Dienstag, ZI. August IM
Ur.202 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Unsere Garnison im Manöver.
Artilleristen üben in Richtung Londorf.-Infanterie-Regiment-1-16 führt eine Regimentsübung in Linie Oorfgill-Grüningen-Großen-Buseck-Saasen durch. Zriedensbiwak der Infanteristen.
Aus -er Stadt Gießen.
geht es Zhnen?"
Fast täglich muß man sich ärgern! Denn fast täglich tönt einem die Frage entgegen: „Wie geht es Ihnen?" Die Frage ist aus zwei Gründen ärgerlich. Zum ersten, weil sie meist nur aus überkommener Gewohnheit gestellt wird. Der Frager spricht sie gewissermaßen in den Wind; er will sie gar nicht beantwortet haben. Das Klügste m diesem Falle wäre also, die Frage einfach zu überhören. Aber wer ist so geschickt, dies zu tun, ohne den andern zu verletzen? Und warum sollte man den andern verletzen? Bleibt also nichts anderes übrig, als zu antworten: „So lila mit Punkten!" Aber ist das eine rechte Antwort? Nein!
Was also soll man tun und was antworten? Es hilft nichts, wir müssen Farbe bekennen und entweder sagen „Mir geht es gut!" oder „Mir geht es fchlecht!" Jetzt aber kann es sich ereignen, daß der Frager sich aus Höflichkeit verpflichtet fühlt, weiter zu fragen und nachzuforschen, warum es einem schlecht, oder warum es einem gut geht. Sehr unangenehm! Wer läßt sich gern in die Karten sehen? Niemand!
Im allgemeinen gelingt es sehr bald, das Gespräch, bevor es für uns unliebsam wird, von dieser heiklen Frage abzulenken; schon deswegen, weil der andere, wie erwähnt, die Frage nur aus übler Gewohnheit stellte und im Grunde genommen gar nichts Näheres wissen will.
Schlimm ist es aber, und das macht zweitens die Frage „Wie geht es Ihnen?" so ärgerlich, wenn sie nicht als Redensart, sondern als echte Frage gestellt ist. Denn nun kommt man vom Regen in die Traufe! Sagt man der Wahrheit entsprechend „Mir geht es schlecht!", so erreicht man bei manchen nur, daß sie sich darüber herzlich freuen. Wie kommt man aber dazu^ einem anderen eine unverhoffte Schadenfreude zu bereiten9 Möglich ist es allerdings auch, daß es dem andern leid tut, daß es einem schlecht geht. Wer aber möchte dem andern leid tun?
Geht es uns aber gut, und antworten wir dem- sntfprechend „Mir geht es gut!", dann haben wir uns unter Umständen abermals in die Brennesieln gefetzt, weil der andere uns für protzig hält oder gar neidisch ist. Ist es aber klug, des andern Neid gu erwecken?
Nehmen wir unsere Zuflucht zur Lüge und antworten wir, wenn es uns gut geht, es ginge uns schlecht, oder wenn es uns schlecht geht, es ginge uns gut — so ist das gehupft wie gesprungen! Denn 25 treten just die gleichen Folgen ein. als wenn wir bei der Wahrheit geblieben wären: wir erregen wiederum einerseits Freude oder Mitleid, ander- feits Aerger und blassen Neid
Gibt es nun aus dieser Zwickmühle gar keinen Ausweg? Es gibt einen! Wir müssen uns der Fecht- : Punft erinnern, die uns lehrt, daß der Hieb die beste Parade ist. Wir müssen also, sobald wir nur mit emanden Zusammentreffen, ihm zuerst die Frage stellen „Wie gebt es Ihnen?" Dann sitzt der andre n der Falle. Gelingt uns der erste Hieb nicht, dann müssen wir gleichwohl zum Hieb ausholen (weil eben der Hieb immer die beste Parade ist) und müssen auf die »Frage „Wie geht es Ihnen?" sofort und ohne Zucken erwidern: „Und Ihnen?" Dann sitzt der andere aberrnal« in der Falle...
Tsa! das Leben ist ein Kampf, wenn auch mitunter nur mit ärgerlichen Fragen. H. D.
Vornoiizen
Tageskalender für Dienstag.
Trompeterkorps des Artillerie-Regiments 45: 12 i bis 13 Uhr vor dem Stadttheater Standkonzert. — Moria-Palast (Seltersweg): „Truxa".
