Eine neue Palästina-Kommission.
Oie britische Regierung fühlt sich durch den Teilunqsvorschlag der Peel-Kommission nicht gebunden.
London, 4. Ian. (DNB.) Dienstag abend wurde eine Botschaft des Kolonialministers Orrnsby Gore an den in den Ruhestand tretenden britischen Oberkommissar für Palästina'in $orm eines Weißbuches veröffentlicht, das die neuen Vollmachten für eine Kommis- s.i o n enthält, die demnächst nach Palästina gehen soll, um dort den sogenannten Peel-Bericht, der eine Teilung Palästinas oorsah, zu vervollständigen bzw. abzuändern. Angesichts der öffentlichen Kritik an gewissen Seiten des versuchsweise vorgebrachten Teilungsplanes wolle der Kolonialminister klarstellen, daß die britische Regierung in keiner Weise zur Billigung des Peel- Planes verpflichtet sei und insbesondere, daß sie nicht den Vorschlag der Kommission für die zwangsweise Uebersiedlung von Arabern aus dem jüdischen in das arabische Gebiet angenommen habe. Die weitere Untersuchung werde zweifellos das erforderliche Material liefern, das es gestatte, den bestmöglichen Plan auf seine Gerechtigkeit und praktische Durchführbarkeit hin zu prüfen.
Es werde ein weiteres besonderes Organ genannt werden, um Palästina aufzusuchen. Es soll der britischen Regierung nach Beratung mit den örtlichen Behörden Vorschläge für einen detaillierten Teilungsplan unterbreiten. Es werde weiter die Aufgabe haben, innerhalb ange
messener Frist Vorschläge für die provisorischen Grenzen der geplanten arabischen und jüdischen Gebiete und der neuen britischen Mandate zu machen.
Wenn als Ergebnis der Untersuchungen der technischen Kommission, die zweifellos viele Monate in Anspruch nehmen werden, ein Teilungsplan von der britischen Regierung als gerecht und praktisch durchführbar angesehen roeröe, so werde er G e'n f zur Beratung unterbreitet werden. Wenn der Plan hier gebilligt werde, sei mattere Zeit erforderlich, um unter dem Mandat neue Regierungen zu errichten und zwar in den jeweils betroffenen Gebieten, und, falls die erforderliche Zustimmung gegeben werde, für die Aushandlung von 23 e r*= trägen, um gegebenenfalls unabhängige Staaten zu errichten. Es könnte notwendig werden, daß die britische Regierung angesichts des Berichtes der Kommission die Anregung der ständigen Mandatskommission erwäge, die arabischen und jüdischen Gebiete zeitweilig unter einem Kantonalsystem oder unter getrennten Mandaten zu verwalten. Es sei offensichtlich, so schließt der Bericht sehr vorsichtig, daß noch für eine gewisse Zeitdauer jede Aktion, die'die britische Regierung in Angriff nehmen werde, lediglich dazu bestimmt fei, Aufklärungenzu beschaffen.
Die Rimdsimkpropaganda im Achen Orient
Daventry gegen Van.
