P. B.
Sonne, Schwalbengezwitscher und ihr freundliches Gewinde, da werden offene Fenster zu Rosentorcn des Glücks.
Aus der 6>«ad< Gießen.
Glyzinien und Kletterrosen.
$cr kühl« Anstrich des Hauks in der Settensttaße ift etwas angebräunt wie das Aittliß seiner Besitzerin. Ein großmaschiges Netz, wie aus fefCh Wt“611 deslochten, überzieht die Stirnseite des Gebäudes und die Ballustrade des Altans wie zu ihrem Schutz. Das unschöne holzige Geflecht f'rnrfn^r r1*6 blcJ^anfen toten Laubs und ver- in^..sSd>otE" baumelten, hat sich in ein lebendiges Geäder voll strotzender Kraft verwandelt, dem uppT Blütenhügel entsprudeln. Blaue -trauben von der vornehmen Tönung des Amethyst umprunken Fenster und Altan. Verschwenderisch wehen Dufte wie aus vorüberrauschender Seide und Hummeln und Bienen trinken sich an den Blüten sott. Die verschlossenen Doppelfenster lassen nichts von dieser Blütenherrlichkeit hinein in die Wohnung. Aber die amethystnen Glyzinien warten auf diese Gunst, wie Kammerzofen und betreßte Lakaien.
Wieviel herzlicher und froher sind dagegen die mit roten Lippen lachenden Kletterrosen, die ein bescheidenes Giebelhäuschen umwinden! Und durch weit offene Fenster atmet das Glück aus und ein Flink- beschwingte Schwalben, die unter der Dachtraufe nisten, zwitschern auf und nieder. Einmal sah ich das junge Paar, schwarz und blond, im Vorgarten beschäftigt. Sie goß die Rosen, und er trug das Wasser herbei. Zärtlichkeit und Liebe schwangen in den wenigen Worten, die ich beim Vorübergehen erlauschte. Ein andermal winkte die junge Frau, im offenen*Fenster stehend, ihrem Manne nach. Sie trat zurück, als sie mich erblickte. Aber ein goldener Schein spielte da, wo sie gestanden, und glitt ihr langsam ins Zimmer nach.
Schon sind die Ruten und Ranken dabei, auch den Eingang zum Vorgärtchen mit blühenden Bogen zu Überspannen. Sie können ihre kleinen Willkommen- sträuße dem Nahenden nicht weit genug aus dem buschigen Laubgrün entgegenstrecken, die herzlichen Kletterrosen, und dem lieben Besuch nicht lange genug nachwinken.
Dornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Gloria-Palast, Seltersweg: fugend". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der nackte Spatz".
Otto Gebühr im Stadtkheater Gießen.
Das Stadttheater Gießen hat für das erste Gastspiel der Sommerspielzeit 1938 in Gießen Otto Gebühr mit seinem Berliner Ensemble verpflichtet. Am Dienstag, 7. Juni, wird der bekannte Feie- dericus-Darsteller einmal in einer völlig andersgearteten Rolle als Theaterdirektor Strrese in „Der Raub der Sabinerinnen", Schwank von Franz und Paul von Schönthan, gastieren. Beginn 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Hitler-Jugend Bann 116
Vetr.: Sonderzug am 26. Juni zur Sleckelburg.
Unter der Schirmherrschaft des Gauleiters finden aus Anlaß der 450. Wiederkehr des Geburtstages von Ulrich von Hutten die „Hutten-Freilicht- spiele" auf der Steckelburg bei Schlüchtern statt. Das Gedächtnis Huttens zu ehren und sein geistiges Erbe zu wahren ist für den Gau Hessen-Nassau eine Ehrenpflicht. Es ist der Wunsch des Gauleiters, weitesten Kreisen die Teilnahme an den Freilichtspielen an der Geburtsstätte dieses großen Deutschen zu ermöglichen.
Zur Aufführung gelangt das Festspiel „Laßt Hutten nicht verderben". Zu diesem Festspiel wird eine Sonderfahrt des Kreises Wetterau durchgeführt, und zwar Sonntag, 26. Juni — Sonderzug ab Gießen zur Steckelburg. Der Teilnehmerpreis einschließlich Eintritt zum Festspiel beträgt
„Achtung! Ich stehe unter Naturschutz!"
