llr.HO Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)
Mittwoch.30.Juni (937
Nicht Fürsorge, sondern Vorsorge!
HZ -Sozialreferenten tagten auf dem Gleiberg.
Eine der wichtigsten Aufgabenkreise, die die Hitler- Jugend übernommen hat, ist die soziale Betreuung der Jugendlichen. Auf dem Gebiete der Sozialarbeit läßt sich ganz besonders der Gesinnungswandel erkennen, der durch die nationalsozialistische Revolution eingetreten ist. Während es vor 1933 den beteiligten Stellen nur darauf ankam, soziale Nöte und Härten zu mildern, d. h. die aufgetretenen unerwünschten Krankheitsherde im Volkskörper nach Möglichkeit zu beseitigen, legt der heutige Staat und ganz besonders die Hitler-Jugend Wert darauf, jene unerwünschten Krankheits'erscheinungen im Keime zu ersticken, sie erst gar nicht zur Auswirkung kommen zu lassen.
Dieser Grundgedanke kam bei allen Referaten zum Ausdruck, die bei der Arbeitstagung der Sozialreferenten der Gefolgschaften und der Referentinnen der BDM.-Gruppen am vergangenen Sonntag auf dem Gleiberg gehalten wurden. Rund 50 Referenten und Referentinnen des Bannes und Untergaues 116 hatten sich auf dem mit der HJ.- Fahne geschmückten Gleiberg eingefunden zu dieser Arbeitstagung, die unter der Leitung des Sozialstellenleiters des Bannes 116 stand. Im Gedenken an den Führer wurde die Tagung eröffnet. Dann berichtete Oberscharführer K. L. Müller über die soziale Arbeit im Bann 116. Im Anschluß daran gab der Sozialabteilungsleiter des Gebietes Hessen- Nassau, Unterbannführer Becker, die Ausrichtung der bevorstehenden Sozialarbeit bekannt. Aus beiden Referaten ging deutlich der große Aufgabenkreis und die ungeheure Verantwortung hervor, die die HI. und der BDM. unter dem Motto „Haltet die Jugend gesund" auf sich genommen haben. Vor allen Dingen darf die Sozialarbeit nicht von dem Gedanken des „Mitleides" getragen sein. Denn dann müßte sie als F ü r s o r g e arbeit angesehen werden. Wenn aber die Sozialarbeit als Vorsorge im nationalsozialistischen Sinne angesehen sein will, muß sie als Erziehungsarbeit erkannt werden. Damit werden die Sozialreferenten selbst aktive Führer, die in ständiger Verbindung zu Jugend, Schule und Elternhaus zu stehen haben.
Unter dem Gesichtspunkt des Vierjahresplanes ist der L a n d d i e n st e i n s a tz an erster Stelle zu erwähnen. Geht es doch darum, jugendliche Arbeitskräfte bei der Landarbeit einzusetzen, Nm die Ernährungslage des deutschen Volkes zu sichern. Mit diesem Einsatz will man besonders auch der bedrohlichen Landflucht zu Leibe rücken, die besonders in den Gebieten des Vogelsberges und des Westerwaldes eine starke Dezimierung der Bevölkerung verursachte.
Als weiterer wichtiger Punkt der sozialen Arbeit ist die K i n d e r l a n d v e r s ch i ck u n g zu nennen, für die in Zukunft die HI. und der BDM. verantwortlich zeichnen werden. Die sachliche Durchführung der Aktion bleibt jedoch weiterhin bei der NSV. Diese Kinderlandverschickung ist jedoch nicht die einzige Form, die Schlagkräftigkeit der jungen Generation zu erhalten. Da auch die F e r i e n g e st a l - t u n g der Jugendlichen der HI. untersteht, ist die Sozialstelle des Bannes besonders an den Zeltlagern, den Fahrten wie Hessen-Nassau - Fahrt und den Wilhelm-Gustloff - Fahrten interessiert. Diese Ferienaktion soll so ausgebaut werden, daß der Pimpf zunächst die Gemeinschaft im Zeltlager kennen lernt, dann in der Hessen-Nassau-Fahrt seine nähere Heimat erwandert und schließlich auch an Grenz- und Auslandfahrten teilnimmt.
