Nr. 259 Lrftes Blatt
188. Jahrgang
Keltag, 4-November 1958
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Eichener Anzeiger
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Chamberlains Parade.
Chamberlain bat im Unterhaus .Hurchgezogen" und den alten Leitspruch befolgt, daß d e r Hieb die beste Parade ist. Er halt an der Hoffnung fest, daß die Münchener Friedensabsprache zwischen ihm und dem Führer ein neues und glücklicheres Zeitmter deutsch-englischer Zusammenarbeit einleiten kann-, er anerkennt die natürliche deutsche SBirb schaftsbeziehung zum europäischen Südosten; er will sein Land gerüstet, aber nicht rüstungswahnsinnig; er hat jene Oppositionellen abgeschüttelt, die. wie Churchill, Eden und Duff Cooper, deswegen gefährlich sind, weil sie aus den Reihen der nationalen Regierungspartei kommen. Es sei auch gern vermerkt, daß nicht -nur der Ministerpräsident Chamberlain dieser Oppositton im Unterhaus den Absagebrief überreicht hat. sondern daß auch der Parteiführer Chamberlain diesen innerparteilichen Oppositionellen mit Hilfe der örtlichen Parteiinstanzen kräfttg auf die Hühneraugen tritt.
In scharfem Gegensatz zu den deutschen Auffassungen bezeichnen die Engländer Eduard VII. als peace-maker, als Friedensmacher, indem sie von dem Gedanken ausgehen, daß sein bekanntes Gegenspiel gegen Wilhelm II. nur sichernde Schranken gegen Deutschland errichten, nicht aber willentlich und wissentlich auf einen „vorbeugenden" Vernichtungskrieg hinsteuern sollte, lieber die deutsche und englische Auffassung der Rolle Eduard VII. läßt sich ein unendlicher Streit führen; aber gesetzt, wir machten uns für einen Augenblick die englische Auffassung zu eigen, so bleibt doch die wesentliche und unterscheidende Tatsache bestehen, daß dieselben staatspolitischen Methoden ganz verschiedene Bedeutung haben können, je nach der Person, die sie anwendet und den Umständen, unter denen sie angewendet werden.
Neville Chamberlain wird für diesen unterscheidenden Hinweis sicher Verständnis haben — aus den stärksten persönlichen Gründen, lieber die deutsch-englische Handelsrivalität vor dem Kriege ist viel geredet und noch mehr geschwätzt worden; fein Vater Joe Chamberlain sah in diesen Dingen sehr klar: Er wollte die grundsätzliche Einführung des Schutzzolls in England, sowohl um den staatlichen und wirtschaftlichen Großraum des „Empire" zu begründen. wie auch gewisse tatsächliche Auswüchse des Freihandels zu bekämpfen. Als die Liberalen 1906 auf Grund des Freihandelsprogramms einen großen Sieg über Joe Chamberlain erfochten^ blieben sie an den gepriesenen Freihandel gekettet und fanden keine Kraft und keinen Absprung, um die dringenden Probleme Englands selbst wie die des Empire zu lösen. Ihre Verlegenheit und Unfruchtbarkeit drängte zur Entladung nach außen. Ein 1904 mit Frankreich geschlossenes Abkommen über ziemlich ferne Kolonialgebiete wurde die Keimzelle einer ungeschriebenen englisch-französischen EKtente, die mehr als ein Militärbündnis war. Denn darum konnte der französische Botschafter in London 1914 — obwohl er kein geschriebenes Wort in den Händen hatte! — 'entrüstet ausrufen, daß England feine Ehre im Leibe fjabe, wenn es Frankreich im Stich lasse.
