Der Festplatz wird würdig hergerichtet. Am Fest* sonntag wird der große Festzug mit etwa 20 Festwagen, die das deutsche Volkslied versinnbildlichen, im Mittelpunkt der Feier stehen. Eine Abordnung des Bruderoereins Neuyork wird in den nächsten Tagen erwartet.
Kreis Alsfeld.
<£ Alsseld, 29. Juni. Am gestrigen Liedertag des Deutschen Sängerbundes veranstaltete die Alsfelder Sängervereinigung Lieder- krcmz-Harmonie in den Abendstunden in den Erlen- anlagen ein Konzert, das sich eines sehr guten Besuches erfreute. Der Vereinsführer, Steuerinspektor Bender, gedachte in einer Ansprache m schwungvollen Worten des deutschen Liedes. Anschließend fand ein kameradschaftliches Beisammensein im „Deutschen Hause" statt. — Der hiesige Dolkskindergartenverein hielt am Sonntag sein diesjähriges Kinderfest auf dem Festplatz ab, das sich eines sehr guten Besuches aus allen Kreisen der Bevölkerung erfreute. Bei Spiel, Tanz und Konzert verlebte die kleinste Jugend, der diese Veranstaltung galt, einige recht fröhliche Stunden. Der Reinerlös der Veranstaltung war recht erfreulich.
# Ober-Ohmen, 27. Juni Gestern wurde hier der älteste Mitbürger unseres Dorfes, der 93jährige Altveteran Johann Stritter zu Grabe getragen. Als junger Mann von 22 Jahren nahm
Gg. Heß, der Leiter der Gruppe Hessen-Nassau eine Erklärung ab in deutscher Sprache, die Herr Mu- zard, der Delegierte des internationalen Zentralbüros „Freude und Arbeit" Berlin in französischer Sprache wiederholte.
Unter tosendem Beifall wurde der Wagen bestiegen, der die deutsche Jugend wegführte, die nur den einen Gedanken kannte: dem Frieden dienen! Während sich der Wagen m Bewegung setzte, stimmte die ganze Gruppe aus voller Kehle ein Abschiedslied an, das uns nachdenklich und gerührt stehen ließ, angesichts dieses Zeichens des Einklangs mit unserer Stadt Aix. — Auf Wiedersehen, reizende Gruppe Hessen-Nassau. Wir hoffen sehr, Euch im nächsten Jahr in größerer Zahl wiederzusehen."
Eine Sitzung desBezirksverwaltungsgerichtsGießen
Am kommenden Samstag findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen, Landgraf-Philipp-Platz 3, eine öffentliche Sitzung des Bezirksverwaltungsgerichts Gießen statt mit folgender
Tagesordnung:
1. Klage des Berthold Bauer in Leihgestern gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 8. März 1937 wegen Versagung der Legitimations- karte für das Kj. 1937.
2. Klage des Max Rosengarten in Mendorf a. d. Lda. gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 18. Januar 1937 wegen Versagung des Wandergewerbescheins für das Kj. 1937.
3. Klage des Julius Levi in Gießen gegen den Bescheid des Kreisamtes Gießen vom 5. Januar 1937 wegen Versagung der Legitimationskarte für das Kj. 1937.
4. Klage des Meier Lindheimer in Holzheim gegen den Bescheid des Kreisamtes Gießen vom 8. März 1937 wegen Versagung der Legitimationskarte für Kj. 1937.
5. Klage des Heinrich Baumann in Gießen gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 3. März 1937 wegen Versagung des Wandergewerbescheins für das Kj. 1937.
6. Klage der Emma Funke in Gießen gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 8. März 1937 wegen Versagung des Wandergewerbescheins für das Kj. 1937.
** Geheimrat Krüger — Inhaber der Ehrenplakette der Stadt Gießen. Unserem Ueberblick über den Lebensgang von Geheimrat Krüger, den wir gestern aus Anlaß seines 75. Geburtstages veröffentlichten, ist nachzutragen, daß Geheimrat Krüger mit zu den wenigenMän- nern zählt, die von der Stadt Gießen für mannigfache große Verdienste mit der Ehrenplakette unserer Stadt ausgezeichnet wurden. Außer Geheimrat Krüger wurde diese Ehrung noch Geheimrat Fromme, Geheimerat Behaghel, Kapitän S ch m e h»l, dem verstorbenen Professor Sommer und dem Geheimen Kommerzienrat Em melius zuteil.