Unterbannführer Becker betonte in diesem Zusammenhang, daß nicht nur eine körperliche, sondern auch eine charakterliche Gesundung der Jugend zu berücksichtigen sei, wobei er die Erziehungsaufgaben der Eltern klar herausstellte. Unser Ziel wird es sein, die soziale Arbeit so aufzubauen, daß Jugendgericht, Fürsorgeanstalten und andere Verfallserscheinungen verschwinden. Denn unsere Sozialreferenten und Referentinnen sollen schon vorher erkannt haben, w o die soziale Betreuung einzusetzen hat.
Ein Problem der Jugendhilfe steht in diesem Jahre im Vordergrund der sozialen Arbeit, die Heimbeschaffungsaktion. Das HI. - Heim soll wirklich ein Heim für die schaffende Jugend sein, um die Gefahren des Wirtshauses und des Herumlungerns auf der Straße aufzufangen. Letzten Endes ist nicht nur die Jugend zu betreuen, die in
Aus -er Stadt Gießen.
Juli — Monat der Neife!
Die Tage des Blütenwunders sind vorbei. Wohl duften in den Gärten noch üppige Rosen und am Feldweg nicken die blauen Blüten der Glockenblumen, aber der bunte Farbenrausch verströmender Lebenslust ist dahin, und wo noch vor kurzem die Hingabe an das Dasein glänzende Feste feierte, ist j^tzt die Stille der hoffnungsfrohen Erwartung eingekehrt. Dieser Erwartung jedoch bringt der Juli mit seinem heißem Atem jene Erfüllung, aus der die herrlichste Fruchtbarkeit quillt.
Für die Stadt sind die Tage des Juli nicht immer verlockend. Aber draußen, im Bezirk der wogenden Felder, auf Aeckern und Wiesen, vollbringt die Wärme wahre Wunder, die nicht weniger geheimnisvoll sind, wie alle anderen Wunder atmenden Lebens. Die Sonne führt überall zwischen Blättern, Sträuchern und Halmen neues Werden der Reife entgegen, von dessen glücklicher Vollendung wir alle den' Segen verspüren werden.
Der Landbevölkerung bringt der Juli die hohe Zeit des Sichregens und Mühens. Der Arbeitsertrag des ganzen Jahres reift auf den Felbeln heran, er will umsorgt und gehütet sein. Da aber die Sicherheit der Ernte von mancherlei Einflüssen der Witterung und anderen Erscheinungen des Naturgeschehens abhängig ist, nimmt es nicht wunder, daß auch heute noch im Volksglauben vielfach die unsichtbaren Naturdämonen ihren Platz behaupten. Sie treten uns in den Erzählungen von der Roggenmuhme, in den Mythen vom Kornmännlein und Feuermännchen entgegen, und finden sich nicht zuletzt wieder in den Fruchtbarkeitsriten, mit denen fast in allen deutschen Landschaften die letzte Garbe von den Feldern als Kornmutter oder Kornalter heimgebracht wird.
Die Spruchweisheit der Bauernregeln kennzeichnet die Bedeutung des Juli für die Erntö: „Im Juli muß vor Hitze braten, was im September soll geraten." Was den Zeitpunkt der Ernte betrifft, so heißt es darüber: „Die erste Birn' bringt Margaret (20.), drauf überall die Ernt' angeht." Für die Witterung aber wird gesagt: „Werfen die Ameisen am Annätag (26.) höher auf, so folgt ein strenger Winter drauf." Im übrigen fällt noch in den Juli der Beginn der Hundstage (24.), die im allgemeinen die heißeste Zeit für den europäischen Kontinent bringen.
