scheidunYen über die Grenzen mit Polen und Ungarn würden mit einer allgemeinen Erleichterung ausgenommen werden, denn sie bedeuteten das Ende der bisherigen Unsicherheit auch in diesen Gebieten und gäben der Tschecho-Slowakei endlich die f e st e Grundlage für den Neuaufbau des Staates auf politischem und wirtschaftlichem" Gebiet. Die Schlagzeilen der Blätter geben der Enttäuschung Ausdruck, die der Schiedsspruch in Prag auslöste. Dabei versucht der „Derer" trotz der scharfen Zensuroorschriften, die solches eigentlich verbieten, die Schuldfrage an den Geschehnissen der letzten Wochen aufzurollen. Der Vorsitzende der slowakischen Landesregierung, Dr. Ti so, ist bereits nach Preßburg zurückgekehrt. Er erklärte, daß, wenn nicht München gewesen wäre, die ganze Slowakei zwischen den Nachbarstaaten aufgeteilt worden wäre. Trotz aller Verluste bedeute der Schiedsspruch also doch einen Erfolg. Dr. Tiso forderte die Bevölkerung der abzutretenden Kreise auf, auf ihren Posten zu verbleiben und die Ortschaften bis zur Erledigung der Optionsfrage nicht zu verlassen. Aufgabe der slowakischen Intelligenz sei es, nicht wegzulaufen, sondern dem übrigen slowakischen Volk nunmehr Führer zu sein.
Vor Verhaftung eines weiteren karpatho-ukrainischen Ministers.
Uzhorod, 3. Noo. (Europapreß.) Die erste innenpolitische Rückwirkung der Abtretung des Gebietes von Uzhorod und Munkatsch an Ungarn dürfte im Rücktritt des zum bevollmächtigten Ministers für die Grenzziehung zwischen der Slowakei und der Karpatho-Ukraine bestellten Mitgliedes der karpatho-ukrainischen Landesregierung, Abgeordneten F e n c i k, bestehen. Man nimmt an, daß ähnlich wie im Falle Brody die Regierung zu seiner Verhaftung schreiten wird. Man wirft ihm vor, daß er für die Abtretung der Karpatho-Ukraine gearbeitet und sich daher des Landesverrats schuldig gemacht habe. In der „Nova Svoboda", dem Organ des Vorsitzenden der karpatho-ukrainischen Landesregierung, Dolosin, wird Brody vorgeworfen, 20 Jahre lang vom Ausland Bestechungsgelder empfangen zu haben, um Mißtrauen und Zwietracht in die ukrainische Bevölkerung zu tragen. Brody sei jedoch nicht allein in dieser Richtung tätig gewesen. Brody gehört dem autonomen Landbund an, Fencik der russischen Nationalpartet, doch haben diese beiden politischen Gruppen melfach gleiche Ziele verfolgt und auf der Basis des von der Regierung Voiosin aufgelösten russischen Nationalrates eng zusammengearbeitet.
Die in der Tschecho-Slowakei verbliebenen Deutschen.
Prag, 3. Noo. (Europapreß.) Abgeordneter Kundt, der Führer der noch im Staatsverband der Tschecho-Slowakei verbliebenen Deutschen, hatte dieser Tage Aussprachen mit Ministerpräsident S i - r o v y , Außenminister Chvaltovsky, Innenminister Czerny und anderen Persönlichkeiten des politischen Lebens. Wie wir erfahren, steht die Frage eines Staatssekretariats nicht zur Erörterung. Abgeordneter Kundt hat auch nicht die Absicht, eine politische Pa.rtei zu gründen, sondern er überprüft die Möglichkeiten, um auf rascheste Weise in einer den Verhältnissen in Böhmen und Mähren entsprechenden Form dem im tschecho-slowakischen Staatsverband verbliebenen Deutschtum das Schicksal zu erleichtern und die Zukunft entsprechend gestalten zu helfen.
