Deutschböhmen sagt man. Eier, die an diesem Tage gelegt werden, sind besonders frisch und haltbar. Man soll an Mariä Himmelfahrt auch Weizen Öre« schen; und die Hausfrau, die jetzt Kleider und Wollsachen lüftet — es ist eben ein „segensreicher Tag" — hat nichts von den verhaßten Motten zu fürchten. W. L.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Eloria-Palast (Seltersweg): „Im siebenten Himmel."
Hessische Landesforstverwaltung und Winterhilfswerk.
LPD. Zur tatkräftigen Unterstützung des Winterhilfswerks waren die hessischen Forstämter durch die Forstabteilung der Landesregierung angewiesen worden, wie in den vorhergehenden Jahren auch im letzten Winter der Belieferung von bedürftigen Volksgenossen erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Zufolge dieser Anordnung wurden aus den hessischen Staats- und Gemeinoewaldungen gegen mäßiges Entgelt und im Wege der Selbstwerbung insgesamt 35 610 Raummeter Brennholz an rund 9300 minderbemittelte, erwerbslose, kinderreiche und bedürftige kriegsbeschädigte Volksgenossen abgegeben. Während die Menge des abgegebenen Brennholzes um etwa 500 Raummeter abgenommen hat, ist die Zahl der belieferten bedürftigen Volksgenossen im Vergleich zum Vorjahr um rund 2500 gesunken.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 2. Aug. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Feine Molkereibutter, % kg, 1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück, 4 bis 9, Eier, deutsche, Klasse S 13, Klasse A 12%, Klasse ö 12, Klasse C 11%, Klasse D 10%, ausländische 12, Enteneier 11% bis 12% Pf., junge Hähne, % kg 1,10 bis 1,15 Mk., Suppenhühner —,90 bis 1,05 Mark, Wirsing, grün, 10 bis 12 Pf., Weißkraut 10, Rotkraut 12 bis 15, gelbe Rüben 15, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 20, Römischkohl 8 bis 12, Bohnen, grün 18 bis 20, gelb 20 bis 25, Erbsen 18 bis 25, Tomaten 25 bis 45, Zwiebeln 10 bis 14, Rhabarber 10 bis 15, Pilze 45 bis 55, Kartoffeln, alte 5, 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,30 bis 3,90 Mark, neue 4,80 bis 6,00 Mark, 5 kg 60 Pf., % kg 6 bis 7, Pfirsiche 45 bis 60, Himbeeren 50 bis 55, Brombeeren 50, Stachelbeeren 35 bis 50, Johannisbeeren 35 bis 40, Blumenkohl, das Stück, 10 bis 50, Salat 5 bis 10, Salatgurken 20 bis 50, Einmachgurken 2 bis 5, Rettich 5 bis 15, Radieschen, das Bündel 5 bis 10 Pf.
** Reichsbahnpersonalie. Reichsbahninspektor Karl Luh, stellv. Vorstand des Bahnhofs Gießen, wurde zum Reichsbahnoberinspektor befördert. Reichsbahnoberinspektor Luh, ein geborener Klein-Lindener, war früher schon auf dem Bahnhof Gießen tätig, dann u. a. eine Reihe von Jahren Vorstand des Bahnhofs in Alsfeld. Seit einigen Jahren tut er wieder Dienst im Gießener Bahnhof, wo er an wichtiger, leitender Stelle wirkt.
** Verkehrssünder. Die Polizei schritt in der Zeit vom 21. bis 28. Juli ein: gegen Kraftfahrer mit 12 Anzeigen und 11 Verwarnungen und Belehrungen: gegen Radfahrer mit 2 Anzeigen und 6 Verwarnungen und Belehrungen: gegen Fußgänger mit 1 Verwarnung und Belehrung.
** Städtische Bücherei. Im Juli war die Bücherei drei Wochen geschlossen. Deshalb sind in diesem Monat nur 513 Bände ausgeliehen worden. Davon kamen auf: Zeitschriften 3, Gedichte und Dramen 2. Erzählende Literatur 328, Jugendschriften 59, Länder- und Völkerkunde 34, Kulturgeschichte 5, Geschichte und Biographien 46, Kunstgeschichte 1, Naturwissenschaft und Technologie 19, Heer- und Seewesen 4, Haus- und Landwirtschaft 2, Gesundheitslehre 2, Religion und Philosophie 2, Staatswissenschaft 6 Bände. Nach auswärts kamen 23 Bände.
