Bildform, die der verstorbene Wiener Professor Alfred Roller entworfen hatte. Ihrer Problematik versuchten bereits im vergangenen Jahr Emil P r e e t o r i u s durch Korrekturen am Gralstempel, am Heiligen See und am Zaubergarten, sowie Wie- land Wagner mit einer neuen Karfreitagsaue zu begegnen.
Ganz in der Stille hat nun der jugendliche Wahn- fried-Erbe eine neue Ausstattung vorbereitet, mit der er als Glied der dritten Wagner-Generation verantwortlich in den Dienst am großen Werk ein- getreten ist. Wird man von dem 20jährigen Wieland Wagner auch keine endgültige Lösung erwarten, so überraschte doch seine zweifelsfrei erwiesene Begabung durch viele Züge, die voll überzeugten. Bedeutsam erscheint es vor allem, daß der neue Gralstempel sich in Anlage und Ausführung stilistisch wieder der von Richard Wagner selbst gewählten Urfassung nähert. Die verschwimmende Weite des Rollerschen Tempels ist einer klar begrenzten, aus kirchlicher Gegenständlichkeit, entwickelten Form gewichen, die das Ueberdimensionale des sagenhaften Gralstempels hauptsächlich aus der Betonung der Höhe gewinnt. Freilich bleibt auch jetzt wieder der obere Raumschluß den Zuschauern auf höher gelegenen Plätzen unsichtbar. Sinnvolle Beziehungen zwischen den einzelnen Bildern werden dadurch hergestellt, daß aus dem Turm Klingsors der folgende Zaubergarten bereits andeutungsweise sichtbar wird und dann vom Zaubergarten selbst durch eine bergige Hintergrundlandschaft, die über die Mauer hereinragt, die Bindung hergestellt wird zur Karfreitagsaue mit ihrem blauen Felsgebirge im Hintergrund und zu den Wandeldekorationen. Diese bildliche Verknüpfung ist um so fesselnder, als Wieland Wagner zwei Welten entschlossen einander gegenüberstellt: oas betont svanisch-maurische Reich Klingsors und die nordisch-herbe Gralswelt, die in der außerordentlich stimmungsvollen Karfreitagsaue ihre schönste Darstellung gefunden hat. Hier unterstützte der Spielleiter Heinz T i e t j e n den Bühnenbildner besonders wirkungsvoll durch eine sehr sinnvolle Beleuchtungsregie, die das Bild sich aus dem Morgendunst mit wolkenverhangenem Hintergrund, der Handlung entsprechend, erst langsam zur „lachenden" Aue entwickeln läßt.
Auch aufs Ganze gesehen, hat Tietjen seine frühere Regieleistung wesentlich vertieft, was vor allem in der Mäßigung der Gralsritterschaft in der letzten Szene und in der außerordentlich konzentrierten Gruppenbewegung der Blumenmädchen zum Ausdruck kam, die zahlenmäßig begrenzt, sehr geschmackvoll gewandet und in der Wirkung stärker auf den Gesang verwiesen worden sind. In musikalischer Hinsicht bot die Aufführung wieder die starken Eindrücke, die ihr durch Furtwänglers vergeistigte und dennoch allem Klangzauber aufgeschlossene Persönlichkeit ausgeprägt wurden. Reben M-irta Fuchs (Kundrn). Herbert Janssen (Amfortas), Robert Burg (Klingsor) und den Chören Friedrich Jungs als bewährten Trägern auch der vorjährigen Aufführung waren der solistische Gewinn Max Lorenz, in dem für den Parsifal wieder ein echter Wagnersänger und überragender Darsteller gewonnen worden ist, und Josef von Manowarda, der jetzt den Gurnemanz übernommen hat und mit seiner ungewöhnlichen ton- lichen Charakterisierungskunst der von Wagner breit-pathetisch angelegten Gestalt eine Fülle lebendigster Einzelzüge verleiht.