45000 Sudetenkinder fahren in« Altre'ch.
Berlin, 3. Noo. (DNB.) Durch die NSV. wer- den jetzt im ersten Drittel des Monats November 17 000 Kinder aus dem sudetendeutschen Gebiet zur Erholung ins Altreich geschickt. Aus allen sudetendeutschen Gebieten fahren die Sonderzüge, die durchschnittlich etwa 800 Kinder mitführen. In den Gau Groß-Berlin kommen sechs Sonderzüge, nach Thüringen werden neun, in den Gau Sachsen vier und Nach Pommern ein Sonderzug eingesetzt. Die 17 000 Kinder werden sechs Wo chen im Altreich bleiben, um dann erholt und gekräftigt wieder zu ihren Eltern zurückzukehren. Sie werden abgelöst durch n e u e Transporte, die dann bis zum Weihnachtsfest wieder zurückfahren. Insgesamt werden im Rahmen dieser
Aktion 4 5 000 Kinder aus dem Gau Sudetenland auf die 35 Gaue des Altreiches und auf die Heime der NSV. im Altreich verteilt werden
Oiellebernahme-Heier in Neichenberg
München, 3. Noo. (DNB.) Bei der am Sorns- tag stattfindenden Uebernahmekundgebung in Reichenberg werden die Fahnen der Sudeten- deutschen Partei durch Rudolf Heß in die Obhut der NSDAP, übernommen werden. Die Blutfahne d e s 9.Novemer 1923 wird zum Zeugnis dieses feierlichen Geschehens für den 5. November nach Reichenberg gebracht werden. Lustschuhdebatte im
London, 4. Noo. (DNB.) Das Unterhaus befaßte sich mit dem Luftschutz bzw. der Labour-Abge- ordnete Morrison beantragte, das Unterhaus möge seine tiefe Besorgnis über die zugestandenen Lücken im Derteidigungssystem der britischen Zivilbevölkerung zum Ausdruck bringen. England befinde sich in einem „Zustande der völligen Unzulänglichkeit des Heimatverteidigungssy- stems". Innenminister Sir Samuel Hoare erklärte, daß kein Problem der britischen Verteidigung so schwierig sei wie das der Heimatverteidigung. Trotzdem könnten die bisher von der britischen Regierung getroffenen Maßnahmen zum Schutze der Heimat mit denen aller anderen Länder einen Vergleich aushalten, mit Ausnahme jener Länder, wo man bereits beträchtlich früher damit angefangen habe. Der britische Luftschutz benötige für den Kriegsfall eine halbe Million Freiwillige.
Der neuernannte Lordsiegelbewahrer und Minister für die Heimatverteidigung Anderson erklärte, man dürfe nicht annehmen, daß alles in sechs Monaten, einem Jahr ober zwei Jahren fertig sei. Er werde mit seiner Arbeit.so schnell wie nur möglich oorangehen. Allerdings werde der Aufbau des britischen Heimatschutzes auch neue Kosten erforderlich machen.
Kriegsminister Höre Belisha erklärte, daß man der Verteidigung gegen Luftangriffe dieselbe Aufmerksamkeit schenken müsse, wie man sie immer der Erhaltung der Flotte zugewandt habe. 1936 habe man* die erste Luftabwehrdivision in Stärke von 2500 Mann geschaffen. Ihre gegenwärtige Stärke belaufe sich auf 45 000 Mann. Die Regierung sei zu dem Entschluß gekommen, fünf Luftabwehrdivisionen der Territorialarmee in Stärke von 100 OOO Mann zu schaffen, die auf das ganze Land verteilt seien. Höre Belisha machte dann nähere Ausführungen über ver-
Drei neue 35000-Tonnen-Kriegsschiffe für USA.
Washington, 3. Nov. (Europapreß.) Das Kriegsministerium vergibt auf dem Wege der Ausschreibung den Bau von drei Panzerschrffen von je 35 000 Tonnen. Die Baukosten werden auf 165 Millionen Dollar (rund 410 Millionen Reichsmark) veranschlagt. Das Kriegsmarineministerium hat als Bedingung gestellt, daß die drei Kriegsschiffe in s p ä - testens 52 Monaten, also im Frühjahr 1943, fertiggestellt sein müssen.
britischen Unterhaus schiedene Flugabwehrgeschütze, die in der englischen Armee eingeführt werden sollen und fuhr bann fort: Der Zustarrb der Rückständigkeit werde nicht andauern. Jeden Monat werde die Nation stärker werden. Das Unterhaus lehnte darauf den Antrag der Opposition mit 355 gegen 130 Stimmen ab.
