M.230 Dritter Blatt
Außer in Karlsbad Hal Goethe auch in den anderen Kurorten dieser quellenreichen Gegend „getrunken und gebadet", in dem 1790 non Franz I. gegründeten Franzensbad allerdings nur einmal, von dem überfüllten Karlsbad aus, im Juli und September 1808 und mit gutem Erfolg. Häufiger, 1810, 1812 und sogar 1813, mitten in den Unruhen des Krieges, begegnen wir ihm in T e v l i tz. Hier trifft er im „Goldenen Schiff" mit Louis Bonaparte, dem frauenhaft weichen Bruder Napoleons zusammen-, der soeben, erst de§ dornenreichen
Krone von Holland entsagt hatte. „Sein Charakter ist eine höchst respektable Herzensgüte ... Er ist sehr freundlich und zutraulich ... Wie man ihn genauer kennenlernt, so 'sieht man wohl, daß/die Gründe seiner Abdikation mit ihm geboren sind". Wieder, wie schon in Karlsbad, verschönt ihm die schwärmerisch verehrte Kaiserin Maria Ludooica auch einen der Teplitzer Sommer. „Ich darf nicht anfangen von ihr zu reden" — schreibt er 1812 —, „weil man sonst nicht aufhört ... Eine solche Erscheinung gegen das Ende seiner Tage zu erleben, gibt die angenehme Empfindung, als wenn man bei Sonnenaufgang stürbe und sich noch recht mit inneren und äußeren Sinnen überzeugte, daß die Natur ewig produktiv, bis ins Innerste göttlich, lebendig, ihren Typen getreu und keinem Alter unterworfen ist." Der hohen Frau zu Ehren inszeniert Goethe eine Aufführung des „Tafso" durch die Hvfgesell- schaft, wobei die schöne und geistvolle Gräfin O' Donell die Prinzessin spielt. Aus Anlaß einer von der Kaiserin zur Debatte gestellten Scherzfrage, ob Herr oder Dame zuerst die Liebe gestehen dürfe, schreibt er das kleine Lustspiel „Die Wette", das die Frage dahin entscheidet, daß wahre Liebe in diesem" Falle kein Entweder Oder kennt. In Teplitz findet auch die oft beschriebene Begegnung mit Beethoven statt, ohne daß es zu einer inneren Annäherung der beiden grundverschiedenen Naturen — Goethe nennt Beethoven, dessen titanisches Benehmen ihm zuwider ist, „eine ganz ungebändigte Persönlichkeit" — gekommen wäre.
Auf das Marienbaber Liebeserlebnis, das letzte dieses liebereichen Daseins, können wir hier^ nur kurz eingehen. Es war im Jahre 1820, als' ßoetfje das kurz zuvor entstandene Bad zum ersten Male äufsucht. Im Klebelsbergschen Hause wohnt er zusammen mit der ihm -schon von Karlsbad her bekannten Frau von L e v e tz o w, die diesmal auch ihre Töchter mitbringt, darunter die siebzehnjährige Ulrike. Welchen Sturm der Gefühle das reizende Mädchen in dem ewig jungen Herzen des Greises entfachte, wie schwer es dem noch einmal vom Gotte der Jugend Getroffenen wurde, auf das erträumte Glück einer Lebensgemeinschaft als unerreichbar zu verzichten — wir wissen es aus der „Marienbader Elegie", dieser leidenschaftlichen Liebesklage, die Goethe beim Verlassen Karlsbads noch im Reisewagen zu dichten begann. So schließt denn, wie fast alle Lebensepochen Goethes, auch dieser endgültige „Austritt» aus dem böhmischen Zauberkreise" mit einem schmerzvollen Entschluß zur Entsagung. Goethe hat die geliebten Bäder, „als trieb* ein Cherub flammend ihn van hinnen", nicht mieber« gesehen. <
Ein römisches Herrenhaus am Neckar.
