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Ur. 201 Erstes Blatt

187. Jahrgang

Montag, 30. August 1037

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Lateinamerika ist mündig.

Don Otto Eorbach.

Die Länder Lateinamerikas, zusammen doppelt so groß wie Gesamteuropa oder 42mal so groß wie Deutschland, kamen bis zum großen Kriege für die Weltwirtschaft fast nur als R o h st o f f e und Nahrungsmittel ausführende Ge­biete in Betracht. Die La Plata - Staaten lieferten hauptsächlich Getreide, Fleisch und Häute; Brasilien Gummi, Kaffee und Kakao; Kuba und die anderen Antillen Zucker; Mexiko Hene- quen und Chiccle (Rohstoff für Kaugummi); Chile Stickstoff, fast alle Länder südlich der nord­amerikanischen Union außerdem Petroleum und die verschiedensten Metalle. Man hatte sich an so­genannteM onokulturen" gewöhnt, d. h. man beschickte den Weltmarkt mit einem Haupt- und wenigen Nebenerzeugnissen, um so viel fremde Jn- dustrieerzeugnisse verbrauchen zu können, wie man sich für den Erlös durch Einfuhr beschaffen kchnnte. Was dabei für die Bedürfnisse der eigenen Volks­wirtschaft heraussprang, war freilich sehr gering, da fremde und deren auswärtige Geldgeber die meisten Schlüsselstellungen für die Aufschließung natürlicher Hilfsquellen in Händen hielten, und auch die Entwicklung dazu diente, die Früchte inlän­discher Arbeit möglichst billig aus- und solche aus­ländischer Arbeit möglichst teuer einzuführen.

Die Lateinamerikaner warenKolonialsklaven" geblieben, obwohl sie äußerlich im Laufe des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts ihreFreiheit" er­kämpft hatten. Span'en und Portugal verloren ihre Besitzungen in der Neuen Welt, weniger, weil diese bereits für eine unabhängige Entwicklung reif ge­wesen wären, sondern, weil England sie ihnen nach den napoleonischen Kriegen nicht gönnte, nachdem es selbst dort seine besten Kolonien verloren hatte. Weil sie sich durch die britische Seeherrschaft gedeckt wußte, konnte die Washingtoner Regierung getrost gegenüber den Mächten derHeiligen Allianz" La­teinamerika unter den Schutz seinerMonroe-Dok­trin" stellen. Da jedoch die nordamerikanische Union lange Zeit völlig durch die Erschließung ihrer eige­nen natürlichen Hilfsquellen und eine Abrundung ihres Gebiets auf Kosten Mexikos in Anspruch ge­nommen war, konnte England bei der Ausnutzung der natürlichen Reichtümer Lateinamerikas zunächst die führende Rotte übernehmen, die es bis zum großen Kriege behauptete.

Wenn es immerhin schon im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in verschiedenen lateiname­rikanischen Ländern zu bescheidenen Anfängen einer Entwicklung moderner industrieller Produktivkräfte kam, so handelte es sich dabei vorwiegend nur um eine Begleiterscheinung verschleierter Kolonialwirt­schaft. Eisenbahnen in Händen fremder Gesellschaf­ten und Filialen ausländischer Jndustrieunterneh- mungen können unter Umständen die selbständige Entwicklung eines Landes mehr hemmen als för­dern. Auch daß Brasilien ab 1879, Uruguay ab 1888 und Chile ab 1897 sich eine Schutzzollpolitik leiste­ten, wollte an und für sich wenig besagen. Die Staatsmänner, die nationale Industrien entwickeln zu wollen vorgaben, waren meist nur Werk­zeuge fremder Gesellschaften, die ört­liche Märkte für sich hinter Zollmauern mono­politisch auszunützen trachteten. Immerhin ergab sich aus der gegenseitigen Eifersucht fremder Fi­nanzkonsortien für geschickte nationale Politiker ein Spielraum für eigene Bewegungsfreiheit.