Der Monat der Reife aber ist für die Stadtbewohner auch der Monat der Reisezeit und des plätschernden Vergnügens am Badestrand. Und wenn wir uns der lästigen Kleidung entledigen, um im Badeanzug die kühle Flut aufzusuchen, oder um die wohltätige Einwirkung der Sonnenstrahlen auf den Körper zu verspüren, so ist in uns ein Gefühl der Sympathie für diesen Monat, der Sommerfreuden in reichlichem Maße für uns bereithält.
H. W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Verräter".
Amt für Dolkswohlfahrt, Ortsgruppe Gießen-Süd.
Am Donnerstag, 1., Freitag, 2., und Samstag, 3. Juli 1937 findet im Bereich der Ortsgruppe Gie- ßen-Süd die Lebensmittel-Opferringsammlung durch die NS.-Frauenschaft statt. Die Einwohnerschaft wird gebeten, die Spenden für die Monate Juli und August bereitzuhalten, da infolge der Ferien die August-Sammlung ausfällt.
Das Glück aus dem Kasten.
Der Erfolg der Arbeitsbeschaffung und damit auch der Reichslotterie für Arbeitsbeschaffung äußert sich bereits in den eigenen Reihen der Glücksmänner. Waren unter den 5000, die mit ihren Kästen das Glück ins Land tragen, noch im Winter jüngere Gestalten zu finden, fo sind heute fast nur mehr
ältere Semester, manche mit ergrauten Bärten unterwegs. Doch die Alten wissen, was Pflichterfüllung heißt und ihr Arbeitstag geht erst zu Ende, wenn ihr Glückskasten leer geworden ist.
Es sind stattliche Summen, die unsere Glücksmänner bei Arbeits- und Winterhilfe-Lotterien schon ausbezahlt haben. Zehnmal 10 000 Mark, achtzig- mal 5000 Mark, dreißigmal 2000 Mark und fünfhundertfünfundzwanzigmal 1000 Mk. wurden schon aus ihren Kästen gezogen und die schöne runde Summe von 500 Mark wurde von 3430 Glücklichen gewonnen, zählt man nur diese 4075 Haupttreffer zusammen, so ergeben sich über 2% Millionen Mk., die verteilt worden sind. An mittleren und kleinen Gewinnen wurde fast das siebenfache, das find über 18 Millionen Mark, ausgefpielt.
Wenn wir daher unseren Glücksmann aus der Versammlung seiner Käufer heraus rufen hören: „Ein Freilos, Eine Mark, Fünf Mark..fo muffen wir nur die nötige Ausdauer haben. Der große Treffer wird auch bei ihm einmal kommen, denn unsere Alten wollen doch auch die Freude haben, Glücksmänner im wahren Sinne des Wortes zu sein.
3ur Hundertjahrfeier der Gießener Vealanstalten.
Wie uns berichtet wird, sind die Vorbereitungen zu dem großen Wiedersehensfest nunmehr abgeschlossen. Don auswärts liegen viele Anmeldungen ehemaliger Schüler vor. Es kann nach Mitteilung der
Direktionen vorgekommen sein, daß ein ehemaliger Schüler in Gießen eine Einladung bekommen hat und sein Nachbar und Klassenkamerad nicht. Im letzteren Falle ist eben leider der Direktion die Anschrift des Betreffenden nicht bekannt geworden. Niemand möge sich zurückgesetzt fühlen. Die herzliche Einladung zur Teilnahme ergeht hiermit nochmals an alle ehemaligen Schüler der beiden Anstalten, einerlei wie lange sie der Schule und welchen Klassen sie angehört haben.
Bürgermeisterversammlung in Gießen.
Am kommenden Dienstag veranstaltet die Kreisabteilung Gießen der Landesdienststelle Hessen- Hessen-Nassau im Deutschen Gemeindetag eine Bürgermeisteroersammlung im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes am Brandplatz. Dr. Finger vom Rassepolitischen Amt der NSDAP, für den Gau Hessen-Nassau wird über Erbgesundheit und Rassenpflege, insbesondere über die Mitwirkung der Bürgermeister bei den staatlichen Maßnahmen sprechen. Ferner wird Verwaltungsinspektor Scheid über die finanzielle Lage der Gemeinden berichten.
