Ausgabe 
4.1.1938
 
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Oie Wett an -er Zeitenwende.

gen-ralstab bekleidet hatte, wurde er im Jahre 1876 als Oberstleutnant zum Kommandeur des 1. Yarde-Ulanenregirnents in Potsdam ernannt. Diese schönste Stellung, die es überhaupt in der Armee gibt, hatte der bisher meist im Generalstab Tätige sieben Jahre inne. Er verwuchs auf das festeste mit seinem Regiment und mit dem Frontdienst und widerlegte durch seine praktische Frontdienstarbeit die vielfach verbreitete Ansicht, daß ein Generalstäbler den praktischen Dienst nie­mals richtig beherrschen könne". Graf Schlieffen, der später 'Chef des Generalstabs des Feldheeres werden sollte, zeigte durch seine ungewöhnlich lange Frontdiensttätigkeit als Regimentskommandeur, daß gerade das Gegenteil wahr ist: ein Generalstabs­offizier oder ein hoher Führer ohne ausreichende Fronterfahrung und ohne das Vermögen praktischer Fronttätigkeit sind undenkbar und werden an der Wirklichkeit des Krieges zerbrechen. 1884 wurde er als Abteilungschef in den Großen Generalstab zu­rückversetzt. Hier übernahm er zunächst die dritte Abteilung, der das Studium der westlichen Länder oblag, und später die zweite Abteilung, die die Mobilmachung und den Aufmarsch zu bearbeiten hatte. 1886 wurde er zum Generalmajor, 1888 als Oberquartiermeister zum Generalleutnant befördert. Am 7. Februar 1891 wurde er als Nachfolger des Grafen Waldersee zum Chef des General­stabs ernannt. Bis zum 1. Januar 1906 hat er diese verantwortungsvollste Stellung im Heere inne gehabt.

Er übernahm damit jenes Am't, das der Kroße M o l t k e mit dem Glorienschein unerhörten Welt­ruhms umkleidet hatte und das Schlieffen selbst ein­mal als das ehrenvollste der Welt bezeichnete. Die­ses Amt war eigenartiger Natur. Denn der Chef des Generalstabs des Feldheeres besaß abgesehen von seinem Verfügungsrecht über den Generalstab keine Kommändogewalt über das Heer. Er war vielmehr im Frieden und Krieg nur der erste Be­rater des obersten Kriegsherrn. Das Kriegsministe­rium, das Militärkabinett und andere dem Kaiser unmittelbar unterstellte Stellen sowie die Kommam dierenden Generale in der Armee standen gleichbe­rechtigt oder doch außerhalb seiner Besehlsgewalt neben ihm. Damit hing die verhängnismäßig ge­ringe politische Wirkung zusammen, die das Ami­des Chefs des Generalstabs besaß. Wenn irgendwo, war hier die Persönlichkeit des Inhabers entschei­dend für die Bedeutung, die die Stelle gewann. Der Feldmarschall von Moltke hatte bis 1888 dieses Amt mit seiner unvergleichlichen Größe erfüllt. Graf Schlieffen stand auf den Schultern dieses Riesen, zugleich aber auch auf den Spuren seines Weges. Es war bezeichnend, daß er aus Ehrfurcht den Schreibtisch Moltkes kaum berührte. Wie einst der große Sieger in den deutschen Einigungskriegen, wußte auch Schlieffen Leistung und Bescheidenheit zu verbinden.Mehr sein als scheinen", war die Losung, die er seinen Generalstabsoffizieren zurief, selber befolgte und zum Wahrspruch jedes großen dienenden Lebens machte. Zugleich aber wußte er seinem Amt durch den Zauber seiner Persönlichkeit eine allseitige Ausstrahlung zu verleihen.