Man kann in der bisherigen Entwicklung latein­amerikanischer Industrie drei Zeitkäufe unterschei­den. Der erste reichte von 1880 bis 1914, der zweite von 1914 bis 1931, der dritte dauert noch an. Im ersten Zeitlauf entwickelte Argentinien seine erstenfrigorificos". Die Verschiffung von Gefrier­fleisch begann 1900. Um dieselbe Zeit entstanden in Argentinien die ersten modernen Mühlenbetriebe. 1902 eröffnete ein amerikanischer Schuh-Maschine- rie-Konzern eine Zweigniederlassung in Buenos Aires. In Mexiko und Brasilien machte in­zwischen die Verarbeitung eigener Textilrohltoffe gute Fortschritte. Mexiko hatte anfangs die Füh­rung, wurde aber 1910 von Brasilien überholt. In C h i l e, wo die industrielle Entwicklung schon 1871 begann, setzte 1895 ein kraftvoller wirtschaftlicher Aufschwung ein, der vor allem einer eigenen Schuh- und Tabakindustrie zugute kam. Peru begann um die Jahrhundertwende baumwollene und wollene Güter, Filzhüte, Streichhölzer, Seifen und Kerzen, Zigarren und Zigaretten, Bier und allerhand Nah­rungsmittelerzeugnisse in modernen Betrieben her­zustellen.

Das alles änderte nichts daran, daß bis zum Ausbruch des großen Krieges so gut wie alle latein­amerikanischen Länder in der Hauptsache Versorger der alten Industriestaaten mit Rohstoffen und Nah­rungsmitteln blieben, um bei ihnen ihren haupt­sächlichen Bedarf für Fabrikate zu decken. Erst das Versagen überseeischer, mit der Zeit auch der USA= Lieferanten, die sich immer stärker für Kriegs- lieferungen in Anspruch genommen satten, weckte in ganz Lateinamerika ein allgemeines Be­dürfnis nach industrieller Selb st Versorgung. Man war vielfach gezwungen, Waren selbst herzu­stellen, die man aus dem Ausland zu beziehen gewohnt war. Nach Friedensschluß kam diesem Auftrieb für die Entwicklung eigener industrieller Produktivkräfte die Sorglosigkeit zugute, mit der die 08-Amerikaner ihre Kriegsgewinne daran wag­ten, lateinamerikanischen Unternehmungsgeist zu be­fruchten. Regierungen und Gemeindeverwaltungen wurden in den Taumel allgemeinen Gründungs­fiebers mit hineingerissen. Um so verheerender mußte sich in den Beziehungen zwischen der nord­amerikanischen Union und Lateinamerika die große Weltwirtschaftskrise auswirken. Das Sy­stem der Monokulturen, auf dessen Rücken gewis­sermaßen lateinamerikanische Pumpwirtschaft und

Chinesisch-sowjetrussischer Nichtangriffspakt.

Nanking, 29. Aug. (DRV.) Die Nanking- Regierung gibt bekannt, daß sie am 21. August m i t So w j etruhland einen Nichtan­griffspakt abgeschlossen hak. Das Ab­kommen enthält vier Artikel. Der erste Artikel ent­hält die Ablehnung des Krieges als Mittel zur Lösung internationaler Streitigkeiten. Der Krieg sei kein Instrument der gegenseitigen nationalen Politik, und es dürfe keinen gegenseitigen Angriff geben. In Artikel 2 sagen die beiden Partner zu, einen angreifenden Dritten weder zu unter st ühen, noch Verträge mit einem Dritten einzugehen oder sich auf Handlun­gen einzulassen, die zum Nachteil eines Vertrags­partners feien. Laut Artikel 3 bleiben die Rechte und Verpflichtungen aus früheren Verträgen, an denen beide Partner beteiligt find, unberührt. Der vierte Artikel sieht eine Vertragsdauer von 5 Iahren vor, fort­laufend um je zwei Iahre, falls keine sechsmonatige Kündigung erfolgt.