Hessische Trachtengruppe im Spiegel des Auslandes.
NSG. Vor kurzer Zeit weilte (wir berichteten mehrfach darüber) im Auftrage der NS.-Gernein- fchaft „Kraft durch Freude" eine Trachtengruppe aus unserem Gau unter der Leitung von Georg Heß-Leihgestern als Vertretung Deutschlands in
den Reihen der HI. steht, sondern auch noch die Ab« seitsstehenden.
In einer anschließenden Aussprache wurde auf weitere Fragen der sozialen Arbeit eingegangen, so auf die Urlaubsregelung, die soziale Lage der Jungbauern und Jungbäuerinnen, Reichsberufswettkampf, die Arbeit in der Kreisjugendwaltung usw.
Schließlich wurde am Vormittag noch auf die neu eingeführte Sozi al karte hingewiesen, auf Grund deren Angaben der Sozialstellenleiter jederzeit weiß, welche Jungen und Mädel zu betreuen sind und welche Ansatzpunkte für die Betreuung vorhanden sind.
Nach dem gemeinsam eingenommenen Mittagessen fanden zwei weitere Referate statt. Sa sprach Uni» versitätsprofessor Bley in einer groß angelegten und mit Beifall aufgenommenen Rede über den deutschen Sozialismus, wobei er den liberalistischen Jdeengängen der „großen" französischen Revolution und den jüdischen Phraseologien eines Karl Marx die nationalsozialistischen Gedanken einer auf Blut und Boden begründeten Volksgemeinschaft gegen» überstellte. Schließlich ist noch das ausgezeichnete Referat von Dr. Wagenbach zu nennen, das die Zusammenarbeit von Sozialstelle und Arbeitsamt besonders unterstrich. In erster Linie ist hier die Berufsberatung zu nennen, die nicht nur Auskunftserteilung, sondern auch Vermittlungsstelle sein soll. Dabei ist besondere Rücksicht auf den Ausgleich zwischen nachwuchsarmen und übersetzten Berufen zu achten, so daß eine gewisse Führung der jugendlichen Arbeitskräfte notwendig ist. Um Neigung, Fähigkeit, Charakter festzustellen, werden Eignungsprüfungen vorgenommen. Dabei wird auch das Zusammensein mit anderen Jugendlichen in der Gemeinschaft der HI. und des BDM. berücksichtigt, so daß sich ohne weiteres ein enges Zusammenarbeiten des Arbeitsamtes mit der HI. ergibt. So werden die beim Arbeitsamt vorgetragenen Elternwünsche und Berufsneigungen der Jugendlichen in Einklang gebracht mit den Sacherfordernissen der Wirtschaft und den Belangen der HI.- und BDM.- Führung.
Der Leiter der Arbeitstagung dankte den Referenten für ihre aufschlußreichen Worte und schloß in der üblichen Weise die vom hohen Einsatzwillen getragene Sommertagung der Sozialreferenten und Referentinnen des Bannes und Untergaues 116.
Hk.
Aix-Les-Bains (Frankreich). Zu diesem Besuch brachte die französische Tageszeitung „Le Petit Dauphinois" einen interessanten Abschiedsartikel mit der großen Überschrift „Das entzückende „Au Revoir" der deutschen Gruppe". Es heißt darin u. a : „Die deutsche Gruppe aus Hessen-Nassau, die im Verlauf dieser schönen Tage den Vogel abgeschossen hat, veranstaltete, bevor sie uns verließ, unter den alten Mauern des Grafenschlosses von Aix- Les-Bains ein Morgenständchen. Es war eine improvisierte, sehr herzliche Kundgebung. Diese freiwillige Tat der deutschen Jugend, die Bande wieder zu festigen, die einst gelockert waren, fand rasch die Herzen der Bewohner von Aix, die sich schon früh;auf dem Rathausplatz versammelt hatten. Als letztes Andenken an die verlebten Festtage fang die deutsche Gruppe mehrere Lieder. Dann gab Herr
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Kamps um das „Dach der Wett".