In dem stillen roten Haus am Königsplatz in Berlin wurde jene in der Welt einzigartige Schule, die der große Moltke begründet hatte, der General­stab, von Schlieffen weiter entwickelt, wesentlich er­weitert und zu einer LeistunHskraft erhoben, die das gpnze deutsche Heer ergriff. Sie machte es zu jeyer unzerstörbaren Einheit, die nicht einmal von einem politisch verlorenen, fast fünfjährigen Welt­krieg zerbrochen werden konnte. Hier wurde auf militärischem Gebiet jene entscheidende Leistung vollbracht, die auf dem Felde der Politik fehlte. Die Wilhelmstraße hatte dem Generalstab nichts Gleich­wertiges zur Seite zu stellen. Einfache soldatische Gedanken waren es, durch die Schlieffen jenes Wunder schuf, wie ja immer das Schöpferische ein­fach ist. Der Gedanke der Vernichtung, zu ihrem Zweck der Gedanke der Umfassung, des Zusammen­haltens der Kräfte, der Schwerpunktsbildung in der Flanke und im Rückendes Feindes: dies wurde den deutschen Führern und Führergehilfen und durch sie im steten Wechsel zwischen Front und, General­stab dem ganzen Heere eingehaucht und eingehäm- mert. Gerade darin zeigte sich die politische Grundlage, die Schlieffen seinem Amte unterlegte. Zwar mischte er sich nicht in die Fragen der prak­tischen Politik. Er beugte sich dem politischen Nein, als 1905 durch Rußlands ostasiatische Niederlage die klassische Stunde zur Beseitigung der von Frankreich drohenden Gefahr gekommen war.

In soldatischem Verzicht durchdachte Schlieffen in nimrhermüder Arbeit den drohenden Zweifronten­krieg. Er legte ihn den Kriegsspielen, den Gere- ralstabsreisen, den Operationsentwürfen zugrunde und erkannte in der sich umdüsternden politischen Lage unseres Volkes die unbedingte Notwendigkeit jenes raschen und entscheidenden militärischen Sie­ges, der von der inneren Linie nur mit großer Kühnheit und mit bewußter Einseitigkeit zu er­ringen war. Wenn Schlieffen nicht an einen langen Krieg zu glauben schien, so nicht deshalb, weil er ihm für unmöglich hielt, sondern deshalb, weil er ihn auf Grund der politischen Gesamtlage für ver­derblich ansah und durch seine militärische Opera­tion zu verhindern, gleichsam zu unterbinden gedachte.

Nach dem Weltkriege sind feine strategischen Ent­würfe unter dem SchlagwortSchliessen- plan" überall bekannt geworden. Es handelt sich hierbei um jenen großartigen und herrischen sol­datischen Willen, der von der inneren Linie aus unter Zusammenfassung aller verfügbaren Kräfte auf dem westlichen Kriegsschauplatz und hier wie­derum auf dem rechten Flügel unter weitgehender Entblößung des linken nach dem Vorbruch durch Belgiers durch den sich steigernden Druck vom rech­ten Flügel he- die französisch-englische Armee im Innern Frankreichs in einer gewaltigen Umfas- sungskatastrophe verstricken und vernichten wollte. Graf Schlieffen besaß für die Durchführung dieser gigantischen Operation den seherischen Blick, die Willenskraft und die Charakterstärke, deren leider sein Nachfolger im Weltkrieg entbehrte. Neben der Vorbereitung der Operationen brachte er sich auch dem Kriegsministerium gegenüber zur Geltung in der Ausbildung des Heeres, in der Verstärkung der Artillerie, insbesondere auch in der Schaffung der schweren Artillerie des Feldheeres, jener im Sommer 1914 siegbahnenden Waffe.

So behielt er nach seiner 1906 wohl aus poli­tischen Fehlgründen erfolgenden Verabschiedung auch weiterhin den entscheidenden Einfluß auf die Aus­bildung des Heeres und des Offizierkorps. Dies ge­schah vor allem durch seine reiche schriftstellerische Tätigkeit, von der der großartige Aufsatz Cann ä" in weiten Kreisen bekannt geworden ist. Schlieffen hat es einst ausgesprochen, daß das, was einen Feldherrn ausmache, besonders durch Versenken in die Vergangenheit, in die Feldzüge großer Meister erworben werden könne. Er selbst hatte bei sich so verfahren und dgs gleiche predigte er seinen Schülern. Freilich gedachte er dabei kei­neswegs etwa Kriegshistoriker zu fein; er nutzte

Ein Jahr des Schreckens in der Sowjetunion.

