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UrJOO Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

5reitag,30. April |937

I

WM 1 *

Die Tochier des Samurai."

Festvorstellung im Gloria-Palast.

So wie die junge Schauspielerin Setsuko Hara auf ihrer Reise durch Deutschland unser Land ken­nenlernt, so erschließt sich dem deutschen Betrachter des Films ein tiefer Blick in die japanische Welt und in die Seele des japanischen Volkes. Er be­greift, daß dieser Film mit Recht in tieferem Sinne eine Gemeinschaftsarbeit genannt werden darf^nicht nur darum, daß deutsche und japanifd>^"StünftIer sich zu gemeinsamer Arbeit verbanden; sieht auch.

nun, furchtbar enttäuscht und am Ende verzwei­felt, sich zu opfern beschließt.

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Die Bekehrung des verlorenen Sohnes, die Lö­sung des zunächst unlösbar scheinenden Konfliktes ist das eigentliche Thema des Films, das mit einer großen Kunst aus der Gegensätzlichkeit der die Hand­lung tragenden Elemente entwickelt wird. Wir er­messen die ganze Spannweite des Konfliktes in der

Kleine Teestnnbe mit Selsuko Hara.

Die japanische Hauptdarstellerin des FilmsDie Tochter des Samurai« in Gießen zu Gast.

Sechzehn Tage mit dem Sibirien-Expreß ununter­brochen auf der Bahn, anschließend 14 Tage kreuz und quer durch Deutschlandauf Tournee", vor- Ißfcte- Station: Kassel, dann kommt Gießen. Hier findet eine mehr als stürmische Begrüßung auf dem Bahnhof statt, so daß es dem kleinen, zierlichen und menschenscheuen Fräulein Setsuko Hara ganz angst Und bange wird.

Ein wenig später sitzen wir ihr in kleinem Kreise gegenüber, wo es weniger aufregend zugeht. Der Besitzer des Gloria-Palastes, Herr A. Henrich, hatte zu einem Empfang im Hotel Schütz einge- lnden, zu dem sich u. a. Oberbürgermeister Ritter,

gefilmt. Aber die etwa zehn japanischen Filme, die sie gedreht hat, sind mit unfern Spielfilmen kaum ZU vergleichen. In derTochter des Samurai" er­hielt sie ihre erste, große Aufgabe im Sinne der europäischen und insbesondere unserer deutschen Produktion.

Die Tochter des Samurai" wurde von Dr. F a n ck in nur sieben Monaten gedreht; das ist eine verhältnismäßig geringe Zeit, wenn man sich die außergewöhnlichen Hemmungen vor Augen hält, die sich dieser deutsch-iapanischen Gemeinschafts­arbeit entgegenstellten. Man bedenke vor allem die sprachlichen und Verständigungsschwierigkeiten: jede kleine Anweisung des Regisseurs an den Beleuchter beispielsweise mußte erst durch den Dol­metscher übertragen werden. (Dr. F a n ck studierte monatelang Land und Leute, ehe er in Kioto, dem japanischen Neubabelsberg, an die eigentliche Arbeit gehen konnte.) Oder man stelle sich die Gedulds­probe vor, auf einem etwa 2000 Meter hohen Vul­kan mit der Kamera auf denrichtigen" Ausbruch zu lauern, wie er für den Film gebraucht wird.

