und Bahnhof st raße 7 Ecke Hauptzoll - a m t geschaffen worden. Dort hat das Gelände vor dem Liebigbau (Alte Klinik) bis zur Ecke Zollamt und weiter bis zur Hauptpost ein neues Gesicht erhalten, das sich vorteilhaft darbietet. Mit der Straßenverbreiterung beim Hauptzollamt im Zuge der Bahnhofstraße bis zur Hauptpost ist in guter Weise auch einer seit Jahren als besonders dringlich immer wieder hervorgetretenen Forderung Rechnung getragen worden.
Ferner wurde das Skagerrak-Ehrenmal im Eichgärten - Gebiet nach dem Entwurf des Stadtbauamtes vollendet, so daß es Anfang Juni seine feierliche Weihe erhalten konnte.
Das von der Kreisamtsleitung der NSB. des Kreises Wetterau im Mai begonnene Ern äh- rungs - Hilfswerk (EH W.) wurde von der Stadt durch die Errichtung eines großen Stallgebäudes und der erforderlichen Nebenbauten für die Schweinemästerei erheblich gefördert und damit eine Leistung vollbracht, die durch einen jetzt bereits beschlossenen zweiten großen Stallbau noch gesteigert werden soll. Im Dienste unserer Dolksernährung unter Ausnutzung aller Möglichkeiten aus eigener Kraft können die NSB.-Kreisamtsleitung und die Stadtverwaltung an diesem Frontabschnitt für das Jahr 1937 eine bedeutsame Leistung aufweisen, die der allgemeinen dankbaren Anerkennung besonders wert ist.
Im Rahmen der öffentlichen Bautätigkeit nahm der von der Heeresverwaltung im Verlaufe dieses Jahres tatkräftig fortgeführte Bau eines Standortlazaretts im Südviertel eine besonders wichtige Stellung ein. In diesem Neubau, der sich aus dem Hauptbau und verschiedenen Nebenbauten zusammensetzt, werden alle für ein Standortlazarett erforderlichen Anlagen geschaffen. Insgesamt soll das Lazarett in seinen verschiedenen Abteilungen Raum für 270 Betten enthalten, selbstverständlich außerdem noch die erforderlichen Untersuchungsräume, Laboratorien, Operationssäle, Röntgenzimmer, Verwaltungs- und Wirtschaftsräume usw. Krankensäle wird es in diesem Lazarett nicht geben, sondern die Patienten werden in Zimmern untergebracht, die in der Mehrzahl 1, 2 und 4 Betten, nur vereinzelt in großen Räumen 6 Betten enthalten werden. Alle Zimmer gehen mit der Fensterfront nach Süden und sind hell und hoch. Gegenwärtig sind in dem großen Bau die ersten Arbeiten der Inneneinrichtung im Gange, außerdem werden auf dem Grundstück vor den Bauten Planierungen oorgenommen.
Gute Vorarbeit wurde im Laufe des zweiten Halbjahres 1937 für die große Aufgabe der Altstadtsanierung geleistet. Durch die energische Entwicklung des Arbeitsplanes in Verbindung' mit der umfangreichen Schaffung neuen Wohnraums in anderen Stadtbezirken ist es jetzt soweit gekommen, daß nach dem Abbruch der alten Gebäude in der Schloßgasse in naher Zeit auch mit der Nieder- tlegung der übrigen alten Häuser in dem Baublock Kirchenplatz-Lindenplatz begonnen und damit zugleich der Engpaß beim „Einhorn" beseitigt werden rann. Dann wird ort dieser Stelle als erster Abschnitt der gesamten Altstadtsanierung ein modernes Strdßenbild mit neuzeitlichen Wohnquartieren entstehen. Tatkräftige Vorarbeit ist mittlerweile auch für den zweiten Abschnitt der Altstadtsanierung am unteren Seltersweg-Ecke Kreuzplatz in die Wege geleitet worden.
Ein großartiges Bauwerk, das für die Entwicklung unserer Stadt von weitreichender Bedeutung ist, konnte Mitte Oktober unmittelbar vor den Toren von Gießen in Gestalt der Reichsautobahn vollendet, feierlich eingeweiht und dem Verkehr übergeben werden, lieber die Bedeutung dieses § roßen Werkes für unser Gemeinwesen weitere usführungen zu machen, ist selbstverständlich überflüssig, denn die Größe dieser Tat in wirtschaftlicher und in verkehrsgeographischer Hinsicht liegt so klar zutage, daß sie jedermann geläufig ist.