** Silberhochzeit. Am heutigen Mittwoch können Ludwig Kreiling und Frau Luise, Lethgesterner Weg 100, das Fest der silbernen Hochzeit feiern.
** Sterbefälle in der Stadt Gießen. In der Zeit vom 17. bis 27. Juni verstorben in unserer Stadt: 17. Juni: Georg Schupp, Geschäftsführer i.R., 60 Jahre alt, Kaiserallee 3; 21.: Ottilie Lindenborn, o. B., 86 Jahre alt, Sicher Straße 74; 23.: Karl Emil Christian Malkomesius, Sattler und Tapeziermeister, 61 Jahre alt, Asterweg 2; 24.: Karl Heinz Faust, 1 Jahr alt, Rodheimer Straße 51; 25.: Fritz Magnus, Diplom-Optiker, 54 Jahre alt, Seltersweg 33, Marie Scharch, geb. Schmidt, o. B., 82 Jahre alt, Frankfurter Straße 75, Helene Keil, geb. Lotz, o. B., 69 Jahre alt, Schillerstraße 7; 27.: Emma Katharine Rinderknecht, geb. Pfeffer, o. B., 26 Jahre alt, Walltorstraße 67.
** Wohnhausbauten im Eichgärtenge b i e t. Am Abzweig des Tannenwegs von der Curtmannstraße, der nach dem Philosophenwald führt, ist ein Wohnhaus im Rohbau vollendet, während zwei weitere Bauten bis zum Aufbringen des Dochwerks gediehen sind. Entlang der Curtmannstraße ist man mit dem Bau eines größeren Gebäudekomplexes beschäftigt. Hier kommt ein zweigeschossiges Gebäude mit sechs Dreizimmerwohnungen zur Ausführung. Auch in der verlängerten Fröbel- straße sind zwei Wohnhäuser in Ausführung begriffen. Alle Neubauten sollen bis zum Herbst fertiggestellt sein.
** Eine Wanderung nach Annerod. Die Frauenschaft Gießen-Nord unternahm am
Sonntag eine Wanderung nach Annerod, um dort gemeinsam mit der Frauenschaft ihre monatliche Pflichtoersammlung abzuhalten. Bei herrlichstem Sonnenschein, und' in fröhlicher Stimmung ging es durch den frischen Wald. Nach einstündigem Marsch war das Ziel erreicht. Die Frauen Annerods empfingen die Ankommenden und führten sie in ihre Häuser und Familien, um sie freundlich zu. bewirten. Dann fand man sich zu einem Vortrag im Saal zusammen. Gedichte von Ausländsdeutschen und Gesang von Frau Kasten aus Gießen leiteten über zu den Ausführungen der Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Grenzland-Ausland, Fräulein Engelhardt, die von unseren Deutschen in Brasilien sprach. Die Frauen folgten mit großer Aufmerksamkeit und spendeten reichen Beifall. Mit großer Freude wurde die Aufforderung an die Anne- roder Frauen, in diesem Winter an einem Abend in Gießen teilzunehmen, begrüßt. F. K.
** Die Kameradschaft Gießen der ehem. Freikorpskämpfer im Reichskriegerbund „Kyffhäufer" nahm am Dienstag Abschied von ihrem Kameradschaftsführer Heinz Weißenft e i n, der nach Hamburg versetzt wurde. Der scheidende Kameradschaftsführer gab noch einmal eine Uebersicht über die geleistete Arbeit. Er sagte besonderen Dank dem Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger für die tatkräftige Unterstützung und der Kreisleitung der NSDAP, und den Behörden für das bewiesene Wohlwollen. Er hob hervor, daß die Sorge um die Kameraden eine der vornehmsten Aufgaben der ehem. Freikorpskämpfer bleiben müsse. Der Redner ließ noch einmal die Erinnerung an jene Zeiten aufleben, in denen die letzten Soldaten des Weltkrieges sich gegen die rote Flut zur Wehr setzten und die ersten Soldaten des Dritten Reiches, wie sie der Führer genannt hat, wurden. Kameradschaftsführer Weißenstein dankte allen den Helfern und Kameraden, die am Aufbau der Kameradschaft beteiligt waren. Er verabschiedete sich und übergab die Führung Kam. Beulke, Gießen. Für die Kameradschaft dankte Schriftwart Kam. Weber dem scheidenden Kameradschaftsführer und erinnerte an gemeinsam durchkämpfte Zeiten. Er überreichte ihm als Dank und Anerkennung eine Büste des Führers mit einer Widmung. Der neue Kameradschaftsführer Beulke versprach dem scheidenden Kameraden, die Kameradschaft in seinem Geiste weiterzuführen.