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Dies ist also Setsuko Haras erster europäischer, ihr erster deutscher Film; dies ist auch ihre erste Begegnung mit demWesten", mit Europa, ihre erste große Reise durch Deutschland. Es gefällt ihr gut bei uns, es macht ihr Freude, durch unser Land

zu reisen und es kennen zu lernen mit allen land­schaftlichen Schönheiten. Hara heißt auf deutsch etwa Aue oder Wiese, und der Name paßt, wie man sagen darf, ausgezeichnet zu dieser jungen Darstellerin, die ein rechtes Naturkind ist. Die ganz großen Städte und die vielen fremden Menschen beunruhigen sie zwar ein wenig ebenso wie ein abgeschlossenes deutsches Hotelzimmer, sie hat sich auch darüber gewundert, daß in Berlin die Bäume mitten in der Stadt an der Straße stehen, was sie aus ihrer Heimat nicht kennt. Aber auf dem schönen, weiten Reichssportfeld hat es ihr gefallen, da hat sie sich getummelt wie ein junges Fohlen in aller Ungebundenheit und Lebenslust ihrer sieb­zehn Jahre. Die langen Bahnfahrten machen ihr nichts aus, und. es gibt auch, wie wir hören, an­fänglichen Befürchtungen ihres deutschen Betreuers zum Trotz, keinerlei Ernährungsschwierigkeiten. Unser Schnitzel schmeckt ihr jedenfalls ausgezeichnet.

Dieser Film ist nicht nur für die Terra, sondern für Setsuko Hara im Besonderen ein außerordent­licher Erfolg. Bis zum 15. Mai geht die Tournee noch durch Deutschland, von hier vielleicht nach Pa­ris, vielleicht nach Wien, das steht noch nicht fest. Das kleine Fräulein Wiese wird ein schönes Stück von der Welt gesehen haben, wenn sie in den Fer­nen Osten zurückkehrt; einstweilen hat sie noch kein Heimweh nach Japan und nach ihren sechs Ge­schwistern. Sie hat bei uns nicht nur Land und Leute kennengelernt, sondern auch einen Einblick in das geistige Leben in Deutschland bekommen. Sie hat deutsche Filme, deutsche Opern und Schauspiele gesehen; sie wird auch die Feier des 1. Mai mit­erleben können und vielleicht, wenn alles gut geht, mit dem Zeppelin nach Berlin fliegen. Wir wün­schen ihr eine glückliche Reise.

Setsukos Bild mit eigenhändiger Unterschrift.

(Aufnahme: Terra-Film.)

Bürgermeister Professor Dr. Hamm und die Ver­treter der Presse eingefunden hatten, um Setsuko Hara, die japanische Hauptdarstellerin des unter der Leitung von Dr. Arnold F a n ck gedrehten deutsch-japanischen GemeinschaftsfilmsDie Toch­ter des Samura i", persönlich kennenzulernen.

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Eine Unterhaltung, wie sie sonst bei derartigen Empfängen zu sein pflegt, konnte diesmal nur auf Umwegen geführt werden, da Fräulein Hara ganz wenige Worte Deutsch, der Berichterstatter aber leider keine Silbe Japanisch spricht. Setsuko Hara erschien in Begleitung ihres Schwagers K a l y u k o, der in Japan als Filmregisseur tätig ist und die junge Setsuko auch zum Film gebracht hat; die Dolmetscherin Frau Dr. P e e r tz und Herr Rabe von der Terra erzählten uns alles, was wir wissen wollten, um es unseren Lesern zu berichten.

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Setsuko Hara, die klein und schlank, zierlich und scheu in der geschmackvoll-farbigen Kimono­tracht ihrer Heimat in unserm Kreise sitzt und nur hin und wieder ein paar leise japanische Worte spricht, auch lächelnd und nicht ohne Mühe ein paar Schriftzeichen (von oben nach unten) aufs Papier malt, ist erst 17 Jahre, wurde in Yokohama geboren und ist in Tokio großgeworden. Trotz ihres zarten Alters hat sie drüben schon seit zwei Jahren

wie überraschend nah die meist so fremd und un­begreiflich erscheinende Welt des Fernen Ostens uns sein kann, wie weltanschauliche Grundzüge und weltpolitische Probleme in unserem und in jenem Volke einander berühren. Diese sehr ausgeprägte weltanschauliche Haltung gibt dem Film eine klare Tendenz, aber man muß sogleich hinzufügen, daß die Tendenz mit rein künstlerischen Mitteln zum Ausdruck gebracht wird. Um das, was der Film darstellen will, unferm Dorstellungsvermögen nahe zu bringen, hat man eine Form gewählt, die be­stechend genannt werden darf: die geschickte, gewisser­maßen fugenlose Verschmelzung von Kulturfilm und Spielhandlung.