Zu diesem Abkommen erklären zuständige Kreise in Nanking, die Nachricht des Abschlusses bedeute für niemanden eine Ueberraschung. Man habe be­reits feit einem Iahr auf chinesische Ini­tiative über diesen Pakt verhandelt und China habe sich durch die gegenwärtigen Ereignisse ver­anlaßt gesehen, die Verhandlungen zu Ende zu füh­ren. Der Sinn der Abmachungen fei, so behauptet man hier, eine Rückendeckung Chinas gegenüber Sowjetrußland. China könne es sich nicht leisten, während des Konfliktes mit Japan einen Nachbarn zu haben, dessen Haltung unsicher sei. Der Pakt bedeute nicht ein Bündnis Chinas mit Sowjetrußland. China fei sich bewußt, daß es nur aus eigener Kraft gegen Iapan kämp­fen könne. Es wolle, erklärt man weiter, auch nicht mit dem Bolschewismus paktie­ren, aber fei daran interessiert, daß der Bolsche­wismus in China nicht dazu übergehe, auch noch die Regierung zu bekämpfen. Nachrichten über Freilassung von Kommunlsken- führern in China seien ein Eingeständnis an die Opposition, deren weitergehende Anträge jedoch nach wie vor von der Regierung abgelehnt würden, wie der Sprecher des Außenamts in Nanking er­klärte, sei China bereit, ein ähnliches Ab­kommen mit Japan zwecks Erhaltung des Friedens im Fernen Osten abzuschließen. Von die­sem Gesichtspunkt aus verspreche sich Nanking, daß das Abkommen der Sowjetunion einenWende­punkt zwecks allgemeiner Verbesserung der Lage im Fernen Osten" bedeute.

Hintergründe

des Ächtangriffspattes.

London, 30. Aug. (DNB. Funkspruch.) Der Abschluß des chinesisch-sowjetrussischen Nichtangriffs­paktes findet in der englischen Presse große Be­achtung. Die Blätter weisen auf Vermutungen japa­nischer Kreise hin, daß der Pakt militärische Geheimklauseln, die die Lieferung von sowjetrussischen Kriegsmaterials an China oorsähen, enthalte.Sunday Chronicle" bringt einen Bericht ihres Sonderkorrespondenten in Wladiwostok. Danach ziehe die Sowjetunion in ihrem Haupthafen im Fernen Osten große Truppenmassen zusammen. Rund 100 0 Flugzeuge hätten bereits ihre Basis in Wladi­wostok, dazu kämen noch 1100 schnelle Tanks und weniAtens 200 000 Mann voll ausgebildeter regulärer Truppen. Diese Riesenstreitmacht stehe unter dem Kommando des Marschalls Blü­

cher. Während Tausende japanischer Truppen west­wärts nach Schanghai rückten, marschierten diese sowjetrussischen Verstärkungen ostwärts.

Die Pariser rechtsstehende ZeitungI o u r" will berichten können, daß die bereits begonnenen Waffenlieferungen verstärkt werden sollen und daß Marschall Blücher, der sich gegen­wärtig in der Mongolei aushalte, durch eine direkte Leitung mit Nanking verbunden sei. Am 23. August seien auf dem Flughafen von Kuanghuamen 12 große Bomber mit sowjet­russischer Besatzung eingetroffen. In jedem Flug­zeug hatten sich neun Mann befunden. Die Be­satzung habe einen Dien st vertrag auf sechs Monate für die chinesische Armee unterzeichnet. Die Politik der Sowjetregierung, schließt der Be­richt desJour", ziele jetzt sehr deutlich darauf ab, den Streit in die Länge zu ziehen. Denn nur eine lange Dauer dieses Krieges könne China retten und den Gegner erschöpfen. Die Sowjets feien so sehr an einem Siege Chinas interessiert,

daß für den Fall von Meinungsverschiedenheiten zwischen den chinesischen Generalen die U e b er­trag u n g des Oberbefehls an Mars d) a l l Blücher vorgesehen sei. In diesem Falle würde die sowjetrussische Unterstützung sich in ein offe­nes Bündnis verwandeln.