„Times" schreibt, die Haltung des Hauses habe nicht darauf hingedeutet, daß man mit dem Stand der Luftabwehr voll zufrieden fei. Die kurzen Ausführungen Sir John Andersons, des Ministers für die Heimatverteidigung, hätten einen höchst günstigen Eindruck von feiner Energie und feinen Ansichten gemacht. Trotzdem hoffe man, daß er in Kürze der Oeffentlichkeit noch ein klares Bild sowohl von seinen Plänen wie auch von seinen Vollmachten geben werde. Die Oeffentlichkeit, so habe der Labour-Abgeordnete Morrison sehr richtig gesagt, werde sich niemals mit einer zivilen Ausgabe des Verteidigungsministers zufrieden geben. Anderson sei nicht allein für den Luftschutz zuständig. Seine wirklich wichtige Aufgabe liege in der Organisierung des vorhandenen Menschenmaterials, damit im Notfälle die richtigen Leute auch am richtigen Platz zur Verfügung stünden. — „Daily Telegraph" ist der Ansicht, daß im Hintergrund der gestrigen Debatte wahrscheinlich das Zögern stehe, ein N a t i o n a l r e g i st e r für den Nationaldienst anzunehmen oder abzulehnen. Ohne dieses Hilfsmittel könne man sich kaum vorstellen, wie derartig weitreichende schwierige Vorbereitungen wirksam werden sollen. — „Daily Mail" begrüßt es vor allem, daß bombensichereUnterständefür die Zivilbevölkerung angelegt werden sollten. Das Blatt unterstützt nachdrücklich den Appell Morrisons, den Minister für die zivile Verteidigung auch mit den notwendigen Vollmachten auszurüsten.
Englands „Minister für die zivile Verteidigung"
Von unserem IX Ts.-Korrespoudenten.
London, 3. Poyember 1938.
Diele englische Propheten sind am 31. Oktober von Chamberlain widerlegt worden. Es hat k e i n e K a - binettserweiterung gegeben, von ber man so lange gesprochen hatte, sondern der Premier bescherte England eine Kabinetts-,.Verengung", von ber niemand „gewußt" hat. Zwei Männer sind ins neue Kabinett eingetreten: Lord Runciman, ber ehemalige Berater ber Prager Regierung während ber sudetenbeutschen Krisis, unb S i r John Anberson, — für die meisten Engländer heute ber geheimnisvolle Mann im, unb vor der Kabinettsumbildung ber „starke Mann" hinter bcm Kabinett. Am 31. Oktober gegen 19.20 Uhr wurde Sir John Anderson nur als Lordgeheimsiegelbewahrer bezeichnet. Am Nachmittag des 1. November nannte ihn ber Kabi'nettschef zusätzlich „M t - nifter für zivile Verteibigung". Sir John ist in ber Tat das, was er nach außen hin zuerst nur zusätzlich fein sollte. Lorbgeheimsiegelbe- wahrer würbe er, weil Chamberlein kein zusätzliches Ministerium schaffen wollte.
aber in ber Tat wirb dieser Minister ber Minister f ü r bie zivile Derteibigung fein." Mit biefen Worten hat Chamberlain Sir John Anberson vor bem englischen Volk den Auftrag gegeben, eine Maschinerie ins Laufen zu bringen, bie nach Ansicht nicht weniger Engländer trotz monatelangem, ja fast jahrelangem Hin unb Her noch nicht in Gang gebracht werben konnte. Anderson soll gleichzeitig mit dem Innen-, Gesundheits-,
Erziehungs- Wirtschafts-, Verkehrs-, Post, unb Arbeitsministerium zusammenarbeiten, um bie notwendigen Schritte zur Organisierung eines „freiwilligen nationalen Dienste s" zu ergreifen. Anderson wird Vorsitzender zweier Ausschüsse fein, bie aus den Leitern bzw. höheren Beamten dieser verschiedenen Ministerien zusammengesetzt sind. Die beiden Komitees werden eingeglis- bert in ben Empire-Verteibigungsaus- schuß. Anberson wirb ein bauernbes Mitglied dieses Ausschusses. Dadurch soll bie Ausrichtung bes zivilen Dienstes auf bie aktiven Derteidigungsdienste gewährleistet werben.