** Der Werbewagen der Reichsrundfunkkammer in Gießen. Der Werbewagen der Reichsrundfunkkammer besucht zu Beginn des Monats zur Werbung für die Große Deutsche Rundfunkausstellung 1937 in Berlin (vom 30. Juli bis 8. August) den Gau Hessen-Nassau, und zwar wird der Wagen am morgigen Donnerstag, 1. Juli, auch in Gießen Musik- und Wortsendungen zu Gehör bringen.
Große Strafkammer Gießen.
Gestern stand der 43jährige G. O. aus Gießen vor der großen Strafkammer des hiesigen Landgerichtes. Die Anklage lautete auf Sittlichkeitsverbrechen, Untreue und Diebstahl. Die umfangreiche Beweisaufnahme ergab im wesentlichen folgendes:
Der bisher unvorbestrafte Angeklagte war von Juni 1934 bis August 1935 als Betriebsleiter der Provinzial-Siechenanstalt in Gießen beschäftigt. Als der Angeklagte einmal spät nachts heimkam, belästigte er die diensttuende Nachtschwester mit unsittlichen Anträgen und versuchte, diese sich mit Gewalt gefügig zu machen. Er konnte sein Vorhaben jedoch nicht in die Tat umsetzen, da die Schwester sich heftig wehrte und schrie.
Außerdem hat der Angeklagte laufend aus den Beständen der Anstalt Eßwaren in größeren Mengen zum eigenen Gebrauch entnommen. Dem Angeklagten war anscheinend die Kost der Anstalt nicht gut genug. Er wies sehr oft das für das gesamte Personal bestimmte Essen zurück und verlangte anderes. Er hat z. B. schon morgens zum Frühstück sich öfters mehrere Koteletts backen lassen. Darüber hinaus hat er, außer den Mahlzeiten, umfangreiche Fleischportionen verlangt und auch erhalten. Die als Zeugin vernommene Köchin sagte u. a. aus, daß der Angeklagte innerhalb von 14 Tagen elf Kilogramm Solberfleisch außer der Reihe verzehrt habe. Durch sein herrisches Auftreten verstand es der Angeklagte, sich das Personal gefügig zu machen, so daß dieses aus Angst vor Entlassung alle seine Anordnungen befolgte.
Dem Angeklagten stand auch in seiner Eigenschaft als Betriebsleiter der Provinzial-Siechenanstalt ein Wagen zur Verfügung. Da an diesem keine Nebellampe vorhanden war, ließ er von einem anderen Wagen der Provinzialverwaltung eine Nebellampe
abmontieren, um sie an seinem Wagen anzubringen. Auf Veranlassung des Proomzialdirektors mußte die Lampe jedoch wieder zurückgegeben werden. Der Angeklagte gab im wesentlichen diesen Tatbestand zu, behauptete aber, zu einer derartigen Maßnahme im Rahmen seiner Dienstgewalt berechtigt gewesen zu sein. Die Verhandlung dauert fort.
Aus der engeren Heimat.
Landkreis Gießen.
00 Klein-Linden, 29. Juni. Die Oberklassen der hiesigen Volksschule kehrten von einem Aufenthalt im Schullandheim in der Jugendherberge Wiesbaden zurück. Auf lange Zeit hinaus wird das Gemeinschaftserlebnis in der Weltbade- stadt und ihrer reizvollen Umgebung allen Teilnehmern, Schülern und Lehrern, im Gedächtnis haften.