Die folgende „L o h e n g r i n" - Aufführung erweckte wieder die wahrhaft überwältigenden Eindrücke der vorjährigen Neuinszenierung, die das Meisterwerk von Tietjen und Preetorius war. Ihre Großartigkeit anzudeuten, hieße, von neuem eine ausführliche Beschreibung zu geben. Wir können uns darauf beschränken, zu melden, daß die Umbesetzungen das Gesicht dieser Musterleistunq nicht wesentlich veränderten. Tietjen ist auch als Dirigent der Mann der Bühne, deren Wirkungen er vom Orchester her weitsichtig und kräftig unterstützt. Marcel W i t t r i s ch , der mit Franz Völker, dem idealen Lohengrin, jetzt alterniert, bot eine seiner geschlossensten Leistungen, zu der ihn sein schlanker und im Lyrischen sich auslebender Tenor befähigt. Und Ludwig Hofmann, der als König Heinrich nach Bayreuth zurückgekehrt ist, besteht neben Manowardas großartiger Verkörperung der Rolle mit höchsten Ebren. So war um das unvergleichliche Dreigestirn Maria Müller (Elsa) — Margarete Klose (Ortrud) — Jaro Prohaska (Telramund) eine durchaus vollwertige Ergänzung versammelt, die von der einschmelzenden Verwandlungskraft Bayreuths im Dienst an einem Gemeinschaftswerk beredtes Zeugnis ablegte.
Johannes Jacobi.
Erstes LandesleWligsnielken in Hessen-Man.
NSG. In der Durchführung der Erzeuaungsschlacht im zweiten Vierjahresplan müssen alle Maßnahmen zusammengeleitet werden, die nur irgendwie zur Steigerung des Ertrages unserer Landwirtschaft führen können. Wenn zum Beispiel die Milcherzeugung in Güte und Menge gehoben werden soll, so sind hierbei nicht nur viehzüchterische Momente zu berücksichtigen, sondern auch die A r b e i t s g e - biete des Melkers. Seine Tätigkeit, seine bessere oder schlechtere Ausbildung und Berufsausübung sind in einem starken Maße ausschlaggebend für den Milchertrag des Stalles, in dem er arbeitet.
Wenn deshalb die Lande^bauernschaft Hessen-Nassau dazu übergeht, Leistungswettbewerbe für Melker zu veranstalten, so wird dadurch einmal unsere Milcherzeugung gesteigert, zum andern aber auch der Berufsstand des Melkers in seiner fachlichen Leistung gehoben. Diese beiden Gesichtspunkte waren es, die dazu führten, am Mittwochnachmittag im Fa u e r b a ch e r Hof des Bctriebsführers v. H e l - molt bei Friedberg das erste Landesleistungsmelken in HessenNassau zu veranstalten. Es nahmen an ihm 15 Melker teil, deren Arbeiten von einer Sach- verständigen-Kommission von Leistungsrichtern bewertet wurden. Diese Begutachtung erstreckte sich u. a. auf die
Sauberkeit des Melkers, die Vorbereitung, die Euteroorbereitung, Mlchprüfung, das Abrnel- ken der ersten Strahlen, Reinigung, Eutermassage, auf das allgemeine Melken, das Ausmelken, die Sauberkeit der Milch usw.
Dabei zeigte es sich, daß eine derartige Leistungsprüfung einen klaren Ueberblick über das tatsächliche Können des Wettbewerbteilnehmers gibt. Denn eine gute Melkarbeit kann dabei nur derjenige zeigen, der diese Arbeit auch dauernd gut verrichtet. Das Leistungsmelken gibt demnach Veranlassung, daß die Melker, die sich an ihm beteiligen wollen, in ihrer täglichen Arbeit die Leistungen zu verbessern suchen: und hierin liegt wohl der größte Wert des friedlichen Wettstreites.
Das Leistungsmelken gibt aber auch eine Ueber- sicht über die'Berufstüchtigkeit der Berufsmelker im allgemeinen, weil sich natürlich
in erster Linie diejenigen zum Wettbewerb stellen, die von ihrem Können und ihrer Leistung überzeugt sind. Man darf deshalb wohl annehmen, daß die Melker, die an dem Leistu^lgsmelken teilnehmen, zu mindest einem guten Durchschnitt entsprechen.
Die Zuschauer eines solchen Wettbewerbes, in erster Linie Betriebsführer, hatten hier die Möglichkeit, eine einwandfreie Melkarbeit zu sehen und sich von dem Wert eines guten Melkers zu überzeugen. Besonders diejenigen, die zu Hause ungelernte Gefolgschaftsmitglieder beschäftigen, können nunmehr Vergleiche zwischen diesen und den Berufsmelkern ziehen, wie sie durch die Wettbewerbsteilnehmer vertreten werden.