Die italienische Rundfunkstation Bari hat seit geraumer Zeit ihr Programm so gestaltet, daß die arabische Welt, die im Wellenbereich dieses Senders liegt, bei den Darbietungen nicht zu kurz kommt. Damit sind die Engländer ganz und gar nicht einverstanden. Sie fürchten, das vvn den Italienern Gebotene könnte bei den Arabern gewisse Syrnpa-, thien für Italien auslösen. Also ging man daran, den Londoner Sender D a v e n t r y auf „arabisch" umzustellen. Mit Beginn des neuen Jahres war es soweit, daß einige Männer ans Mikrophon des Britensenders traten, deren Namen in Dorderasien einen gewissen Klang besitzen. Theoretisch war somit das Gleichgewicht wieder hergestellt: jetzt kann Arabien „arabische" Rundfunkdaroietungen, einmal Aunb einmal italienisch gewürzt, genießen, je une und Bedürfnis des einzelnen Hörers. Immerhin besteht für den Araber am Lautsprecher doch der Zwang, sich auch für den einen oder an- deren/Senoer zu entscheiden. Denn die, Sendungen werden zur gleichen Zeit ausgeführt. Der Araber kann also nicht hintereinander die Rundfunkspeise zu sich nehmen, sondern immer nur das eine oder das andere Gericht. Was liegt also näher, so sagt man sich in Daoentry, als daß der Araber zu dem Gericht greift, das ihm die größten Genüsse verspricht. Ein.Studium der Londoner Presse läßt jedoch erkennen, daß die Italiener in Bari wohl- ausgerüstet den britischen Angriff erwarteten. Während die Engländer politische Ansprachen durch den Aether sandten, ließen die Italiener einen der beliebtesten Sänger im Nahen Orient an das Mikrophon treten. Und die arabischen Hörer, was taten sie? Sie horchten einmal in die englische, einmal in die italienische Welle hinein, um dann dort zu bleiben, wo ihnen etwas zur Erheiterung und Ermunterung geboten wurde.
Der englische Versuch, die arabischen Sendungen Baris im buchstäblichen Sinne zu „übertönen", ist nur eine Einzelheit aus einem großangelegten englischen W e r b e f e ld z u g. In ihm spielt allerdings der Rundfunk eine besondere Rolle. Neben arabi
schen Sendungen sollen künftighin auch deutsche, italienische, spanische und portugiesische Darbietungen treten. Bezeichnenderweise geht England an sowjetrussische Sendungen nur sehr bedachtsarp heran und verweist in dieser Beziehung auf eine spätere Zeit. Aber daneben soll auch eine Presse geschaffen werden, die unmittelbar für die englischen Interessen wirbt. Ganz offen wird auch zugegeben, daß in den Rahmen dieses umfänglichen Werbefeldzuges auch ausländische Zeitung en gestellt werden sollen. Diese Methode soll besonders in den südamerikanischen Staaten und im Nahen Osten angewandt werden. Endlich, will England noch mehr als bisher, getarnt oder offen, Agenten in das Ausland entsenden, die in mündlicher Rede die Interessen der Londoner Regierung vertreten sollen. Die englische Regierung hat bereits sehr erhebliche Geldmittel für diese Zwecke zur Verfügung gestellt. B. R.
Arabische Kritik.
giait Rundfunkseudungen
lieber Gerechtigkeit in Palästina.
Jerusalem, 4. Ian. (DNB.) Zu der Eröffnung der englischen Rundfunksendungen in arabischer Sprache schreibt die Araberzeitung „Addis« a", Europa richte neuerdings viele schöne Reden an die Araber. Weil die Araber früher verstreut, nunmehr aber über künstliche Grenzen hinweg vereinigt seien und fest an einen politis che n Zusammenschluß glaubten, sei den fremden Mächten die arabische Freundschaft er« strebenswert und Arabien sei ein Weltfaktor geworden. Die Araber ließen sich aber durch Rundfunkvorträge nicht einfangen! Wenn England mit den Arabern^Zusammenarbeiten und die Sympathien von Millionen gewinnen wolle, dann solle es statt mit Rundfunksendungen mit G e - rechtigkeit in Palästina anfangen. Dom Londoner Sender erwarteten die Araber eine „ganz bestimmte" gute Nachricht.
Der Irak als Vorkämpfer der arabischen IreiheilsbewegiW.
Don unserem $. A Sch -Korrespondenten.
Nachdruck verboten.
Bagdad, Dezember 1937.