** Unfall beim Baden. Ein junger Monn aus dem Wetzlarer Weg, der beim Baden aus einer Höhe von mehreren Meter ins Wasser sprang, fiel dabei so unglücklich auf die Wasserfläche auf, daß er innere Verletzungen, mutmaßlich an der Milz, erlitt. Der Verunglückte mußte sofort der Chirurgischen Klinik zugeführt werden.
BOM.-Mädel auf großer Fahrt.
NSG. Nun stehen nach monatelanger Vorbereitung die Fahrtengruppen des BDM.-Obergaues nicht nur auf dem Papier, sondern auch unmittelbar vor der Erfüllung aller Mühen und Erwartungen. Heute fahren bereits acht Fahrtengruppen nach der Nordmark: am 3. August 15 Gruppen nach Thüringen und in den Harz: am 4. August acht Gruppen nach der Grenzmark: die letzten 16 Gruppen verlassen Frankfurt am 5. August in Richtung Bayerische Ostmark.
Was sie dort auf ihren Wegen an landschaftlicher Schönheit und Erleben des Volkstums finden und mitnehmen, das mögen sie später selbst berichten. Wir wollen uns die Fahrtenpläne und ihre Vorbereitung einmal ansehen und daraus die Sorgfalt sehen, mit welcher jeder einzelne Fahrtenweg aus- aesucht und gesichert wurde. Im Herbst vergangenen Jahres schon wurden die Fäden zu den Zielgebieten gesponnen: die verantwortliche Abteilungsleiterin hat die Fahrtenziele selbst besucht und die besten Wege und Verbindungen, die schönsten Punkte ausgesucht und festgelegt. Nicht nur die Kameradinnen der berührten Standorte werden verständigt: Aerzte werden festgestellt, Quartiere und Verpflegung geregelt, bedeutende Firmen oder wichtige Heim-Industrien um Besichtigungsmöglichkeit gebeten. Auch Ueberanftrengungen durch zu lange Wanderstrecken
sind vermieden: jede Entfernung ist genau berechnet und der Tagesplan entsprechend angelegt. Eine große Übersichtstafel zeigt genau an, wo Die einzelnen Fahrtengruppen täglich sind, wo ein Öffentliches Singen, oder ein Dorfgemeinschaftsabend statt- sindet, wo Erntehilfe oder eine Besichtigung möglich ist.
Jeder Fahrtengruppe ist eine vorher geschulte Fahrtenführerin und ein Mädel vom Gesundheitsdienst beigegeben. Ader auch die Teilnehmerinnen selbst sind in Heimabenden und Vorträgen auf ihre Fahrten vorbereitet worden und bringen bereits viel Wissen um das Wesentliche des besuchten Landes mit. So werden sie es auch mit anderen Augen sehen und wirklich bereichert erleben.
Außer diesen zentral festgelegten und betreuten Großfahrten führen die einzelnen Untergaue Sonderfahrten durch, die jedoch dem Obergau gemeldet und von dort begutachtet werden müssen. So ist in jedem Falle -ine Gewähr gegeben, daß die Teilnehmerinnen einer Großfahrt nicht nur ein schönes Ferienerlebnis haben und in froher Gemeinschaft sich das deutsche Land erwandern, sondern daß sie auch in jeder Weise betreut sind und das persönliche Erlebnis getragen ist von dem Willen: Deutschland kennenzulernen: um es immer mehr lieben zu lernen!
Der Sternhimmel im August.
Von Or. Erwin Kossinna.
Die Zeit der hellen Nächte ist vorüber. In der früher einsetzenden Dunkelheit leuchten an klaren Abenden die Fixsterne als mehr oder minder glänzende Lichtpunkte auf samtnem Grunde. Sie alle aber werden weit überstrahlt vom majestätischen Jupiter, dem größten aller Planeten, der im August in die günstigste Stellung zur Erde gelangt. Mit Recht beezichnet man ihn als den Riesen unter den Planeten, denn seine Masse ist zweieinhalbmal so groß als die aller übrigen Planeten zusammen.