Das Echo in Tokio.

Tokio, 29. Aug. (DNB.) In Kreisen des japa­nischen Auswärtigen Amtes kennzeichnet man den Nichtangriffspakt zwischen Nanking und Moskau als einen seit dem chinesisch-japanischen Zwischenfall immer deutlicher werdenden Sieg kommuni st i - scher antijapanischer Elemente in der Nanking-Regierung. Man lehnt hier schärf- stens die von Nanking gegebene Auslegung ab, wo- nach der Pakt das erste Nichtangriffs­abkommen der Pazifik ft aalen darstelle und darüber hinaus als Basis eines kollek- tiven Sicherheit ssy st ems in Ostasien gedacht sei.

Sie britische Protestnote in Tokio überreicht.

Englands Forderungen für die Verwundung seines Botschafters.

London, 29. Aug. (DNV.) Die englische Re­gierung Hal im Zusammenhang mit der Verwun­dung des britischen Botschafters in China der ja­panischen Regierung eine Prolestnole über­reichen lassen, in der es heißt:Die japanische Re­gierung wird die Verletzungen kennen, die Sir Hughes knatchbull-hugesfin, der Bot­schafter feiner Majestät in China, infolge der Be­schießung aus japanischen Rlilitärflugzeugen erlitten hat, als er am 26. August mit Mitgliedern feines Stabes von Nanking nach Schanghai fuhr. Die englische Regierung hat die Nachrichten dieses be­dauerlichen Ereignisses mit tiefem Schmerz und gro­ßer Anteilnahme ausgenommen, und sie muß mit Rücksicht darauf nachdrücklich st Protest er­heben und das voll sie Maß von Ent­schädigung fordern. Obwohl Nichtkämpser einschließlich der ausländischen Bewohner in dem betroffenen Lande das unvermeidliche Risiko einer Verwundung auf sich nehmen müssen, die indirekt aus dem normalen Verlauf der Feindseligkeiten herrühren, so ist es doch eine der ältesten und best- bewährten Regeln des internationalen Gesetzes, daß direkte oder gewollte Angriffe auf Nichtkämpfer gänzlich vermieden wer­den, ob diese sich innerhalb oder außerhalb des Ge­bietes befinden, in dem die Feindseligkeiten statt­finden. Die Luftwaffe ist in keiner Weise von diesem Gesetz ausgenommen, das sich eber.so auf den Luftangriff wie auf jede andere Form von Angriffen bezieht.

Der Vorwand falls er vorgebracht werden sollte daß d i e Flagge an dem Wagen zu klein gewesen wäre, um erkennbar zu sein, ist be­langlos. Die Tatsache, daß die Insassen Auslän­der, sogar Diplomaten waren, ist unerheblich. Der Hauptpunkt ist vielmehr, daß sie Nichtkämpfer waren. Die Luftwaffe beabsichtigte zweifellos nicht, den Botschafter seiner Majestät als solchen anzu­greifen. Sie beabsichtigte anscheinend aber, Nicht­kämpfer anzugreifen, und das genügt, um eine Gesetzwidrigkeit darzustellen.

Die Tatsache, daß im gegenwärtigen Fall kein wirklicher Kriegszustand erklärt oder von irgend einer Seite als bestehend ausdrücklich anerkannt worden ist, unterstreicht die Unentschuld- barkeit dessen, was sich zutrug. Die englische Re­gierung muh daher fordern:

1. Eine formelle Entschuldigung der japanischen Regierung bei der englischen Re­gierung.

2. Eine entsprechende Bestrafung derjeni­gen, die für den Angriff verantwortlich sind.

3. Eine Zusicherung der japanischen Be­hörden, daß die notwendigen Maßnah­men ergriffen werden, um die Wieder­holung von Zwischenfällen eines solchen Charakters zu verhindern.