Das Grundproblem entwickelt sich, um einen uns geläufigen Begriff anzuwenden, aus dem Motiv des verlorenen Sohnes. Ein junger Japaner, der lange Jahre in Deutschland studiert und sich in der westlichen Welt verwandelt hat, kehrt, schon ent­fremdet, in die Heimat zurück, um mit den neu­gewonnenen Kenntnissen seinem Lande zu dienen. Er glaubt in Deutschland auch in einer Studien­freundin, die ihn begleitet, die Frau gefunden zu haben, mit der er fein neues Leben daheim werde teilen können. Aber daheim wartet eine japanische Braut auf ihn, die Tochter seines reichen Adoptiv­vaters, der ihm fein Studium ermöglicht hat; der Junge glaubt wider feinen Willen, feine neu- aeronnneneindividualistische" Ueberzeugung aus Dankbarkeit diese Mitsuko heiraten zu' müssen, die sehnsüchtig auf ihn gewartet hat, die ihn liebt, die

Gegenüberstellung der europäischen und der japa­nischen Welt das ThemaOstwind Westwind" klingt auch hier an, am deutlichsten in den bei­den Frauengestalten, zwischen denen der junge Ja­paner zu wählen hat. Wir erleben auch, sehr ein­dringlich, die Spaltung und Spannung in feinem Lande selbst: das moderne Japan mit seiner westlichen Zivilisation, mit Hochhäusern, Lichtreklamen, moder­nen Maschinen und das alte Japan, das Land der Väter, die Samurai-Welt mit tausendjähriger Tradi­tion, mit ehrwürdigen Anschauungen und unerschüt­terlichen Gesetzen; wir erleben diese Welt mit allem Zauber ihrer Landschaft, mit Kirschblüten, Park und Fischteich, mit geschwungenen Brücken, Lampions und Laternen, mit tankenden Geishas, Stockfechtern und Ringkämpfern, mit dem primitiven Ochsenpflug des alten Vaters im Reisfeld und dem riesigen, in rätselhafter Starrheit thronenden Götterbilde.

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Mit der Entscheidung zwischen den beiden Frauen entscheidet der Heimkehrer zugleich zwilchen den bei­den Welten, zwischen Ostwind und Westwind. Er reißt die verzweifelte Mitsuko im letzten Augenblick vom Todessprung in den glühenden, brodelnden, dampfenden Vulkan zurück und hat mit ihr bei aller Aufgeschlossenheit für die neue, die vorwärts­drängende, zukunftsuchende, westliche Welt die alte Heimat wiedergefunden, das ewige Land seiner Väter; er besinnt sich auf die alten Kräfte seines Blutes, seines Volkes, auf die Tapferkeit, die glühende Vaterlandsliebe des Samurais. Auch in Japan ist die Familie die Keimzelle des Staates, ist

die gute, mütterliche Erde der Urgrund des völki­schen Lebens. Und es ist ein Bild von tiefer Sym­bolkraft, wenn der Vater das winzige Kindchen, das die Mutter ihm lächelnd reicht, behutsam in die Furche seines Ackers bettet, den er nicht mit dem Ochsenpflug des alten Vaters, sondern mit einer modernen Maschine bestellt. Er weiß, daß sein Volk, wie das fremde, befreundete, bei dem er lernte, ein Volk ohne Raum ist, zu klein für die wachsende Zahl seiner Bewohner, aber stark und entschlossen, sich den Raum zu erschließen, den es braucht, um leben zu können.

