Ausgabe 
4.1.1938
 
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Nr. 2 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Vienstaa,4.Zanuar 1958

Aus der Stadi Gießen.

Die Soldaten Fortunas.

Grau, diese Farbe ohne Leuchtkraft, Farbe der Dämmerung, des Regentages, des Nebels, der den Blick klein macht Grau, diese Farbe war nicht populär. Wer von Grau spricht, denkt nicht an seinen Schneider, der diese Farbe für die vor­nehmste erklärt, denkt nicht an das zarte Perlgrau des Taubenflügels oder an die unergründliche Schönheit dieser Farbe, wenn sie seltsam in gro­ßen Mädchenäugen schimmert. Grau steht als Ad­jektiv überall da, wo von Trauer, Alter, Unglück, Eintönigkeit, Elend, 'Fledermäusen und Gespenstern die Rede ist. Nur dann, wenn sich der Silberglanz mit Grau vermählt, entsteigt diese Farbe ihrem Verruf, und dann trifft auch sie zuweilen der be­wundernde Blick.

Und doch ist etwas Graues populär geworden. In den Straßen und in den Lokalen erscheinen von Zeit zu Zeit dieGrauen Männer". Graue Männer würden in Theaterstücken, Romanen und Berichten gewiß Erscheinungen aus der Unterwelt sein, aus dem Geisterreich: Gnomen, Trolls, Ko­bolde oder gar Dämonen-Erscheinungen, die pein­lich sind und bedrückend, vielleicht' sogar Furcht oder Grauen erregen. Unsere grauen Männer aber haben nichts zu tun mit der Finsternis ganz im Gegenteil, sie sind die Sendboten des Glücks, die Soldaten Fortunas.

Diese grauen Männer gehen von Straße zu Straße, von Lokal zu Lokal, bis tief in die Stun­den der Nacht hinein. Ihr Gang ist langsam. Man soll sie sehen. An langem Lederriemen, um den Hals gelegt, tragen sie ihren Kasten vor sich her, in dem die Lose stehen, Brief neben Brief, anonyme Briefe, die ihrn Empfänger erwarten, Briefe, un­ter denen schöpferische sind, die ein Menschenleben vollkommen wandeln.

Diejenigen der Losverkäufer, dieStimme haben", rufen die Passanten an, aufmunternd, lockend, oft humoristisch, bewundernswert unver­drossen. Allerdings haben sie auch keinen Grund zur Klage. Zeitungsnotizen über glückliche Gewin­ner machen Hand und Börse der' Zögernden leicht. Fünf Groschen sind noch lange keine Mark, und die Chance der Tausendmarkscheine glitzert unsichtbar in jedem Kasten. Das besondere aber ist, wie die Käufer verlieren, mit welcher Ruhe sie die pein­lichen Worte lesen: Dieses Los gewinnt: Nichts. Das Pech wird mit Humor verlacht. Hier schleicht nie­mand, der eine Niete gezogen hat, mit grimmiger Miene davon. Zwei Tatsachen machen diesen Gleich­mut verständlich: einmal der Umstand, daß der Ver­lierer bei der späteren Ziehung noch eine Chance hat, zweitens die soziale Tendenz der Lotterie. Wenn auch viele der Käufer zu keiner Bereiche­rung kommen, so gehen sie doch mit Zufriedenheit ihres Weges und fühlen sich als kleine Mäzene des Staates, als bescheidene Helfer am großen Werke zur Linderung der Not.

Die .Straßen sind voller Gruppen. Einer zieht ein Los und sofort scharen sich die Vorübergehenden Zusammen. Voller Lust und Spannung verfolgen die Augen die Finger des Käufers, die den Umschlag aufbrechen. Die Miene und das Verhalten eines Gewinners ist die Sensation, der alle einmal bei­wohnen wollen. Einen Fünftausend-Mark-Gewin- ner möchte die Menge sehen. Einige von den grauen Männern brauchen keine Straßen entlang zu gehen. Auch bilden sich oft kleine Firmen: Gewinnfirmen mit Groscheneinlagen. Mehrere kaufen zusammen Lose. Fremde Menschen vereinigen sich, um For­tuna zu bannen, aber Fortuna hat unergründliche Launen, der kein System beizukommen vermag

Grau ist der Winter und grau ist die Not. Rot ist das Blut, rot ist die Freude am Leben. Darum haben sie graue Mäntel an, die Losoerkäufer, und Kragen und Mützenrand sind dunkelrot. Die flat­ternden kleinen Mäntel begegnen dem Blick, wo­hin er sich wendet, und mahnend leuchten die Kragen.L-

Die neue Straßenverkehrs-Ordnung in Kraft!