Man kann wohl den Irak als den Vorkämpfer der arabischen Freiheitsbewegung bezeichnen. M e - sopothamien — der heutige Irak — hat eine Geschichte, die bis Jahrtausende vor Christus zu- rückgeht, aber kaum einen Zusammenhang mit dem Geschehen der letzten Jahre hat. Vor dem Weltkriege war Mesopothamien, das Land zwischen Euphrat und Tigris, türkisches Gebiet. Es ist das Land, in dem nach der Bibel „Milch und Honig floß" Doch diese Herrlichkeiten sind vorbei. Heute fließt in und aus dem Irak das so begehrenswerte O e l und nochmals Del. Die Türken, die Mesopothamien den Persern in einem Kriege abgerun- aen hatten, verwalteten die riesigen Gebiete, die yauptsächlich von nomadisierenden Beduinen, Arabern und sonstigen Völkerstämmen mohammedanischen Glaubens bevölkert waren, mit straffer Hand. Daß hierbei manchmal Härten vorkamen, war unausbleiblich. Denn die bewaffneten Stämme standen von jeher auf dem Standpunkt, daß das Land groß fei und der Kalif weit weg ist.
Schon um 1750 herum versuchten die vom Kalifen in Konstantinopel eingesetzten Gouverneure von Mesopothamien, Selbständigkeitsbewe- gu n g e n ins Leben zu rufen, die zeitweilig auch gelangen. Aber diese ersten Freiheitsbestrebungen Mesopothamiens waren mehr Ideengut irgendeines starken, kriegerischen Gouverneurs und seiner Sippe, als des arabischen Volkes, denn der nomadisierende Araber stand nicht hinter einer solchen Bewegung. Er kannte keine territorialen Granzen, keinen weltlichen Herrscher oder Herrn. Er kannte nur Allah und seinen Kalifen. Ob dieser nun Türke, Araber oder Berber war, spielte für den gläubigen Mohammedaner und den nomadisierenden Beduinen durchaus keine Rolle. Erst mit dem Beginn des Verfalls des Ottomanifchen Reiches, den ständigen Rückschlägen, die der Mohammedanismus in Afrika erlitt, und den großen Niederlagen der türkischen Heere in Europa, begann däs Volk, soweit es inzwischen seßhaft wurde und mit der Außenwelt Handel trieb, auch politisch zu denken, was dazu führte, daß kurz vor dem Weltkriege im türkischen Mesopothamien arabische Nationalistenvereinigungen organisiert wurden, die das Endziel hatten, eine starke Freiheitsbewegung zu schaffen, um einen arabischen Staat zu gründen, der unabhängig von der Türkei fein sollte.
Die Möglichkeit der Verwirklichung war aber nur dann gegeben, wenn auch die weltliche Macht des Kalifats — der Sultan der Türkei und der Kalif waren zu der Zeit immer eine Person — noch weiter geschwächt würde. Die Bewegung der Iungtürken schien den Irakis ein nachahmenswertes Beispiel. Es begann eine starke Propaganda, man gründete eine arabische Zeitung in Bagdad, die „Nahda", das erste Kampfblatt für die arabische Freiheitsbewegung. Fördernd kam der Ausbruch des Weltkrieges hinzu, der der arabischen Freiheitsbewegung einen gewaltigen Auftrieb geben sollte. Die Türkei trat auf die Seite der Mittelmächte, nachdem Italien im Jahre 1915 aus dem Dreibund ausgetreten war. Die Türken erblickten durch ihren Beitritt zu den Mittelmächten eine Gelegenheit, bei einem siegreichen Kriege, der ja auch gegen Italien ging, das an Italien verlorene Tripolitanien wieder zurückzugewinnen. Außerdem ging der Kampf der Mittelmächte gegen den jahrhundertealten Gegner und Rivalen am Schwarzen Meer und Bosporus: Rußland.
Der "derzeitige Sultan Abdul Hamid griff, um fein Ziel schneller zu erreichen, zu dem zweifelhaften Mittel der,Proklamierung des Heiligen Krieges, d.h. daß alle gläubigen Mohammedaner der Welt gegen die „Ungläubigen", also vor allen Dingen Christen gleich Europäer, die Waffe führen sollten. Von diesen „Ungläubigen" waren allerdings ausgenommen die Verbündeten des Kalifen, die Deutschen und Oesterreich-Ungarn. Das war jedoch ein Unterfangen, was glänzend mißglückte. Der Mohammedaner in feiner Primitivität begreift wohl, das Schwert des Islams gegen die Ungläubigen zu wenden, daß es aber unter den Ungläubigen Ausnahmen geben feilte, ging über seinen Horizont, denn davon steht auch nichts im Koran geschrieben, dem er sich blindlings fügt. Der Ruf des Kalifen verhallte ergebnislos. Die 70 Millionen Mohammedaner I n - diens nahmen gar keine Notiz von dem Appell, der Heilige Krieg brach schon bei seiner Mobilisation zusammen.