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Es ist eine hervorragende Leistung des Regisseurs Dr. Arnold Fanck, diese Gedankengänge mit den Mitteln des Spielfilms wie des Kulturfilms ins Bild umgesetzt zu haben. Er arbeitet so gepflegt wie geschickt: ausgesprochen malerisch, mit Spiegelungen und weichen Ueberblendungen, er zaubert gleichsam eine Bilderfolge von Aquarellen vor uns hin, und jedes Bild ist von überzeugender Wirklichkeit, viele Bilder auch von unmittelbar symbolhafter Wir­kung. Und so malerisch, lyrisch, ja idyllisch er zu schildern vermag, so scharf und schroff stellt er die gegensätzlichen Welten des Ostens und des Westens, des Alten und des Neuen neben-. und gegenein­ander, so dramatisch steigert er den Opfer- und Läuterungsgang auf den vulkanischen Gipfel.

Setsuko Hara ist die kleine Samuraitochter Mit­suko, eine zarte Gestalt von sanfter, vogelhafter An­mut, gleicherweise rührend in ihrer kindlichen Freude, im Jubel der Erwartung, in ihrer bitteren Enttäuschung, ihrem schmerzlichen Verzicht, im gro­ßen stillen Glück wiedergefundener Liebe und junger Mütterlichkeit. Ihr gegenüber und allein als ein­zige Deutsche unter lauter japanischen Darstellern untere Ruth E w e l e r, schlank und blond, sehr aus­geprägte Repräsentantin ihrer Rasse und ihres Vol­kes, von einer ruhigen Bestimmtheit des Handelns, von einer beherrschten Sicherheit des Gefühls, dabei nicht ohne Sinn für Humor.

Großartig spielt Jsamu K o s u g i den heimkeh­renden Sohn im Zwiespalt zwischen den wider­strebenden Mächten seines Daseins, in der schritt­weisen Ueberwindung des Konfliktes mit einer geballten Energie geistiger wie körperlicher An­spannung, lebendigste Widerlegung übrigens der europäischen Anschauung von der Gleichförmigkeit und Ausdruckslosigkeit des japanischen Gesichts. Unvergeßlich auch die Züge des Samurai (Haya- k a w a), der alten Mutter (To ki w a) in einer kleinen ergreifenden Szene, des einstigen Lehrers und des singenden Kindes.

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Der Film, mit dem Prädikatstaatspolitisch und künstlerisch wertvoll" ausgezeichnet, erschien gestern abend in einer Festvorstellung im Gloria-Palast. Das Haus, mit liebevoller Sorgfalt im japanischen Stil geschmückt, war mehr als ausverkauft; unter den geladenen Gästen bemerkte man zahlreiche Ver­treter der Partei, der Wehrmacht und der Behör­den. Die Kapelle der 116er erfreute zu Beginn durch die schwungvolle Wiedergabe mehrerer Musikstücke. Dann betrat Oberbürgermeister Ritter die Bühne, um in einer kurzen Ansprache die Bedeutung der Veranstaltung zu würdigen und in den Inhalt und tieferen Sinn des Films einzuführen; er kennzeich­nete das ProblemVolk ohne Raum" als das eigentliche, beide Völker verbindende Thema des Werkes und wies auf die hier gezeigte beifpiel- gebende Haltung der japanischen Nation hin, die uns ein Vorbild fein könne in unserer gemeinsamen Arbeit an den vom Willen des Führers uns be­stimmten großen Aufgaben. Dann stellte Ober­bürgermeister Ritter die Hauptdarstellerin Set- suko Hara vor, die vom Publikum sehr herzlich begrüßt wurde. Hans Thyriot.

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Giessen Schulstr6

Hütte im Ruhrgebiet.

