Dieser Götze der Nachkriegszeit brach mit dem Austritt Italiens aus der Genfer Liga und der deutschen Erklärung, daß an einen Wiedereintritt niemals zu denken fei, endgültig zu- lammen Genf Ijat nur noch die Wahl, entweder bedeutungslos dahinzuoegetieren? oder als ausge- fprochene Blockbildung weiteres Unheil anzunchten und die Gegensätze zu verschärfen. Die Aktualität dieses Dilemmas erweist sich an der wachsenden An- ziehungskraft des Neutralitätsgedankens, dem genauen Gegenpol zu kollektiven Beistandspakten, bei der mittleren oder kleineren Staatenwelt. Dies ist eine ganz zwangsläufige Entwicklung und ein Gewinn für ganz Europa. Daß er nicht in vollem Maße segensreich wirken kann, liegt an Frankreich und England. Sie wollen nicht den Vor- t teil dieser Entwicklung einsehen, die den unseligen Zustand der alten Fronten- und Blockbildungen zugunsten gutnachbarlichen Friedens ablöst, und ebenso beharren sie, trotz Komintern und abstoßender Ereignisse im Innern, auf der Teilnahme der Sowjetunion am europäischen Konzert.
So steht auf der Jahreswende das europäische Leben im Zeichen zwei verschiedener Systeme, und das erklärt vieles von der gegenwärtigen Unruhe und Unrast. Bleiben die englische und die franzö-
Leistungsfähig sein, vorankommen, mehr verdienen, däZu braucht man jjntes Sehen! Oder die tadellos
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„Herr Polizeipräsident, sehen Sie ml nach..."
Unfreiwilliger Humor in Berlmer Briefen.
Berlin, Ende Dezember.
Tagtäglich ergießt sich eine Flut von Zuschriften über das Berliner Polizeipräsidium. Aber es sind nicht nur rein dienstliche Dinge, die da berührt werden, sondern es befindet sich unter ben melen Briefen auch so mancher, der einer humoristischen Note nicht entbehrt. Mit welchen Anliegen das Publikum oftmals an den Polizeipräsidenten herantritt, das mag die folgende kleine Auslese zeigen. ..
7 0 000 Postsachen werden tagtäglich an die Berliner Polizei abgeschickt. 70 000 Briefe, Postkarten, Akteneingänge, Mitteilungen sachlicher und unsachlicher Art wurden einmal an einem Stichtag ermittelt — und an jedem Morgen häuft sich der Briefstoß auf dem Schreibtisch des Berliner Polizeipräsidenten, wobei die wirklich privaten Briefe ganz unter der Fülle der eingegangenen Psst verschwinden. Es ist seltsam: viele Briefschreiberglauben einen größeren Erfolg zu erzielen, wenn sie auf den Briefumschlag die Anschrift wählen: „An den Herrn Polizeipräsidenten, Graf von Helldorff, Berlin, Polizeipräsidium am Alexanderplatz ..." Und diejenigen, die am schlauesten sein wollen, knobeln sogar die P r i v a t a n s ch r i f t des Polizeipräsidenten aus, so daß Graf v. Helldorfs, wenn er frühmorgens im Polizeipräsidium erscheint, zunächst einmal in die Tasche greift und ein weiteres Briefpaket auf den Schreibtisch legt.
All diese Briefschreiber wissen anscheinend nicht, daß ihre Post genau so an die betreffenden Dienststellen w e i t e r g e l e i t e t wird, als wenn sie von vornherein sich an die richtige Dienststelle wenden würden! Das sei gleich gesagt: zwar lacht der Polizeipräsident zuweilen, zwar lächeln die Beamten der betreffenden Dienststelle, der das Schreiben zur Beantwortung überwiesen wird, aber es bleibt nirgends liegen, jeder Brief findet feine Erledigung ganz gleich, was man von der Wunderkraft der Berliner Polizei und von dem Herrn Polizeipräsidenten persönlich erwartet. Da schrieb kürzlich eine 32jährige Frau:
„Herrn Grafen Helldorff, Polizeipräsident von Berlin!