* Hungen, 29. Juni. Der von der NS.-Frauen- fchaft, Ortsgruppe Hungen, im Saale des Darmstädter Hofes für die Hausfrauen veranstaltete Vortrag über die Bereitung von Süßmost (den die Lehrerin der bäuerlichen Werkschule in Gießen, Frl. Horther hielt) wurde mit großem Interesse ausgenommen. Die herumgereichten Kostproben fanden Anklang. Die neu erworbenen Kenntnisse werden, gerade in der Jetztzeit im Haushalt praktische Verwendung finden.
Kreis Büdingen.
K Nidda, 28. Juni. Heute nachmittag zogen unmittelbar hintereinander zwei schwere Gewitter über unser Städtchen. Gewaltige, teilweise mit großen Hagelkörnern vermischte Wassermassen füllten bald die Straßen, große Fluten aus den höher gelegenen Seitenstraßen und Feldwegen machten die Straßen ungangbar, Erdmassen und Steingeröll wurde mitgerissen, die Kanaleinläufe waren verstopft, viele Hosreiten standen voller Wasser, sogar das Vieh war in tief gelegenen Ställen gefährdet. Durch einen Blitzschlag wurde ein Baum in der Nähe des Waldes zersplittert. — In den letzten Tagen ereigneten sich dahier in der Adolf-Hitler- Straße und an ihrer Abzweigung zur Bahnhofstraße wiederholt erhebliche A u t o z u s a m m e n - stö ß e. Glücklicherweise kamen Personen nicht zu Schaden.
Kreis Schotten.
d Schotten, 28. Juni. In der hiesigen DAF.- Schule findet wieder ein Ausbildungskursus im Luftschutz für den Kreis Schotten statt, an dem etwa 40 Personen, meist Lehrer aus dem Kreis, teilnehmen. Diese als Unterführer ausgebildeten Personen sollen ihrerseits die Schulung und Ausbildung ihrer Heimatgemeinden übernehmen, so daß eine Gewähr dafür gegeben ist, daß die gesamte Kreisbevölkerung eingehend mit dem ganzen Gebiet des Luftschutzes vertraut wird. Zu Beginn des Kursus fand die feierliche Flaggenhiffung statt. Der Leiter der Ortsgruppe begrüßte die Erschienenen und wies auf die Bedeutung des Luftschutzes hin. Alsdann begannen die einzelnen Vorträge. — Die Vorbereitungen für die große Feier hes 100jährigen Bestehens des Gesangvereins schreiten eifrig fort.
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der Verstorbene am Kriege von 1866 teil und wurde bei Laufach schwer verwundet. Zu dieser Verletzung kam noch ein Sturz vom Wagen vor Jahren, so daß sich Stritter seitdem dauernd zweier Krücken bedienen mußte. Stritter zeigte für das öffentliche Leben immer regstes Interesse trotz seines hohen Alters. Der Kriegerverein, dessen Begründer er war, verabschiedete sich von seinem ältesten Kameraden mit einer Ehrensalve über dem offenen Grabe. Der Gesangverein „Germania" entbot ihm den letzten Sangesgruß. Die Ortsgruppe der NSKOV. ließ einen Kranz niederlegen. Der nunmehrige älteste Einwohner ist der Mitbürger Georg Orth, der im 85. Lebensjahr steht, abgesehen von einer Dolksgenossin, die bereits die 90 überschritten.
Kreis Wetzlar.
* Kinzenbach, 2$. Juni. Auf den Schießständen unserer Landgemeinden herrscht zur Zeit an den Sonntagen ein eifriger Schießbetrieb. Neben den Pflichtübungen, die an das Auge, des alten Frontsoldaten, namentlich in den höheren Schießklassen noch manche schwere Anforderung stellen, wird auch mit großem Eifer das Schießen auf die bronzene, silberne und goldene Ehrennadel gepflegt. Auf dem hiesigen Schießstand errang am letzten Sonntag Kreisschießwart Lehrer Arrnbrecht, bei den Anschlagsarten stehend, sitzend und liegend- freihändig mit je fünf Schuß und insgesamt 153 Ringen die goldene Ehrennadel.
Wirtschaft.
Tagung der rhein-mainischen Getreidewirtschaft.
