Kr.257 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für OberWen)
Mittwoch, 2. November 1938
Oer größere Kreis Gießen
Feuerlöschdienstes des Kreises Gießen einbezogen I herzlichen worden. Die Bevölkerung des bisherigen Kreis-1 für die ji
Der Gruß der „Laubacher Elke"
OUALITÄTS-ERZEUGNIS DER SIDOL-WERKE
werde, damit die Beziehungen zu den Orten der Laubacher Ecke die herzlichsten und besten würden. Er wolle und könne den Gemeinden der Laubacher Ecke keine Versprechungen machen. Daß diese Gemeinden aufs beste betreut werden würden, sei
dustriellen Betriebe fast zu gleichen Teilen vertreten. Hierzu gehören eine Eisengießerei, eine Zigar- renfabrik, ein Sägewerk, eine Dampfziegelei, ein Jmprägnieri-erk (in diesem werden Baum- und Rebpfahle hergestellt, kyanisiert und kreosotiert), eine Weberei und ein Basaltwerk, dessen Betrieb zwar in der benachbarten Gemarkung Gonterskirchen liegt, aber dessen Verwaltungssitz in Laubach sich befindet. An Ae-mtern, .Behörden und wirtschaftlichen Einrichtungen sind zur Zeit vorhanden: das Amtsgericht, das staatliche Forstamt, Pest- und Bahnverwaltung, Oberschule für Jungen, die Bezirkssparkasse, die gesamte Graf-zu-Solms-Laubachsche-Ver-
in Kürze sagen könnten: Wir freuen uns, zum Kreis Gießen gekommen zu fein.
Wenn einmal von einem Historiker von Format die Geschichte unserer Zeit vom nationalsozialistischen Standpunkt aus geschrieben werde, so würden neben den ganz großen Epochen von 962 (Gründung des Ersten Deutschen Reiches) an über 1806, 1866, 1870/71, 1914/18 und 1933 als Jahr der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus auch das Jahr 1934 als Jahr der Beseitigung der Bundesstaaten und der Herstellung des von. allen Deutschen jahrhundertelang ersehnten deutschen Einheitsstaates sowie das Jahr 1938 als Jahr der Schöpfung Gpoßdeutschlands durch den Führer ganz besondere Bedeutung haben. Wir freuen uns alle, daß in dieses große Jahr auch die Schaffung des größeren Kreises Gießen fällt. Zwar könne dieses Ereignis im' Kreise Gießen nicht mit dem gewaltigen Geschehen der Schaffung Großdeutschlands durch den Führer verglichen werden, aber einst werde es ebenso wie auch heute als bedeutsam vermerkt werden, daß diese Neugliederung im Kreise Gießen in das Jahr der Schaffung Großdeutschlands falle. Wir alle wüßten, daß wir dafür nur dem Führer zu danken hätten und nie aufhören dürften, ihm diesen Dank avzüstatten. Das könnten wir am besten dadurch tun, daß jeder an der Stelle, auf die er vom Schicksal gestellt sei, eifrig mithelfe an dem Auf- und Ausbau des Großdeutschen Reiches, damit es nach der nationalsozialistischen Weltanschauung die Form erhalte, um auf die Dauer bestehen zu können.