Die Auswertung der in diesem Jahr bereits in anderen Gebieten durchgeführten Leistungsmelken hat erst in vollster Deutlichkeit die Rotwendigkeit einer weiteren Hebung der Melk- arbeit gezeigt und den Wert derartiger Veranstaltungen bewiesen.
Das Ergebnis des Wettbewerbes in Fauerbach rooF sehr befriedigend. Die Teilnehmer selbst brachten der Prüfung größtes Interesse entgegen-und stimmten dem Landesgefolgschaftswart Steid-le vollauf zu, als er in kurzen Begrüßungsworten auf den'Wert solcher Leistungswettbewerbe für den Berufsstand der Melker und unsere gesamte Milchwirtschaft überhaupt hinwies.
Die Leistungen im praktischen Wettbewerb waren sehr gut. Gewertet wurde nach einem übersichtlichen Punktesystem. Die fünf Besten erhielten schöne Ehrenpreise, während sämtlichen Teilnehmern zur Erinnerung an dieses erste Landesleistungsmelken ein Bild des Reichsbauernführers überreicht wurde. An die Siegerverkündigung und Preisverteilung schloß sich ein kameradschaftliches Zusammensein an. Landesbauernführer Dr. Wagner hatte den Teilnehmern durch den Landes- gefolgfchaftswart feine Grüße übermitteln und dabei zum Ausdruck bringen lassen, daß er derartige Leistungswettbewerbe außerordentlich begrüße.
In Zukunft wird nun in jeder Kreisbauernschaft unseres Gebietes, das insgesamt 2 0 0 0 Melker erfaßt, ein derartiger Wettbewerb durchgeführt werden.
Aus der Giadt Gießen.
Obst und Obstsäste in der Behandlung von Krankheiten.
ZdR. Obst und Obstsäfte erfreuen sich infolge ihrer besonderen chemischen Zusammensetzung und wegen ihres Reichtums an Mineralbestandteilen und Vitaminen in der Diätetik einer großen Beliebtheit. Da das Obst sehr kalorienarm ist, eignen sich Obsttage ausgezeichnet zur Behandlung der Fettsucht, denn der Fettleibige wird auf diese Weise genötigt, einen Teil des aufgespeicherten Fettes zu verbrennen.
Das Obst ist sehr eiweißarm, es wird daher gern bei Nierenkrankheiten verordnet und besonders dann gegeben, wenn die Niere die Abbauprodukte des Eiweißes ungenügend ausscheidet. Die Früchte enthalten keine Vorstufen der Harnsäure, Obsttage eignen sich deshalb sehr gut zur Behandlung der Gichtanfälle, die auf einer Störung des Harnsäure- stosfwechsels beruhen. Bei Herzkranken werden Obst und Obstsäfte heute oft verabreicht, da sie den Veränderungen des Zellchemismus, die bei diesen Kranken bestehen, entgegenwirken. Das Obst fördert bei diesen Leiden die Ausscheidung des Wassers und Kochsalzes und reichert den Organismus mit Basen an, so daß die im Gewebe zurückgehaltene Kohlensäure besser ausgeschieden werden kann. Bei Darmerkrankungen erfreuen sich Heidelbeeren und Hei- delbeersäfte seit altersher großer Beliebtheit. In letzter Zeit sind Apfelkuren bei Darmleiden mit großem Erfolg verwandt worden. Ihre Wirkung beruht im wesentlichen auf ihrer Eiweißarmut, ihrem Gehalt an Fruchtsäuren, welche das Wachstum der Bakterien hemmen, und auf der Quellfähigkeit der Zellwandbestandteile, die eine mechanische Entfernung faulender Reste aus dem Darm bedingt. Obstkuren sind bei einigen besonders schwer zu beeinflußenden Darmkrankheiten, wie bei der Sprue und bei der Heubner-Herterschen Krankheit, besonders wirksam Sie bewähren sich ferner bei fieberhaften Erkrankungen und bei Bronchial- 1 asthma. Seit langem sind Traubenkuren bei Er
krankungen der Galle und Leber verwandt worden. In der Behandlung der Zuckerkrankheit hat man die Hafertage mit ebenso gutem Erfolg durch Obstkuren ersetzt.