Von Erich Grisar

Das Land ist flach. Kleine Grünfetzen, schmutzige Bäche und darüber ein Himmel, der aussieht wie ein alter Anzug. So grau, so verschmutzt und so rissig. Manchmal fallen ein paar Sonnenstrahlen durch feine Riffe. Meistens der Regen. Der macht die Menschen frösteln, die auf den Straßen gehen, auf den Wegen, die sie hinführen zu einer Zeche oder einem Hüttenwerk. Viele Wege enden hier vor einer Hütte. Die taucht plötzlich aus dem Dunst der Landschaft hervor wie ein Gigant. Reckt sich, sprüht Flammen gegen die Wolken. Zischt. Schlote stoßen nach oben, und merkwürdig, selbst der Mensch, der auf den Wegen des Reviers klein und unsichtbar erschien, erscheint hier neben den Giganten als ein Gigant.

Wie das kocht und zischt. Wie das heult und wogt auf so einer Hütte. Und dieses Donnern der Winderhitzer, dieses Brüllen des in die Pfannen stürzenden Eisens. Das Brummen der Kräne. Das Rattern der Lokomotiven. Und hoch oben, vierzig Meter oft über der Sohle des Werkes, die Gischt­bühne. Hier beeilen sich Männer, die heranrollenden Wagen der Seilbahn in den Schlund des Riesen­ofens zu entleeren. Gas steigt empor. Ein kleines bereitgehaltenes Koksstück fliegt durch die Luft und schon wandelt sich das giftige Gas zur brodelnden Flamme. Und durch die Flammen hindurch die Schatten der Menschen. Haben sie Zeit, einmal einen Blick zu werfen von hier über das Land? Hinunter zu den Erzbunkern, herüber zu den Gaso­metern, das Aufblitzen der Kanäle im Sonnen­schein, das Prasseln des Regens zu beachten? Wagen auf Wagen rollt die Seilbahn heran. Erz. Koks. Erz. Koks. Immer wieder Erz und Koks, Erz und Koks.

Und unten, vierzig Meter tiefer, unter dem Dampf der Kühlrohre, unter den eisernen Gurten noch, die den Riesen umkrallen, damit er nicht gesprengt wird von der Glut in seinem Innern, der Abstich. Wie das gluckst und zischt. Wie das knallt in der vorge­wärmten Pfanne. Und die blauen Flämmchen, die die Kruste durchschlagen, die sich bildet auf den Bächen die dem Innern des Ungetüms entströmen. Ein Mann steht dabei. Er entnimmt dem glut­flüssigen Material eine Probe, die bald erkaltet und im Laboratorium des Werkes zerkleinert und analy­siert wird, ehe noch die mit kochendem Eisen ge­füllte Pfanne durch das Werk jagt zum Mischer.

Sternenregen über den Menschen. Flammen über item Wett. Rauch über dem ganzen Revier und

Schweiß auf allen Gesichtern, die in die Glut starren und denen Wärme längst nicht mehr Wärme ist. Die an nichts denken dürfen als an die Tempe­ratur der Winde, die den Glutturm durchjagen, an die Farbe der Signallampen, die ihnen angibt, ob der Ofen abgestochen werden soll, oder ob eine neue Ladung Koks hinunter muß in den Höllenschlund. Nichts denken als Arbeit. Arbeit. Das ist das Heldentum unserer Zeit.

Das Eisen wandert langen Weg. Gemischt im Mischer, aufgekocht im Thomaswerk, von Stürmen durchbraust im Konverter, der ihm die Kohle ent­zieht, die in riesiger gegen den Himmel anstürmen­der Flamme verbrennt, wird es Form in großen Kukillen, erstarrt es zu Blöcken, um von neuem dem Zwang sich zu fügen, der es hindurchjagt durch Walzen. Hin und her. Wieder und wieder. Und der Donner erdröhnt und die Walzen poltern und graue Schlacke bildet sich auf der glühenden Haut des Eisens, und immer wieder muß es hin­durch durch die stählernen Backen, bis es schlank ist wie eine Schlange und wie eine Schlange sich bäumt und biegt. Immer wieder packen Männer den Kopf, schwenken ihn herum, lassen die Schere sausen und stecken das eine Ende der Schlange in die Walze zurück, in der das andere Ende noch ächzend sich krümmt. Und die Männer wissen: Ein Fehlgriff ist Tod. Ein Fehlgriff ist Verderben. Und hastiger noch greifen die Zangen die glühenden Schlangen und die Männer sind heiß und der glühende Schweiß rinnt von den Rücken, die schmerzend sich bücken. Acht Stunden dauert der Tag. Acht Stunden voll Mühen. Acht Stunden im Glühen.