Aus derGeschichte der Himalaja-Besteigungen
Seit etwa hundert Jahren ist der Himalaja, das „Dach der Welt", in den Blick der europäischen Welt getreten, seit über 50 Jahren wird um seine bergsteigerische Erschließung gerungen. 1841 vollendete der englische Ingenieur und Leutnant Sir George Everest, der mit der trigonometrischen Vermessung Indiens beauftragt war, die indische Meridianmessung. Ihm zu Ehren nannte sein Nachfolger den höchsten Gipfel des Himalajamassivs, den 8880 Meter hohen Gaurisankar, Mount E v e - re st. Die tibetanischen Priester nennen diesen Berg die „Gottesmutter der Erde" und glauben, daß diese Gottesmutter kein menschliches Wesen jemals in das Gebiet ihres ewigen Schweigens lassen wird. Bisher haben sie recht behalten, doch kühner Forschergeist macht vor der abergläubischen Furcht der Eingeborenen so wenig Halt wie vor den wirklichen Gefahren und Schrecken des Berges. Die Kette der Opfer mag noch so lang werden, immer wieder ziehen die Besten und Tüchtigsten zu neuem Angriff aus.
Im Jahre 1883 unternahm der Engländer M. B. Graham als Erster einen Versuch, den zweithöchsten Gipfel des Himalaja, den Kant schenb- s ch ö n g a , mit feinen 8578 Meter zu ersteigen. Doch mußte er unverrichteter Dinge umkehren. Nicht besser ging es 1890 dem Deutschen Karl Böck, der von Sikkim und Nepal aus den Aufstieg versuchte. Lawinen forderten am Kantschendschönga das erste Menschenopfer im Jahre 1905, als der Schweizer Bergsteiger P a ch e dort sein Leben lassen mußte. Auf neuen Wegen versuchten die beiden Norweger Rubenssohn und Aas den Aufstieg. Sie waren auf ihrer Expedition mehr von Glück begünstigt, mußten aber' auch umkehren, ohne den Gipfel erreicht zu haben. In bie Höhe von 7500 Meter gelangte im Jahre 1909 zum ersten Male Prinz Ludwig Amadeus von Savoyen, der Herzog der Abruzzen, der sich vorher besonders als Polar- und Afrikaforscher einen Namen gemacht hatte. Er erreichte die Höhe auf dem Bride Peak, den vor ihm noch niemand bezwungen hatte.
Seine Leistung blieb eine lange Reihe von Jahren unübertroffen — aber auch unnachgeahmt. Erst nach einer langen Pause setzte in den zwanziger Jahren wieder eine neue Serie kühner Angriffe von verschiedenen Seiten und auf verschiedene Gipfel ein. Im Jahre 1924 überschritten Menschen zum ersten Male die Höhe von 8000 Meter. Es waren
die beiden Engländer Norton und Somerell, die bis 8534 Meter kamen, ihre Kühnheit aber mit dem Leben bezahlen mußten. Das gleiche Schicksal teilten die Engländer Mallory und Irvine, die auf einer größeren Expedition zuletzt ungefähr zwischen 8500 und 8600 Meter gesehen wurden, dann aber spurlos den Blicken der Lebenden entschwanden. Die Expedition des Deutschen Paul Bauer aus München auf den Kantschendschönga im Jahre 1929 hatte sehr schöne bergsteigerische und wissenschaftliche Erfolge zu verzeichnen, und eine zweite Expedition Bauers 1931 gelangte bis auf 7925 Meter, mußte hier aber vor einer etwa 150 Meter hohen Steilwand umkehren. Bei dieser Expedition stürzte der Münchener Bergsteiger Hermann Schalter in eine Gletscherspalte tödlich ab.