X*on unterem st -Berichterstatter.

Moskau, im Dezember 1937.

Das Jahr 1937 wird in den Annalen des Sow­jetstaates für alle Zeiten einen besonderen Platz beanspruchen. Nicht allein deshalb, weil in dieses Jahr ein bedeutsamer Einschnitt, das zwan­zigste Jubiläum der bolschewistischen Oktoberrevolution fiel, sondern auch in­folge der inneren Erschütterungen des sowjetischen Staatswesens, die in solchem Umfang und von sol­cher Tragweite seit den Zeiten des Bürgerkrieges nicht mehr zu verzeichnen waren. Gleichsam um den späteren Vorgängen das Motto vorauszu­schicken, begann das Jahr 1937 schon mit einem bedeutsamen Akt der Stalinschen Schreckensherr­schaft, dem Prozeß Radek - Pjatakow. Es folgten die Verhaftung des früheren GPU.-Chefs Jagoda, und im Ergebnis des sensationellsten Hochoerratsprozesses aller Zeiten die Erschie­ßung der sieben Generale. Die Lawine oer Verhaftungen und Erschießungen, die sich dar­an anschloß, ist jetzt noch nicht zum Stillstand ge­kommen: mit Ausnahme der zwölf Männer des Politbüros", die zur engsten Umgebung des Dik­tators gehören, blieb auf allen Stufen des Par­tei- und Staatsapparates kein Stein auf dem an­deren.

Don 23 Volkskommissaren der Sowjetunion 12 verhaftet oder beseitigt, die Volkskommissarenräte der Bundesrepubliken zu 80, in manchen Fällen zu 100 v. H.gesäubert", die Parteisekretäre, also die Statthalter des Kreml in den Provinzen zu 92 v. H. beseitigt, acht von elfStaatspräsidenten" der Bundesrepubliken verhaftet oder hingerichtet, über 2000 durch die Provinzpresse bekanntgegebene Erschießungen, in jeder Behörde, gleichgültig ob Außenkommissariat, ob Plankommission, ob Hee­resleitung oder Eisenbahnwesen,Verlustlisten", öje durchschnittlich weit über die Hälfte des leiten­den Personalbestandes umfassen dürften, und ins­gesamt schätzungsweise eine neue Million politi­scher Häftlinge in den Gefängnissen und Konzen­trationslagern- Und all diese ehemaligen Träger der bolschewistischen Staatsgewalt nicht etwa bloß abgesetzt, in Ungnade gefallen und ausgebootet, sondern durch eine wilde, demagogische Propaganda zuVolksfeinden", Hochverrätern und Spionen er­klärt wahrhaftig ein Schauspiel, das in der Ge­schichte einzig dastehen dürfte!

Der Zweck diesen furchtbaren Strafgerichts ist in der Niederschlagung jeglicher auch nur möglichen Opposition gegen den Stalinschen Despotismus zu sehen, die von den alBn Revolutionären aus dem Umkreise Lenins, ebenso ausgehen konnte wie von jungen Kräften, politischen Realisten vom Schlage Tuchatschewskis, die die Revolution erst hochgebracht hatte. Bei dem engen Zusammenhang, der in der Sowjetunion zwischen Staats- und Wirtschaftsappa­rat besteht, muhte natürlich dieser politische Berg­rutsch sich auch auf allen Gebieten der Volks- wirtschaft! geradezu katastrophal auswirken. Nach dem Volkswirtschaftsplan -für 1938 läßt sich errechnen, daß die gesamte industrielle Produktion der Sowjetunion trotz aller Milliardeninvestitionen, trotzStachanowbewegung" und rücksichtsloser Aus­beutung der Arbeitskraft im Jahre 1937 um 14,8 v. H. gegenüber dem Vorjahre zurückgegan­gen ist, und nur zu 70 v. H. den Voranschlägen entsprochen hat. Diese sowjetamtlichen Ziftern ge­ben den Schlüssel für die Schädlings- und Sabo­tagepsychose, die in zahllosen Prozessen Tausende von Opfern gefordert hat! Und andererseits ergibt sich aus dem Volkswirtschaftsplan, daß die für das Jahr 1938 erhoffte Zunahme der Produktion fast ausschließlich der Schwer- und Kriegs- i n b u ftri e zugute kommen soll, während für die Gebrauchsgütererzeugung nur eine ganz gering­fügige Steigerung vorgesehen ist, somit die Waren­knappheit auch für das nächste Wirtschaftsjahr un­vermindert bleibt und die dem Volke seit langem versprochene Preissenkung und Lohnerhöhung sich in Dunst und Nebel auflöst.