Aber das Eisen wird jünger in all dieser Qual. Elastischer, länger. Und verläßt als glänzende Schiene, als breite Lamelle, als starkes Prosil das donnernde Werk.

Auch die Männer verlassen das Werk. Sie sind müde, ausgebrannt ist der Blick ihrer Augen. Aber in ihnen ist Glühen, ist Lohn für das Mühen, ist heilige Kraft. Denn sie wissen, sie haben am Werke aeschafft. Am Werk, das Symbol ist, Symbol ihrer Größe, Symbol jener Kraft, die aus Zwergen Zyklopen, aus einsamen Menschen Gemeinschaft macht.

Und die grauen Kulissen sind plötzlich zerrissen, und die Müden, Gequälten sind die Erwählten, ihr Auge ist klar und ihre Lippen formen das Wort: Gemeinschaft ist Zukunft, Gemeinschaft ist Leben. Gemeinschaft ist Sieg.

Und die Dampfhämmer dröhnen, und die Walzen stöhnen, und der Himmel ist rot wie in jeder Nacht.

Der Kupferschmied.

Von Friedrich Demi.

In einem Frankenstädtchen, das winters nach Pfefferkuchen und sommers nach dem Laub der Walnußbäume riecht, wohnte ein Kupferschmied, der bei den Leuten gemeinhinder Kupferne" hieß. Seine Werkstatt glich einer geräumigen Höhle. Ein spinnwebverhangenes Fenster ließ das grelle Tages­licht nur spärlich hereinsickern. Dafür leuchtete wand- entlang und auf den Gesimsen allerhand rotes Ge­schirr. Der Raum schien erfüllt von einem sattmetal­lischen Ton; es gehörten haushälterische Augen dazu, in dem zuckenden Zwielicht zu arbeiten.

Uns Kindern bedeutet die Werkstatt ein geheim­nisvolles Reich erdhafter Mächte. Der Meister selbst, der ein Sonderling war, glich einem Schmied der Vorzeit und redete wenig; manchmal unterbrach er sein Hämmern, lachte, als stecke ihm ein Me­tallsplitter in der Kehle und winkte einem von uns Kindern, die wir neugierig unter der halbgeteilten Türe standen. Dann hob er den Nächstbesten, der schrie und zappelte, zu sich herein, schwenkte ihn um die Esse, befahl ihm in die Asche zu blasen, daß Flämmchen krochen und lud ihn zuletzt unterHo" in einem tiefen Kupferkessel ab. Als wir größer waren, hörten wir eines Tages folgende Geschichte, die unsere eigenwillige Neigung zu dem Manne untergrub und unsere Neugier auf platte Weise stillte: Der Meister pflegte Samstags zum Feier­abend den Ellerbach entlang zu einem Dorfkeller zu wandern, wo ländliches Rauchbier, Speck und Brot eine saftige Kumpanei ausmachten. Man hatte ihm nachgerühmt, daß er mäßig trank, aber an diesem Tage schien er seinen Ruf Lünen zu strafen. Er scherzte etwas derb mit der Kellnerin, stürzte einen Krug nach dem andern hinunter, ohne sich gerade töricht zu benehmen. Der Schaum des bräunlichen Bieres hing in seinem schartigen Bart. Endlich brach er auf; er war sehr anaeheitert. Die Maikäfer stießen brummend an seine Schläfe. Sein Weg führte an stattlichen Fachwerkhäusern vorbei, über eine Brücke, deren Bogen mit einem wohlge­formten Satz den Bach Überschwang. In der Brückenmitte stand auf einem geschweiften Sockel der heilige Nepomuk. Er war aus Sandstein ge­hauen, fein Gewand bauschte sich sogar bei Wind­stille, drei Finger seiner linken Hand waren abge­bröckelt, der Strahlenkranz über seinem Hauvte vom Roste zerfressen. Eine Weile hielt der Meister inne und betrachtete unsicher das Bildwerk, dann über­kam es ihn wie unendliche Rührung und Heiterkeit: er stieg auf den Sockel, breitete die Arme um den