Bei dieser Arbeit stehe der Bürgermeister mit an erster Stelle,-weil er durch sein Wirken dem Herzen des Volkes am nächsten sei. Es gäbe kaum- einen schöneren Berus als den des Bürgermeisters, denn sein Amt sei groß und seine Verantwortung sei schwer, dafür habe er aber auch große Aufgaben im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu erfüllen. Wie wichtig dieses Amt sei, gehe schon aus dem Vorspruch zur Deutschen Gemeindeordnung, ferner auch daraus hervor, daß der Führer den deutschen Bürgermeister zum Führer der Gemeinde als Selbstverwaltungs-Körperschaft gemacht habe. Früher habe man unter Selbstverwaltung die Mitbestimmung der Masse durch ihre gewählten Vertreter verstanden. Heute sei die Selbstverwaltung im nationalsozialistischen Sinne etwas ganz anderes, ncjmlich die verantwortliche Führung der Gemeinde durch ihren Leiter. Jeder Bürgermeister, der im Geiste dieser Auffassung seine Pflicht tue, werde seine Aufgaben im rechten Sinne erfüllen. Eine fundamentale Aufgabe des Bürgermeisters bestehe vor allem darin, eine gesunde Grundlage der Gemeindefinanzen zu schaffen, zu erhalten und zu sichern. Er (Redner) könne zu seiner Freude sagen, daß die Bürgermeister des Kreises Gießen von diesem Geist erfüllt seien und im besten Einvernehmen mit dem Kreisamt sich bemühten, die Geschicke ihrer Gemeinden so zu führen, daß es heute wohl kaum eine Gemeinde im Kreise. Gießen gäbe, die noch eine finanzielle Schwäche kenne. Fast alle Gemeinden seien bisher in der Lage gewesen, die erforderlichen Rücklagen sicherzustellen.
Kreisdirektor Dr. Lotz stattete hierauf dem Kreisdirektor und allen Beamten des Kreises Schotten
waltung, der sog. Rentkammer, der die Generalkasse, das gräfliche Forstamt und die Verwaltung des Pol. Kom. L. angeschlossen sind (übrigens wohl der größte Verwaltungsapparat im seitherigen Kreise Schotten), ferner das Krankenhaus mit Altersheim und die Laubacher Bank.
Zu erwähnen ist noch, daß Laubach schon seit langem auf Grund seiner milden Lage und seiner herrlichen Umgebung als Sommerfrische bekannt ist. Nach neuen Methoden findet in den letzten Jahren eine intensive Verkehrswerbung statt, die sich schon auf das hiesige Wirtschaftsleben günstig ausgewirkt hat. Die Zahl der Fremden hat sich seit 1933 um mehr als das doppelte vermehrt und die Zahl der Uebernachtungen sich noch bedeutend mehr gesteigert. Sommerhalbjahr: von 1094 auf 3562 (ohne 4768 JH.). Erstmalig ist in diesem Jahre unser Städtchen auch Aufnahmegebiet für KdF.- Urlauber gewesen, die uns von dem politischen Kreise Büdingen-Schotten zugewiesen worden sind (rund 1800 UÜbernachtungen, insgesamt 10 100).
Mit diesen kurzen Umrissen habe ich Sie auf die wirtschaftliche Stuktur Laubachs und seiner Umgebung hingewiesen, das mit dem heutigen Tage der Verwaltung des Kreises Gießen untersteht und somit auch dem politischen Großkreis Wetterau zugeteilt ist. Für uns ist es ein beruhigendes Gefühl
(der Kreisdirektor) hoffe, daß diese Probe bestanden würde.
Sodann machte der Kreisdirektor davon Mitteilung, daß er gestern Vormittag eine Verfügung des Reichsstatthalters über die Berufung der neuen Kreisausschußmitglieder erhalten habe. In dem neuen Kreisausschuß seien auch bereits Vertreter der Laubacher Ecke als Mitglied bzw. als Stellvertreter berufen worden. Der Kreisdirektor begüßte die neuen Kreisausschußmitglieder mit dem Wunsche, daß mit ihnen eine ebenso harmonische Zusammenarbeit zustande kommen möchte, wie mir dem bisherigen Kreisausschuß. .
Die neuen Kreisousschuhmitglieder
sind: Landwirt Heinrich Berghöfe-r (Treis a. d. Lumda): Bürgermeister und Landwirt Hch. Erb II. (Beltershain)', Svarkassenrechner Karl Naumann (Laubach): Landwirt und Bürgermeister Heinrich Rink (Steinbach): Landwirt und Bürgermeister Heinrich Rudel (Rodheim a. d. Horloff); Obermeister Hermann W o b k e r (Heuchelheim).
