Hr.27 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Mittwoch, 2.ZebruaNM
Aus der Stadt Gießen.
Lichtmeßtag.
Wenn es auch vorerst noch nicht den Anschein hat, als hätten wir den Winter bereits überwunden, so läßt sich doch nicht bestreiten, daß seine Herrschaftsdauer schon zur Hälfte abgelausen ist. Der Tag, der uns diese unumstößliche Tatsache verbürgt, ist der 2. Februar. Er trägt den Namen Lichtmeß und hat seine hohe Bedeutung, denn im Brauchtum unseres Volkes gilt er als wichtiger Lostag und im übrigen verweist er den Winter wirklich in die zweite und letzte Etappe seines eisigen Wirkens.
„Lichtmessen ist der Winter halb vergessen", heißt es in einer alten Bauernregel, und wenn wir ein wenig aufmerksam sind, spüren wir jetzt an jedem Tage die zunehmende Helligkeit in den Morgen- und Abendstunden. Freilich sind es täglich nur einige Minuten, aber im ganzen beträgt die Zunahme im Laufe des Monats Februar etwa eineinhalbe Stunde, um welche die Nacht verkürzt wird Diese erfreuliche Feststellung bestätigt einwandfrei, daß es in der Tat allmählich dem Frühling entgegengeht.
Indessen soll man hinsichtlich dieses Vorganges dem Optimismus noch nicht allzu sehr die Zugel schießen lassen. Erfahrungsgemäß bringt Die zweite Hälfte des Winters immer noch Kälte und Schnee in Menge, und wenn es auf die Wünsche der Bauern ankommt, dann muß es sogar so sein. Der Februar ist der Landbevölkerung willkommen, wenn er im Eisgewand einhergeh't, denn ,wenn im Februar die Mücken geigen, müssen sie im Märzen schweigen". Aus diesem Grunde soll auch ein richtiger Lichtmeßtag keineswegs überaus freundlich sein, sondern vielmehr die Kraft des Winters in besonderem Maße zeigen, wenn ihm eine gute Vorbedeutung eigen ist. „Wenn es an Lichtmeß stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit: ist es aber klar und hell, kommt der Lenz wohl nicht so schnell," Die Sonne soll sich deshalb möglichst verstecken, denn: „Sonnt sich der Dachs in der Lichtmeßwoche, geht auf vier Wochen er wieder zu Loche." Und daß dem Bauern die weniger schöne Witterung auf alle Fälle jetzt lieber ist, kennzeichnet auch die Regel: „Dunkle Lichtmessen bringt reichlich Essen "
Obwohl dem wachsenden Tageslicht besondere Bedeutung zukommt, so hat doch der Lichtmeßtag seinen Namen von einem katholischen Brauch. Es handelt sich dabei um die Weihe der Osterkerzen, die an diesem Tage üblich war und in manchen Gegenden heute noch üblich ist. Darüber hinaus war Lichtmeß immer schon ein wichtiger Wendepunkt: alle Lichtarbeit, die mit Michaelis begonnen hatte, wurde eingestellt, die Zeit des Spinnens hörte auf, und man ging wieder mit der Sonne schlafen. Wenn diese Gepflogenheit auch nicht mehr überall Geltung besitzt, so hat der Lichtmeßtag doch seine Bedeutung gewahrt, und auch in der Stadt nehmen wir mit Genugtuung die Gewißheit zur Kenntnis, daß allen winterlichen Anstrengungen zum Trotz der Lenz in baldiger Aussicht steht.
H. W. Sch.
Dorrwiizen
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr „Anna Maria". — Gloria-Palast (Seltersweg): „La Habanera". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Schimmell'rieg von Holledau". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr, „Frankfurter Künstler der Gegenwart".
Stadttheaker Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: x Heute abend Wiederholung des Dramas „Anna Maria" von Müller-Scheld. Spielleitung Dr. Erich Schumacher. Die Vorstellung findet als 18. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Beginn 19.30, Ende 22 Uhr.
