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Nr.M Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzetger für Oberhessen)

Mittwoch, 50. Juni |937

Muttiere im Heeresdienst.

Von Oberstleutnant a. O. Benary.

(afp) Hell tönt das Lied zum Preise des Pferdes als des treuesten Kampfgesellen des Menschen im Tanze der Waffen durch die Jahrtausende. Don dem Maultier, dem bescheidenen Sprossen des Pferdegeschlechtes, schweigt es, und doch hat sich das Maultier nicht minder aufopferungsbereit in den Dienst des Kriegsgottes gestellt. Freilich nicht alle Gaue, nicht alle Völker kennen es als Kriegskame­raden. Es ist ein Kind des Gebirges der warmen Länder. Ihre Bewohner wissen es von altersher als Last- und auch als Reittier in Friedens- und in Kriegszeiten zu schätzen.

Schon Homer berichtet, daß Maultiere vor Troja das Holz zum Scheiterhaufen des Patroklos herbei­schleppten. Die Perser und Römer spannten Maul­tiere vor ihre Troßwagen. Die neue Zeit kann sie bei den Gebirgstruppen nicht entbehren. Die M i t t e l m e e r l ä n d e r : Italien, Spanien und Frankreich gingen voran. Dort wird das Maultier in weiten Landstrichen gezüchtet, dort fand es und fein Vetter, der kleinere Maulesel, bei den Ge­birgsjägern und bei der Gebirgsartil­lerie bereits vor dem Weltkrieg ausgiebig Ver­wendung. Jeder deutsche Vogesenkämpfer kennt die französischenEselbatterien", denen kein Gipfel zu hoch, kein Hang zu steil war, die auftauchten, wo kaum eines Menschen Fuß sich hintraute. O e st e r - reich und die Schweiz verwende ebenfalls seit Jahrzehnten Maultiere bei ihren Gebirgstrup­pen, Süd- und Nordamerika haben die Maultierzucht in großem Umfang ausgenommen. Die amerikanischen Regimenter brachten dement­sprechend zahlreiche Maultiere mit über den Ozean, die vor ihrer Rückkehr in die neue Welt zum größ­ten Teil verkauft wurden und damit in Massen in die deutsche Wirtschaft und Landwirtschaft gelangten. Noch heute ist aller Motorisierung zum Trotz ein Teil des amerikanischen Heerestrosses mit Maul- ' tieren bespannt.

In Deutschland ist in neuerer Zeit das Maultier nur vereinzelt gezüchtet worden. Das deutsche Heer hat zuerst wieder im südwest- afrikanischen Feldzug auf im Ausland an­gekaufte Maultiere zurückgegrisfen und mit ihnen im gebirgigen Gelände der Kolonie günstige Er­fahrungen gemacht. Im Mutterland verfügte es in der Vorkriegszeit über keine Gebirgstruppen und somit auch nicht über Maultiere. Erst im Laufe des Weltkrieges schritt man zur Aufstellung von für den Gebirgskrieg ausgestatteten und ausgebil­deten Verbänden, denen neben Kleinpferden Maul­tiere zum Tragen der in einzelnen Lasten zerlegten Geschütze, von Maschinengewhren, Munition, Nach­richtenmitteln, Kochkisten, Sanitätsmaterial und Ge­päck zugeteilt wurden.

Der Kriegsveterinärbericht kann die Maultiere nicht laut genug loben. Es heißt in ihm unter ande­rem:Das Maultier ist äußerst genügsam. Es kommt mit zwei Dritteln der üblichen Futterratio­nen für Pferde aus. Es frißt ,alles', leider auch Anbinderiemen, Halfter, Sattelzeug und selbst die Kleidungsstücke der Mannschaft. Es ist zufrieden, wenn es im Sommer zweimal und im Winter ein­mal getränkt wird. Es ist unempfindlich gegen Witterungseinflüsse und äußerst widerstandsfähig gegen Krankheiten. So gingen beim Karpathen­übergang von Siebenbürgen nach Rumänien bei einer Artillerieabteilung 20 Pferde, aber nur ein Maultier, das bereits 30 Jahre zählte, an Erschöp­fung ein. Das Maultier ist bei liebevoller Be­handlung gutartig und neigt meist nur in Krank­heitsfällen und bei Hufbe'schlag zu Widersetzlich­keiten. Es klettert geschickt über Steine und ab^e- schossene Baumstämme, Wurzeln und andere Hin­dernisse hinweg. Beim Absteigen auf steilen, glatten Wegen setzt es sich aus die Hinterhand und rutscht einem Hunde gleich den Hang hinunter, indem es