Schon im Juli konnten wir diesen auffallend hellen Stern während der späten Abendstunden tief im Südosten beobachten. Anfang August geht Jupiter um 21 Uhr, Ende des Monats bereits um 18 Uhr, also mit Beginn der Abenddämmerung, auf und leuchtet während der ganzen Nacht am Südhimmel. Allerdings steigt der Planet auf feiner Himmelsbahn nicht sehr hoch empor, da er 13 Grad südlich des Himmelsäquators steht und ungefähr dieselbe scheinbare Bahn beschreibt, wie die Sonne um Mitte Februar.
Am 21. August tritt Jupiter in den Gegenschein oder in die Opposition zur Sonne. Von der Erde aus betrachtet, findet sich der Planet dann genau gegenüber der Sonne. Es ist für die Beobachtung Die günstigste Zeit, denn der Abstand erreicht mit 600 Millionen Kilometer den kleinsten Wert, und die volle Jupiterscheibe erscheint von der Sonne beleuchtet. Zugleich erreicht die Helligkeit des Planeten ihren Höhepunkt. Jupiter ist dann 2V» Größenklassen heller als Wega, das heißt zehnmal so hell wie dieser glänzendste Fixstern des Nordhimmels.
Da Jupiter in diesem Jahre der Erde besonders nahe kommt, weil er sich nämlich auf seiner elliptischen Bahn in Sonnennähe, die Erde aber in Sonnenferne befindet, so wird er von allen Stern- freunden mit großer Aufmerksamkeit betrachtet werden. Schon ein kleines Fernrohr zeigt die starke Abplattung des Pl. .eien an seinen Polen und die auffallenden hellen und dunklen Streifen beiderseits des Jupiteräquators, die sämtlich parallel zu diesem verlaufen. Sowohl die Abplattung, als auch die Streifenbildung lassen auf rasche Rotation schließen. In der Tat dreht sich der gewaltige Ball in 9 Stunden 55 Minuten um feine Achse, wie aus der Beobachtung von Flecken auf der Jupiter- oberfläche hervorgeht. Ein solcher Fleck wandert in weniger als 5 Stunden über die ganze Scheibe: und zwar am Aequator mit einer Geschwindigkeit von 12 Kilometer in der Sekunde. Wie auf der Sonne rotieren die äquatornahen Gegenden etwas rascher als die polnahen, nämlich bereits in 9 Stunden 50 Minuten. Wir sehen also nicht auf eine
feste Oberfläche, sondern auf eine Wolkenschicht in der Atmosphäre des Jupiters. Don hohem Reiz ist die Beobachtung der vier großen Jupiter- monde. Im Fernrohr sieht man bei jedem Umlauf die Monde vor der Jupiterscheibe vorüberziehen, begleitet von dem kreisrunden Schatten, den sie auf der Oberfläche des Planeten erzeugen. Auch ein gutes Fernglas zeigt die Monde als winzige Lichtpunkte'beiderseits der in ausgesprochen gelber Farbe leuchtenden Planeterrscheibe.
Eine Stunde nach Jupiter erscheint im Osten der Saturn, der sich gegenwärtig im Sternbild der Fische bewegt. Seine Entfernung beträgt Anfang August 1340 Millionen Kilometer. Saturn ist also mehr als doppelt so weit entfernt wie Jupiter, und da Saturn auch kleiner ist, beträgt feine scheinbare Helligkeit nur etwa ein Zwanzigstel der des Jupiters. Die Sichtbarkeitsdauer der Venus, die nach Sonnenuntergang als Abendstern im Westen steht, verkürzt sich im August auf eine Stunde.
Wenden wir uns nun dem abendlichen Fixsternhimmel zu, so finden wir gegen 22 Uhr das prächtige Sternbild des- Schwans, das Kreuz des Nordens, nahe dem Zenit. Der Name Cygnus (Schwan) findet sich bereits bei den Griechen des Altertums, die in dem Sternbild einen großen, vom Zenit nach dem Horizont herabfliegenden Vogel mit kurzem Schwanz, breit ausladenden Flügeln und langem Hals sahen. D e n e d, der hellste Stern, bezeichnet den Schwanz, Albireo im Süden den Kopf des Schwans. Eine der hellsten Sternwolken der Milchstraße erstreckt sich in der Richtung des Schwans, die Cygnuswolke. Am Westrande der Milchstraße strahlt Die bläulich-weiße W e g a in der Leier, deren Form durch vier in einem Rhombus angeordnete Sterne angedeutet wird. Auch der Name dieses Sternbilds ist griechischen Ursprungs.