24 wichtige Hinweise der Polizei.

Ein Merkblatt für dein Verhalten auf der Straße.

Ein neues Jahr pflegt jeder mit den besten Vor­sätzen und Absichten für sein Leben zu beginnen. Nicht ohne Grund sind deshalb die Verordnungen über das Verhalten auf der Straße und über die Zulassung zum Verkehr am ersten Tage im neuen Jahr in Kraft getreten. Wir haben so die beste Gelegenheit erhalten, aus unseren Vorsätzen auf dem wichtigsten Gebiet unseres täglichen Lebens, im Straßenverkehr, ernst zu machen

Die Polizei will uns in der Verwirklichung un­serer Absichten mit Rat und Tat entgegenkommen. Mit dem ersten Arbeitstag im neuen Jahr bringen die Polizeibehörden ein im Auftrage des Reichs­führers jj und Chefs der Deutschen Polizei ge­schaffenes Merkblatt, das in einer Riesenauflage erschienen ist, im ganzen Deutschen Reich, in jeder Stadt, in jedem Flecken und in jedem Bauerndorf, zur Verteilung. Dieses Merkblatt mit dem Titel Du und die Straße" enthält ;n Wort und Bild

24 wichtige Hinweise, die jeder, der sich irgendwie auf den deutschen Straßen bewegt, ob Kraftfahrer oder Fußgänger, ob Radfahrer oder Fuhrwerks­lenker, zu beachten hat.

Eine sehr lehrreiche und besinnliche Rundfahrt über die wichtigsten Punkte der neuen Verordnung hat ein geschickter Zeichenstift auf das Papier ge­zaubert. Dazu gibt ein knapper und allgemein ver­ständlicher Text mit Ernst und Humor die nötigen Erklärungen.

Wir können nur jeden deutschen Volksgenossen dringend zu dieser Rundfahrt einladen und ihm wärmstens empfehlen, das Merkblatt nicht nur ein­mal, sondern mehrmals eingehend zu studieren, bis ihm die Hinweise der Polizei in Fleisch und Blut übergegangen sind. Wer sich nach diesen Hinweisen im Verkehrsleben richtet, erspart sich Aerger und Verdruß und vor allem Schaden an Leib und Leben!

Mehr v Züge auf der Main-Weser-Bahn

Erfreuliche Verbesserungen im Zugverkehr vom Sommer ab.

Mit dem Beginn des neuen Fahrplanes der Reichsbahn zu Anfang Mai wird auf der Main- Weser-Bahn Frankfurt Gießen Kassel eine Reihe neuer Schnellzugverbindun­gen in Betrieb gesetzt. Dabei wird auch auf dem Bahnhof Gießen eine erhöhte Zahl von Schnellzug-Halten eintreten.

Von besonderer Bedeutung für den Reiseverkehr auf der Strecke FrankfurtKassel wird der Einsatz der schon seit langem für unsere Strecke vorge­sehenen Schnelltriebwagen (mit 1. und 2. Klasse) HamburgKasselFrankfurt a. M.Karls­ruhe und umgekehrt sein. Diese Schnelltriebwagen werden auf dem Bahnhof Gießen allerdings nicht halten, sondern ihn bei ihren täglichen Fahrten um 8.53 Uhr in Richtung Kassel und um 22.57 Uhr in Richtung Frankfurt a. M. passieren.