Wehr und Waffen.

die Vorderbeine als Steuer und Bremse benutzt. Gerät es auf schmalen Pfaden in der Dunkelheit mit seiner schweren Last ins Gleiten, so findet es in den meisten Fällen mit den Vorderbeinen doch noch einen festen Halt am Wegrande. Die Aus­bildung der Mulis beschränkte sich darauf, sie daran zu gewöhnen, beim Verlosten und Entlasten ruhig zu stehen, die Berge im langen, ruhigen Schritt zu erklimmep. Meist fanden die Mulis den gangbarsten Pfad besser als ihr Führer, besonders wenn das Gelände mit Schnee bedeckt und die Wege schwer zu unterscheiden waren. Auf zer­klüfteten und verschneiten Pfaden tastete das Maul­tier erst vorsichtig mit einem Fuß in den Schnee und suchte sich einen sicheren Halt, ehe es auftrat."

In der Nachkriegszeit hat besonders das ita­lienische Heer dem Maultier seine Aufmerk­samkeit zugewendet. Die italienische Militärzeitschrift Rivista di Fantasia" berichtete voller Stolz, daß Italien in der Maultierzucht dank der Unterstützung der Maultierhaltung durch die Regierung nicht nur in den Gebirgsprovinzen der Nordgrenze, sondern auch in den Ebenen am Po und im Süden des Landes jetzt hinter Spanien an zweiter Stelle stehe. Den Lohn hat es im abessinischen Feld­zuge davongetragen. Das Maultier hat in Ver­bindung mit dem Kraftfahrzeug alle Nachschub­schwierigkeiten überwunden. 13 000 Lastkraftwagen und 87 000 Maultiere waren zum Schluß auf den Kriegsschauplätzen im Norden und Süden eingesetzt. Von den 10 000 Tragtieren, die zur Schlacht bei Enderta zusammengezogen waren, wurden 1000 sogleich nach Beendigung der dortigen Kämpfe auf

Lastkraftwagen verladen und nach Adua zum Ein­satz in der Provinz Schire gefahren. Ein Teil der Maultiere stammte aus Südafrika, da die im schwarzen Erdteil geborenen Tiere gegen die Pferdesterbe besser gefeit sein sollen als ihre euro­päischen Artgenossen.

Die kleine Gebirgstruppe des Retchsheeres hatte aus den Kriegsbeständen einen guten Stamm Maultiere herübergerettet, der ihr noch jahrelang wertvolle Dienste leistete, denn das Maultier ist langlebig. Mit drei Jahren, während das Pferd noch auf der Weide weilt, kann man es in Ge­brauch nehmen und noch mit 25 Jahren, wenn das Pferd längst die Höhe seiner Leistungsfähigkeit über­schritten hat, tut es seine Pflicht. Ihr Ersatz stieß und stößt auch heute noch im Inland auf Schwierig­keiten und muß größtenteils im Ausland gedeckt werden. Man sucht daher neuerdings die Maultier­zucht in Deutschland wieder zu beleben. Man will in einigen Haupt- und Landgestüten Eselhengste aufstellen und ihnen auch staatliche Stuten zuführen.

Wer während seiner sommerlichen Ferien Ge­legenheit hatte, Manöver unserer Gebirgsartille­risten zu verfolgen, wird an ihren unverdrossenen, langohrigen Kameraden seine Freude gehabt haben. Er wird sich auch überzeugt haben, daß das Maul­tier zu Unrecht als dumm verschrien wird. Er wird gleich mir auf mancher Almhütte Maultiere kennen- gelernt haben, die alltäglich ohne Begleitung den Weg hin und zurück zum nächsten Dorf oder zur nächsten Poststelle machen und dabei gewissermaßen selberBesorgungen erledigen".