Wiederum ein Deutscher, Günther Dyren- furth, war es, der im Jahre 1930 den Pongong Peak mit einer Höhe von 7500 Meter bezwang. Ein Jahr danach erreichte ein Mitglied der Dyren- surth-Expedition, der Engländer Frank I. Smithe, den Kämet mit 7800 Meter Höhe. Ein ganz neuer Versuch war die Flugexpedition der Lady Houston, die mit Flugzeugen unter der Leitung von Lord Clydesdale und F. P. M. Fellowes mehrmals einen Gipfel des Himalaja überflog. Der Gipfel war zwar nicht, wie die kühnen Flieger geglaubt hatten, der Mount Everest, sondern, wie sich später herausstellte, der etwa zwölf Kilometer davon entfernte und 400 Meter niedrigere Mukalu.
Unter den dreizehn Gipfeln des Himalaja, die 8000 Meter überragen, gilt als einer der schwierigsten, ja vielleicht als der schwierigste Berg der Erde, der 91 an g a Parbat mit seinen ungeheuren steilen Eiswandabfällen, den sich deutscher Bergsteigerwille als besonderes Ziel erkoren hat und dem im Lause der letzten sechs Jahre drei große Expeditionen gewidmet worden sind, die beiden letzten mit fo tragischem Ausgang. Wie erinnerlich, mußte die Expedition von 1934, die das Leben von Willy Merkl, Wieland und Welzenbach kostete, nur 200 Meter unter dem Hauptgipfel in einer Höhe von 7895 Meter umkehren. Doch von dieser Expedition sind so hervorragende Messungen, Karten und Aufnahmen hergestellt worden wie nie zuvor, so daß der wissenschaftliche Ertrag für alle Zeiten unver- loren ist. Heber die näheren Umstände beim Untergang der letzten Expedition wird erst die nächste Zeit uns 'Kunde geben. Aber das wissen wir heute schon, daß auch diese deutsche Tat ein unvergängliches Ruhmesblatt in der Geschichte des Kampfes um den Himalaja bleiben wird. C. K.
Der Tramp.
Man läßt sich treiben, wohin es geht. Morgens weiß man nicht, wo man am Abend landet.
Man ist Landstreicher, Vagabund, Tramp — und man erlebt. Ein richtiger Landstreicher bin ich nicht. Tramp, das ist alles. Ich bin vornehm. Ich fahre nur Auto und Eisenbahn. Umsonst — versteht sich.
*
Morgens stehe ich auf. Nicht früh, und doch immer früh genug, denn mein Tag ist lang, und der Sommer ist noch länger. Dann gehe ich fort aus der großen Stadt. Bis dorthin, wo die große graue Landstraße beginnt. Oder bis an eine Bahnschranke. Oder bis dahin, wo irgendwo irgend etwas den schnellen Gang der vorübergleitenden Wagen hemmt. Dann lege ich mich in die Sonne und freue mich am Gesang der Vögel, am Grün der Bäume, am schönen Wetter — am Leben. Manchmal esse ich aus Langeweile Aepfel. Sie wachsen auf den Bäumen, die in endloser Reihe die glatte Asphaltstraße auf beiden Seiten einfaffen und weit hinten immer kleiner werden, fo daß man meint, Bäume und Straße würden weit am Horizont in einem Punkte Zusammentreffen.