Es gibt in Enaland Leute, bie behaupten, mit der Ernennung Andersons zum verantwortlichen Minister für Luftschutz unb bie sonstigen Gebiete ber zivilen Verteidigung habe Chamberlain der Ovposition schon von vornherein den Wind aus den Segeln ihrer Kritik an ber Luftschutzorganisation genommen. Man begrünbet bas mit bem Hinweis, auch bie Opposition würde die Person Andersons nicht anzutasten roaaen. Diese Einstellung ist bezeichnend für die WMschätzung, die Anberson heute in weiten Kreisen ber englischen Bevölkerung genießt. Er ist für nicht wenige ein „toller Kerl", Draufgänger, Alleswisser und Alleskönner. Kurz, er ist heute ber Stern am politischen Himmel. Die Propaganda ber sensationslustigen englischen Presse hat ein gutes Teil battir gesorgt, baß er bas geworden ist. Anfang 1932 wurde er zum Gouverneur von Bengalen ernannt. Dieser Posten
war ein Posten der Ehre und der Gefahr. KavM war er. da, machte man ihn zum „meist beschissenen Mann ber Welt", bichtete ihm bie gefährlichsten Räuberpistolen an unb machte ihn so langsam, aber sicher zum kleinen Nationalhelden, der dem Attentat eines Inders genau so ruhig und gelassen ins Auge schaut wie ein gewöhnlicher Sterblicher dem Servieren eines guten Abendessens. Immerhin, f t eben Attentate soll Anderson erlebt unb überlebt haben. Als er Bengalen verließ, war^-bort bas Pflaster zwar noch immer heiß, aber nicht mehr so heiß wie zuvor.
Als Anderson, gelobt unb gerühmt von Presse unb öffentlicher Propaganda, nach England zurück- kam, fing man an, ihm unheimliche Kräfte zuzu- schreiben. Ein Mann, der mit dem indischen Terrorismus fertig geworden war, mußte unbedingt auch mit der englischen Parteipolitik fertig werden. Er wurde Nachfolger des Ende 1937 verstorbenen früheren Ministerpräsidenten Ramfay M a c d o n a l d als Parlamentsabgeordneter der schottischen Universitäten. Bis zu seiner Ernennung zum Kabinettsmitglied ist er somit kaum ein Jahr Unterhaus^abgeordneter gewesen — für englische Verhältnisse auch eine Leistung. Der heute 56jäh- rige hat aber schon vorher hinter bie Kulissen ber Regierung geschaut.
Zielbewußt und strebsam wie nun einmal bie Schotten sind, scheute sich auch Sir John nicht, die Staatslaufbahn von „unten" anzufangen. Als erster wichtigerer Posten ist seine Beschäftigung als ständiger Unterstaatssekretär im Innenministerium zu nennen. Ständige Unterstaatssekretäre sind bie Männer, die nicht nur länger im Amt bleiben als ihre Chefs, die von der parlamentarischen Maschine abhängigen Minister, sie sind auch Männer, die alles wissen, alles gesehen, alles gehört, alles geahnt unb nichts verraten haben müssen. Anderson soll diese Vorzüge wie selten ein Mensch in sich vereinigt haben. Er muß ein guter Beamter gewesen fein, der auf ber einen Seite genau war, auf ber anderen jedoch mit allen verknöcherten ebenso fertig würbe wie mit bem indischen Terrorismus Er wurde so gut damit fertig, baß aus bem Beamten ein Parlamentarier wurde. Hätte er bas nicht gefchaf't, wäre er heute nicht Minister
Anberson ist noch ein junger Mann Im englischen Kabinett ist man mit 56 Jahren noch jung, unb er soll sich auch noch als junger Mann fühlen und dementsprechend leben. Zu seinem Lode schrieb ber „Eoening Stanbard" am 1. November: „Das Kabinett gewinnt in Sir John Anberson einen deutschen Scholare n." Anderson hat in Leip- va Philosophie studiert. Außerdem besuchte er die > Universität in Edinburgh. Er ist nicht in ben Büchern steckengeblieben. Man ho'st heute, er werbe auch nicht in den Stammrollen steckenbleiben, sondern M'ttel unb Wege finden, an Stelle ber ab gelehnten Anlagepflicht einer nationalen Stammrolle etwas anderes, nicht aber wirkungsloseres auf die Beine zu stellen, um alle Kräfte ber Nation zusammenzubringen. Chamberlain hat ihm bie-fes Ziel aefteckt unb betont, es könne auf freiwilliger • Basis erreicht werben, „vorausgesetzt, baß bieses Unternehmen richtig geleitet unb organisiert wird". England erwartet, daß der ehemalige Gouverneur von Bengalen Schneid unb Geschick genug hat, biefe Aufgabe zu lösen. Gleichzeitig aber wartet man darauf, baß Anderson in Zukuntt als verantwortlicher „Minister für bie . zivile Derleidiaung" im Unterhaus alle Angriffe gegen bie Politik ber Re- aierung auf diesem Gebiet wird abschlagen können. Dieses Feld des Zweikampfes ist das einzige, das ber „meistbeschossene Mann ber Welt" bisher noch nicht betreten hat.