Der Feind hört mit!

Von Oberstleutnant a. D. Dr. Oähne.

Laß nie durch einen Fernspruch dich aus der Ruhe bringen, denk immer an den Kernspruch des Götz von Berlichingen." So kündete im Weltkriege gelegentlich ein Schild in den großen Fernsprech­zentralen der oberen Kommandostellen. Und, wer einmal den Betrieb in einem solchen Raum mit­erlebt hat, wird diesem, vielleicht nicht ganz militä­rischen, Smnspruch eine gewisse psychologische Be­rechtigung nicht abstreiten können: Ein unüber­sehbares Gewirr von Drähten, an Decken, Wänden und Boden, das in Klappenschränke einmündete. Vor ihnen saßen Soldaten, zwei Hörer über den Kopf geschnallt und stöpselten.Ich verbinde" wird noch gesprochen"Ich trenne"Ja­wohl, die Verbindung kommt gleich", dazwischen Anfragen verschiedenster Art, das Klappern der Stöpsel, ein Hexensabbath von durcheinander. Und doch mußte jeder der Fernspruchmänner eisern die Nerven behalten und seine Pflicht tun. Eine Verzögerung, eine falsche Verbindung, konnten von unübersehbaren Folgen lein.

Das Nervensystem der Truppe.

Dennoch, wenn man diesen Betrieb vor zwanzig Jahren mit dem Arbeitsgebiet unsrer heutigen Nach­richtenabteilungen vergleicht, so ist das ein Unter­schied wie Tag und Nacht. Es ist ein altes, aber sehr einleuchtendes Bild, die von den Kommandostel­len zu den Truppen führenden Drähte, und heute auch Wellen, zu vergleichen mit den Nervensträn­gen, die vom Gehirn des Menschen zu de.n Organen führen und erst deren Betätigung auslösen. Aber wie weit verzweigt und wie fein sind diese moder­nen Nachrichtenverbindungen geworden. Sie dürfen nie abreißen, sollen nicht die Glieder, die Truppe, vielleicht nie wieder gutzumachenden Schaden er­leiden. Man sieht es den Männern von den Nach­richtenabteilungen an, ihren Gesichtern, ihren Augen, daß sie es gewöhnt sind, sich mit Wissenschaft und Feinmechanik zu beschäftigen, daß sie Wissen und Können besitzen, um, was Menschengeist er­

funden hat, im Dienst für Volk und Vaterland e'in- zusetzen.

Da steht ein Gespann, das aussieht wie ein Munitionswagen der Artillerie. Der Hinterwagen ist abgehängt, an der Dorderwand aufgeklappt, und man schaut auf verschiedenfarbige Hebel, Knöpfe und Drähte. Eine Stange wird zusammengesetzt und am Wagen befestigt. Von der Spitze dieser Antenne" führen Drähte herunter an das Schalt­brett, vor dem bereits zwei Leute, unter einer Zeltbahn getarnt, sitzen, die Kopfhörer umgehängt. Spruch von der Division", ruft ein Offizier. Ein Melder kommt angeschossen, liest das empfangene Schriftstück.laut vor, damit sich kein Mißverständnis einschleicht und übergibt es am Wagen. Einige Hebel schnarren, eine Taste klappert, der Wille des Divisionskommandeurseilt durch den Aether", und wird von der irgendwo an der Front stehenden Ge­genstation aufgefangen. Der erforderliche Strom für den Sender wird durch einen Mann auf einer sinnreich konstruierten, einem Fahrrad ähnlichen Tretmaschine erzeugt.

So sieht der Betrieb eines derkleinen Funktrupps" unserer Nachrichtenabteilungen aus. Sie begleiten die Jnfanterieregirnenter auf dem Vormarsch und sind deshalb mit Pferden (vierspännig) bespannt. Die Nachrichtenabteilung einer Division ist nämlich teilmotorisiert, d. h. die Funkkompanie hat zwei motorisierte und einen bespannten Zug, während die Fernsprechkompanie über zwei motorisierte und zwei (sechsspännig) bespannte Züge verfügt.