Der Kreisdirektor schloß mit den Worten: Der
Herzlicher Empfang der „Laubacher Ecke" durch den Kreisdirekior und die Bürgermeister Nunmehr gehören 86 Gemeinden mit 74420 Einwohnern zum Kreis Gießen.
selbstverständlich. Aber eines wolle er besonders hervorheben:: daß eine nationalsozialistische Tat besser sei,als hundertRe- d e n. Der bisherige Kreis Gießen habe durch sein
,i Dank ab für alles das, was sie bisher , . . jetzt zum Kreise Gießen gekommenen Gemeinden getan haben. Er gab sodann der Hoffnung Ausdruck,' daß die schöne Gemeinschaft, die bisher zwischen den Bürgermeistern der neuen Kreis- gemeinden und dem Kreisamt Schotten bestanden hätte, sich ebenso auch im Kreise Gießen gestalten
Zuc Sckukpftege,. dock nue cm4lauck dem £eder tut’s gut, dem Qctd&eutel auck !
Bürgermeister Högy, Laubach, als Sprecher der Bürgermeister der neuen Kreisgemeinden richtete .hierauf eine Ansprache an die Versammlung, in der er u. a. sagte:
Als Leiter der Stadt Laubach gereicht es mir zur ganz besonderen Freude und Ehre, Ihnen allen die herzlichsten Willkommensgrüße zu entbieten. Ich nehme hierbei Veranlassung, Ihnen, sehr verehrter Herr Kreisdirektor, meinen verbindlichsten Donk dafür auszusprechen, daß Sie die heutige Tagung hierher verlegt haben, um die infolge der Auflösung des Kreises Schotten dem Kreisverband Gießen zugeteilten Gemeinden in feierlicher Weise zu übernehmen. Mein ganz besonderer Gruß gilt dem Vertreter des Kreisleiters des Kreises Wetterau, Pg. Dr. H o p f e n m ü l l e r. Bei Ihrem Hiersein werden Sie Gelegenheit haben, sich bei den Gemeindeleitern der „Laubacher Ecke" davon überzeugen zu können, daß der Anschluß an den wirtschaftlich stärkeren Kreis Gießen von der gesamten, fast 5000 Einwohner zählenden Bevölkerung der übernommenen 7 Orte und der 4 selbständigen Gemarkungen lebhaft begrüßt worden ist. Diese Freude ist eine echte und aufrichtige, zumal es sich um die Erfüllung eines langgehegten Wunsches handelt, die wir dem Leiter der nationalsozialistischen Regierung in Hessen, unserem Reichsstatthalter und Gauleiter Pg. Sprenger in erster Linie zu verdanken haben. Mit dem heutigen Tage wird — was die Frage der Krei^zugehörigkeit des Laubacher Bezirkes anlangt — ein für allemal ein Schlußstrich gezogen.
Große Reichtümer besitzt das im mittleren Ober- Hessen gelegene 'Gebiet zwar nicht, aber dafür dürfen die zu ihm gehörenden Gemeinden, von einem treudeutschen Menschenschlag bewohnt, doch als wirtschaftlich gesund betrachtet werden, die einen bedeutenden Waldbesitz ihr Eigentum nennen können. Vorherrschend sind hie die landwirtschaftlichen Kleinbetriebe, die in manchen Orten fast 90 v. H. der gesamten Bevölkerung ausmachen, während der Rest sich aus Arbeitern und wenigen Kleingewerbetreibenden zusammenfetzt, die meistens auch noch nebenbei etwas Grundbesitz bewirtschaften. Nur ein Bergwerksbetrieb befindet sich zwischen Freienseen und Lardenbach. Anders gelagert ist die berufliche Zusammensetzung der Laubacher Bevölkerung. In der seit 1405 Stadtrechte besitzenden Gemeinde mit rund 530 Haushaltungen und knapp 2000 Einwohnern sind die Arbeiter, Bauern, Beamte und Gewerbe- treibe einschließlich der Besitzer einiger kleinen in-
gebiets bringe aber auch ein Herz mit, das sich über diesen Zuwachs freue, außerdem habe sie den festen Willen, nun auch dieser Ec§e des Kreises mit Hingabe zu dienen. Der Kreis Gießen sei sich seiner Verpflichtung bewußt, diesen neuen Teil des Kreises so zu betreuen, daß die Bewohner dieser Orte schon
In dem schönen Städtchen Laub ach, das seit dem gestrigen 1. November zum Kreis Gießen gehört, sand am gestrigen Dienstag eine Verso m m - lunq der Bürgermeister des Kreises Gießen statt. Der Anlaß zu dieser Laubacher Bürgermeister-Tagung war ein einzigartiger und lotalhistorischer, nämlich: die feierliche Eingliederung der sog. „Laubacher Ecke' in den Kreis Gießen. Zu dieser Tagung im Saale des „Solmser Hof" 'hatten sich die Bürgermeister der Kreisgemcinden, ein Vertreter der Kreisleitung und zahlreiche Vertreter von Behörden, ferner die früheren und die neuen Kreisausschußmitglieder versammelt. An der Tagung nahmen zum ersten Male auch die Bürgermeister* der nach der Auflösung des Kreises Schotten zum Kreise Gießen hinzugekommenen Gemeinden der Laubacher Ecke (Freienseen, Gonterskirchen, Klein-Eichen, Lardenbach, Laubach, Ruppertsburg und Wetterfeld) teil.