Weiter erschwerend war die politische Durchdringung des arabischen Raumes durch den englischen Geheim-Dienst, her auch die ara- bischen Stämme gegen das Kalifat aufwiegelte. Der berühmte Oberst Lawrence hat ein Buch geschrieben „Der Aufstand in der Wüste", in dem er der Oeffentlichkeit bekannt gibt, wie er während des Weltkrieges als Führer des englischen Geheimdienstes in Arabien die Araber nicht nur gegen die Mittelmächte, sondern auch gegen das türkische Kalifat aufwiegelte. Im Orient spricht neben dem Koran das Geld die deutlichste Sprache, und Lawrence kargte nicht mit englischem Gold. Aber auch mit noch was anderem wurden die Araber gewonnen, nämlich mit dem Versprechen, daß — wenn England den Krieg gewinnen würde — die Araber vom „türkischen Tyrannen" befreit würden, und daß sie ihre eigenen, selbständigen und unabhängigen arabischen Staate n bann gründen könnten. Am 15. Oktober 1916 fiel König Hussein von Hedschas, als erster Araberfürst, vom Kalifen ab und erklärte Konstantinopel den Krieg. Die Fahne des Propheten marschierte gegen die Hagia Sophia am Bosporus, den Sitz des Kalifats und des Herrschers der Türkei. Anstatt daß die Mohammedaner einen Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen führten, führten sie diesen gegen den Vertreter und Verteidiger des mohammedanischen Glaubens.
Der Irak mußte 1917 von den türkischen Truppen, die unter Führung deutscher Offiziere fochten, nach schweren Kämpfen aufgegeben werden. Die deutsch-türkischen Streitkräfte hatten noch im Jahre 1916 die gesamte im Irak kämpfende englische Armee, die sich nach Kut-el-Amara zurückgezogen hatte, eingekreist und einige Generäle, einige hundert Offiziere und mehr als 13 000 Mann englischer Truppen gefdngengenommen, die letzte Tat des Generalfeldmarschalls von der Goltz, der fein Hauptquartier derzeit in Bagdad hatte. Die Engländer stellten jedoch bald eine neue, große Armee von über 40 000 Mann unter Führung Ge- neral Maudes auf, bestehend aus frischen indischen Truppen. In Basra am Persischen Golf wurde während der Wintermonate das neue Heer
gelandet und aufgestellt. Dieser Uebtzrmacht müßten die ausgemergelten, abgekämpften Truppen weichen. Sie lieferten den Engländern nochmals eine große Schlacht am Diala-Fluß in den ersten Märztagen des Jahres 1917, doch dann kam das bittere Ende.
Mit dem Herannahen der Engländer und deren Einzug in Bagdad am 17. März 1917 glaubten die nach Freiheit strebenden Irakis, daß mit den Engländern nun auch ihre Freiheit und Unabhängigkeit ihren Einzug in Bagdad und dem ganzen Irak hielt. Aber weit gefehlt. Die Engländer verkündeten durch öffentliche Anschläge in hochtrabenden Worten wohl, daß sie als, Befreier und nicht als Eroberer gekommen seien, priesen die alte Kultur und Kunst Mesopothamiens, die jahrtausendealten Wissenschaften und versprachen dem Lande eine eigene Regierung — — wenn die Bevölkerung bereit sei, mit den englischen Behörden und der Armee z"u s a m m e n z u arbeiten. Doch es war nur ein Versprechen und monatelang geschah gar nichts. Die Engländer richteten ihre eigene Verwaltung ein, es wurden immer mehr Truppen in den Irak gezogen und je mehr die Engländer ihre Macht im Irak festigten, um so weniger hörte man von der Erfüllung des den Arabern gegebenen Versprechens: Freiheit und eigene Regierung. Die Araber wurden unruhig. Da überraschten im November 1918 die Engländer die Araber mit einer neuen Proklamation, in der zum Ausdruck kam, daß man den arabischen Ländern Irak, Syrien, Libanon wohl eigene Regierungen bewilligen wolle, daß das aber nur unter dem Schutze und der Aufsicht von England und Frankreich geschehen könne. Von Freiheit hörte man nichts mehr. England hatte seine Soldaten nur auf den Schlachtfeldern Arabiens ja nicht für die Freiheit anderer Völker bluten lassen, sondern in Wirklichkeit ging es England nur um den Besitz der riesigen Oelfelder im Mossul-Gebiet. Am 25. April 1920, also fast zwei Jahre nach der Besetzung, schlug England sich den Irak a l s „M andat" zu. Die Araber aber fühlten sich betrogen.