Fast möchte man wünschen, daß unsere geschützten Pflanzen diese Warnung manchem „Naturfreund" entgegenrufen könnten, bevor er sie achtlos zertritt, ausreißt oder pflückt. Die Blumen in Wald und Flur, auf Wiese und Trift gehören als kostbares Heimatgut der Gesamtheit unseres Volkes. Sie hat berechtigten Anspruch, die heimische Pflanzenwelt erhalten zu wissen. Deshalb hat auch der Reichsforstmeister den Naturschutz einheitlich zusammen- §efaßt und 1936 die Naturschutzverordnung erlassen, n ihr sind zum ersten Male Bestimmungen über den Schutz wildwachsender Pflanzen — wie auch der nichtjagdbaren wildlebenden Tiere — vereinigt. Der Schutz erstreckt sich auf Maßnahmen gegen mißbräuchliche Nutzung, Verwüstung und Beschädigung der Pflanzsnbestände und Entnahme von Pflanzen und Pflanzenteilen, auch wenn dabei im Einzelfalle ein wirtschaftlicher Schaden nicht entsteht. Der Naturschutz ist also völlig unabhängig von wirtschaftlichen Erwägungen. Allein der Gedanke der Schönheit ist in ihm zum Ausdruck gekommen.
Was aber nützen die besten Verordnungen, wenn mein oft nicht weiß, ob eine Pflanze geschützt ist oder nicht. Deshalb seien hier die Pflanzen genannt, die zur Zeit in der Natur unsere besondere Beachtung verdienen. An erster Stelle steht der große Teil unserer Frühlingsblumen. Das Blühen eröffneten die Nieswurz, das große Schneeglöckchen oder Märzenbecher und der Seidel- b a st oder Kellerhals. Sie sind Pflanzen der schattigen Wälder. Der Seidelbast mit seinen rot- violetten Blüten ist außerdem äußerst giftig, so daß schon aus diesem Grunde keiner ihm zu nahe treten sollte. Fälschlich wird er oft als Gewürzpflanze bezeichnet, jedoch ist er bestenfalls früher in der Heilkunde verwendet worden. Auf diese ersten Blüher im Jahreslauf folgen die vielen Zwiebel-, Knollen- und sonstigen Gewächse, die im Frühjahr blühen: das leuchtend hellgelbe Adonisröschen, die gemeine Küchenschelle mit ihren violetten Sternenblüten, das Leberblümchen, die Meerzwiebel — beide hellblau blühend — und das kleine Schneeglöckchen, das uns oft als der erste blühende Bote des Frühlings erscheint. Ebenso geschützt sind die gelben wildwachsenden Narzissen, die lilafarbenen Traubenhyazinthen, die dottergelben Schlüsselblumen und die gelben Aurikeln. Fast alle diese Frühjahrsblumen sind Gewächse des lichten Waldes, sie
kommen aber auch auf Matten, Bergwiesen und Hängen vor. Die dunkelblaue Akelei und das Maiglöckchen blühen am Waldesrand, während blauer Enzian und weiße Anemonen, wie Windröschen, Teufelsbart und B e r g - hähnlein, Wiesen und Matten mit ihren Blüten überstreuen. Dagegen bevorzugen die lilarosa P f i n g st n e l k e n , die kleinblütigen Steinbrecharten und die beiden S t e i n r ö s e l mit ihren rotoioletten Blüten mehr steinige Hänge.
Bald beginnt auch das Blühen unserer schönsten Wildpflanzen, der Orchideen, die alle unter Naturschutz stehen. Da wächst im Buchenwald auf steinigem Untergrund der Frauenschuh. Seine Blüte ist merkwürdig geformt. Braunrote Zungen umgeben eine gelbe Lippe, die stark einem Pantoffel ähnelt. Die Händelwurz trägt an einem aufrechten Stengel kleine lilarosa Blüten; sie liebt feuchte Wiesen und Heiden. Auf sonnigen Hängen, im lichten Gebüsch, finden wir die verschiedenen rötlichbraunen Ragwurzen, die Fließen-, Bienen- und Spinnenblume, ebenso wie die mit ihren langen, grünlich-braunen Zungen sonderbar aussehende Riemenzunge. Die Knabenkräuter mit ihren helloioletten Blüten und die weißblühende Kukusblume sind Orchideen der Wiesen, Waldlichtungen und feuchten Heiden.