Kreisdirektor Dr. Lotz
leitete die Tagung mit herzlichen Worten der Begrüßung ein. Sein erster Gruß galt dem Vertreter der Partei und des Kreisleiters, dem Pg. Direktor Dr. H o p f e n m ü l l e r, der an Stelle des verreisten Krelsleiters gekommen war. Der Kreisdirektor betonte dabei, daß Dr. Hopfenmüller in der Kreisleitung die Verbindung mit dem Kreis und den Gemeinden des Kreises Gießen aufrechterhält, die Zusammenarbeit mit ihm bisher schon immer sehr erfreulich war und sicherlich auch in Zukunft so verlaufen wird; sein Erscheinen als Vertreter des Kreisleiters werde daher besonders begrüßt. Weiter galt der besondere Gruß des Kreisdirektors den zahlreichen Vertretern der Behörden, die durch den Gebietszuwachs des Kreises Gießen in der Laubacher Ecke auch eine Erweiterung ihres Arbeitsbereichs erfahren haben. Die übrigen Ehrengäste wurden von dem Kreisdirektor ebenfalls mit herzlichen Worten willkommen geheißen, wobei er insbesondere die bisherige gute Zusammenarbeit mit den früheren Kreisausschußmitgliedern. ebenso mit der Presse hervorhob. Schließlich richtete der Redner noch herzliche Grußworte an die Bürgermeister selbst, vor allem an die Bürgermeister aus der Laubacher Ecke mit dem Wunsche, daß sie sich schon bald in der Gemeinschaft des Kreises Gießen heimisch und.wohlfühlen möchten.
Aus dieser Tagung habe der Kreis Gießen ein Geschenk entgegenzunehmen, das ihm von dem Reichsstatthalter in Hessen — Landesregierung — mit dem Gesetz vom 7. April 1938 gemacht wurde. Der Kreis Gießen freue sich dieses Geschenks, denn er wisse, daß er mit der Eingliederung der Laubacher Ecke in den Kreis Gießen eine wertvolle Verschönerung erfahren habe. Der Kreis Gießen habe bisher nicht zu den Kreisen gehört, die über landschaftlich besonders schöne und markante Gegenden verfügen. Gewiß, auch der Kreis Gießen in seinem bisherigen Ausmaß fei schön, aber er habe sich an Naturschönheiten doch nicht mit den anderen Kreisen messen können. Das sei jetzt durch die Eingliederung der Orte der Laubacher Ecke anders geworden, und deshalb freue man sich über dieses Geschenk. Die Freude sei aber auch dadurch begründet, daß man wisse, die Bevölkerung dieser Orte des Laubacher Bezirks begrüße diesen Anschluß an den Kreis Gießen. Ein B"weis dafür fei der Zeitungsartikel von Bürgermeister H ö g y , Laubach („Gießener Anzeiger" Nr. 254 vom 29./30. Oktober. D. Schriftltg.). Der Kreis Gießen komme aber nicht mit leeren Händen. Schon feit einiger Zejt fei z. B. die Laubacher Ecke in den Bereich des
ncDcii yuuc uulu; jom Sache zu dienen und nicht der Person, das ist unser Handeln zu beweisen, daß er würdig sei, diese schöne Weg. Wenn wir ihn gehen, wird auch das Ziel der Laubacher Ecke zum Kreis bekommen zu haben. Er > Verwaltung erreicht werden
Gießener Stadttheater.