Sehr geehrter Herr Graf! Mein Bräutigam, von dem ich zwei Kinder habe, ist jetzt 21 Jahre alt und soll Soldat werden. Wenn er aber jetzt eingezogen wird und in eine andere Garnison kommt, dann lernt er sicher jüngere und hübschere Mädchen kennen. Das ist eine große Gefahr für mich. Meine Kinder schreien nach dem Vater. Das müssen Sie verhindern! Mit vielen Grüßen Ihre Hulda I."
Natürlich erhielt Fräulein Hulda T. eine Antwort, und ebenso sorgte der Polizeipräsident dafür, daß folgendes Schreiben seine Erledigung fand:
sich auf und besuchte den 71jährigen Bruder, der vergnügt und munter war und sich nur wegen einer Kleinigkeit über seinen 68jährigen Bruder > geärgert hatte. Der 71jährige versprach aber dem > Schupo, sich bald auf einer Postkarte bei dem jüngeren Bruder zu melden...
Ein anderes Schreiben, das vor wenigen Tagen aus einem Dorf der Mark Brandenburg beim Polizeipräsidenten landete:
„Sie, Herr Polizeipräsident, sollten mal ein Auge auf die Lotterie werfen. Ich muß immer mein Los bezahlen und habe noch nie was gewonnen. Schicken Sie bitte einen Kriminalbeamten zur Lotterie, der soll mal zusehen, damit ich endlich was gewinne. So geht das nicht weiter. Wenn aber das Auge des Gesetzes wacht, kann es nicht wieder schief gehen/'
Und aus einem weiteren Schreiben:
„In meiner Angelegenheit soll die Kriminalpolizei sich mehr Mühe geben. Der Fall muß aufgeklärt werden. Ich habe ja meinen bestimmten Verdacht — schicken Si e mir man zwei tüchtige junge Leute, ich bin eine alte Frau und werde wohl bald sterben. Ader das muß noch bereinigt werden. Und stacheln Sie die beiden Kriminalisten gehörig auf — ich verpflichte mich hiermit, die beiden als meine alleinigen Erben einzusetzen ..."
Die ältesten Polizeibeamten schütteln den Kopf und freuen sich: so etwas ist chnen in ihrer langen Praris auch noch nicht vorgekommen. Immerhin ein Angebot, das sich sehen lassen kann! Und noch ein Schreiben wegen eines zukünftigen Rekruten Diesmal ist die Schreiberin eine 18jährige Frau, ihr Mann ist vier Jahr älter:
„Hochgeehrter Herr Polizeipräsident! Ich muß Ihnen pflichtgemäß mitteilen, daß mein Mann auf zwei Jahre eingezagen werden soll. Das Leben ist für mich so schon nicht leicht, weil mein Mann viel unterwegs ist bei seinen Geschäftsfahrten. Ich bin aber eine junge Frau. Wenn er nun aber zwei Jahre lang weg ist, kann ich für nichts garantieren. Sie müssen das bedenken, auf Ihnen lastet die Verantwortung. Legen Sie bitte Ihren ganzen Einfluß darauf, daß mein Ferdinand zu Haus bleibt und nicht Soldat werden muß. Im voraus meinen innigsten Dank Ihre Stefsie Z."
Das Schreiben wurde an das Wehrbezirkskommando weitergeleitet...
Aber es kommen auch Briefe mit ganz vernünftigen Vorschlägen. So schlug vor längerer Zeit ein Berliner dem Polizeipräsidenten vor, nur einen Tag altes Brot zum Verkauf zuzulassen. Das Schreiben wurde an das Ministerium weitergeleitet; der Vorschlag wurde bekanntlich angenommen.
„Herr Polizeipräsident! Mein 71 Jahre alter Bruder, der in Pankow lebt, hat mir seit vier Wochen nicht mehr geschrieben. Das ist mir verdächtig. Bitte sehen Sie doch mal nach, ob er tot oder nur z u faul zum Schreiben i st. Ihr ergebener Anton P."
Was tat der Polizeipräsident? Ein Schutzpolizeibeamter des zuständigen Reviers in Pankow machte
36 Dienststellen gibt es im Polizeipräsidium — vielleicht bedenken auch die übrigen Briefschreiber, die sich persönlich an den Polizeipräsidenten wenden, daß dieser sich nicht um jedes einzelne Schreiben in diesem gewaltigen Dienstbetrieb kümmern kann. Aber sie können gewiß sein, daß die Polizei auch weiterhin bemüht sein wird, zu helfen, wo zu helfen ist... B.Li.
