste sind, zugelassen; ferner auch Studenten der Oberstufe der Bauabteilungen von Hoch- und Fachschulen, sowie beamtete oder an- gestellte Architekten der Behörden, sofern sie den Anordnungen der Reichskammer entsprechen.
Als Preise für den Wettbewerb wurden ausgesetzt: ein 1. Preis von 1500 RM., ein 2. Preis von 900 RM., ein 3. Preis von 600 RM. und zwei Ankäufe von je 300 Reichsmark.
Dem Preisgericht gehören u. a. an: Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger, Oberbürgermeister Ritter, HJ.-Gedietsführer Brandt, der Gebietsbeauftragte für die Heimbeschaffung, Unterbannführer Lünenschl.oß, Bürgermeister Prof. Dr.-Jng. Hamm, Stadtbaurat Gravert, ferner einige auswärtige Architekten.
Die Wettbewerbsarbeiten müssen bis zum 18. März eingereicht sein.
Heimbeschaffungsaktion des Bannes 116
Von dem Bann-Beauftragten für HJ.- Heimbefchaffung im Bann 116 erhalten wir die nachstehenden Zeilen. D. Schriftltg.
Im Anschluß an die Ausschreibung eines A r ch i- tekten-Wettbewerbes der Stabt Gießen zur Erlangung von Entwürfen für ein H I. - Heim in Gießen ergibt sich die Notwendigkeit, am Jahresanfang einen Rückblick auf das verflossene erste „Jahr der HJ.-Heimbeschaffung" zu werfen.
Der Gedanke, für die Hitler-Jugend Heime und Sportplätze von dauerndem Wert zu schaffen, bestand zwar schon, seine Verwirklichung erfuhr aber erst einen Auftrieb durch den Aufruf des Führers vom 1. Dezember 1936. Galt es bis dahin zunächst einmal „Unterkünfte" für Schulungszwecke usw. zu beschaffen, so entstand nun überall die Forderung nach den „Heimen der Hitler-Jugend", Stätten, die nach ihrer äußeren Gestaltung sowohl, als auch in' ihrer Ausstattung würdig sind, die verantwortungsvolle Aufgabe erfüllen zu können, die gesamte deutsche Jugend körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum deutschen Volke zu erziehen. Damit wurde gleichzeitig die Erziehung der Jugend von einer privaten Aufgabe zur politisch-nationalen Verpflichtung des Staates. Aus dieser Erkenntnis heraus hat auch der Herr Reichsinnenminifter Dr. Frick in seinem Aufruf sich an die deutschen Gemeinden gewandt, diese große Arbeit der Hitler- Jugend tatkräftig zu unterstützen.
Die Gemeinden im Kreise Gießen haben dieser Verpflichtung sofort das notwendige Verständnis entgegengebracht und begonnen, da und dort den Weg zu ebnen und die Hindernisse wegzuräumen, selbstverständlich immer im Hinblick darauf, die zunehmende wirtschaftliche Gesundung nicht zu gefährden. Es galt daher überall, wo bereits eine Möglichkeit zum Bau bestand, einmal Klarheit übet die endgültige Planung zu bekommen. Raumprogramm und Bauplatz, Sportplätze und Schwimmbäder waren die Ausgangspunkte in kleineren Gemeinden, Bevölkerungsdichte und Bebauungspläne maßgebend in Gießen. Träger der Bauvorhaben und der späteren Unterhaltung sind in jedem Falle die Gemeinden, Durchführung und Ueberwachung liegt in den Händen des Arbeitsausschusses für die HJ.-Heimbeschaffung der Reichsjugendführung, zusammen mit den Gebiets- und Bannbeauftragten. Sie wählen die für die Planung in Frage kommenden Architekten aus und erteilen den Bauschein. Erst mit ihm entsteht die Bezeichnung „Heim der Hitler-Jugend"^und er berechtigt zum Anbringen des HJ.-Heim-Symboles.
So ist es ganz klar, daß in einem Jahr eine derartige Aufgabe nicht durchgeführt werden konnte und' die bestehenden Schwierigkeiten erst nach und nach beseitigt werden müssen. Meist ist es auch so, daß eine fertige Planung nur in. Etappen durchzuführen ist, denn Schulden können wir in unseren Gemeinden auf keinen Fall gebrauchen. Mit dem Jahr 1937 konnte daher lediglich der Anfang einer planmäßigen Erstellung von HJ.-Heimen gemacht werden.