In so unentschiedenen und darum so gefährlichen Zeiten sind die Intriganten und Kriegsspekulanten die große Gefahr. Noch vor der Jahrhundertwende, noch vor der Thronbesteigung Eduards VII. hatte eine damals viel gelesene englische Zeitschrift den zur traurigen Berühmtheit emporgeftiegenen Satz veröffentlicht, daß am Tage nach einem deutsch- englischen Kriege jeder Engländer reicher fein werde; die Engländer selbst mögen, nachdem sie die Probe auf das Exempel gemacht haben, sich ausrechnen, ob diese stramm kaufmännische .Kalkulation" ein Loch gehabt hat oder nicht. Wir glauben, daß sie ein sehr großes Loch gehabt hat und hoffen deshalb, daß die Bemühungen Neville Chamberlains zu einem guten Ende kommen. Aber am Mittwoch hat ein führender Arbeiterparteiler, der Abgeordnete Greenwöod, einen ganz ähnlichen Satz verbrochen, indem er sagte, er schäme sich nicht darum, daß er sehr gern öie Vernichtung der „2) i k - taturen" in Europa sehen möchte. Dieser Satz ist n o ch d ü m m e r als jene kaufmännische Kalkulation auf den größeren Reichtum jedes Engländers nach einem deutsch-englischen Krieg. Denn hinter jener Kalkulation stand ein zwar primitiver, aber doch handfester Raubinstinkt; hinter dem Satz von Greenwood steht nichts anderes als die Eitelkeit Der gekränkten Leberwurst. Denn schwer gekränkt ist dieser Greenwood. sintemalen die Diktaturen anders als die Arbeiterparteien mit Elendsguartieren aufräumen, Notstandsgebiete in blühende Siedlungen verwandeln und aus Sportwettern Sportsmanner machen. Aber dieses soziale Sündenregister sollen die englischen Arbeiter und Angestellten ihren Bonzen vorhalten. Uns interessiert hier nur, daß sich bei dem schwankenden malischen Regierungssvstem unter arbeiterparteilicher Maske dieselben Kräfte regen, die vor 30 Jahren unter liberaler Maske m schärfster Gegnerschaft zu Chamberlains Vater den Kriegsgeist in England groß werden ließen ... weil sie in' ihrer trägen Befitzsreude nichts besseres zu tun wußten. B R-
Am Y.November Hlaaaeri Geraus'
Berlin,! Nov. (DNB.) Der Reichsminister des Innern und der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda geben folgendes bekannt: Am 9.November 1938 flaggen öie staatlichen und kommunalen Verwaltungen und Betriebe, die sonstigen Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechtes und die öffentlichen Schulen im ganzen Reich vollmasi. Die Bevölkerung wird gebeten, in gleicher Weise zu flaggen.
Oer Beamte, Diener seines Volkes.
Reichsinnenminister Or. Frick spricht vor der Bremer Verwaltungsakademie.
Bremen, 4. Nov. (DNB.) Reichsminister Dr. Frick unternahm zusammen mit dem Oberpräsidenten der Provinz Hannover, Stabschef Lutze, den Gauleitern R o e v e r und Telschow und dem Regierenden Bürgermeister der Hansestadt Bremen, SA.-Gruppenführer Boehmcker, eine Besichtigungsfahrt durch das bremische Landgebiet bis in die Gegend von Vegesack und zurück über den Blocklander Deich. Dann nahm Reichsminister Frick am Abend auf der Semesterantrittsfund- gcbung der Derwaltungsakademie Bremen das Wort zu einer Rede über die Stellung und Aufgaben des Beamten im nationalsozialistischen Volk und Staat.
Auf höchsten Touren lief in diesen Wochen die Heeresmaschine — aber auch der Staatsapparat zeigte keine Ermüdung, fein Stocken, obwohl auch ihm Kräfte entzogen worden waren und entzogen werden mußten. Auch der Beamte tat — wie das ganze Dolf — feine Arbeit und feine Pflicht bis zum letzten. Und er konnte sie tun und tat sie ganz selbstverständlich, weil er Nationalsozialist war — wie das deutsche Volk nationalsozialistisch geworden war. Auch für den Beamten waren in Den fünf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft Schranken gefallen, die alte, heute längst überwundene Vorurteile, Mißgunst und Eigensucht aufgerichtet hatten. Heute ist der Beamte ein Teil und Glied seines deutschen Volkes und sein Ehrgeiz ist, nicht etwa mehr zu scheinen oder mehr zu sein als seine deutschen Volksgenossen, sondern mehr zu leisten als andere.