Verdi: „Rigoletto."
„Wenn ich Dilettant wäre, würde ich ,Traviata' lieben, als Künstler erkläre ich mich für Rigoletto." So bekennt sich Verdi selbst zu der ersten der drei aufeinanderfolgenden Opern „Rigoletto" (1851), „Troubadour" (1853) und „Traviata" (1853). die seinen Weltruhm begründeten. Wenn auch die 16 vorangegangenen Opern des damals 38jährigen vereinzelt schon typische Derdische Züge aufweisen, so sind sie immer noch stark an die italienische Tradition gebunden durch Stoffwahl und musikalische Form. Den von harten Schicksalsschlägen Betroffenen führte erst das erfahrene Leid zur Reife seines Menschentums. Bedenkt inan, daß er 1840 innerhalb weniger Monate feirie beiden Kinder und seine Frau an tückischer Krankheit verliert und tn dieser „gräßlichen Seelenqual" vertragsgemäß eine komische Oper schreiben muß, so rpird man ermessen, daß jetzt bei ihm die Basis gegeben war, die erschütternde Tragik des „Rigoletto"-Schicksals m aller Tiefe zu begreifen. Er betont selbst, daß er zehn Jahre früher den „Rigoletto" ßicht gewagt haben ' würde; erst zuletzt war er menschlich und künstlerisch dazu befcchigt, die Gestalt des Narren in ihrem inneren Zwiespalt zu durchleben.
Daß gerade die menschlichen Probleme im Opernstoff zu der Höhe von Verdis Schaffen führen, das bestätigen die Hauptfiguren der oben benannten Werke; es find Grenzfälle, die außerhalb des alltäglichen Erlebens liegen: Der Narr („Rigoletto ), die Hexe („Troubadour"), die Dirne („La Traviata ): „Rigoletto", von Natur aus mißgestaltet und dadurch in die Stellung als Hofnarr hineingetrieben, ein Spötter, ein Gelegenheitsmacher für die galanten Abenteuer des Herzogs, feines Gebieters, verfallt dem Fluche der beleidigten Vaterehre Monterones, die er höhnend in den Staub zu ziehen versucht. Das Verhängnis verfolgt ihn: anderen vermeintlich einen Streich spielen wollend, liefert er feine so sorgsam gehütet^ Tochter in die Hände seiner Widersacher. Der erwachende Mensch in ihm will im Hochgefühl väterlicher Liebe für seine Tochter zum Rächer werden an dem Herzog und trifft mit seiner Rache das Leben seiner eigenen Tochter, lieber- steigerte Leidenschaft treibt die eigene Tochter^ dazu, sich für den Mann zu opfern, dessen Falschheit sie kurze Zeit vorher mit eigenen Augen erkennen mußte.
Im menschlichen Nachfühlen stößt Verdi im „Rigoletto" zu einer, einzig dastehenden musikalisch- dramatischen Durchdringung des Stoffes vor, und
so werden die Szenen zwischen Vater und Tochter mit zu den ergreifendsten, die er geschrieben, hat.
Verdis Stil erreicht eine überzeugende, bis dahin noch nicht zu beobachtende' szenische Geschlossenheit. Das erste Bild mit seinem gesellschaftlichen Treiben, das vom Orchester musikalisch eingefangen wird, dazu die Konversation der einzelnen Gestalten, alles fügt sich zu einem einheitlichen Ganzen. Schaurig die Szene zwischen Rigoletto und dem Bravo Sparasucile, wo das Orchester in eigenartiger Klangführmig die Unterhaltung der beiden sich abheben läßt. Don besonderem Reiz sind die selbständigen Nebenstimmen, die sich immer wieder in den verschiedensten Szenen zu dem melodischen Bogen finden. Das Eigenartigste und Unvergleichlichste aber gibt er in dem Quartett des letzten Aktes, wo er die größten persönlichen Gegensätze und die unterschiedlichsten Seelenftimmungen zu musikalischer Einheit bindet; ein einzig dastehender Gipfel in der gesamten Opernliteratur.