Der Irak war nun militärisch für England gesichert. Seine Besatzungstruppen rekrutierte der englische Oberstkommandierende fast ausschließlich aus dem christlichen Völkerstamm der Assyrer, die selbst ihre, eigene Unabhängigkeit von den Arabern erstrebten. Daher waren die Assyrer die geeignetsten Soldaten, um Revolten der Araber niederzuhalten. Die irakischen Araber, ihre Freiheit ersehnend, empfanden die Engländer nun aber ebenso sehr als „Tyrannen und Bedrücker" wie vorher die Türken. Wiederum organisierten sich irakische Freiheitskomitees, und im Juni 1920 brach eine große, offene Revolte — dies
mal gegen England — aus. Die Engländer verhafteten die Führer des Freiheitskomitees, die verschickt wurden. Und wieder verwandelte sich 6er Irak in blutiges Kriegsgebiet. Ein Kleinkrieg entstand im ganzen Lande. Die Sicherheit der Engländer schwand von Tag zu Tag. Englische Offiziere wurden auf offener Straße in Bagdad und in anderen Städten ermordet — viele englische Soldaten mußten die Politik ihrer Regierung mit dem Tode bezahlen. England aber war nach den Strapazen des Weltkrieges nicht mehr in der Lage, erneut einen Krieg in Arabien zu beginnen, auch im englischen Parlament wurden Stimmen laut, nun endlich mit dem Kriegführen Schluß zu machen.
Die Araber-Revolte war erfolgreich. Sir Percy Cox wurde über Nacht zum „Oberkommis - s a r" im Irak ernannt, und bei seiner Ankunft in Bagdad verkündete er, daß England nunmehr bereit sei, dem Lande die eigene Regierung zu gewähren. Unter englischer Aufsicht wurde die erste Regierung gebildet, die englische Geschicklichkeit ging aus der Tatsache hervor, daß die erbittertsten arabischen Gegner Englands, die Kämpfer und Führer der irakischen Freiheitsbewegung, in diese Regierung ausgenommen wurden. Die arabische Freiheitsbewegung trat ihren Siegeszug an. Ein halbes Jahr spater tra£ auf Anregung von Winston Churchill in Kairo eine Konferenz zusammen, die sich mit der Regelung der schwierigen Fragen des gesamten Nahen Ostens beschäftigen sollte. Die Interessen des Irak auf dieser Konferenz wurden von Sir Percy Cox, dem Mandatskommissar, dem englischen Oberbefehlshaber in Mesopothamien General Haldane (dem Nachfolger des Generals Maude, der inzwischen in Bagdad verstorben war im gleichen Hause und im gleichen Zimmer, in dem Generalfeldmarschall d. d. Goltz gestorben war) sowie dem ersten irakischen Kriegsminister der provisorischen Regierung General Jaffar el-Askari wahrgenommen. (Dieser wurde im vergangenen Jahr bei dem Staatsstreich Beker Sidkis am 29. Oktober erschossen.)