Im Dritten Reich gehören Dolf und Beamte wieder zusammen und Dolf und Beamte wissen das
auch. Es ist fein Zufall, wenn der Vorspruch zum Deutschen Beamtengesetz unter den besonderen Merkmalen des Berussbeamtentums an erster Stelle seine Volksverbundenheit nennt. Aus dem Fürstendiener von einst und dem Staats- diener von gestern ist er heute in der Tat ein D i e- ner seines Volkes geworden. Heute wurzelt er wieder, wie es im Vorspruch heißt, in seinem deutschen Volk. Die Bewegung ist das treibende Element des Staates, der Beamte Organ und Repräsentant eben dieses Staates. Daraus ergibt sich die enge Verbindung zwischen Volk, Bewegung, Staat und Beamten, wie sie überall im Deutschen Beamtengesetz zum Ausdruck kommt. Kein Beamter kann daher die Bewegung oder ihr Programm, sei es auch nur zum Teil, ablehnen. Denn sie trägt den Staat und damit den Beamten. Nie darf er vergessen, daß der Führer und Reichskanzler, dem er als Beamter seinen Treueid geschworen hat, zugleich der oberste Führer der Partei ist. Zu dieser Haltung der Partei gegenüber ist der Beamte verpflichtet, auch wenn er nicht Parteigenosse ist. Vielmehr hat der Beamte, der Parteigenosse ist, außer seinen allgemeinen und besonderen Amtspflichten noch besondere Pflichten gegenüber der Partei..
Heute führt und lenkt der Staat auch die Wirtschaft. Die Aufgaben des Beamten aber sind a n - ö e r e als die des Wirtschaftsführers. Jnitiattve und kühner Wagemut — ich spreche nur das Wort „Risiko" aus — sind der Wirtschaft eigentümlich und müssen ifor auch im nationalsozialistischen Staat eigen bleiben, wenn sie ihre Aufgaben erfüllen soll. Gesetzmäßigkeit und Stetigkeit sind die Merkmale
der Staatsverwaltung. Der Minister wies dann daraus hin, daß die Besoldung der Beamten deshalb auch nach anderen Grundsätzen erfolgen müsse als die der in der Wirtschaft tätigen Volksgenossen. Die 32. Aenderung des Reichsbesoldungsgesetzes vom 27. 9. 1938 soll Bestimmungen des noch aus dem Jahre 1927 stammenden Besoldungsgesetzes, die mit den Grundsätzen eines nationalsozialistischen Staates nicht vereinbar seien, beseitigen, wäs uns auch ein gutes Stück weiter auf dem Weg einer allgemeinen Neuregelung des Reichsbesoldungsrechts gebracht habe.
Hat uns das Deutsche Beamtengesetz von 1937 den Einheitstyp des „deutschen Beamten" gebracht, so ist heute der deutsche Beamte gleich, ob im Alt- reich, in der Ostmark oder im Sudetengebiet, zum großdeutschen Beamten geworden. Das darf heute bei seiner Arbeit kein Beamter mehr vergessen. Auch seine Aufgaben sind größer geworden, auch sein Blick muß sich weiten für neue Dinge, die an ihn herantreten. Aufzubauen, wiedergutzumachen und Neues schaffen gilt es überall! Daß dabei an so manche Beamten auch wirtschaftliche Fragen und Aufgaben herantreten, ist erklärlich. Er kann und muh sich auch mit ihnen befassen. Er darf sich nicht etwa beiseitestellen, weil es ihn nicht „betrifft", sondern er muß nach bestem Wissen und Können seinen Teil zu ihrer Lösung beitrogen. Aufgaben, ifie nicht gemeistert werden können, gibt es «im Zeichen des VierjahresplaiHes nicht! Wie alle deutschen Volksgenossen werden dabei die Beamten stets ihren' Mann stehen, das Höchste anstreben und das Beste leisten nach unserer Losung: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer!"
Der Reichsaußenminister verkündet den Wiener Schiedsspruch.
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Am Mittwochabend verkündete Reichsaußenminister von Ribbentrop Den von ihm und dem italienischen Autzenrnmister Gras (Manu gerauten Schiedsspruch, der die Grenze zwischen der Tschecho-Slowakei und Ungarn neu und endgültig regelt. Unsere Aufnahme zeigt Reichsaußenminister von Ribbentrop bei feiner Ansprache im Wiener Schloß Belvedere. Links von ü)nj Außenminister Graf Ciano. Zweiter von rechts der ungarische Außenminister vonKanya. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Budapest feiert die ungarische Abordnung
B.u d a p e ft, 3. Nov. (Europasireß.) Den von der Wiener Schiedgerichtstagung heimkehrenden ungarischen Ministern v. Kanya und Graf T e l e k i wurde in Budapest ein triumphaler Eckipsang bereitet.