Die Sturzwelle'ches politischen Terrors und die neue, schwere Wirtschaftskrise sind das greifbare Ergebnis von 20 Jahren bolschewistischer Herr-

vielmehr die Kriegsgeschichte in souveräner Weise aus, um aus ihr oft unter bewußter Verbiegung der Tatsachen gültige Lehren für die Gegenwart zu ziehen, nicht als mechanische Rezepte, sondern in der Form jener ewig wirkenden soldatischen Kräfte, die Kriege und Schlachten gestern, heute und mor­gen siegreich entscheiden.

Bei seinem Abschied sprach er am 25. Januar 1906 auf einem ihm zu Ehren gegebenen festlichen Mahle in Gegenwart des Kaisers in einer kurzen Rede mit jenem leichten Sarkasmus, der uns oft in feinen schriftlichen Werken begegnet, die schein­bar heiteren und doch so ernsten ergreifenden Wogte:Mit huldvoller Nachsicht bin ich behan­delt und weit über das leistungsfähige Lebensalter im Dienst gehalten worden, bis jetzt endlich dem unnütz gewordenen Knechte die Bürde abg_enom= men wurde, die zu tragen fein alternder Geist und fein morscher Körper nicht mehr vermochten." Die­seralternde Geist" und diesermorsche Körper" haben uns im Weltkrieg bitter gefehlt. Und den­noch hat gerade der unsterbliche Geist dieses Man­nes sich im Weltkrieg ausgewirkt. Er war der wahre Sieger Im Kriege. Er steht hinter allen unseren militärischen Erfolgen. Er steht hinter der unvergleichlichen Kraft unseres Heeres. Er ist über den Weltkrieg hinaus auch heute noch und für eine ferne Zukunft der unausschöpfbare' Erzieher un­serer Wehrmacht. Ja, er ist einer der Großen un­seres Volkes geworden durch die Kraft seiner Persönlichkeit, durch die Politik und Krieg ver­bindende Einheit seines Wesens, durch die Eckig­keit feiner einfachen Gedanken und durch jenen hehren Geist dienender Größe, der in reiner Glo­rie von ihm in die deutsche Zukunft ausstrahlt.

Woroschilow unter Kontrolle

Der sowjetrussische Kriegskommissar Marschall Woroschilow, dem bisher die gesamte sowjet- russische Wehrmacht unterstand, ist eines Teiles seiner Macht dadurch entkleidet worden, daß ihm die Verfügungsgewalt über dieKriegs­mari n e entzogen und unter ein besonderes Kommissiariat gestellt wurde. Ihre besondere Ver­schärfung erhält diese Maßnahme Stalins durch die Einsetzung des Juden Mechlis auf den Posten

schäft. Um so infamer mutet die Demagogie an, mit der ein beispielloser Terror indemokratische Frei­heit" und wirtschaftliche Misere inblühenden Wohlstand der Werktätigen" umgelogen werden. Es ist kein Zufall, daß die Komödie derdemo­kratischen" Wahlen gerade im Schreckensjahr 1937 gespielt wurde. Dabei mußten bezeichnender­weise jedoch selbst die vordem sorgsam ausgeheckten Spielregeln im letzten Augenblick geändert werden, so gefährlich erckies sich in dieser Atmosphäre der völligen Terrorisierung sogar der bloße Popanz demokratischer" Formen: entgegen früheren feier­lichen Versprechungen wurde in jedem Wahlkreis immer nur ein . jeweils von Partei rangen hun­dertfach geprüfter Kandidat aufgestellt, darun­ter zur Hälfte die Funktionäre des Staats- und Parteiapparates, ja sogar der GPU. selbst! Um so lebhafter mußte natürlich das Bestreben der Pro­paganda sein, dieseWahlen" als höchste Errungen­schaftechter Demokratie" auszugeben, insbesondere gegenüber dem auf der demokratischen Tonleiter ach so feinhörigen Auslande.