Großmächte war so schwach ausgeprägt, der Faktor Sowjetunion wurde mancherorts als so wichtiger Trumpf im eigenen politischen Spiel eingejchätzt, daß Ereignisse wie die Attentate auf die „Deutschland" und die „Leipzig" beinahe den von den Bolschewisten gewünschten Effekt erzielt hätten. Nach vielem Hin und Her gelang es dann wenigstens, die Nichteinmischungspolitik — das Verlegenheitsprodukt auseinandergehender Großmachtsintereffen — auf einer neuen Grundlage, nämlich in der Richtung der Anerkennung krieaführen- d e r Rechte zu retten. Bis zum Abschluß des Jahres war es aber nicht einmal möglich, zu einer klaren Lösung im Sinne des klassischen Neutralitätsprinzips zu gelangen, weil die Westmächte die etwaigen Auswirkungen als für Franco zu günstig ansehen!
Den gleichen zwiespältigen Eindruck gewann man aus der Behandlung des F e r n o st k o n f l i k t e s. Hier wurde vom japanischen Lebensdrang her das Problem der „Revision unhaltbarer internationaler Zustände" aufgeworfen. Es fand seinen konkreten Ausdruck in dem Kampf um jenen überalterten Neun-Mächte-Vertrag, der Japan einst in Fesseln geschlagen hatte. Wohl gina auch hier die Tendenz dahin, mit den üblichen Kollektivmethoden Japan wieder in den Arm zu fallen. Aber über eine „abessinische Parallele" ist man nicht hinausgekom- men. Es versagte die Genfer Liga, es versagten die Großmächte in Brüssel. Zu schwach, um eine fällige Entwicklung aufzuhalten, brachten sie anderseits auch nicht den Mut auf, einmsehen, daß sich in Fernost nach ewigen Lebensgesetzen eine neue Entwicklungsphase Bahn bricht. .
Deutschland wurde weder durch die Ereignisse in Spanien, noch durch die Geschehnisse in Fernost unmittelbar berührt. Seine Hauptaufmerksamkeit wurde von der Entwicklung auf dem europäischen Felde in Anspruch genommen, wo sich ganz ähnlich gelagerte Probleme stellten. Dabei bedeutete das Jahr 1937 insofern einen wichtigen Abschnitt, als nun der Kampf Deutschlands um die Gleichberechtigung in seine letzte Etappe trat und die wiedererstarkte Großmacht Deutschland aktiv in das Geschehen eingriff. Freilich, weder an den Zielen noch an den Methoden der deutschen Politik wurde etwas geändert. Das zeigte mit aller Klarheit die Führerrede am 30. Januar. Sie brachte zunächst mit dem feierlichen Widerruf der Kriegsschuldlüge die Aufhebung eines Deutschland einst abgeprehten Schuldbekenntnisses. Damit versank — ohne daß fick Widerspruch regte — ein weiteres Stück der unheilvollen Versailler Welt, das im übrigen mehr noch als für Deutschland für die einstigen Feinde ein Schandmal gewesen war. Darüber hinaus erhielten durch diese Rede jene beiden Fragen einen neuen Anstoß, die über den Tagesstreit hinweg die Lage beherrschten: die Kolonialfrage und die Paktfrage, d. h. der von Frankreich mit britischer Unterstützung angestrebte europäische Kollektivoertrag.