Neben diesen Schnelltriebwagen und unter Bei­behaltung der bisherigen v-Züge werden als neue Verbindung für den Bahnhof Gießen in

Richtung Frankfurt bzw. Kassel noch drei D = Zugpaare im Sommerfahrplan erscheinen, und zwar je ein O-Zugpaar der Strecke HamburgBasel, der Strecke BerlinKasselBasel, schließlich noch auf der Strecke Hamburg/BerlinFrankfurt a. M., wobei die Zugteile von Hamburg bzw. Berlin in Kreiensen vereinigt bzw. auf der Fahrt nach Norden getrennt werden.

Ferner wird der Sommerfahrplan für den Militär- Urlauberverkehr zwischen Gießen und Frankfurt und umgekehrt an jedem Samstagnachmittag einen Per­sonenzug bringen, der ausschließlich für hie Be­nutzung durch die Militär-Urlauber von Gießen nach Frankfurt und zurück vorgesehen ist.

Diese Verbesserungen des Fahrplanes auf der Main-Weser-Bahn werden sicherlich allenthalben mit Dank begrüßt werden, denn die Reichsbahn wird mit diesen neuen Zugverbindungen den Wün­schen weiter Bevölkerungsschichten nach weiteren schnellen Verbindungen im Fernverkehr entsprechen.

Starker Feiertagsverkehr der Reichsbahn

3m Bahnhof Gießen herrschte einige Wochen lang gewaltiger Hochbetrieb.

Der gestrige Montagabend brachte den termin- mäßigen Abschluß des durch ansehnliche Fahrpreis­ermäßigungen begünstigten starken Feiertags-Ver­kehrs auf der Reichsbahn. Rückschauend ist über die­sen Einsatz im Zugverkehr des Bahnhofs Gießen folgendes zu sagen:

Am 23., 24., 27. und 31. Dezember, sowie am 2. und 3. Januar war der Zugverkehr im Bahnhof Gießen um rund 20 v. H. ftärfer als im Vorjahre. Hauptsächlich handelte es sich bei dem Weihnachts-Reiseverkehr durch den Bahnhof Gießen um Reisende, die vor dem Feste von Mitteldeutsch­land nach der Mosel und der Saar fuhren und nach den Feiertagen wieder zu ihren Arbeitsstätten in Mitteldeutschland zurückkehrten. Ein großer Teil dieser Reisenden bestand aus beurlaubten Arbeitern von den Baustrecken der Reichsautobahn.

Vor Weihnachten mußten an vier Tagen bei ver­schiedenen Zugverbindungen neben dem Hauptzug noch ein Vor- und ein Nachzug gefahren werden; insbesondere handelte es sich um Züge, die in Rich­

tung Frankfurt bzw. in Richtung Kassel unseren Bahnhof passierten. Die Nachtschnellzüge von Ham­burg und Berlin über KasselGießen nach Frank­furt und umgekehrt verkehren schon seit dem 18. De­zember und noch bis zum 7. Januar als Vor- und Hauptzüge, also jede Zugverbindung in doppelter Folge. Sehr starke Benutzung hatten auch der O-Zug ab Gießen 14.42 Uhr in Richtung Frankfurt und 15.46 Uhr in Richtung Kassel aufzuweisen, die teilweise in Gießen noch verstärkt werden mußten. Bei allen Fernzügen war es am 2. und 3. Januar erforderlich, verstärkte Wagengestellung einzusetzen, um dem gewaltigen Andrang der Reisenden auf der Rückfahrt vor dem Ablauf der Gültigkeit der Feier­tags-Rückfahrkarten gerecht zu roerben.

An den übrigen Tagen war der Verkehr natür­lich schwächer, als während der Spitzenleistungen der Hauptverkehrstage, jedoch wurden auch an den verkehrsschwächeren Tagen Vor- und Nachzüge ge­fahren. Am 24. Dezember mittags erwies es sich als notwendig, von Gießen nach -Alsfeld einen

außerplanmäßigen Sonderzug zur Beförderung bet von allen Richtungen in Gießen angekommenen Reifenden einzulegen. Ferner mußten an diesem Tage, ebenso am 22. Dezember, zwischen Gießen und Kassel zwei Personenzüge doppelt gefahren werden.