Im Walde haben die Farnkräuter ihre Wedel aufgerollt. Auch Königsfarn, Straußfarn, Hirschzunge und Rippenfarn stehen unter Schutz. Von den Gehölzen sind Eibe, Wacholder, Hülse (Stechpalme) und der stark aromatisch duftende Gagel st rauch und S u m p f p o r st geschützt. Ja selbst bis in die Gewässer reicht der Naturschutz. Hier werden blaue und gelbe Schwertlilien und weiße Seerosen vor dem Aussterben bewahrt.
Schon diese kurze Zusammenstellung läßt die Reichweite der Naturschutzoerordnung erkennen. In ihr sind sogar Pflanzen aufgezählt, die stellenweise so häufig auftreten, daß wir einen besonderen Schutz für unnötig erachten. Trotzdem müssen auch sie geschützt werden. Wenn wir außerdem noch bedenken, daß die hier genannten Pflanzen nur den dritten Teil der gesamten geschützten Wildpflanzen ausmachen, dann wird jedem klar, daß minder neuen Naturfchutzgesetzgebung die Grundlage geschaffen ist, um dem werktätigen Menschen wirkliche Erholung in der Natur zu ermöglichen und zu gewährleisten.
4.— RM. Jgg., die mit dem Sonderzug am 26. 6. zur Steckelburg fahren wollen, haben sich umgehend in den auf der Dienststelle des Bannes 116 aus- liegenden Einzeichnungslisten einzutragen. Weitere Auskunft erteilt die Bannführung.
Ortsgruppenabend
der Frauenschast Gießen-Süd.
Nach langer Pause hielt die Ortsfrauenschaft Gießen-Süd ihren Pflichtabend im Studentenhaus. Der Abend war dem Anschluß Oesterreichs gewidmet. Frau Herzog begrüßte die Mitglieder und sprach herzliche Worte der Freude und des Dankes über die großen Ereignisse der vergangenen Monate.
Dann begann Frau Professor v. Reichenau ihren Vortrag über „ben wirtschaftlichen Anschluß Oesterreichs". Sie schilderte zunächst in klaren, leicht verständlichen Worten die hoffnungslose Lage Oesterreichs nach dem „Friedensvertrag" von St. Germain, der Deutsch-Oesterreich aller Absatzmöglichkeiten beraubte und es dem Untergang preisgab. Dann gab die Rednerin ein Bild von der jetzigen wirtschaftlichen Lage im Verbände Großdeutschlands, das sich mit einem Schlage ganz anders darstellt. Sie erklärte die österreichische Fabrikation, die mehr kunstgewerblicher Art ist, schilderte die herrliche Landschaft als Erholungsland, und hob den Reich
tum an Wasserkräften, der für gewerbliche Anlagep genutzt werden kann, hervor. Durch Oesterreich erweitert sich der deutsche Wirtschaftsraum bis zum Schwarzen Meer. Die Hauptsache aber, das, was alle begeistert und erfreut, ist die Blutsverwandtschaft, das Mitfühlen und Verstehen dieser deutschen Menschen, und so ist der Anschluß Oesterreichs niemals aus wirtschaftlichen Erwägungen erfolgt, sondern als eine Tat der Liebe, als selbstverständliche Heimkehr ins große, deutsche Vaterland anzusehen.
Der zweite Teil des Abends war der deutschen Musik österreichischer Meister vorbehalten. Frau Kasten sang Lieder von Mozart und Schubert, die Frau Fischer am Klavier begleitete. Alle Teilnehmerinnen lauschten begeistert den schönen Liedern, die längst zum deutschen Volksgut gehören. Der Gruß an den Führer, aus dankbarem Herzen, schloß den eindrucksvollen Abend. F. K.