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Ich warte. Warte, bis ich keine Lust mehr habe zu warten; dann stehe ich auf und winke, und ein eleganter Adler hält. Oder ein Ford, ober ein Mercedes, ober irgenbein anberer. Einmal war es ein Packarb. Sehr elegant. Unb ber Herr ist freunb- lich. Wir fahren weit. Ungefähr 200 Kilometer. Wie ich ausfteige, bin ich in Zürich. Zürich ist schön. Sehr schön ber See. Aber balb ist es bunkel, ba gehe ich weiter. Ich gehe über eine lange Lanb- straße. Links unb rechts finb Felber. Auf einem stehen noch Garben. Einige werben quer gelegt, an- bere barüber gestellt, unb mein Bett ist fertig. Die Jacke knöpfe ich zu, ber Leibriemen wirb gelockert, unb ich lege mich hin. In einer Hosentasche finbe ich noch ein Stück trockenes Brot. Es ist hart wie Stein, aber bas ist gut so; benn ich kann lange baran lutschen. Dann schlafe ich ein. Unb ich schlafe fest. —
So ging's ben ganzen Sommer. Ich habe gehungert unb schöne Stäbte, Kirchen unb Häuser gesehen. Ich war satt unb habe mich gefreut. Ich habe im Straßengraben geschlafen unb auf ber Bank im Park, in ber Herberge unb im Hotel. Ich habe um ein Stück Brot gebettelt unb im Hotel gegessen. Ich habe bem Heute gelebt unb an Morgen nie gebucht. Mein Leben war roilb unb ungeregelt, aber interessant unb spannenb, oft wie ein
Roman. Nun ist Winter. Ich bin zu Haufe. Aber wenn bie Schwalben roiebertommen, wenn bis Sonne lacht, bann kommt es roieber. Dann packt mich bas große Fieber, unb ich muß roieber hinaus in bie Welt, in bas große Erleben ... isk.
Ein Kopf für 125 Mark.
Auf feinen Reisen im Herzen Borneos hatte H. F. Tillema Gelegenheit, einen sehr vornehmen Dajak-Häuptling zu photographieren und von ihm, der ein großer Kopfjäger war, einen ber 59 Köpfe zu erwerben, bie er in feinem Hause hatte. Er erzählt davon Näheres in der Frankfurter Wochenschrift „Die Umschau". Man sieht ben Häuptling im Silbe, wie er einen seltsamen Kriegshut aus geflochtenem Rohr auf bem Kopfe trägt. Aus dem Hut ragen zahlreiche lange Schwanzfedern des mythischen Nashornvogels hervor. Er trägt einen Kriegsmantel, der mit Nashornvogelfebern geschmückt ist, und auf das neben ihm stehende große Schild sind Augen gemalt, bie gegen bas „böse Auge" schützen sollen. Auch Menschenhaar ist baran befestigt, bas „eine reinigende Wirkung" hat. In ben Griff des Schwertes find magische Figuren mit bem Messer eingeschnitten, ber Kriegshut ist mit farbiger Korallenarbeit geschmückt. An Armen unb Waden trägt er Ringe aus sehr starken Pflanzenfasern, bie auch mit Aluminiumblech von abge» bankten Kochgeräten ber Solbatenkefsel geschmückt finb. Der Dajak kennt keine Edelmetalle, und er nennt das Aluminium „Silber". Dagegen kennt er den „Reichstaler" (ungefähr 4 Mark) als Münze, unb er weiß für feine Kostbarkeiten sehr gute Preise zu berechnen. Ein gutes Schwert kostet 80 bis 125 Mark und mehr, ein Kriegshut 85 Mark unb ein Kopf ungefähr 125 Mark. Dabei ist es aber sehr schwer, einen solchen Kopf von einem Dajak zu erwerben. Nur baburch, baß Tillema bem Häuptling einen wichtigen Dienst erweisen konnte, gelang es ihm, von ihm einen solchen Menschenschäbel für ein Museum zu erwerben. Als er mit seinem Vorschlag herauskam, sah ihn ber Häuptling zwar an wie ein Mann, ber Zahnschmerzen hat, aber bie Höflichkeit gestattete ihm nicht, bie Bitte abzuschlagen. So burfte Tillema sich einen Kopf aussuchen, unb ber gewählte mürbe losgemacht unb braußen an bem Hausgiebel aufgehängt, fo baß er bas ganze Dorf übersehen konnte. Auf bie Frage, was biefe Hanb- lung bebeiUen sollte, erklärte er: „Der Kopf geht weg, weit weg, übers Meer, ganz weit weg, unb kommt nie zu seinen Freunden zurück. Nun verabschiedet er sich auf immer von Freunden unb Umgebung."