Im Bann 116 haben wir zur Zeit an größeren Planungen in Bearbeitung: in Heuchelheim, Wieseck und Lollar je ein Achtscharheim und in zehn weiteren Gemeinden Ein- bis Vier-Scharheime, jeweils mit dem erforderlichen Feierraum. In Gießen wird zunächst außer einer zentral gelegenen Banndienststelle ein Sechsscharraumheim mit Feierraum im Wartweg, an Stelle der jetzt abbruchreifen Banndienststelle erstehen.
Für dieses Bauvorhaben hat die Stadt Gießen, zusammen mit der Gebietsführung der HI. und der Landesleitung der Neichskamrner der bildenden Künste, in vorbildlicher Weise einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben, an dem sich jeder im Gebiet Hessen-Nassau wohnende Architekt beteiligen kann. Bei dem großen Interesse, das hier gerade von feiten der „Privatarchitekten", die ja in erster Linie herangezogen werden, vorliegt, ist zu wünschen, daß Gießen auf diese Weise ein Heim erhält, das Anspruch darauf erheben kann, künftighin ein Denkmal des heutigen Zeitgeschehens zu sein.
Die Führung des Bannes 116 erwartet daher in ihrem Bannbereich, im Bewußtsein ihrer eigenen Pflicht und im Vertrauen auf den guten Willen und die Leistungskraft der Volksgenosjen des Kreises, eine bevorzugte Förderung ihrer Vorhaben. Helfen Sie alle mit, in geldlicher und beratender Hilfe, auch im neuen Jahre die Durchführung unserer Bauvorhaben zu beschleunigen und nach Möglichkeit die Zeit zur Errichtung der Gesamtvorhaben ahzukürzen!
Dornoüzen.
Tageskalender für AUtlwoch.
Stadttheater: 15 bis 17.30 Uhr „Schneewittchen"; 19.30 bis 22.15 Uhr „Die Geisha". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Mutterlied". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Gasparone". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr: Kunstausstellung im Turmhaus am Prand.
Sladtthealer Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute nachmittag zum letztenmal „Schneewittchen" nach Grimm von Trude Wehe. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim. Musikalische Leitung Heinz Markwardt. Tänze Irmgard Zenner. Die Vorstellung beginnt 15 Uhr und endet 17.30 Uhr. Außer Miete. — Am Abend sind et die erste Wiederholung des Operettenerfolges „Die Geisha" von Jones statt. Musikalische Leitung und Gesangstexte Joachim Popelka, Spielleitung Karl-Ludwig Lindt. Leitung und Einstudierung der Chöre Heinz Markwardt. Tänze Irmgard Zenner. Die Vorstellung findet als 14. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.15 Uhr.
Gießener Konzert-Verein.
. Für das nächste Solistenkonzert am kommenden Sonntag wurde der weltberühmte Pianist Claudio A r r a u gewonnen. Der Künstler ist im Jahre 1903 in Chile geboren und zeigte im Jahre 1914 im Alter von elf Jahren zum ersten Male in Berlin sein ungewöhnliches Können. Er wurde damals als
Wunderkind gefeiert. Bereits 1916 errang er sich den Ibach-Preis. Zweimal erhielt er den Liszt- Preis. Inzwischen hat sich das ehemalige Wunderkind zu einer ausgereiften Künstlerpersönlichkeit entwickelt, deren Weltruf allgemein anerkannt ist. Der Künstler wird Werke von Bach, Chopin und Liszt zu Gehör bringen.
Ratsherr Georg Heß
als Zollrat nach Dresden versetzt.
Oberzollinspektor Georg Heß beim Hauptzollamt Gießen wurde mit Wirkung vom 17. Januar 1938 zum Z o 11 r a t und stündigen Vertreter des Haupt- zollamtsoorstehers des Hauptzollamtes Dresden- Altstadt ernannt.
Zollrat S) eß, als Sohn unserer Nachbargemeinde Leihgestern ein treuer Oberhess', ging in jungen Jahren nach Deutsch-Ostafrika und diente dort als Beamter der Reichskolonialverwaltung feiner neuen und feiner alten Heimat. Unter General von Lettow-Vorbeck machte er als Leutnant der Reserve den Krieg zur Verteidigung unserer ost- afrikanischen Kolonie gegen die Engländer und deren Hilfsoölker mit, bis er als Typhuskranker seine Waffengeführten nicht mehr begleiten konnte und als kampfunfähiger Krieger in englische Gefangenschaft geriet. Er wurde von den Engländern . zunächst in Indien, dann in Aegypten in einem Gefangenenlager untergebracht. Nach dem Kriege und dem Verlust unseres Kolonialbesitzes kam Georg Heß, der 1918 zum Hauptmann der Reserve befördert worden war, nach Deutschland zurück. Er wurde zunächst in Berlin bei dem Ministerium für Wiederaufbau beschäftigt. Dann trat er zur Reichsfinanzverwaltung über, die ihn zur Dienstleistung dem Hauptzollamt Gießen zuteilte. Hier, wurde er Zollinspektor, dann Oberzollinspektor, bis nunmehr im Anschluß an die von ihm bestandenen Prüfungen feine Beförderung zum Zollrat erfolgte.