Was das Kolonial Problem betrifft, fo kann am Schluß des Jahres ein Fortschritt in doppelter Hinsicht festgeftellt werden; einmal verzichtet man jetzt angesichts der klaren Begrenzung der deutschen Forderung selbst in Frankreich und England darauf, Belgien, Holland oder Portugal mit angeblichen deutschen „Absichten" zu schrecken, und zum anderen weih man, daß dieser Anspruch durchaus ernst gemeint ist. Erinnert man sich der zu Anfang des Jahres unternommenen Versuche, die deutsche Cigentumsforderung entweder gan* zu überhören, ober ihr durch Genfer Rohstoffausschüsie und Auf- zäumung neuer internationaler Wirtschaftsmechanismen (van Zeelands Auftrag) den Wind aus den Segeln zu nehmen, dann ist der Fortschritt unverkennbar. Am Ende dieses Jahres steht die deutsche Kolonialforderung offiziell auf dem europäischen Programm. Daß wir anderseits kein Recht zu voreiliger Freude haben, ergibt sich aus dem jüngst sichtbar gewordenen Versuch der beiden Westmächte, ben Charakter des beutschen Anspruches zu verfälschen und im Rahmen einer „(3 e n e r a I => r e g e l u n g" irgendwelche „Konzessionen" für ein Entgegenkommen auf kolonialem Gebiet auszuhandeln. Die Besitzinstinkte der „Satten" Haven hiermit dem vernünftigen Ausgleich und der Herstellung der Gerechtigkeit einen weiteren Stein in den Weg gelegt, ebenso wie sie durch außerordentliche Verstärkung ihrer militärischen Machtmittel der alten
Parol: „lieber Kanonen als neue Ideen" huldigten.
Daß sie sich damit allerdings in Widerspruch zu den beherrschenden Kräften der Gegenwart setzten und viel Gelände verloren, das zeigte gerade im ablaufenden Jahr der Kampf um die Neuordnung Europas und der europäischen Sicherheitsverhältnisse. Auch in dieser Hinsicht war mit der Führerrebe vom 30. Januar der deutsche Weg eindeutig klargelegt. Es wurde betont, daß Deutschland si ch keineswegs isolieren wolle; gleichzeitig wurde die deutsche Auffassung hervorgehoben, daß eine freundschaftliche Regelung der internationalen Beziehungen am besten unmittelbar, d. h. auf dem Wege zweiseitiger Verträge erfolgen könne, Sowjetrußland als Partner jedoch nicht in Frage komme. Beides waren Gedanken, die höchste Fruchtbarkeit und
Anziehungskraft erwiesen. Ihre wesentlichste Ausprägung fanden sie in der Herstellung der Achse Berlin — Rom, in der Errichtung des weltpolitischen Dreiecks Berlin — Rom — Io« k i o. Daß sie auch sonst den europäischen Notwendigkeiten entsprechen, bewies der italienisch- jugoslawische Ausgleich, das deutsch- polnische Minderheiten - Abkommen ober nicht zuletzt die Klärung der internationalen Stellung Belgiens. Der Fall Belgien ist sogar besonders instruktiv. Aeußerlich gesehen tat Deutschland zwar dasselbe wie England und Frankreich. Aber während Deutschland das belgische Streben nach Unabhängigkeit bejahte und seinen Beitrag gern und mit innerer Zustimmung leistete, fügten sich die beiden Westmächte nur widerstrebend diesem „Verrat an der kollektiven Sicherheit".
fische Politik auf der Linie, wie sie im Halifax-Besuch, in den Londoner Beratungen der englischen und französischen Staatsmänner sichtbar geworden ist, dann muß sich Europa mit Notwendigkeit weiter auseinanderleben. Aber der Zug der Zeit strebt unaufhaltsam fort von den alten Kriegsfronten und ebenso von den Gefahrenfronten einer kollektiven Sicherheit mit Moskau im Bunde. Wenn Frankreich in dieser Lage in seine Bündnisse flüchtet, wenn England „vorsorglich" über einen Handelsvertrag engeren Kontakt mit Amerika sucht und ein Rüstungsprogramm ohne Beispiel verwirklicht, wenn man den Forderungen nach Gerechtigkeit deutschem Volkstum gegenüber mit Unverstand begegnet, so können wir das nicht ändern. Positive Beiträge sind das nicht. Aber aus der Gewißheit, daß die lebendige und natürliche E/rt- wicklungdes V ö l k e r l e b e n s, zu der sie sich mit all dem in Widerspruch setzen, auf die Dauer doch st ä r k e r ist als Menschenwitz, — aus dieser Gewißheit schöpfen wir feste Zuversicht für den Weg Deutschlands auch im neuen Jahr.
Dr. Hans von Malottki.
Gin Wahrzeichen
des Licher Schloßparks gefallen.