Folgen wir der nach Süden sich in zwei Arme gabelnden Milchstraße, so treffen wir auf den Adler mit dem hellen Stern Atair, der unter den Sternen erster Größe einer der nächsten ist. Sein weißes Licht ist 16 Jahre unterwegs, bis es unser Auge erreicht. Die Entfernung Atairs beträgt 150 Billionen Kilometer: er ist also von der Erde eine Million mal so weit entfernt als die Sonne, von der uns 150 Millionen Kilometer trennen. Atair ist mit einer Oberflächentemperatur von 8600 Grad erheblich heißer als die Sonne (5900 Grad) und strahlt etwa zehnmal so viel Licht aus. Am östlichen Rande der Milchstraße erregt das kleine Sternbild des Delphin unsere Aufmerksamkeit. Dann gleitet der Blick hinüber zu den großen Sternfiguren am Osthimmel, dem Wassermann, Pegasus und der Andromeda. Unter dem
Quadrat des Pegasus bezeichnet eine Reihe schwacher Sterne das Bild der Fische, in denen gegenwärtig der Saturn sich aufhält.
Auf dem hellen Grunde der Milchstraße zeichnen sich Kepheus, Kassiopeia und Perseus ab, während tief im Norden die Kapella im Fuhrmann als hellster Stern funkelt.
Am Nordwesthimmel fesselt das prächtige Sternbild des Himmelswagens im Großen Bären den Blick. Der Wagen rollt rückwärts um den Nordpol. Seine Deichsel weist auf Arkturus im Bootes, der schon ziemlich tief im Westen steht. Den Raum zwischen Arkturus, Wega und dem süd- westlichen Horizont nehmen Herkules, Nördliche Krone, Schlange und Schlangenträger ein. Diese Bilder bestehen vorwiegend aus schwächeren Sternen. Mit Hilfe eines Fernglases suchen wir uns an einem klaren, mondscheinlosen Abend den berühmten K u g e l st e r n h a u f e n im Herkules auf. Wir finden diesen matt schimmernden Lichtfleck an der rechten Seite des Vierecks, das von den vier nörd- lichften hellen Sternen des Herkules gebildet wird und auf der Verbindungslinie Wega—Arkturus liegt. Etwa 50 000 bis 100 000 Sonnen sind in dem Kugelsternhaufen vereinigt und senden uns aus der unvorstellbaren Entfernung von 35 000 Lichtjahren ihr Licht zu.
Der Mond zeigt im August folgende Lichtge- ftalten: erstes Viertel am 3., Vollmond am 11., letztes Viertel am 18., Neumond am 25. August. Die Beobachtung der Per seid en, der aus dem Perseus ausstrahlenden Sternschnuppen, um den 10. bis 12. August wird durch den Pollmond etwas beeinträchtigt.
Amtsgericht Gießen.
Gestern hatte sich der A. Z. aus Dillingen vor dem Amtsgericht wegen Betrugs in zwei Fällen zu verantworten. Der Angeklagte, der bereits einschlä- gig vorbestraft ist, hatte sich vor einiger Zeit bei einem Fahrradhändler in Watzenborn-Stfnberg ein Fahrrad zum Preise von 75.— RM. gekauft. Ec zahlte auf diese Summe 22.— RM. an und versprach, den Rest in Wochenraten von 5.— RM. abzutragen. Der Verkäufer behielt sich dafür das Eigentum an dem Rad bis zur völligen Zahlung des Kauf- Preises vor. Am nächsten Tage begab sich der Angeklagte mit dem neuen Rade nach Großen-Buseck und ließ von einem dortigen Händler eine Dynamomaschine an dem Rad anbringen. Dabei versprach er Zahlung des Kaufpreises in Höhe von 10.— RM. für den nächsten Tag. Abgesehen davon, daß der Angeklagte in keinem der beiden Fälle auch nur einen Pfennig bezahlte, besaß er auch noch die Dreistigkeit, die beiden Gegenstände noch am gleichen Tage gegen ein altes Fahrrad einzutauschen, wobei er sich ein Aufgeld von 13— RM. geben ließ. In der gestrigen Hauptverhandlung war der Angeklagte im wesentlichen geständig. Zu feiner Entschuldigung gab er an, sich in wirtschaftlicher Notlage befunden zu haben. Das Urteil lautete, unter Einbeziehung einer vor kurzem durch das Schöffengericht erkannten Strafe von 2 Monaten Gefängnis, auf eine G e- famtgefängnisftrafe von 2 Monaten und 2 Wochen.