7lSD., Ortsgruppe Mitte.
Am Mittwoch, 1. September, werden die Spenden l'Pfundsammlung) durch die NS.-Frauenschaft einge- ammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu
Als Auftakt zu den Manövern werden die Truppen der Garnison Gießen, ebenso wie die übrigen Einheiten der Wehrmacht, zunächst zu Herbst- Übungen im Regiments- bzw. Abteilungsver- bande antreten. Nach deren Abschluß folgt der Ein- atz der Truppen bei den Manövern.
Oie Artillerie-Abteilung
rückt als erster Teil unserer Garnison am morgigen Mittwoch zu den Herbstübungen aus. Der Abmarsch der Abteilung von der Artillerie-Kaserne aus erfolgt um 5.30 U h r. Die Artilleristen werden bei ihrem Abrücken in das Herbstübungs-Gelände nicht durch die Stadt kommen, sondern von der Artillerie- Kaserne aus direkt ostwärts über Rödgen, Großen- Buseck marschieren. In der Gegend von Großen- B u s e ck werden die Gefechtshandlungen der Abteilung beginnen und sich dann weiter über Lon - dorf in nordwärtiger Richtung bis in die Gegend von Amöneburg hinziehen. Dort wird /etma gegen 13 Uhr das Gefecht des ersten Uebungstages seinen Abschluß finden und die Truppen dann in jener Gegend Quartier beziehen. Die folgenden Tage führen unsere Artilleristen weiter in nordost- märtiger Richtung.
Für die Manöverzeit hat unsere Gießener Artillerie-Abteilung das Trompeter korps des Artillerie - Regiments 45 zugeteilt erhalten. Das Trompeterkorps kam am gestrigen Montagmittag in Gießen an und ritt vom Güterbahnhof aus durch die Stadt zur Artillerie-Kaserne.
Unsere Infanteristen im Gelände.
machen und die Mitgliedskarten zur Quittungseinzeichnung bereitzuhalten.
RSOAP., Gießen-Nord.
Männer der SA., ,SS„ NSKK., Reiter-SA. und Marine-SA., ganz besonders Reichsparteitags-Teilnehmer, die im Ortsgruppenbereich Gießen-Nord wohnen, werden aufgefordert, die Hilfskassenbeiträge zu zahlen. Am Dienstag, 31. August, und Donnerstag. 2. September, 20 bis 22 Uhr, werden Hilfskassenbeiträge für Oktober, November, Dezember 1937 im Cafe Leib entgegengenommen. SA.-Männer, zahlt pünktlich die Hilfskassenbeiträge, damit euch keine Unannehmlichkeiten erwachsen!
NSV. Ortsgruppe Gießen-Nord.
Am Mittwoch, 1., Donnerstag, 2., und Freitag, 3. d. M., wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen- Nord die Pfundsammlung durchgeführt. Die Hausfrauen werden gebeten, die Pfundpäckchen bereitzulegen.
DOM undZM.-Llnieraau 116,Gießen.
Dienstbefehl!
Am Dienstag, 31. August, abends 8 Uhr, treten alle Orchestermädel, Flötenschar, M.- und IM.-Spielschar zur ersten Probe am Stadttheater an. Erscheinen jeder Jgn. ist Pflicht. Die betr. Mädel sind von sonstigem Dienst an diesem Abend befreit.
Der 2. September ist den Bataillonsübungen gewidmet.
Nach den Bataillonsübungen wird das g e • jamte Inf. - Rgt. 116 im Verlaufe der Herbst- Übungen am Freitag, 3. September, in Gegend Großen-Bufeck — Grüningen— Dorf-Gill — Saasen eine Regiments-Uebung durchführen, an der Zuschauer von folgenden Punkten teilnehmen können: ab 9 Uhr auf der Höhe hart südlich von A l b a ch , später Dautenberg südostwärts von Oppenrod und Nonnenköpfel südwestlich von Reiskirchen. Anschließend an die Hebung bezieht das Regiment Friedensbiwak, und zwar nördlich von Reiskirchen der Regiments- ftab, der Regiments-Nachrichtenzug, der Reiterzug, die 13. und die 14. Kompanie, südlich von Reiskirchen das I. Bataillon, bei Saasen das H. Bataillon, bei Linden st ruth das III. Bataillon. Um 21 Uhr findet im Biwak des I. Bataillons und im Biwak des III. Bataillons Großer Zapfenstreich statt.