-/- Lich, 30. Dez. Die alte Eiche, die in unserem Schloßpark an dem Durchgangsweg nach der Hardt stand, brach vorgestern Mittag zusammen. Da sie ein Hindernis und eine Gefahr für den Durchgangsverkehr bildete, mußte sie völlig umgelegt werden. Bereits vor Jahren wurde die Krone entfernt, doch der Seitenast, unter dem der Wanderer wie unter einer Ehrenpforte dahinging, grünte weiter und erfreute manchen Besucher durch seinen eigenartigen Wuchs. In früheren Jahren war der dicke Stamm des sicher vielhundertjährigen Baums von einer schönen Bank umgeben
Umfangreiche Diebstähle frei Opel.
Rüsselsheim, 30. Dez. (Lpd.) Zwischen bem hiesigen Hauptwerk und dem Zweigwerk Brandenburg der Adam Opel AG. besteht ein Pendelverkehr. Kraftfahrer, die die Transporte durchführten, haben unterwegs Autobereifungen, Zubehörteile u. ä. abgesetzt und sich von dem Erlös gute Tage gemacht. Den Diebstählen ist man jetzt auf die Spur gekommen. Ein großer Personenkreis war daran, z. T. als Hehler, beteiligt. Eine ganze Anzahl Schuldiger .fitzt bereits hin - ter Schloß und Riegel. Die Untersuchungen dauern noch an.
Versieckfpielen mit Irma.
Von Joachim Lange.
„Und jetzt spielen wir Versteck!" sagte Irma mit einer Miene, die jeden Widerspruch ausschloß.
„Dein Wunsch ist mir Befehl!" entgegnete ich, denn ich weiß, was sich einer Dame gegenüber schickt, und noch dazu einer, die bereits drei Jahre alt ist.
Irma hatte ihr Gesicht schon der Hauswand zu- ?gekehrt. „Aber nur auf dem Hof, Onkel Jo!" schärfte ie mir noch ein. „Uno wenn du dich versteckt haft, ruf!"
Ich schlenderte über den Hof und sah mich nach einem passenden Schlupfwinkel um. Der Kellereingang und der Holzstall waren zu alltäglich. Auch der Landauer unter dem Schuppen wurde sicher öfter für folche Zwecke benutzt. Aber hinter der Pumpe, gerade weil sie fo frei auf dem Hof stand, wurde man gewiß zuletzt vermutet.
„Bist du fertig, Onkel Jo?" redete Irma die Wand an.
„Ja!" rief ich und machte mich dünn wie eine Fahnenstange. „Such!"
Irma drehte sich um und rannte wie der Wind los, daß ihre kurzen Zöpfchen schunkelten. Sie kuckte in den Kellerhals und sie durchstöberte den Holzstall. Sie erforschte den Landauer von oben und von unten, von vorn und von hinten. Sie zwängte ihr Köpfchen in das Loch im Hühnerhaus und sie versuchte sogar, den Deckel vom Müllkasten 3U heben. Ich drehte mich derweil, je nachdem wohin sie rannte, wie ein Karussellpferd um die Pumpe.
„Ach, du bist ja gar nicht auf dem Hof, Onkel Jo!" rief Irma schwer enttäuscht. „Das gilt aber nicht!" Sie rannte zur Gartenpforte. „Bist du im Garten, Onkel Jo? Ruf!"
„Such!" rief ich.
Sie drehte sich um und lief zurück. „Dann bist du auf der Straße!" sagte sie und rannte zum Torweg. „Bist du auf der Straße, Onkel Jo? Das gilt aber nicht! Ruf!"
„Such!" rief ich.
Sie rannte wieder auf den Hof, blickte ratlos um sich und traf Anstalten, den Dunghausen zu ersteigen. Aber nun mußte es doch wahrhaftig ge- schehen, daß ich in der Eile über den Pumpenttog stürzte und der Länge nach hinfiel.
Irma sah grenzenlos erstaunt nach mir hin. „Ach, bei der Pumpe bist du, Onkel Jo?" rief sie und kam mit verklärtem Gesicht auf mich zugelaufen. „Das ist aber fein, hinter der Pumpe hat sich noch
keiner versteckt, Else nicht und Walttaut nicht und Hänschen auch nicht." Sie ging strahlend um die Pumpe herum. „Weißt du was, Onkel Jo, das pielen wir gleich nochmal, weil es so fein war, und jetzt versteck i ch mich hinter der Pumpe, und du mußt mich suchen! Aber", fügte sie noch hinzu, indem sie sich schon hinstellte, „du mußt mich nicht gleich finden, Onkel Jo, du mußt mich erst überall woanders suchen!"