Schöne Steingartenterraffe vor dem Hoherodskopf-Klubhaus.
Die Klubhäuser auf dem Hoherodskopf haben in ihrem Aeußeren eine weitere Verschönerung erfahren. In den vergangenen Wochen wurde durch einen Gärtner aus Rudingshain im Auftrag des Vogelsberger Höhen-Clubs vor dem Klubhaus ein (Steingarten angelegt, der sich sehr schön ausnimmt. Der Garten zieht sich als Schmuckstreifen in großem Halbkreis um das Klubhaus (nach der Talseite Breungeshain zu) und ist durch die Verwendung vieler und verschiedenartiger bunter Blumengewächse, durch Ziersträucher und durch niedrige Nadelhölzer abwechslungsreich gestaltet worden. Leider muß mitgeteilt werden, daß es.sich als notwendig erwiesen hat, diesen Steingarten mit einem Drahtzaun zu umgeben, denn es haben sich Besucher des Hoherodskopfs so verständnislos erwiesen, daß sie versuchten, den Garten seiner schmückenden Blumen zu berauben. Durch den Zaun, der um den Steingarten gelegt werden mußte, hat die Anlage in ihrem Gesamteindruck leider eine Einbuße erfahren.
Fracht an die Gee.
Von per (Schwenzen.
Ich hatte es meiner Frau schon ausgangs des Winters gesagt, und es bestand die tiefste Uederein- ftimmung in dem Punkte: in diesem Sommer muß ich nun endlich ein berühmtes Werk schreiben. Dazu braucht man Sammlung und Zeit und noch einmal Sammlung und Zeit.
„Gut", meinte meine Frau in ihrer Herzensgüte, „dann fährst du an die See, und ich bleibe hier." Ich protestierte, was sollte ich an der See? Ich würde baden, ohne einen einzigen Gedanken in der Sonne liegen und nichts schreiben. „Gut", meinte meine Frau in ihrem einzigartigen Einfühlungsvermögen, „bann fahre ich, und du bleibst hier." „Topp", sagte ich. Aber da hatte unsere Hündin noch keine Junge! Aber bann, kurz vor der Ferienzeit, bekam sie sieben lebendige Junge. Sie säugte sie mustergültig, aber diese süßen, weichschnäuzigen Viecher fraßen vom ersten Tage an, nämlich meine Zeit! Das Wunder des Lebens, das Tier als Erzieher, Geschwisterliede und Haß —, alles bas waren Themen, bie zu studieren ich viel Zeit hatte unb haben mußte, da ich den größten Teil dieser Wochen mit bem Aufwischtuch neben bem Hundekorb verbrachte...
Ich machte meiner Frau klar, daß sie nicht reifen könne. Ich wollte ja keinen Hunderoman schreiben! ,.Die Hunde fahren mit!" erklärte sie. Ich mußte sofort die Fahrkartenabteilung anrufen, die mir prompt mitteilte, jeder Hund, gleich welchen noch so zarten Alters, koste eine halbe Fahrkarte! Ich sank zusammen. Nicht so meine in ihrer Umsicht nicht zu unterschätzende Frau. „Ruse die Frachtabteilung an!" Jawohl, so wäre es zu machen. Hunde in den Korb verpacken, mit Leinwand ein« nähen, zum Spott-Taris als Expreßgut befördern! Na also, alles in Ordnung, das Werk mit allen Kapiteln gesichert! Die jungen Tierchen würden in der würzigen Seeluft munter ins Kraut schießen, man wird sie dort hernach in gute Hände geben können, ja, sie wird die Stammbäume mitnehmen und sie auf der Promenade als echte Ostseehunde verkaufen, keinen Pfennig wird mich diese Reise kosten...
