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Roman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz:
Arthur Moewig, Romanvertrieb, Berlin SW 68.
3 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Ein leises Rot der Verlegenheit stieg dem Großvater ins Gesicht. Er zog umständlich an seiner Zigarre.
„3ft sie nicht dein Typ?" fragte er zurück.
„Nein. Erstens. Zum zweiten aber hat sie — wir sprachen ja neulich schon darüber — weder Herz noch Gemüt. Kurz gesagt: sie scheidet für mich vollständig aus."
„So ... so ...!"
„Za. Das muß einmal klar gesagt werden. Groß- vater. Aber du hast meine Frage noch nicht beantwortet ... Es sollte mir leid tun, wenn ich dir damit eine besondere Enttäuschung bereiten würde."
Wolfgang v. Achenbach rückte ein paarmal auf seinem Stuhl hin und her.
„Nun ja — in gewissem Sinne schon... Aber das ist ja schließlich nicht ausschlaggebend. Wir hatten es uns nur so schön gedacht. Vor allem Schönburg. Du weißt ja, er war ein Freund deines Vaters. Und Senta ist mir ja im großen und ganzen auch recht sympathisch. Eine sehr reprä- sentable Erscheinung, wie du zugeben mußt. Aber wenn es nun einmal nicht sein soll... Die Hauptsache ist ja, daß du zu deinem Recht kommst. Als Mensch. Aber — da ist es dir wohl gar nicht recht, daß du Senta heute abend zu Tisch führen sollst? Man könnte es ja noch ändern. Es ist vielleicht auch besser, sie in ihren Hoffnungen nicht noch zu be- stärken."
„Wir wollen es ruhig dabei lassen, Großvater. Ich halte es sogar für zweckmäßig. Vielleicht ge- winnt Senta bei dieser Gelegenheit von selbst die Ueberzeugung, daß etwaige Hoffnungen aussichtslos sind.
„Hm... Ich möchte allerdings nicht..."
„Keine Sorge!" beruhigte Stefan. „Den erforder- liehen Takt werde ich dabei selbstverständlich nicht außer acht lassen. Und im übrigen — ein sogenann
tes gebrochenes Herz dürfte kaum Sentas schwache Seite sein. Dazu ist sie viel zu kalt, viel zu sehr berechnend."
„Das ist ein hartes Urteil. Aber vielleicht hast du wirklich recht, du kennst sie vielleicht besser als ich. Und eins steht ja fest: ein Mensch wie du braucht viel Wärme, viel Herz. Du hast in deinem Leben bisher nicht viel davon zu spüren bekommen. Auch das wollen wir mal aussprechen Aber vielleicht hat das Schicksal dir noch etwas Besonderes aufgehoben. Und so soll mir jede andere willkommen sein, die du für die Richtige hältst und mir bringst. Wenn es nur überhaupt geschieht..."
Stefan gab keine Antwort.
„Wenn es nur überhaupt geschieht, Stefan...!" wiederholte der Großvater mit Betonung und mit drängender Frage im Blick.
Stefan verharrte noch einen Augenblick stumm in seiner Haltung. Dann erhob er sich plötzlich und zog mit einem Ruck den Vorhang am nächsten Fenster zurück.
Ja0 einen Augenblick in den Herbsttag hinaus.
„Wir wollen diese Frage heute nicht entscheiden, Großvater , sagte er mit seltsam dunkler Stimme. „Niemand weiß, was geschehen wird. Es kommt alles, wie es kommen soll."--—
Am Abend kamen dann die Gäste zur offiziellen Geburtstagsfeier. Der Empfang fand in der großen, behaglich durchwärmten Halle statt. Und hier kam nun auch Fraulein o. Birkhammer zu ihrem Recht, sie durfte die Stelle der fehlenden Hausfrau ver- treten. Das war ein gewisser Ausgleich dafür, daß sie an der intimen Familienfeier nicht teilnehmen durfte, obwohl man sie sonst zur Familie rechnete. Anfangs war sie innerlich aufs höchste darüber empört gewesen, daß sie nicht mit dabei fein durfte Mit den Jahren hatte sie sich daran gewöhnt, aber ganz fand sie sich immer noch nicht damit ab Sie konnte auch jetzt beim Empfang der Gäste ihr stei- fes, spitzes, seelenloses Wesen nicht ganz verleugnen. Wie ein aufgezogener Automat! dachte Stefan, der heute sehr kritisch veranlagt war.