Erfreulicherweise wickelte sich der gesamte Reise­verkehr trotz des gewaltigen Andranges reibungs­los und ohne Unfall ab. Dazu trug der verstärkte Einsatz aller Verkehrsmittel der Reichsbahn sowohl auf den Hauptstrecken, als auch auf den Linien der oberhessischen Bahnen erheblich bei.

Vornoiizen.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 23 UhrDemetrius". Gloria-Palast (Seltersweg):Tango Notturno". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Gasparone". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Kunst­ausstellung im Turmhaus am Brand.

Stadttheater Gießen.

Heute abend zum letzten MalDemetrius", Trauerspiel von Hebbel, Neubearbeitung Friedrich Forster. Spielleitung Dr. Erich Schumacher, Büh-

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nenbilder Karl Löffler. Die Vorstellung findet als 14. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr.

Sportamt TIS©.Kraft durch Freude".

Heute beginnen wieder die Schwimmkurse int Volksbad, Seltersweg. 220

Theatervorstellung.

Samstag, den 8. Januar 1938, 20 Uhr: Große KdF.-Miete, Gruppe I, 7. Vorstellung: ,Lch liebe Dich", Lustspiel von Niewiarowicz. Karten zu,90 und 1, RM. in der Karten-Vorverkaufsstelle, Seh tersweg 60, erhältlich.

Omnibusfahrt

zum Skilaufen auf dem hoherodskopf.

Arn Sonntag, dem 9.1. 38, führen wir unsere erftd diesjährige Winterfahrt auf den Hoherodskopf durch. Der Teilnehmerpreis beträgt 2,40 RM. Abfahrt um 7 Uhr am Gießener Stadttheater. Anmeldungen nimmt die Kartenverkaufsstelle Gießen, Seltersweg Nr. 60, entgegen.

WHW. Ortsgruppe Gießeu-Süd.

Velr.: Kohlenabrechnung.

Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine der Serie C am Mittwoch, 5. Januar, 19.30 Uhr, auf der Ge­schäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Später eingereichte Gutscheine werden nicht mehr angei nommen.

NSV., Ortsgruppe Mitte.

Vetr. kohlenabrechnung am 5. Januar.

Die Kohlenhändler werden ersucht, die Kohlen­scheine der Serie C Mittwoch, 5. Januar, 20.30 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle (Zigarrenhaus Moeser), Eingang Löwengasse), einzureichen. Es wird darauf hingewiesen, daß die Rückseite dec Kohlenscheine außer der Unterschrift des Händlers auch die Unterschrift des Empfängers, dessen Woh-

Gießener Stadttheater.

Gastspiel Dorothea Wieck: Liebe in Dur und Moll."

Viele waren gekommen, Dorothea Wieck ein* mal persönlich, leibhaftig, in der Unmittelbarkeit des Spieles auf der Bühne nicht durch das im­mer ein wenig verwandelnde und entfernende Me­dium der Photographie auf der Leinwand ken­nenzulernen; nur wenige werden gewußt haben, daß sie dabei zu einem festlichen Anlaß zurecht tarnen, aber alle haben mit ihrem herzlichen Beifall dem berühmten Gast gewiß eine rechte Geburts­tagsfreude bereitet: am 3. Januar kam Dorothea Wieck in Davos zur Welt. Zu ihren Vorfahren gehört der Wiener Musikpädagoge Friedrich Wieck, dessen Tochter Clara die Gattin Robert Schumanns wurde; auch sonst findet man in der väterlichen wie in der mütterlichen Linie Musiker, Maler und Schauspieler. Dorothea kam schon mit zwölf Jahren auf die Dalcroze-Tanzschule in Hellerau, mit fünf­zehn als Schauspielschülerin nach München. Dort, in Wien, Berlin und Frankfurt spielte sie Theater; bald fand sie von der Bühne den Uebergang zum Film: Carl Fröhlich entdeckte fie für die Rolle des Fräuleins von Bernburg inMädchen in Uni­form"; der Film wurde ein Welterfolg, machte sie mit einem Male überall bekannt und brachte sie 1933 nach Hollywood. Von ihren weiteren Filmen seienDer stählerne Strahl",Liselotte von der Pfalz",Der Student von Prag",Die gelbe Flagge" undLiebe kann lügen" erwähnt.