„Quer durch Südamerika."
Am morgigen Donnerstag, nachmittags und abends, wird der Pressemann und Schriftsteller Dr. Roch bei den Sondervorführungen seines Kultur-
Koloniale Aufklärung ist notwendig.
Die Ortsgruppe Gießen-Nord der NSDAP, veranstaltete am gestrigen Dienstag im „Frankfurter- Hopf" einen von Ortsgruppenleiter Thomas geleiteten Schulungsabend.
Kreisamtsleiter Sparkassendirektor Dr. Hopfenmüller behandelte in eineinhalbstündigen fesselnden Ausführungen die koloniale Frage. Deutschland erhebe in aller Form den Anspruch auf seine Kolonien, ohne Rücksicht auf Die Nachbarn, Die grund- sätzlich fein VerstänDnis für Diese Ansprüche zeigten. In eingehenDen Darlegungen unD unter Zitierung wesentlichster Argumente aus Der reichhaltigen Literatur über Die Kolonialfrage erläuterte Der ReDner Die Absichten unserer einstigen Kriegsgegner, Die Darauf hinauszielten, Deutschland) Durch Die Wegnahme Der Kolonien wirtschaftlich zu treffen unb moralisch zu vernichten. Ausgehend von Dem Bruch Des Kongopaktes Durch Die EnglänDer, Die Damit Den Weltkrieg auch auf Afrika ausDehn- ten, bis zu Dem Raub unserer Kolonien unD zu Der im FrieDensDiktat von Deutschland erpreßten Anerkennung Der kolonialen SchulDliige wies Der ReDner Den bei unseren Damaligen Feinden vor- herrschenDen Willen zur restlosen Vernichtung ihres Deutschen Gegners nach. Diesen Machenschaften stellte Der Vortragende das unverminderte Recht Deutschlands auf seine Kolonien entgegen. Er führte überzeugend an, wie durch das Mandatssystem unsere Kolonien Den fremDen Mächten nicht als Besitz übertragen, sondern nur zur Verwaltung Übergeben rourDen, Die sie als Treuhänder auszuüben haben. Als wichtigen Zeugen gegen Die DeutfchlanD auf- gezwungene KolonialschulDlüge führte Pg. Hopfenmüller u. a. Den MinisterpräsiDenten Der Süd- afrikanischen Union, General Hertzog, an.
Zn seinen weiteren Ausführungen kennzeichnete Der VortragenDe Das Verhalten Der Sozialdemokraten und Des Zentrums, Durch Deren SchulD kein ernsthafter Versuch Der Zurückgewinnung unserer Kolonien unternommen rourDe. Erst nach Der Macht
übernahme durch Adolf Hitler meldete Deutschland seine Rechtsansprüche an, denn das deutsche Volk braucht seine Kolonien als Grundlage unD Fundament für seine friedliche Aufbauarbeit. Die vom Redner ziffernmäßig belegten Größenverhält- nisse zwischen Mutterland und Kolonialbesitz bei anberen Völkern im Gegensatz zu den deutschen Raumverhältnissen unter Berücksichtigung der Bevölkerungszunahme ließen erkennen, daß die Frage der Kolonien von uns mit gutem Grund und mit vollem Recht in den Vordergrund gestellt wird. Deutschland wird nicht ruhen, bis es seine Kolonien wiedererlangt hat. Heute kann das Ausland Die Deutsche Forderung nicht mehr überhören, unD auch Der englische Außenminister EDen wirD in dieser Frage uinternen müssen.
Neben einer Erläuterung des Wertes unserer Kolonien unterstrich Pg. H o p f e n in ü 11 e r auch ihre Bedeutung als Rohstoffquelle, Absatzgebiet unb Damit als Basis einer Steigerung unserer Industrieproduktion und der Verbreiterung unserer Wirtschaftslage unD Der Ausweitung unseres Lebensraumes. Nicht zuletzt hob er auch Die Bedeu- tung Der Kolonien als politische Erziehungsstätte und Charakterschule für bie Jugend hervor.