Aus dem Bereiche der städtischen Arbeit ist als bemerkenswert weiterhin zu verzeichnen, daß die dem öffentlichen Verkehr dienenden städtischen Verkehrseinrichtungen im Februar durch die Beschaffung zweier großer Omnibusse bereichert wurden, die zum Teil als Ergänzung des Straßenbahnbetriebs den Pendelverkehr zwischen der Straßenbahnhaltestelle an der Bergkaserne bis hinaus zur Waldkaserne versehen, darüber hinaus noch für Verkehrssonderdienste, insbesondere auch bei der Beförderung von Arbeiterkolonnen, Verwendung finden. Die städtische Feuerwache wurde in ihrer Schlagfertigkeit durch die Anschaffung neuer Feuerlöschgeräte im März weiter ge
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Der Mittelpunkt des Vogelsbergs, das schöne Städtchen Schotten, erfuhr im Dezember eine wertvolle kulturelle Bereicherung durch die Schaf« fung eines Heimatmuseums. Bürgerlicher Gemeinsinn, bekundet durch die letztwillige testamentarische Verfügung des verstorbenen Staatsrats Dr. Weber und seiner Schwägerin Fräulein Pröscher, schufen in der „Weber-Pröscher-Stiftung" die Voraussetzung und die dauernde wirtschaftliche Grundlage für dieses gemeinnützige Museumswerk, das sich bei der bekannten Regsamkeit der Schottener im Laufe der Zeit sicherlich zu einem kulturellen Mittelpunkt des Vogelsbergs erweitern wird.
Unsere 'Nachbarstadt L i ch bereicherte ihre Einrichtungen zum Wohle der Bevölkerung durch die Schaffung des schönen Waldschwimmbaoes im Albacher Teich, das über den Kreis der Licher Bevölkerung hinaus für die Volksgenossen anderer benachbarter Orte ebenfalls eine Quelle der Erholung und für die Jugend eine Stätte der körperlichen und sportlichen Ertüchtigung geworden ist.
Grünberg war mit seinem bekannten Gallus- markt wiederum, wie alljährlich während des Herbstes, ein besonderer Anziehungspunkt für die engere und weitere Umgebung. Mit Recht kann diese Stadt auf ihre alljährliche große Veranstaltung stolz sein, die sie von Jahr zu Jahr immer mehr zum Gegenstand des stärksten Interesses für weiteste Bevölkerungskreise zu machen bestrebt ist.
Von den vielerlei beachtenswerten Ereignissen und Entwicklungen auf dem Lande sei hier vor allem noch erinnert an die Einrichtung von NSV.» Kindergärten in zahlreichen Orten des Kreises Gießen, ferner an die Schaffung des Landschulheims in Kesselbach, eines HJ.-Heimes und eines Kindergartens in Großen-Buseck sowie eines Turnhallenbaues in diesem Orte, weiterhin an Siedlungsbauten in Großen-Buseck und in Lich, ferner an die Schaffung der Volkshalle in Watzenborn- Steinberg, an zahlreiche Meliorationsarbeiten des Arbeitsdienstes in einer Reihe von Orten trr her Nähe von Gießen, nicht zuletzt auch an die bedeutsamen Ausgrabungen im Reichsautobahn-Abschnitt bei Holzheim.
Wenn wir unsere Blicke nach der nächsten preußischen Nachbarschaft hinüberlenken, so fällt be- sonders die Schaffung des neuzeitlichen Schwimmbades in Krofdorf auf, ferner werden wir an das Jubiläum des hundertjährigen Bestehens des Gleiberg-Vereins und an eine Reihe von Verbesserungen an und in dieser alten Burg erinnert.