Selbstverständlich finden diesedemokratischen" Parolen ihren Niederschlag auch in der Politik der kommuni st ischen Internationale, auf die Moskau in den Zeiten seiner eigenen schwer­sten Krisen erfahrungsgemäß mit besonderem Nach­druck zurückgreift. Die inzwischen gleichfalls

mehrfach gesäuberte und gesiebte Komintern greift die neue Tonart in vollem Umfange auf. Kein Aufruf Dimitrows, keine Proklamation der Komin­tern, worin nicht von derVerteidigung der De­mokratie und des Friedens" die Rede wäre. Die bolschewistische Intervention in Spanien geschah im Zeichen derDemokratie", die Einigung der Sowjetgewerkschaften mit der Amsterdamer Ge­werkschaftsinternationale erfolgte im Namen der Demokratie", unter dem gleichen Motto stehen die von Moskau nach Kräften geförderten Einigungs­verhandlungen zwischen den kommunistischen und sozialistischen Parteien zahlreicher europäischer Länder. Nach der altbewährten Taktik destro­janischen Pferdes" bereitet die Komintern in näch­ster Zeit neue Offensiven vor mit dem Ziele, sich jetzt in den sozialistischen und liberalisti- schen Parteien und Organisationen aller Länder selbst festzusetzen. Dabei ist die Moskauer Strate­gie auf dem Hintergründe des Schreckensjahres 1937 klar ersichtlich: je furchtbarer der Terror im eigenen Lande wütet, je mehr die Basis der bolschewistischen Macht in der Sowjetunion selbst bedroht ist, desto wichtiger wird es für Moskau, seine ausländische Anhängerschaft mit dendemo­kratischen" Losungen,, zu ködern und selber um den Preis taktischer Schwenkungen neue Kanäle für die bolschewistische Propaganda zu eröffnen.

Zweifel uni) Sorgen in USA.

Von unserem K. G. S -Berichterstatter.

Washington, im Dezember 1937.

Im Januar 1937 wurde Präsident Franklin De- lano Roosevelt zum zweiten Male in sein Amt eingeführt. Die ersten vier Jahre seiner Führung waren von den Wählern im November 1936 mit überwältigender Mehrheit gutgeheißen morgen, und nun begann die zweite und traditionsgemäß letzte Amtsperiode. Sie begann mit dem gräß­lichsten Unwetter, das Washington feit Jahrzehnten erlebt hat, und auch in den folgenden Monaten ist der Himmel dem Bewohner des Weißen Hauses nicht freundlich gesinnt gewesen. Schwere lieber» schwemmungen verwüsteten weite Gebiete, als der Vater der Flüsse", der Mississippi eine hohe Flutwelle durch das Land wälzte, weit über die Ufer hinaus Haus und Hof, Lebewesen jeder Art erraffend. Sein prominenter Mitarbeiter und Par­teigenosse, der Vizepräsident Garner, schied von ihm, alsdRoosevelt voller Tatendrang- an das ge­heiligte Gebäude des Obersten Bundesgerichts zu rühren wagte. Weitere Streiks folgten in der Kohlenindustrie, in den Autofabriken. Es folgte der Streik des Bundesparlaments, das vom Januar bis zum August nicht ein Gesetz erle­digte. Roosevelts Lieblingsgesetze: Reorganisation des Obersten Gerichts, Reorganisation der Bundes­verwaltung, Regelung der Löhne und Arbeitszeiten (Ersatz für das vom Bundesgericht getötete Nira), Regelung der Farm-Produktion und Farmpreise kamen nicht einmal zur Abstimmung in den Ple­narsitzungen. Als dann, von der Tropenhitze Washingtons verjagt, das Parlament endlich in die Ferien ging, setzte die von der Privatwirtschaft künstlich betriebene Depression ein, die Aklien stürzten, beschleunigt durch die Verkäufe fpekulie- render Engländer und Franzosen, in tiefste Tiefen, genau wie 1929.