Funk und Motor.

Da fahren auch schon die großen, geländegän­gigen Kraftwagen, ähnlich den Bauwagen der Reichspost, mit ihren Funktrupps auf. Sie können senden und empfangen, sogar während der Fahrt. Denn sie haben eine eingebaute Antenne, die ihnen das ermöglicht, wenn die Straße nicht gar ZU schlecht ist und das Fahrtempo ermäßigt wird. Um ihre Reichweite vergrößern zu können, besitzen

auch sie einen Mast, der an oder neben dem Wagen emporgekurbelt wird, und so die Antenne erhöht. Im Wagen selbst befindet sich eine geheimnisvolle Apparatur, die ruhig und selbstverständlich bedient wird. Da sitzen die Funker, ferner die Leute, die verschlüsseln und entschlüsseln. Denn kein Funk­spruch darf im Klartext gegeben werden. Das Morsealphabet ist ja international. Alles muß ver­schlüsselt werden nach einem Schema, das jederzeit gewechselt werden kann. Es gehört großes Können und strenge Gewissenhaftigkeit dazu, hier tätig zu sein. Eine Unachtsamkeit, eine Nachlässigkeit im Schreiben kann eine Meldung unverständlich, also unbrauchbar machen.

Dort drüben wieder steht ein kleiner Kraftwagen, der das Funksprechgerät enthält. Es arbeitet mit Richt st rahlen, wird von nur zwei Mann be­dient und ist für Telegraphie und Tele­phon i e eingerichtet. Wenige Umstellungen genü­gen, um eine persönliche Unterhaltung des Divisions­kommandeurs mit feinen Regimentsführern zu er­möglichen. Für die Telegraphie wird auch hier das Morsealphabet benutzt.

An allen diesen komplizierten Geräten, deren We­sen dem Laien Geheimnis bleibt, herrscht eine Si­cherheit, die die sorgfältige Ausbildung der Mann­schaften ahnen läßt. Auch das istGefechtsdrill". Jeder Handgriff muß ohne Nachdenken ausgeführt werden können und doch fitzen. Jede Betriebspause ist durch die Sorge um die Tarnung ausgefüllt. Wehe, wenn ein Flieger die Station entdeckt. An was alles aber muß sonst gedacht werden. Nicht nur die Betriebssicherheit der Wagen und des Gerä­tes ist ständig zu beobachten, auch die großen und kleinen ganz verschiedenen Sammler (Akkumula­toren) für die Funkstelle wie für die Chiffriermaschi- nen müssen selbstverständlich stets aufgefüllt fein. Das besorgen die Motoren der Wagen während des Marsches. Aber die Führer der Trupps müssen daran denken, und alles sorgfältig überwachen.

Krieg im Zrmmer.

Und das alles soll der junge Deutsche in dem einen kurzen Jahr seiner Dienstzeit lernen? Oh, noch viel mehr! Wie es gemacht wird, kann man bei einer Uebungsstunde der Fernsprechkom­panie sehen. Hier sind, da der Bau einer Uebungsleitung jedesmal viel zu viel Zeit in An­spruch nehmen würde, einfach die Wohnzim­mer der Mannschaften untereinander tele­phonisch verbunden. In einem ist die Sprechstelle des Divisionsstabes angenommen. An den Türen der anderen bezeichnen Schilder die Gefechtsstände der Infanterie-Regimenter oder der Artillerie. Und nun wird lustig von einem zum anderen telephoniert und nebenbei Taktik gelernt. Denn die Fern­sprecher müssen ja wissen, wie sich der Einsatz der Einheiten einer Division vollzieht. Das geht alles unter Decknamen, dennd e r Feind hört mit", so steht es an jedem Apparat und fordert zu ge­wissenhafter Vorsicht auf. Wie oft schon hat ein un­bedachtes Wort, eine offene Truppenbezeichnung dem Gegner wertvolle Aufschlüsse gegeben.