Die umfassenden Bauarbeiten an den Reichsautobahnen haben eine Fülle von Zeugnissen alter Besiedlung zutage gebracht, die eindringlich zeigen, welch uraltes Kulturland der deutsche Boden ist. Beim Bau der Reichsautobahnstrecke Stuttgart —- Heilbronn traf man in der Nähe von Mundelsheim am Neckar auf die Grundmauern eines großen Gebäudes, das nach der Bauweise etwa aus dem 2. oder 3. Jahrhundert nach Christi stammt. Die Ausgrabung, über die Dr. Oscar Par et in der Leipziger ,^Illustrirten Zeitung" berichtet, zeigte, daß es sich um das Herrenhaus eines mauerum* fchlosfenen großen Gutshofs, aus der Zeit, in der. das keltische Neckarland römische Provinz war, handelt. Der Versuch einer Rekonstruktivnszeichnung läßt eine stattliche, nach Süden gelegene Hausfront erkennen, die die. Breite von 35 Metern hat. Zwischen zwei vorspringenden Flügelbauten mit quadratischer Grundfläche liegt eine Säulenhalle oder Loggia und dahinter eine durch zwei Stockwerke gehende Haupthalle. An der Ostseite der Halle liegt eine Reihe von Schlafzimmern, an der Westseite sind drei Laderäume mit Boden- und Wandheizung nach römischer Art und dem Unterteil der wie in Pompeji bemalten Wände erhalten. Unter der Loggia lag der Keller, der von der Mittelhqlle aus zugänglich war; seine Flachdecke war eingestürzt, die Mauern aber zum Teil sehr gut erhalten. Wie die meisten derartigen Ruinen war auch diese später als Steinbruch benutzt und nach Schätzen, besonders nach Metall durchsucht worden. Es 'war ein Glücksfall, daß bei der Ausgrabung noch zwei bronzene Kunstgegenstände angetroffen wurden. Im Keller fand sich ein Beschlag einer Paraderüstung mit der Darstellung der helmtragenden Minerva; vermutlich stammte es aus einer kaiserlichen Waffenfabrik an der unteren Donau. Das Hauptfundstück aber, das im Heiz- raum unter dem Boden des Warmwasserbades versteckt war, war ein 40 Zentimeter großer und 1,4 Kilogramm schwerer Decket einer Schüssel, der durch reiches Hochrelief in Treibarbeit verziert ist. Man sieht in der Mitte einen Hasen zwischen Weintrauben, und Ringsum liegen sechs Schweine abwechselnd auf dem Bauch und auf der Seite, bis ins kleinste durchmodelliert. Am Rande zieht sich eine Kette von zwölf schon für die Pfanne zubereiteten Hühnern oder Gänsen entlang. Der Deckel, der technisch eine Meisterleistung ist und als Kunstwerk in dieser Zeit erstaunlich wirkt, gehörte Der- mutlich zu einer Speiseschüssel.
Goethe und die böhmischen Näder
Bon Ernst von Niebelschüh.
Unter den Stätten, die Goethe zeitweilig zu liebgewordenem Aufenthalt dienten, stehen die böhmischen Äurorte obenan; keiner ist von ihm so oft besucht wovden wie Karlsbad, Die Berge mit ihren geologischen und mineralogischen Merkwürdigketten, die Gewißheit, in den Sommermonaten eine erlesene Gesellschaft von Fremden aus aller Herren Lander dort vorzusinden, und die heilspenden Quellen, deren Gebrauch ihm zur Gewohnheit geworden war, haben ihn immer wieder in das Weltbad gelockte Meist brach er von Weimar Anfang Juli auf, um das Bad erst Anfang September wieder zu verlassen. „Manche Rostflecken" — bekennt er in seinem Briefe an Karl August —, „die eine zu hartnäckige Einsamkeit über uns bringt, schleifen sich da am besten ab." Zwar will er „still und fleißig" sein, allein in der Hauptkurzeit gelingt es nicht immer, und er bedauert es nicht. „Vom Granit, durch die ganze Schöpfung durch, bis zu den Weibern, alles hat beigetragen, mir den Aufenthalt angenehm und interessant zu machen." Im übrigen hält er Ü4) °n die hergebrachte Ordnung: „Morgens um 5 Uhr stehe ich auf und gehe an den Brunnen. Zwischen 8 und 9 wird gefrühstückt, dann etwas geruht, an- gezogen, dikttert, wieder ein wenig spaziert und Dann gegessen. Nach Tische wird im Zimmer gezeichnet- gegen Abend auf der Promenade und sanft die Zeit auf eine oder die andere Weise hingebracht
‘ (an Christiane, 1807).