Ein Mann backi Pfannkuchen.
Gewissenhafter Bericht
über ein ungewöhnliches Ereignis.
Sagen Sie nicht, daß Männer nicht backen können! Sagen Sie das nicht! Ich meine nicht die Zuckerbäcker oder die Pantoffelhelden, die von ihren Bezwingerinnen in die Küche gesperrt werden; ich meine gewöhnliche, verheiratete Männer, richtige Küchenignoranten, die wegen ihres Geschmacks vielleicht bei den Frauen gefürchtet, wegen ihrer Unkenntnis in allen Herdangelegenheiten jedoch gering geschätzt werden.
Mir hatte dieser Hochmut der Gegenseite schon lange zu schaffen gemacht. Ich sagte mir, wenn ein Mann philosophisch erkannt hat, um was es sich beim Backen und Kochen dreht, dann muß er fähig sein, jedes Gericht herzustellen. Und so schleuderte ich beim Tee, zu dem man mich einen Tag vor Silvester eingeladen hatte, meiner Gastgeberin, die sich wunder was auf ihre felbftgefcrtigten Berliner Pfannkuchen einbildete, folgende Behauptung ins Gesicht: Wenn ich weiß, wie diese lächerlichen Gebilde zustande kommen, aus wieviel Gips, Salz und Worcester-Sauce sie hergestellt wurden, so zweifle ich nicht einen Augenblick daran, daß ich sofort beliebige Mengen erster Güte davon Herstellen kann.
„Für drei Dutzend Berliner Pfannkuchen", erwiderte maliziös lächelnd die Dame des Hauses, „brauchen Sie ein Kilo reines Mehl."
„Danke sehr! Und bitte, was noch?"
„Ein halbes Pfund Puderzucker, 20 Gramm Hefe, ein Pfund Marmelade und ein Kilo Schmalz. Bitte versuchen Sie's und bringen Sie mir ein Probestück aus Ihrer Pfannkuchenfabrik, sobald Sie die Ablieferung verantworten können."
19.15 Uhr betrat ich, 10 Kilo schwerer, die Küche. Ich hatte alle Zutaten in dreifacher Ausfertigung besorgt. D r lächerlichen Rolle entsprechend, die zu spielen ich nun beginnen wollte, zog ich meinen
gelb-weißen Strandanzua vom Sommer an und befestigte darüber eine weiße Küchenfchürze. Dann tat ich bas, was ich als Schwierigstes pnb Wichtigstes erkannt hatte. Ich weichte die Hefe m Milch auf und stellte dieses Lebensferment wie befohlen auf eine kleine Gasflamme. Ein Kilo Weizenmehl schüttete ich in eine große irdene Schüssel und grub in. die Mitte ein trichterförmiges Loch: Dahinein sollte der Hefeteig praktiziert werden.
Ich blickte nach der Hefe. Sie war im Begriff, wie ein Lavastrom über den Rand ihres Gefässes zu fließen. Ich stülpte sie triumphierend in den Krater der Mehlschüssel und versuchte sogleich, mit aufgekrempelten Hemdärmeln einen regelrechten Teig zu kneten. Mit eitler Geste streute ich nun Weizenmehl auf den mit einer großen Rolle weißen Papiers und Heftzwecken besteckten Küchentisch, um darauf das Produkt meiner männlichen Intelligenz platt zu wälzen. Hierbei stellte ich fest, daß der einst so sensationelle Punktroller weiter nichts war als eine solide Nudelwalze. In fünf Minuten war die weiße Fülle nach allen Seiten wegmassiert, und ein fast durchsichtiges Etwas, eine Art Teighaut lag vor mir.
Auf diese Unterlage setzte ich bis zur Mitte in regelmäßigen Abständen überall kleine Chimboras- sos von Pflaumen- und Himbeerkonfitüre und klappte schwupp, die andere Hälfte über die Hügel- laydschaft. Schon hatte ich ein Wasserglas zur Hand, und überall da, wo die Füllung dunkel durch die Teighaut schimmerte, drückte ich den scharfen Rand des Glases in den Grund. Um den Frauen in nichts nachzustehen, bestrich ich sogar laut Vorschrift die Lötstellen dieser kleinen Wunder mit Eiweiß.