Auf diese Herbstübung unseres Regimentes sei besonders hingewiesen. Die Bevölkerung von Gießen und aus den Orten im Uebungsbereiche, selbstverständlich auch die Volksgenossen aus allen übrigen Orten, sind dem Regiment als Zuschauer willkommen, und sie werden von den angegebenen Punkten aus in guter Weise das Regiment bei seiner Arbeit sehen können.
Militärkonzert vor dem Gtadttheater.
Hitler-Jugend.
Bann und 3ungbann 116. Sing- und Spielschar.
Die Sing- und Spielschar tritt am heutigen Dienstag um 20.15 Uhr vor dem Stadttheater in Uniform an.
Rundfunkgebührenbefreiung erneuern.
Lpd. Rundfunkteilnehmer, die wegen Bedürftigkeit von der Zahlung der Rundfunkgebühr befreit sind, müssen die Weitergewährung ihrer Gebührenbefreiung in der Zeit vom 1 bis 10. September bei der Kreisstelle des Fürsorgeamts beantragen. Die auf diesen Antrag hin von der Kreisstelle ausgestellte Vorschlagsbescheinigung berechtigt aber noch nicht zum gebührenfreien Rundfunkempfang. Die Gebührenfreiheit muß vielmehr alsbald, spätestens bis zum 25 September, beim zuständigen Zustell- Postamt besonders nachgesucht werden. Welches dieses Amt ist, erfährt man von feinem Briefträger. Dorzulegen sind dem Zustell-Postamt die Bescheinigung der Kreisstelle und außerdem der vom Postamt bei der erstmaligen Gebührenbefreiung erteilte Ausweis. Wer die Frist verstreichen läßt, läuft Gefahr, daß er bei der Befreiung von Rundfunkgebühren nicht mehr berücksichtigt wird. Es wird noch darauf aufmerksam gemacht, daß von Gebühren befreite Rundfunkteilnehmer, bei denen die Voraussetzungen zum Gebührenerlaß durch Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß usw weggefallen sind, dies sofort der Kreisstelle und dem Zustell- Postamt melden müssen
Gießener ZBodjenmarHpreife.
* Gießen, 31. Aug. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, V» kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60, Landbutter 1,42 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse B 12, Wirsing, kg 9 bis 12, 50 kg 6 bis 9 Mark, Weißkraut, % kg 8 Pf., 50 kg 5 bis 6,50 Mark, Rotkraut, kg 9 bis 12 Pf., 50 kg 8 bis 9 Mark, gelbe Rüben, kg 9 Pf., Karotten 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 12, Spinat 20, Römischkohl 8 bis 12, Bohnen, grün 12 bis 23, gelb 12 bis 23, Erbsen 20 bis 35, Tomaten 10 bis 15, Zwiebeln 8 bis 10, Kürbis 5 bis 7, Kartoffeln, neue, 5 kg 42 Pf., 50 kg 3,50 bis 3,80 Mark, Frühäpfel, kg 15 bis 30 Psi, Falläpfel 5 bis 6, Pfirsiche 25 bis 40, Brombeeren 30 bis 35, Preiselbeeren 35, Dörrobst 15 bis 25, Zwetschen 12 bis 17, Mirabellen 38 Psi, Hähne 1 bis 1,10 Mark, Suppenhühner 80 bis 90 Psi, Blumenkohl, das Stück 10 bis 45, Salat 8 bis 9, Salatgurken 5 bis 20, Einmachgurken 1% bis 3, Endivien 9 bis 12, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 30, Rettich 5 bis 10, Radieschen 8 bis 10 Pf.
♦♦ Mitarbeiter-Jubiläum bet der Speditionsfirma Adolph Lyncker. Am morgigen 1. September kann Prokurist Heinrich Mack, Roonstraße 31 wohnhaft, auf eine 25jährige Tätigkeit bei der Speditionsfirma Adolph Lyncker ((Erlengaffe) zurückblicken. Der Jubilar, der als Lehrlina bei der Firma eintrat, hat im Laufe der zweieinhalb Jahrzehnte Freud und Leid mit der Familie Lyncker geteilt und sich nicht zuletzt durch fein lauteres Wesen alles Vertrauen erworben. Er erwies sich stets als fleißiaer und gewissenhafter Mitarbeiter und genießt deshalb alle Wertschätzung. Der Gefolgschaft des Betriebes gegenüber zeigte er sich immer als Kamerad und verständnisvoller Förderer. Auf eine 40jährigg Tätigkeit bei der gleichen Firma kann demnächst der Fuhrmann Karl L e s ch h o r n zurückblicken. Während der langen Jahrzehnte hat er sich durch seine Ehrlichkeit, durch sein ruhiges Verhalten und durch seins Zuverlässigkeit die Hochachtung der Betriebsführung und der Gefolgschaft erworben. Als unübertrefflichen Pferdepfleger weih man ihn besonders zu schätzen.