Reuter schreibt, daß die Note in einem sehr ge­mäßigten Ton gehalten sei und ihren drei Forde­rungen von Japan ohne nationale Demütigung ent­sprochen werden könnte. Für Japan sei es Tadel genug, daß es eine derartige Note erhalten müsse. Von Repressalien sei in der Note keine Rede. Die britische Regierung beabsichtige keine weiteren Maßnahmen im Falle, daß Japan den briti­schen Forderungen nicht entsprechen sollte. Eine Weigerung Japans würde der Welt aber ein für allemal zeigen, daß Japan eine Nation sei,die keine Achtung vor internationaler Schicklichkeit habe." Die britische Note berufe sich darauf, daß das internationale Recht direkte Angriffe auf Nichtkämpfer auch dann, wenn Krieg erklärt worden ist, verbiete. In dem Fall des britischen Botschafters habe aber nicht einmal ein Kriegszustand bestanden. Die japanischen Flieger hätten nicht die Entschuldigung, daß sie eindliche Streitkräfte, eine Stadt oder einen be« eftigten Platz beschossen hätten, da die Note aus« irücklich feststelle, daß der Botschafter kein Gebiet durchfahren habe, wo sich kriegerische Handlungen abfpielten oder chinesische Truppen befanden. Der Hauptpunkt sowohl für Großbritannien wie für die ganze Welt sei die zukünftige Stellung der Nichtkämpfer in einem Zeitalter, das schon die katastrophale Zerbrechlichkeit internationaler Verträge gezeigt habe. Schließlich wird hervorge» hoben, daß die englische Negierung keine mate­riellen Schadensersatzforderungen an Japan gestellt fyabe, weil sie die grundsätz­lichen Gesichtspunkte der Angelegenheit für zu ernst halte, um sie in Form von finanziellen Ansprüchen auszudrücken.

DieTimes" schreibt, die britischen Forderun­gen seien vernünftig und es fei ernstlich zu hoffen, daß Tokio Genugtuung geben werde. Die japanische Regierung dürfe sich keiner Illusion über die Tiefe der Entrüstung in England über den Zwischenfall hmgeben. Die Kraft der britischen Note liege in der

08-amerikanische Dollardiplomatie ihre Geschäfte miteinander gemacht hatten, brach endgültig zusam­men. Zum Glück für die lateinamerikanischen Schuld­nerländer sahen sich O8-Amerika sowohl wie Eng­land durch die politischen Nebenwirkungen der gro­ßen Krisis für absehbare Zeit fast jeglicher Mög­lichkeit beraubt, im Verkehr mit wirtschaftlich rück­ständigen Ländernimperialistische" Töne anzuschla­gen. England sah sich in einen immer unentwirrba­reren Knäuel europäischer Probleme mit verwickelt; die nordamerikanische Union mußte jeden Nerv an­spannen, mit innenpolitischen Schwierigkeiten fertig zu werden, während Japan im Fernen Osten mit noch qrößerm Geschick aus derWeltwirtschafts­krise" als vorher aus demWeltkrieg" und feinen Nachwehen Gewinn zu schlagen wußte.

Die lateinamerikanischen Länder wurden zu Ge- gender weltpolitischer Windstille, und in den fort- qe chritteneren unter ihnen befanden sich nach Ueber- windung nationalrevolutionärer Krampfe die rich­tigen Staatsmänner am Ruder, die die Gunst des Augenblicks für eine Auflösung der Ueberrefte des kolonialen Zeitalters und eine unabhängige einheit­liche nationale Wirtschaftspolitik auf lange Sicht auszunutzen wußten. Es wurde zu weit führen auf die einzelnen Phasen der neuen Entwick­lung in den verschiedenen führenden lateinamerika­nischen Ländern hier einzugehen, aber man kann sich von dem Wandel der Dinge eine ungefähre Vorstellung machen, wenn man erwägt, daß sich Argentinien heute zu vier Fünfteln mit baum­wollenen Gütern aus eigenen Fabriken