An Gelegenheit zu geognostischen oder botanischen Studien fehlt es in Karlsbad nicht. Da kommt etwa der Steinschneider Johann Müller, der die bei Karlsbad vortommenden Gesteinsarten zusammenstellt, und Goethe ist. glücklich, ihm bei der Ordnung und Erläuterung helfen zu können. Nicht minder interessiert ihn die Geschichte des böhmischen Landes, besonders des Egerer Winkels, wo der i^nermüd- liche Karl Huß, der Wappen, Chroniken, Münzen sammelt und die Burgen des Egerlandes erforscht, sein Gewährsmann und Berater ist. Daß Goethe auf ärztliche Verordnung in Karlsbad weilt, merkt man seinem Tageslauf nicht an, höchstens, daß er sich des Weines enthält. Wo er nicht arbeitet oder einfach seiner Gesundhett lebt, wird „gezeichnet und illuminiert", und wenn er sich dann und wann in das gesellige Treiben der Kurgesellschaft mischt, tut er es immer mit dem Auge des Beobachters, den nichts uninteressiert läßt, auch nicht, daß „auf dem ersten Ball die Frauenzimmer miteinander tanz
ten". . Es wäre ein Leichtes, sich aus den Briefen Goethes aus Karlsbad ein anschauliches Kulturbild des Weltbades um die Jahrhundertwende zusammenzustellen, so, wenn er. über die „Inflation" des Jahres 1810 an Christiane schreibt: „Das Stejgen und Fallen des Papiergeldes und das Steigen aller Preise macht einen so konfus, daß man nicht weiß, ob etwas wohlfeil oder teuer ist."
Ueberall knüpft Goethe neue Bekanntschaften an oder erneuert die alten. Fürsten und hohe Standes- herren. Dichter, Politiker und Wissenschaftler — alles zieht er an sich oder läßt sich von ihnen an- ziehen. „Alle Zustände der Gesellschaft von der größten Einsamkeit bis zum größten Lärm und Drängen und jetzt wieder bis zur Einsamkeit habe ich erlebt. So ein Dadesommer ist wirklich ein Gleichnis eines Menschenlebens", schreibt er 1808 an Frau von Ste i n. In den Sommern 1810 und 1811 erregt die junge und schöne Kaiserin Maria Ludo- vica von Oesterreich jein leichtentzündliches Herz, und er widmet der „Herrlichen" vier Huldigungsgedichte; ein Jahr später kommen auch Kaiser Franz uno seine Tochter Marie Luise, die Gattin Nasio- leons, nach Karlsbad, und wieder empfängt der Dichter die ho,hen Gäste mit Begrüßungshymnen, von denen die an die französische Kaiserin mit einer unmißverständlichen Mahnung zum Frieden ausklingt.
Daß Goethe in diesem gesellschaftlichen Trubel und neben der streng innegehaltenen Kur noch Zeit für dichterische und wissenschaftliche Arbeit fand, mutet fast wie ein Wunder an, und gewiß war die Leistung nur mit Hilfe jener bewunderungswürdigen Tageseinteilung möglich, die allein es dem Vielbeschäftigten erlaubte, keine Stunde ungenützt vor- überaehen zu lassen. Große Teile der Selbstbio- graphie, der Farbenlehre, der Wahlverwandtschaften, des westöstlichen Divans und der Wanderjahre sind in Karlsbad entstanden, dazu die Pandora und einige der bekanntesten Gedichte, wie der getreue Eckart, der Totentanz und die wandelnde Glocke, von der Redaktion der ersten vier Bände der Gö- schen-Ausgahss gar nicht zu reden.
Aus der Stadl Gießen.
Oktober in deutscher Lauernregel.