** Sommerfest des Gesangvereins „Heiterkeit". Man berichtet uns: Begünstigt vom herrlichsten Sommerwetter feierte der Gesangverein „Heiterkeit" am Sonntag sein diesjähriges Sommerfest auf der „Karlsruhe". Im Mittelpunkt dieser Veranstaltung stand ein Besuch der Sängervereinigung „Cäcilia" aus Lich, eines der ältesten und angesehensten Männerchöre unserer Gegend, dessen lOOjähriges Bestehen im nächsten Jahre festlich begangen werden soll. Ganz der in beiden Vereinen herrschenden einheitlichen Auffassung von der ernsthaften Pflege des deutschen Liedes entsprechend, besteht schon seit fast 40 Jahren ein Band treuer Freundschaft. In gegenseitigen Ansprachen wurde diese Tatsache gebührend gewürdigt und dem Willen zur Weitertragung dieser alten und bewährten Tradition durch die jüngere Generation beider Vereine Ausdruck verliehen. Daß natürlich bei dieser Gelegenheit Gesangsoorträge der einzelnen Chöre mit Gesamtchören abwechselten, war eine Selbstverständlichkeit; sie fanden restlos den ungeteilten Beifall einer dankbaren Zuhörerschaft. Bei guter musikalischer Unterhaltung, einem Brezelreigen der Kinder, Sologesängen, Dialektvorträgen und Tanz verliefen nur allzu schnell die schönen Stunden.
** Hammelbratfest beim ReichskoIonia l b u n d. Der Ortsverband Gießen des Reichskolonialbundes vereinigte am Sonntag feine Mitglieder mit Familien und Bekannten zum diesjährigen Hammelbratfest im „Burghof". Das prächtige Wetter gestattete den Aufenthalt für jung und alt im Garten der Gaststätte. Der geschmorte Hammel gelangte mit dickem Reis zur Ausgabe und schmeckte vorzüglich. Die Kinder wurden u. a. mit Brezeln bedacht. Das Fest galt als Auftakt für die Winterwerbearbeit des Ortsverbandes.
Als zweiter Teil unserer Garnison wird das Jnf.-Rgt. 116 am Donnerstag, 2. September, in das Gelände abrücken. Das III. Batt, trifft um 4.30 Uhr mit der Bahn auf dem Gießener Bahnhof ein und rückt von dort aus sofort in sei
nen Uebungsraum ab. Um 5.30 Uhr marschiert das II. Batt, von seiner Kaserne aus ins Gelände, um
Das Trompeterkorps des Artillerie-Regiments 45, das — wie an anderer Stelle unseres heuttgen Blattes bemerkt — am gestrigen Montagmittag in Gießen ankam und für die Dauer des Manövers unserer Gießener Artillerie-Abteilung zugeteilt ist, wird am heutigen Dienstag von 12 bis 13 Uhr vor dem Stadttheater ein Standkonzert geben. Das Trompeterkorps will mit dieser musikalischen Dar-
________ ____ ,...... , bietung der Garnisonstadt unserer Gießener Artil- 7 Uhr folgt das I. Batt, von feiner Kaserne aus. I leriften eine Aufmerksamkeit erweisen.
Das Löserlein.
Don Mario Heil de Brentani.
Seit vierzig Jahren tut das Löserlein seine Ar- veit im Werk. Als das Löserlein noch ein junges, .' rüstiges Weib war, starb ihm der Mann unterm zroßen Dampfhammer. Da ging das Löserlein in iDie Fabrik und stellte sich an die Stanze und zog ywei Buben groß. Die hat der Krieg geholt. Niemand im Werk weiß recht, wie das Löserlein mit Xiamen heißt. Nur die Kartei weiß es. Es gibt eine uralte, vergilbte Kartei, und wer wissen will, wie Xas Löserlein als junges Weib ausgeschaut hat, der muß sich das alte Photo auf der Karteikarte an= «eh en.