3opdnjfd>e ßr^ofae am Zonale
London, 4. Nov. (Europapreß.) Japanisch-n Streitkräften gelang es, bie am Jangtse gelegene (Stabt Kiayu einzunehmen, ohne daß bie Chinesen namhaften Wiberstattb geleistet hätten. Die Stabt liegt 73 Kilometer sübwestlich von Wutschang. Eine anbere japanische Abteilung konnte bis in bie Dor- stcibt von P^tschi am Ostufer des Jangtse bei Sinti Vorbringen. Don chinesischer Seite wird behauptet, baß bie japanischen Truppen zwischen Tun- feng unb Putschi beträchtliche Verluste erlitten hätten, ba sie von starken chinesischen Streitkräften mit Unterstützung ber Luftwaffe hätten einaefreift werben können. In S ü b ch i n a sind bie Kamvf- hanblungen zum Stehen gekommen. Nur bie am West-Fluß gelegene Stabt S ch i u h i n g würbe von japanischen Bombenflugzeugen beworfen. Die japanischen Flotteneinheiten befinden sich auf ber
Eisbärkamps.
23 on Olav Sölrmmd.
Das feit Tagen bauernde Schneetreiben hatte aufgehört. Selbst das Kartenspiel in bem burch Tran- lampen erhellten unb erwärmten Iglu (Schnee- Haus ber Eskimos) vermochte bie töbliche Langeweile nicht mehr zu bannen. Alle Nerven waren gereizt, jedes Wort drang spürbar wie ein Peitschenhieb in den Schädel. Endlich war dies zu Ende. Soeben kehrt Sergeant Hopkins, von der „Royal Canadian Mounted Police“, die hier im äußersten Norden um Kap Bathurst die Ordnung unter den Radiumsuchern aufrecht erhalten sollte, vom Eingang der Eishütte zurück und sagte: „Meshures, dieser blutig verdammte Schneesturm hat ein Einsehen gehabt und sich verzogen. Wollen doch mal sehen, was dies Lüftchen mit unseren Brocken gemacht hatl" Don draußen klang nun auch das Heulen der Hunde, bie sich hinter ber Eisschutzmauer aus bem Schnee gekrabbelt hatten. Wir zogen unsere Pelze über, reckten unsere halbsteifen ©lieber unb schlüften einer nach bem anderen zum Eingang.
Durch den Höllenlärm ber Hunde waren auch die Eskimos in den benachbarten Iglus lebendig geworden. Ueberall sah man Schneebrocken fliegen unb Köpfe aus ben verwehten Eingängen zum Vorschein kommen. Die Wahinis, bie Eskimofrauen und Mädchen tanzten ausgelassen umher und freuten sich auf ein neues „Kau-Kau", denn alle Vorräte waren in den letzten Tagen aufgezehrt worden, und nun würde wohl wieder Seehundfleisch ober gar saftiges Eisbärfleisch in die leeren Kessel kommen.