Schon diese kurze Auslese aus dem großen Kreise der Ereignisse und Entwicklungen während des Jahres 1937 zeigt, daß auch in der Provinz reges Leben und tatfroher Aufbau dem Jahre 1937 in wirtschaftlicher und in kultureller Hinsicht das Gepräge gegeben haben. Mit Genugtuung kann man am Jahresschluß auch auf diesen^Abschnitt des Aufbaues in unserer engeren Heimat blicken. B.
steigert, so daß dadurch der Feuerschutz in unserem Gemeinwesen noch erheblich wirksamer als bisher geworden ist. Auf dem Gebiete der Verkehrs- Werbung haben der Fremdenverkehrsverein und das städtische Verkehrsamt in guter Zusammenarbeit mit der Werbestelle der Universität auch in diesem Jahre eine eifrige und anerkennenswerte Arbeit entfaltet, die seitens des Fremdenverkehrsvereins im Zusammenwirken mit der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel bei der Weihnachtsgeschäftswerbung ihren Höhepunkt erreichte. Man darf die erfreuliche Feststellung machen, daß alle diese Verkehrswerbungen auch in diesem Jahre dem Wirtschaftsleben unserer Stadt eine gute Förderung gebracht haben und daher die geldlichen Aufwendungen für diese Arbeit nutzbringend waren.
Eine wichtige Veränderung im öffentlichen Leben unserer Stadt brachte die mit Wirkung vom 1. April verfügte Aufhebung der hessischen Provinzialoerwaltungen mit sich. Durch diese Anordnung der Landesregierung, die auf die Vereinfachung des Derwaltungsapparates gerichtet war, ist die bis dahin als selbständige Behörde in Gießen wirkende Provinzialdirektion Oberhessen aufgehoben worden, gleichzeitig wurden die im Besitz der ehemaligen Provinz Öberhessen befindlichen Betriebe und Einrichtungen, auch in unserer Stadt, in den Besitz des hessischen Staates übergeführt. Hervorzuheben' ist weiterhin der Uebergang des Hotels Kühne in den Besitz der R e i ch s p o st, die nunmehr die Möglichkeit hat, nach dieser Neuerwerbung von Mitte November die seit Jahren schon dringliche Erweiterung von wichtigen Postdiensträumen im Hauptpostamt vorzunehmen. Eine seit Jahren fällige Dankesschuld gegenüber den Gefallenen des großen Krieges hat die Arbeitsgemeinschaft Gießener Soldatenkameradschaften mit dankenswerter Förderung durch die Stadtverwaltung dadurch erfüllt, daß sie ein Ehrenmal für die Gefallenen auf dem Ehrenhof des Neuen Friedhofs im November dieses Jahres errichten ließ, das unter starker Beteiligung aus allen Kreisen der Stadt seine feierliche Weihe erhielt.
Ein wichtiger Markstein in der Geschichte unserer Stadt war im Bereich unserer Gießener Garnison Ende Oktober zu verzeichnen. Unter starker Beteiligung der Bevölkerung erfolgte durch die Truppen unseres Standortes die Einholung der Truppenfahnen, die im Auftrage des Führers und Reichskanzlers, des Obersten Befehls
habers der Wehrmacht, den 116ern in Gießen und der III. Abteilung AR. 9 durch den Reichskriegsminister Generalfeldmarschall von Blomberg verliehen und im Rahmen einer großen Feier für zahlreiche Garnisonen in Wiesbaden überreicht wor- den waren. Mit den Soldaten empfanden die Gießener Volksgenossen voll Freude die hohe Auszeichnung, die der Führer durch die Verleihung der Fahnen unseren Gießener Soldaten zuteil werden ließ. Der Tag dieser feierlichen Fahnen-Einholung wird nicht nur bei der Garnison, sondern auch bei der Gießener Bevölkerung immer in dankbarer Erinnerung lebendig bleiben.
Im Wirken unserer Soldaten hatte auch der 30. September des scheidenden Jahres insofern eine besondere Bedeutung, als an diesem Tage zum ersten Male Reservisten nach zweijähriger Dienstzeit auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht das Ehrenkleid des deutschen Soldaten ablegten und von ihren Offizieren und Unteroffizieren, sowie den jüngeren Kameraden nach alter Soldatenart kameradschaftlich zur Bahn geleitet', wurden, um von dort aus als „alte Knochen" mit Referviftenmütze unh Reservistenstock heimzufahren.