Verleihung
des Treudienst-Ehrenzeichens.
Der Oberbürgermeister bringt heute eine Bekanntmachung zur öffentlichen Kenntnis, in der Aufschluß über die Wege zur Anmeldung von Angestellten und Arbeitern in der freien Wirtschaft zur Verleihung des Treudienst-Ehrenzeichens gegeben wird. Die Bekanntmachung fei der besonderen Beachtung der beteiligten Personen empfohlen.
HU28 Drittes Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Sreitag,3.3uni 1938
Nichtiges Zeitunglesen.
Wir leben in einer Zeit, die so reich an Gescheh« nissen ist, daß jeder einzelne sich bemühen muß, diese Zeit bewußt mitzuerleben. Die Zeitung ist das Organ, das die entlegensten Gegenden mit der Welt verbindet. Wohl haben wir jetzt auch den Rundfunk, aber wie oft wird der ruhige Empfang der politischen Nachrichten unterbrochen, wir hören nur mit halbem Ohr hin und haben das Gehörte bald wieder vergessen. Oft heißt es auch bei der Verkündigung neuer Gesetze und Maßnahmen: der Wortlaut ist aus der Tagespresse zu ersehen. Ein andermal sind wir zerstreut, verstehen nicht deutlich und schalten mißmutig aus.
So ist die Zeitung unentbehrlich, und sie sollte es auch für die Frau immer mehr werden. Aber man muß die Zeitung richtig lesen. Dazu kann jede Hausfrau sich selbst erziehen. Heute ist die Zeitung die erste Bildreporterin. Sie übermittelt die Ereignisse ganz lebendig. Diese Bilder werden auch die Frau interessieren, sie wird dann weiter die Geschehnisse im In- und Ausland verfolgen und regelmäßig lesen. Auch der wirtschaftliche Teil der Zeitung darf nicht übersehen werden. Gerade auf volkswirtschaftlichem Gebiete erleben wir eine so ungeheure Umwälzung, es wird so viel Neues ausprobiert und geschaffen, daß es auch Pflicht der Frau ift, hier auf dem Laufenden zu bleiben.
Der geschäftliche Teil ist ebenfalls wichtig und interessant. Die Presse ist die große Vermittlerin
FUSSBODENBELAG
PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE • NEUSS
jeder Werbuyg, sie ist die Schrittmacherin für den Geschäftsverkehr und für den Betrieb des einheimischen Handwerks.
Schon in der Schule lernen unsere Kinder das Zeitunglesen. Sie fragen zu Hause und wollen Auskunft haben. Da muß die Mutter Bescheid wissen, muß unterrichtet sein über das Geschehen in der Welt. So nur kann sie ihrer Zeit gerecht werden und sich verbunden fühlen mit ihrem Volk und ihrem Land. Bald wird auch die Frau soweit kommen, daß sie wichtige Nachrichten ausschneidet, interessante Bilder sammelt, aufhebt und für späteres Nachlesen einordnet. Denn die Menschen vergessen sehr schnell, wenn sie ihrem Gedächtnis nicht nachhelfen. Die Zeitung aber ist ein Mittel, nicht nur tätig und bewußt unsere ereignisreiche Zeit mitzuerleben, sondern sie hilft uns auch, die Erinnerung zu bewahren an großes einmaliges Geschehen. F. K.
Vom Kirchen- und Lindenplah.
Die Arbeiten für die Umgestaltung des Kirchen- und des Lindenplatzes find bisher mit großer Schnelligkeit vorangetrieben worden. Schon jetzt kann man die Umrisse des neuen Profiles dieser beiden Plätze erkennen. Die Bordsteine sind gesetzt, und für die Durchführung der Straßenzüge wird von frühmorgens bis zum späten Abend, zum Teil auch nachts, gearbeitet. Die neue Straßenbahnführung wird noch zu den Pfingftfeiertagen fertiggestellt fein. Die Gleise sind vom Marktplatz bis zum Kirchenplatz ein Stück vom Bürgersteig entfernt worden, so daß dort die fürchterliche Enge verschwilidet. Zwischen Kaplaneigasfe und Schloßgasse ist die Kurve begradigt worden, so daß die Gleise hier in gerader Richtung zum Lindenplatz führen. An der Ecke Lindenplatz-Walltorstraße machen sie eine kleine, durch das vorstehende Eckhaus bedingte Biegung. Der größte Teil dieser Straßenbahnführung liegt schon fest, die einzelnen Verbindungen am Marktplatz und am Lindenplatz sind gerade in Arbeit, so daß für den morgigen
Gchwarze Störche.