Als der Stanzhebel in des Löserleins Hand schwerer zu wiegen begann, stellte man einen jungen Burschen an die Stelle, dem Löserlein aber gab man einen breiten hölzernen Kasten, darin Schrauben und Gewindeteile durcheinanderlagen; die soll Xas Löserlein sortieren; und auch ein übriges gibt : 5 zu tun: mit dem Magnet Eisenspäne und Stahl- urocken aus dem Rotgußabfall lesen und ähnliche □Hfsarbeit. Die tut keiner so gewissenhaft wie das Löferlein.
In der Mittagspause aber geht das Weiblein um Tor hinaus und über den kleinen Hügel. Das flt em Sonderrecht vom Löserlein. Die Fabriklei- ?vng hat es so bestimmt. Hinter dem Hügel dehnt üch das stille Land, das nichts von den pochenden Kolben und von den pfeifenden Riemenscheiben weiß. Da liegt das Löserlein im Gras und guckt M den Himmel, daß die Augen im Runzelgesicht ioch kleiner werden, bis der Himmel endlich bemerkt, daß des Weibleins Augen so blau sind wie er an seinen guten Tagen.
Wenn die Fabriksirene dann ihren jammernden Bchrei über das Feld und über den Hügel hinab um Löserlein schickt, steht das Weiblein eilends :iuf und humpelt artig ins Werk zurück und nimmt ::n jedem Taae ein neues Stückchen Himmel in den nufjigen Winkel mit, den früh und spät eine magere Zampe erhellen muß, dieweil die Sonne die rußigen Winkel nicht besuchen mag auf ihrem Spaziergang. Zehutfam fahren die alten Hände durch den Metall- j::aub und lösen die blitzenden, roten und gelben Stücke daraus, als seien sie Goldsucher im Sande Ler fremden, fernen Welt.
Großer Tag ist heute im Werk! Das Backsteintor ttägt grüne Gewinde mit bunten Fähnchen darin. Gin halbes Jahrhundert ist über das Werk hin
gegangen, in guten und bösen Tagen; oft schien es, als sollte der Enkel verlieren, was der Großvater geschaffen. Doch das Werk blieb stehen, und Ehrentag hat der Enkel heute! Auch das Löserlein hat Ehrentag. In der ersten Reihe, unter den würdigen Männern, sitzt es im altmodischen Taftkleid, das ihm viel zu weit geworden ist. Reden und Gesang rauschen ineinander, nur ein Satz bleibt im Hirne haften und läßt das Herz stillstehen und die Hände eiskalt werden.
„Wir danken Ihnen, liebe Frau Ba..., liebes Löferlein, so darf ich doch wohl sagen! Wir danken Ihnen für vier Jahrzehnte teures Opfertum für die Gemeinschaft dieses Werkes und für Ihr ganzes Volk! Wir ernennen Sie zum Ehrenmitglied unserer Gefolgschaft und setzen Ihnen hiermit ein Ruhegehalt aus ..."
Als das Löserlein am nächsten Morgen ins Werk kommt, faßt es der Pförtner lachend an den Schultern und schaut ihm ins Gesicht: „Feierabend, Müder! Du bist doch pensioniert." Aber als er das Löserlein hilflos lächeln sieht, spürt er, daß er das nicht am geschicktesten gesagt haben mag. „Ach, ich weiß schon", sagte er leise, „du willst uns besuchen ... bitte!"
Das Löserlein geht wie auf Wolken, die Knie zittern, und der kalte Hauch steht wieder auf Händen und Stirn
Die Kameraden nicken ihr freundlich zu. Wie man einem lieben Gaste mit den Augen zuwinkt. Ich gehöre nicht mehr dazu ..., denkt das Löserlein, ich gehöre nicht mehr dazu ...
Im Maschinenraum schwingt seit Tagen eine neue Schwungscheibe ihre langen Arme im Kreise. Das Löserlein steckt den Kopf zur Tür hinein und fragt den junaen Kerl, der gerade aus einem Kanister Del in die Kanne gießt: „He, du, seit wann sind denn die Riemen weg? Geht's denn jetzt mit Zahnrädern ... bei euch?"