Die enge Gemeinschaft zwischen den alten Soldaten und den aktiven Kameraden kam bei dein großen 116ek - Tag im Mai, ebenso auch bei dem ArtilleAistentreffen im Frühjahr in unserer Stadt wiederum in prächtiger Weise zum Ausdruck. Die alten und die jungen Soldaten werden diese Stunden des gemeinsamen Erlebens ebenso gern und dankbar in Erinnerung behalten, wie die gesamte Gießener Bevölkerung, die an den beiden soldatischen Veranstaltungen freudigen Anteil nahm. .
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Unsere Rückschau kann sich naturgemäß nur mit den wichtigsten Ereignissen des scheidenden Jahres beschäftigen. Daß neben den hier verzeichneten bedeutsamen Merkmalen der Entwicklung unserer Stadt noch zahlreiche weitere wichtige Vorgänge das Leben und Wirken unserer Gemeinschaft in diesem Jahre ausfüllten, weiß jedermann. Aber schon allein der Blick auf die hier in den Vordergrund gerückten Auswirkungen der öffentlichen Tätigkeit gibt uns allen Grund, mit Zufriedenheit, von dem Jahre 1937 Abschied zu nehmen. Wir werden es als ein neues Jahr fruchtbaren Schaffens in guter Erinnerung behalten und es mit dem Vorsatz verlassen, auch weiterhin in unserer engeren Heimat alle Kräfte anzuspannen in treuer Gefolgschaft und in allezeit tatbereiter Mitarbeit an dem Werke unseres Führers Adolf Hitler. B.
Talsroher Ausbau in der Provinz im Jahre 1937.
Weiterentwicklung des Motorsports in Öberhessen einen starken Aktivposten darstellt. Wenn man alle Straßenverbesserungen in unserer Zeit des erheblich gesteigerten motorisierten Verkehrs an sich schon begrüßen muß, so ist dieser Ausbau der Rennstrecke noch mit besonderer Freude zu vermerken. Erfreulich ist aber auch, daß die Straßenbauarbeiten im weiten Ausmaß sich auf die für den ländlichen Verkehr, insbesondere für den Gespannverkehr, in Betracht kommenden Nebenstraßen erstreckt haben, wodurch die Bevölkerung der Landorte in ihren Derkehrswünschen die verdiente weitgehende Beachtung gefunden hat.
Die Stadt Friedberg hatte in diesem Jahre die Freude, wieder Garnisonort zu werden. Mit , großer Herzlichkeit empfingen die Friedberger ihr Infanterie-Regiment, an dessen Spitze als Oberst der aus seiner früheren Gießener Dienstzeit als Bataillons-Kommandeur bekannte Freiherr von Wachter steht. Die alte Reichsstadt konnte im April auch die feierliche Einweihung des Adolf- Hitler-Polytechnikums begehen und damit einen wichtigen Faktor ihrer Entwicklung auf dem Gebiete des Bildungswesens und der wirtschaftlichen Entfaltung verbuchen. Im Juni konnte die in Friedberg als Verwaltungssitz wirkende Ueberlanb» zentrale Oberhessen ihr 25jähriges Bestehen feiern.
Die Provinz Oberhessen konnte im Jahre 1937 ebenso wie die Stadt Gießen eine Reihe bedeutsamer Marksteine der Entwicklung verzeichnen. Im Vordergründe steht dabei naturgemäß das große Werk des Reichsautobahn - Baues. Im südlichen Teile des Kreises Gießen wurde dieses Stück der "Straßen des Führers fertiggestellt, im übrigen Teile, nach dem Nordosten des Kreises zu, ist der Bau noch im Gange. Allenthalben hat sich dieses Unternehmen bereits während der Bauzeit nicht nur für die Bau- und Lieferfirmen und die dort beschäftigten Arbeitskräfte, sondern auch für Handel und Gewerbe im engeren Bezirk als ein starkes Instrument der Wirtschaftsförderung erwiesen. Für die Unterbringung der vielen Bauarbeiter mußte in den Dörfern Quartier beschafft werden, soweit dies nicht möglich war, erfolgte im Kreise Gießen die Unterbringung der Arbeiter in eigens errichteten Arbeiterlagern. Es entstanden an verschiedenen Stellen im Kreise Gießen derartige Lager, die aus zweckdienlichen Unterkunftshäusern bestehen. Bei der Errichtung dieser Lager wurde auf die Eigenart der Landschaft Rücksicht genommen; zum Teil fanden die Unterkünfte inmitten von schönen Waldgebieten ihren Platz, so daß sie den Bewohnern in weitgehender Weise den Aufenthalt und die Nutzung der Freizeit angenehm machen. Derartige Einrichtungen bestehen aber auch in der Nähe der weiteren Baustrecken im Kreis- Alsfeld. Dort sind die Bauarbeiten ebenso wie im nordöstlichen Teile des Kreises Gießen in vollem Gange, insbesondere wird zur Zeit an einem großen Brückenbau und an einer bedeutsamen Veränderung der Landstraße Alsfeld—Lauterbach dicht vbr den'Toren von Alsfeld gearbeitet.