versorgt und so gut wie vollständig mit Schuhen und Wollwaren. Don dem Gesamthandelsumsatz Argentiniens kamen früher 40 v. H. auf den Außen­handel, heute nur mehr 20 v. H., was dem normalen Verhältnis im Verkehr zwischen vollentwickelten Volkswirtschaften entspricht. Im Jahre 1933 waren in Argentinien von rund 12 Millionen Einwohnern fast 400 000 in Fabriken beschäftigt, in Brasilien von 41 Millionen Einwohnern 510 000, in Mexiko von 16,5 Millionen 305 400. Der Wert der modernen industriellen Erzeugung betrug in demselben Jahre in Argentinien 845 Millionen Golddollar, in Bra­silien 540 Millionen, in Mexiko 233 Millionen. Chile mit kaum 4 Millionen Einwohnern hatte 1933 225 000 Fabrikarbeiter, die Waren im Werte von 120 Millionen Golddollar erzeugten.

Man nahm früher an, daß der Entwicklung indu­strieller Produktivkräfte in lateinamerikanischen Län­dern durch Mangel an guter Kohle für die Koksgewinnung und ungünstige Lagerung der Eisen- und Kohlenvorkommen enge Grenzen gesetzt seien. Die Weltkraftkonferenz von 1929 zeigte jedoch, daß Lateinamerika zwar nur über 1 v. H. der Welt­reserven an Kohle, aber über 16 v. H. der Oel- vorkommen und über 1 5 v. H. der Welt­wasserkräfte verfügt. Da sich der Schwerpunkt moderner Energiewirtschaft immer mehr von Kohle auf Oel und Wasser verschiebt, so hat die Natur La­teinamerika für den Mangel an Kohle reichlich durch Reichtum an Wasserkräften und Oelvorkommen ent­schädigt. Dazu kommt der Vorteil unbegrenzter Mög­lichkeiten der Nahrungsmittelbeschas-

f u n g, über die alle lateinamerikanischen Länder verfügen. Von Brasilien wird behauptet, daß es umfangreichere Eisen- und Manganerzlager be­sitze als irgendein anderes Land. In Mexiko liegt der berühmteEisenberg", der 300 Millionen Tonnen Eisen bergen soll. Roheisen, Stahl und Walzprodukte werden in Mexiko seit 1903 in stetig zunehmendem Umfange erzeugt. Brasilien besitzt seit 1918 entsprechende mit elektrischen Schmelzöfen aus­gerüstete Anlagen bei Ridarao Preto; seit 1931 ver­doppelte es seine Erzeugung von Roheisen, Stahl, Walzeisen, Schienen usw. Argentinien ist mit Kohlen- und Eisenvorkommen ganz stiefmütterlich bedacht, entwickelte aber gleichwohl eine beträchtliche Eisen- und Stahlindustrie auf Grundlage eingeführ­ten Bruch- und Roheisens.

Sowohl Mexiko wie Argentinien und Brasilien, nicht minder Chile und in größerem Abstande andere lateinamerikanische Länder machen von Jahr zu Jahr erfolgreichere Anstrengungen, sich auch in geistiger Beziehung vom Auslande unab­hängig zu machen. In Spanien sind noch 52 v. H. der Bevölkerung Analphabeten, in Argentinien weniger als 20 v. H. Gegen 20 000 junge Argen­tinier studierten 1932 an den fünf Universitäten im eigenen Lande. Im übrigen ist jedes lateinamerika­nische Land in der Lage, nur Einwanderer zuzu­lassen, die ihm für feine technische und kulturelle Entwicklung am förderlichsten erscheinen. Latein­amerika ist mündig geworden und seine füh­renden Völker scheinen die letzten Eierschalen kolo­nialer Rückständigkeit abgestreift zu haben.