Solche Empfänge waren Wolfgang v. Achenbach ein Greuel. Er liebte es nicht, im Mittelpunkt all- gemeiner Beachtung zu stehen. Was wollte man aber machen! Mit liebenswürdiger Gelassenheit ließ er die in mehr oder weniger gedrechselter Form oorgebrachten Glückwünsche über sich ergehen.
Kreisappell der Werkscharen des Kreises Gießen
Am Sonntagvormittag trafen sich die Werkscha» ren des Kreises Gießen zu einem Kreisappell. Dieser Appell stand unter dem Zeichen des Reichsparteitages 1937. Es sind von der Gauwerkschar- sührung Hessen-Nassau 30 Wertscharführer und -Männer aus dem Kreis Gießen befohlen. Wenn man dabei in Betracht zieht, daß der gesamte Gau Hessen-Nassau 361 Werkfcharführer und -Manner zu stellen hat, so ist die hohe Zahl der von Gießen zu stellenden Männer ein Zeichen dafür, daß die Gauwerkscharführung mit den bisher von den Werkscharen des Kreises Gießen gezeigten Arbeiten zufrieden ist.
Von den Männern und Führern, die Gießen nach Nürnberg entsendet, gehören acht Mann zu dem Sonderkontingent, dem die Bewachung und der Ordnungsdienst in der Nürnberger KdF.-Stadt obliegt. Die übrigen 22 Mann gehören zu dem Haupt- kontingent, das die Marschteilnehmer stellt. Die hohe Zahl der von Gießen nach Nürnberg befohlenen Führer und Männer ist für die Werkscharen des Kreises Gießen eine Auszeichnung. Eine weitere Auszeichnung für unsere Gießener Werkschar
männer ist die Verleihung der Bezeichnung „Nürnberg-Werkschar Gießen". Diese wird gebildet aus Führern und Männern aus den Kreisen Alsfeld, Wetzlar, Dillenburg, Limburg und Gießen. In dankenswerter Weife haben die Betriebsführungen der Betriebe, aus denen die Werk- scharmänner entnommen werden, den Werkscharmännern einen Sonderurlaub unter Fortzahlung ihrer Bezüge gewährt.
Nachdem Hauptwerkscharführer Pg. Be inert dem Werkscharbannführer Pa. Schmidt die angetretenen Werkscharen gemeldet hatte, erhielten die Nürnbergsahrer ihre letzten Anweisungen für den Nürnberg-Dienst. Eine Ansprache des Kreisobmanns der DAF., Pg. Wagner, der Kreiswerkfchar- stammführer ist, beendete den Appell.
Anschließend hieran zogen die Werkscharen unter zackigen Märschen des Spielmannszugs der Werkschar 49 23änninger, Gießen, und frohen Marsch- liebem durch die Straßen unserer Stadt, und man sah es den Gesichtern der Gießener Bevölkerung an, daß sie zum ersten Male die Werkscharmänner in größerem Verband sahen.
Sondergericht in Gießen.
Die Gertrud Müller aus Rohrbach wurde wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz anstelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von zwei Wochen zu einer Geldstrafe von 10 0.— R M. verurteilt. Sie hatte am 28. Februar 1937 gelegentlich eines Propagandazuges der Politischen Leiter und der SA. in Rohrbach ihre Abneigung gegen den heutigen Staat und seine Einrichtungen dadurch zu dokumentieren versucht, daß sie beim Vorbeimarsch des Zuges demonstrativ die Rückseite zeigte. Ihre Einlassung, sie habe das Herannahen des Zuges nicht bemerkt und sie habe sich nur gebückt, um auf den Boden gefallene Wolle aufzuheben, konnte ihr nicht geglaubt werden, da der Zug mit Musik und Gesang marschierte und verschiedene Zugteilnehmer unmittelbar nach dem Oeff- nen des Fensters der Angeklagten deren Kehrseite gesehen hatten. Bei ben Strafzumessung berücksick- tigte bas Gericht, daß die Angeklagte noch nicht vorbestraft ist und daß sie schon lange vor der Machtübernahme der Partei nahegestanden hat. Das Gericht ist der Ueberzeugung, daß sie auch heute noch der Bewegung nahesteht und ihre Handlungsweise nur auf eine gewisse örtliche Verärgerung zurückzuführen ist.