Von dem Plan, die Hunde im Korb zu verpacken, kam meine Frau bald ab. Ihre Schneiderin hatte nor dem Kriege einmal einen Wurs Katzen aus 2Ulen|tein erhalten, unb bie eigens zu diesem
Zweck üerferfiate Kiste mit wasserdichtem Boden und Lustlöcherdeckel stand noch auf dem Boden, nicht einmal um Verpackungsmaterial brauchte man sich zu kümmern! Am Abend vor der Abreise, nach Ladenschluß, kam meine Frau von der Schneiderin mit bem Patentkäfig angeschleppt. Von Konstruktion durchaus sinnreich, war sein Rauminhalt gerade ausreichend, drei von den sieben Hündchen aufzunehmen. Ich sagte, Frauen hätten kein Augenmaß, gäbe aber zu, der Esel, der das hätte wissen mögen, sei ich. Meine Frau nahm mich in Schutz. Ich sei fein Esel, sondern bie Hündchen seien gerade in der letzten Nacht auffallend gewachsen. Nur keinen Streit. Wo haben wir Leinwand? Morgen früh um acht Uhr geht der Zug/ Die Kiste, nein der Korb, muß eine halbe Stunde vor Abgang des Zuges aufgeliefert werden. Nur keine uiMützige und unwürdige Haft. Erft wollte sie mir mal zeigen, wo alles stehe, aufschreiben, was ich nicht vergessen dürfe, wen ich anrufen müsse und mir einige Winke unb Ratschläge erteilen, wie ich mich vor lästigen Besuchern zu schützen habe und liebenswürdigen Einladungen geschickt aus dem Wege gehen könne, was alles ja noch weit vor der Frage der eigentlichen Begabung die Hauptvoraussetzungen jeder größeren schriftstellerischen Arbeit seien. So teilte* meine in ihrer Voraussicht nicht zu unterschätzende Frau die mir alsbald reichlich zur Verfügung stehende Zeit aufs beste ein.
Dann ging ich daran, die kleinen Hunde in ihren Korb einzunähen. Wissen Sie, was eine Korbnadel ist? Eine Korbnadel ist eine derbe, stark gebogene Nadel, mit der man mühelos durch bie Windungen des Geflechts stoßen und bie Nabelspitze leichttich von unten nach oben ober umgekehrt durch bie Sein« wanb stoßen kann. Diese Nabel hatten wir nicht. Mit einer Nähnadel aber kann man — wie ich es tat — drei Stunden in der Nacht verzweifelt herumstochern, sie immer und immer wieder in seine zitternden Finger stoßen, um im Morgengrauen völlig erschöpft zusammenzusinken. Und das konnte ich auch! Ich hätte jetzt vielleicht meiner Frau Vorwürfe gemacht — aber sie war auch nicht besser dran. Meine sämtlichen Akten und Bücher lagen im Zimmer, nicht aber ohne daß meine unermüdliche Frau bie verkramten Stammbäume ber Dackelettern doch noch gefunden hätte! Es biteben uns zwei Stunden Schlaf.
Nicht zweieineviertel — diese letzte Viertelstunde eben war zu viel. Wir hetzten, meine Frau nun die Hündin an der Leine, ich mit dem Riesenkorb mit sieben quäkenden Welpen, zum Autobus. Wir tarnen mit pünktlicher Verspätung an. Meine Frau
löste die Karten für sich und die Hündin, ich quälte mich an der Expreßgutaufgabe mit Formularen und Zetteln ab, bis der Zug fort war. Dann ging ich in den Speisesaal, ließ mir eine Kanne lauwarme Milch nebst einer Untertasse geben, entlieh von der Toilettenfrau eine Schere, öffnete bie Leinwand ein wenig unb fütterte auf der Bahngutschranke die sieben lieben Kleinen.
Wahrlich, der Deutsche ist tierlieb? Die Gepäckträger, die Beamten der Frachtabteilung, die Toilettenfrau unb viele anbere, denen einzeln zu danken mir der Raum hier verbietet, standen mitfühlend um mich herum und sahen diesem rührenden Schauspiel zu. Dann zeigte sich wieder einmal die Ueberlegenheit der Beamten gegenüber dem Dichter: der diensttuende Beamte reichte mir ungefragt eine Korbnadel! Noch einen Blick in die holde Kinderstube vor ihrer endgültigen Vernähung: sie schlummerten bereits, von warmer, sanfter Kuh- milch satt, sie ahnten nicht, daß jetzt das gute Herz der Hundemutter viele Kilometer von hier um sie bangte! Mit Handschlag gelobte mir die ganze Expreßgutabteilung, die Hütchen prompt und behutsam wie den eigenen Augapfel zum nächsten Zug zu rollen.