fteifen Heiligen, küßte ihn ab, (ad^te und weinte. Da löste sich die morsche Figur von ihrem Stand­platz und fiel mitsamt ihrem ungebetenen Verehrer klatschend in das erstaunte Flüßchen. Die Nässe brachte den Kupferschmied zur Besinnung; ohne sich um das Gelächter der Anwesenden zu kümmern, packte er feinen heiligen Nepomuk und trug ihn trotzig nach Hause. Was er dort mit ihm anfing, blieb dunkel; einige sagten, derselbe hätte lange noch im hintersten Winkel der Werkstatt gelehnt und sei­nen eigenen Zerfall belauscht. Sicher ist, daß der baufällige Brückenpatron sehr schnell durch einen nagelneuen, ebenso sandsteinernen und leidenschaft­lich bewegten ersetzt wurde. Der Kupferschmied hatte den Auftrag an den Steinmetzen gegeben und ins Vrovinzblättchen eine Verlautbarung über den Ko­stenpunkt gesetzt. Ob er durch solch ein entblößendes Verfahren sich an den Spießbürgern und an dem Heiligen rächen wollte? Das Städtchen, das zuerst das Vorkommnis im behaglich humoristischen Sinne gewürdigt hatte, zeigte sich beleidigt. Die Kundschaft des Handwerkers ging zurück, und man sagte dem Meister allerhand Zweideutiges nach.

Er hämmerte immer noch, auch wenn er keine Aufträge mehr hatte. Die doppeltgeteilte Türe der Werkstatt blieb freilich von oben bis unten verschlos­sen, auch für Kinder. An einem Sommerabend öff­neten die Landjäger gewaltsam und fanden weder den Meister noch den Heiligen. Manche glauben, er fei auf die Landstraße gegangen, einige munkeln, er habe fein Kupfer in Gold verwandeln können und lebe irgendwo als reicher Mann. Sei dem wie ihm wolle: Damals schüttelte ich den Kopf über den sonderlichen Menschen, heute lächle ich.

Der Herr der Heerscharen.

Als 1864 der zweite Dänische Krieg ausbrach, wurde der alte Wrangel zum zweiten Male an die Spitze einer vereinigten preußischen-österreichi- chen Armee gestellt, und obwohl er fast 80 Jahre alt war, wurde seine Wahl zum Oberfeldherrn über­all als selbstverständlich angesehen. In Anerkennung seiner dem Daterlande auch in diesem Kriege ge­leisteten Dienste wurde er nach dem Kriege in den erblichen Adelsstand erhoben. Als unter Führung des Prinzen Friedrich Karl am 18. Avril 1864 die Düppeler Schanzen erstürmt waren, sandte König Wilhelm diesem folgendes Telegramm:Nächst dem Herrn der Heerscharen danke ich dir für den herr­lichen Sieg. Wilhelm." Der Prinz las das Tele­gramm in Gegenwart Wrangels vor. Kaum hatte er geendet, als Wrangel sich an ihn wandte und sagte:Mit dem Herrn der Heerscharen, damit meint er mir."