Die Durchführung dieses großen Unternehmens hat auch die erfreuliche Auswirkung gehabt, daß in vielen Dörfern unserer engeren Heimat, in erster
Linie natürlich in den nahe bei den Baustrecken gelegenen Ortschaften, keine Arbeitslosen mehr vorhanden find. Vielmehr mußten für den Reichsautobahnbau noch von weither Arbeitskräfte beran- gezogen werden, ja bis vom hohen Westerwald, die in Lagern wohnen bzw. alltäglich mit großen Autobussen zu ihren Arbeitsplätzen gefahren werden und am Abend wieder heimkehren. Eine weitere Auswirkung dieser Entwicklung besteht darin, daß im Gegensatz zu früheren Jahren, in denen immer eine große Menge von Arbeitskräften sich zu den Holzhauerarbeiten während der Wintermonate drängte, jetzt kaum eine derartige Wahrnehmung zu machen ist, in vielen Orten die Holzarbeit im Winter nur noch auf den Kreis der kleinen Landwirte beschränkt bleibt und auch in dieser Hinsicht nur einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum durchgeführt werden kann.
Im Straßenbau in den Kreisen der einstigen Provinz Oberhessen wurde gleichfalls eine außerordentlich rege Tätigkeit während des Jahres 1937 entfaltet. Die Straßenbauverwaltung für die ehemalige Provinz Oberhessen hatte für ihren Haushalt 1937 die Summe von rund 3 Millionen Mark für die verschiedensten Straßenbauarbeiten zur Verfügung. Davon entfielen auf die Reichsstraßen rund 1330 000 Mark, auf die Landstraßen erster Ordnung rund eine Million Mark und auf die Landstraßen zweiter Ordnung rund 700 OOO Mark. Bei der Durchführung dieses Straßenbauprogramms, über die wir im Gießener Anzeiger vom 20. November in den Einzelheiten berichteten, ist an den Landstraßen aller drei Gruppen viel verbessert worden. Die bedeutendste und in ihrer Auswirkung am stärksten ausstrahlende Arbeit war dabei die neuzeitliche Gestaltung und Fertigstellung der Renn- strecke „Rund um Schotten", die für die
Äiamanten-Komödie
Roman von Horst Biernath.
19. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Humphrey tippte auf feine Armbanduhr. „In einer halben Stunde ist das Diner fällig, die lieblichste Abwechslung an Bord. Ich wollte Sie nur erinnern, nicht zu fleißig zu fein."
„Danke, Humphrey! Nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind! So spät schon? Ich weiß nicht, wo die Zeit geblieben ist. Und Zanten hätte eine schlechte Meinung von meiner Pünktlichkeit bekommen. Ich kann mir denken, daß er Unpünktlichkeit nicht besonders schätzt ..Sie sah sein fragendes Gesicht. „Er hat mir nämlich die ehrenvolle Anfrage zukommen lassen, ob er mich zu Tisch führen dürfe."
Humphrey stampfte mit dem Absatz auf: „Zanten Sie zu Tisch führen?! Und das, nachdem ich mich seit dem Frühstück auf das Diner an Ihrer Seite freue? Nachdem ich einen geschlagenen Tag daraus gewartet und mich darauf vorbereitet habe?" Er stieß die Fäuste ärgerlich aus den ein wenig zu langen, fürs Auswachsen berechneten Smokingärmeln.
Und jetzt erst bemerkte Carola, daß er feierlich in Schwarz gerüstet, mit weißer Brust und dunkler Schleife vor ihr stand. „Im Smoking, Humphrey?" fragte sie, nicht wenig erstaunt. „Wie, ums Himmels willen, kommen Sie in dieses Fest- gewand?"