Wir wissen, daß gerade beim „Rigoletto" Verdi starken Anteil hatte an der Durchgestaltung der einzelnen Szenen, an der Echtheit und menschlichen Wahrheit des Bühnengeschehens. Es ist auch bekannt, daß Verdi dem stimmlich vielleicht nicht so glücklich bedachten, denkenden Darsteller den Vorzug vor dem „Nur-Sänger" gabr So verlangt der „Rigoletto" eine starke psychologisch orientierte Eindringungsfähigkeit der beteiligten Kräfte mit weitgehender Einfühlungsgabe in die musikalischen Bedingungen, zumal Verdi hier kaum solche „dankbaren Nummern" für die Sänger bietet wie etwa im „Troubadour".
Wegen der in der Titelfigur gebundenen Problematik wird diese Rolle zum Prüfstein des Darstellers und Sängers. In dem Wechsel der Situationen, die jedesmal eine neue seelische Haltung erfordern, von der Oberflächlichkeit des stotternden Narren bis zum tiefsten Erschüttern des vom Schicksal geprellten Daterherzens, wurde Gustav Bley zum Künder stärksten inneren Erlebens, reich in der Reihe der Abstufungen seelischer Aeußerung, stets aber dabei von innerer Echtheit und menschlich warmem Erfühlen überzeugend, unter der Narrenmaske den hart geprüften Menschen erahnen lassend; in stetiger Einheit des Darstellers mit dem Sänger, mit prächtig klingendem, weitgespanntem melodischen Bogen die lyrischen Szenen ausschöpfend, nachgiebig im Stimmklang, jeder Charakterisierung in ihrer dramatischen Bedingtheit fähig. So wuchs er mit Wucht über das bloße Bühnenspiel hinaus im Kampf zwischen Schicksal und Väterlichkeit zu dämonischer Größe des von Rache 'genährten Triumphgefühls (ein hohes „As“ am Schluß des Duetts!) und dem stärksten Gegensatz dazu im Hereinbrechen der Katastrophe.
Lotte Grimm vom Opernhaus Köln als Gast erscheint durch den vorherrschend lyrischen Einschlag ihrer Stimme für die Gilda besonders bestimmt. Ihre Töne sind weich, äußerst modulationsfähig, mit der Entfaltungsmöglichkeit vom flötengleich schwebenden Piano bis zum tragenden Forte-, musikalisch dabei die melodische Linie mit den Gefühlswerten füllend. Ihre große Arie im zweiten Bild ließ sie als eine Sängerin von besonderer Kultur erkennen, getragen von Gefühlsweichheit und Innigkeit. In vollster Entfaltung zeigte sie sich im Quartett des letzten Aktes.
Der Herzog soll nach Verdis Worten ein „Wüstling" sein; skrupellos im Verfolg seines sinnlichen Begehrens und dennoch im zweiten Akt nicht frei vom Durchbrechen eines echten, ehrlichen Fühlens. Ernst August Waltz war im Eingangsbild mit seiner „Ballata" Standesperson von Haltung und schöner, ausgeprägter Gesangslinie, in den Szenen mit Gilda voll werbender Liebe mit Zartheit und Anschmiegsamkeit des Klanges. Im letzten Akt gab er sich mit frivoler Leichtfertigkeit, ganz in feinem „O wie so trügerisch" ausgehend. Die Leichtigkeit seiner Stimme kam der Durchführung der Partie besonders entgegen; die Bindungen in der oberen Mittellage würden durch größere Plastik noch mehr gewinnen.