Sodann hatte sich der 62jährige Hugo A. Zeid - l e r aus Dresden, zur Zeit ohne festen Wohnsitz, wegen des gleichen Vergehens zu verantworten. Der Angeklagte, der aus achtbarer Familie stammt, wegen feines Lebenswandels abejr keine Verbindung mit feiner Familie mehr hat und schon seit
zehn Jahren durch Deutschland wandert und sich von Bettelei ernährt, ist verdorben und zu einem gehässigen Staatsfeind geworden. Am 20. Mai 1937 kam er von Nidda nach Lindheim und hat dort in einer Wirtschaft ausfällige Bemerkungen über den deutschen Gruß und die Person des Führers gemacht. Jetzt will er sich auf nichts mehr entsinnen können, und er behauptet, betrunken gewesen zu sein. Die Beweisaufnahme hat aber das Gegenteil ergeben. Er wurde, gemäß dem Antrag des Staatsanwaltes, zu einer Gefängnisstrafe von 10 Monaten und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt. Drei Monate der Untersuchungshaft wurden ihm auf die Strafe angerechnet.
Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelte das Sondergericht sodann gegen den Albert Jäger aus Güllen, der zuletzt in Ober-Ohmen wohnhaft war. Der Angeklagte hatte am 3. Mai' 1937 in einer Wirtschaft zu Nieder-Erlenbach gehässige und von niedriger Gesinnung zeugende Gespräche über den Führer und die Männer seiner nächsten Umgebung geführt. Auf seine Bekanntschaft mit dem SPD.-Bonzen und Volksverräter Ritzel scheint er heute noch besonders stolz zu sein. Als versteckter SPD.-Mann berief er sich auf diese Bekanntschaft und auf seine Zugehörigkeit zur SPD. Der Angeklagte, der schon verschiedene Male, wenn auch nicht einschlägig, vorbestraft ist, wurde zu einer Gefängnis st rase von zehn Monaten verurteilt. Drei Monate der Untersuchungshaft wurden auf die Strafe angerechnet.
Aus der engeren Heimat
Milchauto durchbricht Bahnschranke.
Frankfurt a. M., 30. Aug. (Lpd.) Am Sonntag um 17.40 Uhr durchfuhr bei der Station Okarben auf der Strecke Frankfurt—Friedberg der Lastkraftwagen einer Molkerei aus Ober-Erlenbach die für einen O-Zug geschlossene Schranke. Der Kraftwagen wurde von der Lokomotive etwa 2 0 0 Meter mitgeschleift und zertrümmert. Der Fahrer und der Beifahrer waren noch rechtzeitig abgesprungen. Außer vier Mädchen aus Okarben, die am Wege standen und von Splittern getroffen wurden, kamen Personen nicht zu Schaden. Die Lokomotive e n t g I e i ft e mit der vorderen Achse, so daß beide Hauptgleise längere Zeit gesperrt waren.
Pferdefuhrwerk vom Zug überfahren.
Zwei Personen verletzt.
Frankfurt a.M., 30.2Iug. (Lpd.) Am Mon- tag gegen 13.40 Uhr überfuhr ein Personenzug bei dem unbeschrankten Bahnübergang am Kilometer 5,8 der Sttecke Vilbel—Lauterbach ein Pferdefuhrwerk. Der Fuhrmann Franz Wähler wurde hierbei erheblich, aber nicht lebensgefährlich und der Begleiter W. Kröll leicht verletzt. Beide wurden dem Krankenhaus in Hanau zugeführt.
Wehrsportfahrt
des Motorsturms S/M. 147.