Jetzt kam die Prsbe aufs Exem^el: Wenn der Teig richtig bereitet war, mußten die kleinen Diskusscheiben „aufgehen". Eine geheimnisvolle Schwellkraft mußte in ihnen wachwerden. Erft nach dieser Verwandlung dursten die Geschöpfe dieser meiner Prometheusstunde in dem siedenden Schmalz zur letzten Vollendung gebracht werden. Um 21.30 Uhr begann auf der ganzen Linie das Wunder des Wachsens und des Werdens. Eine bezaubernde Harmonie der Formen war erkennbar, und ich pries mich glücklich, daß ich durch den kühnen Vorstoß meines Selbstbewußtseins zum Zeugen eines so unerhörten biologischen Vorganges geworden war. Ich stand auf der Höhe meines Schopser- glütfes.
Man hatte mir gesagt, das Fett, das zum Backen benützt würde, könnte nicht heiß genug, nicht glühend genug sein. Es müsse fo gefeuert werden, daß sich weifter Schaum auf der Oberfläche der sprudelnden Schmalzmasse bilde. Ich
Gashahn unter dem Tiegel halb auf. Das weiße Schweineschmalz zerrann im Nu zu einer durchsichtigen, klaren Flüssigkeit, die alsbald zu sieden begann. Ich gab mehr Gas. Himmel — das Backen war ja auch eine sportliche Angelegenheit. Ich drehte noch mehr auf. Richtig, da erschien ja schon der weiße Gischt. Nur noch einen Augenblick — es war 21.50 Uhr. Dann konnte das Backen beginnen. Noch mehr Gas! Teufel!! Was war das?!
Die Gasflamme war in das flüssige glühende Fett geschlagen! Eine meterhohe Stichflamme schoß brausend aus dem Tiegel an der Küchenwand empor, alles in Flammen setzend, was über dem Herd sich befand. Ich sprang zurück, überlegte ... Löschen — wie? x
Wasser in eine Kasserolle. Den Oberkörper zurückgebogen und das Wasser mit einem Ruck auf die rasende Stichflamme gegossen.
Ein handgranatenähnliche Explosion, ein ungeheurer Luftwirbel ...
Ich lag am Boden, k. o., als hätte mich Schmeling niedergedonnert. Die Lampe aus der Küchendecke war abgedreht, die mit Rolljalousien geschlossenen Fenster waren nach außen gedrückt und zertrümmert, die Küche war mit Ruß und Schwefelgestant erfüllt. Die Hölle war los.
Ich kroch wie ein abgestürzter Flieger auf allen Vieren zur Küche hinaus auf den Korridor, kam dort wieder zum Bewußtsein, befühlte meine abgesengten Augenbrauen, roch meinen abgefengtcn Schnurrbart, kroch zum Telephon und alarmier/' die Feuerwehr.
Sie tarn. Ich mußte dem Löschzugführer er^h' len, wie die Explosion entstanden sei. Schmun^md hörte er mit seinen Kollegen zu. „Das hätten S^e mit einer Handvoll Scheuersand löschen können, meinte er und blickte lächelnd auf die weiße Serviette, unter der die 36 Pfannkuchen während der Explosion vor lauter Angst noch mehr aufgegangen waren.
Die klassische Ruhe dieser Männer gab mir schnell auch meine Ruhe zurück, und mit fünf Flaschen Hattenheimer feierten wir zunächst einmal den sensationellen Erfolg meines ersten und letzten Back- versuches. Es war 24.50 Uhr, wir hatten alle Bruderschaft getrunken und fangen mit rauhen Männerkehlen ein stolzes Lied, als sich die Türe öffnete und meine Frau mit beispiellos intelligentem Gesicht auf der Schwelle stehen blieb. Es dauerte lange, bis ich den Vorfall erklärt und sie ihn begriffen hatte.
Sagm Sie nicht, daß ein Mann nicht backen
Siccus.
drehte den! könnte! Sagen Sie das nicht!!