Es ist selbstverständlich und bedarf kaum eines besonderen Hinweises, daß diese Diätkuren nur unter Anleitung eines erfahrenen Arztes durchgeführt werden dürfen, da anderenfalls Gesundheitsschädigungen entstehen können. Unter diesen sind vor allem die schweren Erkrankungen hervorzuheben, die mitunter nach reichlichem Genuß von Obst und Wasser auftreten. Sie beruhen auf einer abnormen bakteriellen Zersetzung des Obstes mit starker Gasbildung, die zu einer Ueberdeynung und Lähmung des Dünndarmes führt. Die Warnung, auf Obst kein Wasser zu trinken, besteht also durchaus zu Recht.
Die Ausführungen zeigen, welch große Bedeutung das Obst und die Obstsäfte in der Diätetik erlangt haben. Im Interesse der Kranken muß der Arzt allerdings die Forderung erheben, daß Obstsäfte nur aus sorgfältig gereinigtem, hochwertigen und ausgereiften Obst hergestellt werden, daß alle konservierenden Zusätze unterlassen werden und daß auch das Schwefeln der Obstbäume nach Möglichkeit vermieden wird. Nur dann hat er die Gewähr, daß alle die wichtigen Stoffe, die im Obst vorhanden sind, so gut erhalten bleiben, wie es nur irgend möglich ist.
Wenn das obstoerarbeitende Gewerbe mit größter Gewissenhaftigkeit diesen Forderungen nach- kommt und wenn alle Aerzte in zunnehrnendern Maße diese diätetische Behandlung verwenden, fördern wir die Gesunderhaltung des ganzen Volkes und erfüllen damit eine der schönsten Aufgaben, die uns die Zukunft gestellt sind. Prof. W. Heupke.
Äornoiizen.
Tageskalender für Freitag.
Stadttheater: „Triumph der Heiterkeit" 20 bis 22 Uhr. — Gloria - Palast, Seltersweg: „Zum Tanzen geboren".
„Triumph der Heiterkeit- im Stadttheater.
Heute findet der bunte Abend im Stadttheater unter der Devise „Triumph der Heiterkeit" statt. Den Erfolg des Abends verbürgen folgende Namen: Claire Schlichting, die jüngste „kornische Alte" Deutschlands; Oscar Albrecht, einer der besten Humoristen und Ansager; Emel6 und William Blacker, das komische Tanzpaar; Kurt Engel, der aus dem Rundfunk bekannte virtuose Tylophonist des Staatsopernorchesters Berlin; Bayerini, das musikalische Unikum; der Berliner Pianist Gustav Beck. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.
MiMänsche platz musik.
Am Sonntag, 1. August, 10 bis 11 Uhr, findet auf dem Kreuzplatz ein Standkonzert, ausgeführt von der Regiments-Musik des J.-R. 116, statt.
Die Hitter-Llrlauber-Kameradschast Wetterau steht.
In der Zeit vom 1. bis 16. August weilen 40 Kameraden aus den Gliederungen der Partei in Gießen, die im Rahmen der Adolf-Hitler-Freiplatz- spende zu einer Kameradschaft zusammengeschlossen sind, um in Gießen und seiner herrlichen Umgebung zwei Wochen seelischer und körperlicher Erholung zu finden.
Die Kameradschaft ist ermöglicht worden durch eine Sonderspende des Amtes für Beamte des Kreises Wetterau, das in dankenswerter Weise die Mittel zur Verfügung gestellt hat, um dieser Kameradschaft etwas ganz Besonderes zu bieten.
Gleichzeitig haben sich die weitesten Kreise zur Verfügung gestellt, um die Freizeitgestaltung Der Männer so angenehm wie möglich auszugestalten. Neben einem Kameradschaftsabend durch die Stadt Gießen ist auch ein Tag der Universität, ein Tag in Bad-Nauheim, ein Tag in Butzbach, ein Tag in Braunfels, ein Tag bei der hiesigen Wehrmacht, weiterhin Freibesuch des Kino usw. vorgesehen.
Mit dem vorläufigen Dank cm alle, die der Kreisamtsleitung Wetterau der NSV. die Aufitellung dieser Hitler-Urlauber-Kameradschaft ermöglichten, verbinden wir den Wunsch an die Bevölkerung un> seres Kreisgebietes, diesen Kameraden einen besonders herzlichen Empfang zu bereiten. Nähere Ein- zelheiten werden laufend mitgeteilt.
Wieder 4975 Frauen geschult.