Von Karl Scherer.
Der Wiesenbach, der aus dem Rohrgürtel des schilfigen Quellweihers auf der schmalen Matte zwischen den Waldbergen kommt, steigt plätschernd von Stufe zu Stufe zur Talsohle hinab. Dort strömt sein Wasser unter dem dichtschattenden Blätterdach der Werden und Erlenbüsche weiter bis zu dem algengrünen Wehr der Säaemühle, über das die Flut breit hinwegschäumt und dessen tiefer Kolk von Schmerlen und Forellen wunmelt Don beiden Seiten senken sich laubgrüne Buckel herab, und am Waldrand blüht es bunt und farbenfroh unter dem frischgrünen Buchenaufschlag, Storchschnabel und Tausendgüldenkraut, goldgelber Hahnenfuß und violette Sandwicken.
Ueber dem schluchtengen Tal wölbt sich der blaue Frühlingshimmel, Admirale und Feuerfalter gaukeln von Blüte zu Blüte, Hummeln und Bienen surren vorüber, und in der schicktmernden Höhe ziehen Gabelweihen ihre schönen Kreise.
Ein großer Schatten schwebt über die Baumkronen zur Wiese herab, schwenkt über dem Buschwerk des Wasserlaufs zur Erde und steht minutenlang unbeweglich zwischen den Kümmelstcruden und Rohrschwingeln — der schwarze Waldstorch der von den Ufern des Nils ober aus dem KaMnd lurückaekebrt ist und feinen alten Horst im Geäst Sommereid)« in her liefe der un- übersehbaren Wälder bezogen hat, ist herzugestrrchen, schreitet gemessen durch das hohe Gras und beginnt o^Ei^^oßer,^ kräftiger Vogel und kin schmucker Geselle: lackrot der degenspitze, starcke Schnabel Brüst und Unterseite leuchten sllberwrtß.Jetzt reckt er sich im seichten Bachbett hoch auf, lüftet die tief- schwatzen Schwingen, legt sie Alatt und blank nneber zusammen und glättet mit dem Schnabel die Brus , unb Flüaeliedern; bei jeder Bewegung gleißen die dunklen Teile des Gefieders über dem weißen Leid stählblaugrün wie funkelndes Erz, baw wie m Goldbronze, überhaucht von Purpurschllleruns ^ünaoldenem Glanz kein anderer Vogel unseres ErÄteUs zeigt im Sonnenlicht «inen so strahlenden Metallschimmer wie der Waldstorch. , ,
Nun schwebt auch das Weibchen herzu, bäumt üuf einem Ast der Silberpappel auf und sichert lange in die Runde; denn wenn der weiße Storch auÄen Behausungen der Menschen nistet und wah- renb der Brutzeit jede Scheu vor ihnen verlier der Waldstorch bleibt immer ein scheuer Einsiedler,
der die Menschen flieht und die ttefste Einsamkeit sucht.
Doch die Lust ist rein; der Sägemüller ist mit dem Gespann im Walde, nur das ferne Rauschen und Stoßen des schweren Schaufelrads kommt eintönig durch das Tal herauf. Ohne Sorae gesellt sich die Störchin zu dem im flachen Wasser auf- und abspazierenden Gatten und sucht, wie er, einen blanken Silberfisch zu erschnappen. Jetzt fährt sie blitzschnell zu, der Kopf zuckt zurück, in der roten Klammer windet sich eine fette Schmerle und verschwindet im Schlund. Geruhsam stelzen beide den Bach hinauf, und ein grasgrüner Wasserfrosch, der sich am Ufer sonnte und trotz meterweiten Sprunges die deckenden Stauden nicht mehr erreichte, muß daran glauben.