Bei euch ..., denkt das Löserlein und hört gar nicht auf die Antwort, die der Junge in den Maschinenlärm schreit.
Als sie in die Fräserei kommt, ist viel Glückwünschen und freundliches Necken um sie. Da muß das Löserlein mit den andern lächeln, und auch der falte Hauch auf der Stirn fliegt wieder weg. Dann aeht sie mit hastigen kleinen Schritten zum alten Winkel Doch der ist schon ausgeräumt. Eine neue Fräsmaschine steht davor, und der Maurer kittet gerade lange Bolzen ins Fundament. Die blanken Teile sind von rotem Oelpapier umkleidet, das knistert feindselig, als das Weiblein daranfaßt.
„Das ist meine Maschine!" lacht sie ein junger
Geselle an, „jetzt komme ich endlich von dem alten Klapperkasten fort. Jede Nute drei Minuten! Das soll mal einer nachmachen! Und ohne Bohr- wasser ..."
Er reckt die jungen Arme, daß das blaue Tuch sich zum Platzen strafft. Das Löserlein schaut ihn an, ordentlich hoch muß sie sich recken, um ihm in die Augen blicken zu können, so groß und stark ist er, kaum reicht des Weibleins Scheitel ihm an die Brust.
Da fällt die Angst vom Löserlein ab. Ganz ruhig sind ihre Hände, und ganz langsam gehen die Schritte über den steinernen Damm zum Pförtner- Haus hinüber und an dem breiten, schnauzbärtigen Mann vorbei.
Das Löserlein geht in die Pause.
Obschon keine Sirene erschallt.
Als das Löserlein auf dem Anger liegt, wie seither zur Mittagszeit, und in den blauen Himmel starrt, ist ihr Herz ganz wundersam versöhnt. Sie muß an den Jungen denken, der nun in ihrem Winkel stehen wird und die reißenden Fräsmesser über das blanke Metall hinführen wird, wie sie einmal das Stanzeisen niederfahren ließ, als sie ein junges Weib war.
Die Jungen holen die Alten ein, denkt das Löserlein, es ist überall das gleiche im Leben. Und es muß wohl so sein. Von Zeit zu Zeit Ist Schichtwechsel auf Erden. Und dann auch einmal Feierabend. — Nur der Herrgott bleibt bei den Maschinen ...
Uschi als Erzieher.
Seit Uschi aus dem Hoppelhäschen zur winzigen Puppenmutter erwächst, ist sie uns das Svieglein an der Wand. Sie beobachtet scharf und kritisch und weiß die Folgerungen zu ziehen.
Heute morgen hatte die Mutter einen schlimmen Aerger außerhalb der Familie Bei Tisch erzählte Tante Ingrid dem Vater davon. Dabei erregte sich die Mutter wieder so, daß sie den gefüllten Teller unbeherrscht zurückschob —: „Ich kann nicht essen!" Uschi schaute erwartungsvoll zum Vater hinüber, bdnn wieder mit großen Augen auf die Mutter.
Als sie später in Gesellschaft ihrer vielgeliebten Puppe die Abendsuppe löffelte, höre ich sie die Go-Gi belehren: „Wenn du jetzt nicht schnell ißt, werde ich böse; Kinder müssen ihren Teller leer essen!" — und sie klopfte mit Nachdruck auf den Tisch: „Reste lassen darf nur eine Mutti!"
Erna Hahn.
Else Monnard, Sa'ondame und Liebhaberin.
Else Monnard, die für die kommende Spielzeit als erste Salondame und Liebhaberin an das Gießener Stadttheater verpflichtet wurde, schreibt über ihren Werdegang:
Ich bin Darmstädterin, und zwei Mitglieder meiner Familie waren Schauspieler. Nach einer inten«
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siven Studienzeit in Berlin kam ich über Lübeck und Magdeburg nach Frankfurt a. M Dort blieb ich einige Jahre am damaligen Neuen Theater. Die Lust nach Veränderung brachte mich in den beiden letzten Jahren ins Ausland, in die Schweiz, nach Brünn und Wien. Die Sehnsucht, wieder in die Heimat zu kommen, ließ mich aber bald nicht mehr los, und als mein fast perfektes Engagement am Burgtheater in Wien durch eine Jntriae gänzlich zunichte wurde, hätte mich nichts mehr oavon zurückhalten können, nach Deutschland zu kommen. (Aufnahme: Stadtcheater-Archio.)