* Lieh, 30. Aug Während seither Wehrsport- sahrten im allgemeinen nur in größeren Verbänden üblich waren, ist man in letzter Zeit dazu übergegangen, Breitenarbeit auch in kleineren Einheiten zu leisten. Einmal soll damit gezeigt werden, daß Uebungsfahrten solcher Art auch hier möglich sind, zum andern sollen sie aber auch kämpferischer Ansporn und Uebung sein für Fahrten in größeren Verbänden, die von Zeit zu Zeit veranstaltet werden. Deshalb Halle der Motorsturm 5/M. 147 eine solche Wehrsportfahrt angesetzt. Die Motorstan- barte 147 hatte dafür als Anreiz und um den Wett- dewerbsgedanken gebührend in den Vordergrund zu rücken einen wertvollen Wanderpreis gestiftet, der nach dreimaligem Siege in den Besitz des Gewinners übergeht.
Schon zeitig knatterten am Sonntagmorgen die Motore. Die Fahrt, deren Ziel unbekannt war, führte über Hungen, Stornfels, Langd, Einardtshausen, Laubach bis in die Nähe von Schotten und stellte an die NSKK.-Männer an wehr- und kraftfahrsportlichem Können, sowie an ihre Fahrzeuge große Anforderungen. Denn es mußten im ganzen sechs Kontrollstellen nach der Karte angefahren werden, wo die Fahrer Uebungen im Handgra- natenroerfen, Entfernungsschätzen und Kleinkaliberschießen abzulegen hatten. Außerdem mußte die ganze Hebung nach drei Stunden beendet sein.
Mit welchem Schwung und welcher Begeisterung die einzelnen Fahrten ausgeführt wurden, zeigten jedesmal die erhitzten und staubverkrusteten Gesichter der Fahrer — zu denen übrigens auch einige aus der Hitler-Jugend zählten —, wenn sie auf den Kontrollstationen ankamen. Auch ohne leichtere Stürze ging es manchmal nicht ab; jedoch verliefen diese glimpflich, so daß die Sanitätsschar nicht einzugreifen brauchte.
Gegen Mittag war die Fahrt beendet. In dem Saale der Gastwirtschaft Rinker in Nonnenroth wartete schon ein reichliches Eintopfessen, das die dortige Frauenschaft überaus schmackhaft zubereitet hatte, auf die hungrigen NSKK.-Männer. Anschließend nahm Sturmführer Rinker die Preisverteilung vor. Den Wanderpreis der Standarte 147 gewann Oberscharführer Ulrich mit 143 Punkten. den zweiten Rottenführer Heßler mit 136 Punkten, beide auf Krafträdern. Den 3. Preis, ebenso wie den 2., eine Plakette, erhielt Oberscharführer Paul Bender für Bestleistung mit einem Personenwagen (144 Punkte).
Mit einem kameradschaftlichen Beisammensein, das sich noch lange ausdehnte, schloß der ereignisreiche Tag.
Heimatvereinigung Staufenberg.
ch Staufenberg, 31. Aug. Die Heimat- oereinigung Staufenberg hielt am Samstag unter Leitung von Dekan i. R. Gußmann eine Vorstandssitzung ab. Es wurde beschlossen, im Dezember eine Nikolaus-Feier und im Februar
nächsten Jahres einen Lichtbildervortrug zu ver- anstalten.Der Vorsitzende wurde beauftragt, mit der Heimatvereinigung Schiffenberg, mit dem Gleiberg- Verein und mit dem Derkehrsverein Gießen in Verbindung zu treten und im Laufe des Winters eine große gemeinsame Veranstaltung anzuregen.
60-Zahrfeier
der Kleinkinderschule Grünberg.
+ Grünberg, 30. Aug. Unsere Kleinkin- d e r s ch u l e beging am Sonntag ihr 6 0 jähri - g e s Bestehen. Im Festgottesdienst des Morgens predigte Pfarrer Hager vom Diakonissenmutterhaus Nonnenweier in Baden, aus dem sämtliche Schwestern der hiesigen Schule hervorgegan- gen sind. Dekan Schmidt, der den Altardienst versah, schilderte in einer Ansprache die Entwicklung der Schule. Am Nachmittag zogen die Kleinen von ihrer Schule aus, geführt von der hiesigen Schwester, der eine Anzahl auswärtiger Schwestern helfend zur Seite standen, zum Sportplatz. Nach einer Begrüßungsliturgie der Kinder, bestehend aus Sprüchen und Gesängen, und einer Ansprache von Dekan Schmidt fanden allerlei Kinderspiele, zum Teil auch humoristischer Art, statt. Die Kinder wurden am Schluß mit Brezeln beschenkt, welche die Stadt gestiftet hatte. Die Kollekte des Festgottesdienstes und weitere freiwillige Spenden ergaben den Betrag von rund 80 Mark, der zum Besten der Schule Verwendung finden soll. Die Schülerzahl beträgt gegenwärtig 69.