Abschließend stellte Kreisamtsleiter Hopfenmüller außer den rechtlichen Ansprüchen unb den wirtschaftlichen Notwendigkeiten die ethische Seite unserer Kolonialforderung heraus, die er mit einer Verpflichtung gegenüber Den in unseren Kolonien gefallenen Deutschen HelDen unD mit Der Wieder- herstellrmg Der deutschen Ehre begrünDete.
Ortsgruppenleiter Thomas gab Dem Durch starken Beifall befunDeten Dank an Den ReDner AusDruck unD forDerte seine Politischen Leiter, Amtswalter bzw. -walterinnen unD Die Führer unD Führerinnen auf, Diese GeDanken in Das Volk zu tragen unD für Aufklärung in Dieser wichtigen Frage Sorge zu tragen.
gegen Vorzeigen des gültigen HJ.-Ausweises aus* gegeben.
Auskunst über den Schwesternberuf.
NSQ. Das Interesse am Schwesternberuf ist außerordentlich groß. Die vielen Anfragen lassen vermuten, daß noch nicht genügende Klarheit darüber herrscht, welcher Weg einzuschlagen ist, um er- chöpfende Auskunft über alle Fragen zu Erhalten. Mädel, die Interesse am Schwesternberuf haben, wenden sich je nach ihrer Eignung und ihrem Interesse an eine der nachfolgenben Stellen:
Gauvertrauensschwester der NS.-Schwesternschaft, Gauamtsleitung Der NS.-Volkswohlfahrt, Darm- taDt, Jakob-Sprenger-Haus:
Deutsches Rotes Kreuz, Provinzialverband Hes- en-Nassau, Kassel, Karthüuserstraße' 23;
Hess. Alice-Frauenverein, Alice-Schwesternschaft e. 23., DarmstaDt, Dieburger Straße 31;
Gausachbearbeiterin Des Reichsverbandes Der freien Schwestern bei Der Gauamtsleitung der NSV., Darmstadt, Jakob-Sprenger-Haus.
Mädel geben auf Fahrt
NSG. Damit allen Betriebsführern und Arbeil- gebern die Möglichkeit einer rechtzeitigen Berücksichtigung bei der Urlaubseinteilung gegeben ist,
RUHL Seilersweg Nr. 67
adiO Telephon Nr. 3170 |jw
eparaturen ,897 u ®
gibt der BDM.-Obergau Hessen-Nassau bereits jetzt ferne Fahrtentermine für Den Sommer bekannt:
»Fahrten innerhalb Hessen-Nassaus vom 15. bis 21. Mai und vom 22. bis 9. Juni: Fahrten in Die Bayerische Ostmark vom 15. bis 27 Juni, Fahrten in bie Grenzmark vom 3. bis 13. August, Fahrten in Die Nordmark vom 15. bis 30. Juni, Fahrten in das SaarlanD vom 7. bis 20. August, Fahrten in Die Westmark vom 7. bis 20. August.
Anmeldungen zu Den einzelnen Fahrten nehmen Die UntergauDienststellen entgegen.
filmes „Sonniges SüDamerika, guer Durchs LanD" Die Begleitvorträge halten. Der Vortragende, Der als Begründer und mehrjähriger Herausgeber der einzigen zweisprachigen illustrierten Halbmonatsschrift „Universum" unD „Deutsche Tageszeitung für SüDbrafilien" in Rio De Janeiro LanD unD Leute genau kennengelernt hat, wirD Den Besuchern Dieser Sonder-Filmvorführungen viel Interessantes zu erzählen haben. Nach Den vorliegenden Druckschriften und Berichten werben Der Film und Der Dortrag allen Besuchern einige schöne unD wertvolle Stunden bereiten. Man darf daher Den beiden Veranstaltungen am morgigen Donnerstag im Lichtspielhaus bzw. im Gloria-Palast mit besonderem Interesse entgegensehen.