Im Dienste der Führers hat Zollrat H e ß im öffentlichen Leben unserer engeren Heimat eine ganze Reihe von Ehrenämtern bekleidet, die er nun nach seiner Versetzung niederlegen mußte. Er ist Sturmbannführer der SA., in der er auch in feinem neuen Wohnsitz Dresden als Gefolgsmann des Führers mitmarschieren wird. Ferner war er Ratsherr der Stadt Gießen, Kreisamtsleiter des Amtes für Beamte Kreis Wetterau, Kreiswalter des Reichsbundes der deutschen Beamten Kreis Wetterau, Mitglied des Verwaltungsrates der Bezirksspar- kasfe Gießen, Ersatz-Ortsgerichtsmann beim Ortsgericht Gießen, Beisitzer beim Versorgungsgericht Hessen im Ausschuß für Kriegsoerletzte, Kreis-Fachredner der Partei und des Reichskolonialbundes, für dessen Zielsetzung er in zahlreichen Vortrügen über seine Erlebnisse und Eindrücke in den Kolonien in Stadt und Land eifrig geworben hat.
Oöerfinanzrat Schäfer beigesetzt.
Mit einer stillen Feierstunde im Kirchlein am Alten Friedhof ging gestern der Wunsch des in Berlin verstorbenen Oberfinanzrats i. R. Adolf Schäfer von der hessischen Vertretung in Berlin, in seiner Vaterstadt Gießen die letzte Ruhestätte zu finden, in Erfüllung. Die Fülle der Kränze und frischen Blumen, die die Urne schmückten, war beredter Ausdruck für die Zuneigung und Verehrung, die sich der treue Sohn unserer Stadt trotz seiner langjährigen Abwesenheit für seine Heimat bewahrt hatte. Auch vom Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt a. M., Staatsrat Dr. Krebs, lag ein Kranz als letzter Gruß dabei. Die Turnbrüder vom Münnerturnoerein hielten mit ihrer Fahne Ehrenwache. Mit den Turnern waren viele Vertreter der ältesten Gießener Familien zu der Abschiedsfeier erschienen.
Lehrer Roth schuf mit den getragenen Weisen der „Fantasia" von Bach eine finnige Lieberleitung zu den Worten des Pfarrers Schmidt, in denen die Heimatliebe dieses Sohnes unserer Stadt nicht mehr wie ein sehnsüchtiger Wunsch, sondern wie eine dankbare Erfüllung mitschwangen. Nach einem kurzen Hinweis auf die großen Ehren, die dem Verstorbenen bereits bei der Trauerfeier iN Berlin zuteil geworden waren, zeichnete Pfarrer Schmidt
Sanft wirbelt der Schnee, die Nacht ist da. Zu unseren Füßen ahnen wir kaum noch den Strom, er schweigt. Jetzt tobt er nicht mehr gegen den Zwang des Winters, er ist weife geworden und trägt das verschneite Eis als eine Krone, den Reif der Greifen. Aber dorther, aus der Mitte des Stromes, wo der Eisbrecher die Fahrrinne ausgenagt hat, dorther kommt noch ein Rauschen, dort regt sich ein Dasein, dort atmet der Riese. Aber sein Atem geht friedlich, wir lauschen dem letzten Verhauchen bes Sterbenden, der sich dem Ende zustreckt, um aufzugehen im Meer, im Ozean, in der Unendlichkeit.
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Der Eislauf, auch er war ein Geschenk, das wir dem Fluß verdankten.
Wir übten ihn auf den Wiesen, die er überschwemmt hatte, aber dann ging nach einigen Tagen unter uns das Gerücht um: Der Fluß trägt schon, wir wollen nach Arnau laufen!