DerNeue Kurs" hat nicht zum Ziel geführt, und er kann das hat Roosevelt bis zum Spät­sommer 1937 nicht erkannt nur in einem auto­ritären Staat zum Ziel führen. Straffe Zentral­gewalt und nationale Führung von Volk unh Wirtschaft, wie Roosevelt sie plante, lassen sich mit demokratischen Formen nicht durchführen, oder nur dann, wenn es dem Land (wie im März 1933) schlecht geht. Die Reformen, die Roosevelt in den erstell vier Jaahren einführte, brachten dem Land Ruhe und Prosperität und damit Opposition gegen weitere Reformen. Der Neue Kurs blieb stecken, die sozialen Reformen verzögerten sich. Die Arbeitnehmer wurden unruhig, und die Arbeit­geber vereinigten sich zu einem großen Schlag, der demverrückten Reformer" und den Arbeitneh­mern gleichzeitig Halt gebieten sollte. Nun, sie haben ihr Ziel zum großen Teil erreicht, wenn

auch unter großen eigenen Verlusten. Die Lage der Arbeitnehmer ist so schwierig geworden, daß sogar die feindlichen Brüder Green (horizontale Gewerkschaften) und Lewis (vertikale Gewerk­schaften) kleinlaut geworden sind und das Kriegs­beil begraben wollen. Und Roosevelt hat dem jetzt schon wieder tagenden Bundesparlament zugesagt, daß er allen berechtigten Wünschen der Unterneh­mer entgegenkommen werde. Er hat den Elek­trizitätswerken versichert, daß er ihnen keine staatliche Konkurrenz machen werde, und er hat die Privatwirtschaft im allgemeinen zu einem phantastischen, rein privaten, aber durch Bundes­mittel geforderten Bauprogramm aufgerufen, das in fünf Jahren vier Millionen neue Wohnungen und Eigenheime errichten und etwa 15 Milliarden Dollar in Umlauf bringen soll. Garantien bezüglich der Arbeitszeiten und der Lohne hat er nicht ver­langt, sondern er überläßt das der Privatindustrie!

Welche Wendung! Trotzdem: der Magnetismus Roosevelts ist immer noch so groß, daß man von einem führerlosen Staat wie in ven letzten zwei Jahren des Hoover-Regime nicht sprechen kann. Die Handarbeiter und oie unteren Schichten der geistigen Arbeiter stehen hinter ihm, und eine kürzlicheStrohabstimmung" ergab 62 v. H. Mehrheit für ihn und sein Programm. Auch die Arbeitgeber haben inzwischen manches gelernt und sehen ein, daß der Erzeuger nicht ohne jede Rück­sicht auf den Verbraucher schalten und walten kann. Roosevelts versöhnlicher Ton der letzten Wochen gegenüber der Privatwirtschaft und seine Bemühun­gen, ihr Vertrauen zurückzugewinnen, haben er­staunlich rasche Erfolge gehabt. Es ist zu früh, vorauszusagen, - was 1938 bringen wird: auf nor­malem Preisniveau oder Differenzen, Streiks, In­flations-Erscheinungen. DerNeue- Kurs" ist nicht endgültig beiseite gelegt, aber man steuert mehr nach rechts.

Wird Roosevelt nun der Tradition zum Trotz zum dritten Male kandidieren? Das erscheint fraglich. Abgesehen von den Wünschen Roosevelts würde ein solcher Schritt die innenpolitische Lage noch mehr komplizieren. Schon jetzt ist, wie feine Niederlage im Falle des Obersten Bundesgerichts gezeigt hat, ein großer Teil der Abgeordneten, auch in der eigenen Partei, durchaus nicht mehr gewillt, allen feinen Plänen zuzustimmen. Weitere vier JahreNew Deal" nach 1940 würde vielen als untragbare Drohung erscheinen und die Demokra­tische Partei spalten. Die Lage wird im Novem­ber 1938 besser zu übersehen sein nach den großen Wahlen für das Abgeordnetenhaus und für ein Drittel des Bundessenats.