Dem schicksalshaften Fluch wurde Erwin B u g g e zum betonten Träger als Monterone; den Spara- fucile zeichnete Herbert Hirche mit scharfen Zügen und stimmlicher Farbe. Max Schneider-Oe |t und Gert Buch heim (Marullo und Borsa) gaben ihrem Part ein eignes Gepräge. Ilse Winhold fügte sich als Maddalena mit Sicherheit und individueller Färbung dem Quartett ein. Das gesamte Geschehen auf der Bühne war durch die Spielleitung Wolfgang Kühnes klar gegliedert und van dramatischem Zugs erfüllt; besonders sei die tänzerische Ausdeutung der Eingangsszene hervorgehoben. j
Die Chöre unter Heinz Markwardt gaben der Szene Verstärkung des dramatischen Akzentes. Die Bühnenbilder Karl Löfflers fingen das Milieu in fein durchgearbeiteter Anpassung ein und wurden unterstützt durch die stimmungsgebundene Beleuchtung (Remigius Konen). Das Ganze aber erhielt unter Joachim Popelka temperamentvoll durchglühten musikalischen Impuls, mit besonderem Eingehen auf die zahlreichen Feinheiten der an Schönheiten so reichen Partitur, gefolgt von den trefflich mitgehenden Kräften des Orchesters.
In ihrer Gesamthaltung und Durchführung wurde die Aufführung ein würdiger Auftakt des weiteren Verdi-Gedenkens in dieser Spielzeit. Das vollbesetzte Haus war sichtlich mitgerissen.
Dr. Hermann Hering.
Oie Sache mit dem Wasserhahn.
Das ist etwas für die Hausfrauen: Die Geschichte mit dem offenen Wasserhahn! Zwei Gerichte Berlins haben sich vor kurzem mit ihm beschäftigen müssen. Einer Zivilklage lag folgender Vorgang zugrunde. In einem Berliner Miethaus war wegen einer Jn- ftandsetzungsarbeit die Wasserleitung abgestellt worden. Während die Leitung noch abgestellt war, drehte die bei einer Familie im zweiten Stockwerk beschäftigte Aufwartefrau die Leitung auf, um zu sehen, ob das Wasser wieder laufe. Sie vergaß jedoch, den Hahn wieder zuzudrehen. Nachdem die Leitung wieder in Betrieb gesetzt war, strömte das Wasser durch den Fußboden. Dem unterwohnenden Mieter wurde erheblicher Schaden zugefügt, weshalb er nacheinander vom Hauswirt, vom Hauswart und von der im zweiten Stock wohnenden Mieterin Schadenersatz verlangte. Das Landgericht wie das Kammergerichk wiesen aber den Kläger ab. Den Hauswirt und den Hauswart treffe keine Schuld, weil das Abstellen der Wasserleitung den Mietern nicht angezeigt zu werden brauche. Die Mieterin treffe keine Schuld, weil nicht sie, sondern ihre Aufwartefrau den Hahn geöffnet und ihn offen habe stehen lassen. Die Mieterin habe auch ihrer Aufsichtspflicht der Aufwartefrau gegenüber genügt, da bei der Auswahl und Beaufsichtigung einer Aufwartefrau nur ein bescheidener Maßstab anzulegen fei. Da die Aufwartefrau der Mieterin empfohlen worden sei und bisher auch zur Zufriedenheit der Mieterin gearbeitet habe, könne die Mieterin nicht für die Vergeßlichkeit der Aufwartefrau in Anspruch genommen werden.
Eine fatale Angelegenheit für den Mieter im ersten Stock! Außerdem aber eine Lehre für alle Berliner und für alle Volksgenossen im Reich, Wasserhähne auch dann wieder zuzudrehen, wenn ihnen einmal fein Wasser entströmt. Dem Chronisten bleibt nur übrig zu bemerken:
Gefährlich ift's den Leu zu wecken. Verderblich ist des Tigers Zahn! Jedoch das Schrecklichste der Schrecken — Das ist ein offner Wasserhahn! ' H. D.
Hochschulnachrichten.
Dem nb.ao. Professor Dr. Max Richter ist unter Ernennung zum Ordinarius der Bergakademie Clausthal der Lehrstuhl für Geologie und Paläontologie übertragen worden.
Dr. Horst I e ch t, Extraordinarius in der rechts- unb staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin, ist zum Ordinarius in der gleichen Fakul- tat ernannt worden.