Was so erreicht werden kann, beweisen die Er­gänzungkompanien, die nur in achtwöchigen Kursen ausbilden. Bis zur allgemeinen Wehrpflicht standen in ihnen ausschließlich Freiwillige im Alter bis zu 35 Jahren. Der Eigenart der Nachrichten­truppe entsprechend, waren es bis zu 80 v. H. Aka­demiker, Ingenieure, Techniker, aber auch Land­gerichtsräte, Diplomaten usw. Heute befinden sich in ihnen junge Leute des Jahrganges 1914, die zum Teil nur als bedingt tauglich zu bezeichnen sind. Aber auch ihr Ehrgeiz ist es, den längerdienen­den an Diensteifer und Strammheit nicht nur gleich zu fein, sondern sie zu übertreffen. Sie werden hier neben der allgemeinen militärischen Ausbildung in der Hauptsache als Fernsprecher, zum kleineren Teil als Blinker ausgebildet.

Es sieht alles Jo einfach aus, aber wie wird eigentlich der Dienst geregelt, wenn z. B.

Stellungskrieg oder Bewegungskrieg?

Von Major a. O. von Kaiser.

Der Verlauf des Weltkrieges, der zum größten Teil in der Form des Stellungskrieges ausgekämpft wurde, hat teilweise die Ansicht auffommen lassen, es müsse auch in zukünftigen Kriegen zwangsläu­fig wieder zur Festlegung der beiderseitigen Fron­ten in durchlaufenden Stellungen kommen, d. h. der freie Bewegungskrieg werde endgültig der Vergan­genheit angehören. So heißt es in dem BuchDer Mensch und die Schlacht der Zukunft" von S o l - d a n :Der Stellungskrieg ist uneingeschränkt als die neuartige Kampffarm im Zeitalter der Mate­rialwirkung zu werten." Mit solcher kategorischen Sicherheit lassen sich aber kriegsgeschichtliche Ent­wicklungen niemals voraussagen; denn jeder Krieg ist auf anderen politischen, wirtschaftlichen, stra­tegischen und waffentechnischen Voraussetzungen auf­gebaut als der vorige. Da aber das ProblemStel­lungskrieg oder Bewegungskrieg?" tatsächlich von größter Bedeutung für die Kriegführung ist, sollen hier einmal die charakteristischen Merkmale dieser beiden Formen des Krieges und ihre Zukunftsaus­sichten rein sachlich geprüft werden.

Der Bewegungskrieg vollzieht sich im freien Raum, nur in ihm kann sich die ewig gültige Kunst der Kriegführung, an entscheidender Stelle mit Uebe.rlegenheit aufzutreten und den Feind an feinem schwächsten Punkt anzupacken und zu ver­nichten, voll entfalten. Alle großen Dernichtungs- fchlachten der Weltgeschichte, Cannae, Leuthen, Jena, Leipzig, Sedan, Tannenberg, sind durch strategische und taktische Operationen in freier Beherrschung des Geländes gewonnen worden, und zwar durch umfassenden Stoß mit möglichst starken Kräften gegen Flanke und Rücken des Feindes. Im Stel­lungskriege dagegen ist der Angreifer nicht frei in feinen operativen Entschlüssen: er muß den Feind zunächst in der Front angreifen und kann erst, wenn ihm ein frontaler Durchbruch in großer Tiefe gelungen ist, die feindliche Front nach einer oder beiden Durchbruchsflanken aufrollen und im freien Bewegungskampfe einen entscheidenden Sieg errin­gen. Aus dieser Verschiedenheit der Angriffsmöglich­keiten ergibt sich, daß im Bewegungskrieg über­legene Feldherrnkunst auch mit erheblichen Minder­heiten entscheidende Siege erfechten kann, während ein Durchbruchssieg im Stellungskriege mit anschlie­

ßendem Flankenstoß gegen eine mit allen technischen Mitteln verstärkte Stellung nur mit starker Über­legenheit an Zahl und Material errungen werden kann. In der Bewegungsschlacht bei Tannenberg konnten Hindenburg und Ludendorff mit ihrer über­legenen Strategie Den zahlenmäßig stärkeren Rus­sen eine vernichtende Niederlage bereiten, in der großen Schlacht in Frankreich im Frühjahr 1918 aber scheiterte ihr Angriff gegen die feindlichen Stellungen an der deutschen Unterlegenheit an Men­schen und Material. Das heißt, im Bewegungskriege siegt der Geist über die Materie, tm Stellungskriege aber ist auch die genialste Feldherrnkunst oft macht­los gegen die erdrückende Wucht des Materials.