NSG. Eine der wertvollsten unD segensreichsten Einrichtungen für unsere Frauen und Mütter sind die im Reichsmütterdienst organisierten verschiedenen praktischen Kurse. Sie führen eine vielseitige Erziehungsarbeit durch und geben den Müttern das Rüstzeug mit, das sie für den täglichen Lebenskampf benötigen. Der Andrang zu dep Kursen ist erfreulicherweise sehr groß, die Zahl der Teilnehmerinnen ist ständig im Anwachsen begriffen. Sv wurden hn zweiten Vierteljahr 1937 im Gau Hessen-Nassau 236 Kurse des Reichsmütterdienstes abgehalten, in denen 4975 Frauen und Müttern auf verschiedenen Gebieten eine gründliche Ausbidung zuteil wurde. Die 236 Schulungskurse setzten sich zusammen aus 50 Säuglingskursen mit 1367 Teilnehmerinnen, 19 Kursen für Erziehungsfragen mit 429 Teilnehmerinnen, 50 Gesundheits- und häuslichen Krankenpflegekursen mit 1207 Teilnehmerinnen, 57 Koch- kurse mit 1106 Teilnehmerinnen und 51 Kurse für häusliche Lehrarbeit mit 866 Teilnehmerinnen.
Achtet den Pfennig.
Gerade auch in letzter Zeit hat es sich wieder eingebürgert, bei Zahlen der verschiedensten Art auf 5 ober 10 Rpf. aufzurunden. Dies wirkt sich leicht in einer Belastung gerade für minderbemittelte Volksgenossen aus und sollte deshalb vermieden werden. Darüber hinaus aber verrät diese Gepflogenheit mangelnde Achtung vor dem Pfennig. Gewiß kommt es in zahlreichen Fällen nicht Darauf an, ob eine Summe um einen Pfennig erhöht, oder ermäßigt wird. Wichtig ist es aber, daß sich jeder und gerade die Heranwachsende Jugend der Bedeutung Der kleinsten Einheit unseres Geldsystems bewußt ist. Nur wer mit dem Pfennig um- zugehen weiß, vermag die Mark richtig zu schätzen. Wer ein Sparkassenbuch sein eigen nennt, wird bei Der alljährlichen Zinsgutschrift fast regelmäßig nicht runde Beträge, Die vielleicht nur roeniae Pfennige ausmachen, finden. Diese Zinsgutschrift zeigt die dem Pfennig innewohnende Kraft zur Mehrung von Sparkapital. Auch die Schulsparkassen, die heute überall bestehen, pflanzen schon dem Kinde die Achtung vor Dem Pfennig ein. Niemand soll
Susannes Tochter.
Vornan von Hedda Westenberger.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin W 35
11 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Aber Lyk gibt ihm nicht die Hand, er lauscht mit allen Sinnen und mit Todesangst ins Haus hinein und denkt an Sabine.
Da läßt Nikolaus Lorenz Die ausgestreckte Hand wieder sinken, das Glühen in feinen Augen erlischt.
Ein grausames, ratloses Schweigen legt sich zwischen sie.
Dann stampft Lyk plötzlich zornig mit Dem Fuß auf: „Das kann jeder, Herkommen und die Hand ausstrecken und sagen: alles war ganz anders, als Du es Dir Denkst ... Wenn alles anders war, als ich es mir gedacht habe, Dann hättest du mit Deinen Aufklärungen früher kommen müssen, Damals, als ich beinah — — Aber jetzt will ich nichts mehr wissen von früher. Es ist erledigt! Schluß! Ich habe unter diese ganzen Geschichten längst einen Strich gemacht — Äugendeseleien, ein ganzes Leben liegt dazwischen. Aber selbst, wenn kein ganzes Leben Dazwischen läge — ich bin hierher gekommen, um meine absolute Ruhe zu haben. Verstehst Du? Also gönn’ sie mir und geh'." Er macht eine Pause und atmet heftig.
Der andere aber legt mit einer unheimlich langsamen und entschlossenen Bewegung den Hut auf Den Tisch — das ist seine Antwort auf Lyks Aufforderung, zu gehen.
Lyk sieht es, er beißt sich heftig auf die Lippen, und die Röte schießt ihm heiß ins Gesicht. „Ach so", fährt er in etwas beherrschterem Ton, aber unendlich hochmütig fort, „acy so, ich verstehe, du brauchst wahrscheinlich Geld. Du bist abgebrannt. Gut. Geld kannst du- haben. Wieviel willst ou? Wohin soll ich dir's anweisen?"