Doch keinen Augenblick verläßt die scheuen Fischer die Vorsicht. Behutsam und lautlos treten sie zwischen den schwarzen Wurzelstöcken und glattgewaschenen Steinen umher; die flinken Forellen und Aeschen, die wie Schatten durch die Wasser huschen, sollen nicht im sicheren Versteck der überhängenden Ufer vorzeitig untertauchen. Da rauscht es in der Luft von schnellen Schwingenschlägen — ein Stockentenpärchen prasselt durch die dichten Ellernzweige und jagt die Fischer auf, die steil und hastig hochsteigen. Einen Augenblick glänzt das Gefieder in der Sonne wie rotes Gold, dann sind sie über den Wipfeln verschwunden.
Wer hat den Waldstorch schon in der Freiheit gesehen? Seit mehr als einem halben Jahrhundert steht er in Deutschland unter Schutz, doch das hat sein Aussterben nur wenig aufgehalten. In ben mächtigen Wäldern Ostpreußens finb noch etwa 65, in der Einsamkeit der Lüneburger Heide, im Forstort „Raubkammer" unweit von Göhrde, noch sieben Horste zu finden; das ist alles. Hat die Trockenlegung und Urbarmachung der Moore und Sümpfe die herrlichen Fischreiher und Kraniche stark vermindert — gegen das Vorkommen des Schwarzen Storchs sind sie noch häufig; auch Schweden, das Dorado der Wat- und Wasservögel, beherbergt nur noch wenige Paare.
Tief im Waldinnern, wo moosbewachsene Rottannen zwischen verwitterten Findlingsblöcken und kupferbraunen Schwarzkiefern aufragen und der hundertjährige, ausgehöhlte Eichenüberhälter feine Arme über den verschlammten Fischweiher streckt, steht auf einer breiten Astgabel unter der abgestorbenen Krone der Horst des Waldstorchs. Kein kunstvoller Bau; ttockne Fichten- und Birkenreiser, Wurzeln, an denen noch die Erde haftet, Moos- unb dürre Grasbüschel, Schilf- und Riedstengel bilden die NestmulÜe, in der bald drei ober vier
grünlich-weiße Eier liegen. Die Störchin brütet allein, doch trägt ihr der Storch in der Morgenfrühe allerlei Gutes zu: Blindschleichen, eine junge Schleie oder Barbe, einen Maulwurf oder eine Lurche — die saftigen Grashüpfer nicht zu vergessen!
Sommerlich still ist es unter ben alten Bäumen; Libellen schießen wie Funken über bas sumpfige Wasser bes Weihers, Eichhörnchen turnen in den Wipfeln, und auf dem nahen Wechsel trollt morgen^ und abends ein Rudel Rotwild vorüber — das stört die Storchfrau nicht weiter; taucht aber ein Mensch auf, so streichen die Alten lautlos vom Horste ab. Nur der graubärtige Förster, der allein den Standort des Horstbaumes kennt, pirscht sich Tag um Tag behutsam heran, um seine Pflegebefohlenen aus gemessener Entfernung zu beobachten und sich dann still wieder zu drücken.
Nur auf Umwegen, um nicht zum Verräter des Ortes zu werden, nähert sich der alte Stprch dem Horstbaum; über einem anderen Waldteil schraubt er sich in prächtigen Spiralen zu schwindelnder Höhe auf, läßt sich im Sturzflug wieder fallen, und dann erst geht es durch die deckenden Baumwipfel in sausender Fahrt dem Neste zu. Vier Wochen sitzt die Störchin auf dem Gelege. Die Jungstörche sind grauweißgescheckte Dunenkinder, dik von ihrer künftigen Schönheit nichts ahnen lassen.