Ich hatte bie Schneeschuhe angeschnallt unb eilte hinter Hopkins her. Etwa eine Meile vom Lager entfernt türmte sich ein mächtiger Hügel über ber weißen Ebene. Durch zusammendrängende Eismas- fen war er im Laufe der Zeit emporgewuchtet. Schroff standen feine Grate gegen den noch grau- verhängten Winterhimmel. Der Sturm hatte allen Schnee abgefegt und damit die Schrunden unb Risse ausgefüllt. Von Nörben, aus dem ber Sturm geweht hatte, war biefer Hügel leicht zu ersteigen, Da gewaltige Schneemassen sich davor gestaut hatten. Seitwärts in der Tiefe sahen mir unsere Iglus und bk der Eskimos aus der Grellheit bes Schnees auf
ragen. Ameisenklein unb fast unbeweglich sahen 1 wir unsere Kameraben an ber Wiederherstellung I ber Wohnhütten arbeiten, bie ber Sturm fast ganz vergraben hatte. Dieser fürchterliche Sturm, ber so । mutlos macht. Aber ber Lebenswille ist stärker als alles, und ein strahlenber Tag, der erste nach langer, langer Zeit, ermutigt auch den Müdesten.
Gegen Norden zu erstreckte sich weißglänzend, hin und wieder unterbrochen durch stahlblaue, aufragende Eiswände, die See. Hopkins schaute angestrengt hinüber. Plötzlich knurrte er ein „Damned!“ Aufmerksam geworden folgte ich seinem Blick. Da sah ich nahe am Rande det Bucht zwei gewaltige Klumpen sich bewegen. Schon faßte Hopkins seine Büchse fester. Auch ich nahm die meinige fest unter den Arm unb heidi ginge den Hang hinab. Das wäre ja ein wirklich „gefundenes Fressen", zwei Eisbären so nahe und schußbereit vor uns. Der Schnee stob in Wolken" hinter uns her. Die Bären mußten uns bemerken. Aber nichts zeigte, daß sie Notiz von uns nahmen. Lautlos umkreiste das größere Tier seinen Artgenossen, der nur immer mit dem Kopfe dem Weg seines Gefährten folgte.
Wir waren mittlerweile auf etwa hundert Meter nahe gekommen. Da sahen wir plötzlich, wie der kreisende Bär sich mit einem gewaltigen Satz auf den anderen stürzte Ein gewaltiger Kampf entspann sich. Uns stockte der Atem. Zuweilen hatten uns Tramps und Fallensucher von Eifersuchtsszenen unter dem Großwild berichtet. Wir hatten es nicht glauben wollen. Nun waren wir selbst Zeugen eines solchen Dramas. Hopkins wollte seine Büchse anlegen. Ich bedeutete ihm, es sein zu lassen. Ich erinnerte mich der gewaltigen Kämpfe forkelnder Hirsche zur Brunstzeit. Hier aber mußte etwas anderes bie Tiere gereizt haben Es waren Männchen unb Weibchen. Das zur Raserei getriebene Männchen hatte bas Weibchen im ersten Ansprung geworfen Aus einer Nähe von fast fünf Meter sahen wir bem Kampfe zu. Wir hörten bie Knochen der armen Bärin krachen. Ihr Widerstand war erlahmt. Wieder unb wieder sauste die Tatze des Bären auf sein Opfer, grub sich sein Maul In ben Körper ber Bärin, in dem kaum noch Leben war. Schließlich schleppte ber Bär sein Opfer zum Wasser und tauchte es hier solange unter, bis es fein Lebenszeichen mehr gab. Dann zog er bie Bärin wieder hervor unb schleppte sie, bie ihre fünf Zentner wiegen mochte, eine Zeitlang am Strande hin unb her.
Im Banne dieses. gewaltigen Geschehens hatten wir uns nicht von ber Stelle gerührt. Auch der Bär hatte sich von unserer Anwesenheit nicht beeinflussen lassen. Jetzt erst, als er sich müde getobt hatte, ließ er sein Opfer fallen unb witterte zu uns hinüber. Währenb des ganzen Kampfes war kein Laut außer bem Krachen ber Knochen hörbar geworben Nun erzitterte bie Luft von einem gewaltigen Gebrüll. Hoch reckte sich bas riesenhafte Tier auf bie Hinterpranken. Da krachten, fast zu gleicher Zeit unsere Büchsen. Der Pär brehte sich kurz um sich selbst, bann sank er langsam auf die Seite. Ein letztes, heiseres Brüllen, unb leblos streckte er sich neben bie Bärin ...