Fwd. Frankfurt a. M., 29. Juni. Am 29. Juni fand in Frankfurt a. M. eine bedeutsame Kundgebung sämtlicher Berufsgruppen statt, die an der Getreidewirtschaft bzw. der Brotversorgung des deutschen Volkes beteiligt sind. Im Mittelpunkt der Tagung, die von dem Vorsitzenden des Getreidewirtschaftsverbandes Hessen-Nassau, ^R a a b e, eröffnet wurde, stand ein Vortrag des Vorsitzenden der Hauptvereinigung der deutschen Getreidewirtschaft, Pg. Zschirnt, Berlin, über die Gegenwartsfragen der Getreide- und Mehlversorgung, sowie über die künftig zu lösenden Aufgaben der deutschen Getreidewirtschaft. Nachdem der Vortragende auf die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen der Landesbauernschaft, dem Getreidewirtschaftsverband und den Betrieben der Getreidewirtschaft hingewiesen hatte, berichtete er zunächst über die Maßnahmen, die im Wirtschaftsjahr 1936/37 getroffen wurden, um die Brotversorgung sicherzustellen. Pg. Zschirnt erörterte dann weiter die Frage, warum man zu dem Begriff der neuen Gesamtgetreidekontingentierung bei den Erzeugern gekommen ist. An Stelle des seitherigen
festen Weizen- und Roggengrundkontinents ist das gesamte Brotgetreidekontingent eingeführt worden, das dem Erzeuger eine größere Beweglichkeit im Anbau läßt. Das für jeden Betrieb festgesetzte Grundkontingent diene als Richtlinie für den künftigen Getreideanbau. In seinen weiteren Ausführungen erläuterte der Vortragende, warum die Einbeziehung des Hafers und der Gerste in das Gesamtgetreidekontingent vom neuen Wirtschaftsjahr ab notwendig war. Abschließend wies der Redner auf die Notwendigkeit einer Erzeugungssteigerung hin und betonte die Wichtigkeit einer gerechten und gleichmäßigen Versorgung der Mühlen.
Nhein-Mainische Börse.
IHiftagsbörfe uneinheitlich.
Frankfurt a. M., 29. Juni. Die Börse hatte etwas lebhafteres Geschäft als an den Vortagen. Der Ausfall der Berliner Börse führte dem hiesigen Platz etwas größere Aufträge zu, auch der berufsmäßige Handel zeigte etwas Unternehmungslust. Da jedoch andererseits auch noch einige Glattstellungen zum bevorstehenden Halbjahresultimo erfolgten, war Die Kursentwicklung bei freundlicher Grundtendenz nicht ganz einheitlich. Die durchschnittlichen Schwankungen betrugen nach beiden Richtungen 0,50 bis
MWWMMWM
Roman von Walther Kloepffer
Copyright 1936 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
34 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Ja, also das Geschoß. Sehen Sie, mit dem ist mir ein Malheur passiert. Es ist mir auf den Fußboden gefallen, und ich finde es einfach nicht mehr. Die Pinzette war hart, die Kugel war hart, so was rutscht wie der Teufel aus", entschuldigte sich Fogg.
„Das ist mir aber lehr unangenehm", brummte der Gendarm. „Jetzt soll ich das Ding einschicken, und es ist nicht da."
„So was kommt mal vor, nicht? Schreiben Sie halt, wie es war. Haben Sie schon einen Anhaltspunkt, wer der Täter ist?"
„Nein. Der Kerl war ein gerissener Hund. Keine Fußspuren, keine Gegenstände am Tatort, gar nichts. Da such! Es gibt eine Menge Leute, die dem Tutschek nicht grün sind." Der Gendarm zuckte die Achseln und empfahl sich.
Als Fogg nach Hause kam, fragte er gewohnheitsmäßig: „Was los, Anna?"
„Nein, Josi." Sie sagt wieder ,Jostt und ist wieder zutraulich! dachte er. Gottlob, daß sie sich damals diesen Tutschek aus dem Kopf geschlagen hat! Das gäbe ja ein heilloses Lamento, wo der Mensch so übel da droben liegt.
„Gibt es was Neues im Ort?"
„Bei den Professorsleuten soll es letzthin Krach gegeben haben, Josi. Die Frau ist jetzt verreist; wohin, weiß niemand", berichtete die Anna.