Ich ging. Zu Hause lag ein Telegramm: „sende dir meine schwester ilse Donnerstag gastweise acht tage besonderer gründ walter."
Mein Buch, mein nie geschriebenes und nie zu schreibendes gebliebtes Buch, was wird aus dir? Ich bin der ärmste aller Hunde, und nicht einmal ein Korb, nicht eine Kiste, mich zu verkriechen! Und dabei bin ich wehrlos, denn Walter hatte mir einmal in den Bergen das Leben gerettet — nun, er läßt es sich bezahlen ...
So gegen achtzehn Uhr klingelt es. Es war Ilse. Ich erstarrte — neben ihr stand eine kleine Kiste mit Lustlochdeckel. „Ja, weißt du", sagte sie, „ich muß den Sommer hier fein. Von wegen Film und so... Und Walter sagt, er müsse endlich Ruhe haben, um bas große Bild zu malen, wovon er schon seit Jahren rebet ... unb ins Hotel kann ich doch mit den Katzen nicht . .. und Walter sagt, du wärst so tierlieb... Im übrigen laßt dich Walter herzlich grüßen und meint, du sollst nicht so gräßlich faul sein und endlich einmal was Ordentliches schreiben."
„Ja, Ilse", sagte ich, „bring die Katzen hier her- ein. Ich bin sehr tierlieb. Wenn ich mein Lebtag nichts mehr schreibe, ist das nicht meine Schuld. Mach dir's bequem. Ich komme gegen Abend wieder. Ich muß mich erst mal sammeln.
Ich gehe etwas in den Zoo...
Gloria-Palast:
,3m siebenten Himmel".
Mit diesem Film bringt der Gloria-Palast eine ebenso originelle wie bittersüße Liebesgeschichte, bie allerdings ernster verläuft, als es bem Titel nach zu vermuten wäre. Man wirb im Geiste in eine etwas fremde Umgebung geführt, nach Frankreich, nach Paris, Montmartre, unb in eine berüchtigte Gaffe. Zeit: 1914. In dieser berüchtigten Gasse wächst glaubhaft die reine Liebe Chicos (der sich für einen „fast bedeutenden" Menschen hält und mindestens ein sehr anständiger Kerl ist) zu ber kleinen Diane aus dem verrufenen Weinlokal, zu jenem Mädchen, das sich ein reines Herz bewahrt hat, sich aber vom Glück verstoßen fühlt. Nun: beide gewinnen sich lieb, ihre Liebe überdauert den Krieg, der sie hart auseinanderreißt in bem Augenblick, ba sie zu heiraten gebenfen. Chico kommt aber wieder zurück, weil Diane zuversichtlich glaubt, daß er wrüdtommt, und der Film gibt ihr recht, obwohl alle seine Kameraden behaupten, daß er gefallen sei.
Diese schlichte Handlung ist recht hübsch ausgesponnen worden. Mit Vergnügen folgt man Chicos trotziger Philosophie, seinen Gutmütigkeiten, die sich so lakonisch äußern: man freut sich über Dianes liebenswürdige Bescheidenheit, folgt mit steigender Spannung den verschlungenen Pfaden der Liebe unb läßt sich gerne einwiegen in bas gläubige Vertrauen Dianes, daß Chico roiebertommt.
Diane — bas ist Simone Simon — bringt für ihre Rolle bas liebliche Gesichtchen mit und gefällt mit ihrer feinen Fürsorge für Chico. Sie gefällt überhaupt, wenn auch ihre schauspielerische Kraft nicht allzu viele Formen des Ausdrucks hat. James Stewart als Chico macht besonders durch die herbe Art, in die er seine Neigung .zu Diane kleidet, Eindruck. Er ist sympathisch auf Öen ersten Blick. Eine starke eigene Note gab Victor Kilian bem Straßenkehrer Gobin, Chicos Kollegen, unb Mady Christians gefällt als feine Frau. Gale S 0 n - bergaarb läßt als „zweifelhafte Person" an Einöeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Regie führt Henry King. Schade, daß bie Umgebung, in ber sich bie reizvolle Liebesgeschichte abspielt, manchmal etwas kulissenhaft wirkt, auch bie Photographie war in manchen Bildern nicht ohne Härte. Das Ganze — ein Fox-Film — unterhielt für eine Stunde ausgezeichnet. Heinrich Ludwig Neuner.