3XS<5>. „Kraft durch Freude", Kreis Gießen.
KdF.-rNiete.
Die 3. Rate Der KdF.-Miete, Gruppe I, muß bis spätestens Donnerstag, Den 3. Februar 1938, eingelöst werben.
Theatervorstellung.
Sonntag, den 6. Februar, nachmittags 14.45 Uhr, auf vielfachen Wunsch Wiederholung der Operette: „(Eine iNacht in Venedig".
Preise —,60, 1,—, 1,20 RM. 677V
Omnibusfahrten.
Am 28. Februar finden Omnibusfahrten zum Rosenmontagszug nach Mainz und Köln statt.
Fahrpreis nach Mainz 4,40 RM.
Fahrpreis nach Köln 7,50 RM.
Alle Karten sind in der Verkaufsstelle Seltersweg 60 erhältlich. •
AS.-Knegsopferversorgung
Kameradschaft Gießen.
Am 3. Februar findet eine Mitgliederversammlung mit Lichtbildervortrag im Restaurant „Zum Burghof" (Cafe Ebel) statt. Beginn pünktlich um 20 Uhr.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Betr.: Führertagung des Vannes 116 am Sonntag, 6. Februar.
Am kommenden Sonntag, 6. Februar, findet als Auftakt zur Sommerarbeit eine Führertagung des Bannes 116 statt. An dieser Führertagung haben teilzunehmen: alle Unterbannführer, Gefolgschaftsführer, Scharführer, Kameradschaftsführer, Gefolg- schaftsgeldverwalter, Gefolgschaftssozialwarte, Gefolgschaftssportwarte sowie die Stellenleiter und Mitarbeiter des Bannes 116.
Die Führertagung findet in der Aula des Gymnasiums statt. Sie beginnt um 8 Uhr unb bauert bis gegen 12 Uhr.
Angetreten wirb um 7.30 Uhr an ber Banndienst- stelle. Einberufungsscheine für Fahrpreisermäßigung können sofort bei uns angeforbert werben.
50 Pf.-Bleibenausweis
nur noch an HZ -Angehörige.
NSG. Mit sofortiger Wirkung tritt eine wichtige Aenberung Der Ausweisbestimmungen im Jugenb- herbergsverbanD in Kraft. Die bisher an alle Ju- genblichen bis zum oollenbeten 20. Lebensjahr aus- gegebenen Bleibenausweise für 50 Pfennige werden künftig nur noch an Mitglieder der HI., des Jungvolks, des BDM. und der IM. ausgegeben. Alle anderen jugendlichen Einzelwanderer haben Die MitglieDskarte zum Jahresbeitrag von 2 RM. zu erwerben. JugenDliche vom 20. bis 25. Lebensjahr können, sofern sie in Berufsausbildung stehen, auch die Mitgliedskarte zum halben Preis lösen. Der Bleibenausweis wird an Angehörige der HI. nur
Oie Soldatenbilder
der l.Reichsstraßensammlung.
1750
Zur 4. Reichsstraßensammlung am 5. und 6. Februar werden besonders schöne Soldatenbilder zum Verkauf gelangen, die aus Seidenfäden kunstvoll gewebt sind und bie Trachten unb Uniformen ber deutschen Soldaten feit dem Beginn des 16. Jahrhunderts veranschaulichen. Zum erstenmal wird bei dieser Reichsstraßensammlung auch das Nationalsozialistische Fliegerkorps mitwirken. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Mißglücktes Landungsmanöver.
Don Korvetten-Kapitän a. O.