Landkreis Gießen.
* Wieseck, 31. Aug. Die hiesige Sängeroereinigung brachte am vergangenen Sonntag unter Leitung ihres Chormeisters Philipp Gros einem erkrankten Kameraden, der gegenwärtig in der Klinik zu Gießen liegt, ein Ständchen. Das kameradschaftliche Unternehmen machte dem Sänger große Freude. Auch die übrigen Patienten hörten das Ständchen mit viel Vergnügen und waren den Wiesecker Sängern herzlich dankbar.
gfs. Heuchelheim, 29. August. Nach längerer Pause, veranlaßt durch die vermehrte Feldarbeit, fanden sich die Mitglieder der Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerkes wieder zu froher, anregender Gemeinsamkeit auf dem Heuchelheimer Mühlchen. Frau W o b f e r sprach über praktische Aufgaben, die in der Folgezeit zu erledigen sind, wie Gelee- und Museinkochen für das WHW., und die Arbeiten für die Weihnachtsgeschenke für den Patengau Oberschlesien. Frl. Lüddecke, die Sachbearbeiterin für die Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft, gab praktische Anregungen über Mehlspeisen und Fleischgerichte. Gedicht, Erzählung und Lied gestalteten den Abend festlich aus.
00 Klein-Linden, 27. Aug. In unserer Volksschule wurde im Sommer 1935 der planmäßige Schwimmunterricht in den Lehrplan ausgenommen. Es nehmen an diesem Unterricht alle Knaben vom 4. Schuljahr ab teil. Der Schwimmunterricht wird in dem schön gelegenen Schwimmbad der Gemeinde Lützellinden durchgeführt. Der
Unterricht liegt in den Händen eines hiesigen Lehrers. In diesem Sommer konnten an 12 Kinder der 1. und 2. Klasse Freischwimmerzeugnisse ausgegeben werden. Als Bedii^ung für die Erreichung dieses Zeugnisses waren die Aufgaben gestellt, einen Sprung ins Wasser zu unternehmen und 15 Minuten oder länger schwimemnd im tiefen Wasser zu verweilen. Von den im laufenden Sommer am Schwimmunterricht teilnehmenden 68 Knaben vom 9. bis 13. Lebensjahre haben bis jetzt 19 das Zeugnis erhalten. 13 weitere Knaben sind in der Lage, sich kürzere Zeit schwimmend im Wasser aufzuhalten. An Ostern 1938 kommen 10 Knaben zur Entlassung. Don ihnen sind 7 Freischwimmer, 2 können kürzere Zeit schwimmen, nur einer ist Nichtschwimmer. Seit Beginn des Schwimmunterrichts wurden im ganzen 37 Freischwimmerzeugnisse ausgestellt, und zwar 1935: 16, 1936: 9 und 1937: 12. In diesem Jahr wurden erstmalig auch an vier Mädchen des letzten Schuljahres Freischwimmerzeugnisse ausgehändigt.
* Klein-Linden, 31. Aug. In der Nacht zum Montag wurde hier^ während die Kirchweih in vollem Gange war, aus dem Hofe der Gastwirtschaft „Zur Eiche" ein Motorrad gestohlen. Die Gendarmerie nahm die Ermittlungen auf.