Prächtig kann der Oktober fein, wenn die Sonne allmählich den Frühnebel niederkämpft, um schließ-, ) lich auf rostrotgoldenen Baumwipfeln, die vor dem blauen Himmel kupfern schimmern, zu ruhen oder den herabtanzenden Blättern nachzublmkern. Der Laubfall ist bekanntlich eine weise Ökonomische Em- richtung der SÜatur, die.Die Ernährungsfrag- Der Bäume schon vor Eingang Des Winter- lost. UnD es ist also begreiflich unD berechtigt, wenn Der Deutsch- Bauer Schlußfolgerungen aus der Frühzeitigkeit ober Späte dieses herbstlichen Vorganges der Entlaubung zieht. So heißt es:
„Wenn der Oktober -das Laub nicht von den Bäumen laßt,
so mache dich auf einen strengen Winter gefaßt!" Warmer Oktober soll wie man vielerorts sagt __ einen kalten Februar künden. Hingegen meint man in Schwaben mit gutem Grund: „Frost und Schnee im -Oktober zeigt einen milden Jänner an." Die scharfe Ausgeprägtheit der Jahreszeiten "ist ja nicht nur Charakteristikum für eine meteorologische Stetigkeit, sondern auch meist —. infolgedessen! — • ein Vorzeichen normalen Verlaufes des landwirt-! fchaftlichen Jahres. Da nun der Oktober in unseren Breiten noch zu den Sonnenmonaten gehört, soll auch dieses segenbringende Gestirn nach menschlichem Wunsch noch herrschend bleiben. Dies ist besonders die Hoffnung des Winzers, der sich nach alter Erfahrung sagt: „Oktober fein — legt ins Faß einen guten Wein!", aber „Oktober naß — sitzt dem Bauern auf dem Faß!" Das letztere bedeutet, der Wein wird nicht gut, so daß er nicht leicht Käufer findet. Im besonderen orakelt man: „Viel Regen im Oktober, viel Winde um Weihnacht." Und bemerkenswert ist auch diese Wetterregel:
„Oktobergewitter sagen beständig:
der kommende Winter wird wetterwendig."
An „Lostagen" reich ist besonders die zweite Hälfte «unseres Monats, des ,>Gilbhards" oder „Weinmonds". Da ist am 16. Oktober der Kalendertag des heiligen G a l l u s. Er ist nach alter deutscher Auffassung — die nicht vier, sondern nur zwei Jahreszeiten, Sommer und Winter, kannte — der eigentliche Schlußtag der schönen Jahreszeit; und damit beendet er auch die hauptsächliche Autzen- arbeit des Land mannes. ..St. Gall treibt die 'Kuh in den Stall!" Die Wiesen werden wieder leer. Dazu paßt es,-daß im alten deutschen Recht „zwischen Maitag und St. Gallustag das Ueberfahren und Uebertreiben der Wiesen verboten" war. Jetzt aber treibt der Hirte des Flachlandes, wie der Senne im Gebirge heim: „St. Gallus — läßt fei Kuh mehr druß!" reimt man in Schwaden. Auch die Späternte schreitet zum letzten Einheimsen des Segens der Fluren: „Gallustag — schiebt Kraut und Rüben in den Sack." Auch das- ist ein Bauernreim, wenn man ihn recht liest. Ausführlicher „dichtet" man in Baden: „An St. Gall — Krut (Kraut) un Rübe in’n Stall! Erbbirne (Kartoffeln) darzu; nachher hat man sin Ruh."
Der 20. Oktober ist St. Wendelin geweiht. Da er. der Schutzparton der Rinder, Ziegen und Schafe ist, sa^gt man: „St. Wendelin 7^- besucht die Horntiere im Stall drin." Denn auf den Wiesen sind sie kaum noch irgendwo - zu finden, entsprechend dem Vers: „An Wendelein -r- soll das Vieh von der Weide sein!"
Der 21. Oktober ist der Tag St. U r f u I a e. Nun ist es hohe Zeit, jm Kohlgarten reinen, Tisch zu machen. „An Urschel tu's Ärut Hein (hinein), sonst schneit dir der Simmele drein!" Der „Simmele", wie ihn jener schwäbische Bauernreim nennt, ist der 28; Oktober, Simon und Judas (Thaddäus, nicht Jscharioth). So kurz vor Novemberbeginn ist ja nicht viel Schönes mehr zu erwarten, darum seufzt man. berechtigterweise: „Simon und Jude — sind keine ©uter Und von Tag zu Tag wird's unwirtlicher draußett, denn „Sind Simon und Juda vorbei, so rückt der Winter herbei!" W. L.