G. G. Irhr. v Iorstner.
An den Gedenktagen an bie vor 20 Jahren von Armee unb Flotte gemeinsam burchgeführte Einnahme ber russischen Inseln Oesel, Moon unb Dago kamen mir (Erinnerungen an Das erste größere Landungsmanöver, Das wir gelegentlich eines Kaisermanövers im Jahre 1904 in Der Wohlenberger Wieck an Der mecklenburgischen Küste vornahmen. Dieses hielt sich wegen Der leiDigen Kostenfrage noch in bescheidnen Grenzen, nur eine BrigaDe Des X. Armeekorps sollte unter Schutz Durch Die „aktive Schlachtflotte" Dort gelanDet werden. LanDungsmanöver von Dem Ausmaße Der bei Den letzten Wehrmachtsmanövern durchgeführten Truppenverschiffungen würben von uns vor bem Kriege leiber überhaupt nicht vorgenommen.
Die Ueberführung ber Brigabe erfolgte bamals auf kleinen Schiffen, bie möglichst weit unter Land fahren konnten. Mit ben Booten ber Linienschiffe sollten bie Armeetruppen bann an Lanb gesetzt werben. Ich hatte bie Aufgabe, mit meiner Ruberbarkaffe von SMS. „Kaiser Karl ber Große 80 Mann eines hannoverschen Infanterie-Regiments von bem Küstenpanzerschiff „Aegir" an Land zu setzen. Als ich mein Boot auf „Aegir langsseits meldete, wurde mir gleich Der Zugführer Des für mein Boot bestimmten Trupps oorgefteUt Nach kameraDfchaftlicher Begrüßung erkundigte ich mich, wie er unD feine Leute nachts an Borb geschlafen hätten. Der junge Leutnant gab nur zurück: „Danke sehr, Herr Kamerad, besser als in ber Ackerfurche Nr. 7 war es immerhin noch". - D-ese Antwort imponierte mir bamals ganz Ungeheuer. Allerbings sah ber Herr Leutnant gar nicht danach aus, als ob er allzulange nachts über bie Augen zugemacht hätte. Dafür kannte ich meine Kameraben ai|f „Aegir" zu genau. 1
Nun ging bas Verstauen ber Mannschaften los. Die Unterbringung ber kriegsmäßig ausgerüsteten Infanteristen in bem Boot war nicht ganz letajt. Mit: „He, Sie ba, gehen Sie noch eine Ducht weiter vor nach Backborb!" war nicht viel anzufangen. Jeber setzte sich, froh, eine Sitzgelegenheit gefunden zu haben, einfach borthin, wo es ihm beliebte Da kam mir aber cifi rettenbcr Gebanke. Die Landungstruppen tarnen barfuß mit aufgekrempelten Hosen,
in Erwartung ber Dinge, Die ihnen bevorstehen sollten, ins Boot. Ueber Den Schultern hingen ihre Marschstiefel, unD Da es geraDe Kaisermanöver war, hatten alle in Den herausstehenben Strippen schöne neue blenbenb weiße Namenläppchen eingenäbt. Kaum hatte ich Dieses gemerkt, als ich auch gleich anfangen konnte, mit „inbivibueller BehanDlung" vorzugehen. — „Gefreiter Brunstein, gehen Sie zwei Bänke weiter nach vorne unD fetzen Sie sich ganz links hin." — Das klappte, mein Boot würbe am schnellsten beloben. Als nur noch einige Mann an meinen 80 Leuten fehlten, kam ber Regiments- Kommanbeur an das Fallreep und fragte mich von xDem niedrigen Achterdeck des Küstenpanzerschiffes: „Herr Oberleutnant, wieviel Leute können Sie noch aufnehmen?" — Ich hatte genau mitgezählt unb konnte baher gleich zurückmelden: „Der Sergeant Weber ist der 77., ber Einjährige Kempke ber 78., ber Musketier Goersch Der 79. unD Der Spielmann Mehlberg Der 80., Dann ist mein Boot gerabe voll besetzt, Herr Oberst." — Noch heute sehe ich vor mir das 'erstaunte Gesicht bes Negiments-Kommanbeurs, Der schnell einige Worte mit seinem Abjutanten wechselte, worauf biefer mit ber Frage zu mir kam:
Der Herr Oberst läßt fragen, ob Sie auch aus unserer Garnisonstabt sind, Herr Kamerad". — Wahrheitsgemäß ließ ich nun ^urückbestetten: Melden Sie Ihrem Herrn Oberst, daß ich aus Greifswald bin." — Hierauf rief dieser mir selbst von oben 3U- Herr Oberleutnant, woher kennen Sie dann aber "bloß mein ganzes Regiment beim Namen?" — Nun mußte ich ja Farbe bekennen und gab deshalb zurück: „Herr Oberst, aus den tadellos neuen Namenläppchen an den Strippen ber Stiefel." — Da mußte auch der Herr Oberst ganz herzlich lachen. Bald darauf sollte ihm dies aber vergehen, und bas ^Vorsorglich lag hinter meiner Barkasse unser Dingi (kleines Boot), bas ich für bie ßanbung in Schlepp mitgenommen hatte, mit mehreren ausgebrachten Rettungsbojen klar. Es mußte damit gerechnet werden, daß beim Ginbooten Leute über Bord fielen und dann war sogleich die beste Hilfe zur Stelle. Glücklicherweise brauchte unser Rettungsboot aber nicht einzugreifem
Ick fragte nach beendeter Beladung ben Obersten, ob er nicht mit meiner Barkasse mitfahren wolle. Er lehnte banfenb ab. Das kleine Dingi hatte es ihm angetan. Er wollte ein Boot für M) unb fernen Abjutanten alleine haben. So mußte ich ihm sein
Stolz ^Tber Dingigäst, Matrose Grabow, mit
den beiben Herren bavon. Diese waren nicht barfuß, fonbern hatten schöne hohe Schaftstiefeln an, weshalb ich die Namen auch nicht erfuhr. Das Dingi fuhr uns voraus. Es Dauerte nicht allzulange, bis es auf Der ersten SanDbank festkam. Da sah ich, wie Der Oberst seinen Säbel zog unD mit ihm Den GrunD anlotete. Nachbem er Die erfreuliche Feststellung gemacht hatte, Daß Das Wasser ihm nicht weiter als bis zur Oberkante seiner Schaftstiefel ging, sprang er mit seinem Adjutanten außenbords, um mit geschwungenem Säbel den feindlichen Strand zu erstürmen. Kein Zuruf des entsetzten Grabow half: „Herr Oberst, töwen’s noch een beeten!" — „Herr Oberst, bat warb Webber beeper, bat is man blot ne Sandbank. Kamen's man ftx webber an Burb." — Unbeirrt stürmte ber Oberst mit seinem Abjutanten aber weiter bem Lande zu. Dem Dingigast blieb deshalb weiter gar nichts übrig, als mit dem nach der Erleichterung wieder flott gewordenen Boot seinen beiden Flüchtlingen nachzufahren. *
Wir aber verfolgten von unserer Barkasse erregt bas weitere Schauspiel. Längst liefen bem Obersten unb seinem Abjutanten die Fluten ber Ostsee in bie Stiefelschäfte, schon war bie Schärpe umspült, unb immer höher züngelten bie Wogen. Grabow schrie aus Leibeskräften: „Herr Oberst, kamen's retour! Dat warb noch beeper!" — Nichts aber half. — Der Oberft setzte eben seine Ehre barein, als erster bie feinbliche Küste zu stürmen.