Nach den gegenseitigen Begrüßungen hielt Ministerpräsident I m r e d y eine kurze Ansprache, in Der er 'Darauf hinwies, daß Ungarn seit zwei Jahrzehnten keinen solch schönen Tag erlebt habe wie Den gestrigen. Im Namen Der ungarischen Abordnung dankte Außenminister v. K a n y a mit warmen Worten für Die Begrüßung, wobei er hinzufügte, daß die entscheidende Rolle an dem errungenen Erfolge nicht der ungarischen Abordnung, sondern den beiden beteiligten Großmächten Deutschland und Italien zukomme, die alles darangesetzt hätten, damit die gerechten ungarischen Forderungen erfüllt würden. Der Begriff des Schiedsgerichts schließe jedoch in sich, daß auch Ungaren habe Opfer bringen müssen. Dafür wolle er aber hoffen, daß durch diesen Schiedsspruch nun der Weg zu einem guten Verhältnis zwischen Ungarn und der Tschecho- Slowakei geebnet werde. Der Außenminister schloß mit Dem Ausruf: „Es lebe das vergrößerte Ungarn!" Unter den brausenden Hochrufen ber_auf dem Bahnhofsplatz versammelten vieltaul-ndköpfi- gen Menschenmenge bestiegen sodann die Mitglieder
Der ungarischen Abordnung ihre Kraftwagen, Die, von einer Ehrenkompanie berittener Polizei begleitet, Durch Die Hauptstraßen Der StaDt in Das Regie- rungsoiertel fuhren. Auf Dem ganzen Weg stauten sich Tausende, Die den heimkehrenden Ministern brausende Ovationen darbrachten.
Vor der Regierungspartei würdigte Ministerpräsident Jmredy die Bedeutung des Wiener Schiedsspruches. Er richtete besondere Dankesworte an Hitler und Mussolini. Hillers Energie und dynamischer Schwung brachten die versumpfte europäische Politik in eine neue Strömung, die auch das Ungarntum in der Slowakei Ungarn zurückbrachte. Auch der „P e ft e r Lloy d" schreibt, die geschicht
liche Tatsache, daß ohne Die Macht und Den von Adolf Hitler zusamm^ngefaßten Willen des D e u t- schen Reiches feroft ein Anfang nie hätte gemacht werden können, darf nie vergessen werden und bleibt für Ungarn auch die Grunolage der Politik der kommenden Zeit." Durch den Reichsaußen- minifter von Ribbentrop und dessen zielbewußtes Wirken werde die Freundschaft Deutschlands zu Ungarn erneut unter Beweis gestestllt, die ungarische Nation werde dafür ihre Dankesschuld nie vergessen. Auch die Verdienste Mussolinis bei der Erreichung der ungarischen Ziele werden gewürdigt, ebenso die polnische U n t e r st ü tz u n g des von Ungarn geführten diplomatischen Kampfes.
Prag zum Wiener Schiedsspruch.
Prag, 3. Nov. (Europapreß.) Die Tschechoslowakei hat gezögert, ihrer Bevölkerung das Ergebnis des Wiener Schiedsspruchs mitzuteilen. Die ersten Ausgaben der Donnerstagsblätter enthielten noch keine "Mitteilung über den Umfang der territorialen Abtretungen, während das amtliche Kommunique des Tschecho-Slowakischen Pressebüros lediglich die Bemerkung enthielt, daß den Vertretern der ungarischen und der tschecho-slowakischen Abordnungen eine Karte mit der neuen Grenzziehung übergeben worden sei. Dagegen sagt es nichts Darüber aus, wie diese Grenzziehung verläuft. Erst gegen Mitternacht wurden Angaben über die Einzelheiten gemacht. Im Rundfunk hieß es, in
ihren Gegenvorschlägen habe sich die tschecho-slowa- kische Regierung für eine klare ethnographische Lösung Ausgesprochen, da der Staat das ethnographische Prinzip als Grundlage seiner künftigen Politik angenommen habe. Das, was die Tschecho-Slowakei gewillt war, an Ungarn^ abzutreten, wären Gebiete gewesen, in denen die ungarische Bevölkerung in der Mehrheit sei. Der in Wien gefällte Schiedsspruch sei aber darüber hinausgegangen. Die Tschechen, Slowaken und Kar- patho-Ukrainer seien entschlossen, einen neuen, lebenskräftigen Bundes st aat aufzubauen.
Die „Prager Presse" schreibt, die letzten Ent-