Dieses Mal siegten die Araber nun auch am Konferenztisch. Die Versammlung faßte den Beschluß, dem Irak völlige Freiheit zu gewähren, als selbständiges, arabisches Königreich sollte das Land nun seine Form gewinnen. Emir F a i f f a l, Sohn des Königs Hussein von Hedschas, wurde zum König vorgeschlagen. Mit drei Viertel der Stimmen der Bevölkerung wurde Faissal zum König gewählt, nachdem er vorher die Verpflichtung eingegangen war, daß die Regierung des Irak eine Verfassung erhielt, parlamentarisch und fest an ein Gesetz gebunden sei. Im August 1921 wurde Faissal in Bagdad zum König gekrönt. Die Araber hatten sich nun ein eigenes Königreich
und einen König erkämpft. Das englische Mandat wurde vorübergehend in ein Protektorat umgewandelt, und auch dieses aufgehoben, als der Irak im Jahre 1930 der Genfer Einrichtung beitrat. Der Irak war nun ganz selbständig, die arabische Freiheitsbewegung hatte hier auf der ganzen Linie endlich gesiegt. Der englische Einfluß bleibt jedoch b e st e h e n. Durch ein Militärbündnis und einen Freundschaftsvertrag sichert sich England zwei militärische Flugstützpunkte im Lande, durch einen Handelsvertrag fiel England die ganze Ausbeute an irakischem Oel zu. Als territorialen Besitz hat England den Irak verloren — dafür hat es aber doch sein Petroleum gewonnen.
Im Jahre 1933 kam nochmal ein kritisches Stadium für den Bestand des neuen Staates. Die von den Engländern aus dem Militärdienst entlassenen assyrischen Soldaten, einige Tausend arj der Zahl, die eine gutausgebildete und gutausgerüstete Truppe darstellten, denen die Engländer merkwürdigerweise bei der Entlassung die Waffen belassen hatten, wollten nun ebenfalls ein. eigenes Land, ein unabhängiges Assyrien schaf« fen. Ihr Wunsch mußte ungehört verhallen. Die den Assyrern gegebenen Versprechen hatte man tatsächlich bei der Schaffung des Irak vergessen. Die Assyrer ihrerseits unternahmen einen Aufstand gegen den arabischen Irak. Unter den Maschinengewehren der irakischen Araber brach der Aufstand bald zusammen. Einige tausend assyrische Männer, Frauen und Kinder wurden an einem einzigen Tage dahingernordet, man verbrannte ihre Dörfer und verwüstete ihre Aecker. Beker Sidki, der am 12. August dieses Jahres ermordete Generalstabschef konnte für sich in Anspruch nehmen, den Assyrer-Aufstand an einem Tage niedergeschlagen zu haben. Er hatte als Kurde, also als Nichtaraber, den arabischen Staat gerettet. König Faissal starb kurz darauf nach langem, schwerem Leiden in der Schweiz. Sein Sohn Ghasi bestieg als König Ghasi I. den Thron. Heute ist die 24. Regierung, die Regierung Matfai, am Ruder des parlamentarisch regierten Königreiches. Die 23. Regierung Hikmat Sulaiman war in Wirklichkeit eine Diktatur Beker Sidkis, die auf heftigsten Widerstand im Lande stieß, da sie, wie man sagte, nicht verfassungsgemäß regierte. Sie wurde beseitigt durch die Ermordung Beker Sidkis, dem man auch noch vorwarf, er strebe nach Beseitigung des Königtums im Irak. Ihm soll vorgeschwebt haben, es Atatürk gleichtun zu wollen. Jnnerpolitische Kämpfe im Irak gibt es kaum, bei den Regierungswechseln sind wohl religiöse Gesichtspunkte auch mitsprechend. Der Irak war der Vorkämpfer der arabischen Freiheitsbewegung, und alle Anzeichen sind dafür vorhanden, daß er, als mächtigster arabischer Staat mit einer Armee von 40 000 Mann, auch weiterhin die Stütze im arabischen Freiheitskampf für ein Groß-Arabien bleiben wird.
Verdientes Schicksal.
Die Polnischen Kommunistenhäuptlinge Opfer Staüns.