Die getötete Bärin überließen wir als „Kau-Kau" ben Eskimos, bas Fell bes Bären-Mörbers aber ziert heute bie gute Stube bes Sergeanten Hopkins in Ottawa.
($ufer Rat und starke Worte.
Wenn sich in früherer Zeit ein arabisches Mäbchen verheiratete, erhielt es beim Verlassen bes elterlichen Hauses folgende Ratschläge für bie Ehe: „Du verläßt jetzt biejefltgen, von benen du ausgegangen bist; bu entfernst bich aus bem Neste, bas bich solange beschützt hat, von welchem bu bich aufgeschwungen hast, um gehen zu lernen, unb bu tust es, um bich zu einem Manne zu verfingen, ben bu nicht kennst, an besten Gesellschaft bu nicht gewohnt bist. Ich rate btr, ihm eine Sklavin zu sein, wenn bu willst, daß er bir ein Diener sei. Begnüge dich mit wenigem. Achte beständig auf das, was feine Augen sehen konnten, unb sorge, daß seine Augen niemals schlimme Handlungen sehen. Wache über seine Nahrung, wache über seinen Schlaf: ber Hunger ver- ursacht Aufwallung, bie Schlaflosigkeit erzeugt böse Laune. Sorge für sein Eigentum, behanble seine Angehörigen mit Güte Sei stumm für seine Geheimnisse: wenn er fröhlich ist, zeige bich nicht verbrieh- lich, wenn er verbrießlich ist, zeige bich nicht fröhlich — bann wird Allah dich segnen."
*
Der Mann, ber vor rund sechzig Jahren als Bürgermeister einer kleinen französischen Stadt Vorstand, liebte bie starken Worte. Als einmal zwei, die sich ehelich zu verbinden gedachten, mit ergebenen Mienen vor ihm saßen, hielt er es für seine Pflicht,
ihnen ejnige gute Worte auf den gemeinsamen Lebensweg mitzugeben.
Er wandte sich zunächst an den Bräutigam: „Aus tiefstem Herzen wünsche ich bir, Joseph, Glück, baß du diesen großen Entschluß gefaßt hast. Es war wahrlich betrübend, dich deine Jugend in so liederlicher Weise verschlemmen unb bich bem Säuferwahnsinn mit Riesenschritten nähern zu sehen. Je- boch, Enbe gut, alles gut, unb ich hoffe, baß bu jetzt bem Wirtshausleben auf immer Lebewohl gesagt hast."
„Was dich betrifft, Katharina", sprach er zu ber Braut, „so mußt bu bem Himmel auf ben Knien danken, so häßlich wie du bist, einen Mann gesunden zu haben. Vergiß nie, daß du durch unabläffiqe Sanftmut unb grenzenlose Ergebenheit bich bewährst, benn ich wieberhole bir, — ein häßlicheres Frauenzimmer als dich habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen."
Das Stadtoberhaupt machte eine kleine Pause, um seine guten Worte wirken zu lassen. Dann schloß er: „Unb hiermit, meine Kinder, lege ich eure Hände ineinander zu einem schöneren Bunde."
Es war eine Frau von Humor, die 1885 allen ihren Geschlechtsgenossinnen ben folgenden guten Rat gab, wie man bie Männer bei guter Laune erhalten könne: „Rechne 3 Pfunb Oebulb, 2 Pfund Nachsicht und 1 Pfund Vorsicht. Mische bas unter Aufschüttung von 1 Liter kaltem Wasser wohl unter- einanber unb lasse es so lange gehen, bis es zu einem Teig geworden ist. Sodann mische unter fleißigem Schaffen als Gewürz so viel gute Laune bei, baß ber Teig ganz davon durchdrungen wird: backe ihn im Backofen ber Liebe gut unb bauerhaft unb gib bem Mann von Zeit zu Zeit ein Stückchen bavon, mit Feinheit bestreut, zu genießen." A. N.
Hochschulnachrichten.
Der nichtbeamtete außerordentliche Professor Dr. Hans Gabamar von der Universität Marburg wurde beauftragt, vorn Wintersemester 1938/39 ab bie durch bas Ausscheiden des Professors Gehlen in der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig freigewordene Professur für Philosophie vertretungsweise zu übernehmen.