! Großen-Linden, 30. Aug. Der Zweigne r e i n „$üttenberg" vom DHC. unternahm am letzten Sonntag eine Wanderung „ins Blaue", die vom schönsten Sommerwetter begünstigt, durch den Leihaesterner und Großen-Lindener Wald führte. Nach Dem Ueberschreiten der Bahngleise wurde das Bergwerk bei Klein-Linden besichtigt, und dann gings durch das Tal des Lückenbaches zurück nach Großen-Linden; denn diese Wanderung sollte ihren Abschluß finden mit einer Ab» schiedsfeier für eine allseitig beliebte DHC.- Schwester, Frau Käthe K ö st e r, geb. Klug, die sich vor fünf Jahren nach Amerika verheiratet hat und nun einige Monate in ihrer alten Heimat weilte. In einigen Tagen wird sie wieder nach Amerika zurück- reifen. Die Feier wurde verschönt durch den Gesang von zahlreichen alten, bekannten Volks- und Wanderliedern, die von den DHC.Mitgliedern, die fast alle erschienen waren, gesungen wurden. Oberreallehrer Blaß (Gießen) begleitete kunstgerecht. So hoffen alle, daß Frau Köster drüben in Amerika oft zurückdenkt an ihre schöne Heimat, an ihr deutsches Vaterland. Das kam auch beim Abschiednehmen 3um Ausdruck. Die herzlichsten Grüße und Wünsche sollen Frau Köster in das ferne Land begleiten.
□ Allendors (Lahn), 30. Aug. Das Amt des Fleisch beschauers, das Heinrich Binz infolge seines vorgeschrittenen Alters vor einiger Zeit niederlegte, wurde nun an Hermann Binz, den Polizeidiener unseres Ortes, vergeben, der gegenwärtig einen Ausbildungskursus besucht und nach bestandener Prüfung sofort seines Amtes walten wird. — Für die Obsternte in unserer Gemeinde wurde auf genossenschaftlicher Grundlage eine O b st s a m m e l st e l l e errichtet, die dem örtlichen Raiffeisenverein übertragen wurde. Der Obstertrag in unserer Gemeinde ist gut.
V Watzenborn-Steinberg, 30. August. Dieser Tage fing ein hiesiger Einwohner zwei frei herumlaufende Rinder ein, die aus dem Viehbestand des Hofgutes Peter Fritsch von Ober- Steinberg stammten und von der Weide entwichen waren. — Dank der günstigen Witterung wurde in unserer Gemarkung das ganze Grummet innerhalb weniger Tage eingebracht. Der Ertrag ist gering.
T Hausen bei Gießen, 30. Aug. Als Nachfolger des vor längerer Zeit nach Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand versetzten Lehrers Zöller, der nach Gießen verzog, wurde Lehrer Heinrich Koch, gebürtig aus Friedberg, zum Lehrer an unserer zweiklassigen Volksschule ernannt.
* Steinbach, 28. August. Auf der Landstraße Gießen—Steinbach wurde heute der Landwirt Hch. Keßler II., als er für fein haltendes Fuhrwerk einen Stein aus dem Straßengraben geholt hatte und damit quer über die Landstraße zu feinem Wagen zurückkehren wollte, von einem im gleichen Augenblick herankommenden Autoüberfahren. Glücklicherweise kam er mit einigen leichten Verletzungen noch glimpflich davon.
# Mainzlar, Die hiesige Schule unternahm in zwei Postautobussen einen Ausflug an den Rhein. Die Fahrt ging über Bad-Nauheim auf der Reichsautobahn nach Frankfurt und von dort zunächst nach Wiesbaden. Nach einigen Besichtigungen wurde weitergefahren nach Rüdesheim und zum Nationaldenkmal auf dem Niederwald. An»-
Schönburgs kamen erst, als schon eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft versammelt war. Es machte ganz den Eindruck, als ob Sentas Erscheinen von den bereits Anwesenden als ein Ereignis betrachtet würde. Stefan stellte fest, daß diskrete, aber doch sehr deutliche Blicke ihn streiften, die Neugierde und Erwartung verrieten.
Ein kleines, verlorenes, von (eifern Sarkasmus durchwehtes Lächeln zog für einen Augenblick um feine Lippen. Wenn man etwa erwartete, daß die Geburtstagsfeier sich zu einer Verlobungsfeier entwickeln würde, dann hatte man sich gründlich geirrt!