Warschau, 5. Jan. (DNB. Funkspr.) Der regierungsfreundliche Expreß Poranny beschäftigt sich mit dem Schicksal des Vorstandes der polnischen kommunistischen Partei, der seinen Sitz in Moskau hatte. Sämtliche komm- nistischen Oberhäuptlinge, die aus Polen stammen, seien entweder erschossen worden ober seien spurlos verschwunden. Man wisse nicht einmal, welcher von den Agenten Stalins und Jeschows augenblicklich der Oberhäuptling der polnischen kommunistischen Partei in Moskau darstelle. Jetzt seien die letzten Schleier gefallen, die das wahre Gesicht des Kommunismus in Polen noch verdeckten. Jetzt stehe der Kommunismus in seiner ganzen Nacktheit da als ein Werkzeug der Moskauer Gewalthaber zur Beseitigung der polnischen Unabhängigkeit. Die polnischen Kommunisten würden jetzt von den Machthabern des Kremls als „Verräter, Volksfeinde^ Spione und Schädlinge" gebranbmarft. Zweifellos feien sie Verräter und Feinde der polnischen Unabhängigkeit gewesen. Die aus Polen stammenden Kommunisten, die sich in den Dienst Sowjetrußlands einspannten, hätten als Ziel ihrer Tätigkeit mit Bestimmtheit die Rolle von Kommissaren gesehen, die Polen nach Weisungen Moskaus verwalteten. Jetzt fei ihnen ein schimpfliches Ende von der Hand derer zuteil geworden, denen sie dienten. Der Spruch des Schicksals sei hart, aber verdient.
Lord Londonderry fordert klare Außenpolitik.
Keine unnötige Brüskierung Deutschlands.
London, 4. Ian. (DNB.) Lord Londonderry erklärt im „Newcastle Journal": Das Jahr 1938 beginne mit guten Aussichten. Die Genfer Liga existiere im gegenwärtigen Augenblick praktisch nicht mehr, weil viele Großmächte niemals Mitglieder gewesen seien ober ihre Mitgliedschaft aufgegeben hätten. Je eher man sich aber vergegenwärtige, baß ein wirklich internationales Verstehen nicht vorhanben fei, um so wahrscheinlicher könne man eine internationale Körperschaft bilben, die, ohne Befugnisse aggressiver ober militärischer Art zu besitzen, bie Vertreter der Nationen der Welt zu einer Konferenz einlaben könnte, in der sie entsprechend ihrer Wichtigkeit und Stärke vertreten sein würden. Man dürfe vielleicht sagen, daß die englische Außenpolitik in den letzten Jahren opportunistisch gewesen sei, und daß die führenden Politiker zu wenig getan hätten, um Miß - d e r ft ä n b n i f fe z u verhüten, die niemals hätten aufkommen sollen^ unb bie man scheinbar nicht mehr aus bem Wege räumen könne.
Die Behandlung Deutschlanb seit dem Kriege sei ä u ß e r st u n s i n n i g. Die Theorie, daß Deutschland für immer der Angreifer sein werde, zeige einen fast unglaublichen Mangel an Geschichtskenntnis. Die ständige Weigerung, Deutschland zu helfen, nachdem es im Kriege, durch die Revolution erschöpft, unterlegen unb wohlüberlegten Unterbrückungen und Strafen unterworfen war, von denen einige wirklich ungerecht unb unnötig gewesen seien, habe bie gegenwärtige Lage hervorgerufen, in ber jede Anstrengung Deutschlands mit Furcht unb Verdächtigungen angesehen werbe. Abgesehen von dem englischen Plan habe Deutschland den einzigen wirklichen Beitrag zur Rüstungsbeschränkung geleistet, indem es einer Flottenstärke von 35 v. H. der englischen zu- ftimmte. Ein ähnlicher Vorschlag Deutschlands auf dem Gebiete der Luftrüstungen sei abgelehnt worden. Die unvermeidliche Folge sei gewesen, daß die .Deutschen ebenfalls ausgerüstet hatten. Es fei zu