„Ich will nur Arbeit", sagte Lorenz leise.
„Arbeit!" wiederholt Lyk und sieht sich auf Dieses Wort hin Den anderen noch einmal mit seinem mitleidlos hellen Blick an, als ob er nicht glauben könne, daß ein Mensch dieser Art. in solch heruntergekommenem Zustand, ernsthaft nach Arbeit ver
lange: „Arbeit willst du? Gut. Ich werde die Arbeit verschaffen. Aber nicht hier, sondern in Berlin. Du kannst gleich hinfahren, ich gebe dir das Reisegeld und das Nötigste zum Leben. Einverstanden?"
Auf Lorenz' Gesicht liegt Unsicherheit. Er sieht an Lyk vorbei in den blauen Frühlingshimmel, der wie ein Heller Vorhang vor der Balkontür hängt, und denkt einen Augenblick nach Dann schüttelt er entschlossen den Kops: „Nein, Albert, vielen Dank, aber das kann ich nicht annehmen. Es nützt mir nichts, verstehst du? Sieh mich doch an, Albert: kann ich je wieder in ein Büro zurück? In eine Stadt, zwischen Häuser? Kann man nach jahrelangem Herumstreifen wieder auf einem Stuhl hinter einem Schreibtisch sitzen? Ich kenne mich, ich würde Dann doch gleich wieder ausbrechen. Und das ist es ja gerade, warum ich an dich heran- getreten bin: weil Du hier Das Gut besitzt, daß da eine Möglichkeit gegeben war, auf Dem Land zu bleiben, eine Arbeit zu haben, Die mir liegt und die doch etwas menschenwürdiger sein tonnte, als Dies--Dies Tagelöhnern bei Den Bauern. Ich
dachte mir: es ist für uns beide das Gegebene, mir würde damit ein alter Wunsch erfüllt, und dir — Du hast doch das Gut nur deshalb an die Fuchsfarmgesellschaft verpachtet, weil du selbst es nicht verwalten kannst, nicht wahr? Nun also! Und trotzdem brauchtest du noch jemanden, Der Deine Interessen ein bißchen wahrt, Der acht gibt auf alles, was zum Gut gehört und Werte darstellt. Die Pferde zum Beispiel. Das Haus. Die Einrichtung. Der Wald. Die Ackergeräte. Denn dieser Michailow — ich hörte Da so manches. Er ist vielleicht ein guter Kerl, aber ein Windhund. Und beeinflußbar. Was geht ihn auch schließlich Der Besitz eines Herrn Lyk an? Aber ich ..."
Lyk kneift Die Augen zusammen: „UnD was glaubst Du, wozu Der Bauer Da ist, Der hinten im Haus wohnt unD Die LanDwirtschaft übernommen hat?"
Jetzt geht Lorenz aus sich heraus: „Ach, Der Bauer — Dieser arme Teufel! Er ist alt unD klapprig, und in Michailow sieht er den unumschränkten Herrn, denn den weiß der Russe glänzend zu spielen. Der Bauer würde nie wagen, gegen ihn aufzutreten, ihm etwa die Pferde zu verweigern oder etwas zu sagen, wenn Michailow das überschüssige Heu verkauft und Den Ertrag in seine eigene Tasche
manDern läßt. Ja, so liegen leiDer Die Dinge, ich weiß es, man. erfährt so manches, wenn man zwischen Den Bauern hockt und Die Ohren spitzt. Aber wenn ein Vertrauensmann auf Dem Gut märe, einer, von Dem alle wissen. Daß er an Deiner Stelle Da ist, Dann roürDe vieles artbers — glaub es nrtr...