Da also nur durch freie Operationen wirklich ent­scheidende Siege errungen werden können, ist es klar, daß eine schnelle Kriegsbeendigung lediglich durch den Bewegungskrieg erreicht werden kann, während der Stellungskrieg, in dem die Masse der beiderseitigen Truppen sich untätig gegen- überliegt, den Feldzug zum Schaden der kriegfüh­renden Völker verlängert. Im Bewegungskriege ist die Stimmung der Truppen, solange über­haupt noch Hoffnung auf den Endsieg vorhanden ist, trotz größter Strapazen immer freudig und zu­versichtlich, die Aussicht auf baldige Entscheidungs- fämpfe läßt seelische Kräfte in ihnen wach werden, die sie zu den äußersten Leistungen befähigen. Im Stellungskriege dagegen leiden Heer und Volk glei­chermaßen unter der qualvollen Erstarrung, -die sich lähmend auf die Gemüter legt und die auf die Dauer viel entnervender wirkt als selbst eine ver­lorene Schlacht im Bewegungskriege. Wir Deut­schen, die wir infolge unserer Einschließung am stärksten unter diesen Wirkungen des Stellungs­krieges gelitten haben und schließlich unter ihnen zusammengebrochen sind, müssen bei unserer Lage auch in Zukunft immer mit einem Kriege nach meh­reren Fronten rechnen. Wir find darum mehr als irgendein anderes Volk auf schnelle Entscheidungen durch Bewegungsschlachken angewiesen, weil mir nur so den einzigen Vorteil unserer Lage, nämlich die Möglichkeit, die getrennten Feinde nacheinander vernichtend zu schlagen ausnutzen können.

Im Weltkrieg ist es zur Erstarrung der Fronten nicht etwa zwangsläufig gekommen, weil die starke Materialwirkung die Fortführung des deutschen Angriffs verhindert hätte, sondern lediglich wegen der bekannten Führungsfehler auf deutscher Seite. Und nur, weil die materielle Überlegenheit des Feindes sich etwa die Waage hielt mit der über­legenen Führung und Kampfmoral des deutschen

Heeres, konnte es keiner von beiden Parteien ge? lingen, sich aus den Fesseln des Stellungskrieges wieder zu befreien. Dazu hat gewiß auch die ver­heerende Wirkung der im Weltkriege erstmalig in Massen auftretenoen Maschinengewehre, die mehr dem Verteidiger als dem Angreifer zugute kamen, mit bei getragen. Aber die seitherige waffentechnische Entwicklung mit ihrer Vervollkommnung und star­ken Vermehrung der Kampfwagen und der Flug­zeuge spricht durchaus zugunsten des Angreifers. Darum wird ein 'genialer Führer bei geschickter Benutzung dieser modernsten Angriffsmittel dem Feinde genau fo gut vernichtende Schläge ber­bringen können, wie es Hannibol, Napoleon und Moltke mit den Waffen ihrer Zeit getan haben. Dann aber wird sich der Stellungskrieg hoffentlich ganz vermeiden lassen, von dem Generalleutnant von Moser in seiner lehrreichen BroschüreDie Vorkriegszeit, der Weltkrieg und der Zukunftskrieg" mit Recht sagt:Er wäre tödlich für unsere mili­tärische Zukunft, für die wir vielmehr im Gegen­teil an dem von allen großen Feldherren in Wort und Tat gepredigten ewig gültigen Grundsatz fest­halten wolley, daß nur der Bewegungskrieg Ent-, scheidung bringend, der Stellungskrieg aber ein notwendiges und gefährliches liebel und immer ein Zeichen der Schwäche ist".

Das Ausland zieht ins Manöver.