„Das ist es ja eben!" knurrte er verbittert. „Daß ich unter diesen Umständen, wenn heute der Alte Sie zu Tisch führt, morgen abend ebenfalls darauf verzichten muß. Ich habe den Anzug nämlich von Martini gepumpt! Jawohl! Weshalb sehen Sie mich wie ein verwundetes Reh an? Don Martini gepumpt — ganz recht! Ich kann doch schließlich nicht Abend für Abend wie ein Trappist in meiner Zelle essen? Da ist Martini — und nicht ich! — auf den glänzenden Ausweg ver- fallen, daß wir beide uns mit dem schwarzen Möbel abwechseln. Einen Abend kommt er dran, den andern ich. Und heute bin ich an der Reihe!" Trotz seiner einwandfreien Erklärung konnte Ca
rola sich von ihrem Erstaunen nicht so rasch erholen. „Aber d-as setzt doch eine gewisse Freundschaft voraus, wenn man sozusagen aus einem Topf lebt?" sagte sie etwas hilflos.
„Natürlich", murmelte Humphrey nervös, wir haben uns völlig versöhnt ... Und außerdem befinde ich mich in einer Notlage, die manches entschuldigt." Der letzte Satz klapperte merklich nach. „Ich meine: Wenn ich schließlich schiffbrüchig mit einem einzigen Gefährten am gleichen Balken auf einer wüsten Insel lande, und wir haben nur eine Jacke und eine Hose zusammen — na, dann, frage ich ja auch nicht danach, ob er von Beruf Staatsanwalt ober Heiratsschwindler ist, nicht wahr?"
„Selbstverständlich, in diesem Falle schon! Ich verstehe nur Ihren Vergleich für die gegenwärtige Lage nicht ganz. Martini ist kein Staatsanwalt, und Sie sind, was ich hoffen will, kein Heiratsschwindler. Wo ist der Balken, an dem Sie sich gerettet haben? Wo die wüste Insel? Und, bitte, wo ist zum Schluß die Notlage, in der Sie sich befinden?"
„Wissen Sie, Carola", sagte er, schwer gekränkt, „ich finde, daß Sie in letzter Zeit an allem, was ich unternahm ober sprach, etwas auszusetzen hatten. Sie wollen die klarsten Dinge der Welt einfach nicht verstehen!"
„Jetzt sind Sie ungerecht, Humphrey! Ich habe nur ein besseres Gedächtnis als Sie. Vor wenigen Stunden hielten Sie es, zum Beispiel, noch für die klarste Sache der Welt, daß Martini ein Bandit sei ... Ich muß Sie wirklich bitten, mit meinem weniger^ elastischen Verstand Geduld zu haben. Wenn Sie übermorgen wieder im Smoking erscheinen werden, um mich zum Diner abzuholen, werde ich mich wahrscheinlich schon an den Gedanken gewöhnt haben, daß Martini Ihr Freund ist."
Humphrey errötete. „Freund —? sagte er ge- dehnt und verkniff den Mund. „Das ist natürlich stark übertrieben ..." Er bewegte die Lippen, als läge ihm noch vieles auf der Zunge. „Also: Zanten ' führt Sie heute zu Tisch?" stellte er nach einer kurzen Pause wehmütig fest.
„Ja, Humphrey. Und Sie werden entschuldigen, wenn ich Sie jetzt 'rauswerie? Denn fünf Minuten brauche ich für meine Toilette unbedingt." Hum
phrey Timperly seufzte schmerzlich und ging einigermaßen begossen und enttäuscht davon.
Carola schloß hinter ihm die Tür. Einige Sekunden lang blieb sie auf der Schwelle stehen und starrte auf die lasierte Füllung, als schaue sie Humphrey durch eine Glasscheibe nach. Zwischen ihren nachdenklich zusammengeschobenen Brauen stand eine kleine senkrechte Falte.