Er schweigt unD wischt sich mit Der HanD über Die feuchte Stirn. Dann fügt er leiser hinzu: „Für mich roär’s ein GlücksumstanD, Albert. Vielleicht Der letzte, Den ich habe, um noch einmal hoch zu kommen. Sieh, ich bin ganz ehrlich; ich weiß genau, Daß ein Fremder mich in der Verfassung, in der ich heute bin, nie anstellen würde — oder doch höchstens als Tagelöhner. Und so gibt’s also kaum noch Hoffnung für mich, meinen augenblicklichen Tiefstand zu überwinden. Es geht mir da, wie es hunderten geht: mit einem zerfetzten Anzug und einem ausgehungerten Gesicht hat man keine Möglichkeit, wieder vorwärtszukommen. Aber hier bei dir, der Du mich Doch fennft, wäre noch eine Gelegenheit. UnD wenn es Dir lieber ist, Albert, braucht ja kein Mensch zu erfahren, wer ich bin. Ich lebe ja sowieso schon seit Jahren mit einem falschen Paß, es ist mir einmal geglückt, einen zu erwischen, ich hab's getan meiner Verwandten und — und Susannes wegen. Da, sieh her, ich hab' ihn bei mir, er lautet auf Den Namen Renz, Georg Renz aus Pittsburg. Unter Dem Namen kennt man mich hier in Der ganzen Gegend. UnD noch etwas, Albert: ich will ja gar nicht von heut auf morgen Dein Verwalter roerDen. Ich will ganz von unten auf anfangen, Du sollst nicyt Die Katze im Sack kaufen. Aber es wäre trotzdem hunderttausendmal besser für mich als alles andere, weil ich weiß, daß ich s hier schaffen würde, ich fühle es, verstehst Du..." Er sieht Lyk an — mit Augen, Die voller Qual sinD.
Aber Lyk hat Den Blick gesenkt, es ist besser, Dieses zerquälte, Drängende, in Angst und Eifer erhitzte Gesicht seines einstigen Freunoes nicht vor sich zu sehen.
Als er endlich den Kopf hebt, weil er sich dennoch und trotz allem zum „Nein" durchgerungen hat, wird Die Tür ungestüm aufgestoßen, und Sabine steht vor ihnen.
Sabine . ..
Sie hat ein Fuchsjunges auf dem Arm, Die Augen leuchten vor Freude, und Das Gesicht ist rosig
überhaucht vom schnellen Lauf, und aus Dem strengen Haarknoten hängt eine breite Strähne lustig über Die Stirn.
„Herr Lyk", sagt sie froh, „sehen Sie Doch, was ich Da Süßes habe.. / Dann erst, als sie schon Den kleinen Fuchs hochhebt, um ihn Lyk entgegen- zuhalten, entdeckt sie Den Fremden und sieht, Daß Lyk totenblaß geworden ist.
„Verzeihung", murmelt sie verwirrt und birgt Das Fuchsjunge roieDer in ihrem Arm, „Verzeihung, ich wußte nicht — ich —Und schon zurückweichend, ist ihr, als habe der Fremde einen Schritt auf sie zugetan und die Hand ausgestreckt.
In dem Augenblick ist Lyk mit zwei Sätzen neben ihr. Er packt sie energisch bei Der Schultet und schiebt sie blitzschnell zur Tür hinaus.
„Was wollen Sie Denn hier?" sagt er grob- „Sehen Sie nicht, daß ich eine Besprechung habe- Ich will jetzt nicht gestört sein."
Krachend schlägt er die Tür hinter ihr zu.
Man hört Sabine den Gang entlanggehen, und in dem stockenden Geräusch ihrer Schritte ist deutlich zu spüren, wie traurig und vollkommen ratlos sie ist. .. .
Erst als Sabines Schritte ganz verklungen sino, besinnen sich die beiden Männer Drinnen im ZE mer wieder aufeinander.
„Das war — Das war Doch Sabine?" Lorenz hat vor Erregung die Fäuste geballt. „Nicht wahr. Das war meine Tochter Sabine?" Die Aeynlin'keit mit Susanne war so, verblüffend, daß es ihm f0!1 die Stimme verschlug.
Lyk nickt erbittert: „Glaubst du, ich wollte es abstreiten?" Er geht mit großen Schritten an Lorenz vorbei und wieder dorthin, wo er vorher gestanden hat, als ob er von dort aus, das Licht im Rücken, neffer kämpfen könnte.
Lorenz sieht ihm mit einem stieren Blick nach, dann lacht er plötzlich häßlich auf: „Du hast allo Sabine hier! Jetzt begreife ich allerdings, warum ich so schnell abgeschoben werden sollte. Darum. Und er lacht wieder, ein Lachen, das Lyk erregter zwingt sich gewaltsam zur Ruhe: „Verstehst ou das nicht? Willst du ihr Dasein vielleicht mit einem landstreichernden Vater belasten?"
Fortsetzung folgt.