Schon gegen Ende des Erntemonats ist der Nachwuchs flugbar. Täglich werden Kraft und Ausdauer der jungen Schwingen geprüft, kühner werden die Flugbilder, bis am Morgen des letzten Augusttages der Grünrock, der jetzt auf dem Pirschsteig heranschleicht, den Horst leer und verlassen findet — die großen Südlandflieger haben wohl schon die Donau hinter sich und streben weiter den Küsten Afrikas zu — dem neuen Frühling entgegen ...
Von der schwarzen Kunst.
Man spricht mit Recht von einer Buchdruckerkunst. Handwerkliche Ferttgkeit, künstlerische Geschicklichkeit und wissenschaftliche Sorgfältigkeit sind Voraussetzungen, für die Entstehung eines Buches; und wenn Verfasser und Zeichner bereits Feder ober Stift aus ber Hand gelegt haben, dann beginnt die vielfältige Arbeit bes Buchdruckers, die vor Jahrhunderten noch vielseitiger dadurch gewesen ist, daß in den alten „Offizinen" — noch 150 Jahre nach Gutenbergs Erfindung — die Buchdrucker sich ihre Schriftzeichen selbst herstellten. Erst um 1570 wurden in Deutschland die ersten selbständigen Schriftgießereien begründet.
Es ist in diesem Zusammenhänge »bemerkenswert genug, das 1568 in Nürnberg erschienene „Ständebuch", „Eygentliche Beschreibung aller Staende", zu befragen, wie dort die Dinge lagen. Wird nämlich sonst Frankfurt a. M. als erste Stadt zünftiger, für sich selbständig arbeitender Schristgießer genannt, so t)at das alte, treue Nürnberg auch hier die Vorhand. Denn schon in diesem Buche, das Jost Amman bebilderte und Hans Sachs textlich betreute, ist unser Gewerke mit Versen vermerkt, die anschaulich die Vielseitigkeit des „Buchstabengießers" schildern.
Mit Stolz vermerkt ein alter Chronist von der Buchdruckerei: „Diese herrliche Kunst ist gegen bas Mittel bes 15. Seculi in Deutschland erfunden worden" und die „Jünger der schwarzen Kunst", wie sich ber Buchbrucker nicht ungern nennen läßt, können sich rühmen, ihren „Mannschastsersatz" bereits .frühzeitig aus den gebildetsten Schichten be- zogen zu haben. Als nämlich Gutenbergs große Erfindung begann, eine neue Kulturepoche zu erschließen, da brauchte das junge Handwerk ober die neue Kunst kluge Köpfe und geschickte Hände. Ein kleiner Teil des Volkes erst konnte lesen und schreiben; die meisten Volksgenossen gingen zum öffentlichen Schreiber, um ihre seltene Korrespondenz durch ihn erledigen zu lassen. Schreiber waren zumeist studierte Leute; also ergab es sich von selbst, daß Studenten, ja Magister und Doktoren sich zu der neuartigen Schriftlegung drängten. Auch 'heute noch stellt die Setzerarbeit hohe Ansprüche an den „Schnellhasen", wie man in der Buchdruckersprache einen flinken Setzer nennt. Die eigentlichen Buchdrucker wiederum, die nach dem Schriftgießer und Schriftsetzer in Aktion treten, haben ihren künstlerischen Vorgänger im Holzschneider zu suchen, der ja auch schon vor Erfindung der beweglichen Schrift- zeichen stereotype Abdrucke von Zeichnungen anfertigte.
Die Verguickung handwerklichen, künstlerischen und wissenschaftlichen Zusammenarbeits, die beim Buchdrücke zutage tritt, ist gewiß Grund zu der interessanten Tatsache gewesen, die der „Verband der deutschen Buchdrucker" feststellen konnte, daß besonders viele deutsche Buchdruckereien jahrhundertelang unter einer Firma, oft sogar im gleichen Familienbesitze bestanden und geblüht haben. Noch 1917 im Weltkriege, der gewiß der wirtschaftlichen Stabilität nicht günstig war, gab es über 330 Druckereien, die 100 bis 400 Jahre bestanden; davon stammen die sechs ältesten aus der Zeit von 1470 bis 1506; 22 andere wurden im 16. Jahrhundert, weitere 53 im Jahrhundert des mörderischen 30jährigen Krieges gegründet