Da plötzlich versanken Oberst unb Abjutant in einem tiefen Loch, nur noch zwei Helmspitzen waren, über ben Wogen zu sehen. Grabow griff in feiner- verzweifelten Lage nach ihnen. Ein Glück, baß beibe bie Schuppenketten heruntergebunben hatten. So gelang es ihm, durch Griff unter die Helm- spitzen beide soweit aus dem Wasser herauszuheben, daß wenigstens ihre Köpfe wieder über Wasser kamen. An Backborbseite hielt er ben Obersten, an Steuerborbseite ben Adjutanten über Wasser, während er laut: „Hilfe!" brüllte. An ein Weiterrudern konnte er nun aber nicht mehr denken. Er mußte warten, bis andere Boote zu Hilfe kamen.
Mit den Worten: „Ick heww bat jo glief feggf, Herr Oberst, bat fiinb Molligkeiten, glief bie de ierfte Sandbank uttoftiegen", verabschiedete sich Grabow von seinen hohen Passagieren.
Als wir bann etwas später lanbeten, sahen wir unfern Herrn Obersten bann boch noch barfuß am Stranb sitzen unb fein Unterzeug auswringen.
Die Iran als Erfinderin.
Dcktz erste Potent, bas eine Frau erhielt, war vom Jahre 1809 ballert; die Amerikanerin Mary Kes hot es für eine Maschine zum Weben non Stroh mit einem Einschlag von Selbe ober Garn bekommen. Aber es bauerte noch längere Jahre, bis bie Frauen in größerer Zahl als (Erfinberinnen auftraten. Bis zum Jahre 1860 waren bie Den Frauen erteilten Patente sehr selten. Von ba ab nahm jeboch ber Erfindergeist der Frauen sehr schnell großen Aufschwung, und als das Patentamt von Neuyork gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einer Sonderabteilung der Atlantischen Ausstellung bie Modelle vereinigte, die von Frauen zum Patent angemelbet waren, war man höchst erstaunt unb bewunberte bie Reichhaltigkeit unb Vielseitigkeit biefer Erfinbungen. Gerade die amerikanischen Frauen haben sich auf diesem Gebiete als ebenso einfallsreich unb praktisch wie Die Männer erwiesen. BesonDers zu betonen ist Dabei, baß sie sich viel mit Verbesserungen an Maschinen beschäftigten. Da erfanb eine Mrs. be Montgomery neue Räder für Lokomotiven, Mrs. N. Meabows ein neues Verfahren bei ber Entschwefelung ber Metalle, Mary E. Walton Eisenbahnen mit Aufzügen, und anbere konstruierte neue Elektrisiermaschinen.
In Frankreich gab es vor 1870 fast keine Patente, bie Frauen als Urheber hatten, aber von biefer Zeit würben sie immer häufiger, nachbem ber Frau Die höheren Schulen geöffnet worben waren. Schon gegen EnDe Des Jahrhunderts wurde eine Statistik aufgestellt, noch der im Durchschnitt 60 bis 70 Patente jährlich, Die brauchbare Gebauten enthielten, von Frauen angemeldet wurden. Viele dieser Erfindungen zeigten großen Scharfsinn, wenn auch im allgemeinen zu beobachten war, daß sich die Erfindungsgabe der Frau zunächst auf kleinere Dinge erstreckt und sie oft beit größten Scharfsinn unb bie äußerste Gebulb ou'- wenbet, um Neuheiten unb Verbesserungen von recht nebensächlicher Bebeutung zu schassen. Da.» gilt besonders für diese ersten" Zeiten. Eine 5)anu> ließ einen Kamm patentieren, ber eine Flüssigkeit bireft auf bie Kopfhaut bringt, eine andere eine! galvanische Kette zu Heilzwecken, wieder eine andere eine Taschenschreibmaschine, eine sogar „einen mustergültigen Hosenboden mit beweglichen Seiten für Damen-Sportbeinkleider" patentieren. Dann aber wandten sich bie Frauen wesentlicheren Dingen zu unb traten mit Den männlichen Erfindern in einen ernsthaften Wettbewerb. B.