*

Nun erscheint sie mit eigenem Ensemble und spielt, zum Theater zurückkehrend, die Hauptrolle berLiebe in Dur und Moll". Das ist em Lust­spiel in drei Akten von Teichs-Johnson, ge­schrieben in dem unverbindlich-amüsanten Konver­sationsstil eines modernen englischen Unterhaltungs­stückes, das überdies den Vorzug hat, ein richtiges Rollenstück zu sein; das heißt also, daß auch oas Ensemble um den berühmten Gast herum etwas Angenehmes und Dankbares zu spielen hat.

Frau Helen ist mit einem Afrikaforscher verhei­ratet, der nach wenig glücklicher Ehe eines bösen Tages davonläuft und erst vom Suezkanal eine Ansichtskarte schreibt. Helen liebt Robert trotzdem noch immer. Und eines Tages kommt Robert zu­rück, aber nur um sich scheiden zu lassen: er yat im Busch" drüben eine Frau gefunden, die zwar keineswegs so bezaubernd ist wie Helen, aber eine richtige Kameradin m mit bedeutenden wissen­

schaftlichen Neigungen und Verdiensten. Robert er­scheint im unglücklichsten Moment, denn gleichzeitig ist Helens jüngere Schwester Monika bei ihr zu Be­such gekommen, um dasProblem Monika und Philipp" zu'lösen. Philipp ist ein junger Sports­mann, die beiden lieben sich, sind sogar bereit, zu heiraten, aber das, böse Beispiel der verunglückten

Dorothea Wieck. (Aufnahme: Euphono Film.)

Ehe von Robert und Helen macht sie bedenklich. Helen, in schwesterlicher Liebe und Sorge, besteht darauf, daß der brutale Robert wenigstens so lange mit der Scheidung wartet, bis die jungen Leute durch Augenschein und verlockendes Beispiel zur Ehe bekehrt sind. Erst geht alles gut, bann 'chief, zuletzt endlich nach Wunsch, so sehr, daß Robert sich entschließt, daheim zu bleiben und es noch ein­mal zu versuchen. *

Man kann das nicht in Einzelheiten wiederholen und ausmalen, aber das Stück ist für eine Gast­spielreise in der Tat geschickt gewählt, denn es. ent­

hält eine Menge theatermäßig brauchbarer Szenen und Situationen, die insbesondere die Rolle der Helen zu einer rechten Paraderolle machen Doro­thea Wieck verstand es, die selbstgewählte Chance bezwingend auszuschöpfen. Sie sah reizend aus, jugendlich, weiblich, so damenhaft, wie wir sie aus dem Film kennen, apart angezogen, durch drei Akte hindurch alle Register angeborener weiblicher Schau­spielerei ziehend: die Rolle gibt das alles ganz zwanalos her, sie verlangtes sogar, und das Publi­kum folgte allen Verwandlungen und Schattierun­gen weiblicher Gefühlsregungen und Gefühlsäuße­rungen mit ungetrübtem Vergnügen und lächelnder Spannung, wie das enden werde

*

Es endet happy, wir sagten es schon, aber bis es soweit ist, hat die Wieck auf eine scharmante Weise Gelegenheit, zu zeigen, was sie kann und vermag: erwartungsvoll fein, entrüstet fein, über­legen sein, zärtlich sein, ironisch sein, verstört und geängstigt, weil ein Gewitter aufzieht mit Donner und Blitz ... große Dame, große Schwester, kleines Mädchen, lachen, lächeln, hemmungslos Tränen ver­gießen und wieder getröstet werden: das gehört alles zu dieser wunderschönen Rolle in Dur und Moll dazu. Es war ein Vergnügen.