Das Korn reift auf den Feldern, bald wird es in Hocken stehen, bald wird der Soldat, ohne Flur­schaden zu machen, sich im Gelände tummeln kön­nen. England hat bereits seine Karten über den Manöververlauf weitgehendste aufgedeckt. Die eng­lischen Manöver werden, abweichend von den Ge­pflogenheiten früherer Jahre, nicht auf den Trup­penübungsplätzen, sondern im Gelände um die Universitätsstadt Cambridge und die Bischofs- stadt Canterbury stattfinden. Motorisierte Ver­bände, motorisierte Kavallerie und Artillerie werden im großen Umfange zu ihnen herangezogen, in der vielfach durchschnittenen Hügellandschaft vor schwierige Aufgaben im Ausnutzen des Wegenetzes und Ueberfchreiten der Wasserläufe gestellt werden. Der leitende Manövergedanke soll die Schulung im Angriff unter neuzeitlichen Verhältnissen bei Tag und Nacht sein. Das Zusammenwirken von Infanterie, Begleittanks, Artillerie und Nebel­truppen beim Einbruch wird zur Darstellung kom­men. Die Panzerwagengeschwader sollen, gefolgt

von Infanterie und Pionieren, die auf gelände- gängigen Kraftfahrzeugen verlostet sind, den Ein- druch zum Durchbruch erweitern. Flugzeuggeschwa­der werden ihnen in niedriger Höhe vorausfliegen und mit Bomben und Maschinengewehren einen Feuervorhang vor sie legen, der beweglicher und weitreichender ist als die artilleristische Feuerwalze des Weltkrieges. In die Manöver wird eine große artilleristische Feuerleitungsübung eingeschaltet werden, an der 46 Batterien teilzu­nehmen haben.

Italien kündet große gemeinschaftliche Manö­ver des Heeres, der Luftwaffe und der Flotte a u f Sizilien an. Die strategische Bedeutung Sizi­liens ist in den letzten Jahren außerordentlich ge­wachsen. Sizilien bildet den Rückhalt der Macht­stellung des römischen Imperiums auf,dem Fest­lande. Es sucht mit seinen See- und Lufthäfen und mit der vorgelagerten, zu einer Seesestung ausge­bauten Insel Panteleria der beherrschenden Stellung des englischen Waffenplatzes Malta Gleich­wertiges entgegenzusetzen und die freie Durchfahrt durch die Meersträßen, die Italien von Afrika trennen, zu sichern. Es drängen sich somit der ita­lienischen Staats- und Wehrmachtsleitung eine Fülle von Fragen auf, die nicht am grünen Tisch, sondern nur an Ort und Stelle unter Einsatz größter Trup­pen-, Flugzeug- und Schiffseinheiten gelöst werden können. Frankreich scheint keine Manöver im Armeeverbande zu planen. Wenigstens sind bisher nur Nachrichten über Kvrpsmanöver an seiner Südwestgrenze an die Öffentlichkeit gedrungen.

Die Flotten haben ihre Manöver meist schon hinter sich. Die englischen Flottenmanöver im Fernen Osten hatten einen ausgesprochenen poli­tischen Charakter. Sie gipfelten in Gesechtsüb ungen um Singapur und Hongkong, den Angelpunkten der englischen Wehrmachtstellung in Dftafien, und sollten vor allem den Wert des neubefeftigten malaischen Hafens unterstreichen. Auch die ita­lienischen Flottenmanöver unter Den Augen des Duce vor der libyschen Küste dienten weniger der Schulung der bei ihnen versammelten 60 Schiffe als der Werbung für Den ©eDanfcn Des römischen Imperiums, zwischen Dessen europäischen und afrikanischen Provinzen die Flotte das Binde- glied bildet. Militärisch sehr aufschlußreich waren die amerikanischen Landungsmanöver an der kalifornischen Küste, unweit Los Angeles. 5 Schlachtschiffe, 4 schwere Kreuzer, 2 Zerstörer- flottillen, zahlreiche Hilfsschiffe und 2 Infanterie- Brigaden nahmen an ihnen teil. By.