Das war es: Humphrey machte ihr Sorgen. Sie spürte, daß er nicht ganz ehrlich war. Daß er vor ihr etwas verbarg. Und es war nicht einmal schwer, zu erraten, daß seine Geheimnisse mit Martini und der merkwürdig raschen Versöhnung mit Martini in Zusammenhang standen. Humphreys Gründe für die Versöhnung klangen ja überzeugend: Man hatte die Banditen gefaßt. Dennoch traute sie der Echtheit dieses Stimmungsumschwungs nicht. Sie kannte Humphrey zu gut. Er bildete sich immer ein, ein Pokergesicht zu besitzen, undurchdringlich wie ein heruntergeklapptes Visier; aber selbst beim Punkt um den Zehntelpfennig wußte sie genau, ob er einen „Straight flush" oder ein „Kleines Kunststück zu zwei" in der Hand hielt ... Und auch jetzt steckte etwas hinter seinem Gesicht. Fast reizte es sie, ihn zurückzurufen; sie war überzeugt, daß es nicht einmal großer Anstrengungen bedürfe, um hinter feine Schliche zu kommen. Aber es wäre nicht fair gewesen. Humphrey war ein Verliebter: Eine kleine Freundlichkeit von ihr war schon ein Trumpf, bei dem er seine Karten aufdeckte ...
Sie ging zu dem Waschbecken und drehte beide Hähne auf, daß das Wasser geradezu körperwarm gemischt in die große Porzellanschüsfel strömte. Unterdessen wählte sie das Kleid für den Abend, ein schwarzes, schwer fallendes Atlasgewand mit einem weißen Jäckchen aus kurzgeschorenem Samt und mit Stuartkragen — ein Kleid, das einen beträchtlichen Teil ihres Berliner Reisevorschusses verschlungen hatte. Sie seifte sich gründlich ab, frottierte sich mit Genuß und kleidete sich mit einer Geschwindigkeit an, als würde sie von zehn Kammerfrauen bedient.
Als Zanten anklopfte, hatte sie nur noch in ihre Brokatpumps zu schlüpfen.
..Schön und pünktlich wie die Morgensonne!" lobte er. Er warf den Zigarillo, den er sich für eine längere Wartezeit vorsorglich angezündet
hatte, über Bord und schob Carola auf eine halbe Armlänge von sich fort, um sie wie ein Vater zu betrachten, der seine Tochter auf den ersten Ball ausführt. „Und dabei vollständig angezogen!" Seine Verwunderung war nicht gering und durchaus echt.
„Sie müssen furchtbare Erfahrungen gesammelt haben."
„O ja", bestätigte er düster und reichte ihr den Arm, „oder glauben Sie, ich wäre aus Stolz und angeborener ' Weiberfeindschaft Junggeselle geblieben?" Sein Tonfall entbehrte nicht tragischer Größe.
„Ihre Bemerkung erschüttert mich, Kapitän. Ich hoffe doch ernstlich, daß ich nicht der Grund sein werde, der Sie Ihrem Stande untreu werden läßt?"
Er zog die Brauen empor: „Ich habe ein bißchen lange gewartet, Fräulein Hollerthau — aber nicht ohne Berechtigung... Mein Vater heiratete mit achtundfünfzig Jahren."
„Das ist gerade das richtige Alter."
„Und sehen Sie, er hat mir oft genug versichert, daß auch er sich noch viel zu jung und unbesonnen in das Abenteuer gestürzt hätte ... Uebri- gens ist das eine ganze Geschichte."
„Erzählen Sie, Kapitän! Ich brenne auf Beschichten!"
„Ja, er lag mit Schwarzwassersieber danieder. Sie müssen sich klarmachen, daß das eine Krankheit ist, die einem für gewöhnlich der Sorgen des Stiefelputzers enthebt ..."
„Ich bin die Tochter eines Arztes."
„Gut, dann wissen Sie's natürlich . • • Also: Mein Vater hatte im Queügebiet des M'popo gejagt — entschuldigen Sie den Namen, aber ich habe den Fluß nicht getauft — kurz und gut, er erkrankte- und treue Freunde schleppten ihn nach Lorenzo Marquez, wo ihn seine Haushälterin pflegte. Um fein Vermögen nicht seiner nichtsnutzigen De^ wandtschaft zufallen zu lassen und sich erkenntlich zu zeigen, denn großzügig ist er immer gewesen, heiratete er seine Hausvorsteherin ... Tcha: Da neben mir noch drei Brüder leben, können Sie sich ja denken, wie gut er sich bei der Pflege meiner Mutter erholt hat und wie sehr er feine Voreilig» feit bereute. Er starb nämlich mit zweiundneunzig Jahren!" (Fortsetzung folgt.)