Senta schien es ganz in der Ordnung zu finden, daß sie allgemeine Aufmerksamkeit fand. Sie war in der Tat eine auffallende, blendende Erscheinung. Die prachtvolle Figur und das schöne, regelmäßige Gesicht mit dem reichen hellblonden Haar ließen sie schon begehrenswert erscheinen. Stefan beobachtete sie, wie man etwa ein Kunstwerk betrachtet. Er mußte auch jetzt wieder festellen, daß ihre Schönheit kalt ließ. Ihn wenigstens!
Senta trat jetzt auf Wolfgang v. Achenbach zu. Sie schlug einen etwas überschwenglichen Ton an, als sie ihm ihren Glückwunsch aussprach. Auf den kritischen Beobachter wirkte es beinahe etwas komödiantisch, denn der Ton paßte nicht zu ihr. Sie bediente sich seiner aber manchmal, wenn sie es für gut befand.
Um ihre Herzenskälte damit zu verdecken! dachte Stefan.
Er stand neben feiner Kusine Suse Vollroth, die in einem der bequemen Sessel saß und mit ihrem vor ihr stehenden Gatten eben leise eine Bemerkung austauschte.
Suse hob jetzt den Kopf zu ihm auf.
„Sieh nur die schöne Senta, Stefan...! Ist es nicht, als ob mit einem Male die Sonne aufgegangen wäre...?"
Gin rätselhaftes Lächeln spielte um ihre Lippen.
Aber Stefan verstand dies Lächeln.
„Weißt du, was die schöne Senta in diesem Augenblick denkt?" beugte er sich ein wenig zu ihr hinab.
„Nun?"
„Sie denkt ungefähr folgendes: Der alte Herr mer ist ja heute nun schon mal die Hauptperson — tun wir also auch mal so! Aber ich, Senta Schönburg — ich bin auch noch da! Und ich komme
gleich nach ihm, bitte! Oder wenn ihr so freundlich fein wollt, Herrschaften — im Grunde genommen bin ich hier die Hauptperson, verstanden?"
Suses Lächeln lockerte sich ein wenig auf.
„Du bist boshaft, Stefan", gab sie zurück. Aber seine Worte schienen irgendeinen geheimen Druck von ihr genommen zu haben. „Du scheinst nicht geneigt, sie als Hauptperson zu betrachten...", fuhr sie fort.
„Sehr richtig. Ich denke nicht daran."
„Also keine Aussicht auf Verlobung...?"
„Nicht die geringste!"
Suses Augen wurden merkwürdig dunkel.
„Ah...! Du entpuppst dich auf einmal als ein ungeheuer sympathischer Mensch, Stefan! Ich könnte dir dafür auf der Stelle vor allen Leuten einen Kuß geben."
„Wenn dein teurer Gatte nichts dagegen einzuwenden hat — bitte, ick stehe zur Verfügung."
Vollrath zeigte gleichfalls ein Lächeln der Befriedigung.
„In diesem besonderen Falle würde ich nichts einzuwenden haben."
„Du bist wundervoll vernünftig, Stefan, ganz unglaublich vernünftig", begann Suse wieder. „Aber was wird denn dein Großvater dazu sagen?"
„Nichts mehr, Suse. Wir haben uns heute mittag — bei unserer gespensterhaften Familienfeier zu zweien — schon darüber ausgesprochen. Er weiß, daß Senta Schönburg niemals für mich in Betracht kommt, und hat sich damit abgefunden. Leich- ter sogar, als ich erwartet hatte."
Suse preßte vergnügt die Handflächen gegeneinander.
„Wundervoll!" strahlte sie ihren Gatten an „Wir werden bei dieser Geburtstagsfeier eine blendende Saune entwickeln dürfen, Günther, nicht wahr?"
Dollrach lächelte auf sie herab.
"Achtung!" warnte er plötzlich. „Die Sonne kommt näher...!"
Senta hatte die übrigen Gäste begrüßt. Jetzt trat sie zu den dreien heran.
„Das ist ja ein recht molliger Winkel hier, fo eine richtige kleine Verschwörerecke", sagte sie, Suse und Vollrath mit kühlem Lächeln die Hand reichend. Sie wußte, daß die beiden ihre Pläne nicht gerade begünstigten.
Fortsetzung folgt