*

Wir bemerkten ferner bereits, daß auch die an­dern bei diesem Gastspiel durchaus nicht zu kurz kommen, Kira Berg gibt die Monika, die kleine Schwester, die erst so burschikos, kühl und selbst­gewiß daherkommt und zuletzt auch nicht mehr aus und ein weiß; sie macht das sehr hübsch, frisch, munter und appetitlich, wie es im Lustspiel fein soll Carl Heinz Klub'ertanz, aus manchem früheren Gastspiel hier nicht unbekannt, gibt den Philipp mit einer reizend-sportsmännischen Verlegen­heit und Biederkeit, und die große Schwipsszene im dritten Akt hat er sogar zu einem richtigen klei­nen Sondererfolg ausgebaut. Rudolf Essek ist der Robert aus dem Busch: was Philipp an Männlich­keit zu roertig hat, hat er zuviel, aber er macht es lustspielmäßig-erträglich, nicht grob, fonbern trocken, mit Ironie und einem biegsamen Humor, der die Schwankungen und Schwenkungen legitimiert, welche die Rolle verlangt.

*

Herr Kludertanz führte auch Regie fo sauber, glatt, unmerklich und wohlpointtert, wie man es auf einer Tournee erwarten darf: es war nicht nur ein Gastspiel, sondern auch ein Ensemble- Spiel; wie freundlich und herzlich dies vom stark besetzten Hause gewürdigt wurde, haben wir be­reits vermerkt. Hans Thyriot.

Die Stadt der schönen Krauen.

Unter den chinesischen Städten, die von dem! Krieg in Mitleidenschaft gezogen sind, befindet sich auch Sutschau, die Stadt, von der ein altes chine­sisches Sprichwort sagt, um auf Erden glücklich zu sein, muß man in Sutschau geboren sein. Sutschau war schon eine alte Stadt, bevor Schanghai ent­stand, und hat seit vielen Jahrhunderten den Ruhm seiner landschaftlichen Schönheit, seiner Kultur, seines soliden Reichtums, vor allem aber seiner schönen Frauen gewahrt. Zu der Zeit, da es für den jungen Chinesen nicht üblich war, selber seine Braut zu wählen, sondern er dies seinen Eltern über­ließ, ohne vor der Hochzeit das Gesicht seiner Braut zu erblicken, schätzte er sich glücklich, wenn er er­fuhr, daß die Erwählte aus Sutschau stammte. Das galt als nahezu sichere Gewähr dafür, daß er nach vollzogener Hochzeitsfeierlichkeit, wenn der Schleier fiel, ein schönes Gesicht zu sehen bekommen würde. Die Mädchen von Sutschau pflegen nie lange ledig zu bleiben, manchmal finden Massenhochzeiten statt, 20 oder 30 Paare auf einmal. Noch immer genießt Sutschau den Ruhm, die schönsten Mädchen und Frauen Chinas zu besitzen, und aus dem ganzen Riesenland kommen Männer, um Mädchen aus die­ser Stadt heimzuführen. Sie sind klein und zart, die Frauen von Sutschau, mit einem eigentümlich sanften Zauber. Der Reichtum von Sutschau hängt an einem Faden dem Faden, den der Seiden­wurm spinnt. Und das Leben des Seidenwurms wiederum hängt an den Hamen von Maulbeer­bäumen, deren reiches dunkelgrünes Laubwerk einen Teil von Sutschaus- landschaftlicher Schönheit aus­macht. Die Stadt selbst liegt auf Inseln inmitten eines großen hügelumsäumten Sees. Die Lage hat ihr den Namen das Venedig des Ostens eingetragen«

Hochschulnachrichten.

Dem ao. Professor Dr. Theodor Schmücket an der Universität Göttingen wurde unter Er­nennung zum Ordinarius der Lehrstuhl für Bo­tanik an der Forstlichen Hochschule Hann- Münden übertragen.

Dem Professor Dr. Rudolf Geiger in Mün­chen wurde unter Ernennung zum Ordinarius der Lehrstuhl für Mathematik, Meteorologie und Phy- sik an der Forstlichen Hochschule Eberswalde übertragen.

Der Dozent Dr. Julius Wagenmann, dec früher in Gießen, Göttingen und Heidelberg tätig war, wurde zum ao. Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Universität Kiel ernannt.