Fogg war betroffen und grübelte. Es fiel ihm ein, daß Engasser ihn vorgestern nicht gegrüßt hatte. Schneiden nannte man das. Sollte Viktoria etwa seinetwegen Ungelegenheiten gehabt haben? Dieses Schellenberg wuchs sich zu einem unruhigen Ort aus. Plötzlich war ein Gepolter im Hausgang, die Tür wurde aufgerissen, und der Fenzl stürmte ins Zimmer:
„Mensch, Josef, wir haben ihn!"
„Wen denn? Ich kann das nicht riechen, du erlaubst schon."
„Wen, fragt er? Den Graphit natürlich, das
gleich zu Hilfe. Das war der Revolver, den Fogg damals in der Villa hergezeigt hatte; gar kein Zweifel. Wie kam der in den Tümpel unterhalb des Mühlhölzels? Mühlhölzel — Tutschek — Revolver — Fogg, guck mal an, wie sich da eines zum anderen fügte! Fogg! Sogar hier in Gottes freier Natur stieß man auf den verhaßten Namen. Sogar in einsamen Waldtümpeln gab dieser Bursche seine Visitenkarte ab. „Ja, lieber Herr, da werde ich Ihnen nicht helfen können! Das werde ich schon abgeben müssen!" murmelte Engasser vor sich hin, und wieder war etwas wie Freude in seinem Gesicht, aber diesmal von anderer Art. Der Professor, alles in allem ein Mann von Anstand und Charakter, aber seit Tagen ruhelos gemacht und herum- aetrieben von seiner Verbitterung, von seinen Privatsorgen, ließ das Pflänzchen Isoetes im Stich und schlug den Weg nach der Gendarmeriestation ein.
„Schauen Sie mal, was ich da gefunden habe!" führte er sich bei dem Wachtmeister Häberlein ein, der gerade hinter seiner Schreibmaschine schwitzte. Und Dann erzählte Engasser, was es mit der Waffe für eine Bewandtnis hatte. Er sagte nicht, daß er Doktor Fogg für den Täter halte, bewahre; aber es genügte vollauf, daß er versicherte, den Besitzer dieses Revolvers zu kennen. Es war ja nicht einmal ausgemacht, ob der Schuß auf den Verwalter aus diesem Colt stammte. Engasser enthielt sich also jeder Art von Anklage und Verdächtigung; er betonte nur, er fände es recht eigentümlich, daß eine so schöne und gut erhaltene Waffe ins Wasser geworfen würde. Dann verließ er das Dien\ummer und ging heim.
Der Gendarm Häberlein nahm den kleinen Colt noch mal zur Hand und öffnete das Magazin. Cs fehlte eine Patrone von fünfen. Hm. Eine Hülse war am Tatort nicht gefunden worden. Entweder hatte der Täter sie aufgelesen, oder Tutschek war an einem entfernteren Ort niedergeschossen worden und hatte sich an den sogenannten Tatort erst hingeschleppt. Tatort war eine Bezeichnung, die nicht unbedingt stimmen mußte. Man konnte nicht den ganzen Wald nach einer winzigen Hülse absuchen. Und dieser verdammte Regen hatte damals alle Spuren verwischt.
Wachtmeister Häberlin dachte scharf nach. Er war ein noch junger Mann, nicht lange im Ort und sehr
große Nest, von dem der Ingenieur immer soviel Aufhebens gemacht hat! Komm nur gleich mit!"
„Ich will nur andere Schuhe anziehen. Bei euch ist neuerdings ein schandbarer Dreck."
„Na, denen im Dorf werde ich's jetzt aber besorgen, diesen Leimsiedern und Angstmicheln! Denen tränke ich die Versammluna von damals ein! Denen werde ich die Nasen in den Graphit stoßen und fragen: Wer hat jetzt recht gehabt? Ihr oder der Fogg? Mensch, das ist ein hervorragender Tag, den sollte man im Kalender rot anstreichen!" triumphierte der Fenzl.
„Mache es nur nicht zu arg; denn ich brauche sie noch! Das heißt, ihr Geld. Was wir bis jetzt erreicht haben, ist ja bloß ein Anfang. Aber ein schöner, das gebe ich zu."