Wir btachen durch braun-vertrocknete SchiUwäl- d"r, deren Halme unter uns splitterten wie Glas, standen auf dem Eis und beschlossen feierlich, nach Arnau zu laufen, als schickten wir uns zu einer Expedition an. Denn in Arnau sollte es einen Dorfkrug geben mit prasselndem Eisenofen und dampfendem Grog — wir sind niemals dorthin gelangt, das kleine Dorf ist eine unerfüllte Sehnsucht geblieben, wir hatten die Entfernung unterschätzt.
Dennoch, um wie viel freier und freudiger bewegten wir uns hier auf dem Fluß als drinnen in der Stadt auf dem Schloßteich. Wir hatten ein Ziel, wie herrlich war es, nach einem Ziel zu laufen, die Richtung zu wissen. Hell klirrten die Stahlschienen auf der spiegelnd-dunkelblauen Flüche, sie glitten durch kleine Schneewehen sanft dahin wie durch Samt, und bisweilen ratterten sie unter unseren Sohlen. Dort war das Eis gekräuselt; das Wasser war so gefroren, wie es eben vom Winde gewellt wurde, und so war Wunderbares geschehen: gebannt die enteilende Welle, die Bewegung gefroren, die Sekunde erstarrt. Strohwische standen auf Stangen. Da waren Löcher ins Eis gehackt, den Fischen zum Atmen, und ein jedes erschien wie ein dunkler, feuchtschimmernder Blick, den ein Gefangener zur Freiheit emporhebt. Wenn wir dort niederknieten, dem Treiben bes. Flusses zu lauschen, drängten die Fische herbei; wir meinten, in ihre glotzenden Augen zu sehen, und wenn Luftblasen aus dem Wasser fliegen, glaubten wir, wir hätten Atemzug und Herzschlag der stummen Kreatur behorcht... Auch gab es immer ein Donnern und Knattern, das unter dem Eise dahin rollte, bas ermahnte an bas ewig
ftrömenbe Leben ber Tiefe — es war Aufenthalt allenthalben, so daß wir niemals an unser Ziel gelangt sinb.
Später, nach manchen Stunben, kamen Fluß, Ufer und Land noch einmal wieder und wirkten in Nacht und Traum. Beim Einschlafen fühlten wir in unseren Gliedern das Gleiten und Gaukeln des schwingenden Eislaufs, wir sahen noch einmal den ergrauenden' Himmel und die silberne Stille ber Sterne.
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Zwei Dramen von Mütter-Schcld.
Der Theateroerlag Albert Langen/Georg Müller, Berlin, hat bas Schauspiel „(Ein Deutscher namens Stein" von Wikhelm Müller- Scheib, welches 1936 im Schauspielhaus in Frankfurt a. M. uraufgeführt wurde, als Buch herausgebracht. Das Schauspiel, welches inzwischen auch in Wiesbaden, Regensburg, Bremen, Anna- berg und (Erfurt in Szene ging — eine Aufführung in Görlitz steht bevor — hat wegen ber (Eigenart ber Geschichtsauffassung, ber Kühnheit ber einzelnen Bilber unb ber originellen Kraft ber Sprache Aufsehen erregt. Von ber Sprachkraft bes Werkes schrieb bie Westfälische Lanbeszeitung: „Wir haben schon lange nicht mehr so fein abgewogene Dialoge, so messerscharfe Wortgefechte, so erregende Aus- einanbersetzungen sprachlicher Form auf ber beut= schen Bühne erlebt." Gerabe burch biefe Eigenschaften wirb bas Schauspiel auch als Buch zu einer Lektüre von ungewöhnlicher Spannung.
Im gleichen 'Verlag ist inzwischen ein Lustspiel von Müller-Scheib als Bühnenmanuskript erschienen mit bem Titel: „(Ebuarb K e i m". Der Aufführung am 11. Januar 1938 im Schauspielhaus in Frankfurt mit Direktor Salzmann als Spielleiter, Caspar N e h e r als Bühnenbildgestalter und Toni Impekoven in ber Titelrolle kann man mit großer Erwartung entgegensehen. Daß es sich bei bem Werk nicht um eine billige Unterhaltung für „Kinber unb Lasten" hanbelt, ist bei der Einstellung des Verfassers zu den Erscheinungen des Lebens klar. Friedrich B e t h g e, der Chefdramaturg der Städtischen Bühnen, der diesjährige Staatspreisträger, schrieb denn auch, daß dieser „Eduard Keim" ein „kämpferisches Gelächter" entfachen werde. — Müller-Scheid selbst sieht in diesem Lustspiel den Abschluß seiner ersten künstlerischen Schaffensperiode unb wirb in absehbarer Zeit mit einem ganz neuartigen Werk vor die l Oesfentlichkeit treten.