des Ersten Stellvertretenden Kriegskommissars. Die­ser' Mechlis hat keinerlei militärische Kenntnisse; er war bisher Direktor der ZeitungPrawda". Er hat die Aufgabe, die Tätigkeit seines Vorgesetzten Woroschilow von der politischen Seite her zu kon­trollieren. Der Schlag Stalins gegen Woroschilow, der mit der Verhaftung einiger Generalstäbler aus der Umgebung des Kriegskommissars vor einem knappen halben Jahr begann, ist in seiner jetzigen

Verschärfung um so bedeutsamer und für Woro­schilow bedrohlicher, als die von Stalin erneut ver­ursachte Aufsplitterung des sowjetrussischen Ober­befehls der sonst in der ganzen Welt bemerkbaren Tendenz der Vereinheitlichung des Oberbefehls zu­widerläuft. Auch ohne den Fall Tuchatfchewski dürfte sich Woroschilow über seine neue Lage völlig klar sein.

Der britisch-italienische Rundsunkzwist.

Londons erste Rundfunksendung in arabischer Sprache.

London, 4. Jan. (DNB. Funkspruch.) Sämt­lich? Londoner Morgenblätter bringen in großer Au.machung und in aller Ausführlichkeit Berichte über die e r ft e britische Rundfunksen­dung in arabischer Sprache. Dabei wird auch erwähnt, daß e s dem italienischen Rundfunkgelungen sei, das arabische Inter­esse an-dieser Sendung a b z u s ch w ä ch e n. Der Sender Bari habe nämlich zu gleicher Zeit den populärsten arabischen Sprecher vor das Mikrophon gebeten, was zur Folge gehabt habe, daß die Araber sehr bald von der Welle des britischen Rundfunks auf den Sen­der Bari umgeschaltet hätten.

Giormale d'Italia" schreibt:Heute be­ginnt ein Wortkrieg, mit dessen Lärm man offenbar einen weniger hörbaren aber um so hartnäckigeren Stimmüngskrieg übertönen will. Jedenfalls stellt dieser Wortkrieg, wie ja die englische Presse, auch zugibt, einen neuen Angriff gegen Italien dar. England beweist nur zu deutlich stine gewollt feindselige Einstellung gegenüber Italien, eine Haltung, die zudem unmit­telbar mit den Aenderungen im Foreign Office übereinstimmt, wo dem kampflustigen Eden unbegrenzt freie Hand gewährt wor­den ist." Italien hat nie gegenüber den Arabern in Palästina eine antibritische Radiosendung betrie­ben.Dagegen verbreitet ein großer Teil der eng­lischen Presse täglich die frechsten und unge­heuerlichsten Lügen über Italien mit dem deutlichen Ziel, die bürgerliche und militärische

Ehre Italiens, seinen Kredit, seine Finanzen und seine nationale Grundlage zu verleumden und zu untergraben. Mit dieser Pressehetze will man in England die öffentliche Meinung gegen Italien auf­peitschen und Italien mit allen Mitteln verächtlich machen. Die Uebertragungen des italienischen Radio- senders sind für London nur ein willkommener Vorwand, um die britische Politik auf einem weite­ren Sektor gegen Italien ,zu mobilisieren, ähnlich wie man in der Sanktionszeit 800 000 Tonnen gegen den angeblichen italienischen Pr-ssefeldzug ins Mit­telmeer entsandt hatte." In Wirklichkeit, so meint das italienische halbamtliche Blatt dann, wolle Eng­land zur Verwirklichung seiner neuen strategisch en Pläne die Araber in Palästina und den umgrenzenden Gebieten mit Feuer und Eisen bezwingen, nachdem es die arabische Gegenbewegung durch die Einwanderung feind- seliaer landesfremder Elemente provoziert habe. Um Palästina wieder zur Ruhe kommen zu lassen, würde es genügen, daß England jene Prinzipien des internationalen Rechtes als dessen Hüter es sich auszuspielen pflegt etwas besser beachten würde.

Das ägyptische varlament aufgelöst.

Kairo, 3. Jan. (DNB.) Das ägyptische Par- (ament ist durch ein königliches Dekret aufge - 'löst worden. Im Namen der nationalistischen Wafd-Abgeordneten, die geschlossen zum Parla­mentsgebäude gezogen waren, wollte Nahas