Unterhalb des Mühlhölzels gegen das Dorf Schellenberg zu lag ein Tümpel, schilfbestanden, linsenbedeckt, ein Dorado für Frösche. Auch für Naturforscher und Dichter. Professor Engasser kniete in unbequemer Stellung am Rand und schob mit einem Plantonnetz das auf dem Wasser treibende Linsengesindel und Unkraut zur Seite. Sein hager gewordenes Gesicht war voll gespannter Erwartung. Auch ein bißchen Freude spiegelte sich darauf. Er hatte da, wollte man es glauben, rein zufällig jene Pflanze tm Wasser entdeckt, jenes Brachsenkraut, von dem schon der alte Gssner schrieb, daß es in den südöstlichen Landstrichen Deutschlands vorkomme. Engasser hatte sich seit etlichen Tagen auf bas Botanisieren verlegt; da verging wenigstens die Zeit, man wurde abgelenkt und brauchte nicht diese Leere und Stummheit in der Villa über sich eroehen lassen.
Der Professor legte sich jetzt der Länge nach auf den Boden und fischte mit dem entblößten rechten Arm im Wasser herum. Plötzlich gerieten seine tastenden Finger an etwas Hartes, halb aus dem Schlamm Ragendes, das er an die Oberfläche beförderte.
Ein Revolver? Nanu!?
Da er kein Freund solch gefährlicher Dinger war, hielt er die kleine Waffe mit spitzen Fingern von sich ab und betrachtete sie beunruhigt. Der Stahl war noch ziemlich blank, und an dem Griff war ein Messingschildchen eingelassen, in das ein F geritzt war. Sein Gedächtnis kam dem Professor so-
ehrgeizig. Er jonglierte mit dem bißchen, was er von diesem Fall Tutschek wußte, wie mit Bällen, bis alles seinen Schick hatte. Dann machte er sich auf zum Verwalterhaus. Er rechnete so: Wenn man die Kugel hätte und die Kugel in den Revolver paßte, hätte man den Täter. Einleuchtend, wie? Also auf nach der Kugel! Aber der Täter war schlau und hatte die Kugel angeblich verloren. Wo kann eine „verlorene" Kugel herumlungern? In der Westentasche zum Beispiel, in einem Misthaufen, in einer Wiese, hinter einer Hecke, es gab unzählige Orte. Ebensogut konnte man eine Stecknadel in einem Heuhaufen suchen. Aber man muß es eben probieren, Karl, und man muß Dusel haben! sagte er sich.
„Tag, Fräulein, kann ich mal nach dem Herrn Verwalter sehen?" begrüßte er die dralle, blonde Magd, die Tutschek pflegte. „Sie lassen mich vielleicht ein wenig allein mit dem Kranken? Sie können ganz unbesorgt sein; ich passe schon auf ihn auf. Wenn ich gehe, rufe ich Sie."
Dann besah er sich den Pattenten, der flach atmend im Bett lag, die Augen geschlossen hatte und, dünnen Schweiß auf der Stirn, vor sich hin- bämmerte. Mit dem ist die nächsten Tage gar nichts zu wollen; da fließt noch viel Wasser die Jlz- hinunter, bis wir aus dem was herausbringen, dachte Häberlein. Er wendete sich ab und untersuchte den Fußboden, den Bettvorleger, die Decke über der Chaiselongue, die Ofertasche, alles, jeden Spalt und jede Falte. Hier ist nichts, lieber Karl, oder ich lasse mich hängen. Hast du etwas anderes erwartet? Er ging mißmutig ans offene Fenster und beugte sich hinaus. Drunten zog sich ein gelber Fliesenbelag rings um das kleine Haus, wahrscheinlich, um das Regenwasser abzuhalten.
Vielleicht hatte man die Kugel aus dem Fenster geworfen? Unbedacht und im ersten Impuls? Ge- legenheitsverbrecher begingen zuweilen solche Torheiten. Auf jeden Fall muß ich nachsehen! dachte der gewissenhafte Mann und begab sich ins Freie. Er sing mit der Suche weit draußen an, wo nur Gras und Kies war, pirschte sich dann immer näher an die Hauswand heran, schließlich waren nur noch die Fliesen übrig — Nichts. Er streichelte an seinen Kinnstoppeln herum, überflog noch mal die ganze Gegend mit den Blicken, und dabei kam ihm ein neuer Einfall. (Fortsetzung folgt.)


